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Die„Schwerter Zeitung“ erscheint werktäglich. n Hauptgeschästzstelle, Druck und Verlag: Corl Braus. Celegr. Adr.=Braus, Schwerteruhr. Cel.62. Postscheck: Dortmund 2852 Verantwortliche Schriftleitung: Karl Nichter; Stadt und Provinz­Itiedr.Kraas; sämtlich in Schwerte.

Nr. 165

Montag, 17. Juli 1922

55. Jahrgang

Zum Geleit.

Es reut mich nicht!

Mich reut kein Schärflein, das am Weg der Arme, im Bett ein Kranker ungeprüft empfing. Daß durch ein Antlitz trüb und bleich vom Harme wie Sonnenblick ein flüchtig Lächeln ging.

Und warf ich oftmals auch mein Brot ins Wasser, Gott selbst im Himmel füttert manchen Wicht. Mich macht ein Schelm noch nicht zum Menschenhasser. Es reut mich nicht!

Karl Gerock.

Neueste politische Nachrichten.

Die Revierkonferenz des Alten Verbandes, welche gestern in Bochum stattfand, nahm mit 273 gegen 15 Stimmen die Essener Vereinbarungen an, so daß also ein Bergarbeiterstreik vermieden wird.

Der Abg. Wulle beabsichtigt die Gründung einer deutschvölkischen Partei nach dem Muster der italienischen Faszisten.

Padervorn findet am 21. Juli ein westfä­lischer Bauerntag der Zentrumspartei statt.

*

Nach der vorläufigen Antwort der Reparati­ohskommission muß die auf 32 Millionen Goldmark herabgesetzte Julirate be­zahlt werden. Die Entscheidung über den bean­tragten Aufschub der weiteren Zahlungen wird bis nach Kenntnisnahme des Berichts des Garan­tieausschusses vorbehalten.

Nach der Deutschen Allgemeinen Zeitung traf der russische Volkskommissar für Auswärtiges,

Tschitscherin, wieder in Berlin ein.

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Kunde.

Im Zusammenhug mit dem in ganz Frank­reich geseierten Nationalfest wurde in Straß­burg ein Standbild der Marseillaise

enthüllt.

Gestern fand in Brüssel die Schlußsitzung der 3. Konferenz der nationalen Union für Tuverkulosebekämpfung statt. Die nächste Konferenz wird im Jahre 1924 in der Schweiz abgehalten werden.

: Vor einigen Wochen fanden in Jüterbog Auf­nahmen für den Film Fridericus Rex, 3.Teil statt. Bei diesen Aufnahmen haben Angehörige zweier Reichswehrregimenter als Statisten Leilgenom­men. Da das einem Verbote zuwiderlief, wurden beide Regimentskommandeure ihres Postens ent­hoben.

Im braunschweigischen Staatsbaushaltplan sind für 1922 für die Kriegsveschädigten= und Kriegshinterbliebenen=Fürsorge 3959000 Mark eingesetzt worden, dazu aber noch 2041000 Mart „Verwaltungskosten“, für diesen Zweck! Die bloße Verwaltung verschlingt aber den 5. Teil dessen, was für die ganze Unter­

stützung aufgewendet wird.

*

Insbruk fanden Massenversammlun­gen der bürgerlichen Parteien gegen den Ver sailler Vertrag statt. So etwas sollten sich mal die bürgerlichen Parteien in Deutschland er­lauben!

*

Ein Berliner mietete am Scharmützelsee für sich und seine Frau eine kleine Bauernstuve mit zwei kleinen, schmalen Strohsackbetten. Die Frau reinigte das Zimmer selbst und fing auch eigenhändig allerlei Wanzen und anderes Getier. Preis: 100 M pro Tag, 3000“ für einen Monat!

Der„Reigen“ hatte in Neumünster keinen guten Empfang. Die EBIM.=Mitglieder verbündeten sich mit allen übrigen Jugendorgani­sationen zu einem Demonstrationszug gegen dies Schmutzstück, womit das aussterbende Stadttheatei die Einwohner beglücken wollte. Etwa 50 Platate mit unzweidentigen Werturteilen über das Stück wurden umgetragen Vor dem Theaten wurde für die Besucher eine Gasse gebildet und ihnen die Schilder vors Gesicht gehalten, während statt der „Spießruten" Pfuirufe die Theatergäste über die Sache ausklärten. Wo in mittleren Städten so kraftvoller Einspruch erhoben wird, da verfehlt er seine Wirkung auf Theaterleitung und Publikum nicht.

Ein trauriges Bild vom sittlichen Nie dergang unseres Volkes entrollte der Jahresbericht der Hamburger Sittenpolizei. Sie zählte 248 296 neue Eingänge im letzten Jahr. Am Ende desselben waren 3125 Personen unter strenger 2166 unter leichter Sittenkontrolle, davon 2411 neu, und es wird bemerkt, daß sich das unter Sitten­kontrolle kommende Menschenmaterial bedenklich dem Alter nach unter 20 verjünge. Wie gesund­heitsgefährlech diese Zustände sind, ergibt sich daraus, daß sich von den verhafteten männlichen und weiblichen Personen 4333 als ge­

schlechtskrank erwiesen. Die Steuer­zahler aber haben für die Sittenpolizei allein die Besoldung von einem halben Tau­send aktiver Beamten aufzubringen.

Gegen die Bildung einer sozialdemokratischen Arbeitsgemeinschaft soll auf bürgerlicher Seite ein Gegengewicht geschaffen werden. Die Ver­handlungen darüber haben am Sonnabend einge­setzt und hatten Aussicht, zu dem Ergebnis zu führen, daß sich vielleicht zunächst Zentrum und Deutsche Volkspartei zu einer taktischen Arbeits­gemeinschaft zusammenschließen. Dieses Zusam­mengehen wird dadurch erleichtert, daß im Zen­trum der frühere preußische Ministerpräsident Stegerwald an Einfluß immer mehr gewinnt, während der Anhang des Herrn Dr. Wirth an Einfluß immer mehr verliert. Der engere Zu­sammenschluß auf bürgerlicher Seite würde eine ganz klare Linie schaffen und jeden Versuch der So­zialdemokraten, die Lage maßgevend zu beeinflus­sen, vereiteln. Man kann deshalb damit rechnen, daß durch das feste Zusammenhalten der bürger­lichen Parteien dem neuesten Vorstoß der Sozial­demokraten die Spitze abgebogen wird.

Präsident Ebert.

* Der wöchentliche Umsatz an trinkbarem Reichsschnaps ist nach einer Mitteilung des Finanzministers auf 76000 Flaschen gestiegen. Gleichzeitig teilt das statistische Amt mit, daß die Zahl der wegen alkoholischer Geistesstörungen in de Irrenanstalten Aufgeommenen sich seit 1918 verdoppelt hat. Blättermeldungen zufolge bieten auch die Reichs=Verkehrsanstalten ihren Beamten den Reichsschnaps zu ermäßigtem Preise an. Bis­Her hat man in Volk und Regierung gemeint, dort

sti Nüchternheit besonders nötig.

*

* Die dritte norwegische Warenmesse ###det vom 3. bis 10. September statt. Die beiden sküheren Messen, die auch stark von Deutschen be­sücht war, hatten einen großen Erfolg zu ver­zeichnen.

*

Marconi ist jetzt mit Experimenten beschäftigt, die er auf seiner Yacht„Elektra“ vornimmt. Er hat eine zweiwöchige Kreuzfahrt zwischen den Ajo­in und den Bermadas=Inseln unternommen. Da­bei ist es ihm gelungen, die Geschwindigkeit in der Uebermittlung von Telegrammen vwon 60 auf 100 Worte in der Minute zu steigern.

Das in der Nacht zum Pfingstmontag aus dem Stuttgarter Museum der bildenden Künste ge­stohlene Rembrandtgemälde(Paulus im Ge­fängnis) ist wieder herbeigeschafft. Als Täter und Hehler sind mehrere Personen festgenommen.

Politische Sensationen.

Einigung rechts gegen Einigung links.

Die Arbeitsgemeinschaft der sozialdemokra­tischen Fraktionen kann sich nach zwei Seiten hin auswirken. Die in der letzten Zeit von den Kom­munisten zurückgekehrten Unabhängigen haben dem Abschluß der Arbeitsgemeinschaft sehr starken Widerstand geleistet, sind aber in der Minderheit geblieben. Es ergibt sich wohl von selbst, daß diese Elemente durch die taktische Arbeitsgemeinschaft mit den Mehrheitssozialdemokraten bis zu einem gewissen Grade jetzt gebunden sind, so daß die extravaganten Forderungen der Ledebour, Levi und Genossen aus dem sozialdemokratischen Akti­onsprogramm verschwinden werden. Auf der andern Seite aber ist ebenso unverkennbar, daß die sozialdemokratische Front eine erhöhte Stoßtraft erfahren hat und das sich dies in einer entschiede­neren Vertretung der sozialdemokratischen Forde­rungen geltend machen wird. Es kommt nur darauf an wie weit diese Forderungen gehen werden. Auf bürgerlicher Seite gibt es eine ganz bestimmte Grenze des Nachgebens.

Der Reichspräsident Ebert ist im Laufe des Sonnabend Vormittags von Freudenstadt in Ber­lin eingetrossen. Er traf um 11 Uhr mit dem Reichskanzler zu einer Unterredung zusammen, die sich auf die politische Lage bezog und bis über Mittag hinaus andauerte.

Im Laufe des Nachmittags waren Verhand­

lungen des Reichskanzlers mit den Vertretern der Koalitionsparteien. Von dem Verlauf dieser Be­sprechungen wird es abhängen, ob der Präsident es für nötig hält, von sich aus in die Gestaltung der parlamentarischen Lage einzugreifen.

Der Plan des Reichskanzlers.

Berlin, 17. Juli. Der Reichskanzler wird dem Reichspräsidenten den Vorschlag machen, daß eine Erweiterung der Koalition nach Links ange­

sichts des Widerspruchs der Demokraten und des Zentrums und nach links und rechts infolge der schroffen Ablehnung seitens der Sozialdemo­kraten keinen gangbaren Weg darstellt. Er will die Auflösung des Reichstages da­durch verhindern, daß aus eigener Initiative eine Umbildung des Kavinetts vorgenommen wird durch die Aufnahme eines unab hängigen Sozialdemokraten.

Wie wir hören, hat der Reichskanzler auf die­sem Gebiete bereits vorgearbeitet und den sozial­demokratischen Fraktionen eine Erweiterung des Kavinetts in der Weise vorgeschlagen, daß ein Mann der Linken in das Kabinett eintritt und gleichzeitig ein Mann, den man mehr der Volks­partei zuzählen kann. Auf diese Weise würde eine einseitige Störung des Gleichgewichtes ver­mieden. Als aussichtsreichste Kandidaten werden genannt Hilferding für das Reichsfinanzmi­nisterium und der Botschafter Wiedfeldt in Washington, der nach Berlin unterwegs ist, für das Auswärtige Amt. Der Reichsfinanz­minister Hermes soll das Wiederaufbauministe­rium erhalten. Als weiterer Kandidat für den Posten des Außenministers wird neuerdings neben dem Herrn von Raumer Staatssekretär a. D. von Bergmann genannt, der lange Zeit hin­durch die deutschen Finanzinteressen gegenüber der Reparationskommission in Paris wahrgenommen hat.

und die Beamten der Republik.

Deutscher Reichstag.

Berlin, 16. Juli.

Sitzung vom 15.

Der Reichstag steht vor bedeutsamen Entschei­dungen. Zunächst bewilligte man ein Notge setz, das die Bestimmungen über den Ersatz de schädigter Banknoten verschärft.

Einmütige Zustimmung fand auch ein Antrag aller Parteien, der

eine Neuregelung der Volkowohlfahrt und des Armenwesens verlangt, damit alte Män­ner und Frauen, die sonst kein Anrecht auf Un­terstützung haben, nicht elend zugrunde gehen. Das

Hauptinteresse wandte sich dann dem Gesetzent­

wurf über die

Pflichten der Beamten

zum Schutze der Republik zu. In dieser Vorlage werden die Bestimmungen festgelegt, damit die Beamten in keiner Weise gegen die Republik ar­

beiten. In einer Entschließung wurde verlangt. daß die Personalreferenten nur zuverlässigen re­rublikanischen Beamten zu übertragen sind.

Die Deutschnationalen ließen durch den Abg.

Schultze eine ablehnende Haltung darlegen. Sie sahen im Gesetz eine politische Entrechtung der Be­amten und erinnerten daran, daß man den Be­amten früher zugesagt hätte, daß man ihnen an ihren Rechten nichts schmälern würde.

Der Zentrumsredner Dr. Höfle fand sich sreundlich mit dem Beamtenpflichtgesetz ab. Er warf den Rechtsparteien vor, daß sie grundsätzlich alles ablehnen, was von dieser Regierung komme.

Die Frage des Streikrechts der Be­amten solle in dieser Vorlage nicht geregelt werden.

Der frühere Charlottenburger Obervurgermei­ster Dr. Scholz(D. V.) stellte mit leichten Sar­lasmus fest, daß bei dieser Vorlage rechter Hand linker Hand völlig vertauscht sei, weil die Rechte für die freie Meinungsäußerung und die Linke für den Obrigkeitsstaat, die Kabinettsjustiz und die mittelalterlichen Schreckenskammern eintrete.

Die Regierung aber erklärte, die ganze Geschichte sei sehr harmlos und ändere an den bestehenden Zuständen nichts. Dann sei die ganze Vorlage überflüssig.

Der demokratische Redner Dr. Haas vertei­digte die Vorlage mit dem Hinweis darauf, daß die frühere Regierung von den Beamten unbedingt verlangt hätte, daß sie für die bestehende Staats­form eintreten.

Der unabhängige Sozialdemokrat Levy maß der Vorlage nur temporeren Charakter bei, während der Kommunist Eichhorn darauf hinwies, daß sie an und für sich nur eine Selbst­verständlichkeit sei.

Das bestritt Dr. Deermann(Bay. Volks­partei).

Der Sozialdemokrat Steinkopf wies dar­auf hin, daß es in Beamtenkreisen vielfach als un­anständig gelte, Republikaner und Sozialdemokrat zu sein. Das dürfte nicht so weiter gehen.

Die Beschlüsse des Ausschusses wurden ange­nommen.

Am Montag wird die zweite Lesung des Reichs­kriminalgesetzes erfolgen.

Aus Stadt und Land.

Schwerte, 17. Juli.

** Die Opferfreudigkeit der Schwerter Einwoh­

nerschaft. Das Notopfer für die Innere Mission wird jetzt in Iserlohn eingesammelt. Dazu gilt der Ertrag der Sammlung in unserer Stadt Schwerte als Vorbild. Denn wir lesen in einer Bekanntmachung im Iserlohner Kreisanzei­ger folgende Sätze: Mit einem kleinen Ertrag ist den Anstalten nicht geholfen, es müssen Millionen in unserer Provinz zusammenkommen. In unse­ren Nachbarstädten Altena und Schwerte ist die Kollekte schon eingesammelt und hat in jeder Stadt etwa 200000 Mark eingebracht. Soll Iserlohn dahinter zurückstehen? Wer 1000 oder mehrere Tausend geven kann, der hilft dazu, daß die Gabe unserer Nachbarstädte noch schneller erreicht wird. Geben ist leichter, als Sammeln.

** Aus der Bewegung der Kinderreichen. Am

23., 24. und 25. Juni fand in Weimar die dies­jährige Hauptversammlung sämtl. Bünde des Reichsverbandes statt. Bei der Hauptsitzung waren Vertreter der Landesregierung, der verschiedenen Besenntnisse und einiger größeren Wohlfahrts­vereinigungen anwesend. Der Oberbürgermeister von Weimar begrüßte die Versammelten. Beson­ders stark waren die Bünde von Westfalen ver­treten, die nach Zahl und Einzelmitgliedern die zweite Stelle einnehmen. Im Laufe der Tagung hielt Prof. Dr. med. Kuhn aus Dresden einen Vortrag über die Forderungen der Kinderreichen und Prof. Dr. jur. Thomsen aus Münster einen