Dienslag, den 10. Juli 1888.
17. Jahrgang.
Fortes in fide.
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Verantwortlicher Redacteur: I. V.: R. Schwarze. Verlag und Rotationsdruck der Actiengesellschaft„Märkische Vereinsdruckerei" in Bochum.
Unseres h. Vaters Leo XIII. Encyclica
an die gesammten Patriarchen, Erzbischöfe
und Bischöfe des katholischen Erdkreises,
soweit diese die Gemeinschaft mit dem apostolischen Stuhle bewahrt haben.
Ueber die menschliche Freiheit.
(Schluß.)
Es ist zwar der lebhafteste Wunsch der Kirche, daß die genannten christlichen Grundsätze in alle Staatsordnungen eindringen und überall gehandhabt werden möchten. Besitzen sie doch eine wundersame Fähigkeit zur Heilung der Gebrechen unserer Zeit, die ja so zahlreich und so schwer sind, und die zu einem großen Theile ihre Ursache gerade in jenen so gepriesenen Freiheiten haben, welche man als Keime des Ruhmes und Heiles ansah. Die Thatsachen haben diese Hoffnung widerlegt. Anstatt süßer, heilsamer Früchte sind bittere, vergiftete Früchte entstanden. Wenn ein Heilmittel ge sucht wird, so suche man dasselbe in der Rückkehr zu den heilsamen Lehren, von denen allein die Erhaltung der Ordnung und der Schutz der wahren Freiheit vertrauensvoll erwartet werden kann.
Nichts desto weniger zieht die Kirche bei ihrer mütter lichen Beurtheilung das schwere Gewicht der menschlichen Schwäche in Betracht und verkennt eben so wenig die Zeitströmung, welche die Ereignisse und die Geister beherrscht. Aus diesem Grunde widersetzt sie sich nicht— ohne darum etwas Anderm wie der Wahrheit und Tugend Rechte zuzugestehen— falls der Staat Dinge duldet, die von Wahrheit und Gerechtigkeit sich entfernen, entweder weil er ein größeres Unheil vermeiden oder ein größeres Gut erlangen oder bewahren will. Die göttliche Vorsehung selbst gestattet trotz ihrer unbeschränkten Güte und Allmacht, daß Uebel in der Welt sich finden, damit theils größere Güter nicht verhindert werden, theils größere Uebel nicht eintreten. Bei der Regierung der Staaten sollte man Ihm, der die Welt regiert, nachahmen. Da vollends die weltliche Macht nicht die Macht hat, jedes Uebel zu hindern, muß sie vieles gestatten, vieles ungestraft lassen, was dennoch durch die göttliche Vorsehung geahndet wird, und das mit Recht(Augustini de lib. arbit. lib. I. cap. 6 num. 14). Wenn indessen unter solchen Umständen, in Hinsicht auf das Gemeinwohl, und zwar nur aus diesem Grunde, das Gesetz der Menschen das Böse dulden kann oder muß: so darf es dasselbe doch niemals billigen oder direct wollen; wenn da das Böse die Negation des Guten ist, so widerstrebt dasselbe dem Gemeinwohl, welches der Gesetzgeber nach Kräften wünschen und schützen muß. Auch hierin soll das menschliche Gesetz Gott nachzuahmen streben, der, indem er das Böse in der Welt zuläßt, nicht will, daß das Böse geschehe, noch auch will, daß es nicht geschehe, sondern zulassen will, daß das Böse geschehe. Und das ist gut.(St. Th. q. I qu. XIX. a. 9 ad 3). Dicser Satz des englischen Lehrers enthält in einer kurzen Formel die gesammte Lehre über die Duldung des Bösen.
Wenn jedoch unser Urtheil allseitig richtig sein soll, so müssen wir eingestehen, daß ein Staat um so weiter sich von einem guten Zustande entfernt, je mehr er genöthigt ist, das Böse zu dulden, und daß diese Duldung des Bösen, soweit es Staatslehren betrifft, durchaus in jene Grenzen gewiesen werden muß, welche das
öffentliche Wohl verlangt. Wenn diese Duldung also dem Staatswohle schadet und im Staate noch größere Uebel erzeugt, so darf man sie folgerichtig nicht an wenden, weil unter solchen Umständen die Rücksicht nahme auf das Gute fehlt. Wenn aber die Kirche bei eigenthümlicher Lage des Staates gewisse moderne Frei heiten als zulässig anerkennt, nicht, weil sie dieselben wünschte, sondern weil sie deren Duldung für ersprieß lich hält, wird sie, wenn die Zeiten sich zum Bessern gewandt haben werden, von ihrer Freiheit Gebrauch machen und durch Rathen, Mahnen und Beschwören pflichtmäßig versuchen, das ihr von Gott anvertraute Amt zu erfüllen, nämlich für das ewige Heil der Menschen zu sorgen. Das aber bleibt immer wahr, daß die Freiheit Aller und zu allem nicht an sich zu erstreben ist, wie Wir oft gesagt haben, weil es der Vernunft widerstrebt, daß Wahres und Falsches gleich berechtigt sind. Was die Toleranz an geht, so ist es merkwürdig, wie weit diejenigen von der Klugheit und Billigkeit der Kirche entfernt sind, welche sich zum Liberalismus bekennen. Indem sie nämlich den Bürgern eine unbegrenzte Freiheit in allen denjenigen Dingen gestatten, von denen wir gesprochen haben, überschreiten sie gänzlich das Maß und gehen so weit, daß sie Ehrenhaftigkeit und Wahrheit um nichts höher als Falschheit und ehrlose Gesinnung zu achten scheinen. Die Kirche aber, die Säule und Grundfeste der Wahrheit und die unbestechliche Lehrerin der Sitten, beschuldigen sie, daß fie gegen die Geduld und Milde verstoße, weil sie eine so zügellose und verbrecherische Art der Toleranz standhaft, wie es ihre Pflicht ist, zurückweist und die Erlaubtheit ihrer Anwendung bestreitet. Indem sie das thun, merken sie gar nicht,
daß sie selbst das als tadelnswerth bezeichnen, was lobenswerth ist. Aber bei allem Zurschautragen der Toleranz kommt es in Wahrheit sehr häufig vor, daß sie engherzig und hartnäckig gegenüber der katholischen Sache sind: die der großen Masse die Freiheit in ausschweifendem Maße gewähren, weigern sich oft geuug, der Kirche die Freiheit zu lassen.
Um die gesammte Ausführung nebst ihren Folgerungen der größeren Klarheit halber kurz zu wiederbolen: die Summe des Ganzen ist, daß der ganze Mensch mit Nothwendigkeit wahrhaft und beständig in der Gewalt Gottes steht, und daß mithin die Freiheit des Menschen nicht anders als in Abhängigkeit von Gott und seinem Willen gedacht werden kann. Diese Oberherrschaft Gottes entweder leugnen oder sie nicht tragen wollen, ist nicht Sache des freien Menschen, sondern desjenigen, der seine Freiheit bis zur Empörung mißbraucht, und gerade aus einer derartigen Geistesstimmung entsteht ganz besonders der Hauptfehler des Liberalismus. Derselbe erscheint jedoch in vielfältiger Gestalt; denn der Wille kann ja nicht blos auf eine Weise und auf eine Entfernung aus dem Gehorsam heraustreten, welcher entweder Gott selbst oder denjenigen, welche an der Gewalt Gottes Theil haben, geschuldet wird.
Die vollständige Auflehnung fürwahr gegen die Herrschaft des höchsten Gottes, die völlige Verweigerung des Gehorsams sowohl im öffentlichen, wie im Privat und im Familienleben ist, wie die größte Verkehrung der Freiheit, so auch die schlimmste Art des Liberalismus. Und von diesem gilt durchaus, was Wir bisher gegen denselben gesagt haben.
Ihm zunächst steht das System Derjenigen, welche
13,
Am Gold und Liebe.
Roman von O. Holzhauer.
Wild, halb wahnsinnig, suchte er in jeder Tasche, aber vergeblich; er warf sich auf die Knie, als ob er sich auf sein Gesicht allein nicht verlassen könne, und durchsuchte jede Ecke, jeden Winkel des Zimmers, bis er endlich die Ueber zengung gewonnen, daß nirgends im Zimmer mehr etwas zu finden sein könnte. Dann hielt er inne, preßte die Hand an die Stirne und biß sich auf die Lippe. Wo konnte es sein? Er erinnerte sich, daß er keinen anderen Theil des Hauses berührt, er konnte darauf schwören, daß er das Dokument gefühlt, als er vorhin seinen Ueberrock zugeknöpft hatte. Wenn nicht im Hause, wo war es denn?
Alle Vorsicht in seiner Aufregung vergessend, nahm er die Kerze und trat in den Garten, durchsuchte die große Terrasse und den Weg bis zu dem Pförtchen— abermals vergeblich. „Es liegt auf dem Wege", murmelte er, während der Schweiß von seiner Stirne tropfte.„Himmel! dort muß es liegen, um von irgend einem Tölpel aufgenommen zu werden, um mich damit zu ruiniren. Ich muß— ich will es finden."
Und wirklich, er schien wahnsinnig zu sein. Er trat hinaus und suchte von Neuem. Plötzlich stieß er gegen einen Gegenstand und aufblickend, bemerkte er die hohe Gestalt eines Mannes auf seinem Wege stehen. Mit einem wilden Aufschrei voll Furcht und Wuth sprang er auf den Mann zu.
„Du— Du Diebl" rief er heiser;„gib es tair— gib es mir!"
Der Unbekaunte wehrte den Griff kaltblütig ab, warf den Angreifer zu Boden und entzündete ein Feuerspänchen.
Athemlos blickte Stefan auf und sah, daß es Hermann Newcombe war, der ihn mit kalter Verachtung, mit Ueberraschung und Argwohn anblickte
„91 sagte er verächtlich,„Du bist es! Bist Du von Sinnen?" und er warf das angebrannte Zündholz von sich, während sich Stesan erheb
„Nun", sagte Hermann,„ich fragte, ob Du von Sinnen selest?"
*Stefan bemühte sich, seine Rube wieder zu gewinnen, und erzwang ein Lächeln.
*„Mein lieber Hermann, wie Du mich erschreckt haft!" Lagte er athemlos.
„Das scheint so", sagte Hermann und in seinem Tone lag eine eisige Verachtung.
„Du bast ganz recht, ich mußte wie von Sinnen erschei nen. Ich bin sehr bestürzt, mein lieber Hermann."
„Bist Du verletzt?“ fragte Hermann, aber durchaus nicht in einem bedauernden Tone.
„Nein, nein!" sagte Stefan;„sei nicht besorgt, mein lieber Hermann. Es war gänzlich meine Schuld. Ich habdas Unglück gehabt, ein Taschenbuch zu verlieren— nicht ein Taschenbuch gerade, sondern ein Papier, das ich in das selbe gelegt zu haben glaube und das herausgefallen sein muß. Es war ein mir von meinem Advokaten über sandtes Dokument— oon keinem Werthe, völlig werthlos — o, völlig—“
„Das kann ich aus der ruhigen Art schließen, in welcher Du den ersten Mann, der Dir begegnet, beschuldigst, es Dir gestohlen zu haben", sagte Hermann ruhig.
Stefan biß auf seine Lippen und ein Blick des Hasses und des Verdachtes traf Hermann.
„Bitte, verzeihe, lieber Hermann", sagte er, seine Hand an die Stirne haltend und seufzend.„Wenn Du manche Nacht durchwacht hättest, wie ich es in der letzten Zeit gethan, Du würdest etwas Mitleid mit meinen überangestrengten Nerven haben. Ich bin heute Abend sehr erschüttert, mein lieber Hemann— sehr erschüttert.“
„Du gehest besser nach Hause und läßt Dir einige von der Dienerschaft suchen helfen", sagte Hermann.„Gute Nacht!“
„O, es ist nicht so wichtig", sagte Stefan hastig.„Warte einen Augenblick, mein lieber Hermann. Ich will Dich bis zu dem Gasthause begleiten."
„Ich danke Dir, ich gehe lieber ohne Deine Begleitung", sagte Hermann, dann fügte er hinzu:„O, ich sehe, Du befürchtest, daß ich das Dokument auf dem Wege gefunden bebe?
Stefan lächelte und legte die Hand auf Hermanns Arm. „Du machst Dir keinen Spaß mit mir, mein lieber Hermann? Du hast das Schriftstück nicht schon während der ganzen Zeit in der Tasche gehabt?“
„Wenn ich Dir gesagt, daß ich es nicht hebe, so ist das ausreichend", und er wollte gehen.
„Halt ein!" rief Stefan mit einem Versuche, zu lachen, aus.„Gehe nicht, mein lieber Hermann; bleib über Nacht bei mir. Ich würde Dir wirklich dankbar sein, wenn Du es wolltest. Ich bin heute Abend so aufgeregt, daß ich— der Gesellschaft bedarf. Bleibe, lieber Hermann!"
Hermann aber zchüttelte ihn von sich und sagte:„Geh
wohl zujestehen, daß man von Gott, dem Schöpfer und Herrn der Welt abhängig sein müsse, weil ja die ganze Natur von seinem Winke abhängt, welche aber dennoch den Glaubens= und Sittengesetzen, die über die Natur hinausliegen und durch die Autorität Gottes selbst überliefert worden sind, kühn widerftreben oder doch behaupten, man brauche diesen Gesetzen, namentlich im öffentlichen Staatsleben, keine Rechnung zu tragen. Wie schwer auch diese irren, und wie wenig folgerichtig sie handeln, haben Wir gleichfalls oben gesehen. Aus dieser Lehre fließt gewissermaßen, wie von ihrer Urquelle, die verderbliche Anschauung von der Trennung von Staat und Kirche; während doch klar ist, daß diese Zwillingsmächte, wie verschieden auch ihre Aufgabe und ihre Rangstellung ist, dennoch betreffs ihrer Wirksamkeit einträchtig sein und ein müthig ihre guten Dienste austauschen müssen.
Innerhalb dieser Art des Liberalismus gibt es wieder eine zwiefache Ansicht. Viele wünschen eine radicale und vollständige Trennung von Staat und Kirche, sodaß also in allen Rechtsverhältnissen der menschlichen Gesellschaft, in den Einrichtungen, Sitten, Gesetzen, den Staatsämtern, im Jugendunterrichte die Kirche ebenso wenig beachtet würde, als ob sie gar nicht vorhanden wäre; höchstens stellt man es jedem Bürger anheim, für sich nach seinem Gutdünken religiös zu sein. Gegen diese gilt vollauf die Kraft aller derjenigen Beweise, durch welche wir die Lehre von der Trennung von Staat und Kirche widerlegt haben; dazu kommt noch, daß es höchst abgeschmackt ist, wenn die Kirche zu gleicher Zeit von dem Bürger in Ehren gehalten, vom bürgerlichen Gemeinwesen aber verachtet werden soll. Die Anderen stellen hinwieder das Bestehen der Kirche nicht in Frage— was sie ja auch nicht vermöchten—; aber sie rauben ihr völlig den Character und die eigenthümlichen Rechte einer vollkommenen Gesellschaft und behaupten, es sei ihres Amtes nicht, Gesetze zu geben, Recht zu sprechen, das Unrecht zu ahnden, sondern sie solle lediglich er mahnen, Rath ertheilen und Diejenigen lenken, welche sich aus eigenem Antrieb freiwillig ihr unterwerfen. Durch eine solche Ansicht verfälschen sie den Character dieser göttlichen Gesellschaft durchaus, beschränken und mindern herab ihre Antorität, ihr Lehramt, mit einem Worte: ihre gesammte Thätigkeit, während sie zugleich die Macht der weltlichen Gewalt in dem Grade über heben, daß sie die Kirche Gottes gerade so wie eine beliebige freiwillige Vereinigung von Bürgern der vollständigen Herrschaft des Staates unterwerfen.— Zur Zurückweisung dieser Lehre dienen die bei den Apologeten gebräuchlichen und auch von Uns in Unserer Encyclica Immortale Dei hervorgehobenen Beweise, aus denen sich ergibt, wie es von Gott angeordnet worden ist, daß die Kirche alle Eigenschaften und Rechte einer vollberechtigten, höchsten, in jeder Hinsicht voll kommenen Gesellschaft besitzt.
Es gibt schließlich Viele, welche die Trennung von Staat und Kirche nicht billigen. Sie erachten indessen für angezeigt, daß die Kirche den Zeitumständen nach gebe und den Einrichtungen sich anbequeme, welche die Klugheit bei der heutigen Regierung der Staaten verlangt. Eine solche Ansicht ist achtbar, wenn sie nur von einem gewissen billigen Verhalten verstanden wird, welches mit der Wahrheit und der Gerechtigkeit in Ein klang steht: dahin nämlich, daß die Kirche, wo die sichere Hoffnung auf Erlangung eines großen Gutes
sich zeigt, sich nachgiebig erweise und den Zeitumständen so viele Zugeständnisse mache, als mit der Heiligkeit ihres Amtes verträglich ist. Ganz anders steht es aber mit Dingen und Lehren, welche durch Entartung der Sitten und falsche Anschauungen widerrechtlich eingeführt wurden. Keine Zeit kann der Religion, der Wahrheit und Gerechtigkeit entbehren. Da nun Gott diese größten und heiligsten Dinge durch sein Gebot in den Schutz der Kirche gestellt hat, so ist nichts befremdlicher, als von ihr zu verlangen, sie solle das Falsche und Unrechte unter Verleugnung der Wahrheit heuchlerisch ertragen oder in Dingen, welche der Religion schädlich sind, Zugeständnisse machen.
Aus dem Gesagten ergeben sich nun uachstehende Folgerungen.
Zunächst ist es keineswegs gestattet, Gedankenfreiheit, Preßfreiheit, Unterrichtsfreiheit, völlige Religionsfreiheit als eben so viele dem Menschen von Natur gegebene Rechte zu verlangen, zu vertheidigen oder zu bewilligen. Hätte die Natur ihm dieselben wirklich verliehen, dann wäre es ja Recht, der göttlichen Herrschaft sich zu entziehen; dann könnte die menschliche Freiheit nicht durch irgend ein Gesetz eingeschränkt werden.
Gleicherweise folgt auch, daß diese Freiheiten geduldet werden dürfen, wenn gerechte Gründe vorhanden sind, mit der nothwendigen Einschränkung, daß sie nicht in Zügellosigkeit und Frechheit ausarten.
Wo aber diese Freiheiten in Uebung sind, dort sollen die Bürger dieselben zur freien Ausübung des Guten benutzen und über dieselben so urtheilen, wie die Kirche urtheilt. Eine Freiheit kann nur dann als eine berechtigte angesehen werden, insofern dieselbe dem Menschen eine größere Fähigkeit für das Edele verleiht; anders niemals.
Wo eine Gewaltherrschaft drückt oder droht, welche die Bürgerschaft unter ungerechtem Drucke hält, oder die Kirche der gebührenden Freiheit beraubt, da ist es erlaubt, eine andersgeartete Gestaltung des Staates zu wünschen, in welcher eine freiheitliche Bewegung gestattet ist. Es wird dann nämlich nicht jene maßlofe, verbrecherische Freiheit erstrebt, sondern es wird nur, um des allgemeinen Besten willen, eine gewisse Erleichterung gesucht, und es handelt sich einzig darum, daß dort, wo dem Bösen zügellose Freiheit zugebilligt wird, auch die Möglichkeit, das Gute zu thun, nicht behindert werde.
Auch verstößt es an sich nicht gegen die Pflicht, wenn man eine volksthümliche Staatsform vorzieht, vorausgesetzt, daß die katholische Lehre vom Ursprung und von der Ausübung der Regierungsgewalt beachtet wird. Von den verschiedenen Staatsformen verwirft die Kirche keine, wofern dieselben geeignet sind, dem Gemeinwohle zu dienen; sie verlangt jedoch, wie die Natur es fordert, daß dieselben in ihren Verfassungen gegen Niemandes Recht verstoßen und namentlich die Rechte der Kirche nicht verletzen.
Am Staatsleben theilzunehmen, ist lobenswerth, wofern nicht ein anderes Verhalten durch besondere Verhältnisse und Zeitumstände vorgeschrieben wird.
Die Kirche lobt es sogar, daß Alle zum gemeinsamen Besten ihre Arbeit vereinigen, und ein Jeder nach seinem Vermögen beitrage zur Vertheidigung, zur Erhaltung und Mehrung des Staates.
Die Kirche verurtheilt auch nicht, daß ein Volk keinem Fremden und keinem Herrn dienstbar sein will,
nur und laß mich in Ruhe. Ich würde nicht schlafen unter demselben Dache mit Dir", und er wandte sich um und verschwand.
Stefan wartete einen Augenblick, dann ging er denselben Weg leisen Schrittes und stets die dahinschreitende Gestalt im Auge behaltend, zugleich aber blickte er suchend auf den Weg. Aber alles war vergeblich. Hermann erreichte ohne Verzug das Gasthaus und trat in dasselbe ein. Stefan ging wieder zurück, fand jedoch abermals das Testament nicht. Er trat mehr todt als lebend wieder in das Bibliothekzimmer ein; nur ein Gedanke beschäftigte und verwirrte seine Seele.
Hatte Hermann das Dokument gefunden, und wenn nicht, wo war es?
Nach einiger Zeit wurde er ruhiger. Er überdachte die Situation nach allen Seiten, bis er endlich einen Plan gefaßt hatte. Es war kein endgültiger, ober es war der vernünftigste, den er finden konnte.
Dort im Wardener Walde lebte das Mädchen als die Tochter eines Arbeiters, der selbst nicht wußte, daß sie das legale Kind des verstorbenen Ralph Davenant sei. Wo war das Testament? Wer es immer hatte, würde kommen und seine Bedingungen machen oder- zu der rechtmäßigen Erbin gehen. Rasch war er entschlossen, sie dort wegzunehmen.
Aber wohin?— Wo besaß er einen zuverlässigen Freund? — Keinen. Doch konnte er sie nicht zu seiner Mutter bringen?
„Ja, ja; das geht", murmelte er.„Die Mutter soll das Mädchen zu sich nebmen als— als Gesellschafterin. Arme Mutter! aber es läßt sich nicht umgehen, Du mußt Dich mit dem dummen Geschöpfe herumschlagen!" Und ei lächelte triumphirend.
Es gibt Menschen, denen es selbst eine Freude macht, Denjenigen, welche ihnen in aller Liebe ergeben sind, eine Unannehmlichkeit zu bereiten. Er schrieb:
„Theure Mutter! Ich habe Dir die traurige Mittheilung zu machen, daß mein lieber Onkel gestorben ist. Ich brauche Dir nicht zu sagen, wie schmerzlich mir dieser Verlust ist. Ich habe wirklich einen Freund verloren! Wie gut er es stets mit mir meinte! Aber, Mutter, selbst inmitten unserer tiefsten Betrübniß dürfen wir nicht taub sein, wenn Christenpflicht uns ruft. Ich habe eine kleine Pflicht zu erfüllen, wobei ich Deiner Hülfe bedarf. Es wird zu meinem Bedauern nothwendig sein, daß Du nach der Station Werntsley fährst, wo ich Dich treffen werde. Neise am nächsten Mittwoch mit dem
Zuge um 10 Uhr 25 Minuten von dort ab. Erwähne nichts von Deiner Reise; meine liebe Mutter, wir dürfen nicht vergessen, daß wir im Verborgenen Gutes thun sollen. In großer Betrübniß Dein Dich liebender Sohn
Stefan Davenant."
10. Kapitel.
Eilen wir aus der peinlichen Stille des Hauses Hurst Leigh, wo in einem der oberen Räume noch die Leiche des alten Mannes liegt, während der Neffe im Bibliothekzimmer bald schreibend am Arbeitstisch sitzt, bald von Furcht gefoltert, auf= und abgeht, wieder hinaus in den Wardener Wald.
Flüchtigen Fußes eilte Una hinweg von dem See; die Stimme des Vaters und die des jungen Mannes drangen noch eine Weile zu ihrem Ohre und weckten in ihrem Herzen tausend beunruhigende Gedanken und Bewegungen.
Bis zum vorhergehenden Abende war Gideon Rolfe der ruhigste und sanfteste Vater gewesen; nichts, so hatte es geschienen, konnte ihn aus seiner Ruhe aufschrecken. Und nun diese neuen, seltsamen Erlebnisse! Kaum vermochte Una es zu glauben, daß Alles dies Wirklichkeit gewesen. Hatte sie geträumt und würde sie, gleich erwachend, ihn wiederfinden, den hübschen jungen Fremden, mit seiner wohltönenden Stimme und den dunklen, beredten Argen?
Als sie dann die Hütte erblickte, wandte sie sich zur Seite, eilte wieder in den Wald hinein, sank auf einer Moosbauk nieder und suchte sich jedes Wort zurückzurufen, jeden Blick, jeden kleinsten geringfügigsten Umstand und alles Das, was den Fremden berührte; und während sie dies that, wollte es ihr erscheinen, als ob ihr ganzes Leben einen ihr unerklärlichen Wechsel erfahren habe. Selbst die Bäume in dem Walde, der blaue Himmel, der Gesang der Vögel, die Luft, die sie einathmete, erschienen ihr verändert, und siatt der vollkommenen, ungestörten Ruhe, welche bisher ihr Leben umbüllt, hatte sie jetzt ein Geist der Unruhe, ein unbestimmtes, bisher ungekanntes Sehnen erfaßt.
Ein Meteor hatte ihre Stille, den heiteren Himinel ihres Daseins gekreuzt.
Dennoch aber war dies neue Gefühl des Verlangens und Sehnens nicht nur ein schmerzliches; ein Gefühl der Freude, über das sie sich keine Rechenschaft zu geben vermochte, erfüllte die junge Seele. Daß es der Himmelsfunken der Liebe war, der in ihrem Herzen gezündet, das wußte sie nicht.
(Fortsetzung folgt.)