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Tageblatt für die Stadt Schwerte und das Amt Westhofen Gmp; Kreisblait für den nördlichen Teil des Landkreises Iserlohn
Nr. 155
Schwerte(Ruhr), Freitag, den 6. Juli 1934
67. Jahrgang
Unlsreverrat=des Rirersee um
Frankreich war schon vor Wochen unterrichtet- Geheime Verhandlungen Schleichers mit dem
Frunzosischen Generatstad schon wührend seiner Kunzteeschaft
Ensthüllungen der Anited Preß
Aus London, 5. Juli, meldet das DRB:
Von Seiten glaubwürdiger diplomatischer Vertreter einer großen nichtdeutschen europäischen Macht erfährt die United Preß, daß Frankreich bereits vor einigen Wochen über das groß aufgezogene Komplott Schleichers gegen Hitler unterrichtet gewesen sei. Die offizielle deutsche Mitteilung, daß Schleicher mit einer ausländischen Macht in Verbindung gestanden habe, wurde anfänglich im Auslande nicht sehr ernst genommen, beginnt aber jetzt in offiziellen Kreisen mehr und Glauben zu finden, und man ist der Ansicht, daß eine Reihe von Umständen auf Frankreich hindeuten. Ein sehr bekannter deutscher Journalist in Paris soll, wie bestimmt versichert wird, der Mittelsmann zwischen Schleicher und der französischen Regierung gewesen sein.
Die Schleicher=Verschwörung soll angeblich Barthou vor kurzem veranlaßt haben, dem Vertreter einer europäischen Macht mitzuteilen, daß Frankreich nicht bereit sei, Deutschland irgendwelche Konzessionen in der Rüstungsfrage zu machen, da die Tage des Hitler=Regimes in Deutschland gezählt seien. Wie der United Preß weiter mitgeteilt wird, soll Barthon bei dieser Gelegenheit vertraulich erzählt haben, daß in Deutschland ein Komplott gegen Hitler bestehe, dessen treibende Kraft der frühere Reichskanzler General von Schleicher sei. Diese Zusammenhänge erscheinen in hiesigen diplomatischen Kreisen umso wahrscheinlicher, als man wissen will, daß Schleicher während seiner Kanzlerschaft mit dem französischen Generalstab in geheimen Verhandlungen gestanden habe, die zur Zeit seines Sturzes einer Vereinbarung sehr nahe gewesen seien.
Die Verräter
Die Deutsche Allgemeine Zeitung erinnert daran, welche Hoffnungen sich die fcanzösische Regierung auf einen Sturz des HitlerRegimes gemacht hat, und welche verhängnisvolle Rolle diese Hoffnungen in der internationalen Politik gespielt haben, die für das französische„Nein“ an England und im Anschluß daran, zum Fiasko zur Abrüstungskonferenz führte.
Das Blatt sagt u. a.:„Daß es Deutsche ge
geben hat, die schon längere Zeit mit einer fremden Macht gegen ihr Vaterland sich zu verbünden suchten, das ist eine erschütternde Nachricht. Daß es in einer Zeit geschah, in der wir in chwerstem Kampf um unsere Gleichberechtigung und um unsere wirtschaftliche Existenz standen, stempelt die Tat zu einem beispiellosen Verbrechen. Denn diese Menschen haben gewußt, wer ein Interesse an dem Zusammenbruch Deutschlands hatte. Wir glauben in der Lage zu sein,
das Datum mitteilen zu können, an dem Herr Barthou die Mitteilung gemacht hat.
Am 30. Mai scheint Herr Barthou in Genf den englischen Delegierten hiervon Mitteilung gemacht zu haben. Die englische Regierung hat sofort in den Spalten der „Times“ Frankreich vor solchen Spekulationen warnen lassen, die niemals eine Grundlage für irgend eine Politik seien.“
Der„Angriff“ sieht in der Enthüllung den Beweis dafür, wie notwendig und richtig die wohlüberlegten Maßnahmen des Führers waren, als er sich entschloß, diese Pestbeule auszustechen und die Leute erschießen zu lassen, die sich so weit erniedrigten, mit einer ausländischen Macht in Verbindung zu treten, und die Politik des vom Führer geführten geeinten Deutschland zu hintertreiben.
Die„Deutsche Zeitung“ schreibt: Man ist erstaunt und erschüttert, wie Menschen, die Wert darauf gelegt haben, daß man sie als gute Soldaten betrachtete, sich dazu hergeben konnten, überhaupt mit ausländischen Stellen Verbindungen anzuknüpfen. Wenn noch irgend etwas nötig gewesen wäre, um als
Beweis für die Richtigkeit der Maßnahmen der Reichsregierung
zu dienen, so ist das der Beweis. Im jetzigen Augenblick Landesverrat üben, ist das schlinngste Verbrechen, dessen sich ein Deutseg
machen kann. Wenn aber diese? schen Schleicher=Röhm auf der einen Se#te und einer ausländischen Macht auf der anderen Seite bestanden hat, dann ist das Landes= und Hochperrat in der höchsten Steigerung. Diese Menschen haben die Freundschaft und das Vertrauen
des Führers in so unglaublicher Weise mißbraucht, daß man ihnen jedes Mitgefühl mit ihrem Schicksal versagen muß.
Der„Lokalanzeiger“ meint, daß einiger Grund zu der Annahme besteht, daß die von der United Preß mitgeteilte Lesart in diplomatischen Londoner Kreisen gut beglaubigt ist. Ist sie das aber, dann ergibt sich ohne weiteres, wie sich im Falle des so energisch unterdrückten Komplotts Hochverrat und Landesverrat die Hand gereicht haben. Ueber eine Gesinnung, die mit dem Land paktiert, mit dem um die deutsche Gleichberechtignug gerungen wird, braucht man kein Urteil abzugeben. Das schärfste würde hinter dem zurückbleiben, das die simplen Tatsachen selbst fällen.
Der Kommentar des„Berliner Tageblattes“ lautet:„Nach dieser Darstellung hätte General von Schleicher mit seinen Mittelsmännern als Privatmann Fühlung mit Frankreich genommen, um dieser Macht zu suggerieren, die deutsche Regierung stünde— nämlich dank den Bemühungen Schleichers und seines Kreises— mehr oder weniger dicht vor dem Sturz, und es sei daher nicht geraten, mit dieser Regierung zu verhandeln oder ihr gegenüber irgendwelche Zugeständnisse zu machen. Wenn auch nur wesentliche Punkte dieser Darstellung zutreffen, so hätten wir es
hier mit einem Akt des Landesverrates zu tun, der kaum ein Beispiel in der Geschichte
finden würde, namentlich wenn man erwägt, daß der Mann, dem diese Handlungsweise zugeschrieben wird, ein deutscher Offizier und eine Zeitlang Wehrminister und Kanzler war.“ Im übrigen ist das Blatt der Ansicht, daß sich dieses Komplott nicht nur gegen die Sicherheit des Deutschen Reiches, sondern ebenso auch gegen die Befriedung Europas gerichtet hätte.
„Der Deutsche“ erklärt:„Seit Monaten hat der Führer immer wieder der Welt gegenüber den deutschen Friedenswillen kundgetan und seit Monaten hat Adolf Hitler immer wieder auch gerade Frankreich gegenüber betont, daß das deutsche Volk nichts anderes als Frieden, als Gleichberechtigung und Ehre fordere. Wir haben uns manchmal darüber gewundert, daß es den Anschein hatte, als ob man jenseits der Grenzen deshalb zögere, Deutschlands berechtigten Wünschen entgegenzukommen, weil man nicht an die Beständigkeit des Hitler=Regimes glaube. Uns, die wir wissen, wie fest Adolf Hitlers Führung im deutschen Volk und in der deutschen Arbeiterschaft verankert ist, war diese Hoffnung mancher ausländischen Kreise auf einen Sturz des nationalsozialistischen Staates unfaßbar. Heute wissen wir, aus welch dunklen und trüben Quellen diese Hoffnung genährt werden konnte. Das Verbrechen, das der Herr von Schleicher und seine Mittelsmänner an Führer und Volk begangen haben, war also nicht nur Hochverrat, sondern auch Landesverrat. Das war der Dank dieses reaktionären Herrn an dem Nationalsozialismus, der ihn nach dem 30. Januar 1933 ungeschoren ließ. So beantwortete die Reaktion unsere nationalsozialistische Großmut.
Der Landesverräter von Schleicher ist tot. Sein Verhalten aber wird uns in Zukunft bei der Behandlung von Reaktionären als Warnung und Lehre dienen.“
Ein Dementi der französischen Boschast
Dem DRB. geht von Havas folgendes Dementi zu: Die französische Botschaft erklärte auf eine Anfrage hinsichtlich der von der Berliner Presse heute nachmittag in sensationeller Aufmachung wiedergegebenen Depesche der United Preß über die Rolle, die Frankreich angeblich bei den Ereignissen vom 30. Juni gespielt habe, daß sie in der Lage sei, diese widersinnige Fabel auf das entschiedenste zu dementieren.
Todesurteil im Gollmützer pelnischen Veroprozen
Die Begründung
In der Begründung zu dem bereits gemeldeten Urteil im Gollmützer Prozeß führte der Vorsitzende u. a. aus:
Der Ermordete Elsholz war das geistige Oberhaupt der Ortsgruppe Gollmütz der N. S. D. A. P. Eine persönliche Feindschaft bestand zwischen dem Ermordeten und dem Verurteilten nicht. In Gollmütz herrschen besondere Verhältnisse. Für viele war die Mitgliedschaft bei der SA oder der Partei nur eine äußere Sache. Sie besaßen keine Kenntnisse von der Partei selbst. Die SA=Männer kannten nicht einmal die Rangunterschiede. Den Einwohnern war nur äußerlich darum zu tun, der N. S. D. A. P. anzugehören. Es ist kein Beweis dafür erbracht worden, daß es sich um einen Religionsstreit gehandelt hat. Im Gegenteil, die Religion benutzten diese Leute als Deckmantel zur Bekämpfung der Partei. Der Angeklagte stand auf der Seite der Gegner der N. S. D. A. P. und war Mitglied
der Deutschen Jugendkraft. Er hat sich schwer geärgert über die pflichtmäßige Arbeit der Partei. Aus diesen Verhältnissen ist es in diesen begrenzten Kreisen zu verschiedenen Zusammenstößen gekommen. Hitlerjugend, die man in die Deutsche Jugendkraft gelockt hatte, wurde, als sie sich nicht fügen wollte und zu Hitler bekannte, an der Kirchentür angeprangert. Fremde Agitatoren reisten im Lande umher. In Gollmütz wurde ein Sportfest mit der Spitze gegen die Bewegung abgehalten. SA=Männer wurden verführt, sich gegen ihre Führer zu stellen. Arbeitsdienstfreiwillige wurden geschmäht und sogar Schimpfworte wurden gegen den Führer ausgestoßen. Der Angeklagte kämpfte mit Leidenschaft dafür, an dem Führer der Partei Rache zu nehmen, besonders an deren geistigem Oberhaupt in Gollmütz, dem Pg. Kurt Elsholz. Besprechungen fanden unter den Gegnern statt. Der Gedanke entstand, erst durch die Tat etwas zu unternehmen. So fiel zuerst das Wort vom Totschlagen. Der stellvertretende Leiter der Deutschen Jugend
kraft hat sich gerade darüber mit dem Angeklagten nachdrücklichst unterhalten. In diesem Zusammenhang fiel auch das entsetzliche Wort von der Grube, in die man die vier RSDAP=Führer der Ortsgruppe hineinlegen müßte und die man sogar verunreinigen müßte. Der Lehrer des Ortes, der der geistige Urheber jener Kreise geworden ist, hat sich gerade mit dem Mörder darüber unterhalten, und ihm gesagt:„Du bist doch der richtige Mann dazu!“ Diese Aeußerung hat in der Seele des Angeklagten Wurzel geschlagen. Unter diesem Einfluß ist bei Meißner der Plan entstanden, gegen das geistige Oberhaupt der Bewegung vorzugehen. Ob bereits alle Einzelheiten der Tat besprochen wurden, ist noch nicht geklärt. Der Vorsatz des Mordes tritt klar hervor, Meißner hat planmäßig gehandelt. Er hat auch mit Ueberlegung gehandelt. Er wollte den Amtswalter auf dem Hofe ermorden und hat dies Ziel auch erreicht. Er hat die Tat aus politischen Beweggründen begangen. Er hat einen Amtswalter der N. S. D. A. P. ermordet, einen alten Parteigenossen mit großen Verdiensten, für den der Führer ein Staatsbegräbnis angeordnet hat. Das Verhalten des Angeklagten während des Prozesses war klar und sicher und er ist völlig zurechnungsfähig. Er hat einen politischen Mord begangen. Für Mord gibt es nur die Todesstrafe.
Das Urteil des Sondergerichts ist rechtskräftig. Es gibt gegen das Urteil kein Rechtsmittel. Der zahlreich besetzte Saal nahm mit tiefem Schweigen das Urteil auf. Der Angeklagte zuckte mit keiner Miene.
Den Schluß der Beweisaufnahme am zweiten Verhandlungstage bildeten
die Ereignisse am Mordtage.
Die Geschehnisse in den letzten Stunden vor der Tat haben sich nach den übereinstimmenden Zeugenaussagen wie folgt abgespielt: Meißner hatte auf dem elterlichen Hof mit seinem Bruder Streit bekommen und hatte sich darauf vom Hause entfernt. Auf ausdrückliches Befragen gab sein Bruder an, daß der Angeklagte keine Selbstmordabsichten geäußert habe. Meißner begab sich in das Zimmer des Elsholz, der an seinem Schreibtisch mit dem Schreiben eines Briefes beschäftigt war. Nach einem kurzen Wortwechsel zog der Angeklagte das Fleischermesser, rief Elsholz zu: „Hände hoch oder das Leben!“ und forderte ihn auf, das Zimmer zu verlassen und über den Gutshof mit ihm ins Freie zu kommen. Elsholz machte einen Fluchtversuch. Der Angeklagte holte ihn aber ein und stach kaltblütig und ruhig auf ihn ein, wobei er ihn zuerst durch Stiche in den Arm kampfunfähig machte. Auf die Hilferufe von Elsholz, der sich nun nicht mehr wehren konnte, eilten mehrere Gutsarbeiter herbei, die im Hinzukommen deutlich erkennen konnten, wie der Angeklagte weiter auf sein Opfer einstach. In dem Augenblick, als Meißner den Elsholz einen Halsschnitt beibringen wollte, schlug ein Gutsarbeiter den Angeklagten mit einem Besen nieder. Jetzt ließ Meißner von seinem Opfer ab und wandte sich gegen mehrere Arbeiter, die ihm als SA=Männer bekannt waren und die Elsholz zu Hilfe gekommen waren. Erst nach längerem Ringen konnte der Mörder entwaffnet werden.
Nach dem Gutachten der medizinischen Sachverständigen ist der Ermordete von sieben Stichen getroffen worden. Die Sachverständigen-Gutachten haben übereinstimmend ergeben, daß der Mord in ganz bestialischer Weise ausgeführt worden sei. Aus der Lage aller Stiche gehe die Tötungsabsicht deutlich hervor. Ueber die Zurechnungsfähigkeit des Angeklagten gingen die Gutachten aller Sachverständigen einmütig dahin, daß der§ 51 nicht in Frage komme. Meißner sei ein mittelmäßig begabter Mensch ohne irgendeine krankhafte seelische Veränderung, aber von großem Geltungsbedürfnis. Alkoholrausch und Blutrausch lagen ebenfalis keinesfalls vor, sodaß der Angeklagte voll zurechnungsfähig sei