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Nr. 111

Freitag, 12. Mai 1922.

55. Jahrgang

Zum Geleit.

Es ist schwer, den Gedanken zu ertragen, daß drei oder vier französische Advokaten das Schicksal von vierzig bis fünfzig Millionen Menschen ent­scheiden und, weil auch wir die gute Zeit, wo wir uns hätten helfen können, verschlummert haben, uns in unserer gewohnten Lebensordnung zu stö­ren und, wie jener alte Räuber, mit Gewalt in ihr eisernes Bett zu legen und so lange an uns zu stümmeln und zu recken, bis wir so kurz oder so lang sind, als sie uns haben wollen.

Wieland

Gespräche unter vier Augen, IV(1798).

Für eilige Teser.

Neuigkeiten aus Nah und Fern.

Der Papst nimmt in einem Brief an die Konferenz in Genua Stellung zur russischen Frage und ersucht um Aufnahme von drei bestimmten Forderungen in das Abkommen mit Rußland.

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Der Präsident des Beard of Traide gibt be­kannt, daß Deutschland seinen Verpflichtungen, die ihm der Vertrag von Versailles hinsichtlich der Ablieferung von Schiffen auferlegte, in zufriedenstellender Weise nachgekommen ist.

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Wie italienische Blätter bereits mitteilen, wird Italien in das zwischen England und Frankreich in San Remo abgeschlossene Pe­troleumabkommen eintreten.

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In amerikamischen Kreisen verlautet, daß nach der Konferenz von Genua eine wirtschaftliche Kon­ferenz zwischen England, Holland und Rußland stattfinden werde, wo die Verteilung der Petro­leumkonzessionen im Gebiet von Baku neu sgeregelt werden soll.

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Ein französisches Büro in Wiesbaden wandte sich kürzlich an die Gemeindevertretung der Ba­zeorte Sylt und Juist wegen„möglichst bil­liger Aufnahme“ der in Deutschland wei­lenden Franzosen. Beide Gemeinden ha­ben nun in ihrer Antwort sehr deutlich zum Aus­druck gebracht, daß ihnen französische Kurgäste nicht erwünscht seien, da ihre Anwesenheit nicht zur Erholung der abgearbeiteten Deutschen bei­tragen würde.

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Auch die Schöpse werden immer teurer. Auf der letzten Bock=Auktion in Berlin wurden für 85 Zuchtböcke über vier Millionen Mark er­zielt. Der Durchschnittspreis betrug 4000 cl. Die teuersten Tiere gingen für 150000, 160000, 175 000 und 190000 ck in andere Hände! *

Nach dem Jahresbericht der Allgemeinen Ortskrankenkasse in Berlin für 1920 betrugen die Einnahmen rund 120 Millionen A gegen 48,5 Millionen in 1919. An Krankengel­dern usw. wurden gezahlt 93.6 Millionen gegen 35 Millionen in 1919. Das Honorar der Aerzte betrug 14 Millionen gegen 5,2 Millionen, die Ver­waltungskosten aber 15,9 Millionon gegen 6,8 Mil­lionen. Das Vermögen der Kasse stieg um 22 Millionen gegen 5 Millionen in 1919. Es lassen sich allerlei Gedanken an diesen Rechnungsabschluß knüpfen.

In Sondershausen wurde ein dreijähriges Mädchen von einer Ratte so sehr gebis­sen, daß es bald darauf starb.

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Auf die Note der Botschafterkonfe­renz vom 14. März 1922, die den von Deutsch­land gestellten Antrag auf Tragung der Auf­standsschäden in Oberschlesien durch die Al­liierten ablehnt und die Bezahlung durch örtliche Einnahmen fordert, hat Deutschland den Kabi­netten in London, Rom und Paris eine neue Note zugehen lassen, in der zu einer erneuten Prüfung der Angeleheit aufgefordert wird.

Heute beginnt die Tagung des Völker­bundrates mit einer öffentlichen Sitzung, in der das albanische Problem und die Danziger Fra­ge zur Erörterung kommen.

Auf Antrag des Landwirtschaftsministers wies das preußische Staatsministerium zur Beschaffung einer ausreichenden Menge von Futter­mitteln für das notleidende Eifelgebiet und den Hunsrück Kredite bis zu 20 Millionen Mark an, die sofort zur Verfügung stehen.

Zwischen England und Italien soll ein allge­meines Abkommen geschlossen sein, welches haupt­sächlich die Interessen Italiens im Mittelmeer sichert.

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Eine Reichsausstellung für kalonial­waren und Lebensmittel veranstaltet in diesem Jahre vom 5. bis 12. August in Hamburg der Reichsverband Deutscher kolonialwaren= und Lebensmittelhändler.

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Neue Verhandlungen zwischen Mexiko und den Vereinigten Staaten sind angebahnt, die darauf hinaus gehen, nunmehr endgültig Mexi­

ko von den Vereinigten Staaten anerkennen zu slassen. Es werden Mexiko verschiedene Bedin­gungen auserlegt, durch die man hofft, den Streit aus der Welt schaffen zu können.

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Die Flucht des Oberleutnants zur Sec Boldt aus dem Gefängnis am 17. Sep­tember 1921 beschäftigte am Montag das Hambur­ger Landgericht. Drei Gefängnisbeamte, zwei Gefängniswachtmeister und ein Bureaugehilfe wa­ren beschuldigt, Boldt aus Fahrlässigkeit die Flucht ermöglicht zu haben. Sie wurden freigespro­chen und die Erstattung der ihnen erwachsenen Auslagen der Staatskasse auferlegt.

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Ueber 600 Vertreter der plattdeutschen Verbände in den Vereinigten Saaten werden zu einem Besuch der deutschen Heimat am 18. Mai mit dem Dampfer„Hansa" in Cuxhaven ein­treffen und von einer Abordnung des Hamburger Senats und der Bürgerschaft empfangen werden.

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Die„Daily Expreß" berichtet in einem Tele­gramm, daß der britische Bechamtrust Rechte er­warb, um in Moskau Häusergruppen zu mieten und wiederherzustellen.

Genua.

Lloyd George will die Konferenz zu Ende führen.

London, 11. Mai. Dem Berichterstatter des „Daily Chronicle" zufolge muß die Genueser Konferenz erledigen: 1. Das Uebereinkommen mit Rußland, 2. dieegelung der östlichen Grenzen und 3. den Pakt.Man könne von einer Regelung oder einem Frieden in Europa nicht sprechen, be­vor nicht die Anerkennung und die Festsetzung der Grenzen im Osten endgültig durchgesetzt sei. Der Korrespondent fährt fort: Lloyd George beabsich­tige, die Konferenz unter allen Umständen zu Ende. zu führen. Lloyd George sei nicht allein in seinem Entschluß, sondern habe die Führer des größten Teiles Europas auf seiner Seite.

Der Anleiheplan.

Paris, 11. Mai.„Chicago Tribune“ schreibt: Nach dem Plane, der von der Entschädigungskom­mission günstig aufgenommen wurde, erhalte Deutschland möglicherweise eine Anleihe von 5 Milliarden Goldmark, die ihm die Möglichkeit gebe, sicheseiner am 31. Mai und in den nächsten Jahren fälligen Verpflichtungen zu entledigen. Der Plan sehe vor, daß die Kommis­sion und alle Länder, die sich an der Anleihe be­teiligen werden, Obligationen für 10 bis=20 Jahre erhalten, die Deutschland garantiert. Deutschland werde den Zinsendienst der Obligationen mit Hilfe der starken Industrietätigkeit und neuer Steuern gewährleisten. Man nehme an, daß die fran­zösische Regierung mit dem Plane ein­verstanden sei.

Um die russische Antwortnote.

Berlin, 11. Mai. Aus Genua wird gemeldet, daß die Russen mit ihrer Arbeit an der Antwort auf das englisch=italienische Memorandum noch nicht zu Ende gekommen sind. Sie arbeiten noch immer an der Glattung verschiedener Stellen, von denen zu befürchten wäre, daß sie bei den Emp­fängern der Antwort Anstoß erregen könnten. Hieraus darf der Schluß gezogen werden, daß man den Weg für weitere Verhandlungen nicht ver­bauen will.

Keine Verwicklungen am 31. Mai.

Paris, 11. Mai. In der gestrigen Sitzung der

Senatskommission für auswärtige Angelegenhei­ten wurde zum Ausdruck gebracht, daß durch die deutsche Antwort alle Komplikationen, die man zum Verfalltage am 31. Mai vorausgesehen hatte, vermieden werden.

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Russen ist da!“

Soeben erreicht uns noch folgende Draht­nachricht(nach Schluß der Redaktion ein­gegangen):

TU. Genra, 12. Mai. Gestern nachmittag wurde die russische Antwort veröffentlicht. In der italienischen Delegation ist man von der Antwort nicht gerade sehr entzückt, einige Punkte könnten aber als Verhandlungsbasis ange­nommen werden. In französischen Kreisen ist man empört und sieht in der ganzen Antwoct nur eine gegen Frankreich und Belgien gerichtete Spitze.

Lloyd George hat in der Antwort einen sehr wichtigen Punkt entdeckt, der befriedige, nämlich, daß Rußland den Frieden wünscht.

Sobald die Delegationen mit der Prüfung der Note fertig sein werden, wollen de Facta, Lloyd George, Schanzer und Barthou konferieren und wenn diese Besprechungen abgeschlossen sind, auch die Vertreter der anderen Signatarmächte des Memorandums zu den Verhandlungen hinzuzie­hen, wahrscheinlich auch die russische Delegation.

Feuergefährliches Petroteum.

I.

Ein Streitobjekt in Genua.

Von den Franzosen ist bei den Streitereien in Genua viel Aufschen von dem angeblich hinterli­stigen Verhalten Englands, das heimlich die Ge­samtausbeutung der russischen Petroleumquellen in Batu zu erhalten suche, gemacht worden. Zu diesem Streit, auf den auch der belgische Wider­stand gegen das russische Memorandum zurückge­führt wird, behauptet der Genueser„Secolo", daß zwischen England und Rußland kurz nach der Beendigung der Konferenz ein Abkommen unter­zeichnet werden soll, für das schon jetzt alle Ein­zelheiten vorbereitet worden seien. Danach soll die Zone von Baku=Großny von zwei Gesellschaf­ten des englischen Shelltrustes übernommen wer­den, der sich den Ausbau der Rohrleitungen und die Absatzhäfen gesichert haben soll. Die Russen würden das Recht auf 25 Prozent der Produktion erhalten, während das verbleibende Petroleum auf Rechnung des Trustes verwendet und verkauft wer­den soll.

Dagegen dementierte der in Genua weilende Vertreter des angegriffenen Shelltrustes, Oberst Boyle, bereits mehrere Male, daß die Shell=Com­pany einen Vertrag mit Rußland abgeschlossen ha­be. Uebrigens handele es sich nicht allein um die Petroleumfrage, sondern auch um die Mangan­erzfrage. Diese sei mindestens ebenso wichtig wie die Petroleumfrage. Die Shell=Company habe vor dem Kriege 30 Prozent Oel= und Manganerzfelder in Rußland besessen und sie verlange nicht nur dieses Eigentum zurück, sondern auch noch eine Entschädigung für die Zerstörungen. Es sei klar, daß die Shell=Company aus diesem Grunde ein Interesse daran habe, welches Abkommen die eng­lische Regierung mit Rußland abschließen werde.

Deswegen sei er in Genua. Sobald ein mit Ruß­land abgeschlossenes Abkommen vorliege, das die gefahrlose Wiederaufnahme der Beziehungen er­mögliche, sei die Shellgruppe vorbereitet, auch ihrerseits sofort die Beziehungen zu Rußland wie­der aufzunehmen.

Im übrigen sind in dieser Beziehung auch die Franzosen und Amerikaner am Werke. Vertreter der amerikanischen Standard=Oil=Company, an der auch französische Interessen beteiligt sind, und die schon sowieso fast den gesamten Weltpetroleum­markt beherrscht, weilen gleichfalls in Genua. Im übrigen hat sich diese amerikanische Gesellschaft genügende Beteiligung bei den Nobelwerken, denen bekanntlich die Quellen von Baku im Grunde ge­nommen gehören, gesichert. Es hat also eigentlich keine der beiden streitenden Parteien der anderen etwas vorzuwerfen.

Dutschlands Petroleumansprüche.

TU. Genua, 12. Mai. Stark beachtet wurde gestern in Entenkreisen der Konferenz die Ankunft des deutschen Petroleumsachverstän­

digen Direktor Lehnert.

Tazu kommt auch, daß Italien einen 15pro­zentigen Anteil an der Petroleumausbeutung

beabsichtigt. Es treten jetzt

immer deitlicher einzelne Vorteile des Bertrages von Rapallo in den Vorbergrund, benn es ist allen Konserenzteilnehmern klar, daß die deutschen Aa­sprüche zur Deckung des deutschen Petroleumbe­

darfs in erster Linie berücksichtigt werden müssen.

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II.

Niesenbrand auf den Petroleumfeldern von Bakn.

Berlin, 11. Mai. Nach Meldungen aus Kon­stantinopel ist auf den Petroleumfeldern von Baku ein Riesenbrand ausgebrochen. Es sind über­menschliche Anstrengungen notwendig, um eine Ausbreitung auf den gesamten Distrikt von Su­rockbanski zu vermeiden. Mehrere Brunnen sind bereits vollständig zerstört. Man glaubt, daß die revolutionären Sozialisten den Brand verursacht haben.

das Streikrecht der Beamten.

Deutscher Reichstag.

Berlin, 12. Mai.

(Sitzung vom 11. Mai.)

Das Reichsparlament setzt die 2. Lesung des Reichsverkehrsetats fort. Geheimrat Dr. Quaay von der Deutschen Volkspartei bringt zahlreiche sachliche Beanstandungen des gegenwärtigen Zu­standes der Eisenbahnen vor und glaubt, daß in diesem Jahre die Bahnen ein Defizit von einigen 20 Milliarden haben werden. Er teilte also durch­aus nicht den Optimismus Groeners. Das deut­sche Verkehrswesen sei seiner Aufgabe im vorigen Winter nicht gerecht geworden. Die Verwaltung müsse nach kaufmännischen Grundsätzen reformiert werden.

Ihm wie den anderen Kritikern tritt der Reichsverkehrsminister Groener ent­gegen. Er betont nochmals seinen Optimismus, den er dem Pessimismus seiner Vorredner ent­gegenstellt.

Der Zustand der Reichsbahnen

sei bisher nicht rosig. Aber berücksichtige man, daß die einzelnen Wagen infolge der Valutaver­schiebung und der Ablieferungen auf Grund des Friedensvertrages bedeutend mehr leisten müßten. als früher, berücksichtige man bei einer Gegenüber­stellung auch die Gebietsverluste, die wir erlitten haben, so seien die Vorkriegsleistungen erreicht. Das Defizit von 16,5 Milliarden habe das Reich von den Ländern übernommen. Der Minister meint, das Jahr 1922 werde günstiger abschneiden.

Der Minister kommt dann auf die Personalpo­litik zu sprechen, die die größten Schwierigkeiten mache. Durch das Eisenbahnfinanzgesetz solle die Verwaltung selbständiger gemacht werden. Ein neuer Entwurf hierzu werde jetzt ausgearbeitet. Die Verhandlungen über die Dienst und Ruhe­zeit schweben und werden hoffentlich zu einem be­

friedigenden Ergebnis führen. Ein Streikrecht der Beamten besteht nicht.