SESEP SS
Hundertfünfzig Gulden.
Haydn=Süizze von Hans Gäfgen.
Der junge Haydn war in bittere Not geraten. Aus dem Kapellhause hatte man ihn seiner gebrochenen Stimme wegen verstoßen; die Eltern wohnten weit in der Ferne, und in Wien
half ihm keiner.
Da trat er, indes der Magen knurrte, eines Nachmittags in den Stephansdom, sank nieder und betete aus inbrünstigem Herzen zum lieben Gott, er möge ihn erhören und ihm helfen. Das ewige Licht blühte wie eine purpurne Tulpe, und der Knabe war ganz allein in dem mächtigen Raume, durch den nur der Flügelschlag einer verflogenen Schwalbe leise kam.
Und da nach einer Weile der kleine Joseph ruhiger und gefaßter in den Tag hinaustrat, flog auch die Schwalbe mit jubelndem Ruf in die Sonne hinaus, in die Wiener Stadt hinein, in der das gemächliche und doch anmutige Leben des achtzehnten Jahrhunderts wogte.
Der Knabe ging langsamen Schrittes und achtete zuerst gar nicht darauf, daß der Vogel wiedergekehrt war und nun ganz dicht über ihm seine Kreise zog. Dann aber bemerkte es Joseph, von früh an gewohnt, auf die Laute und das Wesen der Natur zu lauschen und sie in ihrem oft seltsamen Tun zu verstehen, und er beschrieb, fast im Traum, mit der Hand die
Stewarorg ehen„.
Novelle von Ernst Römer
Das Mittelmeer war an jenem Tage so blau, wie es sich gehört, und wir waren so nüchtern, wie es sich ebenfalls gehört. Nun lassen diese nebeneinander gestellten Tatsachen gewisse Umgruppierungen durchaus zu: das Mittelmeer kann zum Beispiel sehr nüchtern und die Mannschaft eines Frachtdampfers sehr blau sein. Sicher. In der Regel jedoch ist es umgekehrt, und es war auch wie gesagt an jenem Tage so, auf den es hier ankommt.
Der Kapitän hieß Heinrich Puttfarken und war aus Mecklenburg, der Erste Maschinist hatte ein Magenleiden und trank Kognak nur aus gesundheitlichen Gründen, der Koch setzte im Hafen stets eine weiße Mütze auf und ließ auf See immer die Erbsen anbrennen.....
Nein, auf unserem Dampfer war aues, wie es sein sollte. Bis sich eben an besagtem Tage ein von keinem Menschen vorhergesehener Vorfall ereignete, der dazu angetan war, in die maritime Beschaulichkeit unseres abseitigen Daseins die Brandfackel des Unfriedens zu schleudern.
Zunächst trug der entscheidende Tag alle Merkmale eines auf zweckdienliche Arbeit gerichteten männlichen Gemeingleichen Schlingen und Kreise, mit denen die Schwalbe den wesens, als das sich ein mit fünfundzwanzig Köpfen besetzter sonnenhellen Tag freundlich durchrankte... Frachtdampfer darstellt, der seit vierundzwanzig Stunden auf
Gibraltar geschoben, ob sich ein Mädchen auf sein Schiff geschmuggelt hatte.
Und dieses unerfahrene Geschöpf hatte sich an Bord geschmuggelt. Da gab es gar nichts anderes. Er konnte sich auf seine Mannschaft verlassen. Er hatte seine Leute in der Hand. Und so trug denn Kapitän Puttfarken gemäß Paragraph
Person weiblichen Geschlechts u mutlich sizilianischer Herkunft. Dieselbe hatte sich nächtlicherweile kurz vor Inseegehen in fahrlässiger Absicht im Schiff verstaut und wird die Frauensperson aus sittlichen Gründen zur Bedienung in der Kajüte verwendet, da der Kajütssteward wegen Krankheit in Catania geblieben ist.“
ienhellen Tag freundlich durchrankte.„. Frachtdampfer darstellt, der se
Unvermerkt gelangte der Knabe in die Vorstadt und blieb See ist und seinem Bestimmungshafen zustreot.
en, als der Vogel in ein Nest schlüpfte, das wie eine halb Käppen Puttfarken trug seinen zunehmenden Leib auf
seph schwieg verlegen und bedrückt. so Er wohnt, hab' ich gefragt?“ wiederholte Anton
stehen, als der Vogel
geoffnete Hand unter dem Bild eines goldenen Krebses hing. Schon im Lichte glänzte das Hauswappen, so daß Joseph, darüber nachsinnend, ob es wohl echtes Dukatengold sei, was er da schaue, eine Weile gebannt stand und erst aufschrak, als eine Männerstimme von oben rief:„Was steht Er da und hält Mailaffen feil? Hat Er nichts zu tun?“
Erschrocken wollte Haydn davon laufen, aber da war der Vogel wieder, die Schwalbe aus dem Stephansdom, und umkreiste ihn mit lautem Ruf, so daß auch der Mann am Fenster aufmerksam wurde und nun mit freundlicherer Stimme meinte:„Scheint kein schlechter Kerl zu sein, da Ihn das Getier gern hat. Komm' Er herein, und sag Er, wer Er ist!“
So kam Haydn zum Marktrichter Anton Buchholz, wohnhaft beim goldenen Krebsen in der Ungargasse, und zu seiner Frau Eva, die gerade beim Nachmittagskaffee saßen, allein, denn Kinder hatten sie nicht. Schüchtern saß der Bub am Tisch und erzählte stockend von seinem Leben, den Eltern, der Heimat. „Ach, da steht ja ein Spinett!“ rief der Knabe plötzlich. „Kann Er spielen?“ fragte der Herr Marktrichter.
„Ein bisserl schon“, meinte Haydn.
Und dann spielte er ein kleines Menuett, und der wohlachtbare Herr Marktrichter Buchholz und seine Ehefrau führten im Hause„Zum goldenen Krebsen“ ein sittsames Tänzchen auf. Dann und wann sprach die Standuhr mit leise klingender Stimme dazwischen, aber sonst hörte man nur die Musir und das gravitätische Schreiten der beiden Tanzenden.
„Er muß wiederkommen, ganz bald“, sagte der Herr Marktrichter, indes er mit dem großmächtigen Schnupftuch die Tropfen von der Stirn tupfte,„wo wohnt Er eigentlich?“
0 Buchholz.
„Bis heute beim Herrn Spangler, aber er hat mich fort
gezagt, weil...“... 8.— M.2strich
„Weil, weil...?“ sagte ungeouloig der Herr Marktrichter. „Weil sein Weiberl mich a bisserl zu lieb gehabt hat.“
Da machte der Herr Marktrichter große Augen und erkannte erst, daß der Haydn kein Büberl mehr war, sondern ein junger Mann; darum hatte man ihn ja auch aus dem Kapellhause verstoßen.„So, so“, murmelte Buchholz.
„Ja, ja, Busserl hat sie mir gegeben, als der Hirr Spangler in die Stube trat, und das hat ihn verdrossen.“
„Ich will Ihm was sagen“, fuhr der Herr Marktric fort,„hier sind hundertfünfzig Gulden; ich will sie Ihm leil ohne Profit, weil Er ein guter Kerl ist. Wenn Er's zu
icht hat, mag Er sie mir wiedergeben. Er wird's zu was
mir nicht bauge.“ Joseph,„so viel Geld hat mein Vater noch nie zusammen gehabt. Da wär' ich ja mit einem Schlage ein reicher Mann. Da könnt' ich nir ein Stüberl mieten und ein Spinett drinnen... Ja, ist's denn auch wahr? Träum' ich nit?“
Und dann wohnte Haydn im Michaeler Hause aun Kohlmarkt, droben, ganz droben, wo die Schwalben nisteten, und seine Nachbarn waren Kammerheizer, Lakaien und Köche der vornehmen Herrschaften, die drunten residierten, der Fürstin Maria Octavia, Witwe des Fürsten Joseph Anton Esterhazy, und des gefeierten Dichters Mestasio.
Und wenn am Abend Joseph am Spinett saß und an seiner ersten Messe komponierte, lauschten die Tafeldecker, Türhüter und die Bedienten der Fürstin erstaunt an der Kammertür den seltsamen, geheimnisvollen Weisen.
Die Leute, welche die Messe, die später im Stift Göttweig bald zwanzigmal aufgeführt wurde, hörten, wunderten sich, wie nogelleicht die Töne schwangen. Das kam gewiß daher, weil draußen die Schwalben auf und niederflogen, während drinnen der junge Meister die Noten schrieb.
Später schwand das Werk aus seinem Gedächtnis, und es vergingen fünfzig Jahre, bis es wieder aufgefunden und dem inzwischen beruhmt Gewordenen überbracht wurde. Da ist er ans Spinett gegangen, hat die Feder zur Hand genommen und die Messe durch Hinzufügung von Blasinstrumenten geziert und geschmückt, wie ein Vater wohl einen Sohn auszeichnet, der nach einem Menschenalter heimkehrt.
Im Stephansdom hat sie der Meister aufführen lassen. Vorne in der ersten Reihe waren zwei Plätze frei. Auf diese fuhrte Joseph Haydn, indes die Furstlichkeiten in den Logen und alle anderen Anwesenden erstaunt zusahen, ein steinaltes Männchen und eine nicht wenig jüngere Frau: den gewesenen Marktrichter Anton Buchholz aus dem„Goldenen Krebsen“ in der Ungargasse und sein Weib Eva.
Und im Testament Haydns lesen wir unter den Legaten: „Der Jungfrau Anna Buchholzin 100 Fl., weil mir ihr GroßVatter in meiner Jugend und äußersten Noth 150 Fl. ohne Interessen geliehen, welche ich aber schon vor 50 Jahren begohlt dahe:
Die gute Tat.
Ein kleines Zeitbild von Herbert Grote.
Ein vielbesuchtes Gasthaus im belebtesten Teil der Großstadt. Die Drehtür ist in ständiger Bewegung, und drinnen
lappern Teller, Löffel, Messer und Gabeln— ein liebliches uzert, das alle Vorübergehenden lockt. Die einen gehen ein, folgen der Lockung, die anderen eilen resigniert weiter, dritten schimpfen, weil sie kein Geld haben, um dieser Gee des irdischen Daseins teilhaftig werden zu können. Zwei neue Gäste treten ein. Der eine ist ein gemütlich hender Mann in den Fünfzigern, nicht schlecht genährt, ehne besondere Eleganz gekleidet, sicher ein
der Brücke hin und her, der Rudergänger steuerte seinen Kurs und bohrte sich gelegentlich in der Nase, an Deck verteilte der Bootsmann an uns Farbtöpfe und Pinsel, und droben beschien eine wärmende Sonne unser gerechtes Tun.
Gut. In diesen sachlich orientierten Gewerbebetrieb, in dieses Hohelied der Arbeit hinein dröhnt nun von der Brücke herab die Stimme unseres allseitig verehrten Schiffsführers: „Wie kommt die Deern an Bord?!“., 16 f.
Deern, das ist zu hochdeutsch Mädchen, nicht wahr? Und einem Seemann ist ja das Mädchen sowohl plattdeutsch wie hochdeutsch geläufig. Es ist ihm an Land sogar sehr gelaufig. Aber wir waren auf See, bitte sehr!
Abermals donnert es über unsere unschuloigen Häupter hin:„Wie kommt die Deern an Bord!?“— Und zwischen jedem Wort eine wuchtig drohende Pause.
Wir ließen besturzt unsere Pinsel in die Farbpötte fallen— was als sehr unseemannisch gilt— und machten, noch immer hockend, eine Kehrtwendung. Und sahen. Und vernahmen. Es war klar: Da stand ein Mädchen.
Unser Dampfer steuerte seinen richtigen Kurs durchs Mittelmeer; unten in der Maschine hämmerten die Kolbenstöße; im Hemraum klapperten die Kohlenschaufeln; von der Kombüse her roch es nach samstäglichem Sauerkraut mit speck. Die Sonne schien.
Aber da stand ein Mädchen. Auf dem Vordeck zwischen Ladeluk und Back stand es, in der Nähe des Niedergangs zum Mannschaftsraum, und blinzelte mit der vorgehaltenen Hand zur Brücke hinauf. Während die andere Hand die Bluse zusammenhielt. Vorn. So unterm Kinn etwa. Wir starrten die Erscheinung an. Die dunkeläugige. Die jugendlich=rundliche. Die schwarzhaarige. Die etwas ramponierte. Aus der Fülle dieses Haares löste sich jetzt die einzige Haarnadel und siel an Deck. Auf unser eisernes Deck. Kling! tat es.
Vom hohen Kommandostand schrie unser allseits geliebter Kapitän mit der Stentorstimme und zum drittenmal: „Gottsdonnerja: wie kommt die Deern an Bord!!“
Aber es war nicht zu ermitteln, wie und wo das Mädchen an Bord gelangt sein konnte. Außerdem sprach es sizilianisch, Käppen Puttfarken jedoch nur deutsch und mecklenburgsch. Immerhin mußte er zu dem Fall Stellung nehmen, denn ein ordentlicher Schiffsführer muß zu jedem Fall Stellung nehmen können. Zu jedem. Ob sich ein Bera vor die Straße von
sichtlich bewußten Tatsache, daß
der Fall erledigt. Wir behielten schönes is die Gibraltarstra
Damit schien der Fo
Wetter, steuerten munter aus vir Gibraltarstraße zu und waren guten Muts.
Dem unerfahrenen Geschöpf sizilianischer Herkunft wurde die Lazarettkammer im Kajütsbereich zur Wohnung angewiesen. Das geschah eben anstandshalber. Und war— wie
die Wohnungsverhältnisse auf einem kleinen Frachtdampfer
Sollte das Madchen etwa in den Mannschaft
quartiert werden, wie es sonst bei der Unterbringung blinder Passagiere zu sein pflegt?
Obwohl das jeder von uns hätte einsehen müssen, erfuhr verständige Maßnahme im Matrosen= und Heizerlogis
jene
scharfe Kritik.„Ehrenhalber?“ höhnte man,„der Käppen meint woll vorzugshalber!“ Jemand behauptete, sie sei direk avanciert, und nannte sie„die Stewardeß ehrenhalber“.
In den sich auf diese Weise entspinnenden Debatten, bei denen die Gegensätze im Bordleben unverhüllt zutage traten, in solchem Aufschwall jugendlich unverbrauchter Gemüter verhielt sich stets nur einer teilnahmslos: Hannes.
Hannes stammte aus Hammelwarden an der Weser und trug alle Kennzeichen seiner durchgezüchteten Rasse. Er war schollensicher, von schlichtem Geist und sehr ausgeglichener Gemütsart.
Wenn man ihn also fragte:„Was sagst Du denn dazu, Hannes?“, dann schob er seine langen Beine unter den Tisch, fuhr sich mit dem Handrucken links und rechts um die Nase und antwortete:„Ick? Ick segg gornix.“
Das war richtig. Er sagte gar nichts. Und verharrte in dieser Passivität mit einer selbst für seinen Volksschlag so erstaunlichen Konsequenz, daß man bereits anfing, ihn argwöhnisch zu betrachten.
*
Unterdessen ging das unerfahrene junge Mädchen, das allgemein Mary genannt wurde— aus einer unergründlichen, doch tatsächlich verankerten Vorliebe der Seeleute für diesen Vornamen— ging Mary also ihren dienenden Pflichten so gut nach, wie es nach Maßgabe ihrer sizilianischen verkunft und den besonderen Umstanden dieses Falles zu erwarten war. 16 8,
Marys Pflichtenkreis umschloß, wie gesagt, die Wartung der Kapitänskajüte und der anliegenden Gemächer, sie half auch wohl gelegentlich, soweit ihr durch den südlichen Kulturkreis bedingtes Arbeitstempo die Erledigung jenes täglichen Pensums es zuließ, dem Koch beim Kartoffelschälen.
Mary lebte dahin. Einerseits in der Einfalt ihres achtzehnjährigen Herzens und der zweifachen Isolierung, die ihr durch die Fürsorge unseres Kapitäns und ihrer uns unverständlichen Sprache auferlegt war. Andererseits in der ihr offen
sich inmitten eines aus fünfundzwanzig Männern gebildeten Gemeinwesens bewegte.
Zu erwähnen wäre noch, daß um jene Zeit gewisse änderungen im Habitus einzelner Besatzungsmitglieder bemerkbar wurden. So überraschte uns zum Beispiel ein Heizer, der eben von Wache gekommen war, mit der Nachricht, daß man morgens den Ersten Maschinisten mit umgeschnallter Bartbinde im Maschinenraum gesehen hätte. Das war immerhin ungewöhnlich; es ließ angesichts seiner chronischen Magenbeschwerden zum mindesten auf eine spontane Auffrischung seiner Lebensgeister schließen.
In dem auf Grund jener Mitteilung sich bildenden Konzilium der Matrosen und Heizer wurden jetzt noch mehr und ganz ähnliche Beobachtungen registriert: Der Zweite Steuermann erschien jeden zweiten Tag rasiert auf der Brücke; der Maschinistenassistent kämmte sein Haar zurück wie ein Gigolo; der Bootsmann priemte seit Tagen schon mit auffallender Zurückhaltung; und der Koch trug weiße Schürzen wie im Hafen und wusch sich mit Toilettenseise.
Bei Erörterung dieser letzteren Tatsache wurde uns huschartig inne, daß jenes feminine Waschmittel von jemandem in unserer unmittelbaren Nähe angewendet worden sein mußte. Wir rochen es deutlich. Da blickte alles auf Hannes. Er war nach seiner stillen Art abseits gestanden und damit beschäftigt, seine Fingernägel mit dem Taschenmesser zu säubern.
„Was ist los, Hannes?“ schrien wir im Chor,„willst Du Dich landfein machen? Ist bei Dir schon Hamburg in Sicht? Seit wann wäscht man sich denn auf See mit Weiberseife? Nun rede doch einen Ton!“
Hannes strich sein Messer an der Hose ab und steckte es in die Tasche. Hannes sagte eben nie etwas.
*
Das Weltmeer ist groß. Es bedeckt nahezu drei Viertei unserer Erdoberfläche. Und für die Menschen, die beruflich auf ihm zu tun haben, ist auf die Dauer kein Ereignis erschütternd genug, um nachteilig zu wirken. Keines. Es wird alles verdaut. So war es auch bei uns. Auch wir hatten den Fall Mary verdaut. Alle. Bis wir schließlich—
Bis wir vor den englischen Kanal gekommen waren. Kapitän Puttfarken hatte an seine Steuerleute die Anweisung gegeben, ihn sofort wecken zu lassen, wenn das französische Leuchtfeuer in Sicht käme. Es kam in Sicht.
Der wachhabende Offizier pfiff von der Brücke nach dem Läufer. Das war Hannes. Hannes bekam den Auftrag, den Kapitän zu wecken. Hannes ging in die Kajüte, klopfte an des Kapitäns Kammer, wie sich das gehört, und weckte. Deu Kapitän ging auf die Brücke. Und Hannes—
Also an Steuerbordseite der Kajüte lag der Schlafraum des Kapitäns. Und an Steuerbordseite lag das Lazarett. Und in diesem wohnte bekanntlich Mary. Und der Kapitän wan auf der Brücke, nicht wahr? Und Hannes—
Also nach kurzer Zeit kommt Kapitän Puttfarken wieder herunter, weil er seinen Mantel anziehen will. Und sehr balt darauf fliegt die Kajütstür auf, und Hannes fliegt heraus Und Mary fliegt heraus.
Am anderen Tag fand sich im Schiffstagebuch von
Kajütsbereich entfernt habe. Und Mary
vorn im Kabelgatt. Bis Hamburg. Dort wurde italienischen Konsulat in die Arme geführt.
. Und was tat Hannes? Er sagte gar nichts. C. chwieg Und nun frage ich: Glauben Sie, daß sich Hannes richtig verhalten hat?
Bürger, dem es noch nicht schlecht geht. Der andere ein verschüchterter Junge von zehn Jahren, der mit seinem schäbigen Anzug, den zerrissenen Schuhen und Strümpfen sicher nicht in diese Umgebung paßt. Er empfindet das wohl selbst, denn er zieht den Kopf scheu in die Schultern und folgt dem gemütlichen Herrn nur mit sichtbarem Widerstreben.
Der Geschäftsführer eräugt sofort das ungleiche Paar, kommt mit höflich=erstauntem Gesicht näher. Der gemütliche Herr versteht sofort die stumme Frage, sagt leise:„Ich möchte für mich und den Jungen einen Tisch etwas abseits vom Trubel haben. Wissen Sie, der Bengel gehört einem Arbeitslosen aus dem Hinterhaus bei mir, und ich kann diesen Jammer nicht länger mit ansehen. Der Junge soll sich heute endlich einmal richtig satt essen.“... am
Natürlich ist der Geschäftsfüyrer von soviel Menschenfreundlichkeit— besonders da sie seinem Unternehmen zugute kommen soll— ganz entzückt. Eine halbe Minute später sitzt der gemütliche Herr mit seinem Schutzbefohlenen an einem etwas versteckten Tischchen, der Junge macht große, erstaunte und erwartungsvolle Augen, und der Geschäftsführer geruht, selbst die Speisekarte zu bringen. Er lächelt dabei dem Kleinen aufmunternd und leutselig zu:„#6. Hgute sol es einmal
ja, ich habe ganz vergessen, daß Du vielleicht seit ein paar Tagen schon kein Fleisch mehr gehabt hast. Seit drei Wochen, sagst Du? Armer Kerl! Na, dann nehmen wir für Dich ein ordentliches Sahnenschnitzel mit Pilzen. Das soll schmecken! Für mich übrigens auch, Herr Geschäftsführer.“
Die Pastete kommt. Der Junge haut ein wie ein
Scheunendrescher. Natürlich sind schon Gäste genug auf die beiden aufmerksam geworden. Dafür hat der Geschäftsfül gesorgt. Und nun sehen sie interessiert zu, wie der Gemütliche und sein Schutzbefohlener es sich schmecken lassen:„Ein guter Kerl, was? Daß er den armen Jungen einmal ordentlich
att werden läbt.,.. gI, Wb. uuin Si. A.— Grinss Baurtile
Unheimlich übrigens die wengen, die der Junge vertilgen kann. Das Sahneschnitzel schmilzt vor ihm dahin wie Schnee in der Märzsonne. Und der Gemütliche ist auch kein schlechter Esser. Er läßt eine zweite Portion kommen, und dann streicht er sich wohlgefällig das Bäuchlein. Sein Gesicht glänzt vor Menschenfreundlichkeit und vor Freude über die gute Tat, die er vollbringt,.. A. 5st Her Smültliche Her Kat 8.
Endlich sino beide satt. Der gemutiche Herr hat den Wunsch, das gute Mahl mit einer vorzüglichen Zigarre zu beenden:„Was haben Sie denn an Rauchbarem?“ Die Zigarrenkisten kommen. Er untersucht alle. Man sieht ihm den Kenner an. Er findet nicht das, was er haben möchte: rauche nur Vorstenlanden. Na, ich sehe schon, das Beste ich gehe drüben in den Laden und hole mir ein paar. Ok bringen Sie mir inzwischen einen Mokka! Junge, Du bleibst schön hier,
und
sehen, ob ich Euch noch irgendwie helfen kann. Also, in zwei Minuten bin ich wieder hier.“
Ein wenig verlegen, wie es nun einmal die Art verschämter Wohltäter ist, geht der gemütliche Herr, von hundert Blicken verfolgt, aus dem Lokal.
Merkwürdigerweise wird aus den angekündigten zwei Minuten eine halbe Stunde. Der gemütliche Herr kommt nicht wieder. Schließlich schickt der Geschäftsführer einen Kellner ins Zigarrengeschäft hinüber. Der Mann kommt atemlos zurück: „Ja, der Herr war drüben, hat ein paar Zigarren gekauft und ist vor einer halben Stunde fortgegangen.“
Der Geschäftsführer faßt sich an den Hals. Denn die Rechnung des gemütlichen Herrn macht 27 Mark und 40 Pfennig aus. Finster sieht der Geschäftsführer den Jungen an. Der heult:„Ich will weg!“—„Du bleibst hier, bis die schupo kommt!“
Die Schupo erfaßt mit geübtem Blick die Lage sofort: Sag''mal, Junge, wohnt der Herr, mit dem Du gekommen bist, wirklich bei Euch im Vorderhaus?“—„Nein. Ich kenn“ ihn gar nicht. Ich hab' draußen vor einem Schlachterladen gestanden, und da ist er auf mich zugekommen und hat mich gefragt, ob ich wohl Hunger hätte und etwas Feines zu essen haben wollte, und dann hat er mich gleich mitgenommen und...“—„Na, sehen Sie“, sagt der Schupo,„der Junge kann gar nichts dafür. Dieser Gauner hat ihn eben auf der straße aufgelesen, und da können wir nichts machen.“
Natürlich steht das halbe Lokal um den Jungen, den schupo und den Geschäftsführer herum. Der Bengel heult jämmerlich.„Lassen Sie ihn doch laufen!“ mahnt ein alter Herr.„Hier, Junge, hast Du fünfzig Pfennig, damit Du Dir morgen etwas zu essen kaufen kannst, ohne einem Zechpreller in die Hände zu fallen, und vielleicht geben die anderen Herrschaften auch etwas.“
Außer dem Geschäftsführer ist alles zufrieden.—
Am Abend sitzen einander in einer Wohnung im Norden zwei Bekannte gegenüber: Der Zechpreller und der hungrige Junge. Sagt der Kleine:„Papa, jetzt mag ich aber bald keine Pasteten mehr essen. Das nächste Mal, wenn wir in ein Wirtshaus gehen, bestellst Du mir etwas anderes.“— Schön“, ist der gemütliche Herr einverstanden, und dann zählt er die Tageseinnahme: Achtzehn Mark und 35 Pfennig. Man muß damit zufrieden sein.
Der verfolgte Andreas.
Geschichte aus dem Walde von Gustav Renker. Das ist eine Geschichte, die man mit einem weinenden und einem lachenden Auge lesen muß, falls sich diese allgemeine Redensart wirklich ausführen laßt. Ich kann es nicht, und auch Andreas Staudacher konnte es nicht.
Denn fürs erste konnte er nicht lesen und fürs zweite konnte er weder lachen noch weinen. Zumindest hat ihn nie jemand bei einer dieser beiden Beschäftigungen gesehen. Man sah ihn überhaupt selten. Er war Holzknecht, und diese Art nan Menschen gehört nicht in das Bild einer Stadt oder eines
Dorfes. Das war gut für Andreas, denn in der Vielheil einer menschlichen Siedlung hätte er es nicht ausgehalten und wäre längst ins Irrenhaus gewandert.
Andreas Staudacher hatte im Kriege einen Kopfschuß erwischt. Und als er nach Narkose und Operation wieder aufwachte, war an ihm nichts verändert. Er war der geblieben, der er gewesen war und wurde es wieder: Holzknecht im Dreitagewald, der den Namen von seiner ungeheuren Ausdehnung hatte.
Drei Tage durch den großen Wald und in seiner Mitte stand die Jagdhütte. In dieser durfte der Holzknecht Andreas nicht schlafen. Das ist nun einmal im Leben so eingerichtet, daß Jagdherren und Förster es nicht gerne haben, wenn Holzknechte in ihren Betten ruhen. Aber unter dem Dach der Hütte war ein kleines Gelaß, in diesem schlief Andreas Staudacher. Wie eben Menschen der weltfernsten Einsamkeit schlafen: eine Lage kleiner, dichtbenadelter Fichtenäste ist weicher als Daunenpfühl, wenn man müde ist, ein grobhaariger Kotzen deckt den Körper, und das Kissen ist auch ein
Bündel Fichtenäste.„„ 6.
Andreas Staudacher scheute die menschenwimmelnoe Taltiefe. Denn er fürchtete sich. Jawohl, Andreas, der das ganze Jahr einsam im wilden Wald lebte, hatte Angst. Nicht vor Gespenstern, sondern vor Menschen. Das war ihm von dem Kopfschuß geblieben: ein beengendes, bedrückendes Gefühl, verfolgt zu werden. 8. H 12d kal.. 64
Wanderer gingen durch den Wald und voren dem stillen, ernsten Holzknecht einen guten Morgen. Und eine Viertelstunde nach den Fremden kam der Förster, der einzige Mensch dem Andreas sein Herz ausschütten konnte und der zum Gluck so klug war, den Mann nicht auszulachen, sondern ihm ernsthaft seinen Irrtum beweisen wollte.— Die Leute, die da vorbeigegangen sind— meine Schmalzbüchse haben sie stehlen wollen. Nicht zu glauben, wie schlecht die Menschen sind!“
„Aber Andreas, was sollten die Städter mit deiner alten schmierigen Schmalzbüchse? Die haben feinere Zungen.“
„'s ist, wie ich sag: Der eine, ein großer Blonder, i## ganz verdächtig auf die Seite gegangen, wo ich mein Zeug liegen hab'. Hätte ich nicht scharf hingelugt, so hätt' er die Büchse gegrapst.“
Daran war nichts zu ändern, der Andreas ließ es sich nicht ausreden. Und was das Schlimmste war: in der grenzenlosen Einsamkeit seines Waldlebens grübelte er über alles nach, was ihm begegnete, zerquälte seinen armen Kopf mit tausend Fragen.
Warum ist der Stadtherr so bodenlos schlecht, daß er einem armen Holzer die Schmalzbüchse nehmen will?
„Du solltest über Sonntag ins Dorf unter Leute“, meinte der Förster.
„Ja, daß mich der Hilscher Max totsticht!“
„Der Hilscher dich totstechen?“
„Ich hab' ihn einmal einen Schafskopf genannt, seitdem denkt er an Rache.“
Und dann wieder, nach einigen Tagen:„Herr Förster, jetzt halt' ich's bald nicht mehr aus. Jetzt kommen sie schon aus dem Dorf herauf zu mir, um mich zu tratzen. Die ganze Nacht keine Ruh'! Wenn ich eingeschlafen bin, kleitern