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Nr. 244

Schwerte. Samstag den 17. Oktober 1905.

Ein Vaterländischer

Arbeiterkongreß.

Schon erheben sich Stimmen, die die Weiterführung einer maßvollen Sozialpolitik lediglich als Förderung der Sozialdemokratie beurteilen. Andererseits nimmt die Sozialdemokratie ausschließlich das Recht in Anspruch, die Arbeiterinteressen zu vertreten, und sucht deshalb den am 25. und 26. Oktober in Frankfurt a. M. zusammen­tretenden deutschen Arbeiterkongreß von vornherein nach Kräften zu diskreditieren. Das kann ihr um so weniger gelingen, als der sozialdemokratische Parteitag in Dres­den die eigentlichen Arbeiterinteressen kaum gestreift, son­dern sich nur im widerlichsten persönlichen und Partei­gezänk bewegt hat. Aus den Reihen der sozialdemokra­tischen Arbeiterschaft tönt deshalb der bittere und berech­tigte Unmut: der Dresdener Parteitag hat den Genossen im Lande statt Brot Steine geboten.

Die nicht=sozialdemokratischen Arbeiter, die durch Delegierte— es werden nur Arbeiter oder Beamte von organisierten Berufsvereinen vertreten sein— den deut­schen Arbeiter=Kongreß beschicken, wollen wirklich prak­tische Sozialpolitik auf dem Boden des Kaiserlichen Er­lasses vom 4. Februar 1890 treiben. Der Kongreß stellt sein Streben auf Selbsthilfe und verlangt 1. die unge­hinderte Ausübung des Koalitionsrechtes innerhalb der Schranken des christlichen Sittengesetzes, des gemeinen Rechts und der öffentlichen Wohlfahrt; 2. den weiteren Ausbau des Koalitionsrechts, die Verleihung der Rechts­fähigkeit an die Berufsvereine und möglichst baldige Ein­führung der Arbeitskammern.

Mit Recht wird daran erinnert, daß die Berechtigung dieser Ansprüche auch vom Reichskanzler Grafen Bülow im Reichstage im Januar dieses Jahres anerkannt ist. Graf Bülow sagte damals:

„Es ist die Ansicht Sr. Majestät und die Ansicht der verbündeten Regierungen, daß die Aufgabe unseres Jahr­hunderts der Ausbau der sozialen Gesetzgebung ist. Se. Majestät der Kaiser ist auch davon durchdrungen, daß die Arbeiter gleichberechtigt sein sollen mit anderen Stän­den und Klassen und daß diese Gleichberechtigung ihren gesetzgeberischen Ausdruck finden soll.“

„In diesen Worten kann und muß," führt die„So­ziale Praxis“ aus,„der vaterländische Arbeiter=Kongreß zu Frankfurt a. M. eine Gewähr für die Erfüllung seiner Hoffnungen und Forderungen erblicken, wie andererseits auch die Regierung in dieser Kundgebung, die aus dem freien, eigenen Willen treu zu Kaiser und Reich stehender Arbeiter hervorgeht, eine Mahnung finden möge, endlich ans Werk zu gehen und die Gleichberechtigung der Arbei­ter zur Tat zu machen. In diesem Sinne kann der Frank­furter Kongreß für die gesamte Arbeiterbewegung, die trotz aller Schlacken und Auswüchse eine der gewaltig­sten Kulturerscheinungen der Weltgeschichte ist, von großer Bedeutung werden, wenn er versteht, in geschlossener Einheit und im richtigen Tone seine Fordeungen vorzu­bringen.“

Auch wir wollen wünschen, daß der„Deutsche Arbei­terkongreß", auf dem 500 000—600000 deutsche natio­nal gesinnte Arbeiter vertreten sein werden, den Kristalli­sationskern bilden möge, der die Werbekraft besitzt, an­dere Scharen von Arbeitern zur Förderung wirklicher Arbeiterinteressen unter Abstoßung des verhetzenden Prinzips des Klassenhasses und Kampfes an sich zu zie­hen. Die bürgerlichen Parteien müssen diesen Bestre­bungen vertrauensvoll entgegen zu kommen suchen und dürfen nicht durch ihr Mißtrauen den Arbeiterkongreß auf eine schiefe Ebene drängen.

Politische Uebersicht.

Deutschland.

— Der Kaiser ist am Donnerstag von Hubertusstock nach Potsdam zurückgekehrt.— Zur Enthüllung der Denkmäler vor dem Brandenburger Tor in Berlin am Sonntag hat der Kaiser den Philosophen Eduard v. Zel­ler in Stuttgart, dessen Brüste an dem Denkmal der Kaiserin Friedrich angebracht ist, eingeladen. Professor v. Zeller kann aber seines hohen Alters wegen an der Feier nicht teilnehmen und läßt sich durch seinen Sohn vertreten. Die Kinder des verstorbenen Kaiserpaares werden vollzählig anwesend sein.

— Von der Marine. Das auf der Germaniawerft erbaute, schon des öfteren genannte Unterseeboot ist jetzt, wie man nach bestimmten Gerüchten aus Berlin berichtet, von dem Erfinder, einem spanischen Ingenieur, an die Germaniawerft verkauft werden, nachdem die Brauchbar­keit des Bootes festgestellt worden ist. Die Ausnutzung der Erfindung steht nur der Werft zu. Das Boot wird mit Hilfe eines elektrischen Motors getrieben und bieter Innern Raum für drei Personen, für die ein Vorrat

lag ließ Kaiser Nikolaus warten, und als nun endlich Tag und Stunde des Besuches festgesetzt und eine Menge Empfangsvorbereitungen in Angriff genommen waren, ließ er sagen, er könne nicht kommen.

Die Generalsynode der evangelischen Landeskirche der älteren Provinzen Preußens trat Donnerstag in Ber­lin zusammen. Es wurde ein wichtiger kaiserlicher Er­laß verlesen; er bestimmt, daß der nächste Staatshaus­haltsvoranschlag 850000 Mk. Beihilfe für den Pfarr­

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an frischer Luft voryanden, der für 24 Stunden aus­reichen soll. Es heißt jetzt, die mit diesem Boote gewon­nenen Erfahrungen sollen in einem zweiten, neu zu er­bauenden Voor praktisch ausgenutzt werden u. im nächsten Frühjahr würden die Versuche von neuem beginnen. Die Germaniawerft betreibt die Angelegenheit ganz im stillen und gestattet nicht die Besichtigung des Bootes. Es ist daher ausgeschlossen, genaue Angaben über Bäu und Einrichtung zu machen und ein Urteil über den Wert abzugeben. Offenbar wird die Werft, der es an großen Mitteln für umfangreiche Experimente nicht fehlt, mit dem Unterseeboot erst dann an die Marineverwaltung herantreten, wenn sie auf nennenswerte Erfolge hinwei­sen kann. Das Stadium der ersten Versuche scheint noch nicht überwunden zu sein.

— Aus Metz wird gemeldet: Die lothringischen In­fanterie=Regimenter, die bisher ihren Ersatz größtenteils aus Rheinland=Westfalen bezogen, stellen in diesem Herbste zum ersten Male lothringische Landeskinder ein, die bisher noch nach„Norden geschickt“ wurden, wie man hier sagt. Dem Vernehmen nach sollen pro Regiment etwa 500 Mann aus Lothringen hierher gezogen sein, für die nun wieder ebensoviel Rheinländer und Westfalen in der Heimat verbleiben.

— Ein Erfolg deutscher Industrie. Die„Chugai Shogyo Schimpo“, ein bedeutendes Handelsblatt in Tokio, wirft aus Anlaß des Kaufs deutscher Lokomotiven von Seiten der japanischen Eisenbahnverwaltung einen Rückblick auf die Entwicklung des japanischen Eisenbahn­wesens. Im Anfang habe man nur Maschinen von England bezogen; dann sei Amerika an dessen Stelle ge­treten. Jetzt brächte Deutschland Maschinen zu einem Preise auf den Markt, mit dem Amerika nicht konkurrieren könne. Wenn die deutschen Maschinen zu den billigen Preisen sich bewähren würden, so würde in Japan ein gro­ßer Umschwung bezüglich Lokomotiven und Maschinen in die Erscheinung treten.— Englische und amerikanische Blätter besprechen den Artikel hämisch und mit un­verhohlenem Aerger.

— Ein bemerkenswertes sozialdemokratisches Einver­ständnis. In der sozialdemokratischen„Chemnitzer Volksstimme“, die dem Abgeordneten Schippel nahe steht, lesen wir in einem Artikel, der die bezeichnende Ueberschrift führt:„Aussprechen, was ist,“ folgende neue„Ketzereien“:„Man muß sich politisch auf den Boden der Tatsachen stellen, wie man sich wirtschaftlich längst auf den Boden der Tatsachen gestellt hat. Die Tatsache ist, daß wir nicht gegen den Willen der bürgerlichen Ge­sellschaft, sondern nur mit ihrer Zustimmung das durch­setzen können, was wir im Interesse der Arbeiter für not­wendig halten.“

Frankreich.

= Schnelle Justiz hat in Nordfrankreich gewaltet. 53 ausständige Spanner und Weber wurden wegen Teil­nahme an den wüsten Ausschreitungen zu einem bis sechs Monaten Gefängnis verurteilt. Die Ausschreitungen ha­ben sich übrigens erneuert. Zwei Priester wurden durch Messerstiche verletzt. Die konservatven Pariser Blätter führen Beschwerde darüber, daß im Armentières gegen 10000 Ausständige eine Straße plündern und ein Haus anzünden konnten, ohne daß auch nur einer festgenom­men wurde, obwohl dort 4000 Soldaten sich befinden.

Italien.

= Die Absage des Zarenbesuches in Rom erfüllt die dortigen politischen Kreise in fortdauernder Erregung. Als ausgemacht darf es heute schon gelten, daß der Mi­nisterpräsident Zanardelli unmittelbar nach der Rückkehr des Königs aus Paris sein Amt niederlegen wird. Es werden in selbstquälerischer Absicht auch wieder alte Ge­schichten ausgegeben. So wird daran erinnert, daß der Zar Nicolaus II. wohl den Souvereinen Oesterreich=Un­garns, Deutschlands und Englands einen Antrittsbesuch abstattete, Rom dagegen schnitt. König Humbert soll

Kleine Chronik.

+ Brüssel, 16. Okt. Auf Veranlassung des Eisen­bahnministers wurden zwei belgische Ingenieure zur In­formation über die Resultate der Schnellbahn Marien­felde=Zossen entsandt, da der Bau einer Schnellbahn von Antwerpen nach Brüssel erwogen werde.

- Die Villa Krupp auf Capri ist nach neapolitanischen Blättern in den Besitz Professor v. Behrings=Marburg, den Entdecker des Diphtherie=Heilserums, übergegangen. Er will dort angeblich eine Anstalt für Serumkunde gründen.

* Eine Begegnung mit Störchen hatte jüngst der Bremer Lloyddampfer„Darmstadt“ im Golf von Suez. Der Zug war nach dem Bericht eines Fahrgastes minde­stens 50 Kilometer lang und die Zahl der Störche belief sich auf Hunderttausende. Es soll ein großartiges und seltenes Schauspiel gewesen sein, das auch von den See­leuten noch keiner erlebt hatte.

* Berlin, 15. Okt. Die ersten Sendungen sibirischen Fleisches treffen, wie die„Allg. Fl.=Ztg.“ meldet, anfangs nächster Woche hier ein. Es sind dies drei Wagenladun­gen aus Kurgan, die gepökeltes Ochsenfleisch(von Tieren im Gewicht von 6 bis 7 Zentnern) in ganzen Vierteln, knochenfrei, ferner Lebern, Zungen, Herzen usw., ent­sprechend der gesetzlichen Vorschrift, enthalten.

+ Königsberg, 16. Okt. Nach zweitägigem Frost, der bei minus 6 Grad Celsius alles stehende Gewässer unter Eis brachte, ist in der vorletzten Nacht anhaltender Schneefall eingetreten. Zuckerrüben und Kartoffeln sind noch in großen Mengen draußen.

Eindrücke auf der elektr. Schnellbahn.

Eines Tages trafen zwei smarte Amerikaner zu­sammen, die um die ganze Welt gereist waren und nun gegenseitig ihre Eindrücke austauschten. Sie sprachen von Rekordfahren auf der Eisenbahn.„Weißt Du,“ sagte der eine,„ich bin einmal so schnell gefahren, daß ich vom Fenster meines Speisewagens aus glaubte, die Tele­graphenstangen draußen sind Staketenzäune.“„Ach, dasist noch garnichts,“ lächelte spöttisch der zweite.„Ich fuhr einmal im Blitzzug, und als ich zum Fenster hinaus­sehe, da blick' ich auf lauter Leichensteine. Ich wundere mich, daß sie gar kein Ende nehmen. Ich lasse mir den Schaffner kommen und frage ihn:„Sagen Sie mal, Schaffner, das muß doch ein kolossaler Kirchhof sein, an dem wir vorbeirasen.“„O, nein“, antworte er ge­lassen,„das sind nur Kilometersteine, mein Herr!"

Diese hübsche Geschichte ist lange entstanden, ehe es möglich geworden ist, auf einem elektrischen Wagen vor den Toren Berlins die märchenhafte Geschwindigkeit von mehr als 200 Kilometer in der Stunde zu erreichen. Heute ist die Wirklichkeit diesem Witz sehr nahe gekommen, schreibt ein Berichterstatter des„Berl. Tgbl.“ Wir muß­ten jedenfalls unwillkürlich an ihn denken, als wir gestern ein halbes Stündchen bei dem Steuermann der elektri­schen Schnellfahrten verplauderten.— Was dieses elek­trische Dahinfliegen auf der netten Marienfelde—Zossener Militärbahn doch die Phantasie der Massen belebt hat! Donnerwetter, in einer Stunde vom Askanischen Platz aus in Dresden sein zu können, in drei Stunden am Köl­ner Dom usw. usw. Ein Stoß von Briefen liegt vor uns, aus denen wir den Wunsch sehen, einmal so eine Schnellversuchsfahrt mitmachen zu können. Vergebliche Hoffnung bis auf absehbare Zeit. Unsere freundlichen Leser und Leserinnen müssen sich geduldig und, statt sel­ber zu fahren, hören, welche Eindrücke der wichtigste Mann bei diesen Schnellfahrten, der Herr am Steuer, Dr. Reichel, von seinen Eindrücken zu erzählen wußte:

„Ob es beängstigend ist, so dahinzujagen? Nein, keineswegs. Ich stehe aufmerksam am Steuer, neben 79 mir der Lokomotivführer, der die Brese bedient. Der n Wagen läuft ganz ruhig. Es kommt mir vor, als be­finde ich mich in einem abgefederten D=Wagen. Ich höre!! deutlich das Klingen der Telegraphendrähte, die am