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Büchsenlicht, allzu leicht, wahrscheinlich sogar den Tiger nur anschweißen würde? Wie, wenn uns die Bestie annahm?
Wir rührten uns nicht. Im nächsten Augenblick ging der Isjuhr vor uns plötzlich hoch und raste in langen Fluchten über den Hang. Er mußte wohl den lauernden Todfeind erkannt haben.
Die glimmenden Seher des Tigers waren verschwunden. Das Entsetzen wuchs. Schlich er jetzt uns auf lautlosen Sohlen an? Aufspringend schrie Imquill wie ein Irrer, ich brüllte mit und riß von der Birke lange Streifen trockenen Bastes ab, die Imquill zitternd mit einem Streichholz entzündete. Die Flamme lohte auf und beleuchtete die Umgebung. Vom Tiger keine Spur. Schwarz und drohend stand jenseits des kleinen Lichtkreises rings um uns die Nacht.
Beim Schein von Bastsackeln schlichen wir scheu und klein zurück zu unserem Lagerzelt, vor dem die ganze Nacht das Feuer brannte, heute und in allen folgenden Nächten.
Das war unser erstes, nicht gerade rühmliches Zusammentreffen mit dem sibirischen Tiger, der größten und wohl auch gefährlichsten Unterart seiner Gattung. Goldische Jäger bestätigten uns später, daß das, was wir erlebt hatten und uns als völlig unfaßlicher und nur vereinzelter Fall erschienen war— das Röhren des Tigers zum Anlocken der Hirsche— schon vielfach beobachtet wurde und als durchaus verbürgt gelten darf. Wir selbst haben es ein zweites Mal allerdings nicht mehr erlebt.
Chamäleon auf dem Anstand
Von Dr. L. Franck= Cairo.
Das Chamäleon kann je nach Laune und Stimmung sein Aeußeres, seine Hautfarbe, ändern. Kein Wunder, daß es zum Vergleichstier für unbeständige Charaktere, zum Sinnbild aller Konjukturmenschen geworden ist.
Das Chamäleon hat eine schnellschießendgefährliche Zunge, die alles, was es zum Leben braucht, noch auf ziemliche Entfernungen festleimt und in das Tier hineinzieht. Das Chamäleon bewegt sich meist laubverdeckt, steigt kriechend von Ast zu Ast, ringelt sich mit dem Schwanz um die Zweige und erlegt seine Beute aus dem Hinterhalt. Es vermag gleichzeitig ein Augenlid zu öffnen und das andere zu schließen, kann mit dem rechten Auge ins Gesicht hinein aufrichtig=offen tun, während es mit dem linken nach einer anderen Seite liebäugelt. In der Tat, diese harmlose Echsenart ist in allem, was sie darstellt und für die Unterhaliung und Verteidigung ihres Lebens unternimmt, ein geradezu vorbildliches Vergleichstier.
Der Frühling letzten Jahres verschlug mich für einige Apriltage nach Alexandrien. Bald hatten Museum, Pompejus=Säule und Katakomben die Sehnsucht nach frischem Grün noch gesteigert. Schon lustwandelte man in den prächtigen Europäerpflanzungen zu Ramleh, dem beliebten Sommerasyl im Nordosten der Hafenstadt. Still war es an diesem Morgen, die Natur so jung, daß sie noch allenthalben an Gras und Blättern vom Nachttau erglänzte. Aber das Himmelslicht wächst hier schnell, schafft in Minuten, wozu es in Europa oft Stunden gebraucht. Immer noch stand ich vor dem Mandarinenbäumchen, darauf tautrunkene Goldfliegen im Morgenlicht spielten. Warum mache ich gerade vor diesem Busch so lange halt? Ein dicker Rollfaden, der soeben mit fabelhafter Sicherheit einen Brummer vom Blattrande nach dem Innern des Busches hereinholte, gab der Frage unerwartet deutliche Antwort. Was den Augen die ganze Zeit über durch den laubgrünen Rock vervorgen blieb, entdeckte mir jetzt der auf Fliegen geschleuderte Zungenpfeil.— Als ob das Tier zur ausdrücklichen Bekanntschaft mit mir dahin gesetzt sei, sollte ich hier dem schönsten Vertreter der ägyptischen Chamäleons begegnen, dem smaragdgrünen„Basiliskus“ mit dem pyramidenförmig behelmten Kopf. Im Halbdunkel der Zweige saß er beharrlich auf Anstand, die Rute mehrfach um den Zweig geringelt. Die Schleuderzunge, die das Chamäleon über die Hälfte der eigenen Körperlänge— bis zu 15 Zentimeter— auswerfen kann, enthebt es der hastigen Laufbewegungen, deren seine Vettern, die Land= und Mauerechsen, zum Nahrungserwerb bedürfen.
Soeben will ein mittelgroßer Käfer von der Unterseite seines Blattes hinauf ins Sonnenbad steigen; doch er braucht die Kimmung nicht anz zu überklettern, um von dem Zungenislo des Chamäleons festgeleimt, ins Maul
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gezogen und verschluckt zu werden. Eine er
staunlich bequeme Vorrichtung, mit Schuß und Wurf sogleich die Beute in den Rachen zu bekommen.
Ohne es zu verscheuchen, nähere ich mich dem Tier auf ein halbes Meter; ich strecke die Hand nach ihm aus, um es vom Zweige zu nehmen. Doch augenblicks schlägt die Stimmung um, die Pigmentzellen seiner Haut reagieren, die Farbe wechselt, aus Wiesengrün wird Tannengrün. Sachte entringelt sich der Schwanz vom Ast, die Klammerfüße lichten hoch die Augenstühle wenden zur Seite, das kleine, doch urweltliche Ungeheuer strebt ins Dunkel der Blattnischen.
Noch urtümlicher ist eine zweite Art in Aegypten, der die Wissenschaft den klangvollen Beinamen„Calypratus", die„Behelmte", beigelegt hat. Ihre stattliche Kopfbrünne endet in einen Lappenbehang, der wie beim wohlbewappneten Ritter noch Nacken und Hals überdacht. Gleich der Basiliskenart trägt sie Sporen an den Hinterfüßen.
Doch am meisten, wenn auch niemals häufig, trifft man das„Chamäleon Vulgaris“ an; nicht nur in Aegypten und Nordafrika, sondern auch in Kleinasien, Syrien, Palästina, Südspanien und an der Küste der Türkei. Die Grundfarbe seines Panzers wird von rostroten Tönen übertuscht, und zwei lichte Ränder durchziehen sein Grün bis zur Wurzel des Schwanzes. Dem Männchen fehlt die Sporenzier, doch treten die Körnerschuppen des Rükkens oft bis zum Helmrand zu einer dräuend gezähnten Kante zusammen.
Im Mai und Juni legt das Chamäleon seine Eier, 30 bis 40 Stück, in kleine, selbstgewühlte Erdkuhlen. Von kräftigen, porösen Kalkschalen umgeben, werden sie von der Mutter noch fürsorglich mit Laub und Erde überdeckt. Wie bei unseren Eidechsen und Blindschleichen brüten dann während einiger Wochen Sonne und Bodenwärme den Inhalt aus.
Am Ausguck
Kühlwagen für Reisende.
Ein wenig spät für diesen Sommer mit seiner ungewöhnlichen Hitze hat eine große französische Eisenbahngesenschaft einen Kühlwagen für Reisende in Dienst gestellt. Bei diesem Versuch, der zu voller Zufriedenheit aller Beteiligten verlief, handelte es sich um einen Durchgangswagen erster Klasse. Die Kühlanlage setzt sich aus einem Ventilator, einem Eisbehälter an der Kopfseite des Wagens und aus einer Röhrenanlage zusammen. Der Ventilator preßt die heiße Luft im Freien in eine Röhre unter dem Dach des Wagens. Von hier aus wird die Luft unter starkem Druck in den Behälter geleitet, der mit 400 Kilogramm Eis gefüllt ist. Die dergestalt abgekühlte Luft fließt in die Röhrenanlage, aus der sie auf die verschiedenen Abteile des Wagens verteilt wird. Der Ventilator kann in einer Stunde rund 13500 Kubikmeter Luft in die Kühlanlage drükken, eine Menge, die genügt, um die Atmosphäre im Wagen stündlich zehnmal zu erneuern. Der Eisvorrat wird innerhalb acht Stunden verbraucht. Außerdem ist das Dach des Wagens von außen durch weiß angestrichene Metallatten gegen die Einwirkung der Sonnenstrahlen geschützt Während bei einer Außentemperatur von 32 Grad im Schatten die Hitze in einem nicht gekühlten Abteil erster Klasse des gleichen Zuges 33 Grad betrug, herrschte im Versuchswagen eine Wärme von nur 26 Grad. Die Luft, die aus der Kühlanlage in die Abteile strömte, hatte eine Temperatur von 22 Grad. Die Kühleinrichtungen sollen im Laufe des Winters auch in andere Durchgangswagen eingebaut werden, um im nächsten Sommer in Tätigkeit zu treten.
Eine unheimliche Ausstellung.
Eine für zartbesaitete Gemüter reichlich unheimliche Ausstellung veranstaltete kürzlich das Field=Museum für Naturgeschichte in Chicago. Es handelt sich um eine Sammlung verschiedener Geräte, die als Ausbeute einer wissenschaftlichen Expedition kürzlich aus Tibet nach den Vereinigten Staaten gekommen waren und die Besonderheit aufweisen, daß sie durchweg aus Menschenknochen angefertigt sind. Man findet da Schalen, die aus einem menschlichen Schädel geschnitzt wurden und von den Lamas bei ihren seltsamen religiösen Gebräuchen verwandt wurden! ferner Tamburine, gleichfalls aus Schädeldecken geschnitzt; endlich Flöten und Trompeten, zu deren Herstellung menschliche Schienbeine gedient haben. Das Glanzstück der Sammlung bildet ein großer Schurz, der von 41 aus Menschenknochen gefertigten Platten
gebildet wird. Sie sind kunstvoll geschnitzt und
durch Schnüre zusammengehalten, die aus runden und viereckigen perlenartigen Stücken des gleichen Materials bestehen. Einzelne der Schalen sind seltsam geschnitzt und mit Kupfer und Messing reich verziert. Alle diese Geräte werden von den Lamas zu den verschiedensten gottesdienstlichen Handlungen verwandt, zum Teil sind sie auch bei Laien in Gebrauch. In Tibet herrschen heute noch Sitten, von d.ren Seltsamkeit wir uns nur schwer eine Norstellung machen können und die auf unser Gefühl geradezu abstoßend wirken. Zum Ve#ir##el ist es allgemeiner Brauch, daß der Sohn den Schädel seines verstorbenen Vaters zu einer Schale verarbeitet und am Geourtstag des Verschiedenen zu seinem Gedächtnis daraus trinkt.
6500 Kilometer zur Gerichtsverhandlung.
Hoch oben im eisigen Norden Kanadas, zu Bathurst Inlet, erschlug vor einiger Eskimo, Okchina, einen Stammesgenossen. Für sein Verbrechen wurde er alsbald von der berühmten kanadischen berittenen Polizei festgenommen und in das Gefängnis zu Anlavik überführt, wo er bald Gesellschaft in Gestalt von Lily Sanniya bekam, einem des Kinoesmordes beschuldigten Eskimonhen. Um die beiden Missetäter zu verhören und abze; eilen, ist eine Gerichtskommission aus Edmoiton vor kurzem nach dem hohen Norden ausgeorochen, die nicht weniger als 6500 Kilomerer zurücklegen muß, um an Ort und Stelle zu kommen. Als Reisedauer sind je nach den Wegeund Wetterverhältnissen sechs bis neun Wochen vorgesehen. Aus dieser unbestimmten Angabe ergibt sich allein schon, mit welchen Schwierigkeiten die Vertreter der Gerechtigkeit unterwegs zu kämpfen haben werden.
Staatliche Froschzucht gegen Mückenplage.
Alaska verdient wohl. ein Dorao der Mükken und ähnlicher Insekten genannt zu werden, die dort in solchen Massen auftreten, daß sie der Bevölkerung das Leben schwer machen. Die ständige Mückenplage wird von der Regierung darauf zurückgeführt, daß es in Alaska zu wenig Frösche gibt, und man will jetzt diesen Mangel energisch beseitigen, indem man eine Waggonladung Frösche bestellte, um sie im Lande selbst zu zuchten. Es wird sich bald herausstellen, ob die staatliche Froschzucht die erhofften Ergebnisse zeitigt; hoffentlich gesellt sich nicht zu der Mückenplage auch noch die Froschplage.
Woher die Blaugans kommt.
Aus dem eisigen Norden Amerikas kommt die Nachricht, daß einem Beamten des kanadischen Ministeriums des Innern, J. Dewey Soper, der sich seit Monaten zu zoologischen Studien in den Eiswüsten des Nordwest=Territoriums aufhält, die Lösung eines alle Tierfreunde, insbesondere alle Ornithologen, interessierenden Rätsels gelungen ist. Seit Jahren beschäftigte man sich mit der Frage, wo ein im Norden nicht sehr seltener Vogel, die Blaugans, ihre Wohn= und Nistplätze habe. Nie war es gelungen, eine Nest, ein Ei oder gar ein Junges des scheuen Tieres zu finden. Die Blaugans erschien Sommer für Sommer in südlicheren Breiten, aber woher sie kam und wohin sie im Herbst wieder zog, wußte bisher niemand. Soper fand nun vor einiger Zeit weit oben im Baffin=Land die Wohn= und Brutplätze des Vogels. Der erfolgreicher Forscher befindet sich jetzt auf dem Wege nach Ottawa, mit Eiern, Nestern, Jungen und einigen erwachsenen Exemplaren des Tieres. Seiner Ankunft und seinen näheren Berichten sehen alle Zoologen mit größtem Interesse entgegen.
Das Gesicht der Zeitalter
nennt Paul Wiegler einen Aufsatz im Septemberheft der„Koralle". Es ist der Versuch, auf gedrängtem Raum eine Geschichte des Geschmacks zu geben. Einleuchtende Bilder zeigen, wie in allen Epochen jeder Gegenstand des täglichen Gebrauchs, die Kleidung, der Luxus von einem der Evoche eigentümlichen Zeitgeist geformt wurde. Interessant, aus welchen Bedingungen Wiegler die„neue Sachlichkeit“ entstehen läßt. Wesensverwandt ist der Aufsatz von Dr. Bing im gleichen Heft der„Koralle": „Jagd nach Typen“. Hier werden die hochinteressanten Versuche geschildert, durch die Photokamera Menschen=„Typen“ zu ermitteln. Man hat eine große Anzahl von Gesichtern auf ein und dieselbe Platte projiziert. Das Bild, das sich aus solchem Experiment ergab, ist in der Tat sehr bemerkenswert, wenn auch die Frage offen bleibt, ob man einen Typus im Sinne eines Idealbildes oder nur einen Durchschnitt vor sich hat.
Verantwortlich: H. Semmelmann, Altena. Druck und Verlag: Dr. C. Santz. Altena
K 185n21111
Beilage zum Altenaer Kreisblatt zugleich Neuenrader Zeitung
Nr. 34 Mittwoch, 25. September 1929
Nördlich der oberen Lenne
Unsere Wochenendfahrt nimmt Rönkhausen als Ausgangspunkt und bedient sich dabei der Blätter 7 und 8 der Sauerlandkarte 1: 50 000 des Sauerland=Verlages zu Iserlohn. Samstag nachmittag verfolgen wir Haupt
wanderstrecke 18 des Sauerländischen GebirgsVereins. Nach Durchquerung des Dorfes Rönkhausen biegen wir ins liebliche Glingetal ein. Schon nach ½ Stunde sind wir in Glinge mit einem prächtigen alten Fachwerkhaus. Nun gehts bergan, zunächst noch dem Glingebach entlang. In einer Stunde ist Gehöft Falbecke erreicht, wo der starke Anstieg einsetzt. In 15 Minuten gehts 140 Meter bis Faulebutter(525 Meter) hinauf. Herrliche Fernblicke auf dem kurzen Wege bis Weuspert lohnen die Kletterei. Ein schattiger Waldpfad umgibt uns weiter bergab; zuletzt folgen wir dem Giebelscheider Bach, bis wir endlich, genau 1 Stunde von Faulebutter entfernt, Fretter (300 Meter) im Tal des gleichnamigen Baches und damit das Ziel des 1. Tages erreichen.
Wohl auseuht, nehmen wir am Sonntag zunächst wieder Hwstr. 18 unter die Füße, wenigstens die erste Stunde. Kurz hinter Gehöft Wiebelhausen kreuzt Hwstr. 25 unsern Weg und wir verlassen hier die bisherige Nummer, um auf diese hinüberzugehen. Die Steigung bis hierher betrug 180 Meter. Nun halten wir längere Zeit die Höhe an, jedenfalls kommen wir bis zum Endpunkt nicht sehr mehr herunter. 50 Minuten auf Hwstr. 25 ostwärts überqueren wir die Landstraße Crevenbrück=Eslohe bei Schmartmecke. Unterwege genossen wir ganz vorzügliche Fernblicke. Nach ¼ Stunde folgt Leckmarth. Rechter Hand lassen wir den Herrscheid(20 Minuten), von dem aus wir eine lohnende Ausschau genießen würden, wenn wir uns den Abstecher nicht verdrießen lassen. Auf den folgenden Feld= und Waldwegen, die dann und wann durch kurze Landstraßenstückchen unterbrochen werden, durchaueren wir Arpe(¼ Std.) Ober=Berndorf(½ Std.) und Berghausen(¼ Std.). Zum großen Ebbinghof sinds weiter 50 Minuten und zum Schlußpunkt Fredeburg(440 Meter) noch ½ Stunde. Immer wieder reizt uns das am Westhang der waldreichen Hunau gelegene Bergstädtchen zu einem kurzen Rundgang durch die schönen Schieferhäuschen und winkligen Straßen. Dann besteigen wir das Zügle, das uns je nachdem über Altenhundem oder Wennemen beimwärts trägt.
Altdeutsche Haus= und Sinn
sprüche
Wer dies Haus jetzt tadeln will,
Der stehe nur ein wenig still Und denk in seynem Hertzen frey,
Ob er wohl ohne Tadel sey.
Erst aufhören zu klagen,
Dann überschlagen,
Dann wagen.
Lieber in eig'ner Hütten
Als im Schloß nur gelitten.
*
Häuser haben Winkel,
Köpfe haben Dünkel.
Auf den Zaun kommt's wenig an;
Im Garten will ich Blumen ha'n.
*
Ein Haus ohne Liebe
Ist wie zwey Stein' ohne Mörtel.
*
Der größte Schritt ist der Schritt aus der Te#. *
Ein Haus ohne Gäst' Ist wie ein Jahr ohne Fest.
W.
Reisebrief aus Trier
Das schöne Wetter der letzten Wochen hat den Reiseverkehr im westlichen Grenzlandzipfel Deutschlands wieder belebt. Besonders holländisches Publikum sieht man viel die alten Sehenswürdigkeiten Trier's bewundern.
Die Ausgrabungen im Simeonskloster schreiten fort; und was hier in mühsamer Arbeit zutage gefördert wird, findet starkes wissenschaftliches Interesse. Die Ausgrabungen im Tempelbezirk sind mangels genügender Mittel zum Stillstand gekommen, jedoch bleibt zu hoffen, daß sich auch hier eine Fortsetzung ermöglichen läßt, haben doch gerade die letzten Ausgrabungen den früher schon von Historikern vermuteten Beweis geliefert, daß hier die ältesten Ansiedlungen lagen, und daß bereits um 1000 v. Chr. dort, wo jetzt Trier liegt, Menschen gesiedelt hatten. Immer näher rückt somit der Augenblick, um die bisher als sagenhaft betrachtete Inschrift auf dem Roten Hause in Trier„Vor Rom stand Trier 1300 Jahre“ geschichtlich als richtig zu bezeichnen.
Am 6. und 7. Oktober findet das Trierer Oktoberfest statt, welches sich bereits bei der ganzen Moselbevölkerung stärkste Sympathien erobert hat.
Am 13. Oktober hat die Deutsche Gesellschaft für Christliche Kunst ihre Jahresversammlung in Trier, verbunden mit einer Ausstellung christlicher Kunst. Nur Werke neuzeitlichen Stils werden ausgenommen.
Kurz sei noch des Diözesanmuseums gedacht, das, wie selten eins, altchristliche Kunst des Kölner, Mainzer und Trierer Kunstkreises zusammenfaßt. Es ist in den mittelalterlichen Kapitalräumen im romantischen Domkreuzgang untergebracht.
Spaziergänge der herbstlichen Mosel entlang Ausflüge in den herbstlich bunten Hochwald, oder Fahrten in das herbstbunte felsige Luxemburger Nachbarland und die wildromantische Westeifel gestalten den Aufenthalt im alten (Trier sehr abwechllungsreich.
Sind alle Berliner aus Breslau?
Von Paul Otto Graevenitz.
Als Heinrich Zille kürzlich starb, der Zeichner des Berliner Milljöhs, war alle Weit überrascht zu erfahren, daß der Künstler kein gebürtiger Berliner war, sondern aus Raseburg bei Dresden stammte. Es scheint wirklich, als ob die Kennzeichen des Urberliners nur in den „Zugezogenen" zum typischen Ausdruck gelangten, zum mindesten— von Zille und einigen anderen ist hierbei abzusehen— seine dem Mann im Reich peinlichen Eigenschaften: die bekannte„Berliner Klappe" also und neuerdings die Sucht nach„Amerikanismus", nach „Tempo=Tempo" um jeden Preis. Zu ihrer eigenen Ehrenrettung hat die eingeborene Bevölkerung der Reichshauptstadt behauptet, die in diesem schlechten Sinne„richtigen Berliner“ stammten durchweg aus Breslau. Hat sie damit recht? Leider läßt es sich ja nur bei solchen kontrollieren, die— wie es so schön heißt— als„Prominente" Berlin sein Gepräge geven.
Tatsächlich aus Breslau stammt Alfred Kerr, der Theaterkritiker und Franzosenschwärmer, bekannt als Feind Bert Brechts, der gestand, prinzipiell geistiges Eigentum anderer zu stehlen, wofür ihn leider noch kein Staatsanwalt beim Kanthaken gekriegt hat. Aus Breslau waren auch Adolf von Menzel, der Maler der friderizianischen Zeit, und Felix Deutsch, mit Rathenau Gründer der Allgemeinen Elektrizitäts=Gesellschaft.
Leistikow, der Maler der Mark, stammte aus Bromberg, Oppler, der als Radierer bekannter wurde denn als Maler, war Hannoveraner, Pechstein, der Expressionist, ist aus Zwickau in Sachsen gebürtig, Orlik aus Prag, und Max Oppenheimer, der das Romanische Café bevölkert, gehört von Rechts wegen nach Wien, wie überhaupt die meisten Stammgäste dieses Lokals in Wien, Budapest, Prag, Belgrad oder Bialystock heimatberechtigt sind. Die sogenannte Boheme sammeln sich nur darum in Berlin, weil im stürmischen Meer der Großstadt viel leichter im Trüben zu fischen ist als in der geruhsamen Provinz. Von anderen Berliner Malern, die keine sind, seien noch Slevog: genannt, der aus Landshut in Bayern ist und Emil Nolde, der Holsteiner.
Die„urberliner“ Schriftsteller sind ein ebenso gemischtes Volk. Fred Hildenbrandt, der schon ein begeistertes Buch über seine Wahlheimat schrieb, stammt aus dem Württembergischen, Alfred Döblin, dessen Roman„Berlin Alexanderplatz" im Herbst herauskommt, ist aus der preußischen Hafenstadt Stettin. Max Kretzer, der den modernen Berliner Roman erfand— „Meister Timpe“— ist nach Posen zuständig, und Alexander Moszkowski. Erfinder so vieler Berliner Witze, ist aus Pilica, was schon früher in Polen lag. Ludwig Fulda, der Lustspieldichter, ist in Frankfurt am Main geboren, Rudolf Presber ist sein Landsmann. Der Philosoph S. Friedlaender— als Mynona zieh: er jetzt gegen den Rummel um Remarque vom Leder— ist aus Gollantsch, sein Opfer Remarque oder Remark, wie es früher hieß, hat in Osnabrück das Licht der Welt erblickt. Albert Einstein, der Erfinder der Relativitätshearie, ist in Ulm an der Donau geboren. Weiter abwärts an der Donau stand die Wiege Arnolt Bronnens, in Wien, noch weiter abwärts, in Budapest, die des Eugen Szatmari, der— um sich als Berliner zu legitimieren— einen Führer durch Berlin verfaßte. Aus dem Norden Deutschlands, aus Greifswald und Elbing, zogen Georg Engel und Paul Fechter nach Berlin; Heinz Tovote und Meyer=Förster haben ein Recht, sich getroffen zu fühlen, wenn Theodor Fontane— der wirklich ein Berliner war