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Nr. 52

Donnerstag, 2. März 1922

55. Jahrgang

Zum

Unglück kann durch andere kommen, aber er­niedrigt werden kann ein Volk nur durch seine eigenen Handlungen. Der fremde Verwüster tut Schaden, er kann keine Schande bringen. Völter wie einzelne werden nie entehrt, wenn sie sich selbst treu bleiben.

Buckle.

Für eilige Leser.

Neuigkeiten aus Nah und Fern.

Das Defizit des Reichshaushaltes beläuft sich im ganzen auf 92 Milliarden Mark.

*

Im Reichsfinanzministerium fanden am Diens­tag mit Vertretemn der Industrie, des Handels, der Banten und der Arbeiterschaft Verhandlungen über die Zwangsanleihe statt, die ratenweise erhoben werden soll.

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Nach der Havas=Agentur steht außer Zweifel, daß Poincaree einer Einladung Lloyd Georges Folge leisten würde, über das technische Programm der Genueser Konferenz, sobald dieses in seinen großen Zügen von den Sachverständigen festgelegt sei, oder auch über den Pakt, eine Unterredung zu führen.

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Aus Rom wird gemeldet, Titoni würde den Vorsitz der Genueser Konferenz führen.

Der neue italienische Außenminister Schanzer wird heute aus Washington in Le Havre eintref­fen. Auf der Durchreise durch Paris wird er eine kurze Unteredung mit Poincaree haben.

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Die Wahlen in Irland werden voraussichtlich Anfang Juni stattfinden.

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Aus Paris wird gemeldet, daß der neue fran­zösische Heeresetat die Errichtung von neun neuen Garnisonen im Elsaß, unmittelbar an der Rhein­grenze, vorsieht.

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Aus Anlaß der Ankunft des Dampfers„Seyd­litz" des Norddeutschen Lloyd in Neuyork zeigte der Pier von Hoboken festliches Gepräge. Den„Seyd­litz" begleitete durch den Hafen ein Schlepper, auf dem sich ein Empfangskomitee von mehreren hun­dert Personen befand, die zur Begrüßung des Dampfers hinausgefahren waren. Die Musit spielte deutsche und amerikanische Weisen.

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Wer geht nach Genua!

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Tägung des flagentennten Beatschen Gewerrschaftsbandre.

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Leipzig, 1. März. Wie wir erfahren, beruft der stehen: Betriebsräte und Gewerkschaften, Organi­Vorstand des Allgemeinen Deutschen Gewerk= sationsformen und Methoden, die Gewerkschafts­

schaftsbundes den diesjährigen Gewerk­schafts=kongreß auf den 19. Juni nach

bewegung, Arbeitsgemeinschaften und Wirtschafts­räte, das zukünftige Arbeitsrecht in Deutschland.

hier ein. Auf der Tagesordnung werden u. a.

Es ist wohl unbestrittene Tatsache, daß der Außenminister Dr. Rathenau Führer der deut­schen Delegation für Genua sein wird. Wieviele Vertreter der Regierung außerdem als Dele­gationsmitglieder in Betracht kommen, ist noch gänzlich unentschieden. Die Gewerkschaften, ebenso wie die großen Unternehmerverbände haben ihre Ansprüche auf Beteiligung bereits bei der Regie­rung angemeldet. Wie wir hören, beabsichtigt die Regierung, den Wünschen der Gewerkschaften entgegenzukommen und voraussichtlich zwei Ge­werkschaftsvertreter in die Delegation aufzuneh­men, und zwar einen Abgesandten der freien und einen der christlichen Gewerkschaften. Für die christlichen Gewerkschaften kommt in erster Linie Herr Stegerwald in Frage. Es ist bemerkens­wert, daß ungefähr zu gleicher Zeit, zu der nach den letzten Vereinbarungen die große europäische Wirtschaftskonferenz zusammentreten will, auch die christlichen Gewerkschaften eine internationale Tagung in Genua abzuhalten gedenken, bei der Herr Stegerwald ebenfalls zu einer besonderen Rolle berufen ist. Ueber die Vertreter des Unter­nehmertums hört man noch nichts Genaueres, doch wird versichert, daß eine Reihe einflußreicher Or­ganisationen dafür in erster Linie Herrn Stinnes benennen wollen.

Das Eingehen deutscher Festungen.

Berlin, 28. Febr. Der Reichsrat nahm heute u. a. den Gesetzentwurf betreffend das Eingehen deutscher Festungen an der Westgrenze und an der küste an. Der Gesetzentwurf ist eine Folge des Versailler Friedensvertrages. Nach seinem In­krafttreten werden die Festungen Wesel, Köln, Koblenz, Mainz, Germersheim, die rechtsrheini­schen Befestigungen von Straßburg, die ober­rheinischen Befestigungen, sowie Friedrichsort, Kiel und Helgoland eingehen. Zu gleicher Zeit hören dann auch die Rayonbeschränkungen auf mit Ausnahme der nach Osten gerichteten Teile ge­wisser Rheinfestungen, die auf Wunsch der Alli­ierren noch erhalten bleiben.— Staatsrat v. Wolff berichtete dann über das Ergebnis der Nach­prüfung des

Ortsklassen=Verzeichnisses,

mit dem sich weniger als acht Ausschüsse des Reichsrates beschäftigt haben. Insgesamt sind 3525 Höherstufungen erfolgt. Das Plenum des Reichsrates nahm die Vorlage an. Im einzelnen ist zu erwähnen: In Ortsklasse A wurden versetzt: Braunschweig, Erfurt, Kassel, Münster, Merse­burg, Bitterfeld, der ganze Waldenburger Kohlen­bezirk, Augsburg, Travemünde, St. Goarshausen, Schöneberg, Unkel, M.=Gladbach, Rativor, sowie zahlreiche süddeutsche Orte. Nach Klasse B sind gekommen, Gumbinnen, Lyck, Marienburg, Marienwerder, Stargard i. P., Köslin, Lucken­walde, Zossen, Wittenberge, Landsberg a. W., Stendal, Quedlinburg, Naumburg, Bad Oldeslohe, Hameln, Celle, Lüneburg, Norden, Norddeich, Ahaus, Coesfeld, Ibbenbüren, Minden, Oelde, Werl, Fulda, Montabaur, Regensburg, Schliersee, Rehau, Culmbach, Brückenau, Riesa a. E., Döbeln, Frankenberg i. S., Treuen i. Vogtl., Lengefeld, Markneukirchen, Eibenstock, Kirchberg, Mülheim, Rudolfstadt, Meiningen, Helmstedt.

Preußische Landwirtschaftsfragen.

Der Hauptausschuß des Preußischen Landtages trat am Montag in die Vorberatung des Land­wirtschaftsetats ein. In der Debatte teilte der Abgeordnete Dr. Schreiber(Dem.) mit, daß der Verband der deutschen Getreidehändler 10000 Mk. Belohnung ausgesetzt habe für den Nachweis, daß schon jetzt für Getreide kommender Ernte 1800 Mk. für den Doppelzentner geboten würde. Landwirt­schaftsminister Dr. Wendorff trat nachdrücklich für

die Förderung der landwirtschaftlichen Erzeugung ein. Ein gewisser Aufstieg sei schon zu erkennen. Das beweise die letzte Viehzählung. Das Land­wirtschaftsministerium werde vor allem für die Versorgung der Landwirtschaft mit den notwendi­gen Düngemitteln eintreten. Der Minister be­grüßt das landwirtschaftliche Hilfswerk und er­hofft gute Fortschritte. Ueber die Aufhebung der Zwangswirtschaft könne er keine amtlichen Erklär­ungen abgeben. Er sei aber zu der Erklärung be­reit, daß nach seiner Ansicht auch die letzten Reste der Zwangswirtschaft beim Brotgetreide fallen müßten. Nur so sei die Vermehrung der Anbau­fläche und die Erhöhung der Erzeugung möglich. Er befürwortete daher als Landwirtschaftsminister die Aufhebung der Zwangswirtschaft im Brotge­treide aufs wärmste. Die Weiterberatung wurde sodann Kuf Dienstag vertagt.

Neuregelung der Sommerferien.

Der Verband deutscher Ostseebäder hat an die zuständigen Stellen eine Eingabe gerichtet, in der um Festlegung der Sommerferien aus folgenden Gesichtspunkten heraus gebeten wird:

Der ungünstige Gesundheitszustand weiter Kreise nötigt diese Erhölungsorte aufzusuchen. Die schlechten wirtschaftlichen Verhältnisse zwingen dazu, diesen Aufenthalt billig zu gestalten. Die­ses Ziel läßt sich zum Teil durch eine zweckmäßige Regelung der Sommerferien erreichen. Der Fremd­denverkehr, der vor dem Kriege durchschnittlich 450000 Köpfe erreicht, ist schon wieder auf 360 000 gestiegen. Aus dieser Gegenüberstellung der bei­den Zahlen wird zunächst der irrige Schluß ge­zogen, daß die Kur= und Erholungsorte den Frem­den verkehr hätten aufnehmen können, da sie ja in der Vorkriegszeit einem noch stärkeren Besuch gewachsen waren. Das stimmt nicht: Die Woh­nungsnot hat gerade die Kur= und Erholungsorte am schwersten betroffen. Trotz der Belegung der menschenwürdigen Räume haben durchschnittlich nach einer genauen Statistik die Kur= und Er­holungsorte nur 5 Prozent des früheren Verkehrs aufnehmen können. Ein wesentliches Mittel, dies zu erreichen, ist die schon seit Jahrzehnten erstrebte anderweitige Anordnung der Sommerfevien. Die Regelung ist so gedacht:

Die Sommerferien Gruppe 1(die preußischen Provinzen einschließlich Berlin, mit Ausnahme von Hannover, Rheinland und Westfalen) beginnen tunlichst am 1. Juli; Gruppe 2(Hannover, das

Land Sachsen und die Hansestädte) beginnen mit dem letzten Drittel des Juli, Gruppe 3(Rhein­land, Westfalen) beginnen mit dem zweiten Drit­tel August. Vorschlag für 1922: Für Gruppe 1: 30. Juni, 2. Gruppe 21. Juli, 3. Gruppe: 13. Aug. Die Erfahrung hat gelehrt, daß der Ferienaufent­halt in den Kur= und Badeorten sich meist auf drei Wochen beschränkt.

Ein Religionsgespräch unter Arbeiteru.

Ein Erlebnis seltener und ungewohnter Art hatten die Vertreter der Volksmission und Evan­gelisation mit den Vertretern der evangelischen Kirche und ihren Freunden Freitag, den 9. De­zember, in Steyr in Oberösterreich. Etwa 3000 Menschen, wesentlich organisierte Arbeiter und ihre Frauen wohnten von abends 7 Uhr bis nachts 1 Uhr, also volle 6 Stunden, ohne jede Pause in gespanntester Aufmerksamkeit dem Geisteskampf zwischen dem Freidenkertum ohne Gott und den Vertretern der christlich=biblischen Weltanschau­

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Hervorgerufen war dieses Religionsgespräch durch die Volksmission des Generalsekretärs Monsky aus Wien, welche durch die an den ersten Abenden gebotene Gelegenheit zu freier Aussprache hunderte von Arbeitern aller Parteirichtungen, auch wesentlich Sozialisten und Kommunisten, in die evangelische Kirche zog. Es fanden dort schon heiße Zusammenstöße zwischen den Freidenkern und der christlichen Weltanschauung statt. Es wurde zwischen den Freidenkern und dem evangeli­schen Pfarrer Fleischmann vereinbart, diesen Ge­gensatz in solch einem öffentlichen Religionsge spräch vor der gesamten Bevölkerung der Stadt sachlich auszutragen.

Der sich hierbei herausstellende Erfolg war ein Ereignis. Solchen Hunger nach Klärung der Weltanschauung hätten wir in der Arbeiterwelt Oesterreichs nicht erwartet. Es war eine Gele­genheit, vor Massen den alten Hoilsweg als den einzigen Rettungsweg auch für unser Volk und unsere Zeit zu bezeugen. Neben drei Vorkämpfern für das Freidenkertum traten von 12 Debatten­rednern allein 9 neben den beiden Referenten, Universitätsprofessor Dr. Völker und Generalsekre­täd Monsky aus Wien trotz mancher Zwischenrufe und Niederschreiungsversuche für die christliche Weltanschauung ein.

des Arbeitsmarktes dem eingetretenen

Arbeitsmarktes in Westfalen und

Ende Februar 1922.

Die verflossene Woche zeigte keine wesentlichen

Veränderungen in der Le in Westfalen und Lippe. Witterungsumschlag konnten Erd=, Bau= und son­stige Außenarbeiten vielfach wieder ausgenommen werden, so daß sich auch die Arbeitsmöglichkeiten für ungelernte Arbeitskräfte voraussichtlich wieder günstiger gestalteten.

In der Landwirtschaft stieg die Nach­frage nach landwirtschaftlichen Arbeitskräften aller Art sehr erheblich. Eine größere Anzahl sich zur Arbeitsaufnahme in der Landwirtschaft mel­dender Knechte und Burschen konnte gut unterge­bracht werden. Mädchen konnten bei etwas gestei­gertem Angebot nur in geringer Zahl vermittelt werden. Hervorzuheben ist das stärkere Angebot an Knechten, Burschen und Mädchen für die Land­wirtschaft im Industriegebiet. Eine Vermittelung scheiterte vielfach an den geforderten höheren Löh­nen, als diese sonst in der Landwirtschaft geboten werden.

In der Industrie der Steine und Er­den konnten im Arnsberger Bezirk im Laufe der Woche bei einem Kalksteinbruch Arbeitskräfte un­tergebracht werden.

Eine größere Firma— Großschlachterei— in Münster hat wegen Materialmangels sämtliche Metzger und Arbeiter entlassen.

Im Tabakgewerbe scheint der Höhepunkt der in letzter Zeit erheblich zugenommenen Arbeits­losigkeit unter den Zigarrenarbeitern und=arbeite­