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Insertionsgebühr für die sechsspaltige Zeile oder deren Raum 10 Pfg., außerhalb des Leserkreises 15 Pfg.; Reklamen 30 Pfg. Redaktion, Druck und Verlag von Carl Braus in Schwerte.

Nr. 76.

Dienstag, 30. Juni 1891.

Rd. Jahrgeng.

Amtliche Bekanntmachungen.

Bekanntmachung.

Die Vakanzenliste in betreff der mit Zivilversor­gungsberechtigten zu besetzenden Zivil=Dienststellen liegt auf dem Büreau des königlichen Landratsamts des Landkreises Dortmund zu Dortmund zur Einsichtnahme für die Beteiligten offen.

Der Londrat: Geh. Regierungsrat von Rhnsch.

Bekanntmachung.

Der Rentmeister Herr Thiemann zu Lippholt­hausen ist zum Gemeindevorsteher von Lippholthausen für die Amtsperiode vom 1. April 1891 bis ebendahin 1897 gewählt, bestätigt und heute in sein Amt einge­führt worden, was ich hierdurch zur öffentlichen Kenninis bringe.

Lünen, den 24. Juni 1891.

Der Amtmann: Graf von Looz.

Wo soll es noch hinaus?

Ueber die schweren Drangsale, welche die evang.=luth. Geistlichen in Rußland unter Kaiser Alexander III. ausgesetzt sind, wird geschrie­ben, wie die Rhein.=Westfäl. Zeitung berichtet: Die kurländischen Pastoren Treu und Krause, die in zwei Instanzen freigesprochen waren, wurden vom Senat, der höchsten gerichtlichen Instanz Rußlands, zu achtmonatlichem Ge­fängnis verurteilt. Sie wandten sich, so be­richtet die K. Ztg., im Gnadenwege an den

Zaren und dieser hat das Urteil des Senats noch dahin verschärft, daß beide Pastoren für unfähig erklärt wurden, in den Ostseeprovin­zen fernerhin ein geistliches Amt zu bekleiden. Die Schuld der beiden jetzt im Gefängnis schmachtenden und für die Zukunft dem Elende preisgegebenen Männer aber war, daß sie ihre Pfarrkinder ermahnt haben, sich treu und fest zur evangelischen Landeskirche zu halten. Wegen des gleichen Vergehens ist ein dritter evangelischer Prediger Kurlands, Pastor Ei­senschmidt, Vater von acht Kindern, zum Verlust seiner Standesrechte und zur Verban­nung nach Sibirien verurteilt worden. Nach Tomsk, an einem Nebenfluß des Ob, in be­rüchtigt rauher und unwirtlicher Gegend, soll der Unglückliche transportiert werden. Eben jetzt werden die Züge der Verbrecher in Be­wegung gesetzt.— Ein vierter, Pastor Hör­schelmann aus Haggars in Esthland ist zu 1

Sinnsprüche, Denksprüche, Sprichwörter 2c.

„Der ist nicht flugs ein Edelmann,

Der geboren ist aus großem Stamm.—

Oder der Gold und Reichtum hat Und thut doch keine große That.—

Die Tugend und die Höflichkeit Adelt den Menschen alle Zeit!—“

Jahr und 2 Monaten Gefängnis verurteilt worden.— Weiter ist über die unerhörten, zum Himmel schreienden Drangsalierungen der unglücklichen evangelischen Glaubensgenossen in den russischen Ostseeprovinzen folgendes zu berichten: Vor einigen Wochen wurde ein Freudenerlaß des Zaren über den Uebertritt der Großfürstin Elisabeth veröffentlicht. Wenn­gleich er in einer die Gefühle der lutherischen Unterthanen äußerst verletzenden Weise abge­faßt war, so konnte man ja niemand wehren, über diese traurige Konversion sich zu freuen. Vor einiger Zeit verlautete, daß die lutheri­schen Pastoren würden gezwungen werden, diesen Freudenerguß vor ihren Gemeinden zu verlesen. Trotz aller Erfahrungen von brutaler Gewalt, wollte es doch niemand recht glauben. Da kam zuerst der Befehl an sämtliche luthe­rische Beamte oder irgendwie offizielle Per­sönlichkeiten, der Freudenfeier in der griechischen Kirche beizuwohnen. Als sie es unterließen, wurden sie in russischen Zeitschriften verdäch­tigt Jetzt ist der Befehl wirklich an die Konsistorien angelangt, die Veröffentlichung des Erlasses in den Kirchen den Pastoren vorzuschreiben. Man ist vielfach entschlossen, den Befehl nicht auszuführen. Unterbleibt es, so ist die Auflösung der Konsistorien das Wahrscheinliche. Kommt aber der Befehl an die Pastoren, so werden die meisten ihn nicht erfüllen.— Es mag der Prinzeß Elisabeth doch noch heiß auf das Gewissen fallen, wenn sie jetzt sieht, in welcher Weise ihr Uebertritt von den Russen gegen die evangelische Kirche ausgebeutet wird und welche furchtbaren Be­drängnisse und Qualen infolgedessen wohl über die Evangelischen hereinbrechen werden. Wie muß da der Dame zu Mute werden, die sich sagen muß: das hast du durch deinen Uebertritt hervorgerufen.

Wir hatten kürzlich Gelegenheit, auf der Generalversammlung des christlichen Vereins zur Hebung der öffentlichen Sittlichkeit in Dortmund am 10. Juni den Generalsekretär des Vereins Pastor Keller zu hören. Der­selbe war bis vor kurzem evangelischer Pastor in der Krim, eine Halbinsel in Südrußland. Lediglich die brutale Gewalt des russischen

Regiments, von der er eine Verbannung nach Sibirien befürchten mußte, hat ihn von dort vertrieben. Haarsträubende Dinge wußte er zu erzählen zum Entsetzen der zahlreichen Ver­sammlung. So kommt eine Mutter zu einem evangelischen Geistlichen mit der flehentlichen Bitte, ihr Kind evangelisch taufen zu wollen, da sie auf keinen Fall dasselbe der griechisch­katholischen oder russisch=orthodoxen Kirche übergeben wolle. Der Pastor sagt ihr, das dürfe er nicht, andernfalls würde er sofort nach Sibirien transportiert. Da schneidet die unglückliche Mutter ihrem Kinde den Hals durch, wirft es dem Pastor vor die Füße und sagt: So, wenn Sie es denn nicht evangelisch taufen wollen, so begraben Sie es. Kein Pastor darf dort seinen Konfirmanden das Versprechen abnehmen, der evangelischen Kirche treu zu bleiben und nicht zur orthodoxen Kirche überzutreten. Wenn das bekannt wird, droht ihm Sibirien.

Wo soll es noch hinaus? Wir hoffen auf unsern Kaiser, der für seine bedrängten Glaubensgenossen beim großmächtigen Zaren in Rußland ein ernstes Wort einlegen wird. Die Hohenzollern haben sich je und je als Schirmherren der Protestanten erwiesen. Wir wollen hier nur hinweisen auf den großen Kurfürsten Friedrich Wilhelm, für den unser Kaiser eine ganz besondere Hochachtung und Verehrung hat.

Wiederholt verwandte sich der große Kur­fürst beim Kaiser Leopold I. für die schlesi­schen Protestanten. Ebenso nahm er sich der bedrückten Glaubensgenossen in Posen an. Nicht minder herzliche Teilnahme widmete er den grausam mißhandelten Evangelischen in Ungarn und beklagte sich beim Kaiser darüber, daß die Türken noch ein größeres Maß von Religionsfreiheit gewährten, als der katholische Kaiser es seinen evangelischen Unterthanen angedeihen lasse. Die hochherzigste That seiner Regierung war die Aufnahme der aus Frank­reich durch die Aufhebung des Ediktes von Nantes vertriebenen Hugenotten(22. Oktober 1685). Schon am 29. Oktober desselben Jahres erließ er ein Edikt von Potsdam, demzufolge gegen 20000 vertriebene Prote­

stanten gastliche Aufnahme in seinem Reiche fanden, für die in der liebevollsten Weise ge­sorgt wurde. Eher, sagte der große Kurfürst, soll man mein Tafelgerät verkaufen, als daß man sie ohne Hilfe ließe. Noch auf seinem Sterbelager empfahl er seinem Sohne und Nachfolger die französischen Flücht­linge, die er wie seine angenommenen Kinder ansehe.

So sind wir gewiß, daß auch unser Kaiser, wenn er in diesem Sommer mit dem Zaren zusammentrifft, ein Wort reden wird zu gunsten der drangsalierten Evangelischen in Rußland.

Die zweijährige Dienstzeit in Frankreich.

Entgegen der bisher von den meisten mili­tärischen Zeitschriften Frankreichs vertretenen Ansicht, daß Frankrich nicht daran zu denken brauche, die dreijährige Dienstzeit herabzusetzen, weil die vorhandenen Stämme die Heranziehung sämtlicher Dienstpflichtigen gestatteten, behauptet neuestens die Zeitschrift„La France mili­taire" das Gegenteil Der zwingende Grund würde in der auf die bürgerlichen Verhältnisse der Dienstpflichtigen und auf die öffentliche Meinung zu nehmenden Rücksicht liegen. Da­neben aber wird betont, daß eine so kurze Dienstdauer, wenn sie auch zur Ausbildung hinreichend sei, nicht genüge, um den Solda­ten zu erziehen. Wenn die öffentlichen Schu­len dem Heeresdienste in der Weise vorarbei­teten, daß die Neueintretenden diejenige Auf­fassung ihrer Pflichten mitbrächten, welche sie sich gegenwärtig erst unter den Fahnen zu eigen machen müßten, so würde es möglich sein, sie in zwei Jahren von der Notwendig­keit der Disziplin zu überzeugen und ihnen die berufsmäßige Ausbildung zu Teil werden zu lassen; jetzt aber gehe dies noch nicht an. Inzwischen möge man für tüchtige Unteroffi­ziere und für möglichst einfache Dienstvorschrif­ten sorgen.

Im Bann der Lüge.

Erzählung von D. Russell.

(Fortsetzung.)

Neunundvierzigstes Kapitel.

Eine stürmische Nacht.

Alwin war fort. Rose hatte ihm das Geleit ge­geben, und ich hörte, daß sie vor der Thür noch flüsternd einige Worte sprachen. Dann kam Rose zurück und erwähnte im Verlaufe des Abends Alwins Namen nicht mehr.

Aber sie war seltsam unruhig und stand häufig auf und schaute in die dunkle Nacht hinaus. Der Wind heulte am Abend stärker um das Haus und der Regen schlug prasselnd an die Fenster.

„Welch ein schrecklicher Sturm!“ sagte Rose. „Er wird doch kein Unglück anrichten, Margarethe?“ „Ich denke nicht, Liebe,“ antwortete ich.

„Vielleicht läßt das Rauschen der Bäume das Unwetter schlimmer erscheinen als es ist. Wie es heult!“

Wir blieben nicht lange auf. Um elf Uhr wurde das Haus für die Nacht geschlossen und Rose und ich zogen uns in ursere Schlafzimmer zurück.

Aber obwohl ich mich müde und angegriffen fühlte, kam doch kein Schlaf in meine Augen. Die Ereignisse des Tages zogen in bunter Reihenfolge an meinem Geiste vorüber, und so oft mich ein leichter Schlummer umfangen wollte, wurde ich durch das Toben des Sturmes wieder daraus erweckt.

Plötzlich war es mir, als vernähme ich inmitten des Lärmes draußen ein Geräusch auf dem Korridor — es klang wie das Oeffnen und Schließen einer Thür. Sollte Rose etwas geschehen sein— oder war ein Fremder im Hause? In meiner überreizten Phan­tasie stiegen plötzlich schreckliche Bilder auf; ich sprang hastig von meinem Lager auf, warf einige Kleidungs­stücke über und trat mit der brennenden Kerze in der Hand klopfenden Herzens auf den Flur hinaus.

Ein Lichtschimmer huschte vor mir her über die Treppenstufen, und als ich leise näher schritt und mich über das Geländer lehnte, hätte ich beinahe einen Ruf des Schreckens ausgestoßen.

War es ein Traum, was ich sah? Täuschten mich meine Augen oder stand dort wirklich Rose, meine Schwester, in Reisekleidern, bemüht, mit zitternden, unsicheren Händen die Hausthür zu öffnen?

In Todesangst flog ich die Treppe hinunter, stürzte auf sie zu und umklammerte ihren Arm.

„Rose! Rose! was machst Du— was willst Du thun?" Sie wandte sich nach mir um und ihre Hände sanken schlaff hernieder. Halb trotzig, halb beschämt gab sie zur Antwort:

„Es wäre vergeblich, Dich nun noch täuschen zu wollen, Margarethe— ich gehe mit Alwin.“

„Mit Alwin!“ wiederholte ich entsetzt.„Rose, kannst Du so schlecht sein?“

„Was bleibt mir anders übrig?“ antwortete sie bitter.„Glaubst Du, ich könne hierbleiben und mich von den guten Leuten bedauern und verhöhnen lassen? Nein— Alwin wartet— laß mich zu ihm gehen, Margarethe— und vergiß mich, wenn Du kannst.“

Sie machte von neuem den Versuch, das Schloß zu öffnen, aber ich sank vor der Hausthür nieder und schlang die Arme um ihre Kniee, entschlossen, ihr den Ausgang zu wehren.

„Rose, thue es nicht— bleibe hier!“ bat ich flehend;„verlaß Dein Geburtshaus nicht im Dunkel der Nacht— zu Deinem eigenen Verderben! Denke an unsern Vater, an unsere gute Mutter— willst Du ihren Namen für immer mit Schande bedecken?"

Sie zögerte, sie schwankte, und ich sprang schnell auf meine Füße.

„Ist Alwin draußen?" fragte ich;„wenn ja, so laß ihn hereinkommen und sich mir gegenüber stellen, mir, deren Herz er beinahe gebrochen hat und der er jetzt auch das Teuerste rauben will, das sie noch auf Erden besitzt!“

„Dir, Margarethe? Du hast doch sicherlich nie etwas mit Alwin gehabt?“

Ich entfernte mit zitternder Hast die Kette und schob den schwiren Riegel zurück. Die Thür sprang auf— und da, kaum drei Schritte von der Schwelle entfernt, stand Alwin im strömenden Regen.

Er wich zurück, als er mich sah, aber ich ergriff seine Hand und zog ihn auf den Flur.„Komm herein, Alwin, unb sprich jetzt endlich einmal die Wahrheit!"

„Was soll dies alles?“ sagte er, erst Rose, dann mich ansehend.„Rose, wie kommt es, daß ich Mar­garethe hier finde?“

„Du sollst es erfahren!“ erwiderte ich, mit ihnen in das Eßzimmer tretend. Hier stellte ich das Licht auf den Tisch und wandte mich zu ihm.

„Ist es wahr, Alwin? Wolltest Du Rose ver­leiten, in der Nacht mit Dir zu entfliehen?“

„Du weißt, was heute morgen geschehen ist,“ antwortete er.„Rose hat nun keine eigentliche Heimat mehr— hat sie durch meine Schuld verloren— und deshalb, wenn sie die meine teilen will—“

„Und was wird aus Deiner Frau?“ fragte ich zornig,„der Frau, welche Du um ihres Vermögens willen geheiratet und dann so grausam vernachlässigt hast?“

„Meine Frau hat mich verlassen—“

„Und Rose's guter Name?“ fuhr ich in gebrochenen Lauten fort.„Deine juage Kousine, welche Du schützen und schirmen solltest, willst Du in Schmach und Unehre bringen?“

„Margarethe, weshalb machst Du diese Szene?“ sagte Alwin.„Du, Du selbst hast uns erzählt, was bereits in der Nachbarschaft gesprochen wird. Rose hat nichts mehr zu verlieren—“

„Ausgenommen ihre Seele!“ rief ich leidenschaftlich. „Rose, höre nicht auf ihn, glaube ihm nicht— wie ich es einst gethan habe! Sieh, er hat meine Liebe zu gewinnen gewußt, hat sich heimlich mit mir verlobt und mir Tieue geschworen, um mich nach kurzer Zeit schon zu verlassen und Anna Bardow zu heiraten! Verstehst Du nun? Es waren nicht Deine Briefe, welche Anna an jenem Tage gelesen hat, sondern die, welche ich einst an ihn geschrieben hatte,— als ich ihn noch über alles liebte!“

Ich brach ab— von meiner Bewegung über­mannt— und Rose nahm das Wort.„Ist das wahr?“ fragte sie in scharfem, völlig verändertem Tone, mit einem eisigen, durchbohrenden Blick auf Alwin.

„Ja, Rose, es ist wahr; aber—“

„Und während dieser ganzen Zeit hast Du getäuscht— hast vorgegeben, Anna sei auf mich eifer: süchtig und habe Dich um meinetwillen verlassen?"

„Ist es nicht die Wahrheit gewesen? Ihre Eifer­ucht auf Dich hatte sie veranlaßt, nach Briefen zu suchen, sonst hätte sie jene anderen nimmer gefunden. Ich leugne nicht, daß ich unrecht gegen Margarethe gehandelt habe, aber die Verhältnisse zwangen mich dazu— ich war mit Schulden überhäuft.“

„Und Du heiratetest Anna Bardow, um sie zu zahlen?“ sagte Rose verächtlich.„Dann hättest Du meines Erachtens dankbarer und nachsichtiger gegen sie sein sollen.“

Alwin schlug die Augen nieder und die Röte der Beschämung stieg in sein Gesicht.

„Und um Dich,“ fuhr Rose bitter fort,—„um Margarethens Verlobten und Anna's Mann, habe ich mein Haus und Heim aufs Spiel gesetzt!“

„Du weißt, wie tief ich es bereue—“

„Deine Reue giebt mir nicht zurück, was ich durch Dich verlor!“ unterbrach sie ihn.„Hätte ich dies alles vorher gewußt— hättet Ihr mir die Wahrheit gesagt— ich würde jetzt noch in Wittelsberg sein! „So giebst Du mich auf?“ fragte Alwin.

„Ja— oder glaubst Du, ich könnte dem Manne, der meine Schwester verraten hat, noch irgend etwas zu sagen haben?“ Und ohne ein Wort weiter— ohne einen Blick auf Alwin— ging Rose hinaus, und er und ich waren allein.

„Geh, Alwin,“ sagte ich leise und teilnahmsvoll; es war mir peinlich, sehen zu müssen, wie beschämt

Ein neuer Eisenbahnunfall in der Schweiz.

Im Bortzberg=Tunnel auf der Linie Basel­Brück sind am Donnerstag abend ein Güter­

und niebergedrüick er dastand.„Geh— Du wirst es überwinden.“

„Niemals, Margarethe,“ sagte er; dann wandte er sich von mir ab und schritt aus dem Zimmer, Gleich darauf hörte ich ihn das Haus verlassen, und als ich die Thür hinter ihm zuschloß, vernahm ich den Schall von Wagenrädern. Er war also heute nur gegangen, um alles zur Flucht vorzubereiten; der Wagen hatte draußen gehalten, und ohne mein Da­zwischenkommen wäre Rose jetzt fort, rettungslos einem Leben der Reue und Selbstverachtung preisgegeben gewesen!

Ich stahl mich die Treppe hinauf und ging zu ihr hinein. Sie saß im Dunkeln und weinte bitterlich, und ich zog sie an meine Brust, dos Herz voll Dank­barkeit gegen Gott, daß er mir vergönnt hatte, sie zu retten

Sie lag noch in meinen Armen, manches zättliche Wort war zwischen uns getauscht worden, als wir Beide durch lautes und wiederholtes Klingeln an der Hausthür erschrickt wurden und deutlich eines Mannes Stimme zu uns heraufdrang.

„Wer kann es sein?" fragte Rose, vor Furcht zusammenschauernd.„Doch nicht— Alwin?“

„Bleib hier,“ sagte ich,„ich will gehen und nach­sehen.“ Und noch einmal nahm ich das Licht und stieg die Treppe hinab. Was stand uus bevor? Sollte diese stürmische und ereignisreiche Nacht noch mehr Unglück bringen?

Fünfzigstes Kapitel.

Ein Unfall.

Während ich eilig die Halle durchschritt, wurde das Läuten ungestüm fortgesetzt.„Wer ist da?“ fragte ich laut.

„Ich bin es,“ erwiderte der draußen Stehende, „der Postillon von der Extrapost, Madame. Der Wagen ist zerbrochen— umgestürzt in der Allee— und ich fürchte, der Herr ist tot.“

Ein Schrei drängte sich bei diesen Worten auf meine Lippen, aber ich unterdrückte ihn um Rose's willen und öffnete mit fliegender Eile die Thüc, um den mir wohlbekannten Postillon einzulassen.

Des Mannes Gesicht war mit Schrammen be­deckt und blutbefleckt, sein Hut eingedrückt, und die ganze Erscheinung bekundete die Wahrheit seiner Aussage.

„Das ist eine schlimme Geschichte, Fräulein,“ sagte er.„Einer von den großen Bäumen ist vom Sturme umgeschlagen und quer über den Weg ge­worfen worden. Ich konnte es nicht sehen wegen dem dichten Regen und fuhr darüber weg; es gab einen Krach und der Wagen stürzte um. Sobald ich wieder zu mir kam und mich aufrichten konnte, sah ich mich nach dem armen Herrn um. Ich zog ihn aus dem Wagen heraus und legte ihn seitwärts auf den Weg und rannte hierher nach Hilfe. Aber ich fürchte, es