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Nr. 89.

Dienstag, den 17. April 1906.

38. Jahrgang.

Alle Kreis= und Lokalpolizeilichen Verordnungen für den Kreis Hörde erlangen gemäß Bekanntmachung der Königl. Regierung durch Veröffentlichung in der„Schwerter Zeitung“ rechts­verbindliche Kraft.

Insertionsgebühr für lokale Anzeigen, die sechsgespaltene Petit­zeile oder deren Raum 10 Pfg., außerhalb 15, Reklame=Zeile 40 Pfg., Druck und Verlag von Carl Braus in Schwerte. Fernsprech=Anschluß Nr. 62. Amt Schwerte.

Abonnementspreis pro Quartal: 1 Mark 65 Pfg., extra 42 Pfg. Bestellgeld, wenn durch die Post bezogen. Erscheint an jedem Wochentage. Wöchentliche Gratisbeilage:„Illustrierter Familienfreund.“

Die deutsche Postkarte.

Zur Österzeit wrden im Deutschen Reiche wieder viele tausend Karten mit Grüßen, Abbildungen oder Ansichten versendet. Die vorderen Seiten die­

ser Karten sollen neben den Aufschriften die von der Post vorgeschriebenen Vermerke„Postkarte“ oder „Drucksache“ aufweisen; statt dessen haben seit etwa 10 Jahren deutsche oder wenigstens im deutschen Reiche wohnende Karten=Verleger es für gut befunden, den fast ausschließlich für den deutschen Verkehr bestimmten Ansichtskarten neben der Benennung„Postkarte“ eine große Zahl fremdsprachiger Uebersetzungen dieses Wor­tes aufzudrucken. Es genügt nicht, den etwa durch den Weltpostverkehr zu entschuldigenden französischen Na­men„Carte postale“ anzuführen, nein, es müssen auf diesen Karten die meisten europäischen Sprachen in krausem Gemische vereinigt sein. Und fürwahr, es ist ein der deutschen Fremdtümelei entsprechendes Bild, das durch Aufzählung von 10, 12 ja 15 fremdsprachiger Postkarten=Benennungen die Vorderseite einer solchen Karte bietet:„Postkarte“,(deutsch),„Carte postale“ (französisch),„Levelezö=Lap“(ungarisch),„Korrespon­denzkarte“,(österreichisch),„Dospisnice“(slovenisch), „Karta" korrespondencyjna“(polnisch),„Korrespon­dencni listek“,(tschechisch),„Briefkaart“(holländisch), „Post card“(englisch),„Brefkort“(dänisch),„„Carto­lina postale“(italienisch),„Tarjeta postal“.(spanisch), „Dopisnica“(kroatisch),„Carta postale“(rumänisch) und außerdem noch russisch, serbisch und bulgarisch in ihren fremden Schriftzeichen.

Und dies alles auf Postsendungen, die fast aus­schließlich für das Inland bestimmt sind, für Karten, die von Tausenden und Abertausenden deutscher Frauen und Mädchen zu Mitteilngen benutzt werden. Niemand scheint zu empfinden, welches Entwürdigende darin liegt, daß auf Karten, die im Deutschen Reiche hergestellt und vertrieben werden, auf Karten, die fast ausschließ­lich nach dem deutschen Sprachgebiet versendet werden, sich Bezeichnungen in Sprachen vorfinden, die neben der deutschen Sprache mindestens überflüssig sind.

Das beschämende hierbei ist, daß sich diese Torheit ohne Widerspruch zu finden, so weit verbreitet hat, daß in der Hauptstadt des Deutschen Reiches kaum eine An­sichtskarte mehr gekauftx werden kann, die nicht eine derartige Sprachmengerei trägt, daß sogar sämtliche in Berlin während der Kaiser=Feien verkauften Karten mit dem Bilde des deutschen Kaiserpaares madjarische, polnische, tschechische und noch zehn andere Aufsrucke zeigten. Die Kunstanstalten Berlins lieferten einen großen Teil ihrer Erzeugnisse auch nach dem Auslande, aber es dürfte ihnen micht einfallen, den für das Aus­land bestimmten Karten dieselben Aufdrucke zu geben, wie sie es den deutschen Abnehmern zu bieten wagen. Selbst in Oesterreich, dem Lande, in dessen gemischt­sprachigen Gebieten die amtlichen Postkarten Vor­drucke der maßgebenden Lindessprachen besitzen, sind derartige Machwerke nicht verbreitet, und gar in Un­garn wäre es ausgeschlossen, daß auf einer Karte neben dem madjarischen Levelezö=Lap das deutsche„Postkarte“ geduldet würde. Wir aber im Deutschen Reiche haben so wenig Volksbewußtsein, so wenig Verständnis ffür das Entwürdigende, daß wir seit Jahren Millionen und Abermillionen Postkarten für das Inland beschreiben, die madiarische, kroatische, tschechische und andere sehr überflüssige Aufschriften besitzen. Und sollte wirklich einmal eine Ansichtskarte nach dem Auslande bestimmt sein, so bedarf sie sicher keines solchen Sprach=Gemisches, um ihren Weg zu finden. Das deutsche Wort„Post­karte“ genügt ihr als Geleit in die ganze Welt!!

Politische Uebersicht.

Ueber die Reisepläne des Kaisers werden fol­gende Mitteilungen gemacht: Der Kaiser trifft am 18. April zu dreitägigem Besuch beim Grafen Görtz in Schlitz in Oberhessen ein. Von dort begibt sich der Mo­narch nach Homburg im Tannus. Anfang Mai wird der Kaiser in Donaueschingen erwartet, um als Gast des Fürsten von Fürstenberg der Auerhahnjagd obzu­liegen. Nach einem Besuche Ost= und Westppeußens trifft der Kaiser angeblich im Juni auf der Wartburg ein.

— Ein Reichsschulamt soll nicht errichtet werden.

Man glaubte die Errichtung erwarten zu dürfen, weil der Schulsachverständige Dr. Franz Schmidt in das Auswärtige Amt berufen worden ist. Die Nationalzei­tung erfährt aber, daß Dr. Schmidt lediglich kommissa­risch und probeweise einberufen worden ist, um dem zuständigen Referenten im Auswärtigen Amt bei der Bearbeitung der die deutschen Schulen im Auslande be­treffenden Angelegenheiten behilflich zu sein.

Ein früherer Oberpräsident als Provinziallandttgsab­geordneter.

Man schreibt den„L. N. N.“ vom Rhein: Der frü­here Oberpräsident der Rheinprovinz, Dr. Nasse, hat sich bei den gegenwärtig stattfindenden Provinziallandtags­wahlen für die Stadt Bonn in den Provinziallandtag der Rheinprovinz wählen lassen. Ein Beweis, daß der 72jährige Herr noch keineswegs an ein otium cum dig­nitate denkt und damit den Gerüchten neue Nahrung gibt, wonach er äm 1. Oktober vorigen Jahres keines­wegs so freiwillig seinen Präsidentensessel verlassen hat, wie das damals glaubhaft gemacht werden sollte. Je­denfalls ist es als Seltenheit zu bezeichnen, daß sich ein ehemaliger Oberpräsident aufs neue in dieser Weise dem öffentlichen Leben zuwendet.

— Treue Reichstagswahlkreise. Von den 397 Reichstagswahlkreisen sind 94 von der ersten Wahl im Jahre 1871 resp. 1874 bis jetzt in den Händen einer und derselben Partei gewesen. Es befinden sich 6 östliche Wahlkreise im ununterbrochenen Besitze der Konserva­tiven, 7 im ganzen Reich zerstreute im Besitz der Natio­nalliberalen, 2 Wahlkreise behaupten die Freisinnigen,

7 die Elsässer, 2 die Welfen, 1 die Dänen, 12 die Polen und 57 das Zentrum.

— Für die Wiedereinführung der Prügelstrafe bei Rohheitsdelikten tritt der Erste Staatsanwalt in Gnesen ein. Er sagt in der„Deutschen Juristenzeitung" u. a.: Auf der Umschau nach neuen Strafarten meldet sich gleich ein guter Bekannter, die Prügelstrafe. Obgleich es nicht viele Deutsche geben

ihrer Zellung, oder wenn sie senst Eoneinerringer,

ten Straftat erfahren, durch den Gedanken oder gar den Ausruf„Der Mensch verdient Schläge“ das Bedürfnis nach dieser Strafart gefühlt und anerkannt haben, wie trotz der in die Augen springenden Vorteil; ihrer Billigkeit und Eindringlichkeit hat sie den verlorenen Platz nicht wieder gewinnen können. Einer der Gründe hierfür scheint ihr altmodischer grober Name zu sein; viel wäre gewonnen, wenn man einen wohlklingenden Namen oder gar ein Fremdwort für sie finden könnte. Uebrigens befinden sich diejenigen, die sie für einführ­bar halten schon in der Gesellschaft Englands, des frei­sinnig regierten Dänemark und keines Geringeren als des Präsidenten der Vereinigten Staaten, Theodore Roosevelt. Durch ihr: Einführung würde der im ge­gegenwäntigen System fehlendellebergang von der einzi­gen darin enthaltenen Leibesstrafe, der Todesstrafe, zur Freiheitsstrafe geschaffen werden.

— Ausländer als Industriespione. Daß das allzu große Entgegenkommen, das Ausländer in deutschen Fabriken und Betrieben meist finden, oft mit Undank gelohnt wwird, zeigt folgender Fall, den die„Gesellschaft für drahtlose Telegraphie“ veröffentlicht:„Vor meh­reren Jahren weilte ein Japaner Kimura in Europa und hielt sich zum Studium der drahtlosen Telegraphie einige Monate in Berlin auf. Er studierte eingehend die Systeme von Marconi, Professor Braun und Slaby=Arco, um, wie er behauptete, seiner Regierung ein muparteiisches Gutachten, nach dem man sich für eins dieser Systeme entscheiden könne, zu unterbreiten. Un­ter diesem Vorwande und unter der Vorspiegelung, er werde veranlassen, daß in Japan die Apparate der deutschen Systeme eingeführt würden, ist es Herrn Ki­mura gelungen, Anser System Telefunken(Vereinig­ung der Systeme Braun=Siemens und Slaby=Arco) so eingehend zu studieren, daß es ihm ein leichtes war, nach kurzer Zeit mit einem eigenen System, einer Misch' sung der von ihm studierten, hervorzutreten. Noch bevox wir eine Beschreibung seines sogenannten Systems aus Japan erhielten, machte einer unserer Ingenieure wäh­rend sseines Aufenthaltes in Japan Herrn Kimura einen Besuch. Bezeichnend für den Herm ist, daß er den deutschen Ingenieur von seinem Aufenhalt bei der Te­legraphenfunkenGesellschaft genau kannte und diesem den größten Teil seiner Informationen verdankte.

Er empfing ihm nicht, sondern hatte keine Zeit! Später erhielten wir aus den übersandten Beschreib­ungen den Beweis, daß Herr Kimura es verstanden hatte, die ihm in vollem Vertrauen auf seine Ehrlichkeit gegebenen Informationen so geschickt in seinem In­teresse auszunutzen, daß heute die japanische Flotte mit seinem System versehen ist.

Schtte

Die preußischen Minister auf Reisen.

Rom, 17. April. Der preußische Kultusmini­ster Dr. Studt, der preußische Finanzminister Freiherr von Rheinbaben sowie die Ministerialdirektoren Dr. Althoff und Dr. Germar statteten heute dem Preußi­schen historischen Instititut einen mehrstündigen Besuch ab.

England intriguiert in Serbien.

= London, 17. April. Die Londoner Presse scheint auf Bestellung einen neuen Thronwechsel in Serbien vorzubereiten. Der„Daily Expreß“ veröffentlicht zum Beispiel heute erst wieder einen Brief seines Kornespon­denten in Wien, in welchem dieser behauptet, aus Ser­bien selbst(?) die Nachricht bekommen zu haben, daß man dort auch in ernst gesinnten politischen Kreisen be­reits davon spreche, wie lange es noch dauern werde, bis der König vertrieben werde. Wenn er abdanke, sei es sicher, daß sein Sohn ihm nicht folgen werde. Man spreche wiel von Prinz Waldemar von Dänemark als einen geeigneten Kandidaten für den serbischen Thron. In der Presse sowohl wie auch in der Armee mache sich jetzt die gegen die Königsmörder gerichtete Bewegung immer mehr geltend.

Warnung vor dem Streitsieber.

Man könnte fast versucht werden zu glauben, daß die warmen Frühlingslüfte auch die Streiklust in den Kreisen der Arbeiter wecke, denn es vergeht kein Tag. mag, die nicht beim Lesen in welchem nicht die Presse von neuen Arbeitseinstell­ie sonst von einer prügelhaf= ungen zu melden weiß. Aus allen Teilen des Reiches

und aus allen Branchen kommen Nachrichten über neue Streiks. Weshalb auf einmal diese vielen Arbeitsnie­

derlegungen? Zwei Gründe dürfen sich auf der Seite der Arbeiter geltend machen! Das Jahr 1905 hat gut abgeschnitten; fast überall sind ziemlich hohe Dividende bezahlt worden. An diesem wirtschaftlichem Aufschwung wollen auch die Arbeiter teilnehmen. Ein zweiter Grund ist in den erhöhten Lebensmittelpreisen zu su­chon; seit dem Sommer 1905 bewegen sich alle Preise in aufsteigender Linie. Obwohl man von einer Fleischnot nicht mehr reden kann— obwohl an der russischen und österreichischen Grenze eine erhöhte Einfuhr von Schwei­nen gestattet ist, so bleiben doch die Fleischpreise auf der­selben[Höhe wie im September und Oktober 1905. Da sieht sich der Arbeiter gezwungen, sich nach einem erhöh­ten Verdionst umzuschauen und er hofft, daß ihm ein Streik diesen Verdienst bringen müsse. Kein gerecht denkender Mensch kann den Arbeitern das Streben nach besserer Bezahlung übel nehmen! Alle Welt strebt nach Aufbesserung! Der Bauer, der Handwerker, der Kauf­mann und der Beamte! Eine Verbesserung der Lage der Arbeiter hat aber auch allgemein volkswirtschaftlichen Vorteil, da hierdurch der Umsatz in der Arbeiterfamilie steigt, was in erster Linie im Interesse der Landwirt­schaft liegt.

Nun erhebt sich die Frage, ob der Streik unter den heutigen Verhältnissen das Mittel ist, um eine Lohn­erhöhung herbeizuführen. Der Streik ist für die Arbei­ter unter Umständen ein sehr wirksames Mittel, aber er ist doch das letzte Mittel, er ist der wirtschaftliche Krieg und zum Krieg greift man nur zuletzt.„Wegen Ma­rokko führen wir keinen Krieg!“ so hieß es kürzlich im Reichstage. Mit Recht! Der Krieg muß die Kosten wert sein, die er werursacht; man verhandelt lieber auf diplo­matischem Wege, wenn man diese scheut! Ganz so ist es auch im Wirtschaftsleben. Ehe man in einen Streik ein­tritt, muß man auch die Aussichten auf Erfolg erbrin­gen. Darüber geben uns nun die amlichen Streikstati­stiken Aufschluß. Es ist fa zuzugeben, dtß diese Statistik noch eine höchst unvollkommene ist. Aber ein Durch­schnittsbild erhält man doch, und sie gibt ernste Zahlen, die in jeder Arbeiterversammlung vorgelesen werden sollen, ehe diese den Streik beschließt. Rund 50 Pro­zent sämtlicher Streiks endigen ohne jeden Erfolg für