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werichesche

Druck und Verlag: Carl Braus. Celegr. Adr.: Braus, Schwerteruhr. Cel.62 Postscheck: Dortmund 2852 Berartwortische Schriftleitung: Karl

Nr. 272

Samstag, 18. November 1922

55. Jahrgang

Zum

Zeit und Kräfte verschwinden, die Bessern zehren sich in schnödem, unerträglichem Müßig­gang auf als Zuschauer des allgemeinen Elendes und des Treibens der Schlechtern, deren Zahl täglich wächst und deren Gesinnungen krebsartig um sich fressen.“

Frhr. vom Stein 19. 4. 1812.

Neueste politische

Die Meldung eines Berliner Blattes über an­geblich bevorstehende Aufhebung der bay­rischen Volksgerichte durch die bayerische Regierung ist, wie die Münchener Augsburger Abendzeitung meldet, vollständig aus der Luft ge­griffen.

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Havas meldet aus Athen, die ehemaligen Mi­nister Tsaldaris und Johann Rhallis wurden

verhaftet.

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Lord Curzon reist heute nach Paris, wo er am Sonntag eine Besprechung mit Poincaree haben wird. Beide Staatsmänner reisen dann nach Lausanne.

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Das Bankhaus Morgan hat der Bun­desreservebank eine weitere Summe von 50 Mil­lionen Dollar als Teilzahlung des Zinsendienstes der britischen Schulden an die Vereinigten Staaten zugestellt.

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Die Verhandlungen über die Beamtenge­haltsfragen beginnen am Dienstag.

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Nach dem neuen Reichswahlgesetz wird der bisherige Arnsberger Wahlkreis in zwei Teile geteilt, wovon der eine die früheren Wahlkreise Dortmund=Hörde und Gelsen­kirchen=Bochum umfaßt.

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In einer in Paris überreichten Note fordert England die völlige Entmilitarisierung der Dardanellen, aber eine internationale Garnison zur Kontrolle der Einfahrt. Zwischen England und Frankreich soll volles Einverständnis über die Orientfrage erzielt sein.

Italien hat den Achtstundentag grund­sätzlich abgeschafft.

Vermischte Kundt.

Arolsen, Nov. Wohnungsloser Bür­germeister. Die Hauptstadt des ehemaligen Fürstentums Waldeck hat mit ihren Bürger­meistern entschieden Pech. Vor einiger Zeit war eine Neuwahl vorgenommen worden, aber hier ging es nicht wie im Faust, daß den Bürgern der neue Bürgermeister nicht gefällt, vielmehr ge­fiel dem neuen Bürgermeister die Bürgerschaft

nicht, aus dem einfachen Grunde...., sie stellte

ihm keine Wohnung! Auch in Arolsen seufzt man unter dem Joche der Wohnungsnot. So trat er gar nicht an und es fand wieder eine Neu­wahl statt. Vorsichtigerweise hatte man in einem Dörfchen vor der Stadt eine Notwoh­nung freigemacht. Der neue Bürgermeister kam, sah die Wohnung an und fand sie für die Unter­bringung seiner Möbel zu klein. Deshalb stellte er eine Art Ultimatum: Entweder Einbau einer Wohnung in das Gymnasium oder er kommt nicht! Daraufhin setzte sich der Gemeinderat zu­sammen und erörterte die Frage: Bewilligung der Kosten für diese Bautätigkeit oder keinen Bürger­meister! Das Ende vom Liede war, daß man dem neuen Bürgermeister mitteilte, daß die Stadt nicht in der Lage sei, seine Bedingungen zu erfüllen, man hoffe aber, daß er doch die kleine Wohnung beziehe und wenn nicht, dann muß eben Arolsen noch einmal seine Bürgermeister­stelle ausschreiben. So spielt die Wohnungsnot so­gar einem Bürgermeist; mit.

Der Kanzlerkandidat Dr. Cuno ist am Freitag abend, nachdem er sich in Hamburg mit seinem Aufsichtsrat auseinandergesetzt hat, nach Berlin zurückgekommen und hat die Versuche zur Bil­dung seines Kabinetts wieder ausgenommen. Es muß festgestellt werden, daß die Lage sich für ihn nicht gerade zu seinen Gunsten verändert hat. Die Parteien haben sich von ihrer ersten Ueberraschung erholt und deshalb Gelegenheit genommen, die Sympathie, mit der sie ihn zunächst begrüßten, einzuschränken, ganz offensichtlich, weil sie ausge­sprochen parlamentarisch orientiert und von dieser Form einer Kabinettsbildung nicht sonderlich ent­zückt sind.

Die eigentliche Kabinettsbildung wird sich nicht in der bisherigen Weise so vollziehen, daß die Fraktionen Vertreter benennen, sondern der in Aussicht genommene Kanzler stelltll sein Ka­binett von den verschiedenen Fraktionen durch selbständige Berufungen zusammen. Die Reichs­tagsmehrheit wird sich dann vergewissern müssen, ob sie dem neuen Kabinett das Vertrauen aus­sprechen kann. Es entspricht der Ansicht Eberts, kein ausgesprochenes Parteikabinett, sondern ein Kabinett der Tätigkeit, der praktischen Arbeit zu bilden.

Samstag vormittag wird Dr. Cuno seine Be­sprechungen mit den Parteiführern fortsetzen. Es werden wieder eine Reihe von Namen neuer Männer genannt, über die weiteres anzugeben, keinen Zweck hat.

Der Reichspräsident empfing heute abend auch den früheren Reichskanzler Fehrenbach, um sich

mit ihm über die politische Lage zu besprechen.

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Geheimrat Dr. Wilhelm Cuno

ist am 2. Juni 1876 in Suhl geboren. Er ist Ka­tholik. Nach Absolvierung seiner Universitätsstu­dien trat er in den Verwaltungsdienst ein und ge­hörte der preußischen Staatsverwaltung als Ober= regierungsrat und später als Geheimer Oberre­gierungsrat an. Er war Votragender Rat im Finanzministerium. Während des Krieges bear­beitete er kriegswirtschaftliche Angelegenheiten, war Leiter der Reichsgetreidestelle und stand nach­her an leitender Stelle bei der Organisation des Kriegsernährungsamtes. Im Jahre 1916 wurde ihm im Reichsschatzamt das Hauptreferat für kriegswirtschaftliche Fragen übertragen. Im Winter 1917 verließ Geheimrat Cunolden Reichs­dienst und trat in den Vorstand der Hamburg= Amerika=Linie über. Nach dem Tode Ballins wurde er dort bald Generaldirektor.

In der weiteren Oeffentlichkeit ist sein Name dann besonders bekannt geworden durch seine Wirtschaftsverhandlungen mit Amerika. Jeden= falls hat er sich als Leiter der Hamburg=Amerika­Linie in allen Kreisen des In= und Auslandes große Sympathien erworben. Bei den Waffen­stillstandsverhandlungen in Trier und Brüssel wirkte Geheimrat Cuno als deutscher Sachver­ständiger mit und wurde ebenso als Sachverstän­diger zu den Versailler Friedensverhandlungen­zugezogen.

Als im März 1920 nach dem Rücktritt Erzber­gers für diesen ein Nachfolger gesucht und der Ruf nach Fachministern immer dringender wurde, war ihm der Posten des Reichsfinanzministers an­geboten worden. Geheimrat Cuno erklärte sich da­mals auch zur Annahme bereit, machte jedoch zur Bedingung, daß die Mehrheitsparteien geschlossen hinter ihn treten müßten. Er war vorher Mit­glied der Deutschen Volkspartei und erst wärend des Kapp=Putsches aus dieser wegen der unent­schiedenen Haltung ihrer Hamburger Ortsgruppe gegenüber Kapp ausgetreten. Für den Minister­posten präsentierte ihn das Zentrum, jedoch hatte es schon vor dem Kapp=Putsch mit ihm verhandelt, da das Finanzministerium als ausgesprochenes Fachministerium angesehen werden sollte. In der kritischen Zeit nach dem Kapp=Putsch nahm dann die Sozialdemokratie Anstand an der zu weit nach

rechts geneigten politischen Stellung Cunos, und er lehnte die Berufung ab. Finanzminister wurde dann der dem Zentrum angehörige, vorherige ba­dische Finanzminister und spätere Reichskanzler Wirth.

Letzthin hielt Geheimrat Cuno einen Vortrag über den Wiederausbau der deutschen Schiffahrt. Bekannt wurde sein Name auch, als er sich zur Zeit seiner Tätigkeit in Staats­diensten zusammen mit dem jetzigen Landeshaupt­mann Dieckmann um den Beigeordnetenposten in Münster bewarb. Später wurde sein Name in Verbindung mit der Kandidatur um den Obee­bürgermeisterposten in Münster ge­nannt.

Die Parteizugehörigkeit des neuen Kanzlers Cuno steht nun nicht fest. Cuno wird sowohl vom Zentrum wie von der Deutschen Volkspartei als Parteiangehöriger angesehen. Nichtsdestoweniger wird man sagen können, daß er es von jeher vermieden hat, parteipolitisch eingestellt auf­zutreten. Das dürfte ihm seine jetzige Kabinetts­bildung wesentlich erleichtern.

auder deutschen

Durch das Friedensdiktat von Versailles ist Deutschland gezwungen worden, alle Schiffe über 1600 Tonnen und die Hälfte aller andern von 1000 bis 1600 Tonnen abzuliefern. Die deutsche Handelsflotte, die vor dem Kriege mehr als 5 Millionen Tonnen stark war, wurde damit im wesentlichen vernichtet. Erfreulicherweise ist es aber in erstaunlich kurzer Zeit gelungen, die deutsche Schiffahrt wieder zu beleben und den Wiederaufbau der deutschen Handelsflotte zu be­schleunigen. T. Kellen gibt in der Monatsschrift „Technik für alle“ einen zahlenmäßigen Ueber­blick über den Wiederaufbau der deutschen Schiff­fahrt, dem wir einiges entnehmen wollen.

Durch die Blockade während des Weltkrieges war der Hamburger Seehafen fast ganz verödet. Während im letzten Friedensjahr(1913) 15073 ankommende und 16627 ausfahrende Seeschiffe ge­

zählt wurden, war 1918 der Verkehr auf 1471 und 1602 Schiffe zurückgegangen. Im Jahre 1919 setzte eine Besserung ein und 1920 betrug die Zahl der ankommenden Seeschiffe bereits 4868 und die der ausfahrenden 5096. Die Aufwärtsentwicklung ging im Jahre 1921 im stürmischen Tempo vor­wärts. Der Bericht des Hamburger Hafenamtes für das Jahr 1921 konnte von einem auf das doppelte angewachsenen Verkehr berichten, denn in dem Berichtsjahre waren nicht weniger als 8633 Schiffe in den Hamburger Hafen eingelaufen und 9940 aus ihm abgefahren.

Die Aufwärtsentwicklung hat seitdem ange­halten. Auch die Häfen Bremen, Emden, Stettin, Lübeck, Kurhaven usw. haben an ihr teil. Der Schiffsbau hatte vorerst, wie alle anderen Indu­strieen mit Arbeitsunlust, Lohnsteigerungen, Kohlen= und Materialnot zu kämpfen. Die deut­schen Gesellschaften waren daher gezwungen, mit amerikanischen Reedereien zusammenzuarbeiten. Da in Amerika während des Krieges vielmehr Schiffe gebuat waren als in normalen Zeiten nötigt werden, bereiteten die Abkommen mit den amerikanischen Schiffahrtsgesellschaften keinerlei Schwierigkeiten.

Die in den deutschen Werften auf Kiel geleg­ten Schiffe bestehen fast ausschließlich aus erst­klassigen auf der Höhe der Technik stehenden Fahr­zeugen. Das Ausland, welches durch den Zuwachs der Deutschland fortgenommenen Schiffe einen Ueberfluß an Tonnage besaß, sah sich vielfach zu Schiffsverkäufen genötigt und so konnte die deut­sche Handelsflotte auch durch Rückkauf von ehe­mals deutschen Schiffen vermehrt werden.

Der Norddeutsche Lloyd kaufte seinen frühe­ren Doppelschraubendampfer Seydlitz zurück und stellte den neu erbauten Passagierdampfer Köln

und den Frachtdampfer Krefeld in den Dienst. diesen Dampfern ist die Neuerung einer Mittel­klasse 2 a eingeführt, die zur Beförderung des heute verarmten deutschen Mittelstandes dienen soll, der früher die erste oder zweite Klasse be­nutzte. Die deutschen Reedereien haben zwar für die ihnen durch das Friedensdiktat fortgenom­menen Schiffe vom Reiche Entschädigungssum­men erhalten, doch waren diese nicht ausreichend, um vollen Ersatz sicherzustellen. Um so mehr ist aher die Leistung der Deutschen Werften zu rühmen, die im Jahre 1920 327·000 Bruttotonnen

im Bau waren. Im letzten Friedensjahr wurden

nur 440 000 Tonnen für die Handelsschiffahrt ge­baut, so daß also die Jahresleistung des Jahres 1921 vier Mal so groß ist, wie die des letzten Frie­densjahres. Es ergibt sich hieraus, daß die Leistungsfähigkeit der Deutschen Wertten ganz er­heblich gestiegen ist. Da wir infolge des nied­rigen Markstandes auch nicht mehr in der Lage sind, im Auslande für unsere Rechnung Schiffe bauen zu lassen, was in der Vorkriegszeit in nennenswertem Maße geschah, ist diese Steigerung der eigenen Produktion ein rettender Ausweg.

Während die Schiffahrt im Auslande eine schwere Krisis durchmacht, konnten die deutschen Schiffahrtsgesellschaften im Jahre 1921 durchweg günstig abschließen. Die Hambung=Südamerika­nische Dampfschiffahrtsgesellschaft vermochte ihren Reingewinn von 4,33 auf 7,67 Millionen Mark zu steigern. Die übrigen Schiffahrtsgesellschaften, die allerdings durch Ablieferungen an die Ent­ente in schwerem Masse betroffen wurden als die vorgenannte, konnten auch ihrerseits durchweg ihre Dividende erhöhen. T. Kellen faßt seine Aus­führungen in die Worte zusammen:„Im allge­meinen kann man sagen, daß die deutsche Schiff­fahrt jetzt wohl die schwierigste Periode überwun­den hat. Die Gemeinschaftsdienste mit auslän­dischen Gesellschaften haben sich bewährt und dürften wohl noch erweitert werden. So sind dank dem ungebeugten deutschen Hansageist die Aus­sichten für die deutsche Schiffahrt auch für die Zu­kunft als günstig zu bezeichnen".

Die letzte Woche.

Während in den Verkaufshäusern bereits die Weihnachtsausstellungen eröffnet wurden, berie­ten die Parteien des Reichstages, wie sie die Umbildung der Regierung vollziehen und damit dem deutschen Volke ein Christfestange­binde vorbereiten könnten, das uns durch seine Wirksamkeit eine Reihe von ruhigen Tagen sichern würde. Es ist lange darüber verhandelt worden, wer daran mitarbeiten soll. Aber das Ende war negativ. Das Ministerium Wirth gab dem Reichs­präsidenten Ebert seine Demission, der dieselbe annahm. Er hat dann am Donnerstag den Ge­neraldirektor der Hamburg=Amerika=Linie Ge­heimrat Cuno mit der Bildung der Regie­rung beauftragt und Cuno hat den Auftrag ange­nommen. Neue Männer, neue Zeiten. Hoffen wir das Beste.

Die ersten Tage waren schon mit allerlei Ge­rüchten angefüllt, nachdem die Reparationskom­mission aus Berlin nach Paris zurückgekehrt war. An der Seine schrieb man Poincaree Rücktritts­absichten zu, weil er neuen Aerger mit England über die türkischen Angelegenheiten gehabt hat. Der französische Ministerpräsident wiederholte seinen Schlachtruf:„Zahlen!" Dr. Wirth ant­wortete daräuf mit neuen positiven Vor schlägen an die Reparationskommis­sion. Ausdehnung der Produktion und der Sparsamleit in Deutschland ist in erweitertem Umfange zugesichert worden, der Reichshaushalt wird balanziert und auch die Getreidezwangswirt­schaft abgebaut werden, wenn die Entente Entge­genkommen zeigt. Es muß eben anders werden nicht nur bei uns.

Der Dollar ist gewichen, steht freilich noch immer so hoch, daß die Stabilisierung der Mark geboten bleibt. Noch notwendiger ist freilsch, wenn