Insertionsgebühr für lokale Anzeigen, die sechsgespaltene Petit­zeile oder deren Raum 10 Pfg., außerhalb 15, Reklame=Zeile 40 Pfg., Druck und Verlag von Carl Braus in Schwerte, Fernsprech= Anschluß Nr. 62. Amt Schwerte. Telegr.=Adresse Braus, Schwerte=Ruhr.

Alle Kreis= und Lokalpolizeilichen Verordnungen für den Kreis Hörde erlangen gemäß Bekanntmachung der Königl. Regierung durch Veröffentlichung in der„Schwerter Zeitung" rechts verbindliche Kraft.

Abonnementspreis pro Quartal 1 Mark 65 Pfg. exel. 42 Pfg. Bestellgeld, wenn durch die Post bezogen. Erscheint an jedem Wochentage. Wöchentliche Gratisbeilage:„Illustrierter Familienfreund.“

36 Jahrgang.

Deutscher Reichstag.

236. Sitzung vom 13. Januar.

2 Uhr. Präsident Graf Ballestrem eröffnet die Sitz­ung und wünscht den Herren ein gutes neues Jahr.(Bei­

fall).— Es folgt sodann eine Reihe geschäftlicher Mit­

teilungen, Eingang des Etats usw.— Auf der Tagesord­nung stehen zunächst die zum Zolltarif beantragten Reso­lutionen.— Die Kommission beantragt zwei Resolutio­nen; eine derselben wünscht von der Regierung Untersuch­ung der Frage, inwieweit die Tabakbesteuerungsvorschrif­ten im Interesse der kleineren Tabakbauern vereinfacht

Abg. Heyl v. Herrnsheim(ntl.) befürwortet diese Reiolution.— Abg, Eh,=Fahatgesteiterung eim nat

Preußischer Landtag

Die Eröffnung des Landtages und die

sprechen, kann aber die Darstellungen über die angeblich so sehr ungünstige Lage des inländischen Tabakbaues nicht als richtig anerkennen. Unterstaatssekretär v. Fischer er­klärt, wenn die Resolution angenommen werde, werde sich die Regierung dem nicht entziehen, in Erwägungen einzu­treten, in welcher Weise die Lage der kleinen Tabakbauern gebessert werden könne.— Abg. Deinhard(ntl.) tritt für

die Resdlution ein.. gi, Halser­

Abg. Geyer(Soz.) wendet sich gegen die Zoller­

höhungsbestrebungen, wie namentlich Abg. Heyl v. Herrnsheim sie vertrete. Karakteristisch sei, wie Herr von Heyl, nachdem eben der Zolltarif durchgegangen sei, große Strecken Landes gerade auch in der Tabakgegend hinzuge­kauft habe, um seine Taschen zu füllen.— Abg. Roesicke­Kaiserslautern(Bd. d. Landw.) erklärt einen höheren Schutz der Tabakbauern gegen die ausländische Produk­tion für unerläßlich.— Abg. Heyl von Herrnsheim(ntl.) erklärt es als ganz unzutreffend, daß er seit Annahme des Zolltarifs Ländereien hinzugekauft habe, um seinen Ge­winn in schnöder Weise zu erhöhen. Er könne es nur be­dauern, daß solche Verdachtigungen hier in diesem hohen Hause ausgesprochen werden könnten.

Abg. Molkenbuhr(Soz.) wendet sich gegen den Abg. Roesicke, die Nachteile darlegend, welche ein höherer Tabakzoll für die Tabakindustriearbeiter haben müsse.— Abg. Lucke(Bd. d. L.) glaubt, daß die Tabakfabrikation sehr wohl eine stärkere Belastung tragen könne, Der Ta­bakbauer könne ebenso gut einen angemessenen Lohn für seine Arbeit beanspruchen, wie der Industriearbeiter.

Abg. Heyl v. Herrnsheim(ntl.) bezeichnet es noch als eine Verleumdung, wenn man ihm nachsage, er habe dem Zolltarif zugestimmt, in der Absicht, hinterhin Grundbesitz zu kaufen, um davon Gewinn zu ziehen. Und das sei ihm in sozialdemokratischen Blättern nachgesagt worden.— Hierauf wird die Resolution beinahe einstim­

Thronrede.

I. Berlin, 13. Januar 1902.

Zur Eröffnung des preußischen Landtages hatten sich in dem umgebauten und neugeschmückten Weißen Saale etwa 150 Abgeordnete und Herrenhausmitglieder aller Parteien, anscheinend mit Ausnahme der Polen, einge­funden, welch letztere auch bei der Eröffnung der vorigen Session sich fern gehalten hatten. Die Minister waren in

kleiner Unform erschienen. Milgw verlas Hi.

Der Ministerpräsident Graf H##d## vertar die Thronrede, in der zunächst auf die wenig befriedi­gende Finanzlage des Staates hingewiesen wird. Die Rechnung für das Jahr 1901 habe mit einem Fehlbetrage von 37½ Millionen Mark abgeschlossen. Auch im lau­fenden Etatsjahr sei ein wesentlich günstiger Abschluß nicht zu erwarten. Ebenso müsse für 1903 mit einem weiteren Rückgange der Ueberschüsse gerechnet werden. Die Thron­rede kündigt sodann die Vorlagen an betreffend die For­derung von Mitteln zur Stärkung der deutschen Politik in den Ostmarken, betreffend Gewährung von Zulagen an die mittleren und unteren Beamten und Lehrer an den Volksschulen in den Ostmarken, ferner betreffend die Aus­gestaltung der Eisenbahnanlagen sowie die Verbesserung der Wohnungsverhältnisse der in staatlichen Betrieben be­schäftigten Arbeiter und der gering besoldeten Beamten. Die Thronrede stellt weiter einen Gesetzentwurf in Aus­sicht betreffend die Förderung der allgemeinen Volksge­sundheit. Der im Vorjahr nicht verabschiedete Gesetzent­wurf über die Befähigung für den höheren Verwaltungs­dienst werde in etwas veränderter Gestalt wieder vorge­legt werden, endlich werde dem Hause ein Gesuch über die Bildung kirchlicher Hilfsfonds für katholische Pfarrge­meinden zugehen.— Die Thronrede wurde schweigend angehört. Das Hoch auf den Kaiser brachte der wieder­hergestellte Präsident des Herrenhauses aus der vorigen Session, Fürst zu Wied, aus, der in Generalsuniform er­schienen war. Die ganze Feier hatte noch nicht 10 Minu­ten gedauert. Graf Bülow begrüßte hierauf die bisheri­gen Präsidenten, den Fürsten zu Wied und Herrn von Kröcher. In der Hofloge hatten Mitglieder der japani­schen und siamesischen Botschaft der Feier beigewohnt.

Nachmittags fanden zwei kurze Sitzungen des Abge­ordnetenhauses und des Herrenhauses statt, in denen die Wahlen der Präsidien und der Schriftführer vorgenom­nan wpichen.

Revolution in

Die Meldungen aus Marokko sind noch zehnmal ver­logener als die von allen anderen Kriegsschauplätzen der Welt, einschließlich Venezuelas. Selbst die Engländer, die während des Burenkrieges im Lügen doch auch eine respektable Meisterschaft errungen hatten, könnten getrost zu den Marokkanern in die Lehre gehen; sie würden noch

etwas lernen können. Heute heißt es, der Sultan sei Herr der Lage, ein paar Stunden später befindet sich der Prä­tendant mit überlegenen Streikräften ante Pretos, die Ein­nahme von Fez ist bereits besiegelt, und nach den Mittags­drahtungen befindet sich der Prätendant wieder in der Defensive und Sultan Abdul Hazig zieht gegen ihn mit einer Streitkraft von 15= bis 20000 Mann aus. Der Kuckuck soll die Marokkaner samt ihren Kriegsberichten holen! Mögen sich die Kerle die Köpfe einschlagen, Hallun­ken sind sie alle, uns kanns ziemlich gleichgiltig sein, welche Partei die meisten Prügel kriegt. Und erfreulicher­weise hat man ein Recht darauf, den marokkanischen Vor­gängen kühl bis ans Herz hinan gegenüberzutreten, sie werden über ihre lokale Bedeutung nicht hinauswachsen. Eine amtliche Note aus Madrid tut nämlich kund und zu wissen, daß keine europäische Macht an eine Intervention in der marokkanischen Angelegenheit oder gar an eine Teilung Marokkos denke. Damit verlieren die Kriege und Lügen der Marokkaner aber jedes politische Interesse, und das ist das erfreulichste an ihnen.

Deutschland.

— Vom Kaiserhofe. Der Kaiser, der tags zuvor beim

sächsischen Gesandten in Berlin vorfuhr, suchte am Diens­tad vormittag den Reichskanzler auf. Später hörte der Monarch im Schloß Militär= und Marinevorträge.— In Rom erwartet man den Besuch des Kaisers in der Zeit vom 10. bis 20. Mai. Ferner heißt es, König Viktor Emannel werde mit seinem hohen Gast der herrlich gelege­nen Benediktinerabtei Monte Cassino einen Besuch machen. Ob die Fürsten auch etwa noch Neapel besuchen werden, darüber wird zwar viel geredet, aber abgemacht ist noch sschts. Pargnin Fohn Tachter das einsti.

— Die verstorvene Baronin Cohn, Tochter des einsti­gen Hofbankiers Kaiser Wilhelms I., hat nach einer Meld­ung der„Tägl. Rdsch.“ aus Dessau dem Kaiser 2 Millio­nen Mark vermacht.

— Verbindung der deutschen evangelischen Landes­kirchen. Ueber die Verhandlungen, die eine solche Ver­bindung anbahnen sollen, macht die„Chronik der christ­lichen Welt“ folgende Mitteilungen:„Noch vor der Wie­derkehr des ersten Weihnachtsfeiertages, an dem vor einem Jahre der Gedanke einer engeren Verbindung der deut­

Sinnsprüche, Denksprüche, Sprichwörter 2c.

Da es mir ging gut auf Erden,

Da wollten alle meine Freunde werden,

Da ich aber kam in Not,

Da waren alle meine Freunde tot.

Briefträgers Hannchen.

Von Georg Paulsen.

(Nachdruck verboten.)

(14. Fortsetzung.)

Alles Protestieren, alles Lamentieren hatten Hann­chen Hölder nichts geholfen; die Eltern waren einig, das große Wort war gesprochen. Sie hatte ein paarmal auf des Vaters Herz Sturm zu laufen versucht, der Alte hatte sich gewehrt und, war sein Widerstand doch ins Wanken geraten, gemacht, daß er fortgekommen war. Auch die Versicherungen seiner Tochter, daß sie doch am besten wissen müsse, was dem Vater Freude bereite, hatten nicht mehr gefruchtet. Es wurde genäht, eine Ausstattung für das junge Mädchen zurecht gemacht, dann ward gepackt, und— ja, nun war es so weit, nächsten Morgen sollte die Reise losgehen.

Hannchen hatte den Protest aufgegeben, als sie er­kannt, daß alles Bitten nichts helfen werde. Und geweint hatte sie nicht, dazu besaß sie viel zu viel Lebenskraft und Tapferkeit. Angst vor der Fremde hatte sie ganz gewiß nicht, sie war kein Küchlein, das sich nur unter den Flügeln der Mutter sicher fühlte, o nein, sie wollte sich schon be­haupten. Und mit ihrer Stimme brauchte sie sich erst recht nicht zu genieren, da sollte nur einmal eine kommen, die besser verstände, als sie, aber warum sollte sie denn fort? Sie fühlte sich unterm Sonnenfelder Himmel so wohlgemut, hatte keine Sorgen, viel Lust, und sie wußte, die allermeisten, die sie kannte, hatten sie auch gern. Und bei dem Gedanken an dies Gernhaben ward ihr so recht

warm ums Herz, das war die rechte Freude immer für sie gewesen. Fort aus der Heimatstadt, das erschien ihr un­gefähr so, als wenn eine reizende Wiesenblume, die zwischen all' dem Grün so frei und froh emporschoß, in einen steifen Park umgesetzt werden sollte, wo alle Augen­blicke die Schere des Gärtners klapperte, und jeder sich hütete, von dem sorglich glatt gehaltenen weißen Kieswege herunterzugehen. Ja, das alles mochte sehr, sehr schön sein, aber gewisser war, daß es auch unausstehliche Lang­weiligkeit bedeutete. Indessen, wenn es denn sein mußte!

„Na, da hilft kein Mundspitzen, da muß's halt ge­pfiffen sein. Mein liebt's gut Vaterle sollst drum doch bleiben!“ rief sie mit wiedergewonnenem Jugendhumor und gab dem beglückten Vater einen herzhaften Kuß. Und Lebrecht mußte sich im Postamt noch die Augen reiben und sich gewaltig räuspern, als er die Briefbeutel für den nächsten Postzug zu schließen hatte. Es gab deswegen mancherlei Neckereien von Seiten der Kollegen, aber der sonst so kurz abweisende Mann achtete heute nicht sehr darauf.

Und die Mutter, welche ihre feste Stimmung nachge­rade auch ins Schwanken geraten fühlte, faßte Hannchen wie ein kleines Kind rundum und flüsterte ihr ins Ohr: „Mädele, sei tapfer! Ich sorge schon dafür, daß D, net lang in der Stadt bleibst. Und wenn D' heimkommst, dann——“

„Na, Mutterle?“ fragte Hannchen.

„Dann wird eine andere Ausstattung fertig gemacht. Bist ja dann ein stolz' Mädele, das sich sehen lassen kann. Und heute schon schaust bald über mich weg. Sei ganz ru­

nach einem Mann gering. Ein ganz ehrbar Gesicht ma­chen, nimmer mal lustig einen Juchzer hinausschmettern können, und, na ja, ihre Gescheidheit ließ sich ja doch nicht bestreiten, aufpassen, daß der Mann keine Torheiten machte, das lockte sie wirklich nicht allzusehr. Wenig­stens jetzt noch nicht. Und sie sang ein lustiges Liedel vor sich hin, als sie draußen am Gartenzaun stand und sich vom nächsten Rosenstock eine Knospe für ihr blondes Haar pflückte.

Mit einem Male lachte sie herzlich, denn sie dachte

Metzgerfritz. So lange war der ihr größter Ge

in der ganzen Stadt gewesen, sie hatten keine zehn Mi­nuten zusammen sprechen können, ohne sich zu streiten, und trafen sie sich bei einem Vergnügtsein, maßen sie einander mit bösen Blicken. Aber nun war der Bursch mit einem feinen geräucherten Schinken herübergekommen, hatte einen Gruß vom Vater und der Mutter bestellt, und das Andenken aus der Heimat sollte das Hannchen mit in die Stadt nehmen.....

Dabei war er noch röter geworden im Gesicht, als der knallrote Schlips war, den er unterm Halse trug. Und als Frau Hölder sich vielmals bedankt, meinte auch Hannchen im Stillen:„Vergeben, vergessen!" und gab dem einstigen Feinde einen herzhaften Versöhnungs= und Abschiedskuß, darüber der rotbäckige Fritz so verlegen ge­worden war, daß er Hölders Hauskatze auf die Vorder­pfoten trat. Ein gräuliches Miau und eine schleunige Re­tirade waren die Folge.

Mit anderen war der Abschied schneller erledigt; es blieb nur noch einer, der sich bis jetzt nichthatte sehen lassen, Hermann Grau. Und Hannchen meinte, ihm müsse sie doch ein paar Worte mehr sagen, als allen anderen....

And heile schon schauft bald üder mich weg. Gei gung ru­hig, ich sorg' schon, daß's gut wird.“

Und Hannchen wurde einiges rot und lachte. Was doch alle Leut' in der kleinen Stadt, die Eltern dabei, im­

mer wieder und wieder ans Heiraten dachten, wenn die doch ein paar Porte mehr sagen, als allen anderen

Kinder so groß geworden waren, daß sie sich mal recht des] Ein paar Worte auch, die nicht jeder zu hören Lebens freuen konnten. Dem Hannchen war die Sehnsucht brauchte. Mein Gott ja, es sollte nicht das geringste Ge­