Im Laufe zweler Jahre wuchs Stau Kokos
Macht derartig, daß die gesamte chinesiiche und internationale Polizei Schanghais auf seine gehetzt wurde. Tatsächlich gelang es, eines der Häuser, in dem die Geraubten dis zur Zahlung des Lösegeldes gefangen gehalten wurden, auszuheben. Einer von Siau Kokos Vertrauten und sechzig untergeordnete„Angestellte“ konnten festgesetzt werden. Zum Erstaunen der Polizei stellte es sich heraus, daß sich unter den Verbrechern verschiedene Chinesen befanden, die einen geachteten Namen als Ladenbesitzer auf der Kanton Road bejaßen. Ueber den geheimen Führer selost war aber nicht das Geringste zu erfahren.
Einige Zeit danach konnte die Polizei ausfindig machen, daß einer der Direktoren des noch immer blühenden Unternehmens einer jungen Chinesin den Hof machte. Einem chinesischen Detektiv gelang es, ein Zimmer im Hause des jungen Mädchens zu mieren und sich dort mit seiner Frau— als gebrechliche alte Leute verkleidet— einzurichten. Er mußte drei Wochen Tag und Nacht Wache halten, dis sich der Gesuchte endlich einstellte. Aber erst nach Tagen gelang es ihm, das Liebespaar bei der Verabredung eines Stelldicheins zu belauschen. Als der Gesuchte dann pünktlich eintraf, wurde er vor dem Hause von einig#n Kulis angerempelt. Er verbat sich die Belästigung und war ein paar Sekunden später von den verkleideten Polizisten gefesselt.
Vor dem Untersuchungsrichter trat der Gesangene selbstbewußt auf:„Behandeln Sie mich anständig, und ich erzähle alles.“ Der Richter lud ihn höflich zu einer Tasse Tee ein, und der Chinese behannte alle Verbrechen, an denen er beteiligt gewesen war, weil er wußte, daß es für ihn doch keine Rettung mehr gab. Am wertvollsten waren die Angaben, die er über Siau Kokos Person machen konnte. Er wurde zum Tode verurteilt und verzog keine Miene dabei. Als er zum Richtplatz geführt wurde, erhannte er unter den Gaffern einen Chinesen, der einmal von seiner Bande geraubt worden war, aber vor Zahlung des Lösegeldes hatte entkommen können. Die beiden alten Bekannten begrüßten sich mit ausgesuchter Höflichkeit, und der einstige Geraubte reichte dem Verbrecher eine Flasche Bier. Der Todeskandivat trank sie ruhig aus, sagte seinem Bekannten„Lebewohl" und ließ sich ohne jede sichtbare Erregung den Kopf vor die Füße legen.
Nun, da der Polizei die Person des geheimnisvollen Verbrecherführers Siau Koko bekannt war, konnte sie nach ihm fahnden. Zwei Razzien hintereinander wurden auf seine Häuser unternommen, doch den Führer selbst sand man nicht. Nach kurzer geschäftsloser Zeit blühte das Unternehmen von neuem auf. Der Organisator schien, obwohl man seine Personalbeschreibung und seine Gewohnheiten kannte, unauffindbar. Dann aber gelang es überraschend, ihn doch festzunehmen, und zwar in der Uniform eines Generalstabsoffiziers. Es stellte sich heraus, daß Siau Koko öffentlich mit Offizieren, seinen alten Kameraden von der Militärakademie, verkehrt hatte und von allen für einen Waffenbruder und ehrlichen Menschen gebeiten worden war.
Der Henker beendete bald darauf die Laufbahn dieses Meisterverbrechers, doch der Menschenraub hat deswegen in Schanghai noch längst nicht aufgehört.
—12-*
2000 Jahre vor Tutankhamen
Ein 5 600 Jahre altes Grab.— Schönheitspflege ägyptischer Königinnen.— Sechs Generationen der ägyptischen Königsfamilie.
Der bekannte amerikanische Archäologe Dr. George A. Reisner ist von einer zweijährigen erfolgreichen Aegypten=Expedition zurückgekehrt, die er im Auftrage des Bostoner Museums der Schönen Künste unternommen hat. Reisner ist bei seinen umfangreichen Ausgrabungen auf die Sarkophage der Königin HetepHeres, der Mutter des Erbauers der CheopsPyramide, und auf das Grab der Königin Merefankh, einer Nachkommin der Hetep=Heres gestoßen und hat damit, abgesehen von der Ausgrabung des Tutankhamen, die bedeutendsten Entdeckungen der jüngsten Altertumsforschung gemacht. Ueber die Beschichte der ägyptischen Königsfamilie, sowie über Leben und Sitten im alten Aegypten lieferte die Expedition Reisners überaus wertvolles Material.
Als Reisner nach langen Ausgrabungen end
und ihn in Gegenwart ägyptischer Regierungs
beamter öffnete, fand er ihn leer. Anzeichen deuteten darauf hin, daß die Mumie sich bereits bei dem Begräbnis, das Cheops seiner Mutter vor 5000 Jahren mit großem Pomp bereitete nicht mehr in dem Sarkophag befunden hat. Sonst waren das Grab und der Sarkophag vollkommen unversehrt. Dr. Reisner erklärt sich diese sensationelle Entdeckung damit, daß die Mumie der Hetep=Heres bis zur Fertigstellung des Prunkgrabmals an einem anderen Platze beigesetzt worden ist, wo sie Diebe der kostbaren Schmucksachen wegen raubten. Später habe Cheops dann die mit großem Aufwand vorbereitete Beisetzung des leeren Sarkophages vornehmen lassen.
Das Grab der Hetep=Heres gibt interessante Aufschlüsse über die vielgerühmte ägyptische Schönheitspflege. Lippenstift und„Rouge“ gab es allerdings zur Zeit der Hetep=Heres noch nicht, doch scheint das schöne Geschlecht schon damals mindestens ebenso große Erfahrung in „Aufmachung“ gehabt zu haben wie heute.
Schöne und gut erhaltene Möbelstücke wurden im Grabe der Hetep=Heres gefunden. Diese sind, wie Doktor Reisner erklärte, die ältesten, die wir überhaupt auf der Welt kennen. Geschichtlich sind Feststellungen der ReisnerExpedition von großer Bedeutung für die Kenntnis der Entwicklung der ägypiischen Dynastie fast 2000 Jahre vor Tutankhamen.
„Alle großen Könige, Königinnen und Prinzen der Dynastie stammen von Hetep=Heres ab“ erklärte Doktor Reisner in einem Bericht über die Expedition.„Diese Königin lebte 3.0) v. Chr. Um dies zu veranschaulichen, muß darauf hingewiesen werden, daß bei ihrem Tode noch keine Pyramide auf dem Plateau von Gizeh stand, und daß sich auch die Gestalt der Sphinx noch nicht aus dem Wüstensande erhob. Keiner der großen Tempel war begonnen.“
Durch diese Funde sind sechs Generationen der ägyptischen Königsfamilie der Vergessenheit entrissen worden.
„Im Grabe der Königin,“ fährt Dr. Reisner in seinem Bericht fort,„fanden wir Hausgerätschaften aus dem Königspalaste, das königliche Ehebett mit einem mächtigen Himmel, sowie als Prunkstück eine wundervoll erhaltene Sänfte aus Gold und Ebenholz, die mit goldenen Hieroglyphen versehen ist.
Daneben fanden wir Armsessel und eine Schmuckschatulle mit Armbändern, Rasiermessern und Messern aus Gold, Kupfer und Fiint, die bei irgendwelchen Zeremonien Verwerdung gefunden haben. Ferner fanden wir ein hübsches Manikurebesteck, das in Zusammer“ ing und Form stark an die heute in Gebrauch befindlichen erinnert.“
„Drei große Goldbecher und acht irdene Krüge enthielten Schönheitscreme und Parfüm. In einer großen hölzernen Kiste standen zwei Krüge, die Mittel zum Dunkelfärben der Augen brauen und eine grüne Farbe enthielten, mit der man sich damals die Augenwinkel ausmalte um sie länger erscheinen zu lassen. Aufschriften an den Krügen teilen jedesmal den Verwendungszweck für den Inhalt mit. Neben den Krügen fanden wir passende Löffel, mit denen die Salben den Krügen entnommen wurden.
Bei seinen Nachforschungen nach alten ägyptischen Königsgräbern stieß Dr. Reisner auf eine Reihe von Forts in der Nähe des zweiten Nilkatarakts. Dieser Fortsgürtel ist,.5 Dr. Reisner feststellen konnte, etwa vor 2000 Jahren von den Pharaonen der zwölften Dynastie zum Schutze der Handelsschiffahrt zwischen Aegypten und dem Sudan angelegt worden. Er befindet sich etwa 110 Kilometer oon Chartum entfernt.
—42.—
Herr Nemsi prüft seinen Schwiegersohn
„Herr Nemsi, der reichste Tabakhändler von Stichar, der Hauptstadt der indobritischen Provinz Katskar, besaß eine einzige Tochter, die schöne Nimet. Sie hatte ihr Herz an einen gänzlich unbemittelten jungen Mann verloren. der Vater verweigerte also— wie dies in solchen Fällen nicht selten geschieht— seine Ein.villligung zu der Mesalliance. Worauf der Auserwählte von Fräulein Nimet seine Braut sangund klanglos entführte. Darüber hinaus sogar spurlos: Die Polizei war außerstande, den Aufenthaltsort der Entführten zu ermitteln. Schweren Herzens trat der unglückliche Vater eine unaufschiebbare Geschäftsreise an. Mi: mehreren Geschäftsfreunden. In Wirklichkeit gehörten die Ehrenmänner sämtlich der wohl
Remsi an, der sich in seinen forten Sunden nulk solch polizeiwidrigen„Geschäften" besaßte. In einer entlegenen Höhle befand sich der Lagerraum der Genossenschaft. Zu ihrem nicht geringen Schreck stellte sie nun fest, daß ihr Verstech entdeckt worden war: Aus der Höhle drang ein Stimmengewirr zu den Ohren der Ankömmlinge. Ohne viel Umstände eröffneten Nemsi und seine Begleiter ein Gewehrfeuer, um die ungebetenen Gäste ins Jenseits zu befördern. Da erscholl ein verzweifelter Schrei:„Vater!“ Herr Nemsi war maßlos erstaunt: An di:m finsteren Orte hoffte er seine entführte Tohter am allerwenigsten wieder zu finden.„Streckt die Waffen!" beeilte sich der Schmugglerführer zu kommandieren und sah sich die Eindringlinge näher an. Es handelte sich ebenfasls m eine allem Anschein nach vorbildlich geleitete „Genossenschaft". Ihr Führer war der Bräuigam der schönen Nimet.„Ein tüchtiger Kaufmann", dachte sich Herr Nemsi und ersuchte den jugendlichen Generalissimus der feindlichen Schmugalerarmee um eine kleine Konferenz. Die verlief dann zu allseitiger Zufriedenheit. Durch„Einheirat“ fusionierten die beiden Gesellschaften. Sie arbeiten seither(zum größten Leidwesen der Behörden Hand in Hand:rr
Nemsi: und sein„geprüfter“ Schwiegersohn sind gleichberechtigte Overbefehlehaber...
—(2—
- An. Saeuns p
Fahrendes Volk.
Als unter Kaiser Maximilian 1499 ein Reichstag in Regensburg tagte, hatte der Magistrat der Stadt verboten, den fahrenden Leuten die Tore zu öffnen, um jeden unnötigen Lärm aus der Stadt fern zu halten. Vor dem Tor der Stadt warteten sie auf die Ankunft des Kaisers und baten ihn, beim Magistrat für sie die Erlaubnis zum Einzug in die Stadt zu erwirken. Der Kaiser antwortete scherzend:„Faßt den Schweif meines Pferdes; was an meinem Pferde hängt, wird der weise Rat der Stadt wohl mit hinein lassen müssen.“ Da saßzten einige den Schweif des Pferdes, und alle anderen hängten sich an die Kleider der Torangehenden, so daß ein langer Zug fahrender Leute am Schweif des kaiserlichen Pferder hing. — So kamen die„Fahrenden" im Jahre
in die Stadt Regensburg.
„Kleine Uürfochen...
Der große amerikanische Bürgerkrieg h. seine Ursache darin, daß die Nordstaaten die im Süden herrschende Sklaverei nicht länger dulden wollten. Frau Beecher=Stowe, die Verfasserin des uns allen aus der Jugendzeit kekannten Romans„Onkel Toms Hütte“, hatte mit diesem Buch die Gemüter lo erregt, daß ihnen kein anderer Ausweg blied als eben der Krieg.
Lincoln, der Präsident, wußte das genau. Als ihm eines Tages die Beecher=Stowe vorgestellt wurde, wandte er sich erschüttert ab:„Sie sind also die kleine Frau, die den großen Krieg gemacht hat!“
Als Reisner nach langen Ausgrabungen end= gehörten die Ehrenmänner sämtlich der
lich auf den Sarkophag der Hetep=Heres nieß orgunizerten Schmugalerbande des Herrn
Selhstmoricher.
In einem estländischen Dorse gerät ein Bauer mit seiner Eheliebsten in Streit. Schuld daran ist der ungeheuer kräftige estländische Schnaps, der würdige Nachfolger des rufftichen Wodka. Von Schnaps und Zorn umnebelt, bezchließt der Bauer, dieser bösen Welt Lebewohl zu sogen. Er nimmt einen Strick, steigt oamit auf den Boden seines Hauses, klettert auf einer Leiter nach den Dachsparren herauf und erhängt sich kunstgerecht. Doch— der Strick ist alt und reißt. Der Bauer kracht durch den morschen Fußboden mitten in seinen Schafstall dinab. Der Schafe bemächtigt sich ob dieses nächtlichen Einbruchs, oder vielmehr Durchbruchs,„Des Entsetzen. Doch die Böcke verlieren nicht den Kopf und stehen beldenmütig ihren M Sie stürzen sich kurzerhand vollkommen respektlos auf ihren Herrn und verwickeln ihn in einen regelrechten Boxkampf, in dem er natürlich den weitaus kürzeren zieht. Auf sein jämerliches Hilfegeschrei eilt die Gattin des Pechvogels herbei und rettet ihn davor, endgültig knock=out geschlagen zu werden. Sie geleitet ihren Mann ins Wohnzimmer, und seine ersten Worte sind:„Der Kuckuck soll das verdammte Hängen holen! Man kann ja dabei wirklich ums Leben kommen!“— Dieser Mann macht bestimmt niemals mehr einen Selbstmororersuch!
Verantwortlich: H. Semmelmann, Altena. Druck und Verlag: Dr C. Santz, Altena.
Beilage zum Altenaer Kreisblatt zugleich Neuenrader Zeitung
Nr. 41
Mittwoch, 13. November
1929
Ueber den Glocken
Von Carl Kahle.
Es ist ein sonderbares Gefühl, sich über den Glocken eines Kirchturms zu befinden, wenn sie ihren ehern mahnenden Klang hinaus senden über Stadt und Dorf, über weite Gefilde und durch Taisenben dahin, wa die Bergwand den Schall auffängt und zurück gibt. Manchmal haben wir so im engen Stübchen gesessen, hoch über den Bewohnern, auf einem alten Kanapee, und der Türmer=August, wie der Wächter des Turmes in jenem Städtchen burz genannt wurde, war eine Anzahl Stufen hinunter gestiegen, um im Glockenraume den Sonntag einzuläuten oder einem Toten den letzten Weg
gruß aus lichten Höhen mitzugeben. Dann n wir, wie die alte Hängelampe über dem Tischchen allmählich in Schwingungen geriet, wie ihre Pendelbewegungen immer stärker wurden und sie zuletzt wohl einen Ausschlag von zwanzig Zentimetern zeigte. Zugleich aber waren auch wir nicht im Beharrungszustande geblieben und fühlten deutlich, wie unser Polstersitz ebenfalls in den Rhythmus der Glocken, der Lampe, des Gemäuers einstimmte. Ein leichtes Wiegen— wie in frühester Jugend— zum Klange des Erzes, das uns Künder ist von allem Leid und aller Freude, denen der Mensch auf seinem Erdenwege begegnet.
Die Notwendigkeit, Kirchtürmen eine gewisse Elastieität zu belassen, hat ja naturgemäß diese Erscheinung im Gefolge. Bei diesem Turme kam aber einmal seine nicht alltögliche Höhe hinzu,— mußten wir doch zweihundertachtzig Stufen erklimmen, um von seiner höchst erreichbaren Spitze aus einen erhebenden Rundblick zu genießen—, zum andern wurde die Hauptgloche nicht etwa nur hin und her bewegt, sondern vollkommen radmäßig um ihren Tragbalken geschleudert, wodurch selbstverständlich das gesamte Gebälk des Glockenstuhles besonders heftig in Anspruch genommen wurde. Das Handwerk des Türmers, das seinem Vater in Ausübung des Dienstes den Tod gebracht hatte, war infolge dieser Einrichtung nicht ungefährlich. Stand er doch in einer kleinen Mauernische, um jeweils, wenn der Kranz der Glocke zu seinen Fühen war, dieser dadurch neuen Schwung zu verleihen, daß er auf ein am Kranze angebrachtes Brett trat, um danach schleunigst wieder in seiner Nische zu verschwinden, dis sich eine Umdrehung vollendete. Wehe, wenn dabei der Fuß gefaßt wurde! Ein Herabgeschleudertwerden auf den Fußboden war in diesem Falle unvermeidlich und hatte bei der Wucht des Schwunges den Tod zur Folge. So sahen wir denn auch mit einigem Schauder auf einen zerrissenen, blutgetränkten Pantoffel, der an der Wand hing, eine sichtbare Mahnung an das Schicksal des Türmervaters.
Es wird für manchen von Interesse sein zu hören, daß so ein Türmer auch in normalen Ziebzeiten ziemlich unkündbar ist, und zwar insbesondere wegen des Wohnungswechsels in wörtlichster Bedeutung. Wer einmal auf der Rundtreppe eines wirklich hochragenden Kirchturmes den Himmelehöhen in bescheidenem Maße entgegen gewandelt ist, wird sich eines Gefühls der Enge nicht haben erwehren können. Diese bedingt, daß größere Möbelstücke über diesen Weg nicht befördert werden können. Sie müssen daher an der Außenwand des Turmes hinauf gewunden oder hinab gelassen werden. Und das ist bei der dazu erforderlichen Anlage eines kleinen Kranes oder zumindest einer Wellenvorrichtung so umständlich, daß man am besten schon alles auf dem einmal besetzten Platze stehen läßt, wenn möglich durch Generationen hindurch. Außerdem hat so ein Türmer ja auch wenig Gelegenheit, mit seinen Mitmenschen in Konflikte zu gera
wie mancher Leuchtturmwächter, der in seiner Deshalb erzählt er uns mit dem gläubigsten Behausung auch so abgeschlossen lebt, daß er sie Gesicht, Seneca habe den Zorn Neros geweckt.
nur selten verläßt. sweil er
Dazu hatte eine wohlweise Behörde unserem Türmer=August zwar keine besondere Dienstleistung anvertraut— denn das Ueberwachen der Stadt und der Umgebung in Bezug auf ausbrechende Brände ist ja mehr oder minder immer eine Aufgabe für diese Hochgeborenen mit gewesen—, aber die Ausfuhrung hatte doch eine hemmende Ortsgebundenheit im Gefolge. Dieser Türmer hatte nämlich die Pflicht der unten lauschenden Polizei jede Viertelstunde, sei es Tag oder Nacht, durch sein Tutehorn aus einem der vier Turmfensterchen heraus seine Wachsamkeit zu verkünden. Wenngleich auch die Frau öfter diesen Dienst versah, so sind Viertelstunden doch schnell verflossen, und es soll vorgekommen sein, daß einmal eine überschlagen wurde. Denn schließlich blickte man vom vierten Fenster aus über einen von der Polizei weniger abzuhörenden Stadtteil ins freie Gelände, und diese Richtung mußte natürlich auch dann und wann nach Feuerschein abgesucht und mi. dem lieblichen Klange des Tutehornes beglückt werden.
Manchen Nachmittag haben wir freilich, die wir damals noch vom frohesten Jugendübermut strotzten, den Türmer=August besucht, um ihm die Arbeit abzunehmen. Aber lange dauerte das nicht, denn wir begnügten uns nicht mit kurzen Zeichen der Wachsamkeit, sondern ließen das eigenartige Instrument immer erst nach
tanger Benutzung wieder zum Schweigen kommen. Und wie so Behörden nun einmal sind statt des Dankes ernteten wir eine ernste Vermahnung und mußte das Tutehorn, durch das wir uns nach Wilhelm Busch gern in die Laufbahn des Kandidaten Jobs eingefühlt hätten, wieder an den rechtmäßigen, amtlich beglaubigten Bläser abgeben, damit er in eigener Person von Viertelstunde zu Viertelstunde seinen Mitbürgern weit da unten verkünden konnte, daß er von hoher, luftiger Warte sich ihr Wohl angelegen sein ließe.
—70.—
Napoleons Landsleute
Keiseerinnerungen von Karl Helm.
Der Wirt.
Der erste Korse, mit dem wir beiden Landsleute nach unserem Futzmarsch an der Küste von Cap Corse entlang in nähere Berührung kommen, ist der Wirt vom„Touring Club“ in Luri. Ein forscher Sechziger, den weißen Schnurrbart hochgezwirbelt, erwartet er uns in Hemdssärmeln vor dem„Hotel“, einem der wenigen besser erhaltenen Häuser des Dorfes. Hoheitsvoll und doch mit ausgesuchter Höflichkeit weist er uns die Zimmer, deren breite Betten in makelloser Frische glänzen. Dann sitzen wir mit ihm in der rauchgeschwärzten Küche und machen auch die Bekanntschaft Madames, die sich als Perle unter den Köchinnen Korsikas entpuppt. Der Hausherr hält es für seine Pflicht, die Gäste zu unterhalten. Wir erfahren, daß er zwanzig Jahre lang Museumstischler im Pariser Louvre gewesen ist. Anscheinend hat er sich dort im Umgang mit ägyptischen Königsmumien den weltmännischen Schliff angeeignet, den er selbst in Hemdsärmeln verrät. Die Theorie von der spanischen Abstammung der Korsen findet in uns neue Anhänger, jetzt, da wir die Grandezza dieses Dorfwirts kennen lernen. Er preist die Vorzüge seiner korsischen Heimat und kommt auch auf den Glanzpunkt der näheren Umgebung, den Senecaturm, zu sprechen. Als alter Geschichtskenner will er uns natürlich auch darüber aufklären, warum der römische Philosoph angeblich dort oben
kein Streichholz zur Hand gehabt habe, als der Kaiser sich eine Pfeise anstecken wollte. Unser herzhaftes Lachen über diese gewagte Verknüpfung eines altrömischen Kaisers mit dem modernen Schwefelholz und Tabak hält er für Anerhennung und freut sich.
Der Gendarm.
Da verdunkelt sich plötzlich die Tür, und kein Lichtstrahl fällt mehr in die Küche. Zwei oder drei Sekunden später erst merken wir, daß ein Gendarm seinen Bauch zu uns hereingeschoben hat, und wir werden dem dicken Herrn, dem Oberbefehlshaber über die vier Männlein des Landjägereibezirks, vorgestellt. Nachdem sein an tliches Auge uns geprüft und anscheinend unverdächtig gefunden hat, läßt er sich seufzend in unserer Mitte nieder und schlägt in das Essen ein, daß er balb den Kragen öffnen muß. Er ist von einer strahlenden Gutmütigkeit, erzählt uns die interessantesten Dinge von seinen Feldzügen, die ihn aus seinem Heimatsdorf im korsischen Hochgebirge um die halbe Welt geführt haben, und freut sich wie ein Kind über das Geschenk, das wir ihm machen, eine geschnitzte deutsche Jägerpfeise. Dann schleift er uns zusammen mit seinem Freund, dem Wirt, voll Stolz durch sämtliche Kneipen Luris und sorgt väterlich dafür, daß unsere etwas unsicheren Beine ungefährdet nach Hause finden. O seliger Kapweinschwips, über den die Gendarmerie so fürsorglich wacht!
Der Volbsschellzigehter.
ten, die zur Kündigung führen können, ähnlich hoch über dem Lurital in der Verbannung lehte.
Eigentlich gehört er nicht zu Napoleone Landsleuten, denn seine Wiege stand irgendwo in Französisch=Lothringen. Aber er lebt schon seit drei Jahren auf der Insel und hat borsisch fluchen gelernt. Damit scheinen seine Kenntnisse der korsischen Volksseele erschöpft zu sein. Wir treffen ihn in einem kleinen Ort an der Küste beim Mittagessen im einzigen Wirtshaus und erfahren schon nach drei Minuten, daß er den achtungeinflößenden Posten eines Volksschulinspektors für das Arrondissement einnimmt. Hätte er uns das nicht mitgeteilt, so müßten wir den Zwei= oder Dreiunddreißigjährigen für einen Handelsreisenden halten, der in seinem Kleinkraftwagen die Dörfer abklappert. Er schimpft wie ein Rohrspatz über dieses Land, das er nur als Sprungbrett zu rascherer Beförderung betrachtet, in dem alles Essen nach Knoblauch schmeckt und wo die Schulen oft so hoch in den weglosen Bergen liegen, daß der gestrenge Herr Schulinspektor gar zu Fuß gehen muß. Alles weiß er besser als die Korsen selbst, und die Wirtin zuckt hinter ihm her die Achseln:„Dagegen kann man nichts machen!"
Der Posibote.
Gegen den Postboten ist unser alter Bekannter, der Gendarm, der reinste Waisenknabe. Sein Bart liegt schwarz und buschig auf der Heldenbrust, und sein Bauch spannt den dunkelblauen Dienstrock zum Platzen. Frühmorgens um sieben schon steht er auf der Piazza, wartet auf den Auktionator und geht mit dem kleinen, aber gewichtigen Männchen, das er um zwei Kopflängen überragt, in ernste Gespräche vertieft auf und ab. Immer zwanzig rasche Schritte vorwärts, die fetten Hände hinter dem Rücken verschränkt, linksum kehrt, zwanzig Schritte zurück, die Hände jetzt gestikulierend in der Luft. Dann kommt das Auto mit der Post. Es hält auf der Piazza neben dem Postboten. Der streckt den Bauch vor und wirft sich in amtliche Haltung, denkt aber gar nicht daran, den Postsack aufzuheben, sondern rührt sich nicht, bis der vielbeschäftigte Kraftwagenbegleiter die Post ins Amt hinüber