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chen zum Tanz:„Komm her. Torschen:“ Dann aber klirrten die ersten Bierseidel, die Musik spielte flotter, und Leben kam in Mund und Beine.

Mieke Westermann hatte zu tun. Schweigend räumten ihr alle jetzt schon den Ehrenplatz der Bäuerin ein, und jeder wollte mit ihr tanzen. Dann schwenkte sie August Cordes kräftiger Arm über die Diele, daß Lichter und Kränze, Gesichter und Pfosten in schwindelndem Kreise um sie tanzten. Da bat sie ihn leise:„August, geh mit ins Freie, mir ist so heiß und übel.“

Sie traten vor das Haus, und Mieke erschrak sast vor dem Nebel, der weiß und schwer über der Erde lag. Sie schmiegte sich fröstelnd an den großen Mann:„Wie unheimlich sieht dies alles aus! So tot und stumm. Wie Gespenster sind die Bäume. So recht eine Nacht für Ein­brecher, die sich in den Nebel ducken und unge­sehen bleiben.“ Sie schauderte leise. Doch August Cordes lachte ein wenig spöttisch:„Hast Du Angst, Mieke? Wie kann eine Bäuerin sich fürchten auf ihrem eigenen Hof?"

Nieke Westermann war ein wenig blaß, als sie auf die Diele zurückkam. Den anderen stand die frohe Erregung des Tanzes rot auf den Backen. Der alte Großknecht trat auf die zu­künftige Bäuerin zu und wunderte sich:„Was hast Du? Siehst aus wie der Flott auf der Milch!“ August Cordes antwortete für Mieke: „Ein wenig bange ist ihr geworden, weil der Nebel so braut und weil sie an Einbrecher dachte.“—„Einbrecher?" Der Alte zog sein Ge­

sicht in Falten.„Einbrecher? Ja, die kriechen in olchen Nächten aus ihren Schlupfwinkeln und schleichen um die Häuser. Mein Vater hat mir erzählt, was in seiner Jugend ein Mädchen hier auf dem Hofe erlebte. Es war gerade so eine Herbstnacht wie heute, und der Nebel verdeckte die Wiesen. Bis zum Fenster der Kammer, in der die Deern schlief, stand er wie so ein un­durchdringlicher See von Milch, der gegen die Scheiben drückt und herein will. Und dem Mädchen war angst und bang. Es hörte ein Käuzchen schreien und fuhr in seinem Bett hoch. Da sah es, wie aus dem Nebel eine Faust hoch­stieg, und„klirr" zersprang das Fenster. Der See floß in die Kammer, dick und schwer, und mit ihm schwamm der hinein, dem die Faust ge­hörte. Die Deern lag schon halb tot vor Angst, als der Kerl die Finger um ihren Hals krallte und sie erwürgte, weil er wußte, daß ein paar Taler unter ihrem Kissen lagen. Ja, Mieke, es war gerade so eine neblige Herbstnacht wie heute.“—

Die Faust aus dem Nebel verfolgte Mieke in den Trubel des Festes hinein. Ihr war, als lege sich die kalte Hand auch um ihren Hals, und sie stöhnte, während sie mit schweren Gliedern in August Cordes Arm über die Diele tanzen mußte:„Du, ich habe Angst. Was der Groß­knecht erzählt...“—... ist alles Unsinn,

Mieke. Hier auf dem Hof darfst Du Dich nicht fürchten. Meine Bäuerin muß es mit dem Teu­sel aufnehmen können. Frisch, Mädchen, tanze! Es ist der Hinausschmeißer, und keiner soll noch im letzten Augenblick über Dich lachen.“ Mieke Westermann riß sich zusammen, und während die letzten Takte des Tanzes über die Diele schmetterten, keimte in August Cordes ein Plan:„Sie soll das Fürchten verlernen!“

Ruhe lag nach dem Jubel über dem großen Hause. Mieke räumte in der Küche die Speise­reste fort. Sie arbeitete langsam und tat man­chen Griff unnötig, denn sie scheute sich, ihre Kammer aufzusuchen. Da trat die alte Bäuerin zu ihr:„Mieke, laß gut sein für heute. Hör auf und leg Dich zu Bett. In der Kammer ist Kerze und Streichholz. Und nun gute Nacht. Wirst sein schlafen können nach all dem Lärm.“ Da fühlte das Mädchen wieder die Angst an sich hochklettern.„Mutter". wollte es bitten,„laß mich bei Dir in der Kammer schlafen. Ich fürchte mich allein dort oben.“ Doch Mieke We­stermann schwieg:„Was sagte er doch? Er mag es nicht leiden, wenn ich mich fürchte. Seine Bäuerin muß es mit dem Teufel aufneh­men können.“

Sie tappte sich durch das dunkle Haus zur Stiege. Ihre Nerven waren gereizt, und sie fühlte, wie ihre tastenden Fingerspitzen zitter­ten. Sie fand die erste Stufe, betrat sie und fuhr vor dem Knarren, das ihr eigener Fuß weckte, zusammen:„Unsinn! Weiter!“ Sie stieg drei, vier Stufen hinauf. Dann blieb sie re­gungslos stehen. Atmete da nicht einer? Knarr­te nicht etwas?„Mieke, Du bist verrückt; das warst Du ja selbst! O. wie ist die Treppe dun­kel! Nur das kleine Fenster dort auf dem Ab­satz wirft ein bleiches Viereck in die Schwärze. Und gerade dort will der Nebel zu mir herein, der Nebel, aus dem die Faust aufwuchs. Ach, Unsinn, reiß Dich zusammen, Mieke!"

Drei, vier Tritte ächzten. Noch eine Stufe, dann stand Mieke Westermann auf dem Trep­penabsatz, vor dem schwarzen, schmalen Schlund,

ihr Herz schlagen, fuhlte etwas Feuchtes über ihre Stirn fließen:„Blut: Unsinn! Angstschweiß. Nun geh doch vorbei am Fenster! Ich kann nicht. Wenn die Faust nun käme, aus dem Dun­kel hervorstieße und mich packte! O, wie entsetz­lich!“

Und plötzlich wuchs aus dem Dunkel des Gan­ges eine Riesenfaust hervor, fürchterlich in ihrer geisterhaften Lautlosigkeit. Grauenhaft stand sie im schmalen Viereck, das vom Fenster in die Dunkelheit geworfen wurde:„Kennst Du mich? Die Faust, die das Mädchen erwürgte!"

Mieke Westermanns Augen traten aus den Höhlen. Das Entsetzen lähmte ihre Glieder, ihre Kehle, ihr Denken. Doch dann legten sich die Finger wie Krallen um ihren Hals, und der Schrei des Mädchens gellte wie das Brüllen eines Tieres durch das stille Haus.

Als der Arzt im bleichen Herbstmorgen den Hof betrat, kam ihm August Cordes mit grauen Haaren und zerfallenen Zügen entgegen: „Doktor, das habe ich nicht gewollt. Angst hatte sie, und die sollte sie verlieren.“ Er fiel auf einen Stuhl und schlug die Hände vor das Gesicht. Er sank wie ein Mörder zusammen, als der Arzt nach einer endlos langen Viertel­stunde aus der Kammer trat:„Wir müssen sie nach Lüneburg bringen.“

Mieke Westermann sitzt seit zehn Jahren im Irrenhaus.„Hoffnungslos“, sagten damals die Aerzte zum Bauer auf Söltingen.„Gehen Sie nach Hause! Kümmern Sie sich um Ihren Hof.“ August Cordes ist geblieben und dreht in seiner Stube dem Irrenhaus gegenüber die Daumen. Sie haben ihm die Freiheit gelassen, weil sein Irrsinn harmlos ist.

Sein letzter Stier

Skizze von E. Seeger.

Vorüber gerauscht war das Stiergefecht, in Blut und Sonne, in Luxus und lohendster Lei­denschaft. Valero, der Liebling der Sevillaner, hatte vor 20000 begeisterten Zuschauern mit unübertroffener Meisterschaft gekämpft. Als Sieger, als Triumphator, nur mit einer leich­ten Fleischwunde an der linken Wade, war er von seinen Anhängern drei Mal um die Arena getragen worden.„Hoch, Valerito!“ schrie die jubelnde Menge, und er lächelte das graziöse, liebenswürdige, offizielle Lächeln, das den Stier kämpfer auch in den gefährlichsten Augenblik­ken nie verläßt. Draußen in dem Hof unter den Arkaden setzten ihn seine Freunde nieder, wo blutiges Stroh und Wasser von der widri­gen„Toilette“ der todwunden Pferde erzählten die zum zweiten Male dem Feinde entgegen ge­schickt wurden.

Und hier verlor Valero plötzlich sein Lächeln. Unter sich lächeln die Toreros nicht, sie kennen die Gefahren viel zu gut, die jeden von ihnen bedrohen. Wozu also noch gegenseitig Theater Aber in Valeros Gesicht trat ein frem­der Zug von Versteinerung, von Leblosigkeit. Juan, sein Diener, der ihn an der Tür zum Operationszimmer neben der Kapelle erwar­tete, erschrak. Aber er wußte, daß er den Maestro nie fragen durfte. Er war ein früherer Banderilloro, der dem Stier vorm letzten Gang des Gefechtes die spitzen mit Widerhaken ver­sehenen Stäbe in den Nacken zu stoßen hatte. In der Arena verlor er einst das ünke Auge, und er dankte sein Leben nur der Geistesge­genwart Valeros. Dankte es ihm mit fast hün­discher Treue.

„Ruf den Doktor Roquero!“ warf Velero hin, aber schon trat dieser ein, ein lebhafter, begei­sterter Anhänger der Stierfechtkunst und Freund Valeros. Mit ausgebreiteten Armen zam er auf ihn zu und küßte ihn schallend auf beide Wangen:„Mensch, Valerito, Sohn des glorreichen Spaniens, berühmtestes Kind von Sevilla, Du bist der erste Mann der Welt. Fa­belhaft, noch nie dagewesen, diese Estakade Aber wie siehst Du denn aus? Solche Trauer­miene? He? Zeig her! Diese Schramme... ist in acht Tagen heil, dann kannst Du in Gra­nada den Leuten zeigen, wie's gemacht wird. Die haben Stiere von Miura— das sind Kerle, sage ich Dir!" Valero verzog keine Miene: „Du meinst es gut, aber jetzt nichts weiter da­von! Ich will nach Hause. Juan, meinen Wa­gen!“— Roquero schüttelte den Kopf. Flau­sen hatten diese launischen Brüder im Kopfe—! Nie wußte man recht, woran man mit ihnen war.

Valero fuhr heim auf sein einfaches Landgüt­chen, wo Mutter und Frau ihn aufatmend be­grüßten. Aber er blieb wortkarg und saß nach dem Essen lange allein. Allein in bohrenden, trüben, peinigenden Gedanken. Kein anderer wußte, was die Schramme am Bein für ihn be­deutete. Heilen, pah, das würde sie in ein paar Tagen. Aber wie er dazu gekommen— das

beim Sprung über die Bretterplanke der Arena gefühlt, daß er nicht mehr so elastisch war, nicht seinen Körper so beherrschte wie sonst. Diese Wunde hätte er bei seiner sonstigen Geschmei­digkeit nicht bekommen dürfen!— Was das hieß?— Ein Memento für ihn, daß es Zeit war, den gefahrvollen Beruf aufzugeben. Va­lero trat vor den Spiegel. Noch sah er gut aus noch war das schwarze Haar, hinten zu dem kleinen, traditionellen Zöpfchen, der„coleta". dem Wahrzeichen des Toreros, geflochten, voll und glänzend. Aber er zählte 48 Jahre, die meisten dankten zwischen 45 und 47 ab.... Sollte er warten, bis eine einzige Ungewandt­heit ihm den Tod oder mindestens den Abstieg von der Höhe seines Ruhmes brächte? nie würde er dies verwinden, dann schon sieber den Tod vom Horn des Stieres! Aber er hatte ein Weib, zwei liebe Kinder. Der einsame Mann stöhnte in der Schwere des Entschlusses. Gewöhnt an die Atmosphäre der Anbetung, ja, der Vergötterung, an den Taumel der Begeiste­rung, den Nervenkitzel des Spieles mit dem Tode, an den Goldregen auch, der ihm die Ta­schen überflutete, schien es ihm unausdenkbar, auf dies alles zu verzichten. Und doch— es mußte ja einmal sein! In der Dunkelheit legte er die Hand über die Augen, in denen es feucht aufquoll, und er kämpfte einen Kampf mit sich selber, schwerer, als er ihn je mit einem Stiere ausgefochten.

Er riß sich zu dem Entschluß zusammen, noch einmal, das letzte Mal zu kampfen. Blieb er dann noch am Leben— gut, so sollte seine Lauf bahn als Torero ein Ende haben. Der Tag kam, an dem sich in den überfüllten Rängen der Stierarena von Sevilla die überhitzte, fie­bernde Menge drängte, ihren Liebling, ihren Günstling zum letzten Male im grünseidenen, goldblitzenden Galaanzug vor dem wildesten Stiere zu sehen. Valero selbst hatte ihn sich ausgesucht. Und er grüßte die tosende Menge mit dem leichten, verschweigenden Lächeln. Grüßte die Männer, die im Rausch der Erwar­tung bebten, grüßte die schönen, glutäugigen Frauen, die, in Spitzen gehüllt, mit Feuerblü­ten geschmückt, ihm das Lächeln zurück gaben Tändelte sodann mit der wütenden Be­stie, hängte ihr seinen Hut im Vorüberrasen auf die zum Angriff seitlich gestellten Hörner, warf ihr sein Leben hin— umsonst! In höch­ster Tollkühnheit raffte er alle seine ihm noch. gebliebene Gewandtheit zusammen und kroch unter dem schnaubenden, stampfenden Tiere weg, das den verhaßten Angreifer plötzlich nicht mehr sah! Auch dies, das Aeußerste, ge­lang! Da gab Valero das Spiel mit dem Tode auf, und aus einer vollendet gelungenen Stel­lung heraus stieß er dem andringenden Stier den haarscharf geschliffenen Degen durch die Schulterblätter, genau an der vorschriftsmäßi­gen Stelle in das Herz, daß er sofort zusam­menbrach.

Brausender Beifall umtoste Valero, die Men­ge war wie von Sinnen. Aus einem branden­den Meer von Hochrufen, von ekstatischem Jubel, Schreien, Jauchzen, Klatschen entführten ihn seine Freunde zu einem vorbereiteten Mah­le. Seine alte Mutter und seine Frau wurden geholt und mußten die Ehrenplätze einnehmen. Die besten Stierkämpfer Spaniens feierten ih­ren Meister. Und dann ergriff Estrella, seine Frau, die ihr Leben lang um ihn gebebt, eine kleine Schere, und unter Freudentranen schnitt sie ihm das traditionelle schwarze Haarzöpfchen am Hinterkopfe ab.

Der starke Mann, der in vielleicht tausend Kämpfen 2500 Stieren den scharfen Stahl ins Herz gestoßen, mit sicherer Hand und ruhigem Blut, der zitterte jetzt beim Geräusch der Schere und sein Antlitz wurde leichenblaß. Dann faßte er die Hand, die ihm solches tat, küßte sie und *8 blickte in zwei tränenumflorte, aber glückstrah­lende Frauenaugen.

der zu ihrer Kammer führte. Sie zögerte, hörte war es! Zum ersten, allerersten Male hatte er

Am laufenden Band.

In einem literarischen Salon wurde Klaus Mann schrecklich bewundert. Er erklärte dik­tatorisch der begeistert aufhorchenden Menge: „Ich arbeite eben an zwei Romanen, größeren Biographien und einem halben Dut­zend Filmmanuskripten. Das Geschäft blüht! Uebrigens behauptet man, daß ich ein paar Hilfsschreiber sitzen hätte. Das ist nicht wahr! Heutzutage geht das nicht mehr, da macht jeder seine Romane alleine.“

Triumphierend sah der jugendliche Klaus sich um, heischte Zustimmung, die ihm trocken von Mynoma geschah:„Das merkt man beim Le­sen!“ sagte er und wandte sich ab.

Verantwortlich: H. Semmelmann, Altena. Druck und Verlag: Dr. C. Santz. Altena.

Beilage zum Altenaer Kreisblatt zugleich Neuenrader Zeitung

Nr. 42

Wunderbare

Skizze von Charlotte Dahms

Wo vereinzelte Birken aus dem Walde her­austreten, steht das Bahnwärterhäuschen. Zweimal am Tage donnert der D=Zug vor­über, läßt die kleinen Fenster klirren und jagt Schauer durch das Wiesenland. Wenn die Strecke nicht frei ist, verschnauft er ein paar Minuten, Gesichter beugen sich aus den Wagen und ziehen sich gelangweilt wieder zurück. Reiseneugierde kommt hier nicht auf ihre Ko­sten— ein dunkler Waldstreifen, ein Wiesen­viereck, ein rotes Bahnwärterhäuschen mit be­scheidenem Garten, in dem ein Mädchen arbei­tet. Befriedigt atmet man auf, wenn der Zug wieder weiter fährt, und mancher winkt der Tochter des Bahnwärters halb mitleidig ein Lebewohl zu. Aber die hebt nur müde die Hand.

Früher hatte sie diese Abgeschlossenheit ihres Daseins nie hart empfunden; aber seit sich die

Samstag, 19. Oktober

jüngere Schwester verheiratet hat, und sie ganz allein mit dem etwas grämlichen Vater hausen muß, krankt sie manchmal an einer lastenden Niedergeschlagenheit. Tagsüber sinkt zwar al­les Nachdenkliche in der Arbeit unter; aber abends, wenn der Wald wie ein Scheerenschnitt vor gelblichem Himmel steht und mit dem star­ken Wiesenduft Grillenzirpen betäubend aus dem Grase steigt, bekommen ziellose Wünsche beunruhigendes Leben und nehmen dem Feier­abend das stille Behagen. Erinnerungen ste­hen auf an sorglos vertanzte Sonntagabende im fernen Dorfkrug, an kleine, unschuldige Lie­beserlebnisse, die, kaum begonnen, immer wie­der im Sande verlaufen waren. Sehr weit liegt das alles schon zurück, glimmt nur noch ver­schwommen in den grauen Alltag hinein wie ein farbiges Licht im Nebel.— Und oft fragt sie sich, ob wohl damit ihr bescheidener Anteil an der Lebensfreude schon ausgeglichen sei, ob gar niemals das Schicksalhafte, das Wunder­bare in irgend einer Gestalt ihren Weg kreu­zen würde. Aber für sie wird wohl weiter ein Jahr in das andere übergehen, einförmig und farblos wie die aneinander gekuppelten Wa­gen der langen Fernzüge— bis endlich die ro­ten Schlußlichter kommen und alles vorüber ist.—

Den ganzen Sonntag über hat es aus gewit­terschwerem Himmel unaufhörlich geregnet. Trübe strudelt der angeschwollene Bach und schwemmt Unrat in das Gärtchen. Seufzend sieht sie die zerstörten Beete. Nein, heute am Feiertag würde sie das nicht wieder in Ord­nung bringen! Sie muß heute einmal heraus aus dieser drückenden Enge, es drängt da et­was stärker und schmerzhafter denn je nach Entspannung und Gelöstsein, als hätte das rei­nigende Wetter draußen halb erstickte, tastende Wünsche in treibende Kraft verwandelt. Ein­mal etwas anderes sehen als nur den Bahn­damm und das Krautgärtchen— und wäre es auch nur der Tanzboden des Dorfkrugs mit sei­nen verstaubten Erinnerungen. Sie zieht die neue, grellbunte Strickjacke über, probiert die Taschenlampe— ach, ausgebrannt— steckt ein paar Wachshölzchen ein und macht sich auf den Weg.

Die Luft ist treibhausfeucht und schwer vom Duft des Waldbodens. Vorsichtig geht sie in den etwas engen Lackschuhen den Weg an den blank gewaschenen Gleisen entlang; die Baum­kronen triefen noch wie vollgesogene Schwäm­me. Aus wolkigem Himmel sällt frühe Däm­merung ein, nur die Schienen geben noch ein mattes Blinken.

Die Straße senkt sich: wie ein flacher Dünen­rücken läuft der Bahndamm nebenher, ein paar kümmerliche Blumen zittern im Abendwind auf seinem Scheitel. Und plötzlich greift es ihr eiskalt an die Seele— da oben— da hängt ja — herausgespült, unterwaschen vom Regen— ein Stück Schienenstrang lose in der Luft—

ein Brückenbogen, unter dem der Himmel durchscheint— und bald ist der Abendzug fällig Ihre Zähne schlagen vor lähmendem Entset­zen aneinander. Angestrengt tauscht sie— aber noch bleibt die Ferne still. Nur verein­zelte Tropfen klatschen aus den Zweigen ins Moos, und das Blut rauscht dumpf in ihren Ohren. Ein Windstoß fährt auf, und gelockerte Schrauben klappern da oben— es klingt wie Sensen=Dengeln. Und jetzt— schwach, wind­zerrissen—— noch weit hinter dem Walde ein Lokomotivenpfiff.

Atemlos klimmt sie den aobröckelnden Bahn­damm hinauf— jagt, ohne sich zu besinnen, zwischen den Schienen entlang. Ob man sie auch sehen wird? Es dunkelt schon stark, kaum, daß man noch die Pappeln da drüben

erkennen kann—— und hinten bei der Kurve

blinken jetzt zwei Lichter auf.

Einen Herzschlag lang will es sie triebhaft wieder zurückstoßen— auf den Weg hinunter

— tief in den Wald hinein— in Sicherheit. Aber dann reißt sie die Strickjacke herunter, läßt in fliegenden Händen ein Wachshölzchen aufflammen— die Wolle fängt rasch Feuer—

— und das flackernde Signal als weithin leuch­tende Fahne hoch in der Luft schwenkend, läuft sie dem heran donnernden Zuge entge­Ber

Dröhnend poltern Puffer aneinander, Räder kreischen unter der Bremse— Türen werden aufgerissen— angstvolles Rufen und Fragen

— Schatten hasten an erleuchteten Fensterrei­hen entlang— huschen mit Laternen suchend gebückt über die Gleise.

Taumelnd richtet sie sich aus dem Schotter zwischen den Schienen hoch, fährt mit der Hand über die schmerzende Stirn, das versengte Haar Der Lokomotivführer leuchtet ihr ins Gesicht— „Das ist die Aelteste vom Bahnwärter drü­ben“, sagt er zu den Umstehenden,„bei der können wir uns alle bedanken! Eine Minute später— und— na, man darf's gar nicht zu Ende denken——“

In den nächsten Tagen liegt das rote Häus­chen noch verlorener und einsamer als sonst, denn der Bahnverkehr ist auf eine andere Strecke umgeleitet. Aber dem Mädchen dünkt die Abgeschlossenheit nicht mehr so lastend seit jenem Erlebnis. Da war doch etwas gewesen

— etwas sehr Großes, Wunderbarcs, das noch lange in ihr nachklingen würde Anders hat sie sich das Wunderbare freilich immer vorge­stellt— ganz anders—, und doch hätte es kaum beglückender sein können, will es ihr scheinen.

Und als dann eines Morgens wieder der erste D=Zug keuchend vor dem Bahnwärterhäuschen hält, umfaßt mit sorglich liebendem Blick die lange, dunkle Wagenschlange, als hätte sie ir­gendwie einen mütterlichen Anteil an all dieser vielfältigen Menschenfracht. Sie sieht gar nicht wie der Lokomotivführer winkt und ihr eifrig Zeichen macht. Aber als dann der Zug mit einem hellen, lustigen Pfiff in die sonnendun­stige Weite hinaus fährt, flattert ihr ein rußi­ges Zettelchen vor die Füße:

„Ich bin nächsten Sonntag dienstfrei.— Wol­len wir uns dann morgens bei den Pappeln treffen?"

1920

nahm, daß er die Gefährtin seines Lebens und seinen Hausrat, das letzte, was er noch besaß, an einem Tage verlieren sollte. Nun saß er gelähmt im Hause seiner Schwester, während der„Halsabschneider von Cochem", wie der Volksmund den Vollzieher nannte, sein Eigen­tum ausbot.

Die Schwurhand von Cochem

Skizze von Hermann Jung.

Vor dem Hause des Zehntschultes=Friedrichs in Cond an der Mosel drängte sich das Volk. Durch das Gemurmel der Menge hörte man eine fettige Einzelstimme, die nach der Art der Versteigerer Hausgerät ausbot:„Zum ersten, zum zweiten und zum— dritten—“

Hier war in der Tat der Vollzieher bei der Arbeit, denn der Friedrichs, ein armer Winzer, hatte seine Steuern nicht bezahlt. Dazu lag seine Frau seit zwei Tagen in der Totenlade.

Lange rief der„Halsabschneider“ vergebens die Möbelstücke aus, denn niemand wollte sich am Elend eines Volksgenossen bereichern. sich der Pole Krips durch die Menge drängte, der in Cochem einen Handel in Allerweltsar­tikeln betrieb. Der kaufte Stück um Stück, so sehr das Volk auch gegen ihn murrte.„Wenn ich es nicht bin, ist es ein anderer“, lachte er aus kleinen, listigen Aeuglein und rieb sich die Hände über das gute Geschäft.

Er sah nicht, daß ein dreizehnjähriger Junge neben ihm stand und mit tränenschwerem Blick zuschaute, wie ein Stück nach dem andern auf­geladen und fortgeschafft wurde Er sah auch nicht, wie sein zehnjähriges Töchterchen, die Meta, auf den Jungen zutrat, der kein anderer war, als der Aelteste des Friedrichs.

„Karl“, sagte die Meta altklug und schaute dem Jungen mit ihren schwarzen Augen von unten herauf ins Gesicht,„wenn Du die Sachen wieder haben willst, dann mußt Du mich heira­ten. Vater kauft alles.“ Wahrscheinlich war sie sich der Bedeutung ihrer Worte selbst nicht bewußt. Auch Karl wußte nicht viel damit an­zufangen.

In diesem Augenblick wurde der Junge an der Hand gezerrt, und eine Frauenstimme ze­terte:„Willst' jetzt mitkommen. Du Tagedieb.“ Das konnte nur Tante Kilian aus Cochem sein, die den Jungen zu sich genommen hatte, weil er ja nun Waise war.

Die Tante Kilian besaß einen Gasthof, den „Schwarzen Bären", aber das Haus hatte kei­nen guten Ruf, denn der Kilian trank, und sei­ne Frau war eine Xantippe, deren gefährliches Mundwerk man überall fürchtete.

Karl Friedrichs wurde hier zum Prügelkna­ben, an dem die beiden Ehegatten ihr Mütchen kühlten, wenn sie sich gezankt hatten.„Du Faulenzer, Du Tagedieb, glaubst wohl, Du seiest ein Prinz“, hieß es den ganzen Tag, und da­bei setzte es Ohrfeigen, daß dem armen Jungen Hören und Sehen vergingen. Und doch arbei­tete er von morgens bis abends. Es war ein freudloses Dasein.

Kein Wunder, daß Karl dieses Leben satt be­kam. Als er konfirmiert war, verschwand er eines Tages bei Nacht und Nebel, schmuggelte sich über die französische Grenze und ließ sich in Marseille als Schiffsjunge nach Amerika an­heuern. Für die Leute von Cochem und Cono blieb er verschollen.—

Zwanzig Jahre später saß derselbe Karl Friedrichs als reicher Mann in einem Newyor­ker Boarding=Haus. Er hatte einen Lebens­abschnitt voll Abenteuer und Gefahren hinter sich. Aber in den Goldfeldern Kaliforniens war ihm das Glück hold gewesen, und er besaß so viel, daß er sich in der Heimat zur Ruhe set­zen konnte.

Und wie er einen langen Zug aus dem Bierglas tat, da stand plötzlich einer vor ihm und sagte:„Potztausend, seid Ihr nicht der

Friedrichs aus Cond?“

„Der bin ich allerdings“, gab Karl zur Ant­wort,„aber ich wüßte nicht, wo ich Euch im Lebest schon einmal begegnet wäre.“ Da stellte sich der andere als Landsmann vor; er war ein Sohn des Krips aus Cochem: Der Heimat­boden mußte ihm zu heiß geworden sein. Man hockte ein paar Stunden zusammen. Der Krips lieh sich von seinem Gegenüber 4000 Dollar und erfuhr dabei, daß der andere viel Geld besaß und nach Hause fahren wollte. Das genügte ihm. Und weil der Sohn keinen Grad besser war als sein Vater, schrieb er gleich nach Cochem, man solle sich des Friedrichs mit besonderer Liebe annehmen, es sei gewiß