Amtliches Kreisblatt
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Nr. 129.
Samstag, den 5. Juni 1915.
47. Jahrgang.
*„„
Die Sprache des schlechten Gewissens.
Die Rede des Ministerpräsidenten Salandra auf dem Kapitol in der Sitzung des römischen Ausschusses für bürgerliche Kriegsvorbereitung war ein lauter Wortschwall voll unbeschreiblicher Selbstüberhebung und einer Verdrehungsbunst, die ihres gleichen sucht. Nahezu alle Behauptungen, die Salandra zur Rechtfertigung seines Vorgehens ausstellte, waren Unwahrheiten. Und wenn er zum Schluß seiner Darlegungen prophetisch ausrief: Italien wird in diesem größten aller Kriege siegen, weil König und Volk einig sind, so lautet das Echo der Wahrheit darauf: König und Volk sind uneinig, Italien wird unterliegen. Nichtswürdige Verleumdungen scheute der Ministerpräsi' dent gleichfalls nicht. So, wenn er behauptete, der deutsche Kanzler habe im Reichstage erklärt, das italienische Kabinett sei durch ausländisches Geld
Schwere Kämpfe in Flandern.
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wib. Großes Hauptquartier, 2. Juni 1915.
bestochen worden, während der Kanzler bekanntlich gesagt hatte, die Straße sei vom Gelde des Dreiverbandes bearbeitet worden; so ferner, wenn er Oesterreich unterstellte, dieses habe während der libyschen Unternehmung, des libyschen Naubzuges hätte es richtiger geheißen, immer auf einen Krieg mit Italien gehofft. Das Gegenteil ist die Wahrheit, ohne Rückendeckung durch Deutschland und Oesterreich=Ungarn hätte Italien den libyschen Feldzug nie durchführen können, und man wird abwarten dürfen, ob Italien den libyschen Raub nach dem jetzigen Kriege behalten wird.
An Selbstüberhebung leistete sich Salandra Uebermenschliches, wenn er behauptete, er komme sich vornehmer vor, als der Kaiser Franz Joseph und als der dautsche Reichskanzler, wenn er erklärte, die Zornrede des Herrn v. Bethmann Hollweg könne von Italienern nicht verstanden werden, die politisch und kulturell, zwanzig Jahrhunderte weiter seien, als die Deutschen. Advokatenkniffe schlimmster Art wendete der Ministerpräsident an, um Italiens Schmach auf Deutschland und Oesterreich Ungarn abzuwälzen und diese beiden für die Auflösung des Dreibundes verantwortlich zu machen. Am 27. und 28. Juli habe Italien in klaren Noten an die Berliner und Wiener Regierung die Frage der Abtretung der italienischen Provinzen Oesterreichs cuifgeworfen und erklärt, wenn es nicht entsprechende Entschädigungen erhalte, werde der Dreibund unheilbar zerbrochen werden; aber Oesterreich habe allerlei Ausflüchte gebraucht.„Am 30. Juli sagte der österreichische Gesandte in Rom zum italienischen Minister des Aeußeren Giul'ano, Oesterreich könne in dieser Hinsicht keine bindenden Erklärungen abgeben, da man nicht voraussehen könne, ob es nicht im Laufe des Krieges gezwungen sein würde, gegen seinen Willen serbische Gebietsteile für sich zu behalten. Mündliche und schriftliche Versicherungen des Königs Viktor Emanuel späteren Datums behaupten das Gegenteil dessen, was Salandra sagte. Im übrigen schloß sich der Minister zum Beweise seiner Lügen eng an das gewugsam bekannte * Grünbuch an, das zu einem Vade mecum für alle italienischen Politiker geworden ist und für sie alle den unentbehrlichen Wegweiser bildet, ohne den sich keiner aus dem Labyrinth der italienischen Lügen herauszufinden vermag. Am Ende sprach doch auch die Angst vor Deutschland aus den Schaumschlägereien des italienischen Ministerpräsidenten. Salandra meinte, er wolle keine Schutzherrschaft Deutschlands, noch ein Vasallenverhältnis zum Deutschen Reiche, dessen gewaltige Ueberlegenheit er damit anerkannte. Im Vierverband übt Italien die Rolle eines gut bezahlten Stiefelputzers aus. Macht die Firma pleste, was gar nicht all lange dauern wird, dann wird auch über Italien das Strafgericht hereinbrechen.
Westlicher Kriegsschauplatz. Schloß und Ott Hooge(östlich von Ppern) ist bis auf wenige Häuser am Westrand von uns gestürmt. Englische Gegenangriffe wurden blutig abgewiesen.
Oestlich von Givenchy gelang es gestern abend englischen Truppen in unsere Stellung einzudringen. Ein Gegenangriff warf den Feind unter schwersten Verlusten wieder hinaus. Drei englische Maschinen=Gewehre blieben in unserer Hand. Die Stellung ist lückenlos in unserem Besitz.
Die Zuckersabrik von Souchez ist nach hinund herwogendem Kampse von uns besetzt. An der Bahn westlich Souchez ist der Kampf noch im Gange.
Ein starker feindlicher Angiiff auf unsere
Gräben bei und rördlich Neuville brach im Artilleriefeuer zusammen.
Südlich von Neuville sind seit heute nacht
Nahkämpfe im Garge.
Im Priesterwalde ist der Kampf abgeschlossen. Es ist uns gelungen, den größten Teil der verlorenen Gräben wiederzugewinnen.
Oestlicher Kriegsschauplatz.
Russische Abteilungen wurden durch unsere Kavallerie aus den Ortschaften Lenen und
Schrunden, 60—70 Klm. östlich von Libau, vertrieben.
In der Gegend von Rawdsiany, westlich von Kurschany, und bei Sawdyniki an der Dubissa scheiterten russische Angriffe.
Südöstlicher Kriegsschauplatz.
Unsere Truppen haben nach Kampf die Orte östlich von Przemysl und nach Nordosten
anschließend die Linie Bolestraszyce=TorkiPodziace=Starzawa erreicht.
Die Beute aus dem Fall von Przemysl ist noch nicht festgestellt.
Es ergibt sich aus Aussagen von Gefangenen verschiedener Truppenteile, daß die Rufsen für die Nacht vom 2. zum 3. Juni, in der Przemysl gestürmt wurde, auf der ganzen Froat der Armee des Generalobersten v. Mackensen einen allgemeinen Angriff eingeleitet hatten. Diese Offensive ist schon in ihren Anfängen vollkommen gescheitert.
22 Kilometer östlich von Przemysl stürmten deutsche Truppen unter General von der Marwiß die Höhen beiderseits Myalatycza.
Die Armee des Generals v. Linsingen ist im Begriffe, den Unterlauf des Stryj nordöstlich des Ortes gleichen Namens zu überschreiten.
Oberste Heeresleitung.
Der Vormarsch auf Lemberg
!
wtb Wien, 5. Juni.(Nichtamtlich.) Amtlich wirh verlautbart vom 4. Juni mittags:
Russischer Kriegsschauplatz.
Im Laufe des Tage, wurde Przemysl vom Feinde gesäubert, der in östlicher Richtung zurückging und auf den Höhen südwestlich Medyka durch Nachhuten Widerstand zu leisten versuchte. Dort greifen jetzt die verbündeten Truppen an. Unter diesen ist es der Armee Böhm=Ermolli gelungen, von Süden her die russische Verteidigungsstellung zu durchbrechen und in der Richtung auf Mosciska vorzustoßen, von welchem Orte unsere Truppen nunmehr einige Kilometer entfernt stehen. Bei diesen Kämpfen sielen zahlreiche Gefangene in die Hände der Sieger. Auch der Angriff der Armee von Linsingen hatte neue Erfolge. Die Russen sind seit heute früh vor dieser Armee in vollem
Rückzuge. An der Pruthlinie hat sich in Rückwirkung der Ereignisse am San und oberen Dujester ein neuer Kampf entwickelt. Wo der Gegner Angrisfe versuchte, wurde er unter starken Verlusten abgewiesen. 900 Mann wurden zu Gefangenen gemacht. Die sonstige Lage am unteren San und in Polen ist unverändert.
Italienischer Kriegsschauplatz.
Im Tiroler Grenzraum sind keine wesentlichen Ereignisse zu verzeichnen. Oestlich des Kreuzberg= sattels nahmen unsere Truppen zwei Gipfel, welche die Italiener vorübergehend stark besetzt hatten. An der kärntnerischen Grenze hält der Geschützkampf stellenweise an. Im Küstenlande wird im Raume von Karfreit gekämpft.
Der Stellvertreter des Chefs des Generalstabes: von Höfer, Feldmarschall=Leutnant.
Große Beute in Przemysl!
A fe.
Der Fall Przemysl's!
Als Przemysl, die starke Festung am Sanfluß, den Russen, vom Hunger, nicht durch das bezwungen, übergeben werden mußte, ging ein schweres Seufzen durch die deutschen Lande und ein Jauchzen erscholl in Petersburg und London, in Paris und Belgrad und nicht zuletzt in Rom. Der Fall Przemysl's gab den Italienern sogar den Mut, den feigen Verrat allmählich auch den früheren Freunden zu enthüllen. Wie mag dem Verräter und seinen neuen Genossen zu sein, da jetzt die Nachricht durch die Welt fliegt: Przemysl ist zurückerobert!“ Jetzt steigt der Jubel hoch in Berlin und Wien, in Konstantinopel, aber in Petersburg herrscht der schlimmste Katzenjammer verfrühten Jubels und in Rom würde man wohl gerne eine Revision des Verrates vornehmen, wenn nicht das„zu spät“, das Salandra=Sonnino der entgegengestreckten Friedenshand entgegenschrien, donnernd in ihre Ohren zurückschallte. Einmal durfte Rußland die Wonnen des Sieges kosten, der Zar durfte sich huldigen lassen in den okkupierten Gebieten, jetzt ist dichter Schatten wieder gefallen über die verfrühte Freude, so dicht, daß die Russen so bald nicht wieder den Weg zur Sonne zurückfinden werden. General Dimitriew hatte recht, als er den Ausgang der Karpathenschlacht als den Anfang vom Ende bezeichnete. Oesterreichs Fahnen flattern wieder über Przemysl! Unsere Truppen, vor allen die Bayern, haben glorreich mitgestritten. Von der Maas bis an die Memel, von der Etsch bis an den Belt, von der Weichsel zum Isonzo, von der Moldau bis zur Sawe ein Jubelruf:„Przemysl ist wieder unser!“ Und bald wird wieder ganz Galizien in unseren Händen sein und damit kein Russe mehr auf fremdem Boden stehen! Die russische Dampfwalze hat hundertmal mehr ihrer Landsleute unter sich zermalmt als Deutsche und Oesterreicher. Wieder werden 100000 Russen in Gefangenschaft ziehen. Bald wird auch das schier unerschöpfliche russische Reservoir erschöpft sein und damit die Hoffnung der Ententemächte auf Entlastung durch die Russen. Wir dürfen wahrhaft etwas vom Anfang des Endes in dem Fall Przemysl's sehen!
Um Przemysl, dessen große Bedeutung für den Ausgang des Krieges von allen klar erkannt wurde, da es auf beiden Ufern des Sauflusses gelegen, den besten Stützpunkt für die Offensive gewährt und einer zurückgehenden Armee Schutz und Aufnahme, ist von beiden Kriegführenden heftig gesochten worden Mitte September v. Is. wurde die Festung von dem früheren bulgarischen Heerführer und Erstürmer von Adrianopel, Radto Dimitriew, eingeschlossen. Aber Przemysl hielt sich, am 10. Oktober wurde der russische Ring gesprengt. 70000 Russen hatten ihr Grab vor den Festungswällen gefunden. Am 9. November begann die zweite Belagerung, am 22. März mußte die Festung dem Hunger kapitulieren. Der strenge Nachwinter hatte es den Verbündeten unmöglich gemacht, rechizeitig Ersatz zu bringen Jetzt ist die Festung wieder den Russen entrissen! Eine Folge der siegreichen Karpathenschlachten und des Durchbruchs der russischen Front in Westgalizien. Und niemand wird sie uns wieder entreißen! Soviel neue Feinde sich auch noch auf die Seite der Gegner stellen mögen.
wib Wien, 5. Juni.(Nichtamtlich.) Die Truppen drangen rasch nach einander von allen Seiten in Przemyol ein. Mit den Reitern trafen sich die Reiter der Kavalleriedivision Berndt auf dem Marktplatze. Darauf langten auch die Fußtruppen des 19. Korps an. Unendlicher Jubel herrschte überall. Alle Straßen waren voll von Menschen, die Blumensträuße und Fahnen schwenkten und solche an den Häusern besestigten. Die Stadt hat nicht gelitten. Große Vorräte sind in den Magazinen zurückgeblieben. Auch sonstiges
der
Kriegsmaterial befindet sich noch viel in Festung. Die Truppen konnten sich aber in der Stadt nicht aushalten, da sie sofort dem abziehenden Gegner nachdrängten, der zum Schutze seiner Abmarsche, aus den Höhen östlich der Stadt Nachhutstellungen bezogen hatte und diese ziemlich hartnäckig verteidigte. Langsam drängten unsere Truppen den Feind von Stellung zu Stellung aus dem Festungsrayon. Die Zahl der Gesangenen ist noch nicht ermittelt.
Zum Lobe der Helden.
Berlin, 4. Juni. Die„Nordd. Allgem. Ztg.“ schreibt: Die frohe Kunde von der Wiedereroberung von Przemysl wird in ganz Doutschland mit Jubel begrüßt. Der bewundernswerten Tapferkeit der verbündeten Truppen unter hervorragender Führung ist es gelungen, die Feste in raschen, wuchtigen Schlägen zu bezwingen. Als kriegerische Ruhmestat ersten Ranges wird die Einnahme von Przemysl in der Geschichte fortleben. Hier haben in Wahrheit hohe Führergaben und Schneidigkeit der Truppen zusammengewirkt, um eine solche Leistung zu vollbringen. Die Waffen waren es, die den Sieg errungen haben, nicht der Hunger, dem die drave österreichisch=ungarische Besatzung erlegen ist, nachdem sie dem Feinde in äußerster