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4. Bellage zum Bochumer Anzeiger u. Gen. Anzeiger

Nr. 189 37. Jahrgang

Donnerstag, 14. Aug. 1930

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den 14. Aug. 1930 4 Uhr

Die Häuser Wittener Straße7 und 9 ffrüher Buddenbergstraße) gehören zu den ältesten Patrizier=Häusern Alt=Bochums. Die wenigsten Bochumer werden wissen, daß früher, in den Mauern des einen der beiden alten Patrizierhäuser, deren Front erst später durch Geschäftseinbauten mehr oder weniger modernisiert worden ist, der erste grö­

ßere Gasthof bestand, an dessen Stammtisch sich all­abendlich die Honoratioren der Biedermeierzeit versam­melten und in dessen Räumen jahrzehntelang die im Jahre 1817 gegründete, noch heute bestehende Gesellschaft „Harmonie“ tagte. Der Gastwirt Heinrich Menke genannt Wulff hatte am 21. September 1791 die heutige Bonasche Besitzung(Nr. 9) von dem Hofrat Jacobi er­worben und errichtete im Jahre 1801, wie die Zahl über der Haustür besagt, das setzige Gebäude,., gelchenz er einen für damalige Zeiten, erstklassigen.Gasthok, een „Berliner Hof: eröffnete. Das Haus ut für diesen Zweck sehr günstig neben dem alten Stadttor, dem Buddentor, wo jede Post= und Reisekutsche und jeder Wagen mit Bauern= und Kaufmannsgütern den ersten Halt machen mußte wegen der hier zur Einnahme gelangenden Akzise(Zoll auf Waren, insbesondere Le­bensmittel, die in die Stadt eingeführt wurden). Es entwickelte sich deshalb in dieser Wirtschaft schon von Anbeginn ein reges Leben. Kein Wunder, daß hier auch

die gute Gesellschaft bald ihren Treffpunkt fand. Seit dem Jahre 1816 verkehrte hier unter der Führung des Stadt= und Landgerichts=Assessors von Essellen ein kleiner Kreis von angesehenen Bürgern, die sich im fol­genden Jahre zur geschlossenen Gesellschaft„Harmonie“ umbildete. Ihre Mitglieder kamen regelmäßig in den Abendstunden bis gegen 10 Uhr zusammen und gingen dann— für unsere Begriffe recht früh— nach Hause, weil es in Kaubaukum keine Straßenbeleuchtung gab. Wir wissen wie Hofrat Dr. Kortum sich über diese neue Gesellschaft in der ersten Nummer des 1829 zum ersten Male erschienenen Bochumer„Wochenblattes“ lustig machte, indem er den Statuten(man nannte sie damals„Gesetz") der neuen Gesellschaft„die Gesetze der hochlöblichen Whistgesellschaft", die im Lokale des Gast­wirts Moritz de Boy(des Beckerschen Hauses am Markte) tagte und Kortum zu ihrem Mitgliede zählte. gegenüberstellte und parodierte.(Wir werden, Zerggächlt lauf diesen Artikel im Rahmen unserer#grö###gt, lichungen aus dem hundertjährigen Wochenolatt zurückkommen. D. Red.) Der alte Hofrat ist in sseiner Verbitterung und seinem Hasse gegen manche der der neuen Gesellschaft beigetretenen Familien stets der „Harmonie“ ferngeblieben und trank seinen Abendschop­den alter Gewohnheit gemäß lieber beim Gastgeber Moritz de Boy, in dessen Familie er ein gern gesehener Freund und Hausarzt war. Die Familie de Boy hat dadurch eine gewisse Berühmtheit bekommen, als Kortum ihren umgekehrten Namen zum Titel seiner„Jobsiade" und den Sohn Heinrich des alten Senators de Boy,— einen ewigen Studenten—, der als candidatus juris starb— zum Titelhelden gemacht haben soll. Auch die im Jahre 1785 gegründete Loge„Zu den drei Ro­senknospen“ tagte in einem Hinterzimmer des Wulffschen Gasthauses. Hier fanden also in der Biedermeierzeit die gezierten„Assembléen“ der Damen und die Bälle der ersten Gesellschaft Bochums statt. Dem Gastwirt Menke

sehärten früher noch größere Gärten an der Budden­traße, die im Jahre 1845 an die evangelische Ge­„Istrape, en—. W.(E1., uma8 Past rat wurde

Von Dr. Günther Höfken

straße). Außerdem besaß er noch Ackerland im Griesenbruch, am Eichelbaum(Wittener Straße 51), im Springe(Gymnasium) und an der Wefelkuhle, auch gehörte ihm das Haus Buddenbergstraße 8. Von seinen Kindern lebte der Hofrat Johann Lud­wig Jacobi in Hamm, von den drei Töchtern waren Christine mit Georg Kaufmann in Essen, Mar­garethe mit dem Prediger Westhoff in Herne verhek­ratet Dorothea blieb unvermählt. Die Söhne Johann Christoph Jacobi und Dr. Georg Friedrich Jacobi blieben in Bochum. Der letztere heiratete die Freiin Ottonette von Strünkede aus der bekannten Adels­familie auf Schloß Strünkede. Er wohnte seit 1775 in dem Nachbarhause, Buddenbergstraße 9, das ihm sein Vater in diesem Jahre schenkte. Durch seine Heirat gewann er gute Beziehungen zu dem Landadel und war für zahlreiche der alten Rittersitze des Amtes Bochum„. Hechts st) am bieligen

als Syndikus tätig. In seinem Hauptberufe war er Justizkommissar(prechtsanwalt) am hiesigen Stadt= und Landgericht, nebenher bekleidete er noch das Richteramt in den kleinen Gerichtsbezirken Langendreer und Strünkede dank seiner guten Be­ziehungen zu den dortigen adeligen Gerichtsherrn. In seinen alten Tagen wurde er ein erbitterter Feind von Kortum, der jede Einquartierung in den Kriegszeiten als personliche Rache des Bürger­meisters betrachtete und mit vielen Beschwerden an die Regierung seinem Zorne Luft machte.

Zwischen dem Dichter und Arzt Dr. Kortum und dem Bürgermeister Jacobi herrschte erbitterte Feind­schaft. Jacobi sah in Kortum auch den Verfasser einer anonymen Schandschrift gegen ihn, die eines Morgens am Diebespranger auf dem Markt, an der kathotischen Kirche und an Kortums Hause angeschlagen vorgefun­den wurde und mit ihrem Inhalte wochenlang die Ge­müter alle: Klatschbasen Bschums ia Aufregung bielt. Bei diesen Feindseligkeiren spielte der Streit zwischen dem Primissar Nehring wegen des diesem zu­gehörigen Vikarie=Garten eine große Rolle. meister Jacobi hatte sich diesen Garten der St. Per­petuen=Vikarie, der hinter seinen beiden Häusern lag — heute steht auf ihm die katholische Schule im Weilen­brink— angemaßt, war aber in drei Instanzen abge­wiesen worden. Dieser Garten bildete auch sväter An­laß zu einem Injurienprozesse zwischen dem Sohne des Bürgermeisters, dem jungen Richter Ludwig Ja­scobi und Kortum. Bürgermeister Jacobi hatte in dem Garten einen Steinweg anbringen lassen, um von seinem Hause nach seinen Ländereien des Weilenbrink­guts zu gelangen. Der Primissar Nehring ließ aber den Weg wieder aufhacken, Kortum war gerade zu Be­such bei Nehring und besichtigte die Aufbruchsarbeiten, als der junge Jacobi aus der väterlichen Scheune an der Spitze eines Trupps von Männern Nehring zur Rede zu stellen. Schimpfworte zwischen Kortum und Jacobi flogen hin und her und ein Be­leidigungsprozeß war die Folge dieses Auftritts. Beide Gegner wurden zu Geldstrafen verurteilt.„Gegen das Urteil legte Kortum Berufung ein und verlangte seine Freisprechung und eine höhere Geldstrafe für seinen Gegner, da er dessen Strafe von 20 Reichsthalern an­gesichts der glänzenden Vermögensyerhgiltzziss, p gr, Fa­milie Jacobi für viel zu gering hielt. Ncoch gürzlich.—

so schreibt er dem Gericht— habe der Vater Jacou# sich damit gerühmt, an den Beklagten und seinen Brüdern über 20.000 Reichsthaler verwendet zu haben, um aus

Karl Franz Wirklicher Geheimer Kriegsrat in Berlin, Ludwig(Kortums Gegner) als Land= und Stadt­gerichtsdirektor in Essen, Friedrich als Geheimer Ober­tribunalsrat in Berlin. Die„Hexpoiselle, Jacobi“ wohnte in dem Hause Buddenbergstr##### Ncr. 15 bis zu ihrem Tode(1838). Nach seiner Pensionierung im Jahre 1839 zog der Gerichtsdirektor Ludwig Jacobi in ihre Wohnung. Sein Sohn war von 1835 bis 1843 am hiesigen Gericht als Assessor tätig. Er muß sich gro­ßer Beliebtheit bei allen Kreisen der Bevölkerung er­freut haben. Als er im Jahre 1843 zum Gerichtsdirek­tor in Unna ernannt wurde, wandte er.-ict, rji, fei;

gendem Abschiedsgruße an die Oeffentrichten (Bochumer Kreisblatt 1843 Nr. 44).„Dem und dem Landmann für das Vertrauen, welches sie mir in meiner achtjährigen Amtstätigkeit hierselbst und als Mitbürger geschenkt, meinen näheren Bekannten für die freundschaftlichen Gesinnungen, welche sie gegen mich bewährt, dem ganzen Publico für die liebevolle Theilnahme, welche mir dasselbe bei meiner Abberufung und bei meiner Abreise von Bochum bewiesen, inson­derheit dem Dichter, der kurz nach dem Bekanntwerden meiner Abberufung brieflich, ohne sich zu nennen, auf

fasser des freundlicheg Nachrufs, in!

Blattes, mit vollem Herzen dankend, entbiete ich für

mich und meine Frau hiermit Allen, denen wir im Drange der durch unseren Umzug veranlaßten Ge­schäfte nicht persönlich ein Lebewohl zurufen konnten, einen warmen Abschiedsgruß mit der Versicherung, daß wir unsere in Bochum verlebten Jahre immer zu den glücklichsten zählen werden und Bescheidenheit genug zu dem Gefühle besitzen, daß nur ein freundschaftliches Wohlwollen die Ursache der jetzt von allen Seiten

stungen gewesen ist. Bochun, en. 23. Ptcher

Jacobi, Land- und Stadtgerichts=Direktor.“ Der ganze Aufruf atmet den Geist der Biedermeierzeit im Leben des alten Landstädtchens. Bochum versckwand der

Mit dem Fortzuge von Bo#### verschwand der Name der Jacobis aus der Geschichte unserer Stadt. Ihre Nachkommen dienen noch heute in der Regierung und der Justiz dem Staate. Ihr altes Stammhaus Buddenbergstraße Nr. 7 ging 1830 in den Besitz des Justizkommissars Friedrich Johann Lennich über. Es blieb noch bis in das letzte Jahrzehnt des vorigen Jahrhunderts ein ansehnliches Patrizierhaus und wurde dann mit der zunehmenden industriellen Ent­wickelung der Stadt als Geschäftshaus umgebaut. Mehr seinen alten Charakter konnte das Nebenhaus Nr. 9 von Bona bewahren, nur die eine Hälfte der Front wurde im Laufe der Zeit zu einem kleinen Ge­schäftslokal umgebaut und auch das Innere hat wohl mannigfache Umänderungen erfahren, aber noch erkennt man im Innern an der alten Lage der Treppe den Charakter des alten ersten Gasthofes unserer Stadt. Wulff verkaufte das Haus an den Kaufmann und Ge­werken Ritter, von diesem erwarb es der Kohlenhändler Gräwe.

210 Männer heiraten 209 Frauen?

Die Tätigkeit der Bochumer Standesämter im Juli

Im Monat Juli wurden von den Bochumer Stan­desämtern 499 Geburten, 229 Sterbefälle und 209 Eheschließungen beurkundet.

Von den neugeborenen Kindern sind 251 männ­lichen und 248 weiblichen Geschlechts. Die Zahl der ehelich geborenen Kinder beträgt 462, die der unehelich geborenen 37. 21 eheliche und 18 uneheliche Kinder sind

von ortsfremden Müttern geboren. Zwillingsgaare ind 10 geboren, darunter 3 Knaben und 7 Maochen. Tor­geobren wurden 19 Kinder.

Von den gestorbenen Personen waren 122 lichen und 107 weiblichen Geschlechts, darunter 20

eriostemd. Die Sterbesäle

verteilten sich auf die einzelnen Altersstufen wie folgt: unter 1 Jahre 45

1 bis unter 5 Jahren

5 bis unter 15 Jahren 12

15 bis unter 20 Jahren 12

20 bis unter 40 Jahren 29

40 bis unter 60 Jahren 52

über 60 Jahre 66

Es starben an Diphtherie 14, Grippe 2, Tuber­kulose 26, Krebs 20, Gehirnschlag 7, Kinderkrämpfen 1, Herzkrankheiten 32, Lungenentzündung 19, anderen Krankheiten der Atmungsorgane 4. Magen= und Darm­katarrh 2, Altersschwäche 16. sonstigen Krankheiten 70, und eines unnatürlichen Todes 16 Personen.

Eheschließungen

erteilung gemäß§ 1706 des Bürgerlichen Gesetzbuches 7, Annahme an Kindesstatt 1, obrigkeitlicher Verfü­gung 34.

Spaßhaft ist an diesem Tätigkeitsbericht der Bo­

ndesämter, daß man 210 Männer 209

Huner Stanvesamer,„daß man 210, Männer,

Frauen heiraten läßt. Oder sollte eine Frau versehent­lich zwei Männer bekommen haben?

Bochumer Stadtverordneter vor Gericht

Gefängnis für Verleumdung

Vor dem Erweiterten Schöffengericht in Essen hatte sich der Bochumer Stadtverordnete I. Wagner in seiner Eigenschaft als Schriftleiter eines national­sozialistischen Wochenblattes wegen verschiedener Artikel in dieser Zeitschrift zu verantworten. Der Prozeß gegen den Angeklagten mußte bereits mehrmals vertagt werden, weil der Angeklagte als Reichstagsabgeordneter den Vorzug der Immunität genoß und deshalb ohne Genehmigung des Parlaments polizeilich nicht vorge­führt werden konnte. Nachdem inzwischen durch die Reichstagsauflösung

der Schutz der Immunität gefallen war, konnte der Prozeß durchgeführt werden.

Drei Prozesse fanden auf der. Tagesordnung. Der

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