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38. Jahrgang.
(Ueckendorfer Zeitung.)
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eitung.
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Wöchentliche Beilage: Illustrirte Sonntags-Zeitung.
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N 220.
Socialdemokratischer
Darteitag.
Nachdr. verboten.(2) München, 20. Sept.
In der heutigen(Schluß=) Sitzung wird zunächst die Berathung der zum Punkte Organisation vorliegenden Anträge fortgesetzt. Eine längere und zum Theil ziemlich lebhafte Debatte knüpft sich an einen Antrag der Frau Zietz=Hamburg, wonach die Frauen das Recht haben sollen,„zur Betreibung einer einheitlichen und planmäßigen Agitation unter den proletarischen Frauen" eigene Vertrauenspersonen zu wählen. Der Antrag wird schließlich mit schwacher Mehrheit angenommen. Es folgen die Anträge zum Punkt„Presse". Hierzu liegen nicht weniger als 19 Anträge vor, doch finden nur zehn die genügende Unterstützung. Die Anträge beziehen sich u. A. auf die Herstellung eines Reichstagsberichts für die Provinzblätter von Parteiwegen, Umwandlung der„Neuen Welt“ in eine Monatsschrift, bessere künstlerische Ausstattung der Mai festzeitung, schärfere Controle des Annoncentheiles der „Neuen Welt" nach der Richtung hin, daß schwindelhafte Annoncen nicht ausgenommen werden, Bewilligung von Subventionen an die neue polnische Zeitung„Gazeta Ludowska" und die„Mühlhauser Volksztg.“. Eine längere Debatte knüpft sich an den Antrag betr. die„Neuc Zeit". Kautsky macht detaillirte Mittheilungen über den Redactionsetat der„Neuen Zeit". Danach beziehen Kautsky und Wurm als Redacteure 5000 bzw. 2400 Mark. Mehring als ständiger Mitarbeiter 3000 Mark. Redner warnt vor Umwandlung der„Neuen Welt“ in eine Monatsschrift. Darunter würde die Zeitschrift verkümmern, ohne daß das leidige Deficit dadurch aus der Welt geschafft oder auch nur wesentlich herabgemindert werden könnte. v. Elm bemerkt, der Antrag und die gelegentlich der Bernsteindebatte gestellte Anfrage bedeute keineswegs ein Mißtrauensvotum gegen Kautsky und die Antragsteller beabsichtigen auch keineswegs, das Gehalt der Redacteure zu kürzen; aber das glaube er, Redner, doch sagen zu dürfen, daß Kautsky zwar wissenschaftlich hoch befähigt, aber in Redactionsgeschäften nicht so perfect sei wie beispielsweise die Redaction der„Soc. Monatshefte“. An einem weiteren Eingehen
zuf das redactionelle und finanzielle Verhältniß der„Neuen eit" zu den„Soc. Monatsheften“ wird Redner durch den orsitzenden Singer verhindert, der ihn ersucht, nicht auf abgethane Dinge noch einmal zurückzukommen. DavidMainz: Der Herr Vorsitzende hat den Genossen Elm verhindert, auf Ausführungen des Genossen Kautsky zu antworten. Sollte beabsichtigt sein, ein Eingehen auf die Ausführungen Kautsky's zu verhindern, so könnte ich das nicht als eine unparteiische Geschäftsführung betrachten (Unruhe.) Vorsitzender Singer: Ich finde es sehr eigenthümlich, daß Genosse David über Dinge, die noch gar nicht passirt sind, die er nur für möglich hält, jetzt bereits ein Urtheil fällt.(Beifall und Heiterkeit.) Ich habe den Genossen Elm in keiner Weise in seinen Ausführungen beschränkt; ich habe nur verhindern wollen, daß er in breitester Weise auf abgethane Dinge eingeht, die die Zeit des Parteitages für die Berathung der anderen Anträge wegnehmen. Ich habe als Vorsitzender dafür zu sorgen, daß nicht nur eine Frage, die einige Parteigenossen besonders interessirt(Beifall), sondern alle Anträge zur Verhandlung kommen. Leutert=Apolda spricht sich gegen den Antrag aus. David=Mainz: Ich bin auch gegen
den Antrag und zwar vom Gesichtspunkte des praktischen Bedürfnisses aus. Wir brauchen eine wissenschaftliche Monatszettung und eine wissenschaftliche Wochenschrift. habe mich nur zum Wort gemeldet, um mich gegen die Auffassung zu wenden, als hätten wir kein Recht gehabt, Auskunft über den Redactionsetat der„Neuen Zeit" zu stellen. Die„Leipz. Volksztg.“ hat in einem Artikel— Vors. Singer(unterbrechend): Ich kann nicht dulden, daß der Genosse David auf diesen Zeitungsartikel eingeht. Will er das thun, so möge er das in Form eines besonderen
Dinstag, den 23. September
Antrages thun. Da ich indessen keine Lust habe, mich mit einem mir sonst lieben Parteigenossen herumzustreiten, so will ich einen Beschluß des Parteitages herbeiführen, ob er meine Auffassung theilt. Der Parteitag spricht sich im Sinne Singers aus. David(fortfahrend): Ich weiß
nicht, was die Unterbrechung bezweckte und was der Parteitag eigentlich beschlossen hat.(Große Heiterkeit.) Vors. Singer: Sie haben die„Leipz. Volksztg.“ zur Hand genommen und Sie wollen eben auf eine Sache eingehen, die bereits erledigt ist. Das will der Parteitag nicht. (Beifall.) David(fortfahrend): Ich habe lediglich die Absicht, gegen den unqualificirten Vorwurf zu protestiren, als hätten wir auf unsere Anfrage nach dem Redactionsetat der„Neuen Zeit“ irgend Jemanden„verdächtigen“ wollen. Das ist einePerfidie(Unruhe) und die wollte ich zurückweisen. Voigt=Hamburg hält es für nothwendig, die „Neue Zeit" zu einem praktischen Agitationsorgan auszubilden, wie die„Soc. Monatshefte“ es seien, und das sei nur durch eine Umwandlung in eine Monatsschrift möglich. Vors. Singer bittet, von einer vergleichenden Betrachtung der beiden Zeitschriften abzusehen; das stehe nicht zur Debatte. Voiat: Wenn ich meine Ansicht, daß die„Neue Zeit“ in höherem Grade ein praktisches Agitationsorgan werde, näher begründen soll, so muß ich doch das Recht haben, auf andere Agitationsschriften Bezug zu nehmen. Wenn das schon ein Zurückgreifen auf die Bernsteindebatte sein sollte, so ist das eine so feine Distinction, daß schließlich ein gewöhnlicher Arbeiterdelegirter es kaum wagen kann, das Wort zu ergreifen. Grunwald=Erfurt: Die und Art und Weise, wie nach Detectivart diese Debatte provocirt worden ist, ist im höchsten Grade bedauerlich. (Vors. Singer bezeichnet diesen Vorwurf als durchaus unpassend.) Jedenfalls ist es im höchsten Grade unpassend, wenn hier hochverdiente Parteigenossen bezüglich ihrer Magenfrage auf den Präsentierteller gelegt werden. (Heiterkeit.) Wurm: Wenn verschiedentlich die Redactionsführung der„Neuen Zeit" bemängelt und dabei auch auf die der„Soc. Monatshefte" Bezug genommen worden ist, so bemerke ich: eine redactionelle„Mühlendammerei“, eine Anreißerei zu treiben, ist nicht nach Jedermanns Geschmack, jedenfalls ist die Redaction der„Neuen Zeit" keine Animir=Redaction(Heiterkeit) und wird es nie sein. Bebel bemerkt, es falle ihm nicht ein, das Deficit der „Neuen Zeit" auf die Concurrenz der„Soc. Monatshefte" zurückführen zu wollen, wohl aber müsse er sagen, daß die ständige Mitarbeiterschaft hervorragender Parteigenossen an den„Soc. Monatsheften“ den Anschein erwecken müsse, als sollte die„Neue Zeit" boykottirt werden. Hierauf wird ein Schlußantrag angenommen. Der Antrag auf Umwandlung der„Neuen Zeit“ in eine Monatsschrift wird abgelehnt. Die übrigen Anträge werden dem Parteivorstande zur Erwägung überwiesen. Hierauf tritt die Mittagspause ein.
Nach derselben theilt Singer das Ergebniß der durch Stimmzettel vorgenommenen Wahl des Parteivorstandes mit. Danach ist der bisherige Vorstand(Bebel, Singer, Gerisch, Pfannkuch. Auer) mit großer Mehrheit wiedergewählt. Rosa Luxemburg hat eine Stimme als Vorsitzende erhalten.(Heiterkeit.) Ein Antrag auf Bewilligung der für die Herausgabe des„Mühlhauser Volksblatts“ erforderlichen Caution wird abgelehnt. Es folgen die Anträge zum Punkt„Agitation". Nicht weniger als neun Anträge beziehen sich auf die Bekämpfung des Centrums und fordern die Herausgabe von besonderen Flugschriften, Handbüchern usw. gegen das Centrum. Singer schlägt vor, diese Anträge als durch das Referat Rebels und die daran geknüpfte Discussion erledigt zu erklären. Der Parteitag beschließt demgemäß. Anträge auf Herausgabe eines Handbuches für Reichstagswähler werden dem Parteivorstande und der Fraction zur Berücksichtigung überwiesen. Es folgen die Anträge zur Alkoholfrage. Fünf dieser Anträge verlangen im Wesentlichen, daß die Parteivresse der Alkoholfrage mehr Aufmerksamkeit zuwenden möge. Demgegenüber beantragt Fischer Berlin:„In Erwägung, daß die deutsche Socialdemokratie
es von jeher als ihre Aufgabe betrachtet hat, die Arbeiter
klasse nicht bloß körperlich, sondern auch geistig und sittlich zu heben und sie so zur Führung ihres Befreiungskampfes immer mehr zu befähigen, erklärt der Parteitag die Anträge betr. die Alkoholfrage für erledigt.“ WolfBochum: München ist vielleicht der allerungeeignetste Boden, um Bresche zu legen in die Anschauungen, die bisher auf den Parteitagen über die Alkoholfrage geherrscht haben, aber ich möchte doch sagen: mit schlechten Witzen an die Sache heranzugehen, entspreche nicht der Würde des Parteitags.(Unruhe.) Wir wissen Alle, wenn wir ehrlich sein wollen, welchen Schaden unsere Bewegung durch den Alkoholismus erleidet.(Beifall und Widerspruch.) Die Anträge wollen ja keineswegs die Abstinenz, sie fordern nur Aufklärung über die Wirkungen des Alkohols, im Uebrigen bleibt es jedem Einzelnen überlassen, ob er glaubt, sich durch Alkoholgenuß stärken zu sollen oder nicht. Es ist Thatsache, daß einzelne unserer Parteigenossen, die dem Alkoholismus schon ergeben waren, sich durch die ablehnende Haltung, welche bisher der Parteitag zur Alkoholfrage eingenommen hat, sich gestützt und gestärkt gefühlt haben in ihrem Laster. (Unruhe und Widerspruch.) Die Ausländer haben so viel in Bezug von Organisation und Agitation von uns gelernt, ich glaube, in diesem Punkte könnten wir vom Auslande lernen; ich darf nur darauf hinweisen, daß der österreichische Parteitag sich schon mit dieser Frage beschäftigt hat. Blos=Stuttgart: Ich glaube nicht, daß es dem Herrn Vorredner gelungen ist, Bresche in die bisher herrschenden Anschauungen zu legen; dazu waren seine Ausführungen nicht angethan.(Beifall.) Die Anträge sehen an sich sehr harmlos aus; was sie aber im letzten Grunde bezwecken, das sehen wir aus dem Correspondenten der Abstinenten. Es hat auch noch einen merkwürdigen Eindruck gemacht, daß diese Sache plötzlich mit einem solchen Eifer betrieben wird: es ist noch garnicht erwiesen, daß der Alkoholismus bei uns zugenommen hat. Ich denke, wir wollen es mit der Alkoholfrage ebenso halten, wie mit der Religion— also den Alkoholgenuß für Privatsache zu erklären.(Heiterkeit.) Gewiß richtet der unmäßige Alkoholgenuß Schaden an. aber Niemand kann sagen, wo die Unmäßigkeit anfängt. Man spricht von Trinksitten und Trinkzwang. Etwas derartiges besteht meines Wissens nur unter dem deutschen Studententhum; daß unter dem klassenbewußten Proletariat ein Biercomment bestehe, ist mir nicht bekannt. Was würde die Folge der Annahme der Anträge sein? Die Parteiredacteure würden gezwungen werden, ab und zu Leitartikel gegen den Alkohol zu schreiben, auch wenn sie für ihre Person garnicht davon überzeugt wären. Und wenn beispielsweise am Rhein der neue Wein billig ist und auch der Aermste sich mal einen vergnügten Tag machen kann, dann wird allein der arme Parteisklave, der Redacteur, nach Hause gehen müssen, um eine Fastenpredigt gegen den Alkohol zu schreiben.(Heiterkeit.) Pfannkuch bittet gleichfallz um Ablehnung der Anträge. Die Socialdemokratie habe überhaupt schon mit Erfolg auf eine Eindämmung des Alkoholismus eingewirkt; aber eine Abstinenzbewegung sich aufhalsen zu lassen, dazu habe die Socialdemokratie weder Beruf noch Neigung.(Beifall.) Hierauf wurde ein Schlußantrag angenommen. Die Resolution Fischer gelangt mit großer Mehrheit zur Annahme. Es folgen Resolutionen. Eine Resolution Hoffmann=Hamburg wendet sich gegen die„Vereinsmeierei" unter der die Partei=Organisationen zu leiden hätten. Zur Begründung weist Redner darauf hin, daß in Hamburg sich ein„Club der Arbeitsscheuen“ gebildet habe, mit dem Zweck, den zu suchen, der die Arbeit erfunden habe.(Große Heiterkeit.) Von anderer Seite wurde erwidert, daß durch den Antrag auch die socialdemokratischen Gesang=, Turnerund andere Vereine getroffen werden würden. Die Re solution wird abgelehnt. Eine Resolution zur Fleischnoth (Volksversammlungen und Interpellationen) wird debattelos angenommen, ebenso eine Resolution Luxemburg, welche auf das Schärfste die Dienste verurtheilt, welche dem russischen Zarismus in neuerer Zeit von deutscher Seite geleistet worden seien.“ Eine Resolution Schmidt
Frankfurt, welche die Genossen verpflichten will, für die baldige Einführung des Proportionlwahlsystems für alle Wahlen im Reich, Staat und Gemeinde zu wirken und welche es als unter allen Umständen unzulässig erklärt, sich der allgemeinen Einführung dieses Systems zu widersetzen, wird abgelehnt, nachdem Pfannkuch ausgeführt, die Socialdemokratie habe keinen Anlaß, so lange das System noch nicht allgemein eingeführt sei, in ihre geschlossene Phalanx bei den Gewerbegerichten„zu Gunsten des Centrums Bresche legen zu lassen. Schließlich wird noch ein Antrag angenommen, den Beschluß des Erfurter Parteitags(Ausschluß), soweit er sich auf Wildberger (Vertreter der sog.„Jungen") bezieht, aufzuheben. Der nächste Parteitag wird in Dresden stattfinden. Nach einem Schlußwort des Vors. Singer und mit einem Hoch auf die deutsche Socialdemokratie wird der Parteitag um 6 Uhr geschlossen. Unter dem Gesang der Arbeitermarseillaise geht die Versammlung auseinander.
9
8 Die Bettlerin.
Original=Novelle von J. Fichtner.
Während die größeren Schwestern im Verein mit den Töchtern des Lehrers und anderen passenden Altersgenossinnen im Wohnzimmer sangen und musizirten, die jungen Förster der Umgegend, der Herr Inspector und die Wirthschaftseleven sich einfanden und der gute Papa sich dann gern bewegen ließ, den jungen Leuten einen alten Mazurka aufzuspielen, so daß es nicht selten zu einem lustigen Tänzchen kam, versenkte sich Edith in die sagenreiche Geschichte der Griechen und ihre Phantasie schwelgte in der Mythologie und in den Heroen des Alterthums.
un wiesder durzt selbst eines von den Ihrigen ahnen und wissen, was sie bewegte und interessirte. Mit
die Bücher vor Allen ver
Papa einmal dazu kam und ihr
###en, welchem sie so emsig las, wegnahm, um nach dem Titel zu sehen und er sie dann ganz erstaunt fragte:„Edith, das liest Duk; wurde sie glichend roth, die Thränen standen ihr in den Augen und sie nickte bloß.
„Nun, wenn es Dir Vergnügen macht, so lies Du immerfort, das kann Dir nichts schaden, was Dir der Herr Pfarrer giebt, kannst Du richig lesen,“ und er streichelte sie auf die Wangen und ging wieder zu den Andern. Von nun an war Edith noch eifriger bemüht, Niemand von ihren Studien etwas merken zu lassen, und Barbara, die treue Pflegerin ihrer Kind heit, unterstützte sie, weil sie nichts Unrechtes darin merkte. Auch hatte der Herr Pfarrer noch ein besonderes Talent in ihr entdeckt, und das war die schöne, kräftige Altstimme, welche ihm beim Schulgesange aufgefallen war, und da er selbst musikalisch, so fand er auch das Ungewöhnliche dieser Begabung heraus und drang darauf, diese mächtige sympathische Stimme bei allen Kirchengesängen zu verwerthen. So gern nun Edith in der Kirche sang, so brachte sie Niemand dazu, im häuslichen Kreise sich einmal richtig hören zu lassen, sie dachte sich da überall übrig, zog sich stets zurück und ging ihre eigenen, stillen, träumerischen Wege; daß diese nicht immer so glatt und eben ausfielen, wie sie sollten, das merkte sie nicht und machte ihr vorläufig auch wenig Kummer. Barbara war ihre Vorsehung und brachte Alles wieder ins Gleichgewicht!
Frisch gewaschen und glattgekämmt, in Schuhen und Strümpfen saß Edith in der Laube vor der Thüre und strickte fleißig an einem dicken, blauen Strumpf, welcher schon zwei Jahre lang allabendlich von Barbara bearbeitet wurde, ohne jedoch eine Vollendung zu finden. Gerade die milde Beurtheilung oder vielmehr Nichtbeachtung ihrer heutigen Streiche seitens des Vaters hatten Edith zu sehr vernünftiger Einsicht gebracht. Trotzdem die Radieschen des Gärtners ihr wieder einfielen, hatte sie sich ganz aus eigenem Antriebe mit Barbaras Strumpf beschäftigt.
„Ich werde Dir den Strumpf fertig stricken, daß Du Dich wenigstens nicht immer in die Nase stichst, wenn Du einschläfst,“ sagte sie huldvoll zu dieser und nun strickte sie, daß Barbara die Nadeln in der Küche klappern hörte und diese ganz entzückt nachsann, was sie wohl dem fleißigen Kinde Gutes dafür zustecken könne.
Da kam der gute, alte Herr Pfarrer. Das frische gütige Gesicht schien das schneeweiße Haar, welches unter dem Hut in dicken Locken hervorquoll, Lügen zu strafen, so wohl und munter sah er aus. Er trat in die Laube und klopfte Edith, welche ihm die Hand küssen wollte, auf den Scheitel.
„Laß gut sein. Kind, ist Dir wieder wohl geworden?“ sagte er freundlich, während der kleine weiße Seidenspitz, welcher ihn begleitete, Edith als alte Bekannte begrüßte.
„Gott zum Gruß, Hochwürden, welche Ehre“, kam Barbara geknixt,„ja das Kind— nicht wahr, Hochwürden. Eddi sieht wirklich recht frisch aus“, setzte sie eifrig hinzu, da sie nicht wußte, daß sie sich verbört hatte.
„Das könnt' ich nicht sagen, Barbara“— antwortete er, fügte aber gleich, als er das verdutzte Gesicht sah, hinzu,„es wird schon werden, jetzt zum Frühjahr; nicht wahr, Barbara, wir wollen ja auch noch einen Sommer oder zwei mitmachen?“
„Das will ich meinen, Hochwürden, Sie wohl— aber ich— na, wie Gott will! Meine alten Glieder werden nicht mehr lange zusammenhalten“— erwiderte sie befriedigt.
„Kommen Sie nur, Herr Pfarrer,— der Herr ist in der Kanzlei,“ und sie öffnete diensteifrig die Thür und ging dann gleich, den Kaffeetopf zum Feuer zu stellen,
Während Marie nochmals in der Paradestube die
alten eichenen Möbel abstaubte, Klara Papa's„50jährige Geburtstagstasse" blank putzte und Anna einen guten Kaffee braute, wurde Edith zur alten Botenhanne geschickt, um zu fragen, ob sie was aus der Stadt zum Kaffee da habe. Die Nachfrage fiel günstig aus, denn Edith brachte einen Teller voll Zwieback und Bretzeln, und Barbara suchte sofort die am meisten bezuckerten aus und steckte sie Edith zu, zur Belohnung für die schnelle Besorgung. Inzwischen hatten sich die Herren eine Cigarre angesteckt, und die blauen Wölkchen gaben dem gewölbten, durch die vergitterten Fenster düster erscheinenden Raum ein gemüthlicheres Aussehen.
Sie hatten sich auf dem ledernen Sopha niedergelassen und nach einigen alltäglichen Fragen kam der Herr Pfarrer zum Zweck seines Besuches.
„Weißt Du, Willert, weshalb ich extra ein paar Worte mit Dir reden will?“ fragte er ohne Umschweife.
„Nun— das muß schon ganz'was Wichtiges sein, denn lange genug bist Du nicht dagewesen", erwiderte Willert, welcher seit vielen Jahren mit dem alten Herrn auf freundschaftlichstem Fuße stand.
„Ich glaube, ich war am Sonntag erst hier, wenn Du nichts dagegen hast; aber heute will ich einmal mit Dir wegen Deiner Edith sprechen— es ist die höchste Zeit, daß für das Mädchen etwas gethan wird.“
„Ja— Du meinst, sie ist zu sehr verwildert— ich habe das heute schon selbst leider sehen und hören müssen.“
„Ach, das ist nicht der Fall! Das Mädchen hat eine lebhafte Phantasie und folgt in ihrer kindlichen Unbefangenheit stets dem Impulse des Augenblicks. Aber, was die Hauptsache ist— sie hat die besten Anlagen und einen lernbegierigen, bildungsfähigen Geist, wie ich ihn selten bei einem Knaben, viel weniger bei einem Mädchen gefunden habe. Es ist Deine Pflicht, denselben die nöthige Ausbildung geben zu lassen, die seine Talente erheischen und die es einst befähigen, sich dieselben nutzbar zu machen."
Seufzend rückte der Rentmeister auf die Ansprache des Pfarrers sein Sammetkäppchen hin und her und sagte dann:
„Ja, wenn Edith doch wenigstens ein Junge wäre, da könnte man auch seine Freude daran haben; meine selige Frau hat mit ihrer Sehnsucht nach einem Knaben doch nicht so ganz Unrecht gehabt. Was soll ich mit den vielen Mädchen anfangen?“
Deutsches Reich.
= Zur Kölner Erzbischofswahl schreibt neuerdings die„Germania":
„Rheinische Blätter stellen fest, daß die Candidatenliste bis Freitag Vormittag noch nicht in die Hände des Metropolitancapitels zurückgelangt sei. Es mag sein, daß die Candidatenliste gegenwärtig noch auf einer Zwischenstation liegen geblieben ist, an der Thatsache, daß das Domcapitel demnächst in der Lage sein wird, zur canonischen Wahl zu schreiten. ist jedoch nicht im Geringsten zu zweifeln. Wie ein Privattelegramm aus Köln meldet, kämen bei der Wahl namentlich Bischof Dr. Schneider von Padervorn, Professor Dr. Esser=Bonn und Domcapitular Hespers in Betracht. Wir sind in der Lage, diese Nachricht auf Grund guter Informationen als irrig zu bezeichnen. Man sollte doch mit Namensnennungen in dieser überaus discreten Angelegenheit äußerste Zurückhaltung ausüben
Der„Köln. Volksztg.“ wird aus Coblenz„aus sicherster Quelle mitgetheilt, daß die Kölner Bischofsliste das Cabinett des Kaisers noch nicht verlassen hat. Es wird bald Zeit, daß die Kölner Erzbischofsfrage zur Ruhe kommt!
= Der Berliner Stadtrath Kauffmann schrieb am 20. September an den Stadtverordnetenvorsteher Langerhans, er verzichte auf seine Rechte aus der Wahl zum zweiten Bürgermeister und dankte gleichzeitig herzlich für das wiederholt bewiesene Vertrauen. Damit ist die Berliner Bürgermeisteraffaire beendet. Bei der nächsten Wahl werden die Berliner sich wohl nicht so leicht in Widerspruch mit der Krone setzen.
Husland.
= Zum Ableben der belgischen Königin. Die Prinzessin
Stephanie und ihre Tochter, Prinzessin Windischgrätz mit Gemahl sind am Sonntag in Spaa eingetroffen. Die Ueberführung der Leiche der Königin nach Laeken findet am Montag statt. Ob später noch eine officielle Beisetzung mit großem Gepränge sein wird, scheint zur Stunde noch nicht festzustehen. Die Einsargung erfolgte heute nach dem Eintreffen der Prinzessin Stephanie, aber vor dem Eintreffen des Königs. Der König wird somit die Leiche nicht mehr sehen. Brüsseler Blättern wird gemeldet, die Gräfin reiste am Sonntag Nachmittag 5½ Uhr plötzlich von Spaa nach Brüssel ab, weil ihr Vater, der König, sich weigerte, das Trauergemach, wo die Gräfin an der Leiche ihrer Mutter betete, zu betreten, ehe die Gräfin, mit deren zweiter Heirath er nicht einverstanden ist, dasselbe verlassen hatte. Bei ihrer Ankunft in Brüssel wurde die Gräfin am Bahnhof von einer großen Menschenmenge, die sie mit entblößtem Haupte erwartete, begrüßt. Die
„In Edith Allen eine kräftige geistige Stütze heranbilden. Ist sie auch nur ein Mädchen, so bist Du darum nicht weniger verpflichtet, ihr dieselben Rechte angedeihen zu lassen, wie einem Knaben! Wir gehen immer mehr in eine Zeit, wo auch dem weiblichen Genie, falls dasselbe eine wirkliche systematische Ausbildung genossen, volle Anerkennung gezollt wird. Es wird solchen Frauen sehr leicht, sich eine Lebensstellung zu schaffen, welche sie bei Mittellosigkeit vor Mangel schützt und sie auch innerlich befriedigt.“
„Wie kann ich das durchsetzen? Das ist mit vielen Geldopfern verknüpft, welche ich meiner anderen Kinder wegen dem einen nicht bringen kann", antwortete Ediths Vater.
„Siehst Du, wie kleinlich Du bist! Einem Knaben zu Liebe würdest Du keine Rücksicht auf die Mädchen nehmen, vielmehr die größten Opfer an ein vielleicht zweifelhaftes Talent ohne Frage daran wenden, schließlich ohne Garantie auf irgend welchen Erfolg! Hier aber, wo ich Dir für guten Erfolg bürge, willst Du Dich durch leere Ausreden Deinen väterlichen Pflichten entziehen; das darfst Du nicht, Willert, was Einem recht ist, ist dem Anderen billig!“ redete eifrig der Pfarrer.
Willert war aufgestanden und schritt unruhig in Zimmer auf und ab.
„Du hast ja recht, das sehe ich schon ein; aber—“ „Vor allem Anderen muß das Mädchen kräftiger werden: in die Schule darfst Du sie nicht mehr schicken, was soll sie da noch lernen? Sie sitzt sich bloß zur Last dort und es schadet ihrer Entwickelung. Am besten wäre es. Du schickst sie auf ein halbes Jahr in andere Luft, womöglich in eine Haushaltung, wo sie recht Bewegung hat. Wenn sie dann kräftiger zurückkommt, werde ich sie, soweit mir möglich, in den Sprachen, in der Litteratur und dergleichen unterrichten und dann mußt Du sie in ein gutes Lehrinstitut geben. Das ist meines Erachtens der richtige Weg.“
Der Rentmeister war ganz aus dem Gleichgewicht gebracht; das war eine Unterredung, die er am allerwenigsten erwartet. Zu umgehen war diese Klippe nicht, das merkte er, der Pfarrer ging ihm nicht vom Leibe. Da war es am besten, recht schnell darüber hinwegzukommen, damit Alles wieder in das gewohnte Geleise kam.
(Fortsetzung folgt.)