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Braus, Schwerte=Ruhr.

urch Versentlichng in der„Schwerter Zeitung rcht, sbdem Bochentog. gamitenfteund.

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Nr. 223

Schwerte, Mittwoch den 25 September 1905.

36. Jahrgang.

Dresdeuer Sedan oder Jena?

Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit! So lautet die Parole der Sozialdemokratie, aber ihre Verwirkli­chung ist eine eigenartige, wie die Verhandlungen des sozialdemokratischen Parteitages gezeigt haben. Die „Genossen“ haben die„Freiheit", zu sprechen, was dem Parteipapst August Bebel gefällt. Nicht minder unbe­stritten ist die„Gleichheit“ der Genossen vor dem Partei­führer Bebel, denn er putzt sie alle in gleicher Weise her­unter, ob es sich um den großen Vollmar, oder um einen der kleinen Genossen handelt. Und die„Brüderlichkeit" der Sozialdemokratie zeigt sich endlich darin, daß die Ge­nossen, wenn sie von dem Parteidirektor, der die Rolle eines Oberprokurators des heiligen Synod übemommen zu haben scheint, zurechtgewiesen, getreten und geknechtet wurden, daß sie dann, wie es die Herren Göhre und Bern­hard taten, ihren Kotau vor dem Donnerer Bebel ma­chen und demütig sprechen:„Ich habe gesündigt, vergib mir, es will es nicht wieder tun!"„„

Pfui! Dieser Ausruf ist auf dem Dresdner Parrei­tage in ganz außerordentlicher Häufigkeit gefallen, und der unbefangene Zuschauer wird die Empfindung teilen, von der jene Rufer beseelt waren. Es war ein wider­wärtiges Schauspiel, welches sich auf der Dresdner Ta­gung entrollte. Als einen„Kaffeezirkel von zahnlosen alten Weibern“ hat seinerzeit der Genosse Schippel den Hannoverschen Parteitag der Sozialdemokratie bezeich­net, und doch blieben die Quantitäten Gift und Galle, die auf jener Tagung ausgespritzt wurden, weit zurück hinter dem, was in Dresden geleistet worden ist. Eine solche Fülle persönlicher Verdächtigungen, eine solche Energie in der gegenseitigen Herabsetzung und Beschim­pfung, ein solcher Grad in der Entfaltung despotischer Machtgelüste und endlich ein so schmähliches Zukreuze­kriechen ist doch noch auf keinem sozialdemokratischen Par­teitage zu verzeichnen gewesen, wie viel die Genossen auch nach dieser Richtung hin zu leisten pflegen.

Als„Cromwell“ der Partei hat August Bebel sich bezeichnen lassen müssen, und in der Tat, despotischer und nach Opfern lüsterner ist auch Cromwell kaum gewesen. Es mußte die republikanisch gesinnten Genossen sonder­bar berühren, wie Herr Bebel sich als Despot aufspielte, wie er im Ich=Tone von sich sprach, wie er den Gegnern zudonnerte, daß sie sich„verflucht in Acht nehmen“ sollten und wie er den Widerspenstigen die Drohung entgegen­schleuderte:„Wer nicht pariert, der fliegt hinaus!" Aber der Widerspenstigen Zähmung ist doch noch einmal ge­lungen. Obwohl einzelne Genossen lebhaft klagten, daß die Meinungsfreiheit in der Sozialdemokratie dem mili­tärischen Beschwerderecht gleiche, kroch die überwiegende

Masse der Partei zum Schluß doch ins Mauseloch. Mit allen gegen 11 Stimmen ist die Resolution angenommen worden, welche die Bebelsche Taktik für die Partei fest­legt und die revisionistischen Bestrebungen verdammt. Männer, wie Vollmar, Auer, Heine, Göhre und etliche andere, die selbst zu den Revisionisten gehören und die Resolution eifrig bekämpft hatten, unterwarfen sich zum Schluß löblich. Und sogar Bernsteins Opposition war so zahm, daß man von dem beantragten Mißtrauensvotum gegen ihn Abstand nehmen konnte.

Aber Herr Bebel versteht sein Geschäft. Dadurch, daß er gleich zu Beginn des Parteitages die Männer der schwieligen Fäuste auf die Akademiker hetzte, hatte er diese so windelweich gemacht, daß sie nicht mehr gegen den Stachel zu löken wagten. In dieser Hetze gegen die Akademiker trat die innerste Triebfeder der sozialdemo­kratischen Bewegung, der Haß gegen Bildung und Besitz, mit nackter Deutlichkeit und brutaler Offenheit hervor. Es ist zwar schon einige Jahrzehnte her, seit auf einer sozialistischen Versammlung gefordert wurde, daß, um die allgemeine Gleichheit zu wahren, die unbegabten Kin­der möglichst gut, die begabten möglichst schlecht erzogen werden sollten, und seit der Russe Bakunin die noch weitergehende Forderung stellte, daß zwecks größerer Sicherstellung der allgemeinen Gleichheit den ausnahms­weise begabten Kindern in der Jugend der Schädel etwas eingedrückt werden sollte, aber der Haß gegen die bildeten und die Bildung ist der sozialdemokratischen Be­wegung treu geblieben. Es war ein widerwärtiges Schauspiel, von dem der feiner Empfindende sich ange­lekelt abwenden mußte, wie auf dem Dresdner Parteitag die gerüffelten Akademiker ihren Kotau vor den Männern der schwieligen Fäuste machten und wie sie à la Uriel Akosta Umkehr und Besserung gelobten.

Augustder Starke und seine„Unentwegten“, haben auf dem Parteitag gesiegt, aber es war der Sieg einer­seits der Phrase und andererseits der rohen Gewalt. Und es war vielleichtein Pyrrus=Sieg, bei dem auch Bebel denken mag: Noch ein solcher Sieg, und ich bin verloren! Erhielt doch der Scharfmacher Bebel bei der Vorstands­wahl bei weitem weniger Stimmen als die übrigen Mit­glieder. Die gemißhandelten und gemaßregelten Revi­sionisten sind in Dresden mundtot gemacht worden, aber Ideen lassen sich auch von der Soziademokratie nicht mit Keulen totschlagen. Die Rebellion gegen die sozialdemo­kratische Parteityrannei wird trotz alledem ihren Fort­gang nehmen, und vielleicht sind die Bebel und Genossen, die in Dresden ihr Sedan erlebt zu haben wähnen, ihrem Jena näher, als es heute noch den Anschein hat!

Politische Uebersicht.

Deutschland.

— Der Kaiser in Ostpreußen. Der Kaiser— der Montag nachmittag in Danzig der Enthüllung des Denk­mals für seinen Großvater beiwohnte und einer Arbeiter­abordnung gegenüber darauf verwies, welche Vorteile Industrie und Handel von der Wiedererrichtung des Rei­ches haben, ferner die Intelligenz der deutschen Arbeiter­schaft rühmte— traf am Spätabend in Rominten ein. Dort wurde er vom Fürsten Dohna=Schlobitten empfan­gen und von den Dorfbewohnern freudig begrüßt. Ain Dienstag jagte der Kaiser.

— Der kleine Kreuzer„Verlin“ lief am Dienstag in Danzig glücklich vom Stapel. In seiner Taufrede dankte der Berliner Oberbürgermeister Kirschner dem Kaiser, em­pfahl das Schiff dem Schutz des Allmächtigen und schloß mit den Worten: In dem stolzen Bewußtsein, daß deine Besatzung überall, wo sie dazu berufen wird, an der hei­matlichen Küste wie in den fernsten Meeren, als ein wür­diges Glied unserer tapferen, machtvollen Marine mutig kämpfen wird für Kaiser und Reich, für deutsche Ehre bis in den Tod, und in der frohen Hoffnung, daß du deinen Namen lange Jahre ruhmvoll tragen wirst, taufe ich dich auf Befehl des Kaisers„Berlin".

— Die Freiheit der„Zukunftsstaater.“ Ueber sozial­demokratischen Terrorismus wird der„K. Volksz.“ aus Hannover geschrieben: Auch hier scheint die Rücksichts­losigkeit der„freien“ Gewerkschaften gegenüber den „christlichen“ Wurzeln zu fassen. Die Maurer V. und B. vom Verband christicher Maurer hatten beim Bauunter­nehmer Lohse Arbeit genommen. Die Zugehörigkeit zum christlichen Verbande stellte der Baudelegierte Wiegers bei der Kontroolle der Verbandsbücher fest. Hierauf wurde den beiden anheimgegeben, zum„freien" Zentral­verbande überzutreten, andernfalls würden alle übrigen, d. h. die Mitglieder des sog.„freien" Zentralverbandes, auf diesem Bau sofort die Arbeit niederlegen. Die beiden blieben jedoch dem christlichen Verbande treu. Darauf legten die Mitglieder des Zentralverbandes am 10. Sep­tember die Arbeit nieder. Nun gab auch der Polier den „christlichen“ anheim, sich umschreiben zu lassen. Dann wäre ja die Sache erledigt, oder die beiden müßten allein aufhören, da der Bau nicht liegen bleiben dürfe. V. und B. hörten nun auf und wurden somit brotlos. Der Maurer V. nahm dann am 12. September morgens beim Maurermeister Schneidewind Arbeit an. Aber auch hier wurde bei der Buchkontrolle in der Frühstückspause abermals aufgedeckt, daß V.„christlich“ organisiert sei. Sogleich stellte man wieder das liebevolle„entweder oder“ wie oben. Schon vier Wochen arbeitete auf dieser Baustelle auch der Maurer S. vom„christlichen“ Ver­

Was Du gründlich verstehst, das mache!

Was du gründlich erfuhrst, das sprich!

Bist du Meister in eigenen Fache,

Schmäht kein Schweigen im fremden dich.

Das Reden von allem magst du gönnen Denen, die selbst nicht machen können.

Geibel.

*

Der Charakter ist ein Fels, an welchem gestrandete Schiffe landen und anstürmende scheitern.(Kant.)

Wenn man einem durchaus reinen und wahrhaft großen Charakter lange zur Seite steht, geht's wie ein Hauch von ihm auf uns über.(W. v. Humboldt.)

Eine

Roman von F. Arnefeld.

(27. Fortsetzung.)

(Nachdruck verboten)

„So muß ich es jetzt tun,“ sagte mit einem leisen Seufzer der Vater und erzählte dem Sohn dieselbe Ge­schichte, die noch am gleichen Tage von der Sanitätsrätin ihrer Tochter mitgeteilt werden sollte. Nur verweilte er noch eingehender bei der Intrigue, durch die man die Liebenden auseinander gerissen hattez uug deren eiger liche Erfinderin und Triebfeder die jetzige Majoem Depp­ner gewesen war; ihre Schwester hatte ihr nur beigestan­

„Aber wie konnte Ahrweiler auf einen solchen plum­pen Schwindel hereinfallen!" rief Willibald, die Hände zusammenschlagend.„Hat er seine Braut nicht, geliebt?.

„Leidenschaftlich, aber wie sein Gemütszusiand nun einmal beschaffen, war er bösen Einflüsterungen deshalb

um so zugänglicher. Er war schwach und mißtrauisch,

der Gegenwärtige gewann leicht die und als seine Schwestern mit Beweisen, die sie Gott, weiß wie gefälscht hatten, zu ihm nach London kamen, da ge­wannen sie Macht über ihn. Sie redeten ihm auch woh zu, Europa zu verlassen, um allem aus dem Wege zu gehen, in der Hoffnung, er werde in kurzer Zeit alles gessen haben und gefügig ihren Wünschen für eine in ihren Augen ebenbürtigen Heirat nach Berlin zurück­kehrer, 54 45

Larm haven sie suich aber getäuscht; nagtg ign#i.

„Gründlich. Schon auf dem Schiffe paclle ihn die Reue und er schrieb einen abbittenden Brief an Sibylla Hermann. Es half ihm jedoch nichts, das junge Mäd­chen war zu tief verletzt, sie hat sich nicht wieder versöhnen

lassen.. hn Sem vicht

„Hat sie iyn benn nicht geliebt?“

„Im Gegenteil; ich glaube, die alternde Frau liebt ihn heute noch und sein Tod wird ihrem Herzen eine

schwere Wunde geschlagen haben.“

„Aber sie hat sich doch mit einem Anderen ver­

v.„WBahrscheinlich, um sich zu verwahren, daß sie nicht doch nachgiebig wurde, denn Ahrweiler ließ nicht ab mit Bitten und sandte unverdrossen Briefe an sie ab, die alle unbeantwortet blieben. Nachdem er erfahren hatte, daß sie verheiratet sei, unterließ er es. Aber kaum war sie Witwe geworden und die erste Trauerzeit vorüber, da be­gann das Spiel von neuem, und ich mußte, als sie nach Berlin gezogen war, die Bekanntschaft mit ihr erneuern und ihm das Wort bei ihr reden. Mit welchem Erfolge

oe„Eie berbat sich zulett Deine Besuche und ließ auch mich, den Du bei ihr eingeführt hattest, nicht mehr zu sich kommen. Es hat mir leid getan, ich ging gern nach der stillen Wohnung in der Nettelbeckstraße.“

„Und Ahrweiler, wünschte so sehr, daß Du hingingst. Du warst zwar noch sehr jung und Josefine ein halbes Kind, aber er hatte schon seine Pläne mit Euch, doch das ist nun alles vorbei!“ seufzte der Vater und Willibald tat

das Gleiche indem er sagte:

„Ich dachte nicht an Josefine Leonhard; mein Inter­esse war anderweitig in Anspruch genommen, doch das ist nun auch vorbei— vorbei für alle Zeiten! Aber sprechen wir nicht von mir, erzähle bitte weiter.“

„Ahrweiler hat bis zu seinem Tode an der Hoffnung festgehalten, es werde ihm doch noch gelingen, die Ge­liebte seiner Jugend zu versöhnen und als sein„Sattin heimzuführen. Ich glaube, es ist selten eine Woche yin­gegangen, daß er ihr nicht einen rührenden Brief geschrie­ben hat, die aber alle unbeantwortet geblieben sind. Für sie stattete er seine Wohnung mit dem raffiniertesten ihr wollte er alle die Reichtümer, die er, wie er versicherte, nur für sie zusammengehäuft hatte, zu Füßen legen. Er hat sie auch oft aus der Ferne gesehen, ihrem ausdrücklichen Verbot entgegen; in ihre Nähe zu kommen, wagte er nicht.

Die Liebe zur Mutter übertrug er auch auf die Tochter; es war sein sehnlichster Wunsch, sie kennen zu lernen, und meiner Ueberredung ist es gelungen, sie ohne Wissen ihrer Mutter in seine Wohnung zu bringen.“

„O Vater, das hättest Du nicht tun dürfen, rief

Willibald vorwurfsvoll.„

Dornedden neigte das Haupt.„Du hast recht, ich hätte es nicht tun dürfen,“ gab er zu,„hättest Du aber gesehen, wie unbeschreiblich glücklich ihn dieser Besuch ge­macht hat, so würdest Du milder darüber urteilen. Es ist übrigens bei dem einen Male geblieben, Josefine Leon­hard hat sich entschieden geweigert, ihn noch einmal zu wiederholen. Sie kannte zwar nicht genau das Verhäu­nis, in dem Ahrweiler zu ihrer Mutter gestanden hatte, mochte aber keine Heimlichkeiten vor ihr haben.“