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Mutterliebe

von A. Schöneberg= Rodenbach.

An den üppig bewaldeten Hängen der Serra Geral in Süddrasilien war es, wo Deutsche, zäh wie Sohlleder, mit unendlichem Fleiß und Schweiß, mit viel Begeisterung und noch mehr Geduld den Urwald roden und zufriedene Ackerbürger werden. Wilm Wilms, einer die­ser Pioniere auf vorgeschobenstem Posten, warf den langschwänzigen Fuchsaffen, den er geschossen, mit mächtigem Schwung in den Eté­wald und knurrte:„Verdammte Biester! Ko­sten mich viel zu viel Patronen.“ Dann trat er in das roh gezimmerte Blockhaus.„Was hat's gegeben?“ fragte seine Frau freundlich. Ein struppiger Köter stellte, um des Eintreten­den Beine winselnd, dieselbe Frage.„Einen Affen, der holt keine Küken mehr. Aber's wird Zeit für Munition zu sorgen.“—„Reit' nachher zur Stadt, Wilm, wenn's kühler wird.

Als die Schatten des Waldes gegen die Hütte wuchsen, nahm Wilms Abschied von sei­nem Weibe und seinem anderthalbjährigen Söhnchen und ritt los. Nur der Hund fehlte. Nach einer Viertelstunde wurde Wilms inne, daß der Hund schon vorher Lunte gerochen hatte. Nun saß das Vieh mit der unschuldig­sten Miene auf dem Wildwechsel. Alle freund­lichen Aufforderungen Wilms', sich zu des Teufels Großmutter zu begeben oder sich nach Hause zu scheren, beantwortete das Tier mit unwiderstehlichem Drang nach vorn.

Drei Stunden war Wilms geritten. Es mochte gegen sieben Uhr abends sein. Um diese Zeit trat Marinka aus der Tür des Blockhauses, in der Hand eine Blechbüchse, um den Hühnern noch einige Hände voll Mais zu geben und sie sorglich im Stalle einzuschlie­ßen. Mit der Dämmerung wurde das Raub­zeug des Urwalds rege. Die kleine Paul saß auf dem mit vertrocknetem Gras bewachsenen Platz zwischen der Hütte und den Kaffeepflan­zungen und spielte mit einem weißen Holz­pferdchen, das ihm der Vater geschnitzt hatte. Voll Mutterglück sah die junge Frau auf das Kind. Da erstarb jäh das Lächeln auf ihren Zügen. Ihr scharfes Auge hatte eine Bewe­gung in der Grasnarbe erspäht. Eine Schlan­ge glitt pfeilschnell auf das Kind zu. Barm­herziger Himmel!

Die Maisbüchse flog im weiten Bogen zur Erde. Gelber Körnerstrom sprühte auf. Se­kunden nur noch. Fiebernd suchten die Au­

gen dee gequälten Weibes den Boden ab.

Stein, kein Knüppel. Das Haus, der Schuppen— viel zu weit, dort eine Waffe zu holen. Zu spät schon, das Kind vom Boden empor zu reißen. Nur noch eines Gedankens Länge zögern hieß das Kind aufgeben. Wie von der Sehne geschnellt, sprang die Mutter vorwärts. Trat der Schlange auf den Schwanz Mit bloßen Füßen, hochgeschürzt wie sie war.

Zischend vor Wut fuhr das Tier herum, Ma­rinka wich aus, schnellte vorwärts, riß das Kind an ihre Brust. Da fühlte sie einen ste­chenden Schmerz in der Wade. Die Schlange hatte sich gerächt. Das alte Bibelwort von der Feindschaft der Samen wurde neu. Ma­rinkas derbe Ferse zerstampfte den platten, dreieckigen, heimtückischen Kopf. Dann trug sie das Kind ins Haus. Sie war seltsam ru­big. Ihr Schicksal hatte sich erfüllt Nur noch Stunden zählte ihr Leben. Es galt, sie zu nützen. Mit dickem Binofaden und einem Holzknebel schnürte sie das gebissene Glied ab, machte mit einem Küchenmesser herzhaft ei­nen Schnitt durch die blauen Bißmale der Schlangenzähne und preßte das Blut aus. Alles so, wie sie es von Kind auf gesehen hatte als wenn sie an einem fremden Korper arbei­tete. Sie überlegte: Ihr Mann kam erst in zwei, drei Tagen wieder. Das Kind konnte bis dahin verhungert und verdurstet sein. Wilms nachzulaufen war zwecklos. Sie kam nicht mehr bis zur nächsten Siedlung. Es gab nur einen Ausweg: Quer über das Gebirge nach Sao Fernanda, der spanischen Siedlung, durch den weglosen Etéwald, über Klippen und Felsgrate. Und wenn sie vielleicht doch nicht hinkam?.. Ihr Herz stand still unter der Qual dieses Vielleicht. Hastig stellte sie Wasser, Brot, Eier, Fleisch auf die Tischolatte. brachte alles an Gegenständen, was dem Kind Verderben bringen konnte, aus seiner Reich weite, schloß es zum letztenmale lange und in­brünstig in ihre Arme und hastete hinaus, bergan, dem Rinnsal folgend.—

Zu der Zeit hielt Wilms am Kreuzweg. Er schob den breitkrämpigen Sombrero in den Nacken und wischte den Schweiß von der Stirn. Der Hund war die Ursache seines Hal­tens. Seit einer Viertelstunde etwa schien die anfängliche Reiselust des Tieres ins Gegenteil verkehrt zu sein. Es bellte wie unsinnig,

Kurzes Glück

Könnte man die Frühlingstage halten,

Die so lieblich sich vor uns entfalten!

Kurzes Glück fliegt rasch an uns vorüber, Grüßt im Klang der Nachtigallenlieder—

Schaut aus Veichenaugen, singt im Winde, Lebt in jedem frohen Menschenkinde..“

Nimmer aber will es lang verweilen— Bunten Faltern gleich uns rasch enteilen.

Frieda Callier

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sprang jappend an dem Reiter hoch, lief zu­rück, blieb heulend stehen und gab deutlich zu erkennen, daß es heimzukehren wünschte. „Warum bist Du mitgelaufen?“ brummte Wilms. Da sah er von Süden eine Staub­wolke herauf kommen. Daraus schälte sich, bei Wilms angekommen, der Doktor Starken­fels heraus, Medizinmann, Zeitungsmensch, Forscher, Jäger, Weltbummler, den Wilms von früher her gut kannte.

„Tag, Doktor!“ schrie er ihm entgegen, „dachte mir gleich, daß nur so ein verrücktes Huhn sich hier herum treiben könnte! Mal wieder in die Serra, Affen fangen?"

„Guten Tag, lieber Landsmann! Schönen Dank für den freundlichen Willkomm! Dachte nicht, daß der Wilms ein Huhn wäre.“

Wilms machte den Doktor auf das sonder­bare Verhalten des Hundes aufmerksam. Starkenfels nickte:„Wilms, da ist etwas nicht in Ordnung. So eine Kreatur hat mitunter mehr Gehirnschmalz in der Nase als die Krone der Schöpfung im Kopf. Gehen wir netho­disch vor. Wem gehört der Hund?“—„Mir natürlich“, sagte Wilms.—„Ja so, ich meine, hielt er sich im allgemeinen mehr zu Dir oder zu Deiner Frau oder dem Kinde?"

„Zu dem Jungen natürlich... wie die Kletten.... und dann... meine Frau...] ganz klar, fütterte ihn ja.“—„Eilen wir!“ sagte der Doktor.

Sie ritten den Weg, zu dem Wilms vorher drei Stunden gebraucht hatte, in anderthalb. Winselnd, mit einem blutigen Schlangenkör­per im Fang, kam ihnen der voraus geeilte Hund entgegen. Wilms stürzte zum Haus, riß den von außen vorgelegten Riegel zurück, stürmte hinein, las auf einem Fetzen Papier:

„Von Schlange gebissen. Suche Hilfe......

Rio Fernanda. Leb wohl für immer. Es küßt Dich Deine Marinka.“

Vorwärts! Wie gehetzt sprang der Mann in den Sattel, peitschte das Mauttier vorwärts, den Bachlauf empor. Der Hund lag auf der Fährte. Das Reittier strauchelte, stürzte, fiel. Rücksichtslos riß der Mann es immer mieder hoch. Bis es schließlich mit zerbrochenem Bein liegen blieb. Da hastete er zu Fuß wei­ter. Eine halbe Stunde später hatte er einen Weg hinter sich, zu dem man sonst die drei­fache Zeit brauchte. Da fand er Marinka. Leblos lag sie unter einem Steilhang unter­halb der Grathöhe. Zehn Minuten von der jenseitigen Siedlung. Der Hund leckte ihr winselnd das Gesicht. Wenige Minuten später keuchte auch der Doktor auf triefendem Pferd heran. Mochte der Himmel wissen, wieso das Tier nicht Hals und Beine gebrochen hatte.

„Serum!“ schrie Wilms ihm entgegen. Der Doktor brachte eine Kognakflasche zum Vor­schein, rieb der Leblosen die Schläfen, löste die Binde am Bein, hieß Wilms das tote Glied massieren, machte künstliche Atembewegungen .... Nach fünf Minuten ein Schrei:„Marin­ka!“ Sie schlug die Augen auf.

„Aber das Gift, Doktor! Das Gift! Haben Sie kein Serum?“ jammerte Wilms.

„Braucht's hier nicht! Verstehst Du? Hab' mir die Schlange erst angeguckt, unten. Die Mussurana ist giftlos, wenn Ihr's auch bis heute noch nicht glaubt, Ihr Tölpel.“

Zum Glück schien der Mond und machte den Abstieg möglich. Mit Unterstützung der Män­ner kam Marinka verhältnismäßig gut vor­an. Zwei Stunden später saßen sie in der Blockhütte und ließen sich's schmecken, was Wilms ihnen briet. Dann machte sich der Doktor an seinen Packtaschen zu schaffen— er führte noch ein Lasttier mit—, und nach­her suchte er einen Korkzieher. Davei Lrumm­te er:„War mir doch schon bei der Ausreise aus Aegypten so, als wenn ich diese Flaschen 21er Randersackerer Teufelskeiler dazu be­nutzen müßte, den Teufel auszutreiben. Ja, ja, auf Feste muß man gerichtet sein, selbst im Hinterland von Rio Grande. Prosit Leutchen! Trinken wir auf das Wohl der Geretteten, und vergeßt mir das Hundevieh nicht!“

Der Hund schlief den Schlaf des Gerechten. Er hatte sich neben einer reichichen Mahleeit! auch noch die Mussurana zu Gemüte geführt.

Traum

Eine Mutter=Skizze von Fr. Lindemann.

Die Kranke lag still und reglos in den Kissen. Ihre Brust hob sich kaum. In den blaßblauen Adern am Halse stieg nur mühsam die Welle des Blutes. Gesicht und Hände zeig­ten die Farbe der Kerze, das bleiche fast durch­sichtige Schillern des Opals. Wenn nicht die Augen gewesen wären, hätte man glauben können, sie sei schon tot.

Aber diese Augen.... Das waren Mut­ters Augen eigentlich gar nicht mehr und doch im Grunde, um so Vieles mütterlicher. Grö­ßer und dunkler. Ein goldener Schimmer lag jetzt über der Pupille, ein warmer, fast über­irdischer Glanz. Ja, so waren diese Augen...

In der ersten Zeit, nachdem ihnen der Arzt die harte Gewißheit gegeben, hatten sie Tage und Nächte gewacht, um diese Augen sich zum letzten Male schließen zu sehen. Jetzt, nach so langen Wochen, standen sie jeden Morgen am Bette und warteten darauf, daß sich diese Augen wieder öffnen würden. Wenn dann die Blicke der Erwachten von einem zum an­deren gingen, von Adrian, dem Vater, zu Karl und Hanna, den Kindern, so hoben sich, kaum merkbar, die Mundwinkel der Mutter, und etwas wie ein Lächeln huschte über ihr Gesicht. Dann hätten sie es selber nicht zu sagen ver­mocht: War es Hoffnung oder Furcht, was ih­nen das Herz bewegte? Aber aus dieses Lä­cheln warteten die Drei, ja, es war ihnen manchmal, als könnten sie es erzwingen mit diesem Lächeln den Tod besiegen. Und so sehr hatten sie sich in den letzten Wochen an dieses morgendliche Erwachen gewöhnt, daß sie abends gefaßt und still sich zur Ruhe begeben und die Nacht in Frieden schlafen konnten..

Adrian lag wie sonst neben seiner kranken Frau und lauschte auf ihren Atem. Die Kin­der waren zu Bett gegangen. Sie hatten die Tür der elterlichen Schlafkammer offengelas­sen. Ein leiser Luftzug trat von dort herein und bewegte die Flamme der Kerze auf dem Nachttisch. Seltsam verschoben sich dadurch die Schatten im Zimmer.

Adrian war müde, sehr müde. Aber er wollte wach bleiben. Zum Einschlafen war es noch zu früh. Dabei kamen ihm Gedanken, wun­derliche, ferne, längst vergessene. Einmal siel ihm ein, wie er selber vor Jahren hier krank gelegen und wie ihn seine Frau umsorgt hatte mit ihrer Liebe, die sie sich bewahrt hatten..

Immer wieder wollten ihm die Augen zu­fallen. Die Kerze auf dem Nachttisch knisterte und schwankte. Die Schatten an den Wän­den begannen zu wandern, nahmen Gestalt an.

Seltsam, da—

Adrian mußte angestrengt hinblicken, um sie zu erkennen.

Ja, da stand sie. Da stand mit einem Male seine Frau vor dem Bette, sah ihn mit ihren sorgenden Augen an und sagte mit ihrer ru­higen Stimme:„Du bist krank, Adrian, sehr krank. Aber ich gehe jetzt. Ich gehe, um die Medizin zu holen. Du wirst schlafen, Adrian, lange schlafen. Aber wenn Du aufwachst, bin ich wieder bei Dir. Ja, und dann sind wir beide gesund.“

Damit wandte sie sich ab und ging durch die dunkle Tür hinaus auf den Flur. Die Klingel der Haustür schellte. Er hörte es deutlich. Dann schlief Adrian wirklich ein.

„Vater!“" Der Schlafende fühlte, wie ihn jemand am Arm rüttelte.

„Vater!". Das war Karls Stimme.

Sie

klang heiser und gepreßt.

„Vater! Hast Du nicht die Türklingel ge­hört?“

„Türklingel?“ fragte Adrian halb noch im Traum.„Das war Mutter. Sie ist hinaus­gegangen, um die Medizin zu holen.“

„Mutter?" Karl hatte geschrien.

Da wurde auch der Vater plötzlich ganz wach. Er griff nach der Hand seiner Frau. Sie war kühl. Er horchte nach dem Atem sei­ner Frau. Der stand still.

Zitternd, auf Zehen kam Hanna herein. Adrian sah sie an und sagte leise:„Mutter ist hinausgegangen, Hanna.“

Schluchzend warf das Mädchen sich neben ihm nieder.

Aber der Vater blieb ruhig, ganz ruhig. Er legte seine Hand auf ihr Haar und sagte: „Nicht weinen, Hanna, nicht weinen. Sie hat es mir selber gesagt: Wenn wir aufwachen, ist Mutter wieder bei uns.“

Verantwortlich: H. Semmelmann, Altena. Druck nud Verlag: Dr. C. Santz. Altena.

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Beilage zum Altenaer Kreisblatt zugleich Neuenrader Zeitung

Nr. 19

Samstag, 11. Mai

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Das Mutterherz

Skizze von Richard Blasius.

Die Heide kroch langsam in ihr Frühlings­kleid. Krüppelbirken und Wacholdersträucher schlugen aus. Da saß Fidde Voß vor ihrer Kate und schaute die Straße entlang.„Er kommt, er kommt“, sang in ihrem Herzen das Glück, auf das sie dreißig Jahre gewartet, an das sie immer geglaubt hatte, obwohl Jahr um Jahr vergangen und die Tage um Fidde Voß immer stiller, einsamer geworden waren.

Vor dreißig Jahren war ihr einziger Sohn in die Welt gegangen, in Unfrieden mit dem Vater, und hatte ein Menschenalter lang nichts von sich hören lassen. Jener Tag stellte in ihrem Leben ein düsteres, hohes Kreuz auf, drückte ihr eine Dornenkrone auf die Stirn, daß sie nie mehr froh wurde. Nur der unerschütter­liche Glaube an des Sohnes einstige Heim­kehr gab ihr Kraft zum Weiterleben. Mit die­ser Sehnsucht im Herzen wurde sie alt, war sie hinter, dem Sarge ihres Lebensgefährten ge­bückt dahin gewankt und hatte noch immer die Hoffnung nicht aufgegeben.

Und ihre Zuversicht wurde belohnt. Heute hatte ihr der Depeschenbote ein Papier in die abgelegene Kate gebracht. Ihre zitternden Hände rissen es auf. Nur ein Wort sah sie: Staften:

Dann verdunkelten Tränen ihre Augen. Und nur mühsam konnte sie die wenigen Worte entziffern:„Ich komme heim.“

Nun saß die Greisin da und wartete. Ihre schwach gewordenen Augen schauten über die Heide.

Da schlich die graue Sorge an ihre Seite und flüsterte mit heiserem Rabengekrächz in ihre Ohren: Wie wird er heimkommen, als einer der vielen am Leben Gescheiterten? Was trieb ihn heim? Die Sehnsucht nach der alten Mutter, oder zwangen ihn Not und Elend, sich des letzten Zufluchtsortes zu erinnern, des Mutterherzens? Was sollte werden, wenn er als Schiffbrüchiger heimkam? Sie konnte nur eins mit ihm teilen, ihre Armut.

Der Heidewind türmte im Westen graue Wol­ken auf und schob sie näher. An der Wegbie­gung bei dem mageren Föhrengebüsch wurde ein Gefährt sichtbar. Ihr Herz war voll Froh­locken. Also gehörte er doch nicht zu den Ge­scheiterten. Sie durfte stolz auf ihn sein, wie sie esgern wollte, vor sich und den Leuten. Sie strengte ihre Augen an, um zu erkennen, wel­cher Art der Wagen sei. Aber noch toar er zu fern. Da faltete sie die Hände und flehte in­brünstig, ihr Steffen möge darin sitzen und als ein Mann von Ehre und Ansehen zu ihr kom­men; nicht etwa, damit er ihre Armut wende, sondern um seinetwillen, damit er in den Au­gen der Welt etwas bedeute.

Das Gefährt kam näher, aber die Greisin ließ traurig den Kopf hängen: Es war ein Zi­geunerkarren. Fahrendes Volk rasselte vor­bei, eilig und ohne die Alte zu beobachten.

Höher und höher schob sich die graue Wand in Westen und drängte sich zwischen Sonne und Heideland.

Da wieherte abermals am Föhrenbusch ein Pferd auf. Diesmal war es ein Reiter, den der Mutter Blicke erspähten. Das mußte er sein. Wie hätte seine Sehnsucht die Schnecken­fahrt im Wagen ertragen sollen, dessen Räder in den grundlosen Wegen des Vorfrühlings versanken?

Aber auch der Reiter trabte vorüber. Man Wulf, der Heidebauer, war es gewesen.

Der Wind begann zu heuten. Das Gewölk raubte dem Tage alle lenzfrohen Farben. Doch die Greisin saß unbeweglich vor der Kate. Ihre Erwartungen wurden bescheidener. Was soll­

Im Maien

Ein Maienlied aus Kindermund,

Dem Zwitschern einer Lerche gleich, Weht traumhaft über Wiesengrund.

Es wandelt in dem Silberkleid Das Bächlein durch die grüne Au,

In mädchenhafter Heiterkeit

Und Wölkchen wie aus zartem Flaum Durchsegeln rasch die blaue Luft— Trägt jedes einen Maientraum.

Frieda Callier.

ten ihrem Steffen Geld und Gut frommen? War es nicht genug, wenn er als einer heim­kehrte, der geschickt und willig zu ehrlicher Arbeit war?.

Am Nachmittage brach das Ungewitter über die Heide herein. Die Föhren bogen sich sturm­gepeitscht. Schwarze Wolkenungerürne trieben ostwärts und überschütteten das Land mit kal­ten Aprilschauern.

Fidde Voß hatte sich an der. Herd geflüchtet. Die Wolken zerflatterten und hingen wie ver­wehte Rauchfahnen in der Luft. Aber der Regen rieselte weiter.

Das Mütterchen trat an das Fenster, und plötzlich krampfte sich iyr Herz in jähem Schreck zusammen. Ein wüst aussehender Mann schwankte zerlumpt, betrunken der Hüt­te zu. Ein Schwindel befiel sie. Ihre Ge­danken flogen in wildem Entsetzen. Sollte er es sein? Nur das nicht! Sie sank mit wil­dem Aufschrei in die Knie und rang die Hän­de. Er war wirklich über die Schwelle ge­treten. Sie starrte entsetzt in ein aufgedun­senes, rotes Trinkergesicht.

Als er die Alte auf den Knien liegen sah, machte er kehrt und taumette kovfschüttelnd hinaus. Da schrie im Mutterherzen die Angst aus. Wenn er es gewesen war! Wenn er sie ob ihrer Verzweiflung vor Scham wieder ver­lassen hatte! Sie stürzte ihm nach. Mochte er aussehen, wie er wollte; mochte er sein, was er wollte, er war ihr Sohn. Draußen hängte sie sich an ihn und storrte ihm in die Augen.

„Verfluchte Vette!!" lallte der Trunkene und schüttelte sie von sich.

Sie faltete ihre Hände.„Dem Himmel sei Dank! Er war es nicht"

Sie setzte sich an das Fenster und wartete wieder. Ihr Herz beruhigte sich. Wie töricht war sie doch gewesen! Ein Bettler schickt keine Depesche.

Und gegen Abend bog wieder einer um die Heideföhren, kam mit federnden Schritten da­her, ein Köfferchen in der Linken, in der Rech­ten einen Stock, den Maniel über die Schul­ter gelegt.

„Steffen,“ jauchzte es in ihr.

Da stand er schon in der Hütte und fiel ihr um den Hals. Schluchzend sank sie an seine Brust.

Es währte lange, ehe sie Worte fanden. Die Mutter strich immer wieder über das ergraute Haar. Er zählte ja auch schon fünfzig Jahre In seinen Augen las sie das Geborgensein ihres Aters.

Da wandte Fidde Voß sich ab und schämte sich ihres Verzagtseins und ihres Kleinmuts.

Die Kur

Historische Skizze

von H. Goeppert=Harlingerode.

Claus Keck, seines Zeichens ein Stellmacher, saß in der großmächtigen Einfahrt des Kruges am Westerntor und spuckte abschließend in die Gosse. Also! Es war aus! Geld, Holz, Hand­werkszeug, sogar das Sonntagswams. Die Würfel hatten es gefressen. Alles. Die Wür­fel, die ihn nicht los ließen, bis der letzte Gute­groschen zum Teufel ging. Das war eine Krankheit! Viel stärker als sein Wille.

Claus zog die Stirne kraus. Schnippte mit den Fingern. Pfiff. Lirumlarum! Wozu war Krieg und der Soldat der Herr der Erde? Er wollte Handgeld nehmen, Beute machen und auf der Trommel würfeln.

Claus Keck stand auf und ging.—

Ein paar Tage darauf war er Dragoner in dem Haufen des Obristlieutenants Hans Ernst Vitztum von Eckstaedt, hatte auf den Artikuls­brief, der das Wallensteinsche Reiterrecht hieß, geschworen, am ersten Abend sein Handgeid rasch verspielt und, da er sich laut darüber ver­wunderte, einen Faustschlag bekommen, der ihn um und um warf, schleppte Feldbinde und Pike. Nur fehlte ihm ein Pferd. Wie denn auch?

Aber als am 25. April 1626 die Schlacht bei Tessa an der Elbbrucken geschlagen wurde, da hatte er Fortunam und erbeutete zwei Pisto­len, einen Sack voll Geld und ein Pferd. Nun war er ein Soldat. Er verfluchte seine Pike nicht mehr, er nahm keinen Fausthieb ohne Quittung entgegen, er trank, daß ihm die Augen tränten, und er würfelte immer fort!

Das war ein Leben! Sie lagen tatenlos um Zerbst herum im Quartier. Den Mai, den Juni, den Juli. Aber am 8. August kam Leben in die Bude! Der Friedländer entschloß sich endlich, dem Mansfeld nach Böhmen zu folgen, und führte 14000 Mann in unheiligem Tempo südostwärts. Die Dragoner zogen ganz am Ende. Wenn der Herzog in Kottbus lagerte. schliefen sie noch in Lübben. Und als sie nach Forst kamen, war er schon in Sagan.

Sie nahmen sich Zeit. Sie fouragierten tapfer im Lande herum. Es brannte sogar manch­mal aus Versehen. Sie mußten freilich auf der Hut sein! Denn was halfen gefüllte Quer­säcke, wenn einem der Profoß eine niedliche Kravatte um die Gurgel band?

Plötzlich machte der Herzog bei einer Stadt halt, die Bunzlau hieß. Ein Gichtanfall unter­brach auf wenige Tage die Hast des Vormar­sches. Lange genug für ein Strafgericht! Die Landstände, voran der Kammerherr Karl Han­nibal von Dohna, kamen mit vielen Bitten. Er möchte dem Plündern doch wehren, dem Bren­nen, dem Rauben!

Wallenstein tobte. Shaum trat ihm vor die Lippen. Lange wagte keiner, ihm nahe zu kommen. Und dann hatte er für alle Vor­stellungen nur ein Wort:„Hängen!"

Er wollte nichts wissen vom Stock und vom hölzernen Esel. Er ließ auf dem kleinen Marktplatz Galgen bauen. Zwei, vier, sechs. Wahllos griffen die Schultheißen in die des Stehlens und Plünderns beschuldigten Fähn­lein und Kornette. Keiner der Gefaßten leug­nete. Was denn? Stahl nicht jeder einmal? Wenn man für jeden lumpigen Diebstahl...

Der Herzog wohnte selbst der Exekution bei. In seinem ovalen, gelblichen Gesicht zuckte keine Muskel. Nur manchmal fuhr er mit der Hand über den Knebelbart und kaute ein grimmiges„Hundsfötter!" zwischen lautlosen Lippen.

Claus Keck war gar nicht in Stimmung. Teufel ja! Da stand er nun, die Hände auf dem Rücken, am Ende einer langen Reihe. In einer Stadt, die er nicht kannte. Vor Instru­menten, die er sehr wohl kannte. Er zitterte vor Angst und Grauen. Er hätte gern ge­schrien. Aber Leine#ohle mon mie. ausel-brelien.