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Nr. 271.

Samstag, den 16. November 1912.

44. Jahrg.

Erstes Blatt. Politische Uebersicht.

Der Kaiser lag am Freitag wie schon am Tage vorher in den Revieren des Grafen von Tiele­Winckler beim Schloß Moschen der Jagd auf Fasa­nen ob. Die Rückkehr des Monarchen nach Pots­dam erfolgt am heutigen Sonnabend. Am 26. No­vember wohnt der Kaiser der Hochzeit der Prin­zessin Leontine zu Fürstenberg mit dem Prinzen Hugo Vinzenz zu Windisch=Graetz im fürstenber­gischen Schloß in Donaueschingen bei.

Zum Besuch des österreichisch=ungarischen Thron­folgers. Die bevorstehende Teilnahme des Erz­herzogs Franz Ferdinand an den kaiserlichen Hof­jagden in Springe am 22. und 23. d. Mts. ist von einem Teil der ausländischen Presse vom Gesichts­punkt ihrer politischen Bedeutung für die gegen­wärtige Balkankrise erörtert worden. Wenn dabei dem Zusammentreffen Kaiser Wilhelms mit dem Erzherzog jede politische Bedeutung abgesprochen wird, so ist das ebenso unberechtigt, wie wenn man von dem Besuch neue Entschließungen über schwebende Fragen der Orientpolitik erwarten wollte. Die Stellungnahme der im Dreibund ge­einigten Mächte zu allen Fragen der Balkankrisis ist bereits durch gegenseitigen Meinungsaustausch so vollkommen geklärt und festgelegt, daß es neuer Besprechungen zwischen dem Kaiser und dem Thron­folger nicht mehr bedarf. Indessen liegt in dem Besuch des Erzherzogs Franz Ferdinand doch eine politische Bedeutung; denn er zeigt in der gegen­wärtigen Spannung, die sich aus dem Lauf der Er­eignisse des Balkankrieges für Oesterreich=Ungarn ergeben hat, daß Deutschlands Bundestreue gegen seinen Nachbar auch jetzt die unerschütterliche Grundlage seiner Politik ist.

Das preußische Abgeordnetenhaus, das sich am heutigen Sonnabend bis zum 28. November vertagt, erledigte am Freitag, am dritten Tage der zwei­ten Lesung des preußischen Wassergesetzes, eine wei­tere Anzahl Paragraphen dieses wichtigen Gesetzes. Insgesamt wurden 270 Paragraphen erledigt, sodaß noch 95 am heutigen Sonnabend zur Beratung stehen.

Zum Petroleum=Monopol. In ihrem Kampf gegen das gesetzgeberische Vorgehen zur Einführung eines Petroleum=Monopols greift die Deutsch­Amerikanische Petroleum=Gesellschaft, die Tochter­gesellschaft der Standard Oil Company, zu eigen­artigen Mitteln. Wie mitgeteilt wird, läßt sie durch zahlreiche Angestellte den Detaillisten, die bisher von ihr bezogen haben und die bekanntlich durch Exlusivverträge sowie durch die leihweise Ueberlassung von Stand= und Tankgefäßen an sie gebunden sind, folgenden Revers zur Unterschrift vorlegen: Mit Rücksicht auf die bevorstehenden Be­ratungen im Reichstag über das von der Regie­rung beabsichtigte Petroleum=Monopol erklären die unterzeichneten Wiederverkäufer hiermit, daß sie mit der von der Deutsch=Amerikanischen Petroleum= gesellschaft bereits seit vielen Jahren getroffenen Einrichtung des Straßenwagensystems sowohl hin­sichtlich der Art der Versorgung, der Bedienung, wie auch der Qualität des erhaltenen Oels, stets vollkommen zufrieden gewesen sind, und daß dem­nach für sie keinerlei Grund vorliegt, eine Aende­rung des bestehenden Zustandes durch die Einfüh­rung eines Petroleum=Monopols herbeizuführen. Wir fürchten von einem solchen Monopol eher Nachteile als Vorteile.— Wir glauben nicht, daß eine derartige Sammlung von Unterschriften— die Standard Oil Company hofft es auf 25 000 zu bringen— auf den Reichstag oder sonst einen ur. teilsfähigen Menschen sonderlichen Eindruck ma­chen wird.

Ueber den Termin der Landtagswahlen im Jahre 1913 sind in letzter Zeit in der Presse ver­schiedene Mutmaßungen laut geworden. Wie wir hören, haben die maßgebenden Instanzen zu die­ser Frage bisher noch keine Stellung genommen, da sie der Meinung sind, daß die Anberaumung des Wahltermins lediglich von den Arbeiten des Land­tags abhängt. Man nimmt an, daß der Landtag

Das bälbige Elide!

Die Hoffnung auf eine baldige Beendigung des Balkankrieges und auf eine Verständigung über die Wirkungen des Krieges, namentlich auch über die Adriafrage, hält an und besestigt sich. Infolgedessen beginnt sich die Stimmung im Wirtschaftsleben und an den Börsen zu heben. Freilich wäre es verfrüht, sich jetzt schon in das Gefühl unbedingter Sicher­heit einzuwiegen. Ueberraschungen sind noch im­mer möglich, und daher Vorsicht und eine gewisse Zurückhaltung am Platze. Wenn über die schwe­benden Waffenstillstands= bezw. Friedensverhand­lungen nur wenig an die Oeffentlichkeit dringt, so braucht man sich darüber nicht zu wundern. Die Ouchyer Friedensverhandlungen, die die Beendi­gung des türkisch=italienischen Krieges brachten, standen kurz vor ihrem Abschluß, bevor die Außen­stehenden recht wußten, daß sie überhaupt geführt wurden.

Die Türkei ist nicht nur mit Bulgarien, sondern auch mit Serbien, Montenegro und Griechenland in

direkte Friedensverhandlungen

eingetreten. In Sofia führt man diese un­erwartete Wendung auf entscheidende bulgarische Er­folge an der Tschataldschalinie zurück.— Die bul­garischen Friedensbedingungen sind noch nicht end­gültig festgelegt, haben auch noch nicht die Ge­nehmigung des Königs erhalten, sollen aber im wesentlichen in folgendem bestehen: Räumung des Restes der Tschataldschalinie und entweder Kapi­tulation der Tschataldscha=Armee oder Abzug un­ter Bewachung, Räumung von Adrianopel, Sku­tari, Janina und Monastir, weiter Einzug der bul­garischen Truppen in Konstantinopel, Abtretung der besetzten Gebiete, Internationalisierung Kon­stantinopels, außerdem freie Dardanellen=Durch­fahrt und zuletzt Kriegsentschädigung.

Die Kämpfe an der Tschataldschalinie werden von beiden Seiten mit heldenhafter Zähig­heit fortgesetzt. Die Haltung der türkischen Truppen in diesen Kämpsen, sowie in denen um Adrianopel und Skutari tilgt manchen Makel, den türkische Truppen auf andern Teilen des Kriegsschauplatzes sich zugezogen haben. Nach Sofioter Meldungen ist es nach fünftägigen, heißen Ringen den Bulga­ren gelungen, das Zentrum der türkischen Stellun­gen zu durchbrechen und Hadenköj zu besetzen. Die­ser Ort liegt hinter der Fortslinie und ziemlich gleich weit vom Schwarzen wie vom Marmarameer entfernt. Die ursprüngliche Absicht der Bulgaren, den Befestigungswall an einem der beiden ge­nannten Meere zu umgehen, scheint daher doch in­folge des Eingreifens der türkischen Kriegsschiffe aufgegeben worden zu sein. Ein Versuch war gemacht worden, denn nach Konstantinopeler Berichten hat das Feuer der türkischen Schiffsgeschütze den Bulga­ren schweren Schaden zugefügt. Der Kommandant des Kreuzers Hamidije meldete darüber amtlich: Durch ein wohlgelungenes Feuer auf etwa 7500

seine Arbeiten vor Pfingsten kaum erledigen wird und hält es deshalb für ziemlich ausgeschlossen, daß die Neuwahlen zum Landtage noch im Sommer stattfinden werden. Voraussichtlich dürften die Landtagswahlen erst im Oktober stattfinden.

Vom mecklenburgischen Landtag. Mehrere Mitglieder der Ritterschaft beantragten in einem Diktamen die Ablehnung des neuen Verfassungs­entwurfes der Regierung, da nur die Fortentwicke­lung der jetzigen Verfassung und nicht eine Zer­störung derselben in ihrer Grundlage als richtig anzuerkennen sei. Sie erbitten die Herausgabe einer abgeänderten Verfassungsvorlage, die dem Mangel der bestehenden Verfassung abhilft, ohne Bruch mit der Geschichte und dem Rechte des Lan­des. Die Ritterschaft beriet darauf als Stand für sich und nahm den Antrag des Diktamens mit 18 gegen 16 Stimmen an. Die Landschaft dagegen lehnte den Antrag durch Standesbeschluß ab. Hier­mit ist vorläufig der Verfassungsentwurf abgelehnt, ohne daß es zu einer Kommissionsberatung kommt.

Die Arbeiten des Strafrechtsausschusses sind in lden letzten Wochen so rüftig vorgeschritten, daß sie

bis 9500 Meter entfernte feindliche Streitkräfte, de­ren Stärke auf eine Division geschätzt wurde und die in der Gegend von Dragonköj nördlich von Bogados an der Küste des Marmarameeres konzen­triert waren, wurde der Feind hinter die Höhen zurückgedrängt und erlitt große Verluste.

Um Adrianopel,

das sie vor dem Waffenstillstand unbedingt im Besitz nehmen möchten, ziehen die Bulgaren ihre Kreise enger und enger. Eine wirkliche Beschie­ßung hat noch immer nicht stattgefunden; wie die fortgesetzten wütenden Ausfälle der türkischen Be­satzungstruppen zeigen, ist bisher nur die Ein­schließung erreicht worden. Bulgarische Flücht­linge berichteten, daß für die Garnison noch reich­liche Vorräte an Lebensmitteln vorhanden wären, daß es dagegen für die Zivilbevölkerung an Brot sehle. Ferner teilten sie mit, daß der Kommandant alle Christen in die türkischen Moscheen gesteckt habe, weil er glaube, daß diese zuerst bombardiert werden würden. Die mohamedanische Bevölkerung erhielt dagegen ziemlich bombensichere Unterkunft.

Heftige Kämpfe toben um Mona­stir, das gleichzeitig durch serbische Streitkräfte von Norden und durch griechische von Süden her angegriffen wurde. Sollte auch die Meldung von dem bereits erfolgten Fall der Festung den Tatsa­chen vorauseilen, so muß das Schicksal Monastirs doch als besiegelt gelten. Um Skutari mühen sich die Montenegriner noch immer ab. Trotz heftiger und andauernder Beschießung hat sich die Stadt noch immer behauptet, die nun schon seit Wochen das am heißesten erstrebte Ziel des Königs Nikita ist.

Der Friede nahe bevorstehend?

-- Konstantinopel, 16. November. Der Groß­wesir hatte gestern nachmittag eine längere Unter­redung mit dem russischen Botschafter von Giers in der russischen Botschaft, an der auch der erste Dragoman der bulgarischen Gesandtschaft, Popow, teilnahm. Ueber das Ergebnis der Besprechung erstattete Kiamil Pascha dem Sultan Bericht. Der Besprechung wird große Bedeutung beigelegt. Auch zwischen dem russischen und dem englischen Bot­schafter sand eine Konferenz statt. In türkischen Kreisen wird erklärt, daß der Friedensschluß nahe bevorstehe. Später hatte der Großwesir auch mit dem österreichischen Botschafter, Markgrafen Palla­vicini, eine Unterredung.

Unfrieden in Sofia.

- Sofia, 16. November. Der Unwille über das Vorgehen der Militärbehörden ist allgemein. Da bisher noch keine Verlustliste veröffentlicht ist, wissen die Familien nicht, ob ihre Angehörigen im Felde lebend oder tot sind, und wenn verwundet, wo sie liegen. Die Zustände in den Hospitälern spotten jeder Beschreibung. Die bulgarischen Ver­luste sollen nach den hier vorliegenden Meldungen 42000 Mann an Toten, Verwundeten und Kran­ken betragen.

noch vor Weihnachten die erste Lesung des neuen Strafgesetzbuches beenden wird. Die zweite Le­sung wird etwa im Februar beginnen und soll bis zum Beginne der Gerichtsferien abgeschlossen wer­den. Das Einführungsgesetz zum neuen Strafge­setzbuch soll von einem neuen Ausschuß beraten werden, der voraussichtlich im Herbst 1913 seine Ar­beiten beginnen wird. Die Ausstellung des Ent­wurfs selbst durch die Dienststellen wird erst im Laufe des Jahres 1914 erfolgen können und län­gere Zeit in Anspruch nehmen. Dieser Entwurf ist zunächst von den Bundesregierungen zu begutach­ten, ehe er dem Bundesrat unterbreitet werden kann. Dies wird vor 1905 kaum der Fall sein können.

England.

Das liberale Ministerium Asquith in Gefahr.

Das englische Unterhaus hat als die Mutter der Parlamente stets auf die Erhaltung seiner Würde besonderen Wert gelegt. Das Gesetz über die Ver­leihung der Selbständigkeit in Irland, das in Bel­fast und anderen irischen Städten schon so zahlreiche und heftige Rebellionen verursachte, hat auch den.

schönen Grundsatz des Londoner Unterhauses über den Hausen geworfen. Die Konservativen, die auch Unionisten heißen, weil sie die Einheit Ir­lands mit England fordern, haben gegen die par­lamentarische Erledigung des Homerulegesetzes zum Mittel der Obstruktion gegriffen. Sie hindern nicht nur durch ohrenbetäubenden Lärm die Mi­nister am Sprechen, sondern verübten auch Gewalt­tätigkeiten gegen sie. So wurde dem Marinemini­ster Churchill ein Buch ins Gesicht geschleudert. Der erregte Minister hätte sich auf seinen Angrei­fer gestürzt und es hätte ein beispiellose Prügelei gegeben, wenn ihn seine Freunde nicht zurückgehal­ten hätten. Der Premier= und andere Minister wurden mit Papierbällen bombardiert. Abzug! Abzug! ruft ihnen die Opposition fortgesetzt entge­gen. Eine Vertagung folgt der anderen, und ob­wohl die liberale Regierung eine sichere Mehrheit im Hause hat, läßt sich der Ausgang des Kampfes nicht absehen.

Ist England gerüstet? Der Führer der Opposi­

tion, das Unterhausmitglied Bonax Law, hat in Liverpool eine Rede gehalten, in deren Verlauf er über den Balkankrieg sagte: Die Ereignisse der letzten Woche haben die Situation in Europa von Grund auf geändert. Die schnelle und unerwartete Demonstration militärischer Kraft und Tüchtigkeit seitens der Balkanstaaten ist eines der denkwürdig­sten geschichtlichen Ereignisse. Bis der Frieden wiederhergestellt worden ist, ist die Luft voll Span­nung. Niemand weiß, wo und wann der Blitzstrahl niedergehen wird. Ich bin kein Alarmist und bin überzeugt, daß die Großmächte den Frieden wün­schen. Aber dieser Krieg hat neue Fragen in den Vordergrund gebracht, die die nationalen Bestre­bungen der Großmächte auf das Engste berühren. Eine derartige Lage ist gefährlich. Ich hoffe zwar mit Sicherheit, daß der Frieden gewahrt werden wird. Aber die andere Alternative tritt auch den Bereich der Möglichkeit, und wenn der Krieg kommt, was ist dann Englands Lage? Der gegen­wärtige Krieg bildet eine ernste Lehre für Groß­Britannien. Auf der einen Seite stehen Mut und militärische Fertigkeit, auf der anderen findet man gleichfalls großen Mut, jedoch ohne militärische Fertigkeit. England als Nation besitzt großen Mut, aber im Vergleich mit den europäischen Groß­mächten besitzt es keine militärische Fertigkeit. Die Kriegsmarine bildet nach wie vor die erste und

einzigste Verteidigung Englands. Ist sie aber auch

dieser Aufgabe gewachsen?

Rußland.

Die Besitzvergrößerung Rußlands. Rußland

hat seinen gewaltigen Besitz an Land und Leuten, sein Territorialbesitz umfaßt 22,3 Millionen Qua­dratkilometer und die Zahl seiner Einwohner 163 Millionen, durch die Annexion der Mongolei noch um rund 2,8 Millionen Quadratkilometer mit nahe­zu 2 Millionen Einwohnern vergrößert. Das ganze Deutsche Reich umfaßt noch nicht volle 531 000 Quadratkilometer mit über 65 Mill. Einwohnern. Ein Vergleich dieser Zahlen zeigt die beispiellosen Entwickelungsmöglichkeiten Rußlands an, in dessen europäischem Teil 24 und in dessen asiatischen Ge­bieten kaum ein Einwohner auf einen Quadrat= kilometer Landes entfällt, während die Bevölke­rungsdichtigkeit in Deutschland 120 auf den Quad­ratkilometer beträgt, in Frankreich 74, in Eng­land 145, in Italien 121, in Oesterreich=Ungarn 95. In Nordamerika, das man das Land der un­begrenzten Möglichkeiten nennt, entfallen 10 Einwohner auf einen Quadratkilometer des nahe­zu zehn Millionen Quadratkilometer großen Landes.

Spanien.

Der neue Ministerpräsident Graf Romanones

leistete um 6 Uhr abends im königlichen Palais den Eid. Die anderen Minister haben ihr Portefeuille behalten, mit Ausnahme des Arbeitsministers. welcher noch keinen Entschluß gefaßt hat. Moret hat eingewilligt, die Präsidentschaft der Kammer zu übernehmen.

Vereinigte Staaten.

Die Gebühren auf dem Panamakanal. Ueber

die vom Präsidenten Taft erlassene Gebühren­ordnung für den Panamakanal wird weiter gemel­det: Kriegsschifse mit Ausnahme von Transport­