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36 Jahrgang.
Deutscher Reichstag.
236. Sitzung vom 13. Januar.
2 Uhr. Präsident Graf Ballestrem eröffnet die Sitzung und wünscht den Herren ein gutes neues Jahr.(Bei
fall).— Es folgt sodann eine Reihe geschäftlicher Mit
teilungen, Eingang des Etats usw.— Auf der Tagesordnung stehen zunächst die zum Zolltarif beantragten Resolutionen.— Die Kommission beantragt zwei Resolutionen; eine derselben wünscht von der Regierung Untersuchung der Frage, inwieweit die Tabakbesteuerungsvorschriften im Interesse der kleineren Tabakbauern vereinfacht
Abg. Heyl v. Herrnsheim(ntl.) befürwortet diese Reiolution.— Abg, Eh,=Fahatgesteiterung eim nat
Preußischer Landtag
Die Eröffnung des Landtages und die
sprechen, kann aber die Darstellungen über die angeblich so sehr ungünstige Lage des inländischen Tabakbaues nicht als richtig anerkennen. Unterstaatssekretär v. Fischer erklärt, wenn die Resolution angenommen werde, werde sich die Regierung dem nicht entziehen, in Erwägungen einzutreten, in welcher Weise die Lage der kleinen Tabakbauern gebessert werden könne.— Abg. Deinhard(ntl.) tritt für
die Resdlution ein.. gi, Halser
Abg. Geyer(Soz.) wendet sich gegen die Zoller
höhungsbestrebungen, wie namentlich Abg. Heyl v. Herrnsheim sie vertrete. Karakteristisch sei, wie Herr von Heyl, nachdem eben der Zolltarif durchgegangen sei, große Strecken Landes gerade auch in der Tabakgegend hinzugekauft habe, um seine Taschen zu füllen.— Abg. RoesickeKaiserslautern(Bd. d. Landw.) erklärt einen höheren Schutz der Tabakbauern gegen die ausländische Produktion für unerläßlich.— Abg. Heyl von Herrnsheim(ntl.) erklärt es als ganz unzutreffend, daß er seit Annahme des Zolltarifs Ländereien hinzugekauft habe, um seinen Gewinn in schnöder Weise zu erhöhen. Er könne es nur bedauern, daß solche Verdachtigungen hier in diesem hohen Hause ausgesprochen werden könnten.
Abg. Molkenbuhr(Soz.) wendet sich gegen den Abg. Roesicke, die Nachteile darlegend, welche ein höherer Tabakzoll für die Tabakindustriearbeiter haben müsse.— Abg. Lucke(Bd. d. L.) glaubt, daß die Tabakfabrikation sehr wohl eine stärkere Belastung tragen könne, Der Tabakbauer könne ebenso gut einen angemessenen Lohn für seine Arbeit beanspruchen, wie der Industriearbeiter.
Abg. Heyl v. Herrnsheim(ntl.) bezeichnet es noch als eine Verleumdung, wenn man ihm nachsage, er habe dem Zolltarif zugestimmt, in der Absicht, hinterhin Grundbesitz zu kaufen, um davon Gewinn zu ziehen. Und das sei ihm in sozialdemokratischen Blättern nachgesagt worden.— Hierauf wird die Resolution beinahe einstim
Thronrede.
I. Berlin, 13. Januar 1902.
Zur Eröffnung des preußischen Landtages hatten sich in dem umgebauten und neugeschmückten Weißen Saale etwa 150 Abgeordnete und Herrenhausmitglieder aller Parteien, anscheinend mit Ausnahme der Polen, eingefunden, welch letztere auch bei der Eröffnung der vorigen Session sich fern gehalten hatten. Die Minister waren in
kleiner Unform erschienen. Milgw verlas Hi.
Der Ministerpräsident Graf H##d## vertar die Thronrede, in der zunächst auf die wenig befriedigende Finanzlage des Staates hingewiesen wird. Die Rechnung für das Jahr 1901 habe mit einem Fehlbetrage von 37½ Millionen Mark abgeschlossen. Auch im laufenden Etatsjahr sei ein wesentlich günstiger Abschluß nicht zu erwarten. Ebenso müsse für 1903 mit einem weiteren Rückgange der Ueberschüsse gerechnet werden. Die Thronrede kündigt sodann die Vorlagen an betreffend die Forderung von Mitteln zur Stärkung der deutschen Politik in den Ostmarken, betreffend Gewährung von Zulagen an die mittleren und unteren Beamten und Lehrer an den Volksschulen in den Ostmarken, ferner betreffend die Ausgestaltung der Eisenbahnanlagen sowie die Verbesserung der Wohnungsverhältnisse der in staatlichen Betrieben beschäftigten Arbeiter und der gering besoldeten Beamten. Die Thronrede stellt weiter einen Gesetzentwurf in Aussicht betreffend die Förderung der allgemeinen Volksgesundheit. Der im Vorjahr nicht verabschiedete Gesetzentwurf über die Befähigung für den höheren Verwaltungsdienst werde in etwas veränderter Gestalt wieder vorgelegt werden, endlich werde dem Hause ein Gesuch über die Bildung kirchlicher Hilfsfonds für katholische Pfarrgemeinden zugehen.— Die Thronrede wurde schweigend angehört. Das Hoch auf den Kaiser brachte der wiederhergestellte Präsident des Herrenhauses aus der vorigen Session, Fürst zu Wied, aus, der in Generalsuniform erschienen war. Die ganze Feier hatte noch nicht 10 Minuten gedauert. Graf Bülow begrüßte hierauf die bisherigen Präsidenten, den Fürsten zu Wied und Herrn von Kröcher. In der Hofloge hatten Mitglieder der japanischen und siamesischen Botschaft der Feier beigewohnt.
Nachmittags fanden zwei kurze Sitzungen des Abgeordnetenhauses und des Herrenhauses statt, in denen die Wahlen der Präsidien und der Schriftführer vorgenomnan wpichen.
Revolution in
Die Meldungen aus Marokko sind noch zehnmal verlogener als die von allen anderen Kriegsschauplätzen der Welt, einschließlich Venezuelas. Selbst die Engländer, die während des Burenkrieges im Lügen doch auch eine respektable Meisterschaft errungen hatten, könnten getrost zu den Marokkanern in die Lehre gehen; sie würden noch
etwas lernen können. Heute heißt es, der Sultan sei Herr der Lage, ein paar Stunden später befindet sich der Prätendant mit überlegenen Streikräften ante Pretos, die Einnahme von Fez ist bereits besiegelt, und nach den Mittagsdrahtungen befindet sich der Prätendant wieder in der Defensive und Sultan Abdul Hazig zieht gegen ihn mit einer Streitkraft von 15= bis 20000 Mann aus. Der Kuckuck soll die Marokkaner samt ihren Kriegsberichten holen! Mögen sich die Kerle die Köpfe einschlagen, Hallunken sind sie alle, uns kanns ziemlich gleichgiltig sein, welche Partei die meisten Prügel kriegt. Und erfreulicherweise hat man ein Recht darauf, den marokkanischen Vorgängen kühl bis ans Herz hinan gegenüberzutreten, sie werden über ihre lokale Bedeutung nicht hinauswachsen. Eine amtliche Note aus Madrid tut nämlich kund und zu wissen, daß keine europäische Macht an eine Intervention in der marokkanischen Angelegenheit oder gar an eine Teilung Marokkos denke. Damit verlieren die Kriege und Lügen der Marokkaner aber jedes politische Interesse, und das ist das erfreulichste an ihnen.
Deutschland.
— Vom Kaiserhofe. Der Kaiser, der tags zuvor beim
sächsischen Gesandten in Berlin vorfuhr, suchte am Dienstad vormittag den Reichskanzler auf. Später hörte der Monarch im Schloß Militär= und Marinevorträge.— In Rom erwartet man den Besuch des Kaisers in der Zeit vom 10. bis 20. Mai. Ferner heißt es, König Viktor Emannel werde mit seinem hohen Gast der herrlich gelegenen Benediktinerabtei Monte Cassino einen Besuch machen. Ob die Fürsten auch etwa noch Neapel besuchen werden, darüber wird zwar viel geredet, aber abgemacht ist noch sschts. Pargnin Fohn Tachter das einsti.
— Die verstorvene Baronin Cohn, Tochter des einstigen Hofbankiers Kaiser Wilhelms I., hat nach einer Meldung der„Tägl. Rdsch.“ aus Dessau dem Kaiser 2 Millionen Mark vermacht.
— Verbindung der deutschen evangelischen Landeskirchen. Ueber die Verhandlungen, die eine solche Verbindung anbahnen sollen, macht die„Chronik der christlichen Welt“ folgende Mitteilungen:„Noch vor der Wiederkehr des ersten Weihnachtsfeiertages, an dem vor einem Jahre der Gedanke einer engeren Verbindung der deut
Sinnsprüche, Denksprüche, Sprichwörter 2c.
Da es mir ging gut auf Erden,
Da wollten alle meine Freunde werden,
Da ich aber kam in Not,
Da waren alle meine Freunde tot.
Briefträgers Hannchen.
Von Georg Paulsen.
(Nachdruck verboten.)
(14. Fortsetzung.)
Alles Protestieren, alles Lamentieren hatten Hannchen Hölder nichts geholfen; die Eltern waren einig, das große Wort war gesprochen. Sie hatte ein paarmal auf des Vaters Herz Sturm zu laufen versucht, der Alte hatte sich gewehrt und, war sein Widerstand doch ins Wanken geraten, gemacht, daß er fortgekommen war. Auch die Versicherungen seiner Tochter, daß sie doch am besten wissen müsse, was dem Vater Freude bereite, hatten nicht mehr gefruchtet. Es wurde genäht, eine Ausstattung für das junge Mädchen zurecht gemacht, dann ward gepackt, und— ja, nun war es so weit, nächsten Morgen sollte die Reise losgehen.
Hannchen hatte den Protest aufgegeben, als sie erkannt, daß alles Bitten nichts helfen werde. Und geweint hatte sie nicht, dazu besaß sie viel zu viel Lebenskraft und Tapferkeit. Angst vor der Fremde hatte sie ganz gewiß nicht, sie war kein Küchlein, das sich nur unter den Flügeln der Mutter sicher fühlte, o nein, sie wollte sich schon behaupten. Und mit ihrer Stimme brauchte sie sich erst recht nicht zu genieren, da sollte nur einmal eine kommen, die besser verstände, als sie, aber warum sollte sie denn fort? Sie fühlte sich unterm Sonnenfelder Himmel so wohlgemut, hatte keine Sorgen, viel Lust, und sie wußte, die allermeisten, die sie kannte, hatten sie auch gern. Und bei dem Gedanken an dies Gernhaben ward ihr so recht
warm ums Herz, das war die rechte Freude immer für sie gewesen. Fort aus der Heimatstadt, das erschien ihr ungefähr so, als wenn eine reizende Wiesenblume, die zwischen all' dem Grün so frei und froh emporschoß, in einen steifen Park umgesetzt werden sollte, wo alle Augenblicke die Schere des Gärtners klapperte, und jeder sich hütete, von dem sorglich glatt gehaltenen weißen Kieswege herunterzugehen. Ja, das alles mochte sehr, sehr schön sein, aber gewisser war, daß es auch unausstehliche Langweiligkeit bedeutete. Indessen, wenn es denn sein mußte!
„Na, da hilft kein Mundspitzen, da muß's halt gepfiffen sein. Mein liebt's gut Vaterle sollst drum doch bleiben!“ rief sie mit wiedergewonnenem Jugendhumor und gab dem beglückten Vater einen herzhaften Kuß. Und Lebrecht mußte sich im Postamt noch die Augen reiben und sich gewaltig räuspern, als er die Briefbeutel für den nächsten Postzug zu schließen hatte. Es gab deswegen mancherlei Neckereien von Seiten der Kollegen, aber der sonst so kurz abweisende Mann achtete heute nicht sehr darauf.
Und die Mutter, welche ihre feste Stimmung nachgerade auch ins Schwanken geraten fühlte, faßte Hannchen wie ein kleines Kind rundum und flüsterte ihr ins Ohr: „Mädele, sei tapfer! Ich sorge schon dafür, daß D, net lang in der Stadt bleibst. Und wenn D' heimkommst, dann——“
„Na, Mutterle?“ fragte Hannchen.
„Dann wird eine andere Ausstattung fertig gemacht. Bist ja dann ein stolz' Mädele, das sich sehen lassen kann. Und heute schon schaust bald über mich weg. Sei ganz ru
nach einem Mann gering. Ein ganz ehrbar Gesicht machen, nimmer mal lustig einen Juchzer hinausschmettern können, und, na ja, ihre Gescheidheit ließ sich ja doch nicht bestreiten, aufpassen, daß der Mann keine Torheiten machte, das lockte sie wirklich nicht allzusehr. Wenigstens jetzt noch nicht. Und sie sang ein lustiges Liedel vor sich hin, als sie draußen am Gartenzaun stand und sich vom nächsten Rosenstock eine Knospe für ihr blondes Haar pflückte.
Mit einem Male lachte sie herzlich, denn sie dachte
Metzgerfritz. So lange war der ihr größter Ge
in der ganzen Stadt gewesen, sie hatten keine zehn Minuten zusammen sprechen können, ohne sich zu streiten, und trafen sie sich bei einem Vergnügtsein, maßen sie einander mit bösen Blicken. Aber nun war der Bursch mit einem feinen geräucherten Schinken herübergekommen, hatte einen Gruß vom Vater und der Mutter bestellt, und das Andenken aus der Heimat sollte das Hannchen mit in die Stadt nehmen.....
Dabei war er noch röter geworden im Gesicht, als der knallrote Schlips war, den er unterm Halse trug. Und als Frau Hölder sich vielmals bedankt, meinte auch Hannchen im Stillen:„Vergeben, vergessen!" und gab dem einstigen Feinde einen herzhaften Versöhnungs= und Abschiedskuß, darüber der rotbäckige Fritz so verlegen geworden war, daß er Hölders Hauskatze auf die Vorderpfoten trat. Ein gräuliches Miau und eine schleunige Retirade waren die Folge.
Mit anderen war der Abschied schneller erledigt; es blieb nur noch einer, der sich bis jetzt nichthatte sehen lassen, Hermann Grau. Und Hannchen meinte, ihm müsse sie doch ein paar Worte mehr sagen, als allen anderen....
And heile schon schauft bald üder mich weg. Gei gung ruhig, ich sorg' schon, daß's gut wird.“
Und Hannchen wurde einiges rot und lachte. Was doch alle Leut' in der kleinen Stadt, die Eltern dabei, im
mer wieder und wieder ans Heiraten dachten, wenn die doch ein paar Porte mehr sagen, als allen anderen
Kinder so groß geworden waren, daß sie sich mal recht des] Ein paar Worte auch, die nicht jeder zu hören Lebens freuen konnten. Dem Hannchen war die Sehnsucht brauchte. Mein Gott ja, es sollte nicht das geringste Ge