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Nr. 42
Samstag, 18. Februar 1922
55. Jahrgang
Zum Geleit.
Arbeiten und schaffen soll jeder nach seiner Art, denn darin liegt sein Heil; bauen soll er in sich und außer sich, und was ihm in der Seele, was ihm im Umkreis seines Seins von gegenwirkenden Kräften zerstört wurde, das soll er immer von neuem aufrichten, denn darin liegt sein Glück. Wer die Arme sinken läßt, der ist überall verloren,„er zürnt ins Grab sich rettungslos“. Wer aber jeden Schritt zum Grabe verteidigt und würdig— ohne Klagen, doch auch ohne mächtigen Trotz— auch die lichtesten Höhen verlassen kann, um in die dunkle Tiefe hinabzusteigen, der hat gewonnen.
Wilhelm Raabe.
Für eilige Leser.
Neuigkeiton aus Nah und Jern.
Der Umlauf des Papiergeldes hat sich nach dem Wochenbericht der Reichsbank wieder um 1,256 Millionen Mark erhöht.
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Der aus der Demokratischen Partei ausgetretene Pazifistenführer v. Gerlach kündigte in einer Kölner Rede deutsch=französische Pazifisten=Tagungen in Berlin und Essen an.
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Die argentinische Regierung soll den Ankauf von 18 Schiffen von Deutschland beschlossen haben.
Lloyd George betonte in einer UnterhausRede die Lage Indiens als zwar besorgniserregend, aber nicht als panikartig.
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Gestern Nachmittag war im Haag die Eröffnungssitzung des Internationalen Gerichtshofes
angesetzt.
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England stimmte in einer Note zu, daß die Reparationskommission die Zahlen der deutschen Zahlungen für 1922 festsetzt.
Ein Großfeuer in Duisburg bei Gebrüder Kiefer vernichtete die Hobelwerkstatt nebst Holzschuppen und Maschinenhaus.
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Caillaux veröffentlicht unter dem Titel:„Wohin geht Frankreich, wohin geht Europa?“ ein neues Buch, in dem er einen Vergleich zwischen der europäischen Wirtschaftslage von 1914 und 1921 zieht.
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Der Geschäftsträger der Vereinigten Staaten von Amerika Ellis Loring Dresel ist nach Berlin zurückgekehrt und hat die Leitung der Botschaft wieder übernommen.
Die neue Schlichtungsordnung, der Entwurf zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten und die Vorlage über die Ueberteuerungszuschläge für Beamte gehen dem Reichstage demnächst zu.
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Der von dem vorläufigen ReichswasserstraßenBeirat zur Beratung der Verordnung betr. Beiräte für Reichswasserstraßen eingesetzte Ausschuß wird am 22. Februar in Bad Nauheim zusammentreten.
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Das ausländische Interesse für oberschlesische Industriewerte trieb gestern deren Kurse sprunghaft in die Höhe.(Siehe Handelsteil).
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In Kopenhagen wurden gestern 200000 Arbeiter ausgesperrt.
die letzte Woche.
Nicht weniger nötig als ein ungestörtes Arbeiten des Eisenbahnverkehrs ist eine gleichmäßige Tätigkeit der Regierungsmaschine. Es war eine Notsache, daß der Lokomotivführerstreik so bald wie möglich zu Ende kam, um ein Stocken für die gewerbliche Tätigkeit und ein Darben und Frie
ren für die Bevölkerung zu verhindern, aber der Reichsregierung blieben noch dringende Aufgaben für das politische und praktische Leben, die sich nicht vertagen ließen. Brot, Kartoffeln, Kohlen! Das sind die Punkte, die dem Volke besonders am Herzen liegen, die heutigen Preise bezw. die bestehende Knappheit können uns nicht in den Frühling begleiten. Die Mehrheit des Reichstages hat es nach langer Debatte über den Streik in Gegenwart und Zukunft für angemessen gehalten, dem Reichskanzler ein Vertrauensvotum zu geben. Diejenigen Parteien, deren Ueberzeugung eine andere war, werden aus der inneren Entwicklung ersehen können, welches Exempel das richtige war. In der Hauptsache sind wir ja alle einig, daß niemand das Recht hat, etwas zu tun, was das Deutsche
Reich benachteiligen könnte.
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Steuern und Reparationsleistungen, Moratorium und Etatsbilanzierung sind die nächsten Aufgaben für die Reichsregierung. Die praktische Verwirklichung des Steuerkompromisses entwickelt sich bei uns ebenso langsam, wie bei der Entente der Beschluß über das deutsche Angebot wegen der Neuregelung unserer Zahlungen und über die endgültige Festsetzung des Zahlungsaufschubs. Erst, wenn wir diese Zahlen kennen, können wir genau festsetzen, ob und wie sich die Einnahmen und Ausgaben im deutschen Reichshaushalt tatsächlich ausgleichen lassen, und wie sich die Einschränkung des Papiergeldumlaufes, den die Entente bekanntlich gefordert hat, vollziehen läßt.
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Die deutschen Landwirte haben in dieser Woche auf ihren großen Jahresversammlungen in Berlin das Ernährungsproblem eingehend erörtert. Man muß ihnen darin zustimmen, daß die große Schwierigkeit der Teuerung aus einer langen Reihe von kleineren Ursachen entstanden ist. Die Notwendigkeit, viel Geld einzunehmen, ist lich aus den unabsehbaren uns aufgewälzten Lasten entstanden. Wenn die Landwirte die freie Wirtschaft fordern, so muß diese allerdings auch von der Freigabe aller anderen noch bestehenden Fesseln begleitet werden. Bleiben diese, so werden die Spekulanten darin stets die Stellen sehen, an welchen sie mit ihren Manipulationen einhaken können.
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Bei der Eröffnung des englischen Parlaments in London war unverhüllt der ungünstige Einfluß der europäischen Wirtschaftslage auf den britischen Arbeitsmarkt festgestellt worden, und Lloxd George hat seitdem alles aufgeboten, um seinem kollegen Poincaré in Paris zuzureden, auf die Konferenz von Genua einzugehen. In Paris stellte man dafür derartige Vorbedingungen, daß die Behandlung der deutschen Angelegenheiten in Genua wenig Erfolg versprochen hätte, und damit wäre das Gelingen des Konferenzzweckes ebenfalls hinfällig gewesen. Denn Rußlands bedingungsloses Erscheinen garantierte noch nichts. Ob es Lloyd George mit Hilfe von Amerika doch noch gelingen wird, die Pariser Regierung umzustimmen? Man behauptet, unter Vertagung des Konferenztermines würde schließlich eine Einigung erfolgen. Vielleicht wird der beste, überredende Helfer der Frühling sein. Wenn die gute Jahreszeit da ist, und das Arbeitsleben in den Ententeländern noch immer stockt, werden die Industriellen schon energisch gegen die Schädigung ihrer Interessen durch die französische Politik vorgehen.
Deutscher Reichstag.
Berlin, 16. Februar.
Am Donnerstag stellte sich der neue Außenminister Dr. Rathenau vor. Die Gelegenheit hierzu gab ihm
der deutsch schweizerische Schutzvertrag,
nach welchem Deutschland und die Schweiz sich verpflichten, alle Streitigkeiten irgend welcher Art, die zwischen ihnen entstehen und nicht in angemessener Frist beigelegt werden können, einem
Schiedsgerichts= oder Vergleichsverfahren zu unterwerfen. Dr. Rathenau erklärte, er hätte gern dem Hause näheres über die Tendenz der deutschen Außenpolitik mitgeteilt, hierfür sei aber der Zeitpunkt noch nicht gekommen. Er charakterisierte dann den Vertrag als eine neue Stellungnahme Deutschlands zum Gedanken der Schiedsgerichte und als gutes Vorbild des Friedens zwischen Deutschland und der Schweiz. Gerechtigkeit sei die Vorbedingung zu jeglicher Arbeit, also auch die Vorbedingung für einen europäischen Wiederaufbau.
der Aussprache bekannten sich alle Redner zum Grundgedanken des Vertrages. Mit besonderer Freude begrüßte Dr. Schücking(Dem.) als Vorsitz. der deutschen Gruppe der interparlamentaischen Union den Abschluß dieser Vereinbarung. Er wies darauf hin, daß bisher die Macht im Lager der Völker eine viel größere Rolle gespielt habe, als das Recht. Er glaubte, eine Besserung in allgemeiner politischer Beziehung feststellen zu können und er sah in den Ergebnissen der Konferenz von Washington einen Fortschritt zur Besserung.
Der Deutsch=Volksparteiler Dr. Kahl war nicht so hoffnungsfreudig. Der Raub Oberschlesiens läßt keine Einkehr bei unseren Gegnern erkennen.
Dr. Schreiber(Z.) spricht sich auch für den Vertrag aus und dieser wird schließlich einstimmig angenommen, ebenso ein
Vertrag mit Deutsch=Oesterreich in der Angelegenheit der Kriegsbeschädigten und Hinterbliebenen. Darauf wurde die
Beratung des Reichsmietengesetzes fortgesetzt.
Mehr als 50 Abstimmungen fanden statt, ohne daß der Entwurf des Ausschusses wesentliche Aenderungen erfuhr. Da die Mehrheitsverhältnisse nicht immer klar ersichtlich waren, waren fortwährend Hammelsprünge notwendig, sodaß die Reichstagsabgeordneten dauernd hin und her wanderten.
Zu den Regierungsparteien gesellten sich des öfteren die Unabhängigen. Vielfach wurde mit Zufallmehrheit entschieden, sodaß die Vorlage in der dritten Lesung sicherlich noch manche Aenderung erfahren wird. Das Gesetz soll am 1. Juli 1922 in Kraft treten.
Zum Schluß behauptet Abg. Dittmann (U.), daß der vom Reichsverkehrsminister Gröner angekündigte Erlaß zur Nachprüfung der Disziplinierungen noch nicht hinausgegangen sei. Darauf Hört, Hört bei der Linken. Als aber Staatssekretär Stieler mitteilte, daß diese Verfügung gestern abend bereits den Direktionen zugegangen sei, auf der Rechten Hört, Hörtrufe.
Das Haus vertagte sich dann auf Freitag 2 Uhr: Debatte über die Angabe zur Förderung des Wohnungsbaues. Schluß 7 Uhr.
Preußischer Landtag.
Berlin, 16. Februar.
Im preußischen Abgeordnetenhause wurde am Donnerstag viel kleine Arbeit geleistet. Das Haus war dementsprechend besetzt. Nur bei den Abstimmungen eilten die Volksvertreter in dichten Scharen in den Sitzungssaal. Der Entwurf über die Einführung der Polizeiverwaltung im rheinisch=westfälischen Industriegebiet wurde dem Hauptausschuß überwiesen. Als Abschlagszahlung auf die kommende Reform des Strafrechtes, die nun schon seit Jahrzehnten auf sich warten läßt, schlägt eine Vorlage Erhöhung der Geldstrafen als Polizeistrafverfügung vor, um die Zahl der Fälle zu beschränken, bei denen auf Grund kleinerer Vergehen der Makel der Freiheitsstrafe ausgesprochen wird, der für das spätere Leben von so weitgehenden Folgen ist. Auch dieser Gegenstand wurde der Hauptausschußberatung übergeben.
Den breitesten Raum in der Aussprache nahm die dritte Beratung des Gesetzentwurfes über die Abänderung des Gesetzes zur
Aufbesserung der Diensteinkommen für katholische Pfarrer
ein. Durch den Entwurf werden nicht die Staatskassen, sondern die Pfarrgemeinden in Anspruch genommen.
Scharfe Angriffe des Kommunisten Scholem riefen den Zentrumsabgeordneten Gronowski auf den Plan, der es ausgezeichnet verstand, Herrn Scholem den„Bubi“ des Landtags abzuführen. Stürmische Heiterkeitsausbrüche unterstrichen die Wirkung der Rede des gewandten Zentrumsabgeordneten.
Herr Bredt von der Wirtschaftsparrtei hielt ein Colleg ab über die Pflicht des Staates, die Kirche zu entschädigen, nachdem man ihr zu Anfang des vorigen Jahrhunderts durch die Säkularisation ihr Eigentum genommen habe. Auch diese reichlich trocken anmutige Darlegungen blieben nicht ohne Antwort.
Herr Meyer=Ostpreußen wußte erneut einen Sturm in den Zentrumskreisen zu entfalten, als er den größten Teil des kirchlichen Vermögens als zusammengestohlen bezeichnet. In einer geradezu liebenswürdigen Weise legte sich schließlich die Spannung. Der vorliegende Gegenstand wurde gegen die Stimmen der Unabhängigen und Kommunisten angenommen.
Den Schluß der Sitzung bildete eine Aussprache über einen sittlichen und gesundheitlichen Schutz der Zimmermädchen in Gastund Schankwirtschaften.
Aus Stadt und Land.
Schwerte, den 19. Februar 1921. Erinnerungen.
1546 stirbt Dr. Martin Luther(“1483); 1564 der Maler Michalangelo(“1475); 1803 der Dichter Joh. Wilh. Ludwig Gleim(“1719); 1857 wird der Maler, Radierer und Bildhauer Max Klinger geboren(11921):„Wer glücklich ist, kann glücklich machen. Wer's tut, vermehrt sein Glück“. (Gleim).
Sonntagsworte.
Wieviele Menschenworte werden doch im Laufe einer Woche gesprochen. Viele müssen gesprochen werden, andere könnten ungesprochen bleiben, nach Frieda Schanz Mahnen:
„Was du schweigst, kann keiner weitersagen, Was du schweigst, das bringt dir kein Verklagen. Was du schweigst, das schießt nicht übers Ziel, Was du schweigst, das sagt manchmal so viel.“
Am Sonntag können wir Gottes Wort hören, von dem Christus spricht:„Es ist guter Same, den man auf das Land streut".— Freilich nimmt der Ackerboden unseres Herzens oft nur gar wenig davon auf. Sorgen und Glück, Lust der Erde und betrüglicher Reichtum ersticken so viel. Und der Frucht ist es dann oft so wenig. Ist unser Herz wankelmütig und hart, schadet dies ebenfalls.— Und doch ist es unser und anderer Nutzen, wenn unser Leben göttlich fruchtbar wird.
** Vom Bund deutscher Reichssteuerbeamten wird uns geschrieben: In letzter Zeit wiederho
len sich die Vorwürfe in der Oeffentlichkeit, daß die Reichsfinanzbeamtenschaft den ihr obliegenden Aufgaben nicht gewachsen sei. Diese Vorwürfe haben sich teilweise sogar zu der Behauptung gesteigert, daß die Finanzbeamten die Durchführung der neuen Steuergesetze sabotierten. Der Bund Deutscher Reichssteuerbeamten legt gegen derartige Verdächtigungen entschieden Verwahrung ein. Die Schuld an der gegenwärtigen Geschäftslage der Finanzverwaltung trifft nicht die Beamtenschaft, sondern ist begründet durch die überstürzte Gesezgebung, durch die infolgedessen notwendig gewordenen fortgesetzten Aenderungen der Gesetze und durch die kaum noch zu übersehende Masse der Ausführungsbestimmungen. Mit diesen gesteigerten Anforderungen der Verwaltung hat weder die Vermehrung der Zahl ihrer Beamten Schritt ge
halten, noch hat die Vewaltung rechtzeitig die entsprechenden Maßnahmen zur Beseitigung der technischen Schwierigkeiten getroffen. Die Finanzbeamtenschaft lehnt es ab, sich fortgesetzt in der