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Nr. 192

Donnerstag, 17. Rugust 1922

55. Jahrgang

Zum Geleit.

Nicht Kunst und Wissenschaft allein, Geduld will e ur Gocie to. 96c8

Neueste politische Nachrichten.

Berliner diplomatischen Kreisen glanbt man an die Möglichkeit eines Morato­riums.

*

An Pari# herrschi große Erbitterung gegen Lloyd George.

*

Die rumänische Regierung hat unter Berufung auf die Friedensverträge die Domänen des Erzherzogs Joses, welche 30000 Joch umsassen, konsisziert.

Die Gerüchte von der Erkrankung des Papstes ermangeln jeglicher Grundläge.

Vermischte Kunde.

Während eines hestigen Unwetters schlug gestern ein Blitz in den Schuppen der Mai­schinenfabrik Lanz u. Co. in Mannheim ein. Der :<space> S c h u p p e n,<space> d e r<space> m i t<space> f e r t i g e n<space> M a s c h i n e n<space> g e s ü l l t<space> w a r,<space> wurde vollständig zerstört.

Von einem Fassadenkletterer wurden der Berliner Zeitung zufolge in einem Hotel am Kur­fürstendam aus dem Sekretär des brasilianischen Gesandten Schmucksachen im Werte von Millionen Mark gestohlen.

Der 26jährige Kaufmann Jakob Prom Schlanski aus Valu erschwindelte sich etwa 20 Millionen Mark dadurch, daß er Wert. papiere beleihen ließ, sie dann aus dem Depot zu­rücknahm und zum vollen Werte verkaufte. Außer­dem löste er einen ungedeckten Scheck über 23.000 Dollar und einen ihm zur Ueberweisung ander­

trauten Barscheck über 4,6 Millionen Mark ein

und verschwand schließlich aus Berlin, nachdem er

seinen Kraftwagen verlauft hatte.

*

Der Bund deutscher Architetten wird auf der diesjährigen Baumesse in Leipzig eine besondere Baukunstmesse veranstalten.

*

Eine 71 Jahre alte Dame, Jane Re­derca Williams, die bereits fünf Männer gehabt hat, trat dieser Tage in Portsmouth zum sech­sten Male den Weg zum Altar an, und zwar wurde sie mit einem 20 Jahre jüngeren Manne ge­traut.„Ich weiß nicht, was die Männer an mir

haben“, sagte sie,„aber ich bin niemals lange Wit we gewesen, sondern hatte immer sofort viele„An­träge. Ich habe immer gute Männer gehabt und lin in allen Ehen sehr glücklich gewesen; ich hofse es auch in meiner sechsten Ehe zu sein.“

Der zweite Bürgermeister in Aschers leben wurde zu 20 000 d Strafe verurteilt wegen „passiver Bestechung.“ Im Jahre 19.90 führte er die Verhandlungen mit der Thüringer Gasgesellschaft wegen Uebernahme des Aschersle= dener Gaswerks. Später hatte er gedroht, die Ver­träge rückgänig zu machen, wenn er nicht eine

leitende Stellung in der Verwaltung

der Gasgesellschaft erhalte!

*

Eine Hygiene=Messe soll auch im kom­menden Herbste im Rahmen der Leipziger Muster­messe stattfinden. Sie wird auf dem Gelände der technischen Messe untergebracht. Die gesamte Hygiene=Industrie sowie der Verband der Aerzte Deutschlands hat eine großzügige Mit workung muagtogt.

Was nun?

Ein eigenartiges Heiratsgesuch stand kürzlich in einem Lörracher Blatt:„Netter Junggeselle mit Lebenserfahrung, in behaglicher Stellung, an Mit hilfe im Haushalt gewöhnt, Besitzer einer schönen Junggeselleneinrichtung und von 75 gefüllten Ein­machgläsern, sucht energische, aber liebevolle, bessere Lebensgefährtin. Es wird mehr auf gute Behand lung als auf Vermögen gesehen, da sol hes aus­reichend vorhanden.“— Dieser nette Junggeselle mit den 75 gefüllten Einmachtöpfen dürfte nicht umsonst an die Herzenspforte einer energischen, aber liebevollen Jungfrau pochen. Ganz wohl scheint ihm dabei aber doch nicht zu mute zu sein, da ihm eine„gute Behandlung" wichtiger als Hab und Gut erscheint!

Der Hauptausschuß der Deutschen Turnerschaft, hat seine Bereitwilligkeit zu nemen Verhandlungen mit den drei Sportve: bänden ausgesprochen, sosern diese mit einem Verrlangen danach an die Turnerschaft berantre­ten. Im Hinblick auf die Meisterschafts­Einikichtungen bewahrt sich die Turnerschaft vollkompnene Selbständigkeit und Freiheit vor.

Die zu einem unrühmlichen Ende geführte Kon serenz von London trug in der Zahl ihrer Ge­schwister die ominöse Ziffer 13 und abergläubige Gemüter konnten daraus von vornherein ihr Schick­sal entnehmen. Im allgemeinen jedoch bedeutet das anscheinende vorläufige Scheitern eine erheb­liche Ueberraschung, denn es wird wohl in und außerhalb Deutschlands wenige. Leute gegeben haben, die nicht damit rechneten, daß schließlich wieder einmal ein saules Kompromiß auf Kosten Deutschlands das Ergebnis sein würde. Die ganze Welt hatte sich allzu sehr daran gewöhnt, daß die Franzosen vor jeder neuen Beratung oder Zu­sammenkunft ihr schwerstes Geschütz auffuhren, daß Lloyd George schöne und klingende Reden da­widerhielt und daß sich schließlich beide Teile in einer vorläufigen Lösung zusammensanden, um auf der nächsten Konferenz den unmöglichen Versuch fortzusepzen, das Problem von der Quadratur des Zirkels zu lösen. Wider allgemeines Erwarten al­so ist zum ersten Mal seit dem Dittat von Ver­sailles eine Konferenz der Alliierten mit dem ossenen Eingeständnis auseinander gegangen, daß eine Cinigung über die Reparationen als den Kernpunkt des gesamten uns alle bewegenden Fragenkompleres nicht möglich gewesen ist. Unter solchen Umständen mutet es ganz besonders eigen tümlich, trotz des gewaltigen Ernstes der Stunde eigentlich komisch an, wenn Franzosen und Eng­länder der ganzen Welt versichern, sie hätten ein­ander mit größter Höflichkeit behandelt und der Fortbestand der Entente sei nicht gefährdet. Da er­hebt sich denn doch die Frage, was für einen Zweek die Entente überhaupt noch haben soll, wenn ihre beiden Hauptglieder in der wichtigsten Angelegen heit in offenkundigem schroffsten Widerspruch zu­einander srehen? Gerade diese Erklärung, die be­mänteln soll, zeigt am dentlichsten, wie gewaltig und unüberbrückbar die Kluft ist, die sich schon seet geraumer Zeit zwischen England und Frankreich aufgetan hat.

Für uns und die gesamte Welt steigt in diesem Augenblick die bange Frage auf: Was nun? Es ist uns amtlich mitgeteilt worden, daß die heute fäl­lige Entscheidung über das deutsche Gesuch um Be­

englischen Auffassung, während Belgien mehr auf der Seite Frankreichs steht, allerdings sind bei diesen beiden Mächten Schwankungen hervorge treten, die das Endergebnis noch unsicher erschei­nen lassen. Offenbar setzt Poincaree seine ganze Hoffnung daraus, daß es ihm abermals gelingen wird, das belgische Pferd vor den französischen Wagen zu spannen und dann würde bei Stimmen­gleichheit der fränzösische Vorsitzende Dubois mit seiner Stimme zu Gunsten der französischen Vor­schläge, also eines schroffen Vorgehens gegen Deutschland den Ausschlag geben. Daß man in Geschäftstreisen einen solchen Ausgang erwartet, spiegelt sich in dem neuerlichen gewaltigen Kurs­sturz der Mark wieder, die gestern Morgen bereits ihren bisher erreichten tiessten Stand noch weit überschrit#en hat: der Dollar stand weit über 1000!

In Amerika, wo man äußerlich mit verschränk ten Armen, aber innerlich mit steigender Unruhe die Entwicklung der Dinge verfolgt, wird man nun wohl endlich einsehen, welchen schweren Fehler die amerikanische Regierung begangen hat, als sie ihre Vertreter aus den in Versailles eingesetzten Or­ganen zurückgezogen hat. Und hier eröffnet sich der einzige Ausweg, den es zurzeit überhaupt noch geben dürfte. Wenn die amerikanische Regierung entschlossen die Folgerungen aus der plötzlich ge­schaffenen Lage zieht und sofort einen amtlichen Vertreter in die Reparationskommission entsendet, kann mit Hilfe Italiens Frankreich überstimmt u. das größte Unheil verhütet werden. Dem ameri­kanischen Einfluß dürfte es dann auch vielleicht ge­lingen, Belgien mit herüberzuziehen und die Ver­einsamung Frankreichs zu vervollständigen, was zwar zunächst kaum in Frankreich selbst, aber doch in der ganzen übrigen Welt tiefen Eindruck machen müßte. Wie so oft schon, kann Amerika auch dies­mal in letzter entscheidender Stunde der Retter aus der Noi werden, und seine eigensten Interessen würden ihm jetzt gebieterisch die Pflicht auferlegen.

aus seiner Zurückhaltung herauszutreten. Nur hat sich leider die amerikanische Regierung so fest­gelegt, daß sehr ernste Zweifel berehtigt sind, ob sie imstande sein wird, die notwendige Entschluß­krast zu finden. Ist das nicht der Fall, dann nimmt das Unheil immer schneller seinen Lauf und ist dann unaufhaltsam. Wird die Schicksalsstunde der gesamten Weltwirtschaft in Washingion die klaren Köpfe und mutigen Herzen finden, die allein imstande sind, die Rettung zu bringen? Oder muß erst das ganze künstliche Gebäude von Versailles zusammenbrechen wie ein Kartenhaus, um die Er­

kenntnis reifen zu lassen, wenn es zu spät Aller Angen sind gespannt nach Wastington richtet.

Die bayrische Krise.

Das bahrische Belk

willigung eines Moratoriums für die Reparati onszahlung der Reparationskommission in Paris übertragen worden ist. Diese Mitteilung beden­tei natürlich einen Aufschub von wenigen Tagen, bis die Reparationskommission in die Lage ver­setzt worden ist, zu einer Entscheidung zu gelangen. Frankreich will kein Moratorium ohne die berüch­tigten„Pfänder", also Beschlagnahme der in staat lichem Besitz besindlichen Bergwerke und Forsten auf dem linken Rheinufer und Uebergriff auf das Ruhrgebiet. England ist sich der verhängnisvollen Folgen wohl bewußt, die ein solches gewalttätiges Vorgehen für das Wirtschaftsleben der ganzen Welt nach sich ziehen muß, und wird sich auch in der Reparationskommission wie in London dem mit allen Kräften widersetzen.. Der in London unen: schieden geführte Kampf zwischen beiden Mächten wird somit im Schoße der Reparationskommission seine Fortsetzung finden. Nach dem Verlauf der letzten Tage darf man annehmen, daß beide ver­suchen werden, Belgien und Italien auf ihre Seite zu ziehen. Im allgemeinen neigt Italien zu der

soll um seine Meinung befragt werden.

TII. München, 17. Aug. Der bayerische Ord­nungsblock i an den Ministerpräsidenten Graf

Leichenfeld ein Schreiven gerichtet, mit der Ausforderung. in dem Konflikt mit dem Reiche durch Volksabstimmung das bayerische Volk um seine Meinung zu befragen. Außerdem hauten der bauerische Ordnungsblock und andere Verväl de für gestern abend 8 Uhr zu einer großen Kundgebung aus dem Königsplan eingeladen, die sich gegen die in Berlin getrofsene vorläufige Ver­einbarung wenden sollte. An dieser Kundgebung gegen da? Berliner Abkommen nahmen über 00000 Menschen teil. Es kam zu keinerlei Zwischenfällen.

Drohende Ministerkrise in Bahern?

TU Munchen, 17. Aug. Der Bayerische Bauern­bund hat bereits seine Zustimmung zu den Berliner Vereibarungen gegeben. Die„Münch. N. N.“ sehen für den Fall der Ablehnung des Berliner Protokolls durch die anderen Parteien eine ernste Krisevoraus und schreiben, daß dann srohl der Bauernbund nicht mehr mitmachen wer­de und daß eine Ministerkrise die Folge. sein würde.

Markentwertung

und

Der fnrchtbare Markfturz der letzten Tage(Dol­kar über 1010 hat der ohnehin sretig freigenden Teuerung einen neuen Impuls gegeben. Erhö­bungen der Löhne und Gehälter wer­den sich nicht umgehen lassen, wodurch amrdings der mühsam ins Gleichgewicht gebrachte Haushalt der Reichsbeiriebe von neuem in Unord­g geraten wird. Man hört denn auch bereits schon wieder, daß die Tarise von Post und Eisen­bahn nicht unwesentlich heraufgesetzt werden müs­sen. Die Gewerkschaften ihrerseits verlangen nicht nur Lohnerhöhungen, sondern auch die teilweise

Rücklehr zur Zmangswirtschaft. Ganz

irder sich aber die„Rote Fahne". Diese

fordert die Arbeierschaft auf, zu„handeln", und verweist auf die von den freien Gewerkschasten im 921 aufgestellten zehn Punkte, die

der vor einigen Wochen in Leipzig tagende Gewerk­schaftskongret einstimmig billigte. Die zehn Punkte verlaigten belanntlich die Uebertragung

von 25 Prozent des Aktienlapitals

auf das Reich, die Sozialisierung

des Kehlenvergbaues, schärfste Erfassung

der Exporidevisen usw.

Die Gewerkschaften scheinen sich dazu treiben zu lassen, diese Forderungen erneut aufzustellen. Hierzu ist zu bemerken, daß es verhängnisvolle Folgen haben muß, wenn man in der gegenwär­tigen, für unsere Wirtschaft so kritischen Zeit mit Experimenten beginnt, deren Ausgang nach den bisberigen Erfahrungen mit Reichsbetrieben eigent­lich nicht mehr zweiselhaft sein tann. Die Durch­

setung dei zehn Puntte der Gewerkschaften würde vermutlich niemandem mehr Freude machen alt Herrn Poincaree, denn sie würde den Ruinder deutschen Industrie bedeuten. Die wirt­schaftliche und politische Zertrümmerung Deutsch­lands ist ja aber gerade das A und O der franzö­sischen Politik.

Die gewerkschaftlichen Forderungen haben aber neben der wittschaftlichen auch noch eine schwerwie­gende außenpolitische Bebeutung. Das Ausland muß das letzte Verrrauen in eine Gesundung Dentschland. verlieren, wenn bei jeder Krisis die

wir d. rchmachen, von unberufener Seite eine Art Nebenregierung unsgemacht wird, wenn die Ge­wertschaften durch Anwendung ihrer wirtschaft­lichen Mernt die Regierung zur Durchführung so weittragender Maßnahmen zwingen wollen, wie sie die Wiederennführung der Zwangswirtschaft, die Sotialisierung des Kohlenbergbaues usw. darstel­len. Die nene Jeuerungswelle macht neue Lohn und Gehaltserhöhungen selbstverständlich ersorderlich. Die iber zu führenden Verhandlungen dürfen aber nicht mißbraucht werden.

Teuerungsberhandlungen.

TUI. Berlin, 17. Aug. In einer stattgehabten weieezen Zusammenkunft der freigewerk­schaftlichen Spirenverbände wurde beschroffen, auch die Verbände der christlichen und irsch. Dnnckerschen Richrung in die Teuerungsak­tion lii der Reichsregierung hineinzuziehen. Zwi­schtendurh wollen Vertreter der freien Gewerkschaften bereits mit der Regierung Fühlung nehmen in der Nichlung aus Dueckführung der zehn Forderungen des Leittiger Gwertschaftslongresses. In den Kreisen der Christlichen ist man über den Erfolg eines folchen Schlittes vorerft noch sehr skeptischer Ansicht, tält jedoh eine Verarung zur Besserung der Wirtschaftsinge für durchand nötig.

*

Ti. Berlin, 17. Aug. Wie die TU. hört, haben gestern im Reichsfinanzministerium zur F#rage der unmittelvar bevorstehenden Teu­erungsaltionen der Gewerkschaften Besprechungen zwischen den Vertretern der Länder und der Ressorts stattgefunden. Die einschlägigen Verhandlungen mit den Arbeitnehmervertretern selbst sollen heute, Donnerstag, vor mit­tag 10 Uhr ihren Anfang nehmen.