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Nr. 2

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Neujahrsempfang beim Reichspräsidenten.

Der Reichspräsident Ebert hat am jahrestage die Chefs aller Berliner fremden di­plomatischen Vertretungen aus Anlaß des Jahres­wechsels empfangen. Der Apostolische Nuntius Mons. Pacelli als Doyen des diplomatischen Korps hielt folgende Ansprache:

Herr Präsident! Zum erstenmale seit dem Weltkriege versammelt sich das diplomatische Korps in Berlin aus Anlaß des Neujahrsfestes vor dem höchsten Beamten der Deutschen Republik. Ein glückliches Ereignis, ein Sinnbild der fort­schreitenden Rückkehr der Menschlichkeit zum Ideal der Brüderlichkeit und des Friedens zwi­schen den Völkern.

Möge die göttliche Vorsehung, die die Men­schen zum edlen Streben anfeuert und sie leitet, es Ihnen ermöglichen, trotz der Verschiedenheit der Stämme und Staaten, in diesem Jahre die wirkliche und dauerhafte Versöhnung zu vollen­den, die von Allen aufrichtig ersehnt wird und sich auf Beachtung des Rechtes, auf der frucht­baren und friedlichen Arbeit und auf den ewigen Gesetzen der Gerechtigkeit und der Wahrheit gründen.

Von diesen Gefühlen durchdrungen, bringen wir Ihnen heute, Herr Präsident, inmitten der schwierigen Aufgabe der Gegenwart unsere Hul­digung und gleichzeitig unsere Glückwünsche für Sie und das deutsche Volk dar.

Der Reichspräsident erwiderte darauf mit folgenden Worten:

Herr Nuntius! Für die Glückwünsche, die Eiv. Exzellenz als Sprecher des diplomatischen Korps zum Jahreswechsel dem deutschen Volke und mir als seinem Vertreter dargeboten haben, bitte ich, meinen tiefgefühlten Dank entgegenzunehmen. Gern folge ich Ihnen in dem Gedanken, den heu­tigen Besuch der Herren Vertreter der fremden Mächte als Symbol einer allmählichen Rückkehr der Menschheit zum Frieden zu betrachten. Der Umstand, daß diese Worte aus dem Munde des Vertreters Seiner Heiligkeit, des Papstes kom­

= men, der sein vornehmstes Ziel darin erblickt, Frieden auf Erden zu schaffen und zu erhalten, gibt ihnen in meinen Augen besondere Bedeu­tung. Das deutsche Volk wünscht für sich nichts anderes, als in friedlicher Arbeit neben den übri­gen Völkern sein nationales Dasein wieder auf­zubauen. Es gibt sich der Hoffnung hin, daß im kommenden Jahre die Erkenntnis der Weltnot­wendigkeiten weiter wächst, und daß in dieser Erkenntnis jede Nation sich bemühen werde, durch fruchtbare Zusammenarbeit mit allen übrigen Völkern der Menschheit den wahren und aufrich­tigen Frieden zu geben. Mit dieser Hoffnung im Herzen und durchdrungen von dem Bewußtsein. daß ihre Erfüllung geboten ist, bitte ich Sie, meine Herren, auch meine Glückwünsche für Ihr­Wohlergehen und für das Gedeihen der von Ihnen vertretenen Regierungen und Völker ent­gegenzunehmen.

Dienstag, 3. Januar 1922

§5. Jahrgang

Wie deutsch-Rmerikaner herrn Briand heimleuchten.

seiner bekannten Rede im„Lotos=Club" hatte der französische Ministerpräsident Briand unter anderem das folgende gesagt:

„Im Kriege kämpften Deutsch=Amerikaner als Soldaten der 32. Division Schulter an Schulter mit uns... Sie kämpften und sie sagten uns, daß sie nicht gegen Deutschland, sondern gegen den Geist der Unterdrückung, gegen das Deutsch­

land der Hohenzollern, gegen das Deutschland der militärischen Tendenzen kämpften... Hier stehe ich und rufe diesen Deutsch=Amerikanern zu:

„Warum erhebt Ihr nicht Eure Stimme, daß sie über den Ozean dringe zu jenen, deren Blutes Ihr seid? Warum ratet Ihr ihnen nicht, uns entgegenzulommen und alles in ihren Kräften Stehende zu tun zur Wiederherstellung der Ruhe?

Sagt Ihnen, daß sie von Frankreich nichts zu fürchten haben.“

Darauf wird im Sonntagsblatt der„Neu­yorker Staatszeitung“ eine Antwort der Deutsch­Amerikaner veröffentlicht, die an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig läßt und die in Deutsch­land gar nicht weit genug bekannt werden kann, um zu beweisen, wie man drüben über Frank­reichs Erpresserpolitik gegenüber Deutschland denkt. Diese Antwort lautet:

„Ja, Herr Briand, die Amerikaner deutschen Stammes haben auf französischem Boden ihr Blut vergossen; sie haben gegen das Land ihrer Väter und Mütter und Geschwister gekämpft; und sie haben als Amerikaner in Erfüllung ihres Bürger­eides gekämpft, weil es einem Woodrow Wilson in seinem Ratschlusse gefiel, unser Land in diesen Krieg zu treiven... unser Land— my rountry right or wrong.

Sie haben gekämpft„für Freiheit und Gerech­tigkeit, für Selbstbestimmung und Demokratie"—

sie haben aber nicht gekämpft für die Befriedi­gung der französischen Rachegefühle,

habein ncht gekämpft für die Losreißung deutscher Landesteile vom deutschen Mutterland, nicht für die Rückgabe des deutschen Elsaß=Lothringen, das Frankreich einst im Frie­den gestohlen; nicht für den Raub des deutschen Malmedy=Eupen, nicht für den Raub von Danzig Memel, Tirol; nicht für die Knechtung des Saar­gebietes; nicht für die Vergewaltigung Ober­schlesiens.

Sie haben gekämpft für die Gerechtigkeit und den Frieden, aber nicht für das Verbrechen an Recht und Frieden—, nicht für den Vertrag von Versailles... nicht für die Vernichtung Deutsch­lands.

Unsere Söhne, diese treuen Amerikaner, in dern raten, den Franzosen entgegenzukommen und Sie, Herr Briand sagen— gegen das Deutsch­land der Hohenzollern und gegen deutschen Mili­tarismus ins Feld gezogen.

Nehmen wir einmal an, daß Ihre Auslegung zutreffe. Haben wir unsere Söhne über den Ozean geschickt, haben unsere Söhne Gesundheit und Leben geopfert, damit das Deutschland der Hohenzollern, damit der deutsche Militarismus zerstört und aus seinen Ruinen das Frankreich Louis des Vierzehnten und Napoleons des Ersten und der weit schlimmere, maßlos freche und un­erträgliche französische Militarismus aufsteige?

Wir Deutsch=Amerikaner sollen unseren Brü­den raten, den Franzosen entgegenzukommen und alles in ihren Kräften zur Wiederherstellung des Friedens zu tun! Wie könnten wir das mit gu­tem Gewissen verantworten?

Ist Deutschland, machtlos und waffenlos, nicht bis zum äußersten gegangen? Hat es nicht den Schwertfrieden unterzeichnet, den Diktaten von Spa, Boulogne, Genf, nicht allen Diktaten sie gefügt? Tut es nicht alles in seinen Kräften, tut es nicht, alles über seine Kräfte, gibt es nicht den letzten Heller, das letzte Hemd, das letzte Brot, um den Heißhunger, die Gier und die maßlose Gefräßigkeit der Franzosen zu stillen? Was soll es denn noch tun? Sollen wir ihm raten, daß es die Hand noch küßt, die mit sadistischer Lust ihm den letzten Blutstropfen aus dem Herzen drücken möchte?

Sie sagen, Deutschland habe von Frankreich nichts zu fürchten... Und wo ist der Beweis da­für? Nicht am Rhein und nicht in Oberschlesien, nicht in der Eintreibung der Reparationen und nicht in den ewigen endlosen Drohungen— und am allerwenigsten in der verlogenen, verhetzen­den, verleumdenden Rede, die Sie, Herr Briand,

vor der Konferenz in Washington zur Sanktionie­rung des französischen Militarismus und Im­perialismus gehalten haben.

Wir wollen und werden unsere Stimme er­heben, nicht, daß sie über den Ozean, daß sie nach Washington dringe. Wir wollen und werden im Namen der Gerechtigkeit und des Friedens, im Namen unserer für Gerechtigkeit und Frieden ge­fallenen Söhne eins fordern und so lange for­dern, bis unser Wunsch erfüllt ist: die Revision des Schandvertrages von Versailles— damit der Herrschaft und Tyrannei des militaristischen Frankreichs ein Ende bereitet, damit der Welt endlich wieder Frieden werde.“

Der U=Boot=Streit in Washington.

Die Abrüstungskomödie in Washington soll allem Anschein nach noch eine Zeitlang weiterge­spielt werden. Alle Bemühungen der Konferenz, eine Verminderung der Rüstungen herbeizu­führen, scheitern stets an der ablehnenden Hal­tung der französischen Delegierten. Die Frage der Abrüstung zu Lande wurde auf Verlangen Briands von der Tagesordnung abgesetzt und war damit von vornherein erledigt. Bei der Re­gelung der Abrüstung zur See wäee es beinahe ebenso gekommen. Frankreich stellte plötzlich maß­lose Flottenforderungen, durch die das ganze Abrüstungsprogramm der Washingtoner Konfe­renz über den Haufen geworfen zu werden schien. Diesmal jedoch gaben die übrigen Mächte nicht so leicht nach und die französische Regierung mußte ihre Ansprüche erheblich zurückschrauben. Trotz dieser offensichtlichen diplomatischen Niederlage gaben die französischen Delegierten ihre Sache noch nicht verloren und suchten den Verzicht auf die Großkampfschiffe durch Vermehrung der 1­Boot=Tonnage wett zu machen. Seit Wochen wird jetzt in Washington über die Zahl der Boote gestritten, die künftig jede Seemacht haben

soll.

Nachdem England mit seiner Forderung, die Unterseeboote als Kriegswaffe überhaupt abzu­schaffen, allein geblieben war, hatte jetzt der mit dieser Frage betraute Fünfzehner=Ausschuß sich auf den amerikanischen Vorschlag geeinigt, für Amerika und England je 60000 Tonnen und für Frankreich, Japan und Italien annähernd ihre bisherige Tonnage, je 31000 Tonnen, festzusetzen.

Dieser amerikanische Vorschlag bedeutet eine

Herabsetzung der U=Boot=Tonnage für Amerik und England um 30000 Tonnen gegenüber den ursprünglich vorgesehenen 90000 Tonnen. Eine Einigung kam jedoch nicht zustande, weil Frank­reich in dem Augenblick, wo die Welt abrüsten soll, die dreifache Zahl von U=Booten forderte, als es bisher hatte. Der französische Admiral Le­bon wies darauf hin, daß 90000 Tonnen die niedrigste Ziffer sei, die überhaupt für ein Land, das U=Boote halten wollte, in Betracht komme. Eine geringere Zahl käme einem Verbot, U=Boote bauen, gleich. Der englische Delegierte Bal­four erklärte hierauf, diese Forderung Frank­reichss stelle eine Bedrohung der Sicherheit Groß­beitanniens dar. Natürlich beeilte sich der fran­zösische Minister Sarxant, seit Briands und Vi­vianis Abreise Führer der französischen Dele­gation, zu betonen, daß Frankreich diese Zahl von U=Booten lediglich zu Verteidigungszwecken brauche.

Die französische Erklärung, daß Frankreich mit noch weniger als 90000 Tonnen U=Boote nicht auskommen könne, ist um so merkwürdiger, als Italien sich ohne weiteres bereit erklärte, nur 31000 Tonnen zu haben, wenn Frankreich sich mit dieser Ziffer zufrieden geben würde. Selbst das Inselreich Japan, bisher eine der größten Seemächte, verlangt als Mindestziffer bloß 54000 Tonnen an U=Booten.

Offenbar handelt es sich bei der U=Boot=For­derung der französischen Delegation nur um einen neuen Schachzug der französischen Politik,

die durch einen Verzicht auf die U=Boote neue Vorteile auf einem anderen Gebiete erreichen will. Der Washingtoner Sonderberichterstatter der„Chicago Tribune“ weiß bereits zu berichten. Frankreich werde möglicherweise ein Fünf­Mächte=Abkommen für den Atlantischen Ozean und die anderen europäischen Gewässer nach dem Vorbilde des Viermächte=Abkommens für den Stillen Ozean vorschlagen. Dies würde Frank­reichs Bedingung für die Annahme einer Ver­minderung seiner Unterseeboots=Tonnage unter 90000 Tonnen sein.

sie haben sich doch die Ansichten über die U­Boote seit dem Kriege geändert! Frankreich, das, so lange Deutschland in dieser Waffe die Führ­ung hatte, nicht genug gegen das„barbarische" U=Boot wettern konnte, glaubt jetzt auf das „völkerrechtswidrige Kriegsmittel" nicht verzich­ten zu können und stellt darüber hinaus, ohne Rücksicht auf England, das seine Seeherrschaft durch diese Schiffsart bedroht sieht, weitgehende Forderungen, denen die Washingtoner Ab­rüstungs=Konferenz niemals zustimmen kann, wenn sie sich nicht vor aller Welt lächerlich machen will.

Oberschlesien.

Die deutsch=polnischen Wirkschaftsverhandlungen.

Die Unterkommission für Eisenbahn hat in Kattowitz als erste der Unterkommissionen für die deutsch=polnischen Wirtschaftsverhandlungen ihre Verhandlungen mit den polnischen Delegierten wieder ausgenommen Ebenfalls festsetzungskommission nach einer kurzen Weihnachts­pause ihre schwierigen Arbeiten wieder ausgenommen und beschäftigt sich im Kreise Rativor mit der Festlegung der endgültigen Grenze. Dabei kam

es zu einer bemerkenswerten Demonstration, indem

700 Einwohner des Dorfes Hohenbirken, welches östlich von Ratibor liegt, bei der Grenzfestsetzungs­kommission gegen eine Zuteilung an Polen pro­testieren. Die Einwohner erklärten, unbedingt mit der Stadt Rativor, von der ja alle Lebensmöglich­keiten kämen, vereint bleiben zu wollen Ueber­haupt wird ja der Kreis Rybnik und der östliche „Teil des Kreises Rativor nach der endgültigen Zu­keilung an Polen bald genug Lebensmittelmangel in größerem Maße zu spüren haben, erhält doch dieses Gebiet seine gesamte Lebensmittelzufuhr aus dem Kreise Rativor westlich der Oder. Gott sei Dank ist auch im polnisch werdenden Oberschlesien nach der ersten Vestürzung eine ruhigere Auffassung sder Lage unter den Deutschen eingetreten. Wie lietzt bekannt wird, hat sich bereits eine größere Anzahl von Bürgermeistern und leitenden Gemeinde­beamten bereit erklärt, ihren Posten auch nach der Uebergabe des Landes an Polen beizubehalten. Auch eine Anzahl von deutschgesinnten Lehrern, meist„Deutsche, die der deutschen und polnischen Sprache mächtig sind, hat sich bereit erklärt, unter polnischer Herrschaft auszuharren Dagegen scheint bis jetzt kein einziger deutscher Richter zum Bleiben beiogen worden zu sein. In Kattowitz arbeiten die Polen in einer Zentralstelle fieberhaft an der Organisation der polnischen Verwaltung für das polnisch werdende Oberschlesien und geben einen dauerndeu Bericht in Form eines Interviews über den jeweiligen Stand der Arbeiten heraus. Von Interesse ist vielleicht auch das, was ein Pole vor einigen Tagen über die Zukunft von Kattowitz unter polnischer Herrschaft sagte. Die Stadt wird bekanntlich Hauptstadt der Woywod­schaft Schlesten. Sie soll ein Amtsgericht, ein Land­gericht und die Woywodschaftsverwaltung selbst erhalten. Der Woywode würde im Schlosse des Fürsten Pleß in Pleß residieren. Die Vororte von Kattowitz sollen eingemeindet werden. Der Zuzug vieler Beamten(wahrscheinlich aus Kongreß­polen) und die Benötigung vieler Räume zu Ver­waltungszwecken bedinge eine Erhöhung der Bau­tätigkeit, sagte der polnische Herr weiter und so würden große Baugelände seitens der Stadt und des Staates angekauft werden, auf welchen im Frühjahr mit der Errichtung vieler staatlicher Ge­bäude und Wohnhäuser begonnen werden würde. Ich glaube, daß unter der deutschen Bevölkerung des polnisch werdenden Oberschlesien doch gewisse Zweifel, die ja leider nur allzu berechtigt sind, über diese Projekte herrschen werden.

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