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Der getteue Manibe wachte von Stund an mit noch größerem Eifer über dem Wohl und Wehe seiner Schutzbesohlenen. Aber er war grüblerischer und in sich gekehrter als je. Sehr zum Leidwesen seiner jungen Herrin. Ihre Augen hingen oft bittend an den seinigen, und als beide eines Tages auf den See hinaus ruderten, klagte Setna:„Du machst mich trau­rig. Manibe. Weshalb fliehst Du vor mir?“ — Selbstvergessen hing der Blick des Getreuen an dem schonen fragenden Munde:„Herrin, verspottet nicht einen armen Schelm, der jeder­zeit bereit ist, für Euren Vater und für Euch sein Leben dahin zu geben. Ich bitte die Göt­ter, daß sie Euch einen würdigen Gemahl sen­den mogen. Vergesset den Schändlichen!“

„Ich wünsche mie keinen Gatten, flüsterte Setna und senkte errötend ihr zartes Antlitz, „ich liebe nur einen... Fragend suchte Ma­nide ihren Blick, stürmisch arbeitete es in sei­ner Brust, die Knie begannen dem Starken zu zittern... da rauschte es im Wasser neben ihm, und als er sich zur Seite wandte, sah er — fast zum Greifen nahe— die höhnisch grin­sende Fratze des Todfeindes. Lautlos war der auf seinem Boot mit zwei Bewaffneten heran geglitten. Für eines Atemzuges Länge erstarr­te Manibe. Im nächsten Augenblick sprang er mit gewaltigem Satz in das Fahrzeug der Geg­ner. Ein kurzes Handgemenge folgte. Dana waren alle drei in den Fluten verschwunden. Aufatmend blickte Manibe nach seinem Boote zurück.

Aber wo war Setna geblieben? Vergebens spähte der Getreue in die kristallklare Flut. In gleisnerischer Ruhe, wie ein gesättigtes Raub­tier, blinzelte der glatte Spiegel. Sicherlich hatte die Erschütterung des leichten Nachens, durch Manibes plötzlichen Absprung, die Zarte ins Meer geschleudert.

Wie aber sollte Manibe vor den Herzog tre­ten, wenn dieser die Tochter forderte, von ihm, der sein Wächteramt so schlecht versehen?

Ein kurzes Gebet an die Götter. Dann glitt der Getreue lautlos in die Tiefe...

Seit jener Zeit tragen zwei Felsen, die durch einen Arm des Aakan=Sees von einander ge­trennt werden, die Namen Setna und Manibe.

Der Trapezkünstler

Skizze von Heinrich Wiegmann.

Auch heute trat er erst gegen Schluß der Zirkusvorstellung auf. Sicher und gewandt das Tau erklimmend, schwang er sich in das Trapez, das zwischen den Masten hing. Wieder schoß ihm der Gedanke durch den Kopf: er mußte es wagen, den Stuhl auf nur einem Bein ruhen zu lassen...

Seine Augen wurden schmal. Ueber eine mehrtausendköpfige, schweigende, starr zu ihm aufblickende Menge hinweg glitt sein Blick, um einen Atemzug lang in einer Loge zu ruhen. Dort hob eine Zirkusreiterin unauf­fällig die Hand zum Gruß. Er lächelte und vergaß seinen Vorsatz wieder. Noch blieb ihm Zeit, mehr zu wagen.

Was er hundert, vielhundertfach getan, wie­derholte er— kühl, sicher, beherrscht. Er griff den zu ihm aufgezogenen Stuhl, hakte die Kette am Trapez fest. Setzte sich in den nur mit den hinteren Beinen auf dem schmalen Trapez ruhenden Stuhl, schlug die Beine über­einander, verschränkte die Arme hinter den Kopf. Schwebte über der Tiefe, die kein Netz vor ihm verschloß. Und während eine ge­dämpfte Musik ertönte, und viele Frauen ihre Gesichter von ihm wandten, senkte er die beiden Stuhlbeine in Gläser, setzte sich wieder, rauchte eine Zigarette. hielt mit beiden Händen eine ausgebreitete Zeitung...

Ein Lächeln um die geöffneten Lippen dankte er für den Beifall. Schlank, biegsam stand er in der Manege, und seine Augen such­ten die Zirkusreiterin. Er wollte doch tun, was er sich vorgenommen hatte.— Ueber einem ausgespannten Netz probte er täglich. Wenn er haufig das Gleichgewicht ver­lor, sich im Sturz noch am Trapez hielt oder gar ins Netz fiel, dann bedurfte es eines starken Willens, um nicht müde zu werden. Der Wille aber zog ihn, wie die Ranken den Wein, in die Höhe. Er wollte nicht nachgeben. Mehr zu leisten als ardere, höhere Gagen zu erzie#en, zwang er sich zu neuen Versuchen, bis sie glückten, und das Gefühl der Selbstsicherheit ihn grug.

„Nacht alles nix“, sagte der Clown Austelli, als er ihm einmal eine Weile zugeschaut hatte. „Sie brechen sich doch noch den Hals! Hundert­mal geräts und— aus ist das Theater. Nein, dabei werden Sie kein Großvater.“

„Ich will Ihnen einen Vorschlag machen,“ lächelte der Zirkusdirektor und sah ihm listig

Arbeiten über dem Löwenkäfig vornehmen würden? Für den letzten Abend eines jeden Gastspiels, der bekanntlich unter schlechtem Besuch leidet, wäre das eine wirkliche Zug­nummer. Ich würde Ihre Gage natürlich ent­sprechend erhöhen.“

Das stachelte ihn an. er vergaß die Gefahr.

Er dachte an seine künftige Sensation und be­rauschte sich daran..

Ilonka Andrassy, die Zirkusreute##n, aber bangte um ihn.„Laß es, tu es nicht. Du sagst, du liebst mich. Bin ich dir nichts mehr? Wenn du mich wirklich liebst, kannst du dein Leben nicht so leichtfertig aufs Spiel setzen.“

„Du verstehst mich nicht, versetzte er, schmerz­lich bewegt.. 846 Fürchte zm 23c

„Doch, nur zu gul. Ichh fürchle um dieh.. Nun werden sich wohl unsere Wege trennen

müssen.“— Jmist Die an u5

Der Zirkus war ausverkäuft. Die angenun­digte Schaunummer, aufsehenerregende Evo­lutionen des tollkühnen Schweden über dem Zwinger wild eingefangener Löwen, hatte für den letzten Gastspielabend seine Wirkung getan.

Pferde führte zuerst der Direktor vor, Pferde und nochmals Pferde. Aus technischen Grün­den geschah das, weil sie hinterher gleich zur Bahn gebracht und verladen wurden, um an die neue Wirkungsstätte transportiert zu wer­den. Dann aber war für heute zum eriten Male eine Aenderung im Programm vorge­sehen. Björn Thil sollte während der Löwen­dressuren über dem offenen Zwinger arbeiten.

Clowns kürzten mit ihren Späßen den ge­drängt sitzenden Schaulustigen die Zeit, die der Aufbau des Löwenzwingers in der Manege erforderte. Das Eisen klirrte, wenn es mit seinen harten Fingern ineinandergriff. Dann spielte die Kapelle einen Marsch. Björn Thil erschien. Nicht anders als sonst, die Glieder in einem kleidsamen blauen Trikot steckend, ein kühles Lächeln zur Schau tragend, erstieg er behende das Tau.

Aller Augen folgten ihm, als er sich ins Trapez schwang. Stuhl und Gläser wurden zu ihm hinaufgezogen. Währenddessen zeigten sich acht Löwen in dem Zwinger. Der Dompteur trieb sie auf ihre Plätze. Bjorn Thil verfolgte ihre Bewegungen. Nirgends war Ilonka An­drassy, die Reiterin, zu sehen. War das Lieve? — Er kniff die Lippen zusammen, ergriff den Stuhl, hakte die Kette ein. Als in den Vor­führungen unten eine Pause eintrat, begann er gi arbeiten.

Er überhastete sich nicht. Der Gleichgewichts­sitz, das Senken der Stuhlbeine in die Gläser, das Lesen der Zeitung— sicher vollendete er seine Nummer. Zuweilen schaute ein Löwe zu ihm auf, wandte brüllend den Kopf. Der Raum unter ihm war freigehalten. Dort stand, zu etwaigen Hilfeleistungen bereit, ein Bruder

Beifall rauschte; der Schwede hatte seine oft gezeigte Arbeit erledigt. Neue Löwendressuren folgten. Nun setzte die Musik auf. Aufge­richtet stand Biörn Thil im Trapez und hob ein Glas. Er stülpte es über ein Stuhlbein. Setzte sich. Mit nur einem gläsernen Bein ruhte der Stuhl auf dem Trapez.

Dann ein lauter Aufschrei. Ein zerbrochenes Glas stürzte, der Stuhl schwang an der Kette. Aber im Fallen hatte Thil Björn das Trapez ergreifen können. Er zog sich hinauf, lächelte. Das schwankende Trapez verriet sekunden­lang seine starke Erregung.

Ein anderes Glas, er setzte sich abermals. Er entfaltete die Zeitung. Da barst auch dieses Glas, er fuhr auf, doch diesmal mißglückte der rettende Griff. Fast gleichzeitig mit dem z sprungenen Glase sauste er in die Manege.

Entsetzen schüttelte die Zuschauer. Man raste, viele suchten den Ausgang, obgleich Björn Thils Sturz durch entschlossenes Zu­greifen des Bruders des Bändigers gemildert worden war. Die Unruhe sprang auf die Löwen über. Einer setzte zum Sprunge an.

„Zurück, Nero! Willst du wohl!“ Unx schrocken drang eine Zirkusreiterin an der Spitze von zwei Männern in den Zwinger. Der brüllende Löwe schlug nach dem vorgehaltenen Peitschenstiel.„Jetzt!" Der Augenblick ge­nügte, Björn Thil in Sicherheit zu bringen. Aufatmend sprang die Reiterin zur Seite, der Widerstand der Männer bezwang den Aufruhr der Löwen. Dann ersuchte eine feste Stimme das Publikum um Ruhe und Ordnung. Die Kapelle spielte einen Marsch. Nachdem die Löwen hinausgelassen waren, teilte jemand mit, daß die Vorstellung ihren Fortgang nehme der Luftkünstler sei nur unwesentlich verletzt.

Der herbeigerufene. Arzt konnte lediglich den Bruch des rechten Armes und dreier Rirpen feitstellen; zur weiteren Beobachtung ließ er Björn ins Krankenhaus schaffen.

Ilonka Andrassy besuchte ihn am nächsten

ihm hre Hand. Wie bannte ich

ein Glanz in seine Augen trat.„Und warum mußte ich an deiner Liebe zweifeln?— Sieh, in der Heimat wartet eine Mutter auf mich. Ein Hof, Jlonka... Felder, Stille... ein warmes Nest— willst du mit mir gehen?"— Ein Beben durchlief sie; sie schloß die Lider

Es war zu viel, um an das Glück der Stunde slauben zu können.„

Die Dame und ihr Griffon

Von Dr. Artur Landsberger.

Die Pariser Kriminalpolizei erfährt, daß die internationale Hochstaplerin Lili Laroche mit dem Reiseziel Paris die Stadt Zürich verlassen hat. Signalement: junge. schöne Brünette, groß, schlank— in ihrer Begleitung ein win­ziger Grisson Bruxellois.„„„

Der Zug läuft in den Pariser Bahnhof- ein. Die Beamten treten an eine elegante Brünette heran und sagen:„Madame Lili Laroche, Sie sind verhaftet.“— Empörung, Leugnen, Wi­derstand. Und als man ihr den kleinen Grif­fon aus der Tasche zieht, tut sie völlig über­rascht und erklärt: den müsse ihr jemand in die Tasche gesteckt haben.

Auf der Polizei wird die Dame als die Gat­tin eines bekannten Diplomaten identifiziert, die aus St. Moritz kommt und nie einen Hund besessen hat.

Der Polizeikommissar besucht in Begleitung des Griffon zwei Nächte lang die bekanntesten Nachtlokale. Erfolglos. In der dritten Nacht sitzt er bei Rabelais in der Nähe der Place Pigalle. Plötzlich stürzt der Griffon auf eine auffallend schöne Frau mit rotem Haat zu, die in Begleitung eines eleganten Herrn das Lokal betritt. Die Freude des Wiedersehens auf beiden Seiten ist beispiellos. Der Beamte stört sie nicht. Erst als das Paar sich gesetzt: hat, geht er unauffällig an den Tisch und bit­tet Dame, Herrn und Hund, ihm zu folgen.“

Auf der Polizei ergibt sich: Der Herr, ein Züricher Großindustrieller, fuhr vor drei Tagen: im Schlafwagen nach Paris. Als er morgens aufwachte und des Frühstücks wegen läutete, kam der Schaffner und sagte:„Ihre Frau Ge­mahlin"— und dabei wies er auf das obere Bett—„hat bereits zweimal Tee bestellt.“

Der Züricher Herr traute Augen und Ohren nicht.

„Verzeihen Sie!“ klang von oben die Stim­me einer Frau, die, wie er durch den Spiegel über der Waschtoilette feststellte, jung, schön und brünett war.„Was müssen Sie von mir

denken?"

„Soweit ich es bisyer veurteilen kann, nur das Beste, und ich heiße Sie in meinen beschei­: denen Räumen herzlich willkommen.“

„Ich war todkrank, ich mußte liegen; das einzige freie Bett... ich gebe zu, es war kühn, toll. Ich sagte dem Schaffner, daß ich Ihre Frau sei...

„Und ich habe geschlafen!“—

Kurz vor Paris— er hatte sich längst vor­gestellt— bat er:„Und nun sagen Sie mir

in die Augen.„Das Publikum will starhe Tage. Er naym ihre####„ Nervenreize. Wie wäre es, wenn Sie Ihre nicht auf dich bören?" schall

endlich, wer Sie sind.“

„Sie kennen mich nicht? Besuchen Sie keine Kinos? Aber warten Sie" Sie kehrte ihm den Rücken, kramte vor dem Spiegel in ihrer Handtasche und verwandelte sich inner­halb weniger Minuten derart, daß man sie— nicht nur der kunstvollen roten Perücke wegen — nicht wiedererkannte.

Seine Einladung, einige Tage gemeinsam in Paris zu verbringen, nahm sie an und verließ in dieser Maskerade an seinem Arm den von Kriminalbeamten bewachten Bahnsteig..

„Und von einem Hündchen haben sie nichts bemerkt?“ fragte der Beamte.

„Ich sah nur, wie sie sich beim Aussteigen im Gange des Schlafwagens an eine Dame herandrangte und ihr etwas in die Tasche schob. Das machte mich stutzig. Aber ich war so in ihrem Bann, daß ich bald nicht mehr daran dachte.... Hri.

„Und Ihnen fehlt nichts: Weder Brieftasche noch Scheckbuch?“

Der Herr griff in die Tasche— und zog außer seiner Brieftasche noch eine andere und zwei amerikanische Scheckbücher heraus, die ihm ebenfalls nicht gehörten.

„Die Frau nimmt nicht, sie gibt,“ sagte der Herr. Aber die Polizei war anderer Meinung, denn sie kannte den Trick Lili Laroches, Her­ren der großen Welt als Deckung und zugleich als ahnungslose Helfer zu benutzen. Sie ließ sich ruhig abführen— und niemand sah, wie: der Griffon unter ihrem Pelze verschwand. Es schien, daß er mehr als ein willenloses Werk­zeug und von seiner Herrin abgerichtet war, im gegebenen Augenblick dahin zu verschidin­den, wohin ihr Wille ihn lenkte.

Altena.

„Wie aonnte ichs antwortlich: H Semmelman

er sich. während Druck nud Verlag: Dr C. Santz, Altena

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Nr. 25

Samstag, 22. Juni

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Der Schmetterling

:. Skizze von Wolfgang Federau.

Er war der Einzige, und das empfand er zu­weilen selbst als schmerzlich. Besonders in diesem Winter, in dem er nur selten auf die Straße gehen durfte und immer gleich so setzlich fror, wenn es doch einmal geschah, daß er schleunigst wieder in die Wohnung flüchtete. Er hatte viele Spielsachen, gewiß. Aber viel­leicht wäre er zufriedener gewesen, wenn er sie mit einem anderen teilen müßte.

Gern hätte er ein Brüderchen gehabt— ja, sogar mit einem Mädchen wäre er zufrieden gewesen. Mehrfach bat er seine Mutter darum — sie errötete und sagte:„Warte nur, Lieb­ling— man muß nicht so ungeduldig sein.“

Er wartete sehr lange. Als das nichts half, faßte er sich ein Herz und trug mit mühsam aufgebrachter Energie den Wunsch dem Vater vor. Der lachte nur und sagte„Woll'n mal sehen.“ Aber es kam kein Brüderchen und nicht einmal ein Schwesterchen.

Einen Erfolg hatte dieser unerfüllt geblie­bene Wunsch freilich— der Kleine lernte, sich allein zu beschäftigen. Er lernte, mit sich selbst und mit den Dingen, die ihn umgaben, die zu seinem Reich gehörten, zu spielen und jeder Sache, jedem Holzklötzchen, jeder Schach­tel; jeder Garnrolle den Hauch seiner eigenen Seele einzuflößen. Und als der Früyling endlich kam, mit Sonne, Wärme und lauem Wind, als er nach so langer Haft endlich wie­der auf die Straße durfte, da verband er sich nicht mit den anderen Drei= oder Vierjährigen zu einer wilden, tobenden, schreienden Rotte Korah, sondern trieb— abseits von den Vielen, ein vollkommener Aristokrat— zeine eigenen, feltsamen und kindlichen Spiele. Spiele, die von allem abwichen, womit seine Altersgenossen sich beschäftigten, deren Sinn niemand so recht begriff.

Seine Eltern wohnten in einer stillen, ab­seits von allem Verkehr liegenden Straße, wo es zwar keine öffentlichen Spielplätze, aber auch keine Autos. und Straßenbahnen gab. Und das war gut, sehr gut. Denn, was der Kleine sich bei seinem Spiel ausdachte, schien zu verlangen, daß er gelegentlich, in sich ver­sunken, mit abwesendem Gesicht mitten auf dem Fahrdamm stehen blieb und nichts sah und hörte von all dem, was um ihn herum geschah. Autos aber und Sträßenbahnen nehmen wenig Rücksicht auf die Spiele der Kinder und auf ihr träumendes Verweilen in­mitten der Straße.

Einmal, da er so dastand, träumend, grü­belnd und entrückt, fiel sein Blick auf einen Schmetterling, auf einen Zitronenfalter, der aufreizend nahe vor seinen Augen durch die Luft gaukelte. Schmetterlinge sind nicht gar zu selten hier am Rande der Stadt, wo noch jedes zweite Haus von einem Garten um­geben ist und Feld, Wiese, Wald in zehn Minuten zu erreichen sind. Aber dieser Zi­tronenfalter war der erste des Frühlings, und der kleine, verträumte Junge entsann sich nicht, eine solche lebendige Blume je vorher gesehen zu haben.

Das Herz des Knaben wurde heiß und trunken vor Sehnsucht. Er wollte ihn haben, den Schmetterling, er wollte ihn seiner Mutter bringen, wollte mit ihm spielen. Aber das zarte gelbe Ding ließ sich nicht so leicht fen, schien es darauf abgesehen zu haven, den Jäger zu narren, der mit flehentlich ausge­streckten Händchen, ohne rechts und linns zu schauen, hinter ihm her lief. Ueber die Straße, durch ein großes, weit geöffnetes Gittertor, und dann— ja, dann über eine große, eben erst mühselig geglättete Fläche, die der Gärtner mit viel Schweiß und Eifer hergerichtet hatte.

Die kleinen, tapsigen Füßchen also liefen über diese so mühevoll glattgestampfte und ein­geeonete Erdfläche, viele Dutzende häßlicher

Löcher und Spüken hinterlassend, bis— bis sie plötzlich vor einem großen, finster aussehen­den Mann haltmachen mußten.

Dieser dünkle Mann griff mit beiden harten Fäusten nach dem Kinde, er schrie irgend etwas sehr Böses, sein Gesicht war rot vor Wut, als er mit der Hand auf die angerichtete Verwüstung deutete. Aber das Kind dachte nur an den Schmetterling, der nun, seiner Sache offenbar sicher, sich für einen flüchtigen Augenblick auf der Mütze des Mannes nieder­ließ. Der Kleine also hob die Augen zu dem fremden, bärtigen Gesicht, sah die zarten, gelben Flügel des Schmetterlings leise auf und nieder gehen— nun konnte es ja gar nicht anders kommen, der Mann würde heifen, das wunderbare, leuchtende Wesen einzufangen.

Darum also weinte und schrie der Knabe nicht, trotz des harten Zugriffs, sondern sah mit dem fußesten, freundlichsten Lächeln zu dem Fremden empor. Und es mußte wohl dieses Lächeln sein, das den Bösen entwaffnete, also daß seine Faust das Kind losließ und ein gut­mutiges Licht hell aus seinen scharfen Augen

brach.

Ja, nachdem der Knabe ihm nun noch mit überstürzten, kindlichen Worten klar gemacht hatte, worum die Jagd ging, bemühte er sich selbst, etwas steif und schwerfällig, das gold­schimmernde Fabelwesen einzufangen. Was ihm freilich nicht gelang, vielleicht, weil er sich nicht allzu große Muye gab. Aber gleich tröstete der Mann den Knaven:„Hier gibt es viele solche Dinger“, sagte er, den Enttäuschten an der Hand zur Pforte leitend. diesmal natür­lich vorsorglich auf gebahnten Wegen.„Komm nur morgen wieder, da werden wir schon einen fangen.“

Natürlich versprach der Kleine mit vielen schwerverständlichen Worten, wiederzukommen, und reichte dem Bärtigen zum Abschied höflich dankend seine kleine Patschhand.

Aber er konnte sein Versprechen nicht hal­ten. Denn am selben Abend wurde er sehr krank. Ja, es kam so weit, daß er seine Um­gebung nicht mehr erkannte, daß er in heftigen Fieberträumen sich in seinem Kissen wälzte und sein schmaler, schmächtiger Kinderkörper sich mit geheimnisvöllen, roten Flecken bedeckte.

Einmal jedoch, halbwegs auftauchend aus den Dunkelheiten des Unbewußten, die schmerzen­den Augen zu einem schmalen Spalt öffnend, sah er rechts und links neben dem Gitterbett­chen Vater und Mutter sitzen und mit angst­vollen, besorgten Blicken ihn betrachten. Und neben dem Vater stand der Onkel Doktor.

Das alles sah der Knabe ganz deutlich. Aber er sah noch mehr. Er sah, im Schatten hinter dem Bett. einen großen Mann stehen, einen bärtigen Menschen mit hartem, bösen Gesicht. Der beugte sich jetzt langsam vornüber, streckte die große knochige Hand nach der Kehle des Kindes.

Der Kleine hatte Angst, furchtbare Angst. Große Schweißtropfen traten auf seine Stirn. Schreien wollte er, schreien— aber kein Wort kam über seine trockenen, aufgesprungenen Lippen.

Da, im letzten Augenblick, als die Hand sich schon ganz fest um seine Kehle preßte. entsann er sich des Mannes im Garten— da­mals, als er den Schmetterling jagte. Hatte der nicht auch so böse nach ihm gegriffen? Und dennoch plötzlich losgelassen? Ja, war er nicht sogar zum Schluß ganz freundlich gewesen?

Der Schmetterling!: An ihn mußte er den­ken, und plötzlich erschien ihm der Fremde gar nicht mehr so unheimlich. Er wandte ihm mit einer leisen, matten Bewegung das Köpfchen zu und— ja, und dann blickte er ihn an, mit einem süßen, bittenden Lächeln, das wie Son­nenlicht sein blasses Gesicht überglängte.

Im selben Augenblick war der Fremde ver­schwunden. Der Doktor murmelte etwas von „Krisis" und„Ueber den Berg" und schüttelte erst der Mutter und dann dem Vater die Hand.

Die begannen plötzlich zu weinen, ganz still, mit zuckenden Schultern, während sie sich zu­gleich in einer Art ansehen, als wären sie froh. Das sah drollig aus, und der Kleine be­griff nicht recht, was es bedeutete.

Die Mutter beugte sich über ihn und kußte seine schweißnasse Stirn. Es war das Letzte, was er wahrnahm, ehe er in den tiefen, langen Schlaf fiel, der jeder Genesung vorangeht.

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Der Fall des Herrn Berg

Skizze von Hans Joachim.

Es war nur ein kleines Papierwarengeschäft, dessen Besitzer Otto Berg war. Ein Läochen, in dem Schulkinder Schreibhefte und für fünf Pfennig Liebesmarken kauften, in dem Back­fische ihren Bedarf an bunten Postkarten mit sinnigen Sprüchen deckten. So war der Ver­dienst des Herrn Berg geradezu kümmerlich zu nennen. Neben seinem Laden aber glänz­ten und glitzerten im Schaufenster des Juwe­liergeschäftes Julius Stein Perlen, Diamanten und Smaragde, und oft genug hatte Otto Berg Gelegenheit und Muße, sie zu betrachten und sich in bitteren Gedanken über die ungerechte, ungleichmäßige Verteilung der Glücksgüter dieser Welt zu ergehen.

Das Sprichwort von der Gelegenheit, die Diebe macht, ist zu alt, als daß es irgenowen überraschen wird, daß Otto Berg eines Tages den Entschluß faßte, die Wand zwischen beiden Läden zu durchbrechen und sich auf gesetz­widrige Weise zu bereichern, nachdem er es so lange auf geradem Wege vergeblich versucht hatte.

Es würde zu weit führen, Herrn Bergs Vor­bereitungen für seinen korrigierenden Eingriff in die Besitzverhältnisse in allen Einzelhetten aufzuzählen. Eines schönen Abends zwei Stunden nach Geschäftsschluß, verschloß Otto Berg sorgsam die Tür seines Ladens, einen Koffer und eine Tasche in der Hand, und ent­fernte sich in der Richtung nach dem Baynhof.

Jeder mit einigem Scharfsinn Begabte ahnt, daß sich in Koffer und Tasche Kostbarkeiten aus Gold, Platin und Edelsteinen befanden, die auf nicht ganz einwandfreie Weise vor aurzem erst ihren Besitzer gewechselt hatten. Herr Berg hatte einen Sonnabend gewählt, seine dunkle Tat auszuführen, denn so würden zwei Tage vergehen, bis man den Diebstahl ent­deckte, da am Sonntag niemand das Steinsche Geschäft zu betreten pflegte.

Alles wäre vielleicht gut gegangen, wäre nicht jene Bananenschale gewesen, auf der Otto Berg ausglitt, als er, von der freundlichen Vision umgaukelt, in wenigen Stunden die rettende Grenze zu erreichen, dem Bahnhof zuschritt. Otto folgte den Gesetzen der Schwer­kraft und stürzte schwer zu Boden. Als er sich, von dem verständigen Wunsche beseeit, kein Aufsehen zu erregen, schnell wieder erheben wollte, sank er stöhnend zurück. Sein linker Fuß hing kraftlos im Gelenk, und jeder Versuch aufzustehen scheiterte an peinigenden Schmer­zen. 38 Neugierige versammelten sich um den Gestürzten und gaben gute Ratschläge. Unter ihnen war jener junge Mann, der sich als „Braun, Student der Medizin" zu erkennen gab und mit fachmännischer Miene den Fuß untersuchte.

„Ein komplizierter Bruch“, sagte er und zog bedeutsam die Augenbrauen hoch. Otto Berg erwiderte unlogisch, das wäre unmöglich, denn er müsse noch heute abend verreisen. In­dessen bestand Studiosus Braun unerschütterlich darauf, daß der Fuß gebrochen sei, zur Heilung zwei, drei Wochen brauche und von einer Reise keine Rede sein könne. Gesprächig, wie er war, erzählte der junge Mann ausführlich,