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De„Schwerter Jestung“ erscheint werktäglich n Hauptgeschäftsstelle, Druck und Berlog: Carl Braus. Celegr. Adr. Braus. Schwerteruhr. Cel.=2. Postscheck: Dortmund 2852 Verantwortliche Schriftleitung: Karl Richterz

Rei Thchur,„ Schwert.

Nr. 236 Samstag, 7. Oktober 1922 55. Jahegang

Don Gedeh.

Da du einst geboren warst an's Licht

Weintest du, es freuten sich die Deinen,

Lebe so, daß, wenn dein Auge bricht,

Du dich freust, die Menschen aber weinen.

Gerok.

Neueste politische Nachrichten.

Der preußische Handelsminister hat einen Sach­verständigen=Ausschuß einberufen, um zu erörtern, was gegen die Devisenspekulation noch getan werden könne.

Zum französischen Botschafter in Berlin wurde Ministerildirektor Herbette er­nannt.

*

Das Reichskabinett hat beschlossen, von jeder Erhöhung des Tabakzolls Abstand zu nehmen. Die Einfuhrsperre soll sofort aufgehoben werden.

* P 6

Die Verhandlungen über die Umgestaltung der Beamtenbesoldung sind von der Reichs­regierung abgebrochen worden.

*

Nach dem inoffiziellen Protokoll über die Konferenz in Mudania müssen die Griechen Thrazien in 10 Tagen räumen, an­dernfalls die griechischen Häfen gesperrt werden und die Türken über die Meerenge vorrücken. Die Alliierten bleiben während der Friedensver­handlungen in Konstantinopel. Die Eng­länder räumen Tschanak.

Kunde.

Im Wohlfahrtsausschuß zu München sollen Millionenunterschlagungen aufgedeckt worden sein. Bei einem der Beschuldigten fand man Werte in Höhe von einer halben Million. Bei einem anderen solche in Höhe von einer Mil­lion. Die Untersuchung ist im Gange.

Von bayerischen Behörden wird der„Poli­zeipräsident“ aus der Münchener Rätezeit, Drogist Dosch, als rückfälliger Dieb (Fahrraddieb) gesucht.

Der holländische Kredit von 100 Mil­lionen Gulden ist in letzter Zeit derartig von Deutschland in Anspruch genommen, daß er schon sehr bald erschöpft sein wird.

*

Der Magistrat von Berlin hat letzthin weitere 45 neue Fahnen in den republikanischen Farben für die Schulen angeschafft; dazu war in der ungeheuer notleidenden Gemeinde Geld vorhanden. Die Ausgaben betrugen 193.043 K.

Jede einzelne Fahne kostete also rund 4300 K.

*

Die Radfernfahrt Bremen=Hannover­Bremen über 215 Kilometer versammelte 42 der besten Bundesamateure Norddeutschlands. Der Hannoveraner Möller errang den Sieg vor Borgwardt=Kiel, Müller=Berlin, Felix­Hamburg, Röper=Bramen und Kohl=Verlin.

Die letzte Woche.

Die anhaltende Preissteigerung hat den Dol­lar wieder mobil gemacht, und seinen Stand um mehrere hundert Prozent erhöht. Um ebensoviel hat sich die Kaufkraft der Mark verringert. Wenn auch die Spekulation wieder im Trüben zu fischen sucht, so ist dieser Rückgang der Mark an sich doch nicht wunderbar, die Teuerung nimmt so hohe Reichsaufwendungen in Anspruch, daß unser Aus­landskredit sich weiter verringern muß. Wir sind gegenüber dieser Sachlage machtlos, und auch die Entente kann über die Folgen nicht länger im Unklaren sein. Wird unsere Valuta nicht besser, dann ruiniert uns die Teuerung ebenso, wie Oesterreich ruiniert worden ist.

Die Reparationsfrage muß gelöst werden, damit die große Anleihe Tatsache werden kann. Dann kann der Abbau der Preise und die Stärkung unserer Leistungsfähigkeit auf dem Wirtschaftsgebiet erfolgen. Wird daraus nicht bald etwas, so wird die Lösung der Reparations­frage unmöglich. In Paris arbeitet die Repa­rationskommission an ihrem Plan für die Gesun­dung der deutschen Finanzen. Die amerika­nischen Bankiers zucken zu den langen theoretischen Erörterungen die Achseln. Das ganze Geheimnis ist ja doch nur die Hebung des Vertrauens, daß Deutschland seine Schuldenzah­lungen ermöglichen kann, und hierzu muß die Entente als Gläubiger den ersten Schritt tun. Wir können doch nicht eigenmächtig einen Strich durch die Schuldenhöhe machen.

Um dem landwirtschaftlichen Kostenaufwand für die Getreideproduktion Rechnung zutragen. hat die Reichsregierung die Preise für das Umlagegetreide erhöhen müssen. War das eine Notwendigkeit, die nicht umgangen wer­den konnte, so darf sie doch nicht zu einer weite­ren Verschärfung der Lage durch Erneuerung der Zwangswirtschaft führen, die alle bekannten Un­zuträglichkeiten wiederholen würde. Wir dürfen zudem immer noch hoffen, daß die beabsichtigte neue Finanzkonferenz eine Verständigung und da­mit auch eine Steigerung der Mark bringen wird, so daß wir also mit der erneuten Zwangswirt­schaft die Wirkung der Marksteigerung ausschalten würden. In der preußischen Landes­versammlung ist viel über die hohen Preise verhandelt worden, was allerdings nicht überall den beabsichtigten Eindruck gemacht hat. Wenn die Herren sich selbst 25000 c Diäten mo­natlich bewilligten, so wird es Tausenden von Familien um so deutlicher, daß sie nichts ha­ben. Nach dem Schema, verstärkter Banknoten­druck, ist das Leiden überhaupt nicht zu heilen. Je mehr Milliarden, um so wertloser sind sie, um so größer wird die Teuerung. Je weniger Milliar­den, um so größer ist ihre Kaufkraft.

*

Feldmarschall v. Hindenburg hat bei der Feier seines 75. Geburtstages gesagt:„Wir müssen uns selbst helfen, dann wird uns Gott hel­fen!" Diese Selbsthilfe im Innern kann nur in viel Arbeitsleistung und in noch größe­rer Sparsamkeit bestehen. Mag sie für den Augenblick nicht unbedingt möglich sein, so kann doch ein fester Zukunftsplan ausgearbeitet wer­den, dessen Bekanntgabe nach außen hin wirkt. Die Selbsteinschränkung ist eine bittere Medizin, aber darüber hinweg kom­men wir nicht. Steuern machen es nicht mehr, denn dazu sind wir nicht mehr reich genug. Die Ruhe in Deutschland wird sich hoffentlich befestigen, so daß der Gerichtshof zum Schutze der deutschen Republik, der mit dem Rathenau­prozeß seine Verhandlungen begonnen hat, nicht allzuviel zu tun haben wird.

*

Die Dinge im Orient scheinen sich nach

mannigfachen=Hin und Her durch eine Ver­

ständigung erledigen zu wollen, wenn man

deswegen auch auf absehbare Zeit hinaus keine

wirkliche Garantie geben kann. In Paris und

London ist man wohl darin einig, daß Kon­

stantinopel und Adrianopel der türkischen

Nationalregierung nicht vorenthalten werden

können, es handelt sich nur noch darum, ob die

*

Griechen nicht den Versuch machen werden, an dem Gebiet von Adrianopel festzuhalten. Und ob ein anderer Balkanstaat nicht„berechtigte" Forderungen geltend machen wird. Seit 50 Jah­ren ist es auf dem Balkan regelmäßig„anders gekommen, als man dachte". Das Kapitel „Kemal Pascha“ ist eben nicht das einzige, welches einer definitiven Festlegung bedarf.

Die Unterbringung der Flüchtlinge aus Oberschlesien.

TU. Berlin, 5. Okt. Tausende von Flüchtlin­gen aus den gegenwärtig zu Polen gehörigen Ost­teilen Oberschlesiens, die deutsch bleiben vollen, wohnen mit ihren Familien gegenwärtig in den Grenzstädten in einer Weise, die den allerbeschei­densten Ansprüchen nicht entspricht. Drei oder sogar vier Familien mit zusammen 18 Köpfen sind in einem mittelgroßen Zimmer, andere, auch Frauen und Kinder, in Turnhallen untergebracht. die gar nicht oder nur mangelhaft heizbar sind In. Anbetracht dieser unhaltbaren Zustände hat die Fraktion der Deutschen Volkspartei im preußi­schen Landtag den Antrag gestellt, die Staais­regierung möge dafür sorgen, daß 1. für den Winter eine Notunterbringung geschaffen und eine genügende Anzahl Wohnbaracken sichergestellt wird, 2. daß gleich mit Beginn des Frühjahes 1923 mit dem Bau einer ausreichenden Anzahl von Wohnungen begonnen wird.

Aerch chete

Polens Ueberfluß an Kartoffeln.

Warschau, 6. Okt.„Przeglad Wiczorni“ mel­det, daß 20000 Zentner Kartoffeln zur Ausfuhr freigegeben sind; weitere 30000 Zent­ner würden demnächst freigegeben. Die Ausfuhr von Brotfrucht sei bedingungslos verboten. Fei­ner wurden mehr als 1 Million Gänse zur Ausfuhr freigegeben, ferner für Oktober 80 Wag­gon, für November 68 Waggon Eier und 5000 Fettschweine.

Viel Lärm, dann Vertagung.

Sitzung des Preuß. Landtages am 6. Oktober

Die kleine Anfrage der Deutschna­tionalen über die geplante Aufhebung des Regierungsbezirkes Stralsund sowie die Anträge über die Beflaggung des Landtagsgebäudes wäh­rend der Vollsitzungen werden von der Tagesord­nung abgefaßt.(Als der Abg. Kuttner(Soz., den Saal betritt, ruft der Kommunist Schultz­Neukölln: Der Mörder Kuttner hat Platz ge­nommen! Warum sitzt ex noch nicht in der Zelle?— Der Zuruf bezieht sich auf die Privatklage Kuttner=Davidsohn. Letzterer hat den Vorwurf erhoben. Kuttner habe in den Revolu­tionstagen einen Parteigenossen erschossen.— Abg. Heilmann(Soz.) ruft: Kuttner hat in Notwehr gehandelt.)

Es folgt die Beratung des Antrages Porsch (3.) über

die Notlage der Presse.

Das Staatsministerium wird ersucht, dem Land­tag alsbald Vorschläge zu unterbreiten, durch die die Presse in Preußen vor ihrem drohenden Zu'sammenbruch bewahrt wird, wobei besonders zu prüfen wäre, ob dieser Zweck durch Maßnahmen erreicht werden kann, wie sie in Ba­den getroffen worden sind.

Abg. Schwering(Z.) weist in der Begrün­dung auf die völlig unzulänglichen Maß­nahmen des Reiches hin. Scheinbar seien Kräfte am Werke, die bestrebt sind, die Notlage der Presse weiter zu verschärfen. Vor allem müsse bei den Holzpreisen angesetzt werden. Der Staat als größter Forstbesitzer könne auf die übrigen Holzlieferanten einen Druck ausüben. Den Zeitungen müßten erhöhte Darlehen

Dier daste dier bäschen Gebietes bedarf besonderer Fürsorge.

Der Antrag wird dem Hauptausschuß über­wiesen, nachdem Abg. Becker(D. N.) den schnell­sten Zusammentritt des Ausschusses gefordert hat

Die Novellen zu dem Gerichtskosten­gesetz und zu den Gebührenordnungen für die Rechtsanwälte, Notare und Gerichtsvoll­zieher werden endgültig verabschiedet.

Präsident Leinert schlägt Vertagung bis zum 17. Oktober vor.

Bei Feststellung der Tagesordnung beantragt Abg. Schultz=Neukölln(Komm.), den Bericht über die Verhandlungen des Untersuchungsaus­schuß über die mitteldeutschen Unruhen auf die Tagesordnung der nächsten Sitzung zu setzen. Seine Partei müsse Gelegenheit haben, die bewußten Lügen zu widerlegen und ferner einen Mann, der an der Spitze des Untersuchungsaus­schusses steht, den Abg. Kuttner als Mörder zu entlarven.(Große Unruhe im ganzen Hause Abg. Schultz wird zur Ordnung gerufen.)

Als Präsident Leinert mitteilt, daß der Bericht noch nicht vorliege, beantragt Abg. Schultz=Neukölln(Komm.) mündliche Erstat­tung des Berichtes. Nach längerer stürmi­scher Geschäftsordnungsdebatte wird dieser Antrag gegen die Antragsteller abge­lehnt.

Nächste Sitzung: Dienstag, den 17. Ok­tober 1922. Anträge und Anfragen über das besetzte Gebiet und das Saargebiet.

Schluß 2½ Uhr.

Unausgespielte Trümpfe.

Die letzten Veröffentlichungen aus den Er­innerungen des Kaisers über den Ursprung der „Krüger=Depesche“ aus dem Januar 1896 und über das bald nachher in Berlin eingegangene franzö­sisch=russische Angebot, die Verlegenheit Englands im Burenkrieg zu benutzen, um ihm in den Arm zu fallen und seinen Seeverkehr lahm zu legen, haben im Auslande, soweit dies in Betracht kommt, viele Proteste hervorgerufen, und auch in Deutschland Verwunderung erregt. Daß den Kaiser sein Gedächtnis im Stich gelassen hat, ist nicht anzunehmen, aber daß die Tatsachen vor dem Weltkriege so gar nicht ausgenützt worden sind, muß befremden. Bismarck erzielte 1870 vor dem Kriege mit Frankreich einen großen Ersolg, als er Napoleons Annektionsofferten nach Berlin ent­hüllte. Ein gleicher Erfolg hätte uns im August 1914 beschieden sein können, wenn die deutsche Reichsregierung aller Welt erklärt hätte, Frank­reich und Rußland, die uns des größten Eigen­nutzes beschuldigen, haben uns vor 15 Jahren eingelaven, zusammen mit ihnen über England herzufallen. Wir haben das abgelehnt. Auch zur Fest­stellung der wahren Kriesschuldigen wäre das von Bedeutung gewesen.

Der Kaiser erzählt, Frankreich und Rußland hätten, nachdem er in London von diesem Plane Mitteilung gemacht hätte, genau das Ge­genteil an die englische Regierung berichtet, also daß Deutschland die An­regung zu diesem Plane, gegeden habe. Wenn die Sache so lag, mußte die Wahr­heit um so entschiedener klargelegt werden, was nicht schwer fallen konnte, denn Zeugen für diese Tatsachen mußten doch vorhanden sein.

Auffallend ist, daß der Kaiser diesen Trumpf nicht schon ausspielte, um die Engländer von seiner wahrhaft neutralen Hal­tung zu überzeugen, als das systematische Schil­ren in den englischen Zeitungen wegen einer deut­schen Flotten=Invasion entstand. Wir beschränk­ten uns damals auf Austauschbesuche und andere Höflichkeiten, ohne zu wissen, daß wir viel wert­vollere Dokumente für unsere Friedensliebe be­saßen. Wenn die englische Regierung ihren fran­zösischen und russischen Freunden mehr glaubt, so war es um so nötiger, diese zu ent­larven. Auch die letzte Erinnerung an die