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119. Jahrgang— Nummer 227
Donnerstag, den 30. September 1954
Einzelverkaufspreis 15 Pf
Sensation in London
Großbritannien zieht keine Divisionen vom Kontinent ab— Bedingte USA-Garantie
London.(Korr.) Die britische Regierung hat auf der Londoner Neunmächte-Konferenz eine geradezu sensationelle Erklärung abgegeben. Außenminister Eden sagte unter starker Bewegung der Konferenz, daß Großbritannien seine auf dem Kontinent stehenden Divisionen nicht zuruckzuziehen gedenke und alle Verfügungen über diese Streitkräfte einer Mehrheits-Entscheidung der Brüsseler Paktmächte unterwerfe.
Diese Erklärung gilt nicht nur für die eine Division, die Großbritannien bisher der EVG zur Verfügung stellen wollte, sondern für samtliche britische Divisionen auf dem Kontinent. Damit ist einer der entscheidenden Wünsche des französischen Ministerpräsidenten erfüllt. Eden machte jedoch diese Zusage von dem Erfolg der Konferenz abhängig.
Vorher hatte Außenminister Dulles in einer ernsten Erklärung mitgeteilt, daß die amerikanische Garantieerklärung für die Belassung der amerikanischen Truppen in Europa, die für die EVG vorgesehen war, nicht erneuert werden würde, wenn sich die europäischen Mächte nicht über die deutsche Souveränität und den deutschen Verteidigungsbeitrag einigen könnten.
Die Erklärungen des britischen Außenministers wurden, ebenso wie die bedingte Zusage einer erneuerten amerikanischen
Garantie, von den Außenministern Belgiens, Frankreichs, der Bundesrepublik, Luxemburgs und der Niederlande warm begrüßt. Der kanadische Außenminister fügte seinerseits eine Verpflichtung hinzu, die kanadische Unterstützung für die NATO aufrechtzuerhalten.
Paris gegen deutsche Rüstungsproduktion
In der weiteren Aussprache lehnte Bundeskanzler Dr. Adenauer die französische Forderung ab, der Bundesrepueblik jede Art von Rüstungsproduktion vorzuenthalten. Er forderte auch hier Gleichberechtigung.
Mendès-France hatte gefordert, daß das gesamte rechtsrheinische Gebiet als „gefährdete Zone“ klassifiziert werde. Die Herstellung von schweren Waffen, Panzern, Geschützen und Flugzeugen soll in diesem Gebiet verboten sein. Das Ruhrgebiet würde nach diesen Plänen von einer Beteiligung an der westlichen Rüstungsproduktion größtenteils ausgeschlossen sein.
Wie verlautet, herrschte bei anderen Delegationen der Londoner Konferenz die Auffassung vor, daß diese Vorschläge als eine Diskriminierung der Bundesrepublik angesehen werden müssen und daher in der vorliegenden Form kaum Aussicht auf Annahme hätten.
Eine weitere Bestimmung in den französischen Vorschlägen sieht vor, daß alle neu zu errichtenden Rüstungsfabriken gemeinsames Eigentum der beteiligten Staaten und nicht Eigentum eines einzelnen Staates würden. Mendès-France soll die Bereitschaft Frankreichs erklärt haben, der Bundesrepublik Kompensationen dafür anzubieten, daß sie von den wesentlichen Zweigen der Rüstungsproduktion ausgeschlossen werden sollte.
Unter vier Augen
Zwischen Adenauer und Mendès-France fand eine Unterredung unter vier Augen statt. Dabei kam auch die Saarfrage zr Sprache. Der Kanzler hat verschiedene nach dem Scheitern der EVG gegen Mendès-France vorgebrachte deutsche Außerungen„aufgeklärt“. Adenauer versicherte, daß ihm an einem guten Verhältnis zur französischen Regierung sehr gelegen sei. Die Reihe der Einzelbesprechungen wurde später mit Unterredungen zwischen Mendès-France und Spaak und am Nachmittag zwischen dem französischen Ministerpräsidenten und Dulles fortgesetzt.
Menschenfalle“ ausgehoben
Italienisch-amerikanischer Gangster bei Neapel verhaftet
105 JAHRE ALT
Berlins älteste Einwohnerin, Frau Luise tibmann, beging ihren 105. Geburtstag. Frau Rißmann ist trotz ihres hohen Alters noch sehr rüstig. Sie sitzt täglich im Zigarrengeschäft ihrer Tochter und plaudert angeregt mit der Kundschaft.
Neapel.(ANSA) Die italienische Polizei verhaftete jetzt den italienisch-amerikanischen Gangster Luigi Sorrentino, der bei Torre del Greco(Neapel) eine Menschenralle zur Ausplünderung und Ermordung von Auswanderungslustigen errichtet hatte.
Der Gangster, der 23 Jahre im amerikanischen Sing- Sing- Zuchthaus gesessen hatte und später aus den USA ausgewiesen wurde, hatte seine Opfer einzeln in sein Haus bestellt. Er hatte ihnen gegen Bezahlung von 3350 Mark zugesagt, er werde sie heimlich nach Amerika bringen. Der erste, der in die Falle ging, war ein junger Sizilianer. Er hatte gerade das Geld auf den Tisch gelegt, als Sorrentino von hinten an ihn heranschlich und ihm mit einem schweren Eisenhammer den Schädel zertrümmerte.
Kurze Zeit darauf erschien der Bruder des Ermordeten in dem abgelegenen Haus. Er schöpfte jedoch schnell Verdacht, entging dem tödlichen Hammerhieb und stürzte hilfeschreiend auf die Straße. Sorrentino wurde jetzt mit einem Komplicen verhaftet. Sie gaben zu, geplant zu haben, 20 Auswanderungskandidaten in
ihrer Menschenfalle zu ermorden und darauf aus Torre del Greco zu verschwinden.
16 Tote bei Autobusunglück
Verkehrskatastrophe in der Nähe von Maastricht
Den Haag.(Korr.) Gestern nachmittag wurden bei Valkenburg in der Nähe von Maastricht 16 Personen getötet und 17 verletzt, als ein belgischer Autobus ins Schleudern kam und mit großer Geschwindigkeit gegen ein Denkmal am Straßenrand prallte.
Der mit pensionierten belgischen Bergleuten besetzte Autobus wurde nach dem Aufprall gegen ein Gebäude geschleudert. Vierzehn Omnibus-Insassen wurden getötet. Unter den Todesopfern sind zwei Straßenpassanten.
Remer meldete sich
Hannover.(dpa) Der am 15. März 1952 wegen Beleidigung der Widerstandskämpfer vom Braunschweiger Landgericht verurteilte Otto Ernst Remer meldete sich gestern überraschend in Oldenburg zum Strafantritt, Remer, der sich damals dem Strafvollzug entzog, wurde vorläufig inhaftiert. Er ist jedoch wieder auf freien Fuß gesetzt worden, weil die Strafe in ihrer Höhe unter das Straffreiheitsgesetz fällt. Remer soll sich in der letzten Zeit in Agypten aufgehalten haben.
Ziele des DGB-Kongresses
Köln.(dpa) Als dringende Anliegen des dritten Kongresses des Deutschen Gewerkschaftsbundes vom 4. bis 9. Oktober in Frankfurt bezeichnete der Vorsitzende des DGB. Freitag, gestern die Arbeitszeitverkürzung, das verlängerte Wochenende und die 40-Stunden-Woche. Auch die Lohnfrage werde einen wichtigen Platz einnehmen.
Nie mißhandelt worden
Paris.(Korr.) Der ehemalige französische Ministerpräsident Paul Reynaud betrat gestern den Zeugenstand, um vor dem Pariser Militärgericht im ObergProzeß auszusagen. Er erklärte, er sei während seiner Haft niemißhandelt worden und belastete die beiden Angeklagten Oberg und Knochen nicht.
Labour für Freiheit Zyperns
London.(Korr.) Die Delegierten des Parteikongresses der britischen Labour Party in Scarborough forderten gestern einstimmig die Unterhausfraktion der Partei auf, künftig gegen die von der konservativen Regierung verfolgte Politik in der Zypernfrage zu opponieren. Die Labour-Fraktion soll alles versuchen,„damit dieses arme und stolze Volk der Mittelmeerkolonie schließlich doch noch seine Freiheit erhält, um die es schon seit Jahrhunderten kämpft.“
JETZT HINTER DICHT VERSCHLOSSENEN TUREN
Seit gestern verhandelt die Londoner Konferenz hinter dicht verschlossenen Türen. Unser oberes Telebild zeigt die deutsche Abordnung im Konferenzsaal. Dritter von links Staatssekretär Hallstein, rechts daneben Bundeskanzler Dr. Adenauer und ganz rechts der Sicherheitsbeauftragte Blank. Unten: Die französische Abordnung. In der Mitte Ministerpräsident Mendès-France.
126 Opfer eines Zugunglücks
Adenauer kehrt am Wochenende nach Bonn zurück
126 Todesopfer kostete das Zugunglück in der Nähe von Haiderabad in Indien. Rettungsmannschaften suchen immer noch den stark angeschwollenen Vasanti-Fluß ab, in dessen Fluten der Zug stürzte.
Bundeskanzler Dr. Adenauer wird an Wochenende nach Bonn zurückkehren, um am Montag den türkischen Ministerpräsidenten Menderes und Außenminister Köprüld zu empfangen.
Der Gesamtverband des Deutschen Großund Einzelhandels äußerte gestern Bedenken gegen dus Ladenschlußgesetz, das vor kurzem vom Bundeskabinett verabschiedet worden ist. Der Verband spricht sich für ein verlängertes Wochenende aus.
Die 69. pilotenlose Bombergruppe ist gestern aus den USA in Bremerhaven eingetroffen. Die Einheit wird im französischen Besatzungsgebiet stationiert.
Die israelische Abordnung bei der UNO bestreitet, daß ein israelisches Handelsschiff die ägyptische Küste beschossen habe.
Die sowjetische Kommandantur im niederösterreichischen Bezirk Hollabrunn hat sämtliche Wahlplakate des Verbandes der Unabhängigen beschlagnahmt.
Bundespräsident Heuß hat an den Kaiser von Japan wegen der schweren TalfunKatastrophe ein Beileidstelegramm gesandt.
Der ehemalige persische Außenminister Fatemi erschien gestern in Teheran vor einem Militärgericht unter der Anklage des Hochverrats. Er wurde auf einer Krankenbahre in den Gerichtssaal getragen und bat nach kurzem Verhör um Vertagung. Das Gericht gab seinem Antrag statt.
Zu zwölf Jahren Zuchthaus verurteilt wurde in Amsterdam ein 81jähriger Mörder. Er
hatte einen 56jährigen Asylinsassen erschlagen, um ihn zu berauben.
Im Londoner Hafen liegen rund einhundert Schiffe still, weil 8000 Reparaturarbeiter streiken.
Dr. Edith Summerskill wurde gestern abend zur Vorsitzenden der britischen Labour-Party für das Jahr 1954/55 gewählt.
Schottische Autostraße vereist
Schneefälle in Schottland und in den Alpen— Sturm in der Nordsee
Londoner Bastelstunde
(NP)
Die Frage ist, ob sich die verschiedenen Spurweiten miteinander verbinden lassen
Hamburg.(dpa) In Schottland und in den Alpen ist es seit der Nacht zum Mittwoch zu starken Schneefällen gekommen. Der erste Schnee und ein starker Kälteeinbruch haben in den Bergen Mittelschottlands zur Vereisunz eines Teils der Autostraße am sogenannten „Teufelsellenbogen“ geführt. Auf der 3354
Meter hohen Marmolata südöstlich von Bozen sind gestern 14 Grad unter null gemessen.
Die Schiffahrt in der Nordsee wurde gestern vor einem Sturm gewarnt, der mit Windstärke acht über die Deutsche Bucht und das Küstengebiet hinwegzieht. Zahlreiche Schiffe haben in den Nordseehäfen Schutz gesucht.
Bergung der Taifun-Opfer
Tokio.(Reuter) Japanische Taucher arbeiteten gestern in Schichten, um die Opfer des Taifuns, der am Sonntag über Japan hinwegging und mehrere Schiffe zum Kentern brachte, zu bergen. Man schätzt, daß allein in den Kabinen des großen Fährschiffes„Doya Maru“ die Leichen von 700 Passagieren eingeschlossen sind. Der Kiel des gekenterten Fahrzeuges ragt aus dem Wasser. Japanische Stellen teilten mit, daß bisher 3030 Tote und Vermißte festgestellt wurden.
Wie wird das Wetter?
Nur kurzfristige Besserung
Einem über Südskandinavien nach Osten ziehenden Tief folgt nur ein schmales Zwischenhoch, da bereits eine neue Störung mit ihren Ausläufern aus dem Westen der britischen Inseln übergreift. Der Zustrom frischer Meereskaltluft von Nordosten flaut daher nur kurzfristig ab.
Vorhersage für Donnerstag: Vorübergehend nachlassende Winde um West. Zunächst überwiegend heiter, im Laufe des Tages aber allmählich zunehmende Bewöikung. Abends neue Eintrübung und nachfolgend schauerartiger Regen. Tagestemperaturen 10 bis 12 Grad. Tiefsttemperaturen nachts um 5 Grad. Weitere Aussichten: Unbeständig und geringer Temperaturanstieg.