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Nr. 278
Frankreich und die Friedensidee.
Wir haben immer das Gefühl, als ob Frankreich seine innersten Empfindungen verheimlicht, wenn es in die Friedensschalmaien seiner Freunde einstimmt, wenn es mit Rußland den Frieden preist und sich mit England und Italien zur Aufrechterhaltung des Friedens in schwungvollen Tiraden verpflichtet. Und daß den Franzosen in Wirklichkeit an nichts weniger, als an dem dauernden Frieden gelegen ist, das hat die jüngste Debatte in der Pariser Deputiertenkammer wieder einmal handgreiflich bewiesen. Der Minister des Auswärtigen, Delcassé, schloß eine lange Rede über Frankreichs Auslandspolitik, die in allen schwebenden politischen Fragen der größten Zuversicht Raum gab, mit den bezeichnenden Worten: Was die Abrüstungsfrage betrifft, so begreifen Sie, daß Frankreich damit nicht den Anfang machen kann. Wesentlich deutlicher wurde der folgende Redner, der radikale Replublikaner Leygues. Er betonte, daß auf dem Rouener Friedenskongreß auf Wunsch der deutschen Delegierten die Abrüstungsfrage von der Tagesordnung abgesetzt wurde. Auf sozialdemokratischer Seite erhebt sich darauf großer Lärm. Leygues fuhr fort: Wir leiden ebenso sehr wie Sie(zu den Sozialisten) unter dem bewaffneten Frieden. Die Mitglieder der äußersten Linken sprachen hier von wirtschaftlichen Interessen. Vergessen Sie nicht, daß am Tage nach unserm Unglück Deutschland seinen wirtschaftlichen Aufschwung nahm. Wir wollen friedliebend sein, aber die Hand am Degen behalten. Vergessen wir nicht, daß Macht allein die Schutzwehr der Ehre und der Freiheit ist. Noch charakteristischer war, was der nächste Redner, der Sozialist Paul Castans, im Namen seiner politischen Freunde erklärte, indem er sagte, daß auch er gegen die Verstümmelung sei, die man Frankreich im Jahre 1870/71 angetan habe; er habe aber das Recht, von einer internationalen Verständigung die Rückgabe Elsaß=Lothringens an Frankreich zu erwarten.„Das Recht zu erwarten wollen wir den französischen Sozialisten nicht streitig machen, nur sollen sie sich das Warten nicht zu lang werden lassen, denn für absehbare Zeit hat das Rezept so wenig Aussicht auf Erfolg, wie das der säbelrasselnden Revanchemänner. Aus alledem aber ergibt sich für uns aber wieder die gute Lehre: Unser Pulver jederzeit trocken zu halten!
Politische Uebersicht.
Die Einnahmen der preußischen Staatsbahnen haben im letzten Monat eine Höhe erreicht wie sie in mehreren Jahren in keinem Monat festgestellt worden ist: 136 Mill. Mk. oder 7,97 Mill. mehr. Die gesamten Einnahmen betrugen in den ersten siehen.
Sinnsprüche.
905½ Mill., was einei Ueberschuß von 49,13 Mill. Mk. bedeutet.
Eisenbahnversuchsfahrten mit großer Geschwindigkeit werden gegenwärtig vom Verein deutscher Bahnverwaltungen auf verschiedenen Strecken des Reichs veranstaltet. Es sind nach der„Post“ Geschwindigkeiten bis 100 Km. in der Stunde erreicht worden. Die Züge bestanden aus einer Schnellzugslokomotive und vier Personenwagen. Im letzten Wagen, der erfahrungsgemäß Schwankungen und Stößen am meisten ausgesetzt ist, waren Instrumente aufgestellt, die alle Bewegungen des Wagens selbsttätig aufzeichneten. Zur Sicherheit wurde das im letzten Beobachtungswagen stationierte Personal mit dem Personal der Maschine telephonisch verbunden. Es läßt sich jetzt schon sagen, daß einer allgemeinen Erhöhung der Geschwindigkeit nichts mehr im Wege steht.
Die Heimkehr unserer Südpolarexpedition. Wie aus Kiel berichtet wird, ist das deutsche Südpolarschiff „Gauß" wohlbehalten in der Holtenauer Schleuse angekommen. Am Mittwoch fand an Bord eine Begrüßungsfeier statt. Vom Reichsamt des Innern war Unterstaatssekretär Dr. Hopf erschienen, der die Mitglieder namens der Staatsregierung begrüßte. Prof. von Drygalski dankte und schilderte in kurzen Zügen den Verlauf der Fahrt. Der Rektor der Kieler Universität Prof. Baumgarten hieß die Mitglieder im Namen der Universität, der Stadt und der Bürgerschaft willkommen, Prinz Heinrich von Preußen unterhielt sich längere Zeit mit dem Führer und besichtigte die inneren Räume des Schiffes. Abends war Festmahl im Gasthaus Düsternbrook. Die Expedition war am 11. August 1901 von Kiel ausgefahren und hat,
wie bekannt, ein glänzendes Ergebnis gehabt.
Der soeben zum Präsidenten des Evangelischen
Oberkirchenrats ernannte Präsident des Landeskonfisto
riums in Hannover, Oberkonsistorialrat Voigts, ist geborener Hannoveraner. Er war zuerst Gerichtsassessor, dann Landrat und Verwaltungsgerichtsdirektor.
— Die Gräber von Langensalza sollen auf Veran
lassung des Herzogs von Cumberland und, soweit die Angehörigen der Gefallenen nicht eintreten, auch auf sei
ne Kosten erneuert werden. Der„Hann. Kourier" bemerkt zu dieser ihm zugehenden Meldung:„Der Inhalt der Mitteilung ist befremdlich. Denn Rechtsnachfolger des ehemaligen Königreichs Hannover, dessen Fürsorgedie Gräber von Langensalza anheimgefallen waren, ist der preußische Staat, und seine Behörden hättenr zeitig ihr Augenmerk darauf richten sollen, daß die Gräber wackere Kämpfer für ihr Vaterland nicht in Verfall gerieten. Aber abgesehen von dieser Ehrenpflicht des Staates sollten sich auch im Lande Hannover selbst Instanzen genug finden— wir denken an die provinzialen
Selbstverwaltungskörper, die Geschichts= und vor allem die Kriegervereine— die eine ehrenvolle Erinnerung in Pietät zu pflegen bereit wären.— Es gibt in Hannover auch wohl Staatsbehörden, deren Pflicht sein wird, dafür zu sorgen, daß nichts neues Agitationswasser auf die welfischen Mühlen geleitet werde.
—„Schmok Mehring“ nimmt nach einem im „Vorw. veröffentlichten Ukase des sozialdemokratischen Parteivorstandes seine Mitarbeiter an der„N. Zeit.“ wieder auf. Der Parteivorstand versichert, daß er seinen Beschluß gefaßt habe, nachdem er die gegen Mehring auf dem Dresdener Parteitage erhobenen Angriffe geprüft und auch die Erörterungen nach dem Dresdener Parteitage in den Kreis der Erwägungen gezogen habe. Es ware interessant, zu erfahren, ob der Parteivorstand sich auch in die sehr lesenswerte Broschüre von Professor Dr. Georg Adler:„Franz Mehring als Historiker“(Verlag von Lipsius und Tischer, Kiel und Leipzig) vertieft hat. In dieser Flugschrift findet man eine Reihe von amüsanten Gegenüberstellungen aus den zwei von Mehring verfaßten Geschichten der Sozialdemokratie. In der ersten hatte Mehring bekanntlich dieselbe Sozialdemokratie mit Stumpf und Stiel ausgerottet, die in der zweiten zu den Sternen erhob. Adler weist nun nach, daß Mehring sich die zweite Arbeit sehr leicht gemacht hat, indem er einfach sein altes Klischee nahm und aus„ja“„nein“ und aus„schwarz“„weiß“ machte. Ein echter Schmok kann schreiben rechts und kann schreiben links. Wir gratulieren der Sozialdemokratie zu dieser neugewonnenen schätzenswerten Kraft. So geht der sozildemokratische Froschmäusekrieg in allseitiger Harmonie aus. Nur ein anständiger Mensch, der frühere Pfarrer Göhre, blieb auf dem Platze.
Oesterreich.
= Die Lage in der Habsburgischen Doppelmonarchie ist nach wie vor so unerfreulich wie nur denkbar. In Wien herrscht der gewohnte heftige Streit zwischen Deutschen und Tschechen, in Budapest hat der Friede, der infolge des Tiszaschen Angriffs auf den Baron v. Koerber eingetreten war, nicht lange vorgehalten. Die Sitzungen tragen wieder einen ungemein stürmischen Charakter und die Obstruktion ist wieder oben auf. Bedenklicher noch als der Streit innerhalb der beiden Reichshälften ist aber die Uneinigkeit zwischen diesen beiden. Mag die Differenz zwischen den beiden Ministerpräsidenten immerhin geschlichtet sein, die Entfremdung der beiden Reichshälften besteht fort und wird mit jedem Tage schärfer. Dieser Umstand wird auch einmal von Einfluß auf die österreichisch=ungarische Wehrkraft und auf den Wert der
Habsburgischen Monarchie als einer Dreibundmacht werden. Daß Oesterreich=Ungarn wegen seiner Uneinigkeit in wirtschaftspolitischen Fragen die größte Nachsicht der
Wohl geht der Jugend Sehnen Nach manchem schönen Traum,
Mit Ungeduld und Tränen Stürmt sie den Sternenraum.
Der Himmel hört ihr Flehen Und lächelt gnädig: nein,
Und läßt vorüber gehen Den Wunsch zusamt der Pein.
*
Gott grüße dich! kein and'rer Gruß Gleicht dem an Innigkeit.
Gott grüße dich! kein and’rer Gruß Paßt so zu aller Zeit.
Gott grüße dich! wenn dieser Gruß So recht von Herzen geht,
Gilt bei dem lieben Gott der Gruß So viel wie ein Gebet.
Im Sturm.
Novelle von E. Fahrow.
(27. Fortsetzung.)
„Erna! Göttin!“ sagte er. Und jetzt hatte seine Stimme wieder den vollen, dunklen Reiz, wie sonst. In bestrikkendem, warmen Wohllaut quollen die Worte von seinen Lippen. Aber dieser Klang hatte seine Macht über Erna verloren. Sie fühlte nichts mehr als eine Art stolzen
Mitleids..748 4 6i6— Schilt
„Selbst Dem Hohn andert nichts,“ luf er.„Schilt
mich, schlage mich, wenn Du willst, aber laß mich hier. Ich weiß es, ich fühle es Dir ja ab, damals in Bozen, daß auch Du mich noch nicht vergessen hast..“
„Nein!“ unterbrach sie ihn jäh,„allerdings hatte ich Sie nicht vergessen! Das sollte mir auch schwer sallen!
Man vergißt nicht den, der Einen tötlich beleidigt hat.
Aber Sie sind mir jetzt vollständig gleichgiltig geworden, merken Sie sich das. Ob Sie einen pathetischen Auftritt aufführen, oder ein Wildfremder, das ist für mich dasselbe.— Sie haben mich mit meinem Verlobten gesehen,— haben Sie doch wenigstens so viel Schamgefühl, sich nicht zwischen uns zu drängen.“
„Ich kann nicht!“ rief er,„und ich will nicht! Ich liebe Dich ja! Hörst Du es denn nicht? Ich liebe Dich!
— Und er glitt näher an sie heran.
Erna fühlte ihre Kräfte schwinden. Es ward ihr schwarz vor den Augen, und ihr Herz jagte so wild auf und ab, daß sie zu ersticken fürchtete. Der Aufruhr in ihr war nur Mitleid und Angst, dessen war sie sich bewußt.— Sie durfte aber keine Minute mehr zögern,— der Mann hier war gefährlich... gig Eamm.
„Bill!“ rief sie in die Nacht hmaus,„Eill komm hier
her!“
Durch irgend einen elementaren Einfluß erloschen in diesem Augenblick die elektrischen Lampen im ganzen Ort.
— Ein neuer, namenloser Schreck für das geangstigte Mädchen.— Mit einem wilden Laut der Furcht stürzte sie aus der Laube und in das prasselnde, krachende, heulende Unwetter hinaus.
Richard Winter haschte nach ihren Kleidern, griff aber zum Glück fehl. In der nächsten Sekunde war er aufgesprungen und rannte hinter ihr her.
Erna lief blindlings dem Dorf zu,— ihr war's, als
höre sie nahende Schritte.66
In einem gelben Blitzstrahl, dem ein betaubender Donnerschlag folgte, sah sie Bill heraneilen.
„Bill!“ schrie sie noch einmal auf,„Bill, zu Hilfe! Er warf den Schirm fort und fing, aufs äußerste erschrocken, das wankende Mädchen in seinen Armen auf.
Zugleich tönte ein grimmiges Lachen aus Männermund an sein Ohr und zemand stürzte sich über ihn.
Er drehte sich blitzschnell um und ließ zunächst Erna aus seinen Armen zur Erde gleiten, packte aber dabei zugleich den unbekannten Gegner.
Ein kurzes Ringen entstand.— Winter seiner Stimme nicht mehr mächtig, hatte angreifen wollen, fühlte aber bald, daß er mit seiner eigenen Verteidigung genug zu
tun habe.„
Bill war sehnig und statt, uvervies in jeder korper
lichen Uebung erfahren.
Nach zwei Minuten hatte er den anderen niedergeworfen und kniete auf ihm, einen Moment ratlos, ob er ihn durch einen Faustschlag unschädlich machen oder ihn mit seinem Plaidriemen binden solle.— Der Besiegte selbst machte seinem Zweifel ein Ende. Plötzlich ließen die Finger in ihrem krampfhaften Griff nach, der Körper ward schlaff und fiel zurück— eine Ohnmacht mußte
ihn umfangen haben.
Bill sprang auf und eitte wieder zu Erna hin, die inzwischen ihre Schwäche noch einmal bekämpft u. sich auf
gerafft hatte.„
Mit einem schmerzlichen Aufschluchzen sank sie jetzt
von neuem in Bills Arme.
„Ach mein Gott!“ seufzte sie.„Bill— bist Du un
„Ganz und gar, mein Lieb! Komm, komm, ich führe Dich jetzt ins Hotel zurück. Mein armes, liebes Herz, wie mußt Du Dich erschreckt haben!“
Ein Zittern überlief ihre Gestalt.
„Ja,“ sagte sie.„Es war entsetzlich.“
„Wer war der Mensch? Was wollte er?
„Es war der— der Schatten! Ich erzähle Dir Alles, komm' nur erst fort von hier!“
Unterstützt von Bills kräftigem Arm, schleppte sich Erna bis in das Hotel, wo Therese bereits in Sorge um sie war.— Aber die Aufregung war zu viel für ihre schon angegriffenen Nerven gewesen. Als sie in das hell