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nach dem Willen seiner Eltern in Lyon ein großer Herr werden sollte, sah aus wie ein Vagadund.
„Ich komme zu Fuß aus Lyoa, Mautter!“ „Zu Fuß aus Lyon. Louis?“
„Auf der Flucht! Es ist etwas Schreckliches geschehen: Ich habe einen erschossen...“ „Einen erschossen, Louis?“
Mutter Vaubans entsetzte Frage var mehr aus den weit aufgerissenen Augen der alten Frau zu lesen als in verständliche Worte gekleidet, denn ihre Sprache ging ir. lautem Geschluchze unter.
Louis antwortete trotzdem:„Um Adrinnes willen, Mutter! Ich weiß selber nicht, wie es kam! Die Eifersucht... Hilf mir, Mutter... jede Minute...“
Und noch ehe die Mutter alles so recht begriffen hatte, stand Vater Vauvan mitten im Café. Sein Gesicht war aschfahl, Schweiß perlte auf seiner Stirn.„Heute kommt Lerond", stammelte er.„Er kann jeden Augenblich da kein.
„Wer ist das?“ schrie Louis.
„Der Kommissar unseres Bezirks, wer denn
sonst?“
Während dieser Erklärung hatte Vater Vauban die Brieftasche gezogen.„Schnell, schnell, Louis! Hier durch die Schlafkammer, die Kellertreppe hinunter, dann durch die Fallklappe in die Rue Malin, hier, hier...“
Schon drängte er den Sohn in der Richtung des Auswegs und drückte ihm drei Tausender in die Hand.„Mach dich fort, nach Algier, nach Tunis, oder noch besser über die italienische Grenze— nur fort, fort!“
Was nun folgte, schien in Sekunden vor sich zu gehen. Louis Sprung in die elterliche Schlafhammer, sein Hinabstürzen über die Kellertreppe, das Heben der Fallklappe, das Erreichen der Rue Malin.
Mutter Vauban klagte und jammerte:„Mein Kind, mein armes Kind:“
Und Vater Vauban wetterte und fluchte: „Wenn sie ihn erwischen, bin ich ruiniert.“— Aber in der Rue Malin fragte nur wenige Minuten später eine Frauenstimme:„Ist es geglückt, hast du das Geld, Louis?"
„Ich habe es, Adrenne", triumphierte das Früchtchen.—
Kommissar Lerond schien sich auf seinem heutigen Rundgang durch die Hafenkneipen 2er alten Darse verspätet zu haben, denn er suchte das„Café zur Blutwurst" erst gegen Abend auf. Mutter Vauban machte sich im Keller zu schaffen und der Wirt des Etablissements tat so unbefangen, wie es ihm nur irgend möglich war.
Lerond fand auch nicht das mindeste, was zu beanstanden wesen wäre.
Nackdem er auf Ein" ung Vater Vauban ein Viertel Weißen genommen hatte, wandte er sich zum Gehen und warf ganz beiläufig hin: „Und Ihr Louis, Voter Vauban?“
Der alaubte, daß ihn ein Herzkrampf befiele Und der Kommissar fuhr fort:„Ein klottr Bursche, Vater Vauban! Der ist in dem richtigen Alter und genießt sein Leben. Ich sah ihn vorhin am Bahnhof. Er nahm den Zug nach Paris zusammen mit einem Mädel, das gar nicht zu verachten ist. Ja, ja, ja! Wer auch noch iume jung sein und es so haben könnte!"
Vater Vauban sagte kein einziges Wort.
Aber als Lerond glücklich draußen var ind Mut“er Vauban aus dem Keller zurückkum machte er seinem ganzen Unwillen Luft.
Stillschweigend ließ Mutter Vauban das eheherrliche Ungewitter über sich ergehen. Dann aber sagte sie:„Dem Himmel sei Dank, daß er nach Paris gefahren ist und nicht nach Tunis dann darf ich doch auf ein Wiedersehen hoffen!“ „Sobald er wieder Geld braucht, Alte!“ „Freilich, Vater Vauban!“
-12—
Jugend
Skizze von Elisabeth v. Aster.
Im Gewühl der City kannte jeder Ben Croft und seinen hell lackierten Kraftwagen. Der Nimdus des Milliardärs umgab Crofts marhante Erscheinung.
Frödlich und unbekümmert ging die kleine Dorothee Müller ihren Weg durch die große Stadt. Sie liebte das Leben und— HeinRoscher, und als sie in einem Augenblick der Unachtsamkeit unter den Wagen des reichen Mannes geriet, dachte sie, bevor ihr alles in, vogende Nebel zerfloß, nur an Heinz, daß er vergeblich auf sie warten werde...
Als man die Leblose auf eine Handbewegung Crofts in den Wagen hob, wollte er den Befeh' geben: Zur nächsten Unfollstation! Doch nack einem Blich in Dorothees Gesicht, das sich durch
sichtig vom Tiefblau der Posster hob, fiel ihm
seine Schwester, Miß Bernhardine, ein, deren Tage eine Anzahl unausgefüllter Stunden aufwieren.
„Nach Hause!" ordnete er kurz an, und so geschah es, daß die junge Dorothee in einer prunkvollen Bettstatt zu sich kam. Das Gemach, in dem sie lag, war licht und hoch und wei: und von einer großen Stille erfüllt. Eine weißgekleidete Frau hantierte lautlos, und ein Mann, bartlos und hochgewachsen, stand am Fußende des Bettes und betrachtete sie. Ich träume— dachte Dorothee, aber sie dachte es so klar, daß sie sich darüber wundern mußte— ich schlafe noch, denn wochentags arbeitet man und Sonntag war erst gestern! Dorothee schloß die Augen, und alles entschwand ihr. Aber es kam wieder, das fremde Gemach, die Frau: nur der Mann war fort.
Dorothee versuchte, sich aufzurichten, doch der Arm war unbeweglich. Ihren Kopf hatte man verbunden.
„Bleiben Sie ruhig liegen. Miß Müller! Ein kleiner Unfall nur. Sie sind in Beniamin Crofts Hause,“ sagte die Weißgekleidete mit klarer Stimme.
Benjamin Croft— wer wor das? Dorothee kannte den Namen. Durch Heinz. Er hatte einmal gesagt:„Wäre ich Ben Croft, weißt du der Milliardär, dann, Dorothe:, führen wir beide auf einem großen Dampfer heim.“
Die kleine Dorothee wiede rot. Sie, das Tippfräulein von West u. Harvey, lag hier in des reichen Mannes Haus!
Es dauerte eine Woche und noch eine halbe. Der Arm heilte, die Wunden schlossen sich. Aber die kleine Dorothee blieb im Hause des Milliardärs. Und es war seltsam bei den Crofts: Mon umsorgte, verwöhnte sie, kaum vermochte sie böse zu sein, daß man— sie festhielt, kaum merklich festhielt. Man nahm ihr einfach jede Möglichkeit zu gehen, was sie doch wollte und mußte. Ben Croft—! Er war sehr gütig, ritterlich zu ihr. Aber sie fürchtere sich ein wenig vor seiner kurzen Art. Miß Croft war liebenswürdig. ganz Amerikanerin, deren Tag von hundert Nichtigkeiten ausgefüllt schien.
Dorothee langweilte sich. Kostbare Dinge und Vergnügungen vermochten ihre Gedarken. die zu Heinz Roscher und ins Büco von West und Harvey wanderten, nicht abzulenken.
Einmal, spät abends klopfte es an ihr Fenster zu ebener Erde. Es war Heinz.„Was tust du noch hier?“ herrschte er Dorothee an.„Laii davon, je eher desto besser. Oder willt du den alten Millionär heiraten?"—„Ich— Ben Croft?“ erschrocken stammelte es die k# ine Dorothee. Was für Gedanken Heinz ihr eingab!„Ich darf nicht undankbar sein?" stam melte sie verwirrt.
„Undankbar? Und unsere Pläne und Deutschland—? Bitte ihn wenigstens um Gelo zur Ueberfahrt!"
„Niemo's!“ Doroth#e sagte es ganz### Heinz Roscher war verschwunden. Aber er kam wieder, bestürmte die kleine Dorothec, den reichen Mann um Hilfe zu bitten.„Oder sollen wir als Heizer und Küchenmädchen die Ueberfahrt machen?"
„Besser durch Arbeit als mit fremdem Beide.“ Die junge Dorothee wurde blaß und üde Nichts machte ihr Freude. Eines Abends ag:: sie alles zu Miß Croft.
„Was wollen Sie in Deutschland?“ rief die Dame,„Deutschland ist ein armes Land.“
„So arm wie w’r selber, Heinz Roschec und ch. Aber Deutschlen# wird neu erstarken, dasn braucht es junge Kräfte. Und es ist die Heimat
Miß Bernhardine schüttelte den kovf. Ta war vor Jahren das deutsche Ehepaar mit der ganz kleinen, nun verwaisten Doroche### gewandert; der junge Heinz Roscher arbeitete in Amerika, weil Deutschland ihm kein Fortkommen bot. Und dennoch... Seltsame Menschen, diese Deutschen!
Am übernächsten Tage stand Heinz vor dem Milliardär.
„Um welchen Preis geben Sie das Mädhen frei?" Des reichen Mannes Stimme war nicht ganz fest bei dieser Frage.
„Dorothee—? Heinz Roscher schrie es fast „Ich fragte Sie um den Preis, junger Mann Besinnen Sie sich schnell Welche Summe?“ „Keine— gar keine!“ Wild schüttelte Heinden Kopf.
„Also lassen wir das Geld beiseite! Ich bietIhnen eine Anstellung in meinen Werken. Sie steigen auf. so schnell Sie wünschen. Ent schließen Sie sich, geben Sie sie frei?“
„Niemals— Dorothee und ich, wir lieben uns!“—
Als Heizer und Abwäscherin machten Leinz und die kleine Dorothee die Ueberfahrt nach
Deutschland, weil sie an seinen aufstieg aus der Not glaubten und ihre junge Kraft der Heimat geben wollten.
Orden
Skizz; von Jo Hanns Rösler.
Die Sache begab sich in Paris. Am Abend des 29. Juni 1929 im Handelsministerium. Der Minister hatte gerade die letzte Post unterschrieben.
„Es wartet noch jemand im Vorzimmer, Exzellenz.“ meldete der Sekretär.
„Wer?“—„Kommerzialrat Kresch."
„Der Exporteur?“—.Ja.“
„Warum sagen Sie mir das nicht früher? Wir können doch Kresch nicht warten lassen. Er ist einer unserer ersten Finanzleute von Paris. Ich lasse bitten.“
Kimmerzialrat Kresch trat ein. Er war ein Mann in den besten Jahren, sehr gepflegt, nicht ehne Cleganz. Sein schwarzer Spitzbart verriei die Schere des besten Friseurs.
„Entschuldigen Sie,“ bot ihm der Minister einen Stuhl an.
„Tanke. Erzellenz.“
„Sie mußten warten. Ein Irrtum. Mein Sckretär
„Aber ich bitte Sie, Exzellenz— außerdem, Sie werden mich bald nicht mehr empfangen— nac dem, was geschah.“
„Was ist geschehen?“
„Eine Katastrorhe"
„Sicher halb so sch'imm. Die Geldleute sehen stets zu schwarz. Wieviel haben Sie an der Börse verloren?“
„Es handelt sich nicht um Geld.“
„Was denn?"
„Exzellenz, es ist mir peinlich, es zu sagen.“ „Belästigt Sie ein Parograrh? Ich habe Freunde im Justizministerium.“
„Sie sind sehr liebenswürdig. Aber hier handelt es sich um eine Sache, die meine ganze gesellschaftliche Stellung untergräbt die mich für immer in Paris unmöglich macht.“
„So erklären Sie doch schon.“
„Ich will es versuchen.“ holte Kommerzialrat Kresch tief Atem.„wie Sie vielleicht wissen, hatte ich vor sechs Monaten eine Unterredung mit dem Kolonialminister."
„Ich erinnere mich.“
„Er bat mich um meine Mitarbeit in einer zwar etwas prekären, aber aussichtsreichen Sache, Ausfuhr von Konserven.“
„Ein großes Geschäft?“
„Nicht viel. Es handelte sich um zwei Milionen.“
„Ich wußte nicht, daß Sie sich auch mit Detailgeschäften abgeben.“
„Ich tat es aus Gefälligkeit. Die Sache ist auch gut ausgegangen und war vor vier Wochen ibgewickelt. Zum Abschied sagte mir der Minister:„Seien Sie meiner Tankbarkeit versichert. Sie werden von mir hören'.— Ich habe so': Worte natürlich schon tansendmal gehört und nicht weiter darauf geachtet. Heute früh nun—“
„Heute früh?“
„Lesen Sie selbst.“
Kommerzialrat Kresch nahm aus seiner Aktentasche die Morgenausgabe des Regierungsblattes und riß sie nervös auseinander. Auf der dritten Seite standen die amtlichen Bekanntmachungen. Eine Stelle war mit Blaustift dick angekreuzt.—„Lesen Sie!"
Der Handelsminister nahm die Zeitung.„Das st ja famos,“ sagte er dann.„ich gratuliere.“
Ich bin ruiniert,“ sank Kresch immer mehr zusammen.
„Wieso? Das verstehe ich nicht. Andere Menschen bemühen sich Jahre darum, opfern L##t un: Geld dafür, und Ihnen fällt es in den Schoß.“
„Exzellenz, was gäbe ich darum, wenn es nicht geschehen wäre!“
„Wenn Sie nicht zum Ritter der Ehrenlegion ernannt worden wären?"
„Ja.“
„Schän, ich will zugeben, daß es in der heutigen Zei: nicht mehr das bedeutet wie einstnals, ober trotzdem ist es die größte Ehrung, die unser Staat für seine Bürger hat.“
„Tas wäre alles nebensächlich. Im Gegenteil, ich wäre sogar stolz darauf. Aber jetzt bin ich ein geschlagener Mann.“
„Tuch die Erhebung in den Ritterstand?“— 0
„Sthen Sie, Exzellenz, durch die Bekanntnachung, die heute in allen Zeitungen von Paris steht, werden die Leute sehen, daß ich heute zum Ritter der Ehrenlegion ernannt vurde."
ön. Und?“
„Ja. aber ich habe schon seit drei Jahren aus Fitelkeit und ohne Recht die Rote Rosette der Ehrenlegion im Knopfloch ragen.
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Beilage zum Allenaer Kreisblatt zugleich Neuenrader Zeitung
Nr. 46
Samstag, 16. November
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Nach dem Schiffbruch
Skizze von Anna Kappstein.
Einsame Frau, vom Leben verschlagen, auf einer Bank im Tempelrund jungbegrünter Eichen, unauffällig in Schwarz von Kopf bis zu Fuß, dennoch auffällig, weil alles von bestem Stoff und Schnitt und um einen Grad anders ist. als man es hierzulande trägt.
Einsamer Mann, vom Leben gehetzt, wandert vorüber und lüftet den Hut, wie es in der Kleinstedt üblich ist, wenn zwei Menschen sick begegnen. Sie dankt erstaunt. Seit Monaten hat sie nur mit Kellnern und Zimmermädchen gesprochen. Dieser Mann, denkt sie, sieht intelligent und gütig aus.
Er zögert im Schreiten, als spüre er den Eindruck, den sie von ihm empfing. Sein Blick fragt:„Was willst du von mir, den niemand mehr erkennt? Sie fühlt, daß sie nun irgend etwas sagen müsse, um den stummen Anruf ihrer Gedanken zu rechtfertigen. Und sie erkundigte sich mit fremdem Stimmenklang, um welche Zeit dieser Park geschlossen wird.
In der sachlichen Auskunft ist Wohlwollen, weil eine augenscheinlich Ortsfremde Gefallen an der unberühmten Schönheit dieses Gartens findet. Er macht auf einen schwer zu entdekkenden Aussichtspunkt aufmerksam. Sie bedauert, ihn versäumt zu haben. Mittlerweile werde es zu spät geworden sein, ihn aufzusuchen. Er erbietet sich, sie auf einem Abkürzungswege hinzuzuführen, so daß man rechtzeitig zum Sonnenuntergang kommt. Da erhebt sie sich rasch, bereit zu wandern. Soeben noch glaubte er, einen grauen Schimmer in ihrem Haar bemerkt zu haben und einen müden Zug in ihrem schmalen Gesicht. Jetzt, wie sie ausschreitet, sedernd und zäh. scheint sie drei5igjährig. Unwille beschleicht ihn, daß man heute keiner Frau mehr ansieht, ob sie jung oder alt ist. Es ist so schwer, die rechte Fühlung zu nehmen. Auf Abenteuer geht er wahrlich nicht mehr aus und möchte durchaus nicht mißverstanden werden.
Toch schaut sie aus wie eine Abenteuerin? Wenn auch die Begegnung mit einer Frau von Welt in dem abgelegenen stillen Badeort schon an sich ein kleines Abenteuer ist.
Die Dame schätzt den ritterlichen Takt. mit dem er weder einsilbig noch geschwätzig sich zu ihrem Begleiter macht. Untadelige Haltung stellt sie fest, so verzaust und verwittert er aussieht. Alte Garde. Das neue Geschlecht ist verwegener und unzarter.
Auf dem Hügel in der roten Sonne geflissentlich der Landschaft hingegeben, mustert einer den anderen mit verhohlener Neuaier. Ein Landwirt, ein Jäger, ein Offizier? Wos tut's? Auf jeden Fall ein Enttäuscher. Es stört ihr Feingefühl, ihn an ihrer durch internationale Eleganz jugendlich umschmeichelnden Kleidung über ihr Wesen rätseln zu lassen. Sie nimmt den Hut vom Kopf. daß die Abendluft ihr Haar bestreicht, und der Mann sieht, daß es grau und die Stirn von Falten des Grams gezeichnet ist Die Entdeckung macht ihn betroffen, so über legen ihre Sicherheit ihm vorkam.
Sie kann sich nicht enthalten zu lächeln. Ein beruhigendes Lächeln ganz ohne Gefallsucht, doch nicht ohne Humor. Ein Kameradschaftslächeln
Daraufhin mag man ein menschliches Wort wohl wagen. Wie lange redete der Verkrochene nur mit Kleinbürgern und Spießern! Seine Vergangenheit, noch ängstlich gehütet, wird ohne seinen Willen lebendig, sein Zielbewußtsein, Weltblick, Temperament.„Himmel“ denkt sie,„an wen bin ich geraten in dieser Enge auf meiner Flucht vor Lärm und Schicksa und den immer gleichen Bildern der überfüllten Grandhotels? Ein Mensch, ein Mensch kreuzt meinen Weg!".
Ihr Lächeln ist erloschen. Er stutzt. Ist er zu weit aus sich herausgegangen, weil es ihn unbefangen machte, mit einer Ausländerin zu
reden?
!„Warum unterbrachen Sie sich?“— Seine braunen Kiefer zucken:„Man soll sich nicht an Erinnerungen verlieren.“—„Dann würde mancher alles verlieren", erwidert sie bewegt. 5a spricht die Hoffnungslosigkeit“, wagt er
—„So spr
erschüttert vorzustoßen. Die Frau nickt:„Auch meine Welt ist zerfallen.“—„Auch—?“ Der Anflug eines Lächelns um erblaßte Lippen. „Eine Frau errät— Sie sind einer aus den alten Tagen Ihres zerschmetterten Landes, der die Zeit nicht mehr versteht.“—„Schlimmer noch: Mein eigenes Volk schmäht meinen reinen Willen. Ich bin ein Verkannter, Geächteter und grauenhaft allein— nun schon länger als ein endloses Jahrzehnt.“ Sie reicht ihm beide Hände in verstehendem Mitleid.„Wenn es Sie tröstet:„Ich bin eine Vertriebene. Sie haben wohl an meinem Akzent gehört, daß ich Deutschrussin bin. Mein Mann und meine Söhne sind ermordet, Haus und Besitz zerstört, all mein Lebenshalt zertrümmert. Seit zehn Jahren irre ich durch die Länder, um zu vergessen, und mich ekelt...“
Die Sonne war schon längst versunken, das Parktor geschlossen. Der Wächter mußte aus seinem Häuschen geklingelt werden, die Tür zu söffnen. Er tat es brummig, doch er stand stramm, ein alter Soldat.„Guten Abend, Exzellenz,“ Zum drittenmal das leise Lächeln der Fremden—„Also es stimmt. Ihr Gesicht erinnerte mich an Bilder, die ich sah.“
Nun mußte er wohl seinen Namen nennen. Es war der eines einst berühmten unglücklichen Heerführers.
Auf der Straße hielt er ihre Hand.„Ein Abschied für immer? Oder eine Freundschaft fürs Leben zwischen zwei Menschen, die wie von zwei Planeten zu einander stoßen?“ Sie entgegnete herzhaft:„Ich danke Ihnen für das Freundschaftsangebot. Ich bin bald eine alte
Frau und darf es ohne Umschweife annehmen. Dennoch: bunderterlei liegt zwischen uns an An schauung. Charakter, Rasse.“—„Aber eins verbindet: Menschlichkeit. Sie ist selten. Ueberdies: wenn die Jahre fortschreiten, gelangt man auf eine Höhe, unter der all jene Unterschiede im Nebel verblassen, ebenso wie der Reiz der Dinge, die Macht von Geld und Gut. Wesentlich bleibt nur eins: daß zwei Schiffbrüchige sich zusammen auf wohnbares Ufer retten.“
Die Wort geht weit über ein Freundschaftsversprechen hinaus und über Irrtum, ungeklärte Schuld, Verfolgung, Tod hinweg. Beide verschweigen, daß sie das fühlen. Die Zukunft wird für sich selber wirken. Eine große Befriedigung geht sternhaft über ihrer Jahre Neige auf. Nur mit einem Aufleuchten des Blicks durchwärmt die Frau ihr Wort:„Und wir wollen das Alter nicht schelten, daß es nicht seine eigene Romantik habe. Die der Jugend ist billig, die der Reise kostbar.“
Die Leute von Gabrowo
Satire von Max Geißler.
Wie lagen auf Langstühlen am Bananenwalde der Pflanzung seines Vetters. Mein Freund Kovacevie ist Serbe und arbeitet dementsprechend für den Weltfrieden. Damals war er einer der Chefingenieure bei einem Brückenbau in Tanganjika, bei dem viele Arbeiter ihr Leben durch Ueberfälle von Löwen verloren. Kovacevic erzählte mir:„Wir Serben pflegen von jeher Werke des Friedens. Unsere Politik liefert dafür die Beweise. Wir sind bemüht, alles durch Verhandlungen zu regeln. Der Krieg ist ein Gewaltmittel, das wir verabscheuen.“ Kovacevic sagte das mit der Sicherheit der Ueberzeugung.
Ich hörte stillvergnügt zu.„Kovacevic“. sagte ich dann,„wir wollen von etwas anderem reden.“ Ich weiß, er kann das nicht; denn er will einmal Minister des Aeußeren in Jugosla wien und später Kolonialminister werden. Später
Wovon er in der nächsten Minute schwieg, ließ sich ahnen; denn er begann:„.. es ist immer die Schuld der anderen, vor allem der Bulgaren. Wir lieben sie. Kein Volk der Erde kann sich mit ihnen messen, was Tugenden anlangt.“
„Woran denkst Du dabei, Kovacevie?“
„Nun, da ist gleich ihre Sparsamkeit!“ rühmte er und richtete sich im Langstuhl auf.
„Ich schätze Sparsamkeit sehr“, sagte ich „Dann mußt Du nach Gabrowo ziehen. In Gabrowo wohnt der Schutzgeist der Sparsamkeit. Du paßt da sehr gut hin.“
„Wo liegt Gabrowo?. Und was hat es sonst für Bewandtnisse damit?“ fragte ich arglos.
„Es liegt in Ostbulgarien“, sagte er heiser. Heiserkeit ist bei ihm die Verhüllung eines Aergers— in diesem Fall: über die Schwäche meiner Geographie.
„Aha“. machte ich bedeutungsvoll.
„Die Bulgaren sind ein Volk der Intelligenz“, sagte er. Du glaubst nicht, was für Erfindungen die Leute von Gabrowo machen, um ihre Ausgaben auf ein Mindestmaß zu beschränzen"
Weil ich politische Gespräche abgelehnt hatte. hüllte er sie nun in den Schlafrock von Schildbürgereien. Der Dämon des Südens brannte zwischen Aequator und Wendekreis ein Feuerwerk ab; aber das entging meinem Kovacevic. Es hat kein Mensch in der Weit einen Mund, um den der Spott spielt wie um seinen. Dieser Spott hat sich ihm während der Geburt um die Lippen gefaltet.
Unentwegt fuhr er fort:„In Gabrowo gehen in den Nächten die Uhren nicht.“
„Die Uhren nicht?“ fragte ich.
„Ja“, sagte er mit einem Anflug von keit.„Sie werden angehalten, um das Räderwerk zu schonen. Wer schläft, fragt nicht nach der Stunde. Und wenn alles schläft, brauchen auch die Uhren nicht zu wachen.“
„Die Leute von Gabrowo sind hauzig“, sagte ich.
„Die Katzen noch mehr— sie haben dort keine Schwänze.“
„Eine Vergeßlichkeit der Natur?“ fragte ich
Kovacevic ward heiser.„Ah wo— man hackt sie ihnen ab! Wenn man im Winter eine Katze zur Stubentür hinausläßt, muß auch der Schwanz mit, verstehst Du! Deshalb bleibt die Tür für Sekunden länger offen. Das ist Wärmeverschwendung und fordert ein mehr von Holzverbrauch,“
Ich beschloß, mit Kovacevie von Tanganjika nach Gabrowo zu reisen.
„Dann gehen wir dort auf einen Ball“, sagte er.
„Ich tanze nicht.“
„Es ist auch nicht nötig“, sagte er,„ein Balk in Gabrowo ist ein Schauspiel an sich. Die Damen halten die Fächer vor das Gesicht und machen sich kühl, indem sie den Kopf hin und her shewegen.
„Ich verstehe nicht... auch aus Sparsam
keit?“
„Mein Gott, ja!“ sogte er mit rauher Stimme,„der Fächer könnte entzwei gehen, der Kopf kann das nicht.“
„Und Du soust unter die Dichter gehen, Kovacevic!“
„Einfach=nüchterne Tatsachen, die ich berich te!“ sagte er, belegte das mit einem Eid und zündete sich dabei eine Zigarette an. Dann fuhr er fort:„Eines Abends, zum Beispiel war ich bei meinem Onkel Lipacef— du weißt: dem bulgarischen Staatsmann. Er hat ein Sommerhaus in Gabrowo, hatte Gesellschaft von Damen und Herren mit Namen von Klang. Als alle da waren, erhob sich Lipacef und drehte das Licht aus.„Wir kennen uns,“ sagte er,„wir sind hier, uns geistvoll zu unterhalten. Dazu braucht man kein Licht.“ Man sprach also im Dunklen. Dann kam die Stunde der Trennung. Livacef erhob sich, das Licht wieder anzuknipsen...„Au=gen=blick, bitte! Einen Augenblick!“ rief da eine Männerstimme und über
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