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Nr. 129.
Freitag, den 5. Juni 1914.
46. Jahrgang.
Erstes Blatt.
nationale Einheitsschule.
Von den zahlreichen Köngressen, die wie immer so auch in diesem Jahre während der Psingstwoche abgehalten wurden und noch stattfinden, hat der Deutsche Lehrertag in Kiel besonderes Interesse erweckt. Seine Volksschule ist dem Deutschen eine Herzenssache, er ist stolz auf sie und weiß, was er ihr zu danken hat. Während das wirtschaftliche Leben anderer Kulturstaaten unter dem Mangel einer allgemeinen Volksbildung leidet, beruht unser glänzender wirtschaftlicher Ausschwung und unsere Stellung auf dem Weltmarkt zu einem sehr erheblichen Teile in der Schulbildung, die bei uns heute auch der geringste Arbeiter besitzt Die Deutschen sind nicht mehr bloß das Volk der Dichter und Denker, das an dem Wettbewerb um die materiellen Güter der Erde keinen Anteil hatte, aber sie danken mit Recht ihr politisches und wirtschaftliches Ansehen der allgemeinen Durchdringung mit einem Bildungsmaß, über das die großen Volksmassen des Auslandes nirgends verfügen. Kein Deutscher kann je vergessen, was er der Schule schuldet. Daher das große und allgemeine Interesse an allen Fragen, die den öffentlichen Unterricht angehen. An dem Guten zu bessern, ist ernste Pflicht, und daß auch unser Schulwesen besserungssähig ist, wie jede menschliche Einrichtung, unterliegt keinem Zweifel. Daher werden unsere berufenen Schulmänner nicht müde, Verbesserungsvorschläge zu machen. Selbstverständlich darf dabei das kostbare Gut der deutschen Volksschule nicht zum Gegenstand des Experiments gemacht werden; wenn irgendwo so hat gerade hier jede Reformarbeit sich äußerster Vorsicht zu befleißigen. Das gilt auch von dem in Kiel erhobenen. Ruf nach einer nationalen Einheitsschule.
Der Gedanke, daß alle Kinder zunächst die allgemeine Volksschule zu besuchen haben, und daß nur diejenigen, die etwas leisten, in höhere Stusen aufrücken, hat ohne Frage etwas Bestechendes. Die Intelligenz ist nicht an das Portemonnaie gebunden; es ist vielmehr Tatsache, daß mancher Junge wohlhabender Eltern ohne Nutzen die Schulbank drückt, während dem Bildungshunger befähigter, aber armer Kinder von der Volksschule oft nicht in dem erwünschten Maße entsprochen werden kann. Mam darf dabei jedoch nicht übersehen, daß der den Durchschnitt überragenden Intelligenz auch unter den heutigen Verhältnissen schon Mittel und Wege geboten sind, sich ohne besondere Kosten wissenschaftlich emporzuarbeiten. Jede höhere Schule hat eine Anzahl Freistellen für tüchtige Schüler zur Verfügung, und jeder Lehrer freut sich, in seiner Klasse solche Jungen zu haben, die gewissermaßen als Schrittmacher für die andern dienen und ihre Mitschüler mit sich fortreißen. Freilich müßten für den Uebergang von der Volks= zur höheren Schule noch bessere Verbindungen geschaffen werden, da bei dem jetzigen System ein bis zwei Schuljahre verloren zu gehen pflegen. Und dann genügt für ganz mittellose Intelligenzen die freie Schule allein noch nicht. Es bedarf vielmehr direkter finanzieller Zuwendungen als Erziehungsbeihilfe an die betrefsenden Eltern. Auch solche Beihilsen werden ja bereits in manchen Orten gewährt. Sie tragen bisher jedoch vielfach den Charakter einer Art Armenunterstützung und gelangen auch nur in recht beschränktem Umfange zur Auszahlung. Hier läßt sich noch viel bessern. Das geistige Kapital stellt ein nicht minder wertvolles Nationalvermögen dar als das metallische, und das Nationalvermögen muß nach Möglichkeit vor Verlusten geschützt werden. Der Gedanke staatlicher Beihilfen an unbemittelte Eltern hervorragend begabter Kinder zu dem Zweck, diesen eine wissenschaftliche Ausbildung zu vermitteln, hat so viel für sich, daß er vielleicht schon in absehbarer Zeit verwirklicht wird. Damit wäre für das erste aber ein befriedigender Ausgleich geschaffen.
Polikische Uebersicht.
Wenn man beim Kaiserhoch sitzen bleibt. So
ganz ungestraft kommt die Sozialdemokratie wegen ihrer ungehörigen Demonstration beim Kaiserhoch doch nicht davon. In Straßburg war während des Pfingstfestes einem Schweizer Arbeiterverein die Teilnahme an einem sozialdemokratischen Arbeitersängersest in Straßburg verboten worden. Der sozialdemokratische Landtagsabgeordnete Schilling wollte nun beim Staatssekretär Grasen v. Roedern wegen dieser Angelegenheit Rücksprache nehmen. Der Staats,ekretär ließ ihm aber erklären, er könne ihn nicht empsangen, weil er am 8. April(Landtagsschluß) sitzen geblieben sei.— Der sozialdemokratische Abgeordnete Wolfgang Heine erklärte, daß der Beschluß seiner Fraktion, beim Kaiserhoch sitzen zu bleiben, das Verkehrteste sei, was unter gegenwärtigen politischen Verhältnissen gemacht werden konnte, der Beschluß sei übrigens auch mit geringer Mehrheit gefaßt worden.
Zum Tode Dr. Schwartzkopffs hat der Kaiser an den Bruder des verstorbenen Oberpräsidenten drahten lassen:„Seine Majestät der Kaiser und König beklagen tief das Hinscheiden Ihres Herrn Bruders, des Oberpräsidenten der Provinz Posen, und sprechen Ihnen und den übrigen hinterbliebenen Verwandten Allerhöchst ihr wärmstes Beileid aus. Die hohen Verdienste des Entschlafenen um die Provinz und das Vaterland sichern ihm ein ehrenvolles und dankbares Gedenken.“— Auch die Kaiserin hat ihre Teilnahme ausgesprochen.
Ermittlungsverfahren in Sachen der Liebknechtschen Enthüllungen. Wie die Braunschweiger Landeszeitung erfährt, ist wegen der Veröffentlichungen des„Vorwärts“ über einen angeblichen privaten Ordensschacher durch Beamte der Kaiserlichen Hoshaltung von der Staatsanwaltschaft beim Landgericht Berlin I ein Ermittlungsverfahren eingeleitet worden. Das Verfahren richtet sich gegen den verantwortlichen Redakteur des„Vorwärts" und gegen den Urheber der Beschuldigungen den sozialdemokratischen Abgeordneten Dr. Liebknecht.
Der Dualaneger Din, der in Hamburg wegen Hochverrats verhastet wurde, ist beschuldigt, Versuche gemacht zu haben, Kamerun in die Hände der Engländer zu spielen. Diese Versuche waren wohl von vornherein aussichtslos, abber zur Aufrechterhaltung der Ordnung und der Disziplin unter den Negern ist es doch nötig, den Neger zu bestrafen. Din war nach Deutschland gekommen, um in der bekannten Enteignungsafsäre der Dualaneger Rücksprache mit dem Berliner Rechtsanwalt zu nehmen.
Eine geschickte Maßnahme zur Heranbildung eines tüchtigen Reserveoffizierskorps unserer Marine ist das freiwillige Uebungsjahr, dessen nähere Bestimmungen soeben vom Reichsmarineamt veröffentlicht worden sind. Die Offiziere erhalten für die einjährige freiwillige Uebung ein Einkleidungsgeld von 600 Mark und ein tägliches Uebungsgeld. Die Uebung soll so eingerichtet werden, daß die Neserveossiziere im Fall ihrer Einziehung sofort als Wachoffiziere auf Linienschiffen, Kreuzern oder Torpedobooten und besonders bei der Bedienung der drahtlosen Telegraphie verwendet werden können. Dieses Uebungsjahr ist ein warmer Appell an die freiwillige Dienstbereitschaft. Die großen deutschen Schiffahrtsgesellschaften werden ihren Schiffsoffizieren Gelegenheit zur Ableistung eines solchen freiwilligen Dienstjahres geben.
Die Vorlage für das Petroleumhandelsmonopol ist infolge des Reichstagsschlusses unerledigt geblieben. Daraus ist mehrfach der Schluß gezogen worden, das die Vorlage gefallen ist und nicht mehr wiederkehren wird. Das ist nicht richtig. Der Reichstag hat zu der ganzen Sache keine entscheidende Stellung eingenommen und im Ausschuß bestand der feste Wille, aus der Vorlage ein greifbares Ergebnis zu erzielen. Da die Verhandlungen hierüber nicht zu Ende gelangt sind, kann der Plan auch noch nicht als erledigt erachtet werden. Die Regirung steht auch jetzt noch auf dem Boden ihrer Vorlage und dem Beschluß des Bundesrats wird die Entscheidung über die Wiedervorlegung des Gesetzentwurfs unterliegen.
Frankreich.
Die Erledigung der Kabinettskrise gestaltet sich diesmal besonders langwierig. Der Präsident der Republik konferierte eingehend mit dem Gegner der dreijährigen Dienstzeit, dem radikalen Abgeordneten Viviani, der als erster Kandidat für den Posten des Ministerpräsidenten in Betracht kommt, er empfing bald danach jedoch auch den früheren Finanzminister, jetzigen Senator Peytral. Auch dieser gehört der radikalen Partei an. Mit welchem der beiden Staatsmänner Herr Poincaree schließlich auch handelseins wird, soviel steht fest, daß der neue Ministerpräsident dem Dreijahrsgesetz feindlich gegenübersteht, das der Präsident der Republik für unerläßlich erklärt Ueber die Wahl des neuen Ministers des Auswärtigen ist die Entscheidung noch nicht getroffen. Neben Delcassee werden die mehr oder minder maßvollen und deutschfreundlichen Politiker Pichon, Bourgeois und Dupuy genannt.
Der Chef des Generalstabs ließ die Meldung dementieren, er habe mit seinem Rücktritt für den Fall gedroht, daß die Kammer die Absicht bekunden sollte, zur zweijährigen Dienstzeit zurückzukehren.
Der Prozeß gegen Frau Caillaux, gegen die der Staatsanwalt die Anklage auf Ermordung des „Figaro"=Direktors Calmette erhob, beginnt am 20. Juli und wird etwa fünf Tage dauern. Gegen den Anklagebeschluß hat Frau Caillaux keine Berufung eingelegt. Herr Caillaux, der von den Folgen des Sturzes aus dem Automobil wieder hergestellt ist, besucht seine Gattin im Untersuchungsgefängnis noch täglich.
Schweiz.
Die Schweiz gegen den deutschen Wehrbeitrag.
Der schweizerische Bundesrat wird dem„Bund“ zufolge gleich den übrigen Staaten bei der deutschen Reichsregierung, gestützt auf die mit ihr abgeschlossenen Staatsverträge, Vorstellungen dagegen erheben, daß das deutsche Wehrgesetz die ausländischen Aktiengesellschaften stärker belastet, als die deutschen. Das geschieht garnicht, der Wehrbeitrag ist einer direkten Steuer gleichzuachten, sodaß den Auslandsstaaten gegen ihn kein Einspruchsrecht zusteht.
Italien.
Papst Pius X. seiert gestern seinen 79. Geburtstag in vollster geistiger und körperlicher Rüstigkeit. Der Papst las, wie gewöhnlich, in seiner Privatkapelle eine hl. Messe und empfing sodann die Mitglieder des päpstlichen Hosstaates und der Diplomatie zur Gratulation. Die anläßlich des jüngsten Konsistoriums noch in Rom anwesenden Kardinäle brachten dem Papste gleichsalls ihre Glückwünsche dar. Kardinalstaatssekretär Merry del Val gab ein festliches Bankett, an dem auch das beim hl. Stuhl beglaubigte diplomatische Korps teilnahm.
England.
König Georg von England vollendete am Mittwoch sein 49. Lebensjahr. König Eduard starb am 6. Mai 1910. Wegen der Hostrauer wurde damals die offizielle Feier des Königs=Geburtstages auf den 22. Juni verlegt, und dieser Termin ist beibehalten worden.
ubland.
Das Ueberfliegen der russischen Grenze. Die rus
sische Regierung veröffentlicht zur Klärung der Sachlage, die in dem Falle des Freiballonführers Berliner und anderer Anlaß zu Mißverständnissen gab, die Bestimmungen über das Ueberfliegen der russischen Grenze. Das Ueberfliegen ist grundsätzlich verboten, und jeder Ballon, jedes Luftschiff oder jeder Aeroplan wird unnachsichtlich beschossen, sowie es über die Grenze kommt. Eine Ausnahme gibt es, wenn sich fremde Lustschiffer mit dem Kaiserlich Russischen Aeroklub in Verbindung setzen, der die Erlaubnis zum Ueberfliegen der Grenze beim Generalstab auswirkt. Dann aber müssen die Flugzeuge in bestimmter Weise gekennzeichnek sein und so niedrig fliegen, daß die Kennzeichen deutlich sichtbar sind. Ueber die Grenzbestimmungen Rußlands zu Preußen, Oesterreich=Ungarn und Rumänien verbreitet sich auch ein Weißbuch, das das russische Auswärtige Amt demnächst veröffentlicht.
Norwegen.
Wem gehört Spitzbergen? In Christiania ist eine internationale Konferenz zur Regelung der
Besitzverhältnisse auf Spitzbergen zusammengetreten, die maßgebenden Beschlüsse werden in der nächsten Woche gefaßt. Die Spitzbergen=Frage sollte schon vor längeren Jahren gelöst werden, damals aber widersprach Rußland. Dem reichen Tierbestand des Polarlandes war die herrenlose Zeit jedenfalls nicht zuträglich; schutzlos waren die Wale, Robben, Eisbären, Blaufüchse und Eidergänse den Berufsjägern preisgegeben. Nachdem nun aber reiche Kohlenlager auf Spitzbergen festgestellt worden sind, für die schwedische, norwegische, deutsche und englische Unternehmer die ersten Arbeiten geleistet haben, kann die Regelung der Besitzverhältnisse nicht länger hinausgeschoben werden.
Serbien.
Rücktritt des Kabinetts in Serbien. Das Kabinett Paschitsch hat dem Könige sein Entlassungsgesuch überreicht. Der Rücktritt hat, wie verlautet, seine unmittelbare Ursache darin, daß der Ministerpräsident bisher vom König noch nicht die Einwilligung zur Auflösung der Skupschtina und zur Vornahme von Neuwahlen erhalten hat. Dieses Zaudern des Königs wird dem Einfluß der unzufriedenen Militärs zugeschrieben, die mit Hochdruck beim König darauf hinarbeiten, daß er den Befehl zur Vornahme der Neuwahlen der Opposition übertrage.
Die Konferenz von Niagara Falls gescheitert.
Die mexikanischen Insurgenten werden sich an der Friedenskonferenz in Niagara Falls nicht beteiligen. Damit ist das Schicksal der Konferenz besiegelt. Sie wird voraussichtlich noch einige theoretische Beschlüsse fassen, um sich einen anständigen Abgang zu sichern, doch gelten in Washington alle Möglichkeiten einer Vermittlung als gescheitert. In unterrichteten Kreisen Washingtons rechnet man nunmehr mit der Wahrscheinlichkeit eines aktiven Eingreifens der Union in Mexiko, sogar unter Um. ständen mit einer Besetzung der mexikanischen Hauptstadt durch amerikanische Truppen zur Sicherung der Ordnung gerechter Kongreßwahlen und der erforderlichen Reformen. Es wird darauf hingewiesen, daß die Besetzung von Veracruz als der erste Schritt zur Durchführung eines großzügigen amerikanischen Okkupationsprogramms zu betrachten sei. Es steht fest, daß die amerikanischen Militärbehörden insgeheim umfassende Vorbereitungen zur Bildung einer Okkupationsarmee treffen. Endgültige Beschlüsse sind noch nicht gefaßt, doch ist in Regierungskreisen wohl bekannt, daß Präsident Wilson die Pazifizierung Mexikos als eine Kulturmission von größter Wichtigkeit betrachtet und fest entschlossen ist, dem mexikanischen Bürgerkriege um jeden Preis ein Ende zu bereiten.
Die Lage in Albanien
Die Einigungsversuche in Albanien gescheitert.
Die Verhandlungen der internationalen Kontrollkommission mit den albanischen sind fruchtlos verlaufen, da die Ausständischen auf den bekannten Bedingungen beharren. Die Kommission hat ihr Mandat niedergelegt.
Durazzo, 4. Juni. Die Kontrollkommission war um 2,20 Uhr nach Schiak zu den Aufständischen gegangen, von wo sie nach 7 Uhr abends zurückkam, um dem Fürsten sofort Bericht zu erstatten. Die Aufrührer halten danach, während sie in anderen Punkten nachgeben wollen, ihre erste Forderung aufrecht, daß ihnen ein mohammedanischer Fürst oder eine türkische Oberhoheit gegeben werden müsse, und sind trotz langer Verhandlungen davon nicht abgegangen. Die Kommission sieht nunmehr ihre Bemühungen als beendet an und hat dem Fürsten dies mitgeteilt, der sich seine Entscheidung noch vorbehalten hat.
Gestern nachmittag erwiderte Fürst Wilhelm den Besuch des österreichischen Admirals an Bord des „Tegetthof“. Als er mit der Fürstin später zurückkehrte, wurden keinerlei Salutschüsse abgefeuert, doch hißten alle im Hasen befindlichen Schiffe große Filaggengale.