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einen Scuß dennen, ver, ohne genügendes

Büchsenlicht, allzu leicht, wahrscheinlich sogar den Tiger nur anschweißen würde? Wie, wenn uns die Bestie annahm?

Wir rührten uns nicht. Im nächsten Augen­blick ging der Isjuhr vor uns plötzlich hoch und raste in langen Fluchten über den Hang. Er mußte wohl den lauernden Todfeind erkannt haben.

Die glimmenden Seher des Tigers waren verschwunden. Das Entsetzen wuchs. Schlich er jetzt uns auf lautlosen Sohlen an? Aufsprin­gend schrie Imquill wie ein Irrer, ich brüllte mit und riß von der Birke lange Streifen trockenen Bastes ab, die Imquill zitternd mit einem Streichholz entzündete. Die Flamme lohte auf und beleuchtete die Umgebung. Vom Tiger keine Spur. Schwarz und drohend stand jenseits des kleinen Lichtkreises rings um uns die Nacht.

Beim Schein von Bastsackeln schlichen wir scheu und klein zurück zu unserem Lagerzelt, vor dem die ganze Nacht das Feuer brannte, heute und in allen folgenden Nächten.

Das war unser erstes, nicht gerade rühmliches Zusammentreffen mit dem sibirischen Tiger, der größten und wohl auch gefährlichsten Un­terart seiner Gattung. Goldische Jäger bestä­tigten uns später, daß das, was wir erlebt hatten und uns als völlig unfaßlicher und nur vereinzelter Fall erschienen war— das Röh­ren des Tigers zum Anlocken der Hirsche— schon vielfach beobachtet wurde und als durch­aus verbürgt gelten darf. Wir selbst haben es ein zweites Mal allerdings nicht mehr erlebt.

Chamäleon auf dem Anstand

Von Dr. L. Franck= Cairo.

Das Chamäleon kann je nach Laune und Stimmung sein Aeußeres, seine Hautfarbe, ändern. Kein Wunder, daß es zum Vergleichs­tier für unbeständige Charaktere, zum Sinn­bild aller Konjukturmenschen geworden ist.

Das Chamäleon hat eine schnellschießend­gefährliche Zunge, die alles, was es zum Leben braucht, noch auf ziemliche Entfernungen fest­leimt und in das Tier hineinzieht. Das Cha­mäleon bewegt sich meist laubverdeckt, steigt kriechend von Ast zu Ast, ringelt sich mit dem Schwanz um die Zweige und erlegt seine Beute aus dem Hinterhalt. Es vermag gleichzeitig ein Augenlid zu öffnen und das andere zu schließen, kann mit dem rechten Auge ins Gesicht hinein aufrichtig=offen tun, während es mit dem linken nach einer anderen Seite lieb­äugelt. In der Tat, diese harmlose Echsenart ist in allem, was sie darstellt und für die Unter­haliung und Verteidigung ihres Lebens unter­nimmt, ein geradezu vorbildliches Vergleichs­tier.

Der Frühling letzten Jahres verschlug mich für einige Apriltage nach Alexandrien. Bald hatten Museum, Pompejus=Säule und Kata­komben die Sehnsucht nach frischem Grün noch gesteigert. Schon lustwandelte man in den prächtigen Europäerpflanzungen zu Ramleh, dem beliebten Sommerasyl im Nordosten der Hafenstadt. Still war es an diesem Morgen, die Natur so jung, daß sie noch allenthalben an Gras und Blättern vom Nachttau erglänzte. Aber das Himmelslicht wächst hier schnell, schafft in Minuten, wozu es in Europa oft Stunden gebraucht. Immer noch stand ich vor dem Mandarinenbäumchen, darauf tautrun­kene Goldfliegen im Morgenlicht spielten. Warum mache ich gerade vor diesem Busch so lange halt? Ein dicker Rollfaden, der soeben mit fabelhafter Sicherheit einen Brummer vom Blattrande nach dem Innern des Busches hereinholte, gab der Frage unerwartet deut­liche Antwort. Was den Augen die ganze Zeit über durch den laubgrünen Rock vervor­gen blieb, entdeckte mir jetzt der auf Fliegen geschleuderte Zungenpfeil.— Als ob das Tier zur ausdrücklichen Bekanntschaft mit mir dahin gesetzt sei, sollte ich hier dem schönsten Vertre­ter der ägyptischen Chamäleons begegnen, dem smaragdgrünen„Basiliskus“ mit dem pyrami­denförmig behelmten Kopf. Im Halbdunkel der Zweige saß er beharrlich auf Anstand, die Rute mehrfach um den Zweig geringelt. Die Schleuderzunge, die das Chamäleon über die Hälfte der eigenen Körperlänge— bis zu 15 Zentimeter— auswerfen kann, enthebt es der hastigen Laufbewegungen, deren seine Vettern, die Land= und Mauerechsen, zum Nahrungs­erwerb bedürfen.

Soeben will ein mittelgroßer Käfer von der Unterseite seines Blattes hinauf ins Sonnen­bad steigen; doch er braucht die Kimmung nicht anz zu überklettern, um von dem Zungen­islo des Chamäleons festgeleimt, ins Maul

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gezogen und verschluckt zu werden. Eine er­

staunlich bequeme Vorrichtung, mit Schuß und Wurf sogleich die Beute in den Rachen zu bekommen.

Ohne es zu verscheuchen, nähere ich mich dem Tier auf ein halbes Meter; ich strecke die Hand nach ihm aus, um es vom Zweige zu nehmen. Doch augenblicks schlägt die Stimmung um, die Pigmentzellen seiner Haut reagieren, die Farbe wechselt, aus Wiesengrün wird Tannengrün. Sachte entringelt sich der Schwanz vom Ast, die Klammerfüße lichten hoch die Augenstühle wenden zur Seite, das kleine, doch urweltliche Ungeheuer strebt ins Dunkel der Blattnischen.

Noch urtümlicher ist eine zweite Art in Aegypten, der die Wissenschaft den klangvol­len Beinamen„Calypratus", die„Behelmte", beigelegt hat. Ihre stattliche Kopfbrünne en­det in einen Lappenbehang, der wie beim wohlbewappneten Ritter noch Nacken und Hals überdacht. Gleich der Basiliskenart trägt sie Sporen an den Hinterfüßen.

Doch am meisten, wenn auch niemals häu­fig, trifft man das„Chamäleon Vulgaris“ an; nicht nur in Aegypten und Nordafrika, sondern auch in Kleinasien, Syrien, Palästina, Süd­spanien und an der Küste der Türkei. Die Grundfarbe seines Panzers wird von rost­roten Tönen übertuscht, und zwei lichte Rän­der durchziehen sein Grün bis zur Wurzel des Schwanzes. Dem Männchen fehlt die Sporen­zier, doch treten die Körnerschuppen des Rük­kens oft bis zum Helmrand zu einer dräuend gezähnten Kante zusammen.

Im Mai und Juni legt das Chamäleon seine Eier, 30 bis 40 Stück, in kleine, selbstgewühlte Erdkuhlen. Von kräftigen, porösen Kalk­schalen umgeben, werden sie von der Mutter noch fürsorglich mit Laub und Erde überdeckt. Wie bei unseren Eidechsen und Blindschleichen brüten dann während einiger Wochen Sonne und Bodenwärme den Inhalt aus.

Am Ausguck

Kühlwagen für Reisende.

Ein wenig spät für diesen Sommer mit sei­ner ungewöhnlichen Hitze hat eine große fran­zösische Eisenbahngesenschaft einen Kühlwagen für Reisende in Dienst gestellt. Bei diesem Versuch, der zu voller Zufriedenheit aller Betei­ligten verlief, handelte es sich um einen Durch­gangswagen erster Klasse. Die Kühlanlage setzt sich aus einem Ventilator, einem Eisbe­hälter an der Kopfseite des Wagens und aus einer Röhrenanlage zusammen. Der Ventilator preßt die heiße Luft im Freien in eine Röhre unter dem Dach des Wagens. Von hier aus wird die Luft unter starkem Druck in den Be­hälter geleitet, der mit 400 Kilogramm Eis ge­füllt ist. Die dergestalt abgekühlte Luft fließt in die Röhrenanlage, aus der sie auf die ver­schiedenen Abteile des Wagens verteilt wird. Der Ventilator kann in einer Stunde rund 13500 Kubikmeter Luft in die Kühlanlage drük­ken, eine Menge, die genügt, um die At­mosphäre im Wagen stündlich zehnmal zu erneuern. Der Eisvorrat wird innerhalb acht Stunden verbraucht. Außerdem ist das Dach des Wagens von außen durch weiß angestri­chene Metallatten gegen die Einwirkung der Sonnenstrahlen geschützt Während bei einer Außentemperatur von 32 Grad im Schatten die Hitze in einem nicht gekühlten Abteil erster Klasse des gleichen Zuges 33 Grad betrug, herrschte im Versuchswagen eine Wärme von nur 26 Grad. Die Luft, die aus der Kühlanlage in die Abteile strömte, hatte eine Temperatur von 22 Grad. Die Kühleinrichtungen sollen im Laufe des Winters auch in andere Durch­gangswagen eingebaut werden, um im nächsten Sommer in Tätigkeit zu treten.

Eine unheimliche Ausstellung.

Eine für zartbesaitete Gemüter reichlich un­heimliche Ausstellung veranstaltete kürzlich das Field=Museum für Naturgeschichte in Chicago. Es handelt sich um eine Sammlung verschiede­ner Geräte, die als Ausbeute einer wissenschaft­lichen Expedition kürzlich aus Tibet nach den Vereinigten Staaten gekommen waren und die Besonderheit aufweisen, daß sie durchweg aus Menschenknochen angefertigt sind. Man findet da Schalen, die aus einem menschlichen Schädel geschnitzt wurden und von den Lamas bei ihren seltsamen religiösen Gebräuchen verwandt wur­den! ferner Tamburine, gleichfalls aus Schädel­decken geschnitzt; endlich Flöten und Trom­peten, zu deren Herstellung menschliche Schien­beine gedient haben. Das Glanzstück der Sammlung bildet ein großer Schurz, der von 41 aus Menschenknochen gefertigten Platten

gebildet wird. Sie sind kunstvoll geschnitzt und

durch Schnüre zusammengehalten, die aus runden und viereckigen perlenartigen Stücken des gleichen Materials bestehen. Einzelne der Schalen sind seltsam geschnitzt und mit Kupfer und Messing reich verziert. Alle diese Geräte werden von den Lamas zu den verschiedensten gottesdienstlichen Handlungen verwandt, zum Teil sind sie auch bei Laien in Gebrauch. In Tibet herrschen heute noch Sitten, von d.ren Seltsamkeit wir uns nur schwer eine Nor­stellung machen können und die auf unser Ge­fühl geradezu abstoßend wirken. Zum Ve#ir##el ist es allgemeiner Brauch, daß der Sohn den Schädel seines verstorbenen Vaters zu einer Schale verarbeitet und am Geourtstag des Ver­schiedenen zu seinem Gedächtnis daraus trinkt.

6500 Kilometer zur Gerichtsverhandlung.

Hoch oben im eisigen Norden Kanadas, zu Bathurst Inlet, erschlug vor einiger Eskimo, Okchina, einen Stammesgenossen. Für sein Verbrechen wurde er alsbald von der be­rühmten kanadischen berittenen Polizei fest­genommen und in das Gefängnis zu Anlavik überführt, wo er bald Gesellschaft in Gestalt von Lily Sanniya bekam, einem des Kinoes­mordes beschuldigten Eskimonhen. Um die beiden Missetäter zu verhören und abze; ei­len, ist eine Gerichtskommission aus Edmoiton vor kurzem nach dem hohen Norden ausgeoro­chen, die nicht weniger als 6500 Kilomerer zu­rücklegen muß, um an Ort und Stelle zu kom­men. Als Reisedauer sind je nach den Wege­und Wetterverhältnissen sechs bis neun Wochen vorgesehen. Aus dieser unbestimmten Angabe ergibt sich allein schon, mit welchen Schwierig­keiten die Vertreter der Gerechtigkeit unter­wegs zu kämpfen haben werden.

Staatliche Froschzucht gegen Mückenplage.

Alaska verdient wohl. ein Dorao der Mük­ken und ähnlicher Insekten genannt zu wer­den, die dort in solchen Massen auftreten, daß sie der Bevölkerung das Leben schwer machen. Die ständige Mückenplage wird von der Re­gierung darauf zurückgeführt, daß es in Alaska zu wenig Frösche gibt, und man will jetzt die­sen Mangel energisch beseitigen, indem man eine Waggonladung Frösche bestellte, um sie im Lande selbst zu zuchten. Es wird sich bald herausstellen, ob die staatliche Froschzucht die erhofften Ergebnisse zeitigt; hoffentlich gesellt sich nicht zu der Mückenplage auch noch die Froschplage.

Woher die Blaugans kommt.

Aus dem eisigen Norden Amerikas kommt die Nachricht, daß einem Beamten des kanadischen Ministeriums des Innern, J. Dewey Soper, der sich seit Monaten zu zoologischen Studien in den Eiswüsten des Nordwest=Territoriums auf­hält, die Lösung eines alle Tierfreunde, insbe­sondere alle Ornithologen, interessierenden Rät­sels gelungen ist. Seit Jahren beschäftigte man sich mit der Frage, wo ein im Norden nicht sehr seltener Vogel, die Blaugans, ihre Wohn= und Nistplätze habe. Nie war es gelungen, eine Nest, ein Ei oder gar ein Junges des scheuen Tieres zu finden. Die Blaugans erschien Som­mer für Sommer in südlicheren Breiten, aber woher sie kam und wohin sie im Herbst wieder zog, wußte bisher niemand. Soper fand nun vor einiger Zeit weit oben im Baffin=Land die Wohn= und Brutplätze des Vogels. Der erfolg­reicher Forscher befindet sich jetzt auf dem Wege nach Ottawa, mit Eiern, Nestern, Jungen und einigen erwachsenen Exemplaren des Tieres. Seiner Ankunft und seinen näheren Berichten sehen alle Zoologen mit größtem Interesse ent­gegen.

Das Gesicht der Zeitalter

nennt Paul Wiegler einen Aufsatz im Septem­berheft der„Koralle". Es ist der Versuch, auf gedrängtem Raum eine Geschichte des Ge­schmacks zu geben. Einleuchtende Bilder zei­gen, wie in allen Epochen jeder Gegenstand des täglichen Gebrauchs, die Kleidung, der Luxus von einem der Evoche eigentümlichen Zeitgeist geformt wurde. Interessant, aus welchen Be­dingungen Wiegler die„neue Sachlichkeit“ ent­stehen läßt. Wesensverwandt ist der Aufsatz von Dr. Bing im gleichen Heft der„Koralle": „Jagd nach Typen“. Hier werden die hoch­interessanten Versuche geschildert, durch die Photokamera Menschen=„Typen“ zu ermitteln. Man hat eine große Anzahl von Gesichtern auf ein und dieselbe Platte projiziert. Das Bild, das sich aus solchem Experiment ergab, ist in der Tat sehr bemerkenswert, wenn auch die Frage offen bleibt, ob man einen Typus im Sinne eines Idealbildes oder nur einen Durch­schnitt vor sich hat.

Verantwortlich: H. Semmelmann, Altena. Druck und Verlag: Dr. C. Santz. Altena

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Beilage zum Altenaer Kreisblatt zugleich Neuenrader Zeitung

Nr. 34 Mittwoch, 25. September 1929

Nördlich der oberen Lenne

Unsere Wochenendfahrt nimmt Rönkhau­sen als Ausgangspunkt und bedient sich dabei der Blätter 7 und 8 der Sauerlandkarte 1: 50 000 des Sauerland=Verlages zu Iserlohn. Samstag nachmittag verfolgen wir Haupt­

wanderstrecke 18 des Sauerländischen Gebirgs­Vereins. Nach Durchquerung des Dorfes Rönkhausen biegen wir ins liebliche Glinge­tal ein. Schon nach ½ Stunde sind wir in Glinge mit einem prächtigen alten Fachwerk­haus. Nun gehts bergan, zunächst noch dem Glingebach entlang. In einer Stunde ist Ge­höft Falbecke erreicht, wo der starke Anstieg einsetzt. In 15 Minuten gehts 140 Meter bis Faulebutter(525 Meter) hinauf. Herrliche Fernblicke auf dem kurzen Wege bis Weuspert lohnen die Kletterei. Ein schattiger Waldpfad umgibt uns weiter bergab; zuletzt folgen wir dem Giebelscheider Bach, bis wir endlich, genau 1 Stunde von Faulebutter entfernt, Fretter (300 Meter) im Tal des gleichnamigen Baches und damit das Ziel des 1. Tages erreichen.

Wohl auseuht, nehmen wir am Sonntag zunächst wieder Hwstr. 18 unter die Füße, we­nigstens die erste Stunde. Kurz hinter Gehöft Wiebelhausen kreuzt Hwstr. 25 unsern Weg und wir verlassen hier die bisherige Nummer, um auf diese hinüberzugehen. Die Steigung bis hierher betrug 180 Meter. Nun halten wir längere Zeit die Höhe an, jedenfalls kommen wir bis zum Endpunkt nicht sehr mehr herun­ter. 50 Minuten auf Hwstr. 25 ostwärts über­queren wir die Landstraße Crevenbrück=Eslohe bei Schmartmecke. Unterwege genossen wir ganz vorzügliche Fernblicke. Nach ¼ Stunde folgt Leckmarth. Rechter Hand lassen wir den Herrscheid(20 Minuten), von dem aus wir eine lohnende Ausschau genießen würden, wenn wir uns den Abstecher nicht verdrießen lassen. Auf den folgenden Feld= und Wald­wegen, die dann und wann durch kurze Land­straßenstückchen unterbrochen werden, durch­aueren wir Arpe(¼ Std.) Ober=Berndorf(½ Std.) und Berghausen(¼ Std.). Zum großen Ebbinghof sinds weiter 50 Minuten und zum Schlußpunkt Fredeburg(440 Meter) noch ½ Stunde. Immer wieder reizt uns das am Westhang der waldreichen Hunau gelegene Bergstädtchen zu einem kurzen Rundgang durch die schönen Schieferhäuschen und winkli­gen Straßen. Dann besteigen wir das Zügle, das uns je nachdem über Altenhundem oder Wennemen beimwärts trägt.

Altdeutsche Haus= und Sinn­

sprüche

Wer dies Haus jetzt tadeln will,

Der stehe nur ein wenig still Und denk in seynem Hertzen frey,

Ob er wohl ohne Tadel sey.

Erst aufhören zu klagen,

Dann überschlagen,

Dann wagen.

Lieber in eig'ner Hütten

Als im Schloß nur gelitten.

*

Häuser haben Winkel,

Köpfe haben Dünkel.

Auf den Zaun kommt's wenig an;

Im Garten will ich Blumen ha'n.

*

Ein Haus ohne Liebe

Ist wie zwey Stein' ohne Mörtel.

*

Der größte Schritt ist der Schritt aus der Te#. *

Ein Haus ohne Gäst' Ist wie ein Jahr ohne Fest.

W.

Reisebrief aus Trier

Das schöne Wetter der letzten Wochen hat den Reiseverkehr im westlichen Grenzland­zipfel Deutschlands wieder belebt. Besonders holländisches Publikum sieht man viel die alten Sehenswürdigkeiten Trier's bewundern.

Die Ausgrabungen im Simeonskloster schrei­ten fort; und was hier in mühsamer Arbeit zutage gefördert wird, findet starkes wissen­schaftliches Interesse. Die Ausgrabungen im Tempelbezirk sind mangels genügender Mit­tel zum Stillstand gekommen, jedoch bleibt zu hoffen, daß sich auch hier eine Fortsetzung er­möglichen läßt, haben doch gerade die letzten Ausgrabungen den früher schon von Histori­kern vermuteten Beweis geliefert, daß hier die ältesten Ansiedlungen lagen, und daß bereits um 1000 v. Chr. dort, wo jetzt Trier liegt, Menschen gesiedelt hatten. Immer näher rückt somit der Augenblick, um die bisher als sagen­haft betrachtete Inschrift auf dem Roten Hause in Trier„Vor Rom stand Trier 1300 Jahre“ geschichtlich als richtig zu bezeichnen.

Am 6. und 7. Oktober findet das Trierer Oktoberfest statt, welches sich bereits bei der ganzen Moselbevölkerung stärkste Sympathien erobert hat.

Am 13. Oktober hat die Deutsche Gesellschaft für Christliche Kunst ihre Jahresversammlung in Trier, verbunden mit einer Ausstellung christlicher Kunst. Nur Werke neuzeitlichen Stils werden ausgenommen.

Kurz sei noch des Diözesanmuseums gedacht, das, wie selten eins, altchristliche Kunst des Kölner, Mainzer und Trierer Kunstkreises zu­sammenfaßt. Es ist in den mittelalterlichen Kapitalräumen im romantischen Domkreuz­gang untergebracht.

Spaziergänge der herbstlichen Mosel entlang Ausflüge in den herbstlich bunten Hochwald, oder Fahrten in das herbstbunte felsige Luxem­burger Nachbarland und die wildromantische Westeifel gestalten den Aufenthalt im alten (Trier sehr abwechllungsreich.

Sind alle Berliner aus Breslau?

Von Paul Otto Graevenitz.

Als Heinrich Zille kürzlich starb, der Zeich­ner des Berliner Milljöhs, war alle Weit über­rascht zu erfahren, daß der Künstler kein ge­bürtiger Berliner war, sondern aus Raseburg bei Dresden stammte. Es scheint wirklich, als ob die Kennzeichen des Urberliners nur in den „Zugezogenen" zum typischen Ausdruck ge­langten, zum mindesten— von Zille und eini­gen anderen ist hierbei abzusehen— seine dem Mann im Reich peinlichen Eigenschaften: die bekannte„Berliner Klappe" also und neuer­dings die Sucht nach„Amerikanismus", nach „Tempo=Tempo" um jeden Preis. Zu ihrer eigenen Ehrenrettung hat die eingeborene Be­völkerung der Reichshauptstadt behauptet, die in diesem schlechten Sinne„richtigen Berliner“ stammten durchweg aus Breslau. Hat sie da­mit recht? Leider läßt es sich ja nur bei solchen kontrollieren, die— wie es so schön heißt— als„Prominente" Berlin sein Gepräge geven.

Tatsächlich aus Breslau stammt Alfred Kerr, der Theaterkritiker und Franzosenschwärmer, bekannt als Feind Bert Brechts, der gestand, prinzipiell geistiges Eigentum anderer zu steh­len, wofür ihn leider noch kein Staatsanwalt beim Kanthaken gekriegt hat. Aus Breslau waren auch Adolf von Menzel, der Maler der friderizianischen Zeit, und Felix Deutsch, mit Rathenau Gründer der Allgemeinen Elektri­zitäts=Gesellschaft.

Leistikow, der Maler der Mark, stammte aus Bromberg, Oppler, der als Radierer bekannter wurde denn als Maler, war Hannoveraner, Pechstein, der Expressionist, ist aus Zwickau in Sachsen gebürtig, Orlik aus Prag, und Max Oppenheimer, der das Romanische Café bevöl­kert, gehört von Rechts wegen nach Wien, wie überhaupt die meisten Stammgäste dieses Lo­kals in Wien, Budapest, Prag, Belgrad oder Bialystock heimatberechtigt sind. Die sogenannte Boheme sammeln sich nur darum in Berlin, weil im stürmischen Meer der Großstadt viel leichter im Trüben zu fischen ist als in der ge­ruhsamen Provinz. Von anderen Berliner Malern, die keine sind, seien noch Slevog: ge­nannt, der aus Landshut in Bayern ist und Emil Nolde, der Holsteiner.

Die„urberliner“ Schriftsteller sind ein ebenso gemischtes Volk. Fred Hildenbrandt, der schon ein begeistertes Buch über seine Wahlheimat schrieb, stammt aus dem Württembergischen, Alfred Döblin, dessen Roman„Berlin Alexan­derplatz" im Herbst herauskommt, ist aus der preußischen Hafenstadt Stettin. Max Kretzer, der den modernen Berliner Roman erfand— „Meister Timpe“— ist nach Posen zuständig, und Alexander Moszkowski. Erfinder so vieler Berliner Witze, ist aus Pilica, was schon früher in Polen lag. Ludwig Fulda, der Lustspiel­dichter, ist in Frankfurt am Main geboren, Ru­dolf Presber ist sein Landsmann. Der Philo­soph S. Friedlaender— als Mynona zieh: er jetzt gegen den Rummel um Remarque vom Leder— ist aus Gollantsch, sein Opfer Re­marque oder Remark, wie es früher hieß, hat in Osnabrück das Licht der Welt erblickt. Albert Einstein, der Erfinder der Relativitätshearie, ist in Ulm an der Donau geboren. Weiter ab­wärts an der Donau stand die Wiege Arnolt Bronnens, in Wien, noch weiter abwärts, in Budapest, die des Eugen Szatmari, der— um sich als Berliner zu legitimieren— einen Führer durch Berlin verfaßte. Aus dem Nor­den Deutschlands, aus Greifswald und Elbing, zogen Georg Engel und Paul Fechter nach Berlin; Heinz Tovote und Meyer=Förster haben ein Recht, sich getroffen zu fühlen, wenn Theo­dor Fontane— der wirklich ein Berliner war