Donnerstag, 19. Juli.

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Münster

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Auneeretonoieral drg. Heren So Zahte un.

Ein Ehrentag für die Westfälische Zentrumspartei.

Zum 80. Geburtstage des Abg. Herold.

Von Chefredakteur Warnecke.

In den Versammlungen des Volksvereins für das ka­cholische Deutschland war zu Ende der 90er Jahre einer der neistbegehrten Redner der Landtagsabgeordnete Karl Herold, der damals in der Vollkraft der Jahre stand. In sämtlichen Orten des Münsterlandes war er ein gern gese­hener und gehörter Redner, denn alles, was er sagte, hatte etwas Eindringliches und Anschauliches und vor allem Ueberzeugendes an sich, zumal auch bei der katholischen Be­völkerung seine an der katholischen Weltanschauung orien­tierten Darlegungen ein zustimmendes Echo fanden. Man dachte in jenen Jahren, als Graf Ferdinand von Galen die Westfälische Zentrumspartei leitete, wohl nicht daran, welche Bedeutung dieser Abgeordnete Herold für Westfalen noch gewinnen sollte. Ein ganzes Menschenalter ist seitdem verflossen. Aber gleichzeitig auch eine Fülle der Jahre un­unterbrochener treuer Arbeit des Abg. Herold im Dienste der Zentrumspartei und zum Wohle von Kirche und Vaterland. Am morgigen 20. Juli kann er seinen 80. Geburtstag be­gehen. Da geziemt es sich, dieses hervorragenden Zentrums­mannes, der heute noch trotz der Last der Jahre so fest mit dem politischen und wirtschaftlichen Leben seiner Heimat­provinz und darüber hinaus verbunden ist, mit besonders anerkennenden Worten zu gedenken.

In die politische Arena ist Karl Herold erst ver­hältnismäßig spät hinabgestiegen. Zunächst bereitete er, der am 20. Juli 1848 auf dem waldumkränzten Gute Löve­linkloe bei Mecklenbeck in der Nähe Münsters das Licht der Welt erblickte, sich auf den landwirtschaftlichen Beruf vor. Er besuchte das Gymnasium Paulinum in Münster und stu­dierte dann an der Universität Halle a. d. S. Seine theo­retischen Studien ergänzte und vervollkommnete er darauf durch praktische Betätigung in der Landwirtschaft auf ver­schiedenen Gütern in Sachsen und in Westfalen. Als er im Jahre 1870 die Bewirtschaftung und Verwaltung seines vä­terlichen Gutes, auf dem er heute noch als Patriarch unter den Seinen waltet, kraftvoll übernahm, da wurde seine Tüchtigkeit bald von seinen Berufsgenossen erkannt. Nach und nach übertrugen sie ihm einen Ehrenposten nach dem andern und zwar sowohl in beruflicher als auch in verwal­tungstechnischer Beziehung. Wir sehen ihn bald ebenso als Vorsteher der Westfälischen Prüfungsstation für landwirt­schaftliche Maschinen, als Direktor des Meiereiverbandes für Westfalen, Lippe und Waldeck, als Vorsitzenden oder Vor­standsmitglied in bauernständischen Organisationen, auch im Westfälischen Bauernverein und in der Landwirtschafts­kammer, wie als Beigeordneten des Amtes Mauritz, als Mitglied des Kreistages und des Kreisausschusses, des Westfälischen Provinziallandtages usw. Je mehr Aemter ihm übertragen wurden, desto größer wurde seine Kraft, aber ebenso auch sein Eifer.

Da war es natürlich, daß sich auf ihn auch die Auf­merksamkeit der Zentrumswähler lenkte bei der Suche nach einem Abgeordneten. Zunächst wurde er (1889) Abgeordneter für den Preußischen Landtag und zwar für den zweiten westfälischen Wahlkreis Ahaus­Steinfurt, den Frhr. von Schorlemer=Alst innegehabt hatte. Im Landtag war damals noch Windthorst tätig und auch Porsch gehörte ihm beinahe schon ein Jahrzehnt an; mit diesem, der also wie unser Geburtstagskind zu den kraft­vollen Epigonen jenes großen Zentrumsführers gezählt werden muß, verbindet ihn auch heute noch feste Freund­schaft. Zu dem Landtagsmandat kam aber später noch das Reichstagsmandat hinzu. Als der bekannte Zen­trumsabgeordnete Müller=Fulda sein Mandat niederlegte, wurde 1898 Herold als sein Nachfolger für den Wahlkreis Fulda=Schlächtern=Gersfeld gewählt, für den Wahlkreis, den fast 15 Jahre hindurch auch der noch in bester Erinnerung stehende Graf Droste zu Vischering, Erbdroste, vertreten hatte. Herold hatte diesen Wahlkreis bis zur nächsten Wahl 1903 inne. Damals war der langjährige Vertreter des Reichstagswahlkreises Tecklenburg=Steinfurt=Ahaus, Fa­brikant Timmermann, gestorben und nun übertrugen die Zentrumswähler dieses Kreises das erledigte Reichstags­mandat ihrem bisherigen Landtagsabgeordneten Herold. Die Wahl ging nicht ohne Kampf vor sich, da gewisse Kreise wie­der einen Fabrikanten als ihren Vertreter wünschten und nun einen Gegenkandidaten aufstellten. Bei dieser Gelegen­heit zeigte sich aber deutlich, welches Ansehen der Doppel­mandatar innerhalb des Zentrums erlangt hatte. Für seine Kandidatur trat damals besonders der bekannte rheinische Abg. Justizrat Trimborn ein, der sich auch als Wahlredner in Herolds Wahlkreise betätigte. Das Resultat war, daß Abg. Herold mit rund 19 000 Stimmen seinen Gegenkandi­daten schlug, der nur rund 3000 Stimmen erhielt. Seitdem blieb der Wahlkreis seinem Abgeordneten treu. Nach dem Umsturz wurde Herold als Vertreter sowohl für die ver­fassunggebende Preußische Landesversammlung wie für die Deutsche Nationalversammlung gewählt und ist bei allen aachfolgenden Wahlen Spitzenkandidat geblieben.

Seine parlamentarische und politische Tätigkeit kann hier nicht mit Einzelheiten aufgezählt werden, denn Abg. Herold gehört zu senen unermüdlichen Arbeitern, die immer wieder in die vorderste Reihe geschickt werden. Aber was diese Tätigkeit besonders auszeichnet, das ist die Tatsache, daß in allen schwierigen Fragen, in

denen die Gegensätze— auch innerhalb der eigenen Frak­tionen— schier unüberbrückbar schienen, der Abg. Herold doch stets eine vermittelnde Lösung fand. Er ging eben den Weg der Mitte: der beste Beweis dafür ist wohl der Um­stand, daß der Abg. Herold vielfach von seinen Berufskolle­gen als Arbeitervertreter und von den Arbeitern als Bau­ernvertreter bezeichnet wurde. Abg. Herold richtete eben den Blick auf das große Ganze.

Der Schreiber der Zentrumsgeschichte wird an dem Abg. Herold nicht achtlos vorübergehen können, ganz gewiß nicht der Schreiber der westfälischen Zentrums­geschichte, die, oftmals in Aussicht gestellt. bis heute ein leerer Wunsch geblieben ist., Seit über 2 Jahrzehnten näm­lich steht Abg. Herold an der Spitze des Westfäl. Zentrums­partei. Bis dahin hatten sie andere Männer, geleitet, zuletzt noch der schon erwähnte Graf von Galen, aber die treibende Kraft war doch der Prälat Hüls amp(f 1911) gewesen, der ja mit an der Wiege des Zentrums gestanden und der eigentliche Schöpfer des Soester Programms war. Ihn mahnte die Last der 70 Jahr zur Ruhe und so wurde Prä­lat Hülskamp 1906 zum Ehrenpräsidenten der Westfäl. Zen­trumspartei ernannt, Abg. Herold aber zum Vorsitzenden gewählt. Unter ihm setzte die neue Organisation ein, die uns das Generalsekretariat brachte und die große Zahl der sog. Beiräte. Im Laufe der Jahre ist dann auch der ur­sprünglich kleine Vorstand erheblich erweitert worden. Im­mer wieder fand der Abg. Herold das Vertrauen der Zen­trumswähler, das ihn an die Spitze der Partei gestellt hatte. Es ist wohl kaum eine Versammlung des westfäl. Zentrums von einigermaßen Bedeutung abgehalten worden, der Abg. Herold nicht beigewohnt hätte. Noch vor den letzten Mai­wahlen leitete er die Versammlung in Hamm, die sich mit der Kandidatenaufstellung befaßte, und gab damit einen Be­weis von seiner ungebrochenen zentrumsfreudigen Arbeits­kraft.

Es bleibt noch ein Wort zu sagen über den Katho­liken Herold. Wir hoben schon hervor, daß er alle seine Handlungen, zumal seine politischen, orientierte an der ka­tholischen Wettanschauung, die ihm, der die schweren Kul­turkampfsjahre mit erlebt hatte, Herzenssache ist. Als vor 5 Jahren, gelegentlich seines 75. Geburtstages, von seinen Freunden eine kleine Feier veranstaltet wurde, da sagte er: „Wenn es mir möglich gewesen ist, heute den 75. Geburts­tag zu begehen, so verdanke ich das zunächst der Gnade Got­tes, welche mir vergönnte, in der Zentrumspartei mitzu­wirken.“ Und damals prägte er aus seiner katholischen Ueberzeugung heraus Worte, die auch heute, noch volle Be­deutung gerade für uns Katholiken haben: er sagte u. a.: „Der Geist der Gegnerschaft gegen die katholische Kirche ist in gewissen Kreisen geblieben, darum müssen wir uns als Katholiken zusammenschließen und zusammenhalten. Ich sage, alle Katholiken sollten in der Zentrumspartei vereinigt bleiben, damit es entschlossen und darum stärker u. energi­scher die katholischen Interessen vertreten kann, nicht in Gegnerschaft gegen andere Auffassungen, aber unsere katho­lischen Interessen finden in erster Linie in der Zentrums­partei ihren Schutz. Durch das Zusammenhalten der Katho­liken in der Zentrumspartei ist sie groß und mächtig gewor­den, dadurch können wir unseren Einfluß am intensivsten ausüben.“ Wiederholt ist Abg. Herold auf den jährlichen Generalversammlungen der Katholiken Deutschlands als Redner aufgetreten, in Breslau war er 1909 deren Prä­sident.

Als Vorbild treuester Pflichterfüllung steht heute an seinem 80. Geburtstage der greise Abg. Herold vor uns; er ist fast unverändert geblieben seit Jahrzehnten. Wohl sieht man ihm die Last der Jahre an, aber sie hat ihn nicht gebeugt. Fest und unerschütterlich wie die Eichen seines väterlichen Erbes steht er in der politisch so bewegten Zeit als der gottvertrauende, mutige und unermüdliche Kämpfer in den Reihen derer, denen das Banner mit der Aufschrift: „Mit Gott für Wahrheit, Recht und Freiheit“ voranleuchtet. Möge Gottes Güte ihm noch lange Jahre gesegneten Schaf­fens schenken.

Herold als Vorkämpfer der deutschen Landotrschost im Landage.

Von Dr. Felix Porsch, Geheimer Justizrat, Vizepräsident des Preußischen Landtages.

Vor einem Monat waren vier Jahrzehnte vergangen, seitdem Landesökonomierat Herold ununterbrochen dem Preußischen Abgeordnetenhause bzw. dem Preußischen Landtage angehörte. Ich hatte die Freude, während dieser ganzen Zeit mit Herold im Landtage zusammen zu arbeiten. Damals kam es für uns darauf an, die Umkehr von dem Wege des Liberalismus durchzuführen. Es war eine große Zeit, in der die gesamte Wirtschaftspolitik grundlegend in neue Richtungen geführt werden mußte. Die Landwirtschaft war nicht zum wenigsten dabei beteiligt. Sie mußte alsbald nach jener Zeit noch die Caprivizeit erleben. Dann kamen die großen zollpolitischen Erörte­rungen, die auch im Landtag ihre Wellen schlugen, und bei denen Herold schon bald Führer und Vorkämpfer für das deutsche Bauerntum war. Es kamen auf finanzpoliti­schem Gebiete grundlegende Umwälzungen. Die Miquel'sche Steuerreform wurde in den kommenden Jahren durchge­führt. Die Steuerpolitik der Landwirtschaft, insbesondere die Grundsteuer, erhielt eine ganz neue Basis. Schon in jener Zeit begann Herold den Begriff des Ertrags­wertes für die Landwirtschaft durchzusetzen, wodurch die steuerliche Beurteilung der landwirtschaftlichen Werte und Erträgnisse in Bahnen geleitet wurde, die heute noch den Bauernstand schützen, und die trotz aller Angriffe immer wieder für den deutschen Bauernstand durch Herold er­kämpft sind. Auch diese Tätigkeit liegt in der Richtung der Befreiung vom Liberalismus, um die Bauernhöfe in der Hand ihrer Familien dauernd zu erhalten. Weiter sorgte alsbald Herold dafür, daß er das Anerbenrecht durch­setzte zwecks Festigung der Bauernfamilien auf den Bauern­höfen. Die Hebung der Kreditverhältnisse zur Förderung der bäuerlichen Wirtschaften war in den letzten Jahrzehnten des vergangenen Jahrhunderts eine besondere Sorge Herolds. Zur Förderung der landwirtschaftlichen Produktion wurden erhöhte Staatsmittel bereitgestellt und ein vermehrter Schutz des heimatlichen Viehbe­standes gegen Einschleppung von Seuchen aus dem Aus­lande geschaffen.

So ging es weiter bis in die heutige Zeit, insbesondere als in der Nachkriegszeit die Nöte anderer Berufsstände eine besondere Berücksichtigung erforderten und gleichwohl das Interesse aller Berufsstände für die Landwirtschaft herbei­geführt werden mußte. Herolds geschickten und klugen Ver­handlungen verdankt der Bauernstand hierbei die Erhaltung seiner Lebensgrundlagen.

Wenn man ihm das nur immer und überall warm ge­denken wollte!

Abg. Herold als Wirtschaftspolitiker.

Von Theodor Roeinah, Mitglied des Preuß. Landtages.

Die Zentrumsportei feiert heute das dreißigjährige Jubi­läum eines Doppelmandatars, Mitgliedes des Reichstags und des Preußischen Landtags, und das achtzigste Wiegen­fest unseres verehrten westfälischen Zentrumsführers, des Abg. Landesökonomierats Herold. Daß die Partei alle Veran­lassung dazu hat, ein solches in der Geschichte wohl kaum wiederkehrendes seltenes Ereignis gebührend zu begehen, dürfte unbestritten sein, vor allem, weil es sich um einen so verdienstvollen, noch immer hochaktiven Politiker handelt. Ohne Zweifel gehört Abg. Herold zu den führenden politi­schen Persönlichkeiten, die es verstanden haben, der Partei­politik seit Jahren ihre persönliche Note aufzudrücken, der er wegweisend Ziel und Richtung gab. Als praktischem Landwirt lag ihm zwar die Vertretung der berechtigten In­teressen seines Berufsstandes sehr am Herzen; man hat ihm aber nie den Vorwurf machen können, daß er einsertiger Standespolitiker sei. Er war in richtiger Weise Allge­meinpolitiker. Die Interessen von Voik und Vater­land zu fördern, ist stets der Leitgedanke seiner umfassenden politischen Tätigkeit gewesen. Daß er bei Berätigung seiner Auffassung ein Idealpolitiker werden mußte, ein Mann, der in erster Linie der Verteidiger und Förderer der höchsten Güter der Menschheit wurde, daß so Foctschritte für die Wahrung von Religion, Glaube und Sitte erzielt wur­den, ist ein Ertrag der Zentrumspolitik, der ihm in erster Linie zu danken ist. Eine besondere Eigenart seines Wesens gibi ihm auch die Eigenschaften eines jelten klaren Real­politikers. Abg. Herold hat einen scharfen Blick dafür. welche von den gesteckten Zielen politisch erreichbar sind, und wieweit man sich sein näheres bezw. weiteres Ziel stecken darf. Infolgedessen widerstrebt er allen uropistischen und rein agitatorischen Anträgen und sonstigen politischen Aktio­neu und verhielt sich auch in der Partes diesen gegenüber ablehnend. Besonders traten diese seine Eigenschaften in Erscheinung bei der praktischen Ausübung seiner wirtschafts­politischen Maßnahmen. Denn, daß ihm auf Grund seiner persönlichen Kenntnisse der wirtschaftlichen Zusammenhänge die Gestaltung der Wirtschaftspolitik besonders gut lag, ist wohl selhstverständlich. Er wußte stets sehr genau, daß man nur eine gesunde Staatspolitik machen kann, wenn man für die ureigensten Belange der Wirtschaft zweckmnäßige gesetz­liche Maßnahmen schafft, und daß die einzelnen Zweige der Volkswirtschaft ihrer Wichtigkeit entsprechend sich aneinander anpassen müssen wie die Zahnräder in einem Uhrwerk. Darum prüfte er steis mit klarem Blick, wie weit man auf die Wünsche der einzelnen Wirtschaftszweige eingehen konnte, ohne daß dadurch die Gesamtwirtschaft aus dem Gleichgewicht kam. Interessant ist ein Rückblick auf die poli­tische Betätigung des Abg. Herold zum Schutze der Land­wirtschaft in der Vergangenheit bis zur Gegenwart. Vor­ausgeschickt möge werden, daß ihm seine westfälischen Be­rufskollegen seit langen Jahren volles Vertrauen entgegen­bringen, eine Tatsache, die hauptsächlich daraus erhellt, daß Abg. Herold in zahlreichen wichtigen landwirtschaftlichen Organisationen Vorsitzender war. Auf Grund seiner hier­bei gewonnenen umfassenden Erfahrungen wußte er. was hauptsächlich zur Belebung der landwirtschaftlichen Produk­tion geschehen mußte, und konnte so die gesetzlichen Maßnah­men entsprechend beelnflussen und gestallen helfen.

Sowohl im Reichstag als auch im Preußischen Landtag war Abg. Herold lange Jahre hindurch in den landwirt­schaftlichen Fachausschüssen Führer und Ratgeber, selbst­redend auch in beiden Fraktionen des Zentrums, wo er seit Johrzehnten als anerkannter Agrarführer gilt. Im Poli­tischen Jahrbuch für 1924 stellt Abg. Universitätsprofessor D. Dr. Schreiber folgendes fest:„In der kurzen Zeitspanne des am 4. Mai 1924 neu gewählten Reichstages war die Zentrumsfraktion für die Landwirtschaft lebhaft tätig. In dieser Richtung wirkte besonders der innerhalb der Fraktion gebildete landwirtschaftliche Ausschuß, der unter dem be­währten Vorsitz des Landesökonomiecats Herold die Anre­gungen und Wünsche aus den Kreisen der Landwirtschaft zu bedeutsamen Anträgen gestaltete.“ Dasselbe gilt in glei­cher Weise für seine Tätigkeit im Landtage. Daß die deut­sche Landwirtschaft gegenüber der wesentlich billiger erzeu­genden Landwirtschaft des Auslandes nicht konkurrenzfähig ist ohr einen ausreichenden Schutzoll, hat auch Abg. Herold früh erkannt, vor allem zur Zeit der Freihandelsära von Caprivi. Bereits im Jahre 1889 sehen wir ihn unter den zielbewußten, aber immer maßvollen Vertretern einer Schutzzollpolitik. Geradezu von entstheidender Bedeutung war seine Einstellung in den Zollverhandlungen des Jahres 1902, wo er am 20. November in einer Reichstagsrede aus­führte:„Wenn wir für erhöhte Zölle aus die notwendigsten Lebensmittel eintreten, so tun wir das, um einem bedeuten­den, der Zahl nach bedeutendsten Beruf im Vaterlande den nötigen Schutz angedeihen zu lassen.“ Abg. Herold tritt da auch für die Aufhebung der städtischen Lebensmittelbe­steuerung ein:„Derselbe Schutz, den wir den Bauern ge­währen beim Einlaß des Getreides, des Viehes in das Land, nehmen wir ihm zum Teil wieder ab dadurch, daß die Städte das Oktroi erheben. Ich glaube, dieser Zustand muß beseitigt werden. Zum Schutze eines wichtigen Pro­duktionszweiges verwirft man die Zölle, man führt sie aber wieder ein als Finanzquelle für die Städte.“

Bekannt sind die Ausführungen des Abg. Herold rom 3. Dezember 1902, die er als Berichterstatter im Reichstag über den Zolltarif machte. Interessant ist, mit welcher Sach­kenntnis er alle wirtschaftlichen Materien, auch wenn sie ihm zum Teil persönlich fernlagen, behandelte. Stets trat er für die Aufrechterhaltung der Mindestsätze bei den Betreide­zöllen ein. Auch für den Weinbau hatte er lebhaftes Inter­esse und half ihm zu berechtigten Schutzzöllen. Bei Gestal­tung des Zolltarifs im Jahre 1925 trat Abgeordneter Herold wieder sehr aktiv in die Erscheinung und versuchte die Einführung von Mindestzöllen; als das aber nicht zu er­reichen war, trat er für ausreichende Autonomzölle ein, in­dem er betonte, daß man für die bevorstehenden Handelsver­träge ein wirksames Regulativ in Form von Autonomzöllen haben müsse, die als Kompensation jeweils gesenkt werden könnten. Hiermit setzte sich Abg. Herold im Reichstag durch. Selbstredend verfolgte er vor allem in den Jahren ab 1925 die Gestaltung unserer Handelsvertragspolilik im Sinne der Stärkung der deutschen Produktion. Dabei setzte er sich auch für den Beterinärschutz so ein, daß alle Staaten voll­ständige Freiheit haben, um zur Verhütung von Seuchen­einschleppung jederzeit die Grenzsperre verhängen zu können.

Allgemein bekannt sind die Bemühungen unseres ver­ehrten Landesökonomierats Herold um die Ausgestaltung einer gerechten Besteuerung. So sträubte er sich stets schroff gegen die Bestrebungen einer allzu stark ausgebauten Real­besteuerung und suchte die Idee einer gerechten Besteuerung nach dem Reinertrage und der wirtschaftlichen Leistungs­tädigkeit zu verwirklichen. Daß die Besteuerung nach dew

Ertragswert bei den Steuernotverordnungen nach der Revolution sowohl als auch beim Reichsbewerlungsgesetz erreicht worden ist, wird allgemein als Verdienst des Aba Herold anerkannt. Auch ist es ihm zu verdanken, daß man bei der Umgestaltung der vorkriegszeitlichen preußischen Er­gänzungssteuer, für die früher Schätzungsmerkmale, wie Kaufpreissammlung usw. maßgevend waren, für die Bewertungsgrundlage, im Jahre 1924 den Begriff des Er­tragswertes hineinbrachte, wie das aus den Bestimmungen des neuen Grundvermögenssteuergesetzes deutlich hervor­gehl. Eine Reihe von Anträgen möge seine Bemühungen um die Ertragswertsgestaltung näher beleuchten. Er er­teschte dadurch 1925 die Aufstellung von Normalbetrieben für die Steuerveranlagung. Er erreichte, daß auch land­wirtschaftlich genutztes Bauland nay dem Ertragswert be­steuert wird, daß zu den Werbungskosten auch die Kosten der Zusammenlegung gerechnet werden dürfen, daß Ein­künfte aus Vermögenssubstanz nur dann der Besteuerung unterliegen, wenn sie spekulativer Art sind. Ferner hat er durch seinen Antrag 171 erzielt, daß die Vermögenszuwachs­steuer bis 31. 12. 1928 außer Kraft gesetzt ist. Ihm hat die deutsche Landwirtschaft ferner zu verdanken, daß sie bei ihrer schwierigen wirtschaftlichen und finanziellen Lage der letzten Jahre von der Hauszinssteuer verschont geblieben ist. Ferner ist wichtig, festzustellen, daß Abg. Herold bei der Weimarer Verfassung gaeholfen hat, die Nowwendigkeit des Schutzes des Eigentums unverrückbar anzuerkennen. Auch möge noch erwähnt werden, daß er stets für die Ausgestal­tung der Selbstverwaltung eingetreten ist. Er kritisiert zum Beispiel mit folgenden Worten:„Der Eingriff in die Selbstverwaltung wird immer größer und intensiver derart, daß die ganze Selbstverwaltung fast zu einem Schatten herabsinkt.“

Abg. Herold war stets ein Freund der inneren Koloni­sation. Gegen die falsche Vorkriegsvoli ik hat er sich aller­dings stets mit Entschiedenheit gewandt:„Die Hunderte von Millionen wären besser nutzbar gemacht in unserem Wirt­schaftsleben usw.“ Die jetzige Siedlungspolitik der Reichs­und Staatsregierung, die zum Ziele hat, den nicht aufgeschlossenen oder unrationell bewutschafteten Groß­grundbesitz des Ostens als Stellen für unsere Bauernsichne aufzuschließen, hat stets seine wärmste Unterstützung gefun­den, da er der Ansicht ist, daß Deutschland wiederum ein Bauernland mit möglichst vielen gesunden bäuerlichen Exi­stenzen werden muß. Alle diese Hinweise legen beredtes Zeugnis dafür ab, daß Abg.Herold stets ein energischerWirt­schaitspolitiker war und noch heute ist; insbesondere war seine Mitwirkung in der Agcargesetzgebung nicht zu ersetzen. Seiner zielbewußten, geschicklen Taktik hal die deutsche Land­wietschaft sehr viel zu verdanke., was leider nicht von allen Berufskollegen immer gebühcend gewürdigt worden ist, Spätere Jahre werden dies noch deutlicher in die Erschei­nung treten lassen, und die Anerkennung wird dann nicht ausbleiben. Daß Abg. Herold daneben stets ein Mann des Ausgleiches war, der in erster Linie alle politischen Maßnah­men nach staatspolitischen Erwägungen faßte, braucht nicht nochmals besonders betont zu wecden. Aus diesem Grunde hat man ihn auch als Führer der gesamten Zentrumspartet sleis gern anerkannt; die großen Erfolge unserer Staats­volltik in den letzten Jahren sind ihm hauptsächlich zu ver­danken. Möge er seine segznereiche Tätigkeit in den Parla­wenten noch lange Jahre zum Wohle des deutschen Vater­landee ausüben können! Das ist heute unser Wunsch!

Ehrung des Herrn Landesökonomierats Herold durch die Vereinigung der Deutschen Bauerrvereine.

Anläßlich seines 80. Geburtstages wurde Herrn Lan­desökonomierat Herold durch eine Abordnung der Vereini­gung der Deutschen Bauernvereine eine kunstvoll gearbeitete Ledermappe überreicht mit nachstehender Widmung:

Herrn Landesökonomierat Karl Herold, Haus Loevelinkloe bei Münster i. W., Mitglied des Reichstages und Preußischen Landtages, zum 80. Geburtstag.

Westfälischem Bauerngeschlecht entsprossen, haben Sie, beseelt von tiefer Liebe zur Heimat und Scholle, mit unde­irrbarem Wirklichkeitssinn und zähem Wollen sich in vor­bildlicher Pflichttreue unermüdlich dem Dienste am deutschen Volke hingegeben.

Als der Kampf um die Erhaltung des deutschen Acker­baues begann, standen Sie bereits in der vordersten Fron des öffentlichen Lebens. Ihre kluge Voraussicht und Ihre frische Entschlußkraft eröffneten der Landwirtschaft wieder den Weg zum Aufstieg. Sie sind Vater der grundlegenden Gesetze zur Erhaltung der deutschen Bauernfamilie, der deutschen Bauernhauses, des deutschen Bauernhofes. Unbe­kümmert um die Gunst des Tages waren Sie wachsamet und weiser Hüter dieser Kernstücke der deutschen Landwirt­schaft. Ihre tiefe Einsicht in die Nöte und Sorgen anderet Berufsstände schuf die Brücke zu einer dem Wohl des Vater­landes dienenden ausgleichenden Zusammenarbeit aller Volksschichten.

An Ihrem heutigen Ehrentage grüßen die deutschen Bauern Sie in tiefer Dankbarkeit. Möge Gottes Gnade auch in Zukunft mit Ihnen sein und Ihre große Kraft dem Bauernstande weiter erhalten, heute, da es gilt, die deutsche Landwirtschaft aus gefahrdrohender Abhängigkeit vom Aus­lande zu befreien und sie auf neuen Wegen zu neuer Blüte zu führen.

Berlin, den 20. Juli 1928.

Vereinigung der Deutschen Bauernvereine.

Dr. Hermes, Präsident,

Weißhaupt, Erster Vizepräsident, Stamersohann, Zweiter Vizepräsident.

" Abg. Herold zum Ehrendoktor der West­falischen Witheims=Universität ernannt.

Münster, 18. Juli.

Die Philosophische und Naturwissenschaftliche Jakultst der Westfälischen Wilhelms-Universität hat Herrn Landes­ökonomierat Abg. Herold anläßlich seines 80. Geburts­tages in Anerkennung seiner großen Verdienste die er sich um die Jörderung der wesisälischen und der deutschen Landwirtschaft und der Belange der westfälischen Landesuniversität erworden hat. den Titel eines Doktor phil. ehrenhalber verliehen. Das Ehrendiplom haben ihm Seine Magnifizenz der Rektor der Westfälischen Wilhelms-Universität Prosessor Dr. Schöne und der Dekan der philosophischen Jakultät Pro­fessor Dr. Ektlinger sowie Professor Dr. Böhmer als Vertreter der Landwirtschaft an der Universität Münster and Mittwoch abend auf seinem Wohnsid Hous Cövelinklos elerlich überreicht.

Gerd Gutt KG Otto-Hahn-Straße 21 Postfach 410249 4400 Münster-Roxel