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Aimrüches Rreseicht

2to, S.(1. Piatt.)

Politischer Wochenrucblia.

Pessimistische Leute runzeln angesichts des Jahres­beginnes die Stirn; die Sache kommt ihnen verdächtig vor. Und wie der Landmann meint:„Januar warm— daß Gott erbarm!“, so fürchten sie auch, daß 1903 Dinge ergeben könnte, die uns noch weniger gefallen wollen, als die Ereignisse von 1902. Aber wir wollen doch nicht gar zu tristen Gedanken nachhängen, es hat Zeit damit, bis es wirklich soweit ist. Es ist ja erklärlich, daß das Influenza­Wetter, welches die allerletzten Wochen dem größten Teil von Deutschland zu spenden beliebten, eine verdrießliche Laune beschert, aber nachdem nun schon wieder aus ein­zelnen Gebieten Anzeichen sich einstellen, daß das rechte Winterwetter zur rechtenZeit doch wohl noch kommen wird, können wir auch in besserer Stimmung erwarten, daß uns rechte, wenigstens größere als 1902, Annehmlichkeiten be­schert sein werden, wenn nur erst die Wochen und Monate des Jahres in richtigen Fluß kommen werden. Für die anhebende Karnevals=Saison geht es wohl verschiedentlich noch ruhig genug zu; aber das ist kein schlechtes, sondern ein gutes Zeichen, es erzählt von neugewonnener Ueber­legung, die in dem vorjährigen Jahrzehnt gerade zur Zeit, als sie am besten gebraucht wurde, mitunter in die Brüche gegangen war. Daran ist viel zu wenig im deut­schen Reichstage während der Wochen vor dem Weih­nahtsfeste gedacht, es würde sonst der Trubel von damals wenig angebracht erschienen sein. Auch die idealste Po­litik kann nicht alles machen. Jeder schläft, wie er sich bettet. Doch keine Nachgedanken, sehen wir lieber der Zu­kunft vertrauensvoll entgegen! Die Handelsvertragsver­handlungen kommen! Gewiß, in manchem ausländischen Staat schlägt man recht geräuschvoll auf die Tasche, um demonstrativ zu beweisen::„Uns kann keiner!“ Und tö­richt wäre, wer sofort die Flinte ins Korn würfe! Aber für einen kaltblütigen Mann, der genau hinhört, kann es kaum zweifelhaft sein, daß es bei diesem Schlagen auf die Tasche mehr klappert, als klingt! Das braucht man ja den verehrten Herrschaften draußen nicht gerade ins Gesicht zu sagen, es will am Ende doch jeder sein Vergnügen haben, aber man kann sich sein Teil denken! Dem Deutschen steht es heute gut an, zuversichtlich zu sein, denn wenn wir auf die Tasche schlagen, dann klingt es immer noch. Am Ende nicht ganz so laut, aber es klingt. Und darauf kommt es an.

Nächste Woche kommt der Reichstag wieder. Er hat aus der Zeit vor Weihnachten beim deutschen Volke ja nicht gerade einen besonderen Schinken im Salz, aber das kann sich im neuen Jahre ändern. Es ist auch ganz zwei­fellos, daß genug und übergenug geredet werden wird, wie schlecht es gerade mit dem deutschen Vaterlande heute be­stellt ist, aber am Ende kann jeder ehrenwerte Mann nach­prüfen, wie er sich in seiner eigenen Haut fühlt, und dann wird keiner von all den schlimmen Reichstags=Propheten es wahr machen und sich jenseits unserer Grenzen ein be­hagliches Plätzchen suchen. Man weiß ja zudem, daß die­jenigen Wohnungsmieter, die am lautesten auf ihr Gelaß schelten, dort am längsten aushalten, und so geht es den betreffenden Reichstagsherren auch. Wenn ihre Wähler ihnen einmal frank und frei heraussagen würden: Schön, wir wollen auswandern, und Sie, geehrter Herr, spielen Sie, bitte, unseren General!“, dann würde die Antwort sein:„So eilig ist es ja gerade noch nicht!“ Also, die Probe auf das böse Exempel, die ist es, welche nicht stimmt, und darauf kommt es an. Der neue Reichshaus­halt bringt mancherlei an neuen Ausgaben für die deutsche Wehrkraft, was bei den heimischen Finanzen nicht mit Triumphgeschrei ausgenommen werden wird. Indessen darüber läßt sich reden. Aber man soll dabei nicht gleich das Kind mit dem Bade ausschütten und von unerträg­lichen Forderungen reden. Auch der schönste Redner im Reichstage hat sich noch nicht den leisesten Zweifel erlaubt, daß auch alle die Ausgaben für die Vaterlandsverteidig­ung wirklich in bar gemacht werden. Und wer hat davon das meiste? So viele Industriebranchen mit ihren Ar­beitern. Unsere großen Kriegsschiffe sind uns doch nicht einfach zu Weihnachten beschert, sondern Tausende von Arbeitern sind dabei tätig, und keiner von diesen allen ar­beitet umsonst. Wir wünschen Sparsamkeit, aber würde sie wirklich im strengsten Maße geübt von rechts wegen, dem kleinen Manne erginge es am übelsten. Im übrigen braucht niemand daran zu zweifeln, daß der heutige Reichstag schon so viel wie möglich aufpassen wird. Aber auch der Wähler soll aufmerken, daß jetzt, im letzten Sitz­ungsabschnitt vor den allgemeinen Neuwahlen, kein Volks­vertreter unwidersprochen mit Behauptungen sich breit machen kann, die den tatsächlichen Verhältnissen des prak­tischen Lebens widersprechen. Große Politik erfordert einen hohen Geist, aber über die Zustände im Wirtschafts­leben kann jeder mitsprechen, der die Arbeit seine Ehre nennt und der sie kennt! Er wird, auch ohne daß an die­

Schwerte, Sonnabend 10. Januar 1903.

ser Stelle noch lange Erklärungen gegeben zu werden brauchen, wissen, wo uns der Schuh drückt, daß der Reichs­tag noch viel tun kann, ohne am Ende über die Maßen viel zu reden.

Das Befinden des greisen Königs von Sachsen hat sich erfreulicherweise gebessert, erfreulicherweise ist auch über die Handlungsweise seiner Schwiegertochter, der Kronprinzessin, die wünschenswerte Einmütigkeit im Volke gesprochen. Sie hat sich selbst das Urteil gefällt, und wir meinen, der traurige Fall wird bald der Vergangenheit angehören, wofern nicht das Schicksal ein besonders herbes Wort der sühnenden Strafe spricht. Doch dem kann und darf kein Sterblicher vorgreifen. Jedenfalls hat der ernste Fall bewiesen, daß es in unseren Zeiten überall zu bessern giebt, in allen Ständen, in jedem Kreise, daß niemand ein Recht hat, sein Haupt hoch über andere zu erheben, daß nur wahrer Adel der Seele, nicht zufällige Aeußerlich­keit, die allgemeine Wertschätzung verpflichtet. Die Auf­lehnung gegen die Pflicht, die wir dem geringsten Manne zum Vorwurf machen, müssen wir erst recht als etwas schweres bei jedem annehmen, dem die Pflicht Gesetz sein muß. Vieles muß bei uns noch vertieft werden, auch in der Beziehung muß das Gebot eine allgemeine Beachtung erhalten, daß treue Erfüllung der Pflicht jedem eine Ehre ist. Die vorbildlichen Beispiele müssen ihren Inhalt durch Taten erhalten. Es war das bei uns selbstverständlich, und darum soll auch alles ferngehalten werden, was diese Selbstverständlichkeit durch leeren Phrasenkram ersetzen will. Mit Venezuela geht es noch im ruhigen Tempo voran; es ist keine himmelstürmende Affäre, und wir mö­gen auch mit diesem Gange zufrieden sein, wenn nur wirk­lich erreicht wird, was erreicht werden soll. Daß die Reichsregierung im Notfall ein anderes Marsch=Tempo anordnen kann, davon sind wir überzeugt.

Das Weihnachtsfest wird jetzt erst in Rußland und im Orient gefeiert, aufgrund des Kalenders der griechisch­katholischen Kirche, und auch dort herrscht nach der Reise des russischen Ministers des Auswärtigen, Grafen Lambs­dorff,„Friede auf Erden“. Allerdings bleibt dort zu Lande, wo das Geld des Nächsten noch sehr ins Gewicht fällt, die Liebe zum Nächsten aber nur gering ist, immer die Frage offen:„Auf wie lange?“ Es giebt mehr als eine Haupstadt auf der Balkanhalbinsel, wo man von Herzen gern die inneren Schwulitäten durch die Anbändel­ung eines äußeren Konflikts in den Hintergrund drängen möchte, aber der Zar leidet es nun einmal nicht, und dieser Wille ist heute mehr wert, als die bekannte Bewegung der Friedens=Konferenz im Haag durch Nikolaus II. Wegen der Durchfahrt einiger russsischer Kriegsschiffe durch die neutralen Dardanellen, natürlich mit Erlaubnis der tür­kischen Regierung, erhoben Londoner Zeitungen viel Spek­takel. Das ist aber auch alles, was sie können, und wo­mit die Sache auf sich beruhen bleiben wird, zu weiterem ist man in Alt=England nach dem Burenkriege weder be­fähigt, noch gewillt. Herr Chamberlain, König Eduards Kolonialminister, redet inzwischen drunten in Süd=Afrika große Dinge von der prächtigen Zukunft der Burenstaaten unter britischer Herrschaft. Dabei hat er auch das schöne Wort gebraucht:„Wer das Geld giebt, kommandiert auch. Wenn's in Europa darnach immer ginge! Vom Edelmut eines allgemeinen Amnestie=Erlasses ist Herr Chamberlain noch immer weit entfernt.

Die Politik läßt sonst im neuen Jahre noch ziemlich die sonstige Regsamkeit vermissen; das ist kein Wunder, denn überall liegen harte Nüsse zu knacken vor, und die Neigung, sich von neuem daran zu machen, ist nicht über­mäßig groß. Aber mal muß es doch sein. Der deutsche Bürger hat auch 1903 keinen Anlaß, sich in eine neue Haut zu wünschen.

Das Vorgehen gegen Venezuela.

Berlin, 9. Jan. Nach einem Telegramm aus Carracas wurden gestern die letzten Differenzen beseitigt. Die Regierung hat sich mit allen Forderungen der Mächte einverstanden erklärt. Der amerikanische Gesandte Bowen ist bereit, jeden Augenblick nach Washington abzureisen, sobald er von der venezolanischen Regierung darum ersucht wird, um dort die endgiltigen Arrangements für die An­rufung des Haager Tribunals zu vereinbaren.

Zum sächsisch=österreichischen Skandal.

Von der Kronprinzessin von Sachsen wird weiter ge­meldet, daß diese geneigt sei, gewisse Opfer zu bringen, um die Möglichkeit zu erhalten, hin und wieder ihre Kin­der zu sehen. Es verlautet, daß alljährlich etwa zweimal eine Begegnung der Kronprinzessin mit ihren Kindern er­laubt werden würde und daß diese Begegnungen in Tirol oder Vorarlberg stattfinden würden, wohin die Prinzessin

von Paris aus in zwölfstündiger Eisenbahnfahrt gelangen könnte. Die Apanage der Prinzessin soll bereits auf 50000 Mark jährlich festgesetzt sein.— Herr Giron hatte geglaubt, der Kronprinzessin von Lausanne aus häufigere Besuche abstatten zu können. Der schweizerische Anwalt der Frau Kronprinzessin drang indessen mit aller Ent­schiedenheit darauf, daß die Trennung des Paares eine vollständige sei, damit Prinzessin Luise ihre Entschlüsse ohne jeden Zwang fassen könne, den Giron auf sie ausübt. Die Prinzessin soll bedauert haben, daß ihr edler Freund König Albert nicht mehr lebe, dann wäre vieles anders gekommen.

Politische Uebersicht.

Deutschland.

— Der Kaiser, der tags vorher in Hannover eintraf, jagte Freitag vormittag im Saupark zu Springe. An der Jagd, die vom Wetter begünstigt wurde, nahmen auch Feldmarschall Graf Waldersee und Landwirtschafts­minister von Podbielski teil. Nachmittags speiste der narch beim Grafen Waldersee und abends besuchte er wie­der das Hofteater. Am heutigen Sonnabend wollte Se. Majestät den Hannoverschen Männergesangverein hören und die Parade über die Garnison abnehmen. Die Schu­len waren auf kaiserliche Anordnung geschlossen.— Der Kaiser schoß 69 grobe Sauen.

— Die Ankunft des Kronprinzen Wilhelm in Peters­burg wurde für den 19. Januar angemeldet. Er wird 5 Tage dort verweilen.

— Professor von Esmarch in Kiel erhielt zu seinem 80. Geburtstage am Freitag viele Ehrungen. Der Kaiser gratulierte und verlieh ihm den Kronenorden 1. Klasse. „Möge, so schließt das kaiserliche Telegramm,„durch Gottes Gnade Ihnen noch ein langer und glücklicher Le­bensahend beschieden sein, verschönt durch das Bewuß sein, daß die Erfolge Ihres arbeitsreichen Lebens der lei­denden Menschheit zum bleibenden Segen gereichen!" Die Stadt Kiel ernannte Herrn von Esmarch zu ihrem Ehren­bürger.

— Eine Kügler=Stiftung zur Unterstützung erkrank­ter Volksschullehrer gedenkt die preußische Lehrerschaft zur bleibenden Ehrung des verstorbenen Ministerialdirektors Kügler ins Leben zu rufen. Die Mittel sollen gewonnen werden durch den Vertrieb eines Kunstblattes, das ein lebenswahres Bild des Verewigten gibt.

— Eine neue Art Marinemannschaften soll geschaffen werden als Folge der Einführung der Schnellladekanonen und Maschinenwaffen. Die Bedeutung der leichten Ar­tillerie der heimischen Schlachtflotte läßt es besonders wünschenswert erscheinen, daß eine größere Stetigkeit in diesem Spezialdienst herbeigeführt werde. Zunächst sollen, 100„Geschützspezialisten“, wie sie genannt werden, zuge­lassen werden. Sie müssen sich verpflichten, sechs Jahre bei der Marine zu dienen, erhalten für jedes Kapitulanten­jahr eine Zulage von 200 Mark und 3 Monate Urlaub.

— Die Festungsbauten an der unteren Elbe, die Kux­haven und den westlichen Eingang zum Kaiser Wilhelm­Kanal zu stützen bestimmt sind, haben sich bei der weiteren Entwickelung der Marineartillerie als nicht ausreichend erwiesen. Die Marineverwaltung beabsichtigt daher, diese Hafenbefestigungen in größerem Umfange zu verbessern. Gleichzeitig mit diesen Arbeiten werden die Befestigungs­Verstarkungen von Kiel und Wilhelmshaven erfolgen. Ferner wird die Einrichtung einer großen Liegestelle für Kriegsschiffe am Ems=Jadekanal geplant, was mehrere Millionen Mark kosten wird.#

Frankreich.

= Der Helm soll in der gesamten französischen Ar­mee eingeführt werden. Der neue Infanteriehelm soll entweder aus Pappleder oder aus Filz— man wartet das Ergebnis der Versuche ab— hergestellt werden; er soll tunlichst leicht und zugleich widerstandsfähig sein. Was die Form betrifft, so hat man sich für eine entschieden, die der des englischen Konstablerhutes sehr ähnlich ist. Die Helmspitze hat man fortgelassen, sie hätte die neue Kopf­bedeckung der Pickelhaube der„Prussiens“ gar zu ähnlich gemacht! Man sagt, das bisherige rote Käppi sei ge­fälliger und kleidsamer.

England.

= In Ostafrika hat der neue Feldzug gegen die So­mali begonnen. Die Engländer begegnen aber bereits großen Schwierigkeiten. Die Eingeborenen fordern so hohe Preise, daß der Einkauf von Lebensmitteln an Ort und Stelle fast unmöglich wird. Ungeheure Summen wer­den von der Expedition verschlungen werden mit geringer Aussicht auf Erfolg.

Kleine Chronik.

+ Ratibor, 8. Jan. Ein erschütternder Vorfall

hat sich dem„Oberschles. Anz. zufolge in einer ange­