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Die Schwerter Jeitung" erscheint Druck und Verlog: Car Braue.

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Cel.62 Postscheck Dortmund 2852 Verantwortliche Schriftleitung: Karl Nichter; Stadt und Provinz= Ftiedr Kraas; sämtlich in Schwerte.

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Amtliches Kreisblatt für den Kreis Hörde.

Erstes und ältestes Tagesorgan des Kreises.— Generalanzeiger für den Kreis Hörde.

Nr. 104

Donnerstag, 4. Mai 1922.

55. Jahrgang

Zum Geleit.

Der Mensch ist im Grunde ein wildes, ent­liches Tier Wir kennen es bloß im Zustande Bändigung und Zähmung, welche Zivilisation sißt; daher erschrecken uns die gelegentlichen kisbrüche seiner Natur. Aber wo und wann mal Schloß und Kette der gesetzlichen Ordnung fallen und Anarchie eintritt, da zeigt sich, was ist. Schopenhauer

(„Pärerga und Paralipomnea“).

Für eilige Leser.

Neuigkeiten aus Nah und Fern.

Ein Brief Tschitscherins an Barthon hat in buferenzkreisen außerordentlichen Eindruck ge­bcht.

Auf den Brief Tschitscherins hat Barthou höf­geantwortet, mit dem Bemerken, daß er von In Brief Kenntnis genommen und ihn gleich an incaree weitergeleitet habe.

Am 27. April wurde in Paris zwischen dem sutschen Botschafter und dem polnischen Gesand­die Ratifikationsurkunde über den freien #irchgangsverkehr zwischen Ostpreußen und dem tigen Deutschland ausgetauscht.

*

Der Reichspräsident drückte dem Könige van bweden anläßlich des auf der Fahet von Rtzza h Genf erlittenen Autounfalles seine Anteil­hme und Wünsche für baldige Wiederherstellung

Das ägpptische Scheinltonigreich.

Notterdam, 2. Mai. Wie es mit der verspro­chenen Unabhängigkeit Aegyptens aussieht, zeigt eine Meldung aus Kairo, in welcher mitgeteilt wird, daß die öffentliche Sicherheit in Aegypten künftighin unter die Kontrolle von zwei General­direktoren gestellt werden soll, von denen der eine ein Ergländer ist, der andere ein Aegypter. Demn ersteren unterstehen alle Angelegenheiten, bei de­nen es sich um Ausländer handelt, während der andere alle ägyptischen Angelegenheiten behandelt. Die beiden Ernennungen sind schon erfolgt. Bis­her sind alle Versammlungen der Nationalisten einfach verboten worden. Am Sonntag setzten sie es jedoch durch, daß ihnen gestattet wurde, in Gi­zeh, 75 kilometer westlich von Kairo, eine Ver­sammlung abzuhalten, die ruhig verlief. Es wurde beschlossen, eine Abordnung an den König schicken und diesen zu bitten, zugunsten Zaghuls einzuschreiten, damit er nach Aegypten zurückge­bracht werde.

Wie von amtlicher Seite verlautet, ist der west­lische Provinziallandtag auf den 21. Mai ein­ufen.

In Cincinnati wird ein„Ballpark“ errichtet. mit fünf hohen Stahltürmen ausgerüstet wer­# wird zur Aufnahme künstlicher, tagheller elek­scher Sonnen. Man will dadurch die nationalen allspiele bis in die tiefe Nacht hinein ermög­ben.

Die Arbeitslosigkeit ist in allen Staaten zu­ge des Krieges und des Versailler Vertrages Inz ungeheuer groß, sie beträgt etwa 23 Prozent 10 Prozent.

Die juristische Unterkommission des Wieder­machungsausschusses hat Einspruch gegen den frtrag von Rapallo erhoben, weil er gegen den ertrag von Versailles verstoße. Daraus ergibt b, daß über den deutsch=russischen Vertrag die len noch keineswegs geschlossen sind.

Die Zimmerleute der Vulkan=Werft in Stettin nd in den Streik getreten. Infolge dieses Streifs rzögerte sich auch der Stapellauf eines 15.000 bunen=Dampfers. der von dem Norddeutschen ody gebaut war und am Sonnabend früh vom tapel laufen sollte.

*

In Mainz kam es während des Maiumzuges einem ernsten Zwischenfall, bei dem ein ameri­nischer Geheimpolizist schwer verletzt wurde.

Der regelmäßige Luftverkehr, Berlin—Moskau l schon in allernächster Zeit ausgenommen wer­n und zwar dreimal wöchentlich. Die Flugrich­ing ist Smolensk—Kowno—Königsberg. An die­

t Linie werden mehrere Haltestellen eingerichtet. *

In Riga betrat ein junger Mann eine Woh­uing in der Ritterstraße und fragte harmlos nach nem Beil zum Holzzerkleinern. Als er es er­##lten hatte, erschlug er den Mann, Frau und nen 2 Monaten alten Knaben. Beim Verlassen r Wohnung traf er auf der Treppe den Haus­frrn, den er ebenfalls erschlug. Der Mörder

ubte 30000 Rubel und entkam unerkannt.

*

Nach einer Meldung aus Washington arbei­te Senator Lodge eine Resolution aus, wodurch

das Wiederaufleben der Copyrightverträ­

ge mit Deutschland und Oesterreich vorgesehen ist.

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Drei der ersten Bankiers Europas, alle drei Mitglieder der Finanzkommission, erklärten über­einstimmend auf die Frage, was in der Finanz­frage bisher in Genua zustandegekommen sei:

„Nichts!"

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Der frühere Schriftleiter der in Jena gedruck­ten und auch in Erfurt täglich erscheinenden kom­munistischen Zeitung„Rotes Echo“, mit Namen Zierfuß, ist spurlos verschwunden. Wie man hört, hat der„Erfurtmüde“ ein ansehnliches„Rei­segeld", und zwar gegen 100000 Mark Parteigel­der mitgenommen.

*

Um die freigewordene Stelle des ersten Bürger­meisters von Fürstenwalde an der Spree hat sich auch Philipp Scheidemann, der jetzige Oberbür­germeister von Kassel beworben. Scheidemann begründet diese Bewerbung damit, daß er sich von Fürstenwalde aus besser dem Parteileben und der parlamentarischen Tätigkeit widmen könne. Sei­ne Wahl ist nach Fürstenwalde ziemlich sicher. K

Genua.

Vertagung der Genua=Konferenz um 5 Monate.

Es wird berichtet:

Genna, 3. Mai. Der tschechoslowakische Mini­sterpräsident Benesch hat einen Antrag gestellt, die Konferenz angesichts ihrer ungenügenden wirt­schaftlichen Vorbereitung um fünf Monate zu ver­tagen. In dieser Zeit soll jeder Staat zu den in Genua aufgeworfenen Fragen, Stellung nehmen. Es wird behauptet, daß in ikalienischen Kreisen der Vorschlag Benesch eine nicht ungünstige Auf­nahme gefunden habe, da man so eine Möglich­keit sehe, aus einer schwierigen Lage herauszu­kommen, in die man, zumal Amerika unbeteiligt geblieben ist, nur ungern hineingeraten sei, die man aber mit Rücksicht auf die inneren italieni­schen Angelegenheiten und die Sympathien des ikalienischen Proletariats mit Rußland nicht sel­ber abbrechen möchte.

Der geheimnisvolle Llond George.

Genna, 3. Mai. Nach der Abreise Barthous erfährt man, daß auch Lloyd George Genua für 48 Stunden verlassen wird. Das Ziel seiner

Reise ist nicht bekannt. In italienischen Kreisen

erinnert man daran, daß LloydGeorge schon längst beabsichtigte, mit Frau und Tochter Florenz zu besuchen. Auffallend ist die strenge Beobachtung der Verschwiegenheit durch die italienischen Be­hörden.

Die Beratungen in Paris.

Paris, 4. Mai. Havas zufolge wird Barthou heute vormittag 11 Uhr in Paris eintreffen. Um 2 Uhr soll in seiner Anwesenheit der Kabinetts­rat zusammentreten.

Paris, 4. Mai. Die nationalistische Libertee erhält von ihrem Sonderberichterstatter in Genua ein Telegramm, demzufolge Barthou nach Paris Vorschläge Lloyd Georges mitbringt.

Wenn Frankreich ihm nicht in seiner russischen Politik folgen werde, werde Lloyd George ohne frankreich mit Sowjetrußland verhandeln. Wenn Frankreich es ablehnt, nach San Remo zu kom­men, wird er das als eine Art Bruch betrachten. Diese Haltung habe gestern zu dem bedauerlichen Ergebnis geführt, daß Barthou Belgten allein gegen das für die Russen bestimmte Memorandum protestieren ließ.

Wenn wir nicht unsere letzten Freunde unter­stützen, fügt der Berichterstatter hinzu, laufen wir Gefahr, morgen völlig allein dazustehen. Wenn wir nicht reagieren, wird Lloyd George uns zwingen, uns einem Plan zu fügen, der die Ab­rüstung und den Verzicht auf alle Reparationen bedeutet!

Die Erklörungen Poincarces.

Paris, 4. Mai. In hiesigen politischen Kreisen wird der Reise Barthous entscheidende Bedeutung beigemessen. Der Staatsausschuß und der Kam­merausschuß für äußere Angelegenheiten werden am Donnerstag einberufen. Ministerpräsident Poincaree hat sich bei dem gestrigen Presseemp­fang am Quai d’Orsey geäußert. Zur Haupt­frage, dem europäischen Pakte, betonte er, die französische Regierung sei zur Unterzeichnung des in Genua vorgesehenen Paktes bereit, doch werde man prüfen müssen, ob dieser mit der Völ­kerbundsakte im Einklang steht, und das Recht der verbündeten Regierungen auf die Verhängung von Sanktionen im Falle einer Verletzung des Versailler Vertrages durch Deutschland., nicht an­taste.

In der Frage des Obersten Rates vertrat Po­incaree seine alte Auffassung, daß es nach Frank­reichs Ansicht vorzuziehen wäre, wenn die Ver­bündeten ihre Meinung auf dem normalen diplomatischen Wege austauschten, so daß eine Tagung des Obersten Rates vor dem 31. Mai unnötig erscheine.

Der Kampf der beiden Füchse.

Der Vertreter eines neutralen Staates in Genua hatte, als Lloyd George zunächst langsam die Verwandlung der Szenerie vornahm, ange­nommen, allein diplomatisches Ränkespiel treibe den alten Waliser, Barthon zu Unvorsichtigkeiten zu zwingen.„Komödienspiel Lloyd Georges“. Es war etwas mehr. Es war der Kampf eines der Väter des Versailler Vertrages um die Schach­mattsetzung derer, die diesen verderblichen Unfrie­densvertrag noch heute angeblich im Namen der heiligen Revanche Frankreichs und der Weltge­rechtigkeit anbeten, die aber dabei gegenüber Eu­ropa die Rolle der docteure diaboliques spielen und den Frieden vergiften.

Schrittweise hat der britische Premier die in­transigente Haltung des Poincarismus zu unter­höhlen versucht. Er hat zunächst die Verhand­lungen mit Rußland als wirtschaftlicher Art, die mit Deutschland als wirtschaftlicher Natur, gefes­selt durch die Versailler Politik, bingestellt, und ist so, nach der Poincareerede in Bar le Duc mit ih­rem unverhüllten Ultimatum an Deutschland, da­zu gekommen, als Sprecher des reif gewordenen Weltgewissens den Hauptschlag gegen die französische Politik zu führen. In seinen Blät­tern(Daily Telegraph, durch Gardiner, durch die Sunday Times) propagandiert er den Kampf ge­gen den Versailler Friedenstag mit sehr starken Worten. Das ursprüngliche Ziel der Konferenz,

Aussprache über wirtschaftliche Vernunft, wird so über die Hemmungen Frankreichs hinweg zu einer Aussprache über die Revisionsfähigkeit des Ver­sailler Friedensvertrages, also das, was Poincaree und sein Phonograph Barthou mit allen Droh­

mitteln vermeiden wollten. Die russisch=ententi­stischen Schriftwechsel sind angesichts dieser Tat­sache bedeutungslos. Lloyd George kämpft seinen letzten Kampf. Im Unterhause hat er Chamberlain erklären lassen, England werde nie­mals zu Sanktionen militärischer Art seine Zu­stimmung geben. Und damit ist die Krise auf dem Gipfel in dem Augenblick, da in Genua eine Ver­handlungspause einsetzte.

Poincaree hat mit allen Mitteln der Presse, der Suada, der Drohungen, versucht, Lloyd George abermals zur Nachgiebigkeit gegenüber Frank­reich zu veranlassen. Er konnte nicht erwarten, daß seine Rede gegen Deutschland Lloyd George zu einer so schroffen Stellung zwang, da die Bri­ten bis jetzt den Reden der Franzosen wenig Ge­wicht beigelegt hatten. Der Advokat Poincaree hatte sich hier in seislem Gegner verrechnet. Lloyd George antwortete mit dem Europapakt, kennzeich­nete Frankreich als Störenfried und drängte so Poincaree in die Verteidigung. Diese Verteidigung ist ziemlich schwächlich ausgefallen. Noch heute kämpft Poincaree einmal darum, daß der Euro­papakt ausdrücklich die Sanktionen gegen Deutsch­land einhalten solle, dann, daß die Reparations­kommission Frankreich gewissermaßen das Man­dat aufhalsen muß. Aber anscheinend hat selbst die Reparationskommission der feindlichen Mächte nichts vertragswidriges im Verhalten Deutsch­lands finden können. Poincaree rechnet selbst mit der Möglichkeit, daß erst in Monaten, nach dem verhängnisvollen 31. Mai, die Reparations­kommission Zwangsmaßnahmen gestattet.

In diesem Augenblick erscheint Barthon in Paris. Man ist wieder„sehr einig", aber mar­schiert Poincaree am 31. Mai nicht, wird er hin­weggefegt. Die Engländer rechnen damit. Gar­diner, einer der besten Publizisten Englands, pro­phezeit am Sonntag die Katastrophe— Poinca­rees. Vor dieser Katastrophe kann sich Poincaree nur durch ein Mittel retten, durch den Gewaltakt. Dann wäre die Entente endgültig zerbrochen und die französische Politik wäre am Ziel, das über dem Abgrund hängt.

Aus Stadt und Land.

Schwerte, 4. Mai 1922.

Erinnerungen.

1521 Luther wird auf die Wartburg gebracht. 1848 Verkündigung der 2. Republik in Paris. 1892 Der Dichter Hans Herrig gest.

*“ Bitte an die Ausflügler. Beim Wieder­erwachen der Natur werden viele ins Freie eilen, um sich an bunten Frühlingsblumen, am frischen Waldesgrün und an blühenden Obstbäumen zu erfreuen. Dieser Frcude wird nun Ausdruck ge­geben durch ein Sträußel am Hute oder durch Mitnahme nach Hause als Zierde auf dem Tisch. Niemand wird dagegen etwas einwenden. Wenn man aber am Abend eines sonnigen Frühlings­tages die heimkehrenden Wanderer und die Fülle der zum Teil großen Sträuße sieht, die mitge­bracht werden, und dabei bedenkt, daß viele Blu­gnenisträuße vorzeitig weggeworfen oder achtlos liegen gelassen werden, dann wird man zugeben müssen und auch verstehen, daß die Pflanzenwelt besonders in der Umgegend der Städte immer mehr verödet. Seltene, durch große Blüten aus­gezeichnete Pflanzen werden allmählich ganz ver­schwinden. Will man also etwas von der Blütten­pracht draußen mitnehmen, um damit sein Heim zu schmücken, so beherzige man folgende Dichter­worte:

Brichst du Blumen, sei bescheiden,

Nimm nicht gar so viele fort!...

Nimm ein paar und laß die andern In dem Grase, an dem Strauch.

Andre, die vorüber wandern,

Freun sich an den Blumen auch.