(1. Blatt.)

Nr. 105.

Donnerstag, den 8. Mai 1913.

45. Jahrgang.

„„„„„ gegründei 1868 □

(General=Anzeiger.)

Amtliches Blatt aller Behörden

speziell für die Orte Wattenscheid, Gelsenkirchen=Ueckendorf, Leithe, Günnigfeld, Hordel,

(Neueste Nachrichten.)

in Stadt und Amt Wattenscheid,

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Diese Nauner umsast 10 Seiter Wetteraussichten.

Wetter für Freitag:

Besseres Wetter, etwas wärmer, windig.

Aus Stadt, Amt und Kreis.

Wattenscheid, 8. Mai.

Beisetzungsfeier.

* Von der Vödestraße her bewegte sich heute morgen gegen 9,30 Uhr ein außergewöhnlich stattlicher Leichen­zug zum kath. Gottesacker hin; es galt: die Beerdigung eines ehrenwerten Mitbürgers, des am 4. Mai verstorbenen Vieh­händlers Anton Mikus. Die Spitze des langgestreckten Leichenkonduktes hatte die Marianische Sodalität inne, welcher der Verblichene viele Jahrzehnte angehört hatte. Daran reihte sich der Männer=Gesang=Verein„Glückauf“ Sätliche Vereine waren stark vertreten und mit ihren Fah­nen=Deputationen nebst florumhüllten Fahnen erschienen. Sodann folgte die übrige Bürgerschaft beiderlei Geschlechts aus Stadt und Amt Wattenscheid in unabsehbarer Reihen­folge. Auf dem Wege zum Friedhofe wurde das Miserere ge­sungen. Die Grablegung in der Familiengruft auf dem neuen Teil des Begräbnisplatzes vollzog Ehrendomherr, Propst=Dechant Hausmann unter Mitwirkung der ge­samten Pfarrgeistlichkeit. Nach der Einsenkung des mit zahl­reichen prächtigen Kränzen reichgeschmückten Sarges erfolgte die hergebrachte Abschiedshuldigung der Fahnendeputationen, währenddem der Männer=Gesang=Verein„Glückauf“, der im Floren'schen Saale tagt, die Abt'sche Toten=Hymne unter Lei­tung des Dirigenten Kropp tadellos zu Gehör brachte. An die Begräbnisfeier reihte sich das Leviten=Seelen­amt in der Propsteikirche, welches Ehrendomherr Propst­dechant Hausmann zelebrierte, sofort an. Einem Nachrufe für den Verblichenen entnehmen wir folgendes: Der teure Verstorbene war geboren am 16. Dezember 1846 zu Istrup, Kreis Höxter. Vermählt am 18. November 1872 lebte er mit Anna geb. Kammann aus Wattenscheid in glücklicher Ehe, welche mit 2 Kindern gesegnet war. Am 11. April 1905 wurde ihm die teure Gattin durch den Tod entrissen. Der Dahingeschiedene war ein treuer Gatte und herzensguter Vater, durch seinen geraden Charakter und sein aufrichtiges, diederes Wesen geachtet und beliebt bei allen, die ihn näher kannten. R. 1. P. S.

Erweiterter Geschäftsverkehr.

* Die Geschäftswelt und das kaufende Publikum seien darauf aufmerksam gemacht, daß an den beiden letzten Werktagen vor Pfingsten, also morgen und Samstag die Geschäfte bis 10Uhr abends geöffnet bleiben dürfen.

Vaterländischer Frauenverein.

* Unter dem Vorsitze von Frau Bürgermeister Wib­berding traten Montag nachmittag die Vorstandsda­men des Vaterländischen Frauenvereins im Rathause zu einer Sitzung zusammen. Nach Erledigung der ge­schäftlichen Angelegenheiten wurde eingehend über die Veranstaltung der diesjährigen Kaiseringebur

tagsfeier beraten, die bekanntlich abwechselnd in Stadt und Amt Wattenscheid abgehalten wird und in diesem Jahre hierselbst stattfindet.

Vom Lyzeum.

* Die Oberklasse unseres städtischen Lyzeums stattete gestern mittag der Druckerei der Firma Carl Busch einen Besuch ab. Die Zöglinge der genannten Anstalt waren unter Zustimmung der Direktorin, Fräulein Ober­lehrerin Sasse, unter Führung der Oberlehrer Peine und Dr. Tochtrop, sowie der Lehrerin Fräulein Wallraven dort erschienen, um sich über den Gang und den Betrieb einer Buchdruckerei zu informieren. Den wißbegierigen jungen Mädchen wurde zunächst an den Setzmaschinen Linotype und Monoline die Herstellung einer Druckzeile, sodann an den Schnellpressen der Druck einer Druckschrift gezeigt. Besonderes Interesse rief die große Rotationsmaschine hervor und die Herstellung und der Guß der einzelnen stereotypierten Rund=Plaiten für die Rotationsmaschine, welche den Druck der 8seitigen Wattenscheider Zeitung liefert. Sichtlich befriedigt ver­ließen die jungen Damen nach einstündigem Aufenthalt unsere Geschäftsräume.

Vom Gymnasium.

* Wie wir hören, hat sich Professor Hall, der seit Jahr­zehnten an unserem Gymnasium wirkt, wegen Krankheit bis zu den großen Ferien beurlauben lassen. Hoffentlich kehrt der allbeliebte und hochgeachtete Lehrer nach den Ferien voll­ständig gesundet und neugestärkt zurück. Mit seiner Ver­tretung wurde vom Provinzialschulkollegium auf Ersuchen des Kuratoriums der Kandidat des höheren Lehramtes Dr. Schönemund betraut.

Schöffensitzung.

* Am hiesigen Kgl. Amtsgericht sand unter dem Vorsitze des Amtsrichters Dr. Kißler heute vormittag eine Schöf­

fensitzung statt, in der über 10 Strafsachen verhandelt wurde. Als Schöffen fungierten Steiger Fr. Rottmann und Bauunternehmer Jos. Evers von Westenfeld. Die Amtsanwaltschaft vertrat Oberstadtsekretär Krengel.

Steuerzahltermin im Amte.

* Im Amte Wattenscheid finden morgen folgende Steuerhebetermine statt: für Günnigfeld nachm. von 1—4.30 Uhr im Parkrestaurant und für Westen­feld von 8,30—12 und 2,30—5 Uhr im Kassenlokal.

Turn=Verein D. T.

* Unter dem Vorsitze des Lehrers Gold von Westenfeld fand gestern abend im Restaurant Koch eine Versammlung des Turn=Vereins D. T. statt, welche zahlreich besucht war und einen sehr angeregten Verlauf nahm. Es wurde be­schlossen, im Laufe des Juli einen Ausflug mit Damen nach Nierenhof zu unternehmen. Das Datum wird später festge­legt. Sodann berichtete der Vorsitzende eingehend über das Deutsche Turnfest in Leipzig und teilte mit, daß sich von dem hiesigen Verein 10 Mitglieder an dem Feste, wofür sich bereits 80 000 Turner angemeldet haben, teilnehmen werden. Die Abfahrt erfolgt am 11. Juli abends 11 Uhr mittels Son­derzuges ab Essen. Sodann gelangte auch das von der Stadt für den 14. bezw. 16. Juni geplante große Volksfest aus Anlaß des Regierungsjubiläums des Kaisers zur Besprechung. Der Verein wird sich daran beteiligen und hat in Aussicht ge­nommen, nach dem Fackelzug im Kaisersaal turnerische Vor­führungen zu veranstalten. Der 2. Turnwart des hiesigen Vereins Jerabeck ist, wie weiter mitgeteilt wurde, zum Be­zirksschriftführer gewählt worden. Die übrigen verhandelten Gegenstände waren interner Natur.

Eine Eingemeindungsdebatte.

* Der Haus= und Grundbesitzerverein in Röhlinghausen befaßte sich in seiner letzten Versammlung mit der Eingemeindungsfra­ge. Vom Vorsitzenden wurde darauf hingewiesen, daß die von den Gemeinde=Eingesessenen gewünschte Selbst­ständigkeit zu einem eigenen Amte heute mehr als je aussichtslos sei, weil, wie es heißt, Hordel einen An­schluß an Röhlinghausen ablehnt, dagegen sich zu einem Anschluß an Eickel=Wanne bereit erkläre. Röhlinghausen sei infolge der dadurch geschaffenen Lage gezwungen, ei­nen Anschluß entweder nach Gelsenkirchen oder ebenfalls nach Wanne=Eickel zu erwirken. Dabei sei zu bedenken, daß die Angelegenheit bis zum Jahre 1914 erledigt sein müsse, weil bis zu Ende dieses Jahres die Stadt Wattenschei d voraussichtlich aus dem Kreis=Ver­bande ausscheide, ebenso Wanne=Eickel. Dadurch aber würde der Landkreis Gelsenkirchen als sol­cher aufgelöst sein. Wenn sich nun Röhlinghausen nicht nach der einen oder anderen Seite hin entschließe, so wird die Regierung in dieser Beziehung die Entschei­dung treffen, ohne auf die Wünsche der Eingesessenen Rücksicht zu nehmen. Wenn also etwas in diesem Punkte geschehen soll, dann ist es hohe Zeit.

Einbruch in ein Leichenzimmer.

* Ein Einbruch, der von großer Gefühlsroheit zeugt, wurde in der Nacht zum Mittwoch auf der Vödestraße verübt. Diebe drangen in die Wohnung des verstorbenen Viehhändlers Mikus, und zwar in dasjenige Zimmer, in welchem die Leiche des Verblichenen aufgebahrt war. Sie hat­ten es anscheinend auf den Geldschrank abgesehen, den sie mit einem scharfen Gegenstand bearbeitet haben. Die Ein­brecher sahen aber bald das Nutzlose ihrer Bemühungen ein und ließen von dem eisernen Schranke ab. Sie entwendeten dann 2 Uhren und 1 Kiste Zigarren und entkamen unerkannt. Am Tatorte wurde am folgenden Tage noch ein Meißel ge­funden. Bisher ist es leider nicht gelungen, die gefühllosen Menschen zu ermitteln.

Uebertragbare Krankheiten.

* Nach der amtlichen Nachweisung über die in der Woche vom 28. April bis 3. Mai im Regierungsbezirk Arnsberg gemeldeten Fälle von übertragbaren Krankhei­ten ereigneten sich 120 Erkrankungen(12 Todesfälle) in­folge Diphtherie; davon entfallen auf Dortmund=Stadt und Land 33(6), Bochum=Stadt und Land 9, Hagen­Stadt und Land 8. Erkrankungen an Scharlach wurden 104(8 Todesfälle) gemeldet, davon in Bochum= Stadt und Land 10(1), Dortmund=Stadt und Land 23(8), Gelsenkirchen=Stadt und Land 26(1). Todesfälle in­folge Lungen= und Kehlkopftuberkulose kamen 56 zurAn­meldung, und zwar in Dortmund=Stadt 4, Bochum=Stadt und Land 6, Gelsenkirchen=Stadt und Land 7.

Ein„netter“ Ehemann.

* Westenfeld, 8. Mai. wer hier wohnhafte Bergmann F. hat sich vor einigen Tagen von seiner Familie entfernt und seine Frau und seine Kinder in größter Not zurückgelassen. Von dem Verbleib des Mannes ist noch nichts bekannt.

Verschiedenes aus Kray=Leithe.

* Kray=Leithe, 8. Mai. Der Beitrag der Bürgermeisterei Kray=Leithe zu den Kosten der Königl. Polizeiverwaltung beträgt nach dem Eiat

für das Steuerjahr 1913=14 rund 25 000 Mark, davon entfallen auf die Gemeinde Kray 22 500Mark, auf die Gemeinde Leithe 2500 Mark.— In der hiesigen Bür­germeisterei wurden endgültig angestellt die Lehrer Hein­rich Leggewic und Ferdinand Lufen. Aus dem öffent­lichen Schuldienst ausgetreten ist die Lehrerin Emilie Oschel.

Die Gelsenkirchener Sänger in Frankfurt.

* Gelsenkirchen, 8. Mai. Wie schon gestern mitgeteilt, hat es der hiesige Männergesangiv er­ein, dem bekanntlich der städtische Zuschuß verweigert wurde, doch noch möglich gemacht, gestern nach Frank­furt zum Kaiserpreissingen zu fahren. Ein Mitglied des Vereins, der Bergmann Pohl gab dadurch einen Be­weis von großer Opferwilligkeit, indem er ein Spar­kassenbuch von 2000 Mark deponierte. Man wird aber wahrscheinlich dasGeld nicht anzugreifen brauchen. Ueber die Ankunft und das Auftreten der Gelsenkir­chener in Frankfurt wird berichtet: Kurz vor Schluß des gestrigen Singens zeigte ein an der Tribüne er­scheinendes Schild die Ankunft der Gelsenkirchener an die in letzter Stunde durch eine Sammlung in ihrer Stadtgemeinde die Reise ermöglichen konnten. Sie wur­den lebhaft begrüßt, nicht zuletzt durch Wilhelm 2., der durch die Nachricht von der Haltung der Stadt­verwaltung, wie wir hören, außerordent­lich verstimmt worden ist, da er gerade auf das Erscheinen der Arbeitervereine großen Wert legt. Der Gelsenkirchener Verein hielt sich trotz der Anstren­gung der eben vollendeten Reise außerordentlich wacker. Der schwierige Preischor gelang über Erwarten gut und fand lebhaften Beifall. Noch freier und ungezwungener gaben sich die Sänger in den beiden selbstgewählten Liedern:„Grüß Gott“ von Oberreich und„Drei Röselein“ von Silcher, die sie zu schön abgerundetem Vortrag brachten. Am eindrucksvoll­sten gestaltete sich das weiche und leise ausklingende Piano in dem dadurch sehr stimmungsvoll wirkenden Silcherschen Lied, das lebhaft applaudiert wurde.(Siehe auch Sonderbericht.)

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