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Nr. 129.

Freitag, den 4. Juni 1920.

55. Jahrgang.

gegen Wuchergeist und Schiebertum, aber tür lichkeit und Redlichkeit, alte deutsche

Treme in Handel und Wandel ist, der wähle die Liste

Unerkennung Sowjet­rutzlands.

Wenige Stunden. nachdem der Sondergesandte der russischen Sowjetregierung, Krossin, nach London gekommen war, ist er dort von Lloyd George empfangen worden. Die Besprechung fund so rasch statt, daß man nicht einmal die Ant­wort der französischen Regierung auf die Auffor­

derung, sich in der Person des französischen Bot­schafters in London, Cambon, an ihr zu beteiligen, abwartete. In Daris weist man darauf hin, daß auch die italienische Regierung ferngeblieben sei, und man betont deshalb mit besonderem Nach­druck, daß es sich demnach um rein englisch=russische Erörterungen handele. Ulan will damit zum Aus­druck bringen, daß gegebenenfalls auch die fran­zösische und italienische Zustimmung ausbleiben könnte, aber man betont damit nur noch mehr, daß man tatsächlich nichts dagegen machen kann, wenn England in der Frage einer sachlichen Auseinander­setzung mit der Sowjetregierung selbständig und allein vorgeht. Dann natürlich hat auch hier der erste Schritt seine Dorteile. Iwar hat Lloyd Ge­orge seinerzeit sich schärfer als die verantwort­lichen Stellen der anderen Ententestaaten dagegen ausgesprochen, daß man jemals mit dem„blutbe­flekten Regime Lenins“ paktieren könne, und die Pariser Dresse reibt dem englischen Ministerpräst­denten das jetzt auch ganz gehörig unter die Nase. Wahrscheinlich hat aber auch sie dabei nicht die Hoffnung, ihn von den Plänen abzubringen, die man an der Chemse hinsichtlich einer Wiederanbah­nung wirtschaftlicher und politischer Beziehungen mit Sowjetrußland hegt. Maßgebend dürfte dafür nicht zuletzt der Umstand sein, daß die Sowjet­Regierung es in der letzten Seit verstanden hat, ihre außenpolitische Situation wesentlich zu kon­solidieren. Sie hat sich mit den zunächst gelegenen Randstaaten mehrfach friedlich=schiedlich zu einigen gewußt, der bereits erwähnte Sondergesandte Kras­sin hat es ferner verstanden, mit der schwedischen Regierung zu einem nach Lage der Dinge billigen Abkommen zu gelangen, er hat in Kopenhagen dann Fühler nach Deutschland ausgestreckt und das Ent­gegenkommen, das ihm jetzt nach der Erklärung der französischen Presse Lloyd George in so bemer­kenswerter Weise bewies, dürfte man jedenfalls in Roskau in entsprechendem Maße zu würdigen wissen. Die Stellung der Sowjetregierung würde dadurch in geradezu ausschlaggebender Weise ge­stärkt, und es ist deshalb durchaus zu begreifen, wenn man in Frankreich jetzt behauptet, man be­absichtige an der Chemse nichts geringeres, als die offizielle Anerkennug der Regierung Lenin. Be­zeichnend ist, daß Lloyd George Krassin nur die Bedingung der Rücksendung aller englischen Ge­fangenen und der Abstandnahme von einer bolsche­wistischen Propaganda im Ausland stellte. Dieser Preis dürfte Lenin sicherlich nicht zu hoch dünken.

könnte Deutschland 700 000 Mann aufbieten, gegen Oolen 500000 Ulann. Es wurde angenommen, daß diese Streitkräfte genügen würden, weil man auf die wohlwollende Ueutralität gewisser Mächte rechnen zu dürfen glaubte. Außerdem wurde an­genommen, daß man mehrere Jahrgänge Reservei? unter die Waffen rufen könnte. Danach beschloß der geheime Kabinettsrat, keine Kriegserklärung an Frankreich und Dolen abzuschicken, weil man nicht die Ueberzeugung gewinnen konnte, daß mit Sicherheit auf die Ueutralität gewisser Nächte zu rechnen sei.— Der„Intranstgeant“ erklärt, falls Deutschland die Richtigkeit dieser Meldung abzu­leugnen wage, würde er alle Beweise liefern und von Seitpunkt dieser geheimen Kabinettsratssitzung, sowie die Ulamen dor anwesenden Minister be­kanntgeben.

Uan könnte natürlich über diese phantastische Meldung mit einem Achselzucken hinweggehen, wenn nicht anzunehmen wäre, daß morgen die ganze französische Dresse die Besetzung weiteren Städte am Rhein fordern und namentlich Eng­land beschwören würde, mit Deutschland keinerlei finanzielle Vereinbarungen zu treffen, weil Deutsch­land noch immer kriegerische Absichten habe. Es ist zu befürchten, daß die Legende von dem ge­heimen Berliner Kabinettsrat ebenso weite Kreise ziehen wird, wie die Legende von dem geheimen Dotsdamer Kronrat, auf welchem die ganze fran­zösische Dresse während des Krieges herumritt. Bei dieser Sachlage muß die deutsche Regierung, um allen Weiterungen beizeiten die Spitze abzubrechen, schleunigst alles Material der Oeffentlichkeit über­

Gläubigen zu ersuchen, den haß zu vergessen, und er fördert insbesondere die katholische Dresse auf, sich ihrer Gehässigkeit und heftigkeit zu enthalten. Da die gegenseitigen Besuche von Staatsoberhäup­tern zur Dölkerverbrüderung beitrügen, wäre der Dapst nicht abgeneigt, in dieser oder jener Form die von seinen Vorgängern aufgestellten Bedingun­gen zu mildern, die erlassen wären, um die Reise katholischer Fürsten nach Rom in offizieller Form zu verhindern. Auch diese haltung dürfe nicht als stillschweigender Verzicht auf die heiligen Rechte, noch als Seichen dafür angesehen werden, daß der heilige Stuhl mit dem anormalen Sustande zufrie­den sei, in dem er sich befindet. Der Dapst erneuert im Gegenteil die von seinen Vorgängern erho­benen Einwände und schließt, indem er die Schaf­fung eines Dölkerbundes empfiehlt, der auf dem christlichen Gesetz aufgebaut ist. Die Kirche werde sicher nicht ihre Mitwirkung an diesem Bunde ver­weigern, da sie ein Cypus des vollkommensten Weltbundes darstellt. Die Enzyklika, die vom 23. Mai datiert, schließt mit einem Aufruf an alle Menschen und alle Dölker der Erde, in Gedanken und herzen der katholischen Kirche zuzustimmen und durch diese Christus, dem Erlöser des Aen­schengeschlechtes.

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England und der Orient

des Iwischenfalles von Enzeli eine Annäherung zwischen dem persischen und dem russischen Volke zur Folge haben werde auf der Grundlage der Un­abhängigkeit und des freien Selbstbestimmungs­rechtes. Diese Antwort Cschitscherins wird nach Mitteilungen der„Cimes" als ein günstiges Dorzeichen der persischen Regierung angesehen, welche sortfährt, über die Bedingungen eineo Rück­zuges der bolschewistischen Cruppen aus Enzeli zu verhandeln.

Die englandfeindliche Bewegung in Asten.

Der„Messagero" erhält aus Konstantinopet einen Bericht über eine Rede, welche der Emir von Afghanistan, Amanullah, khan, am Codestage sei­nes Daters hielt. Der Emir wies auf die tiese Crübsal hin, die das Kalifat durchmache. Große Freude bereite ihm aber, daß die 60 Millionen in­discher Moslem so treu zum Kalifat halten und zum heiligen Krieg oder zur Auswanderung greifen wollen, falls England mit der Vergewaltigung des Kalisats fortfahre. Rfhanistan sei bereit, die aus­wandernden Moslem aufzunehmen. Uebrigens stünden auch die 250 Millionen Brahminen und Buddhisten Indiens auf seiten der Mohammedaner. Der Emir schloß seine Rede, indem er der russischen Regierung dankte, daß sie Buchara und China für unabhängig erklärte und damtt zwei neue moham­medanische Staaten ins Leben rief. England spiele ein gefährliches Spiel.

Englands Bedrohung in Persten.

Der persische Minister des Aeußern, Prinz Gi­renz, der sich gegenwärtig in London befindet, for­derte den Dölkerbund auf, Persien gegen die Au­

Der polnisch-russische Krieg.

Eine ewige Wahrbeit: Der goldene Mittelweg, der Bestel

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Der goldene Mittelweg: Deutsche Demokratie! Ihr Stimmzette: Ziegler, Prentzel, Lappe.

Angebliche Kriegsabsichten Deutschlands gegen Frankreich und Polen

Dem„Dariser Intransigeant“ wird aus Berlin gemeldet: Dor einigen Wochen fand in Berlin ein geheimer Rabinettsrat statt, welchem mehrere Mi­nister beiwohnten. Im Verlaufe der Beratungen wurde die Frage geprüft, ob ein bewaffneter Kon­flikt zwischen Deutschland einerseits und Frankreich und Polen andererseits möglich wäre. Der Chef des Generalstabes gab Kufklärung über die mili­tärische Lage Deutschlands. Gegen Frankreich

geben, welches zu den maßlosen Uebertreibungen des französischen Blattes etwa den Anlaß gegeben haben könnte. Es wird sich dabei vermutlich um irgendwelche unverbindliche Besprechungen handeln über die Frage, in welchem Maße man den pol­nischen Rechtsbrüchen in Oberschlesien entgegen­treten könnte. Die deutsche Regirung türlich zu solchen Erwägungen nicht nur das Recht, sondern die dringende Pflicht, und es sollte bei ge­schickter Verteidigung der deutschen Sache nicht schwer fallen, der öffentlichen Uleinung der Welt die Augen über die französisch=polnische Verschwö­rung zu öffnen, die dem Dorstoß des„Intran­sigeant“ effenbar zu Grunde liegt.

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Der Papst über den Völkerfrieden.

DEs Kom, 5. Juni. Der Dapst richtete an das Episkopat der ganzen Welt eine Enzyklika über die christliche Versöhnung und den Frieden, in der alle Kinder der Kirche und alle Uenschen der Welt auf­gefordert werden, ihren alten Groll zu vergessen und an dessen Stelle gegenseitige Liebe und Ein­tracht zu setzen. Die Enzyklika setzt die Gefahren auseinander, die sich für die Welt aus einem laten­ten Justand der Feindseligkeiten ergeben. heute bedürfe die Menschheit mehr denn je der Ausdeh­nung der Grenzen aufrichtiger Uenschenliebe, denn die vom Kriege hinterlassenen Ruinen seien unge­heuer. Jur heilung aller Wunden bedürfe es der Hand Jesu. Und diese Aufgabe verlange die Kirche für üch. Der Papst beschwört das Episkopat, die

griffe der Bolschewisten zu schützen. Er stützte sich auf den Artikel 1 der Dölkerbundakte, wonach jeder zu Unrecht angegriffene Staat das Recht hat, den Schutz des Völkerbundes zu verlangen. In der gestrigen Sitzung des Dölkerbundes erklärte der englische Unterstaatssekretär für auswärtige Angelegenheiten, daß der persische Minister des Aeußern in ständiger Verbindung mit dem Aus­wärtigen Amt stehe und daß man zu einem voll­ständigen Einvernehmen zur Aufrechterhaltung so­wohl der persischen wie der englischen Interessen ge­kommen sei. Er fügte hinzu, daß die persische Regierung an die Sowjetregierung in Moskau einen Protest gegen das Vorrücken der Bolsche­wisten in Persien gerichtet habe. Andererseits wird aber der„Cimes“ aus Ceheran gemeldet, daß die persische und die russische Regierung Verhandlungen eingeleitet hätten, um Rußland zu bewegen, seine Cruppen aus Enzeli zurückzuziehen. In seiner

Antwort auf den Orotest der persischen Regierung gegen das Bombardement von Enzeli erklärte der russische Dolkskommissar Cschitscherin, daß das

Vorgehen der bolschewistischen Cruppen nur eine Verteidigungsmaßnahme sei, weil die Flotte Deni­kins die Sicherheit der handelsschiffahrt auf dem Kaspischen Meere bedrohe. Cschitscherin gibt aus­drücklich die Versicherung, daß die bolschewistischen Cruppen in Persien den Auftrag erhalten hätten, das persische Gebiet zu räumen, wenn die mili­tärische llotwendigkeit dies gestatte, nachdem durch die bolschewistischen Cruppen die Sicherheit ge­schaffen sei, daß die Schiffahrt auf dem Kaspischen Ueere sich in voller Freiheit vollziehn könne. Er drückte seine Ueberzeugung aus, daß der Abschluß

Nach einem Celegramm aus Warschau mel­

det der polnische Generalstab: Längs der Eisen­bahnlinie von Polotski in der Richtung nach Süd­westen werden die Angriffe der Bolschewisten schwächer, infolge der erlittenen Verluste und des Uangels an Proviant und Kriegsmaterial. Ein neuer Versuch der Bolschewisten, die Berestna zwi­schen Borissow und Bobruschk zu überschreiten, ist gescheitert. Iwei Infanteriedivisionen und eine Kavalleriedivision, denen es gelungen war, das Westufer des Flusses zu erreichen, wurden in Ja­koszyce umzingelt und vernichtet. Wir machten über 2000 Gefangene. Der Rest der bolschewistischen Cruppen flüchtete in wilder Danik über die Bere­sina zurück. Am Onistr haben wir mit einem ukrat­nischen heer alle Angriffe abgeschlagen und einen kräftigen Gegenangriff eingeleitet, webei wir die Städte Sackrzyky und Obodowka einnahmen.

Der Kampfwert der Brussilowtruppen.

Von unterrichteter militärischer Seite wird über die Lage an der Front und den Kampswert der Sowjettruppen folgendes berichtet:„Das polnische Vorgehen scheiterte an den endlosen russischen Ent­fernungen, da die Polen ungeheure Etappenlinien zu besetzen hatten. Die alte russische Strategie. feindliche Heere hinter sich her zu locken, hat sich auch dieses Mal wieder als gut erwiesen, gleich­zeitig hat sich aber gezeigt, daß die„verrottete“ rote Bande durchaus kampftüchtig ist. Die Siege der Bolschewisten strafen Pilsudski Lügen, der daß die Rote Armee schlecht organisiert sei. Die roten Soldaten kämpften sehr schlecht. Demgegen­über wird von Flüchtlingen, die vom Kriegsschau­platz komen, erzählt, daß die Rote Armee sich von Cag zu Cag durch die Aufstellung sogenannter „wilder Divisionen“ verstärke, die sich aus turke­stanischen und kaukasischen Stämmen rekrutieren. Die Kerntruppen der Sowjet=Regierung sollen aber die zahlreichen chinesischen Regimenter sein, die sich in einem wilden Fatalismus„wie die Ceufel schlagen.“ Nach Meldungen aus Kopenhagen von­zentriert sich das Interesse und die hoffnung ganz einem Korrespondenten der„Daily Nlewz“ erktärte,