bernsprecheAnschluh Dr. V2, SchwertesRluhr.

Issund Sethpten

Nr. 87

Brauchbare Nullen.

Drei Wochen lang hat die Kabinettskrisis in Eng­land gedauert. Natürlich glaubte man allgemein, daß es dem Ministerpräsidenten Balfour nicht gelinge, die wirk­lich hervorragenden Männer für sein Kabinett zu ge­winnen und daß infolgedessen zeitraubende. keiten zu überwinden seien. Weit gefehlt. Es kani dem Ministerpräsidenten diesmal garnicht darauf an, die ver­schiedenen Posten mit geschäftskundigen, erfahrungs­reichen und leistungsfähigen Männern zu besetzen, er hatte im Gegenteil augenscheinlich nur das Bestreben, aner­kannte Nullen für die erledigten Portefeuilles zu ge­winnen. Und was er erstrebt, ist ihm gelungen. Der neue Kolonialminister Littleton, der neue Minister für Schottland Murray und bis zu einem gewissen Grade auch neue Kriegsminister Arnold=Foston haben alle bisher nur den einen Ehrgeiz gekannt, sich als Ballspieler und Sportsleute hervorzutun. In politischen Kreisen waren sie unbekannt; die Londoner Zeitungen müßten sich an die bekannten Sportsklubs wenden, um etwas über die Per­sonalien der neuen Minister in Erfahrung zu bringen. England verfügt gegenwärtig über ein Sportmini­sterium, wie es noch keinem einzigen Staate beschieden gewesen ist. Auch der Lord Balfour selbst, der nun ja schon über Jahresfrist die Premierministerschaft führt, ge­hört in die Kategorie der Sportleute, richtiger noch der Akrobaten. Als Kautschukmann würde er überall seine Rolle ausfüllen. Ein schallendes Gelächter der ganzen Welt hat das neue englische Kabinett begrüßt. Die An­gelegenheit darf jedoch nicht allein von ihrer komischen Seite aus aufgefaßt werden; sie hat auch eine recht ernste Seite, die gleichfalls Beachtung verdient.

Es liegt klar zu Tage, aus welchen Gründen sich Lord Balfour bewogen gefunden hat, sein Kabinett mit lauter Nullen zu füllen. Balfour ist nur der Handlanger und das ausführende Organ Chamberlains, um dessen Einfluß zum maßgebenden zu machen, mußten nach Bal­fours Geschmack Männer von Urteil und Erfahrung aus dem Ministerium fern gehalten werden. Daß die berech­tigten Interessen des englischen Volkes durch die Beru­fung so ungeeigneter Männer auf verantwortungsschwere Posten in geradezu frivoler Weise mißachtet und verletzt werden, kümmert den edlen Balfour nicht, im geringsten. Die Gunst des einen Chamberlain gilt ihm mehr als die Wohlfahrt ganz Englands. Sportsleute, die nichts an­ders kennen und verstehen als eben bloß ihren Sport, ge­hören nicht in ein Ministerium, auch wenn dessen voraus­sichtliche Dauer nur eine sehr beschränkte ist. In einigen Monaten können solche Minister soviel Schaden anrichten, daß zu dessen Abstellung jahrelange Arbeit erforderlich werden kann. Auch wird das Ansehen der Regierung

Merksprüche.

Je mehr die Menschen Maschinen bekamen, um so mehr wurden sie selbst zu solchen.

Als man noch gehörig Porto zahlen mußte, schrieb man sich auch gehörig; heutzutage können fast nur noch

Geldbriefe als Wertbriefe gelten.

*

Der Sturm des Dampfes entwurzelt das Heimats­gefühl; einst wird man gar nicht mehr wissen, daß es ein­mal ein Heimweh gab.

Alle Kreis= und Lokalpolizeilichen Verordnungen für den Kreis Hörde erlangen gemäß Bekanntmachung der Königl. Regierung durch Veröffentlichung in der„Schwerter Zeitung" rei verbindliche Krait.

selbst schwer geschädigt, wenn Nullen und Strohmänner zu Ministern gemacht werden und als solche für kürzere oder längere Zeit zu wirken haben.

Chamberlain muß seiner Sache doch noch recht wenig gewiß sein, daß er ein solches Komödienspiel für notwen­dig erachtet hat, wie es mit der seltsamen Neubildung des englischen Ministeriums zur Tatsache geworden ist. Allerdings hat er das eine erreicht, daß die Führung der englischen Regierungspolitik nun ganz und gar in seiner Hand ruht. Skrupel plagen den einflußreichen Staats­mann nicht, dem der Zweck die Mittel heiligt. Es is

auch kein bloßer Zufall, daß Chamberlain den geplanten Redecyklus zur Empfehlung seiner Vorschläge im un­mittelbaren Anschluß an die Publikation der neuen Mi­nisterernennungen eröffnet hat. Wos Ix,öfit, i, fgte

ist reine und unverfälschlichste Regierunge. PP#####e

er zwar nicht, aber dieses Bewußtsein und Sicherheits­gefühl sprach aus jedem seiner Worte. Zur höheren Ehre Chamberlains hat sich England schon im südafrikanischen Kriege, so gut es ging, blamiert; die Art und Weise, der die Neubildung des Kabinetts vollzogen ist, verstärkt die Blamage. Deshalb bleibt Chamberlain aber doch der, der er war; er stolpert nicht über so kleine Steine, sondern schreitet rücksichtslos über alle Hindernisse hinweg, die sich ihm in den Weg stellen, und erreicht so sein Ziel.

Politische Uebersicht.

Deutschland

Der Kaiser ist im Jagdschloß Hubertusstock in der Schorfheide eingetroffen. Auch die Kaiserin ist dort an­gekommen. In ihrer Begleitung befand sich Prinz Adal­bert, der dritte Sohn des Kaiserpaares, der jüngst die Seeoffiziersprüfung bestanden hat und in seine Ausreise nach Ostasien antritt.— Wie nachträglich

berichtet wird, schoß der Kaiser in Romintegr, Zeutugr

der schwerste, ein Zwanzigender, wog gegen vr###.

Deutsches Geld. Angesichts der Klagen über Mangel an Silbergeld gewinnt die neueste Nachweisung des Reichsanzeigers betreffend die Ausprägung von Reichsmünzen besonderes Interesse. Es wurden im Sep­tember geprägt: für 6026 4000 Doppelkronen, für 448 220 Mark Kronen, für 9 226 215 Mark Fünfmark­stücke, für 554 474 Mark Zweimarkstücke, für 27 463,60 Mark Zehn=, 65 282,70 Mk. Fünf=, und 18 721,71 Mk.

16 031 953,61 Mk. Kupfermünzen.

Die französischen„Genossen“ bauen Infanterie­

Abonnementspreis pro Quartal 1 Mark 65

42 Pfg. Bestellgeld, wenn durch die Post bezogen. Erscheint an jedem Wochentage. Wöchentliche Gratisbeilage:„Illustrier### Komiüllentreund!

36.

kasernen. Just zu derselben Zeit, als Kautsky, M zipienwächter des Marxismus, auf dem Dresdener teitage den Bannstrahl gegen die Revisionisten schleuderte, ereignete sich in Frankreich etwas Merkwurdiges. Nach der„Petite Republ.“ hat der Munizipalrat von Mont­lugon(im hochindustriellen Departement Allier) eine Million Francs für den Bau einer Infanteriekaserne be­willigt. Dieser Munizipalrat aber besteht aus unent­wegten Sozialdemokraten und Maire von Montlucon ist der„revolutionäre“ Abgeordnete Constant. Die„Münch. Post“ des Herrn v. Vollmar übernimmt diese Nachricht, wie man sich denken kann, mit ganz besonderem Behagen. Die Geschichte ist für Herrn Kautsky noch um so bla­mabler, als er selbst eben erst anläßlich des Kongresses von Reims im Auftrage des deutschen Parteivorstandes den französischen radikalen Genossen„die unerbitterliche Opposition gegen die bestehende Bourgeoisordnung recht dringlich ans Herz gelegt hat.

Oesterreich.

= Die Unruhen in Szegedin. In Szegedin herrscht Ruhe. Die Militärbehörde stellt fest, daß das Militär am Dienstag nicht geschossen hat; zwei Schüsse stammen von einem Soldaten, der, von einem Steinwurf getroffen, im Schmerz sie abfeuerte; ferner wird angezweifelt, daß der Kranz von Soldaten niedergelegt wurde, vielmehr scheint es, daß er von Bürgern niedergelegt ist, um hierdurch Unruhen hervorzurufen.

Frankreich.

— Das beste Kommißbrot. Der vom französischen

Kriegsministerium ausgeschriebene Wettbewerb um einen Preis von 20 000 Franks für das beste Kommißbrot, das sich 40 Tage frisch hält, ist nunmehr entschieden worden. Wie mitgeteilt wird, hatten sich 72 Wettbewerber gemel­det, 69 von ihnen wurden jedoch gestrichen, da ihr Brot den Anforderungen des Heeresausschusses nicht entsprach Die drei verbliebenen Brotproben wurden versiegelt und 44 Tage später untersucht. Als bestes erwies sich das von dem Bäcker Sinopulon in Marseille gelieferte Brot. Er erhielt den Preis und die Brotlieferung für das ganze französische Heer.

Zur Einstellung der Rekruten

schreibt ein alter Offizier der„Köln. Ztg. u. a.: Ich kann es nicht genug betonen: in Gegenwart der Offiziere und Unteroffiziere müssen die Kriegsartikel und die Beschwer­devorschrift den Rekruten am ersten Tage von dem Kom­pagniechef selbst in ausreichender Weise klargelegt wer­den. Der Soldat muß sofort erfahren, daß er sich selbst der Ehre begibt, wenn er sich eine ehrenwidrige Behand­lung gefallen läßt, daß er nicht nur seiner selbst willen,

Roman von F. Arnefeld.

(58. Fortsetzung.)

(Nachdruck verboten)

„Da hätte man ihr wohl schärfer zu Leibe gehen

müssen!“ sagte Kilian kopfschüttelnd,#ig er 6.

„Das ließ sich nicht gut tun, ich legte nich aber auf's

„Und was haben Sie da herausgebracht?“ fragte der Amtsrichter mit steigender Spannung. Müseler zählte

„Erstens, daß Marie Köhne, wie gesagt, mit ihren Aussagen sehr ängstlich und vorsichtig war; zweitens, daß ihr ein Stein vom Herzen gefallen zu sein schien, als der Mörder in Dornedden entdeckt worden war; drittens, daß sie sich in dessen Beschuldigung garnicht genug tun konnte und viertens, daß sie einen sogenannten Bräuti­

„Hal und dieserl fuhr Klian auf. Der Kommissar

„Noch ein wenig Geduld, Herr Amtsrichter. Ich machte mich an Köhnes, schloß Freundschaft mit den

Leuten, was nicht schwer hielt, denn sie fühlten sich durch den Umgang mit mir kolossal geehrt. So oft sie ihrem Portierposten abkommen konnten, lud ich sie ein, mit mir auszugehen, was von den Eltern und der Tochter immer angenommen, von dem Sohne aber, der ein sehr feinfühliger Mensch ist, regelmäßig abgelehnt ward. Dafür fand sich ein anderer ein—

Der Bräutigam?“ rief Kilian dazwischen.

„Oder was man so nennt. Eine recht eigentümliche

den Süd=Amerikaner und fügte hinzu: „Trotz seiner Verkommenheit machte der Mesch den Eindruck, aus einer besseren Familie zu sein, und ich fragte mich, wie der eigent­lich zu dem intimen Verkehr mit den Köhnens komme. Ich er­kundigte mich unter der Hand nach ihm und erfuhr, daß er wirk­lich der Sohn geachteter und wohlhabender Leute in Rio und nach Europa gekommen sei, um Musik zu studieren, daß er sich auf die faule Haut gelegt habe, ein ausschweifendes Leben führe und beständig in Geldverlegenheit wäre. Den Verkehr m Köhnens erklärte man sich daraus, daß er bei der eitlen Frau, die sich ein hübsches Sümmchen erspart haben mochte, immer offene

„Die letztere Erklärung erschien mir nicht recht glaubwürdig;

ich mußte sie aber gelten lassen, da ich trotz

andere finden konnte. Mein Verdacht gegen den Alfonso da Fonseca heißt er, ließ mich aber nicht los.„Eesrrr. führte ich die Gesellschaft in ein Spezialitätentheater am Alexan­derplatz, wo jetzt jeden Abend eine schauerliche Sterbe= und Lei­

chenkomödie aufgeführt wird," erzählte der

und schilderte die Darstellung so gruselig, daß der Amtsrichte

„Nun, wenn dabei einem Menschen die Haare zu Berge stehen,

so ist das noch kein Beweis von Schuld.

„Das kommt darauf an, wie sich einer geberdet, Herr Amts­richter. Die Art, wie sich da Fonseca hatte, als ich ihn fragte, ob er nicht auch an den armen Ahrweiler denken müsse, der nun

bald ein solches Skelett sein würde, konnte auch einem Unbefan­

genen als Schuldbeweis dienen.“

„Und daraufhin haben Sie ihn verhaftet?“ fuhr der Amts­richter auf, der sich unwillkürlich geschüttelt hatte.„Eine schreck­liche Schaustellung, lebende Menschen in Skelette zu verwandeln, wahrscheinlich Ergebnis der Lichtwirkung!“ fügte er zu sich selbst hinzu, und Müseler ging darauf auch nicht ein, sondern sagte: darauf hätte ich ihn nicht verhaften, sondern ihn nur schärfer beobachten können, wenn mir nicht ein Zufall zu Hilfe

uv Zufalt“ wiederholte der Amtsrichter mit berächtlichem

Achselzucken,„damit operiere ich nicht gern.

„Und doch spielt er im Berufe des Kriminalbeamten eine recht große Rolle, ohne den manches Verbrechen unentdeckt bliebe, sagte Müseler ganz gelassen.„Diesmal wurde der Zufall durch Wilhelm Köhne, der am Sonntag Vormittag mit einem Bekann ten— ich vermute, es war eine Bekannte— durch die Mark­grafenstraße promeniert war, herbeigeführt. Er suchte mich in

und da Fonseca den Beginn der Vorstellung im Spezialitäten­theater erwartete, und während die ersteren sich über die Ueber­raschung seines Erscheinens freuten, flüsterte er mir zu, er habe eine Entdeckung gemacht, die er mir allein mitteilen müsse. Nach­dem wir nach der Vorstellung die Seinigen mit dem Brasilauer nach Hause geschickt hatten, teilte er mir mit, er habe an

Ecke der Linden= und Markgrafenstraße in einem Trödlerladen ein Bild entdeckt, welches das Original der von Ahrweilers Auge genommenen Photographie zu sein scheine.“

„Unmöglich!" rief der Amtsrichter und fuhr von seinem

„Sehen Sie selbstl Ich bin heute in aller Frühe nach der Markgrafenstraße gegangen, habe mich für einen Sammler aus­gegeben und mit einigen Kuriositäten auch das Bild, angeblich seines Rahmens halber, gekauft. Sehen Sie es sich an.“ Er zog das Bild hervor und legte es vor den Amtsrichter hin, der hastig darnach griff und es kopfschüttelnd betrachtete.