Erstes und ältestes Cagesorgan des Kreises.— Goneralauzeiger für den Kreis Hörde.
Verbunden mit: Schwerter Cageblatt und Anzeiger Schwerter Dolkszeitung Schwerter Dolksblatt
Amtliches Kreisblatt für den Kreis Hörde.
Westhofener Zeitung Aplerbecker Zeitung Langscheder Zeitung Holzwickeder Zeitung
Die„Schwerter Zeitung" erscheint werktäglich. n Hauptgeschäftsstelle, Druck und Verlag: Carl Braus. Celegr. Adr.: Braus, Schwerteruhr. Cel. 62. Dostscheck. Dortmund 2852 Verantwortiiche Schriftleitung: Kar! Richte:; Stadt und ProvinzSriedi. Kraas; sämtlich in Schwerte.
Regelmäßige Beilagen: Schwerter Hausfrau und Mutter.
Aus dem Reiche der Mode. Heimatblätter. n Lustiges Allerlei. Kinderzeitung: Unser Blatt. n Unterchaltungs- u. Romanbeilage. u Spiet, „Sport und Curnen. m Lebenebild. Runst u. Wissen. u Gartenratschläge.
Nr. 111
Freitag, 12. Mai 1922.
55. Jahrgang
Zum Geleit.
Es ist schwer, den Gedanken zu ertragen, daß drei oder vier französische Advokaten das Schicksal von vierzig bis fünfzig Millionen Menschen entscheiden und, weil auch wir die gute Zeit, wo wir uns hätten helfen können, verschlummert haben, uns in unserer gewohnten Lebensordnung zu stören und, wie jener alte Räuber, mit Gewalt in ihr eisernes Bett zu legen und so lange an uns zu stümmeln und zu recken, bis wir so kurz oder so lang sind, als sie uns haben wollen.
Wieland
Gespräche unter vier Augen, IV(1798).
Für eilige Teser.
Neuigkeiten aus Nah und Fern.
Der Papst nimmt in einem Brief an die Konferenz in Genua Stellung zur russischen Frage und ersucht um Aufnahme von drei bestimmten Forderungen in das Abkommen mit Rußland.
*
Der Präsident des Beard of Traide gibt bekannt, daß Deutschland seinen Verpflichtungen, die ihm der Vertrag von Versailles hinsichtlich der Ablieferung von Schiffen auferlegte, in zufriedenstellender Weise nachgekommen ist.
*
Wie italienische Blätter bereits mitteilen, wird Italien in das zwischen England und Frankreich in San Remo abgeschlossene Petroleumabkommen eintreten.
*
In amerikamischen Kreisen verlautet, daß nach der Konferenz von Genua eine wirtschaftliche Konferenz zwischen England, Holland und Rußland stattfinden werde, wo die Verteilung der Petroleumkonzessionen im Gebiet von Baku neu sgeregelt werden soll.
*
Ein französisches Büro in Wiesbaden wandte sich kürzlich an die Gemeindevertretung der Bazeorte Sylt und Juist wegen„möglichst billiger Aufnahme“ der in Deutschland weilenden Franzosen. Beide Gemeinden haben nun in ihrer Antwort sehr deutlich zum Ausdruck gebracht, daß ihnen französische Kurgäste nicht erwünscht seien, da ihre Anwesenheit nicht zur Erholung der abgearbeiteten Deutschen beitragen würde.
*
Auch die Schöpse werden immer teurer. Auf der letzten Bock=Auktion in Berlin wurden für 85 Zuchtböcke über vier Millionen Mark erzielt. Der Durchschnittspreis betrug 4000 cl. Die teuersten Tiere gingen für 150000, 160000, 175 000 und 190000 ck in andere Hände! *
Nach dem Jahresbericht der Allgemeinen Ortskrankenkasse in Berlin für 1920 betrugen die Einnahmen rund 120 Millionen A gegen 48,5 Millionen in 1919. An Krankengeldern usw. wurden gezahlt 93.6 Millionen gegen 35 Millionen in 1919. Das Honorar der Aerzte betrug 14 Millionen gegen 5,2 Millionen, die Verwaltungskosten aber 15,9 Millionon gegen 6,8 Millionen. Das Vermögen der Kasse stieg um 22 Millionen gegen 5 Millionen in 1919. Es lassen sich allerlei Gedanken an diesen Rechnungsabschluß knüpfen.
In Sondershausen wurde ein dreijähriges Mädchen von einer Ratte so sehr gebissen, daß es bald darauf starb.
*
Auf die Note der Botschafterkonferenz vom 14. März 1922, die den von Deutschland gestellten Antrag auf Tragung der Aufstandsschäden in Oberschlesien durch die Alliierten ablehnt und die Bezahlung durch örtliche Einnahmen fordert, hat Deutschland den Kabinetten in London, Rom und Paris eine neue Note zugehen lassen, in der zu einer erneuten Prüfung der Angeleheit aufgefordert wird.
Heute beginnt die Tagung des Völkerbundrates mit einer öffentlichen Sitzung, in der das albanische Problem und die Danziger Frage zur Erörterung kommen.
Auf Antrag des Landwirtschaftsministers wies das preußische Staatsministerium zur Beschaffung einer ausreichenden Menge von Futtermitteln für das notleidende Eifelgebiet und den Hunsrück Kredite bis zu 20 Millionen Mark an, die sofort zur Verfügung stehen.
Zwischen England und Italien soll ein allgemeines Abkommen geschlossen sein, welches hauptsächlich die Interessen Italiens im Mittelmeer sichert.
*
Eine Reichsausstellung für kalonialwaren und Lebensmittel veranstaltet in diesem Jahre vom 5. bis 12. August in Hamburg der Reichsverband Deutscher kolonialwaren= und Lebensmittelhändler.
*
Neue Verhandlungen zwischen Mexiko und den Vereinigten Staaten sind angebahnt, die darauf hinaus gehen, nunmehr endgültig Mexi
ko von den Vereinigten Staaten anerkennen zu slassen. Es werden Mexiko verschiedene Bedingungen auserlegt, durch die man hofft, den Streit aus der Welt schaffen zu können.
*
Die Flucht des Oberleutnants zur Sec Boldt aus dem Gefängnis am 17. September 1921 beschäftigte am Montag das Hamburger Landgericht. Drei Gefängnisbeamte, zwei Gefängniswachtmeister und ein Bureaugehilfe waren beschuldigt, Boldt aus Fahrlässigkeit die Flucht ermöglicht zu haben. Sie wurden freigesprochen und die Erstattung der ihnen erwachsenen Auslagen der Staatskasse auferlegt.
*
Ueber 600 Vertreter der plattdeutschen Verbände in den Vereinigten Saaten werden zu einem Besuch der deutschen Heimat am 18. Mai mit dem Dampfer„Hansa" in Cuxhaven eintreffen und von einer Abordnung des Hamburger Senats und der Bürgerschaft empfangen werden.
*
Die„Daily Expreß" berichtet in einem Telegramm, daß der britische Bechamtrust Rechte erwarb, um in Moskau Häusergruppen zu mieten und wiederherzustellen.
Genua.
Lloyd George will die Konferenz zu Ende führen.
London, 11. Mai. Dem Berichterstatter des „Daily Chronicle" zufolge muß die Genueser Konferenz erledigen: 1. Das Uebereinkommen mit Rußland, 2. dieegelung der östlichen Grenzen und 3. den Pakt.Man könne von einer Regelung oder einem Frieden in Europa nicht sprechen, bevor nicht die Anerkennung und die Festsetzung der Grenzen im Osten endgültig durchgesetzt sei. Der Korrespondent fährt fort: Lloyd George beabsichtige, die Konferenz unter allen Umständen zu Ende. zu führen. Lloyd George sei nicht allein in seinem Entschluß, sondern habe die Führer des größten Teiles Europas auf seiner Seite.
Der Anleiheplan.
Paris, 11. Mai.„Chicago Tribune“ schreibt: Nach dem Plane, der von der Entschädigungskommission günstig aufgenommen wurde, erhalte Deutschland möglicherweise eine Anleihe von 5 Milliarden Goldmark, die ihm die Möglichkeit gebe, sicheseiner am 31. Mai und in den nächsten Jahren fälligen Verpflichtungen zu entledigen. Der Plan sehe vor, daß die Kommission und alle Länder, die sich an der Anleihe beteiligen werden, Obligationen für 10 bis=20 Jahre erhalten, die Deutschland garantiert. Deutschland werde den Zinsendienst der Obligationen mit Hilfe der starken Industrietätigkeit und neuer Steuern gewährleisten. Man nehme an, daß die französische Regierung mit dem Plane einverstanden sei.
Um die russische Antwortnote.
Berlin, 11. Mai. Aus Genua wird gemeldet, daß die Russen mit ihrer Arbeit an der Antwort auf das englisch=italienische Memorandum noch nicht zu Ende gekommen sind. Sie arbeiten noch immer an der Glattung verschiedener Stellen, von denen zu befürchten wäre, daß sie bei den Empfängern der Antwort Anstoß erregen könnten. Hieraus darf der Schluß gezogen werden, daß man den Weg für weitere Verhandlungen nicht verbauen will.
Keine Verwicklungen am 31. Mai.
Paris, 11. Mai. In der gestrigen Sitzung der
Senatskommission für auswärtige Angelegenheiten wurde zum Ausdruck gebracht, daß durch die deutsche Antwort alle Komplikationen, die man zum Verfalltage am 31. Mai vorausgesehen hatte, vermieden werden.
*
Russen ist da!“
Soeben erreicht uns noch folgende Drahtnachricht(nach Schluß der Redaktion eingegangen):
TU. Genra, 12. Mai. Gestern nachmittag wurde die russische Antwort veröffentlicht. In der italienischen Delegation ist man von der Antwort nicht gerade sehr entzückt, einige Punkte könnten aber als Verhandlungsbasis angenommen werden. In französischen Kreisen ist man empört und sieht in der ganzen Antwoct nur eine gegen Frankreich und Belgien gerichtete Spitze.
Lloyd George hat in der Antwort einen sehr wichtigen Punkt entdeckt, der befriedige, nämlich, daß Rußland den Frieden wünscht.
Sobald die Delegationen mit der Prüfung der Note fertig sein werden, wollen de Facta, Lloyd George, Schanzer und Barthou konferieren und wenn diese Besprechungen abgeschlossen sind, auch die Vertreter der anderen Signatarmächte des Memorandums zu den Verhandlungen hinzuziehen, wahrscheinlich auch die russische Delegation.
Feuergefährliches Petroteum.
I.
Ein Streitobjekt in Genua.
Von den Franzosen ist bei den Streitereien in Genua viel Aufschen von dem angeblich hinterlistigen Verhalten Englands, das heimlich die Gesamtausbeutung der russischen Petroleumquellen in Batu zu erhalten suche, gemacht worden. Zu diesem Streit, auf den auch der belgische Widerstand gegen das russische Memorandum zurückgeführt wird, behauptet der Genueser„Secolo", daß zwischen England und Rußland kurz nach der Beendigung der Konferenz ein Abkommen unterzeichnet werden soll, für das schon jetzt alle Einzelheiten vorbereitet worden seien. Danach soll die Zone von Baku=Großny von zwei Gesellschaften des englischen Shelltrustes übernommen werden, der sich den Ausbau der Rohrleitungen und die Absatzhäfen gesichert haben soll. Die Russen würden das Recht auf 25 Prozent der Produktion erhalten, während das verbleibende Petroleum auf Rechnung des Trustes verwendet und verkauft werden soll.
Dagegen dementierte der in Genua weilende Vertreter des angegriffenen Shelltrustes, Oberst Boyle, bereits mehrere Male, daß die Shell=Company einen Vertrag mit Rußland abgeschlossen habe. Uebrigens handele es sich nicht allein um die Petroleumfrage, sondern auch um die Manganerzfrage. Diese sei mindestens ebenso wichtig wie die Petroleumfrage. Die Shell=Company habe vor dem Kriege 30 Prozent Oel= und Manganerzfelder in Rußland besessen und sie verlange nicht nur dieses Eigentum zurück, sondern auch noch eine Entschädigung für die Zerstörungen. Es sei klar, daß die Shell=Company aus diesem Grunde ein Interesse daran habe, welches Abkommen die englische Regierung mit Rußland abschließen werde.
Deswegen sei er in Genua. Sobald ein mit Rußland abgeschlossenes Abkommen vorliege, das die gefahrlose Wiederaufnahme der Beziehungen ermögliche, sei die Shellgruppe vorbereitet, auch ihrerseits sofort die Beziehungen zu Rußland wieder aufzunehmen.
Im übrigen sind in dieser Beziehung auch die Franzosen und Amerikaner am Werke. Vertreter der amerikanischen Standard=Oil=Company, an der auch französische Interessen beteiligt sind, und die schon sowieso fast den gesamten Weltpetroleummarkt beherrscht, weilen gleichfalls in Genua. Im übrigen hat sich diese amerikanische Gesellschaft genügende Beteiligung bei den Nobelwerken, denen bekanntlich die Quellen von Baku im Grunde genommen gehören, gesichert. Es hat also eigentlich keine der beiden streitenden Parteien der anderen etwas vorzuwerfen.
Dutschlands Petroleumansprüche.
TU. Genua, 12. Mai. Stark beachtet wurde gestern in Entenkreisen der Konferenz die Ankunft des deutschen Petroleumsachverstän
digen Direktor Lehnert.
Tazu kommt auch, daß Italien einen 15prozentigen Anteil an der Petroleumausbeutung
beabsichtigt. Es treten jetzt
immer deitlicher einzelne Vorteile des Bertrages von Rapallo in den Vorbergrund, benn es ist allen Konserenzteilnehmern klar, daß die deutschen Aasprüche zur Deckung des deutschen Petroleumbe
darfs in erster Linie berücksichtigt werden müssen.
*
II.
Niesenbrand auf den Petroleumfeldern von Bakn.
Berlin, 11. Mai. Nach Meldungen aus Konstantinopel ist auf den Petroleumfeldern von Baku ein Riesenbrand ausgebrochen. Es sind übermenschliche Anstrengungen notwendig, um eine Ausbreitung auf den gesamten Distrikt von Surockbanski zu vermeiden. Mehrere Brunnen sind bereits vollständig zerstört. Man glaubt, daß die revolutionären Sozialisten den Brand verursacht haben.
das Streikrecht der Beamten.
Deutscher Reichstag.
Berlin, 12. Mai.
(Sitzung vom 11. Mai.)
Das Reichsparlament setzt die 2. Lesung des Reichsverkehrsetats fort. Geheimrat Dr. Quaay von der Deutschen Volkspartei bringt zahlreiche sachliche Beanstandungen des gegenwärtigen Zustandes der Eisenbahnen vor und glaubt, daß in diesem Jahre die Bahnen ein Defizit von einigen 20 Milliarden haben werden. Er teilte also durchaus nicht den Optimismus Groeners. Das deutsche Verkehrswesen sei seiner Aufgabe im vorigen Winter nicht gerecht geworden. Die Verwaltung müsse nach kaufmännischen Grundsätzen reformiert werden.
Ihm wie den anderen Kritikern tritt der Reichsverkehrsminister Groener entgegen. Er betont nochmals seinen Optimismus, den er dem Pessimismus seiner Vorredner entgegenstellt.
Der Zustand der Reichsbahnen
sei bisher nicht rosig. Aber berücksichtige man, daß die einzelnen Wagen infolge der Valutaverschiebung und der Ablieferungen auf Grund des Friedensvertrages bedeutend mehr leisten müßten. als früher, berücksichtige man bei einer Gegenüberstellung auch die Gebietsverluste, die wir erlitten haben, so seien die Vorkriegsleistungen erreicht. Das Defizit von 16,5 Milliarden habe das Reich von den Ländern übernommen. Der Minister meint, das Jahr 1922 werde günstiger abschneiden.
Der Minister kommt dann auf die Personalpolitik zu sprechen, die die größten Schwierigkeiten mache. Durch das Eisenbahnfinanzgesetz solle die Verwaltung selbständiger gemacht werden. Ein neuer Entwurf hierzu werde jetzt ausgearbeitet. Die Verhandlungen über die Dienst und Ruhezeit schweben und werden hoffentlich zu einem be
friedigenden Ergebnis führen. Ein Streikrecht der Beamten besteht nicht.