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Eine saubers Straße klettert über die Höhe

und läuft in die kleine Stadt. Die Menschen am Ufer winken uns, und wir winken ihnen wieder erfreut über den Empfang, den sie der deutschen Flagge bereiten.

Auf breitem Kahn kommt der Lotse ange­schaukelt, und bei ihm sitzen die Polizeibeam­ten, die sich unsere Pässe ansehen wollen. Auch ein Offizier in schwarz=grauer Uniform mit ei­ner englischen Mütze ist unter ihnen. Als sie näher kommen, rufen sie und suchteln mit den Händen, aus den braunen Gesichtern glänzen die Zähne. Das Boot legt längsseit bei und zieht sich am zugeworfenen Seil zum Fallreep hin. Da geschieht das Ungluck: aus den Luken, die togaus, tagein die Ab­wässer des Schiffes hinaus werfen, fällt ein dicker Strahl grün=schmutzigen Wassers und trifft mitten unter die Insassen des Bootes, die im ersten Schreck das Seil verlieren und auf dem Rücken der nächsten Welle wieder sanft unter die Dusche gehoben werden. Ich fürchte grausige Flüche und unflätiges Schimp­fen, aber sie blieben ruhig, erfassen wieder das Seil, zehen sich zur Treppe, und wenige Augenblicke später stehen sie, zwar triefend naß, aber dennoch lachend beim wachhabenden Offizier und schüttelten ihm die Hand.

Wir gleiten weiter, vorbei an gepflegten Landschaften, an schönen Seitentälern, in de­nen die Ochsen die Schollen umwerfen, vorbei an kleinen Dörfchen und alten Festungswer­ken, die breitspurig zum Meere herunter stei­gen und mit ihren runden Mauern zu den Schiffen drohen. Ueber fünf Stunden währt die Fahrt durch die Dardanellen; Gallipoli, die Stadt, die der Halbinsel den Namen gab, kommt heran, als die Sonne hinter den geln versinkt.

Ganz still ist es in den Straßen, die sich in mäßiger Steigung die Anhöhe hinauf ziehen Plötzlich krabbelt eine Horde halbwüchsiger Buben die Mauer hinauf, Männer folgen ih­nen oder sammeln sich am Strand; sie haben helle Pfitte geslenun sie lausen uns nach

Am Ausguck

Fräulein Doktor als Indianerhäuptling.

Wie bei den sogenannten zivilisierten Völ­kern das Hausmütterchen und die Haustochter immer mehr zu Erscheinungen einer vergan­genen Zeit werden, so verschwinden auch die Squaws der Indianer wie sie uns aus den Lederstrumpf= und Waldläusergeschichten be­kannt sind, allmählich aus dem Wigwam der Rothäute. Auch sie nähern sich mehr und mehr der Gleichberechtigung mit dem Manne. So wurde kürzlich eine junge Indianerin sogar zum Oberhaupt ihres Stammes, der Menomi­nees gewählt, als ihr Vater, Neophit Oschkosch, in die ewigen Jagdgründe einging. Die sieb­zehnjährige Anice wird jedoch ihr Amt noch nicht antreten. Sie hat soeben die Reifeprü­fung eines Gymnasiums in Ohio bestanden und beabsichtigt nunmehr, die Universität zu beziehen, um sich erst noch den Doktorgrad der Staatswissenschaften zu erwerben.

Mittag und Nacht auf dem Mond.

Wenn es auf dem Mond Lebewesen gäbe, müßten sie im Laufe eines einzigen Tages Temperaturunterschiede überstehen können, die so gewaltig sind, daß um die Mittagsstunde an der freien Luft Schwefel schmelzen würde, wäh­rend in der Nacht Alkohol gefriert. Nach den jüngsten Mitteilungen der amerikanischen For­scher Dr. Seth B. Nicholson und Dr. Edison

r über bus Uünat uun üder Nächen ies(Schulter den Verhandlungsraum betrat. Zum K# Erstaunen des Gerichtshofes gab sie aber sofort — die Erklärung ab, daß sie sich nicht verpflichtet

fühle, gegen ihren Mann auszusagen und sich überhaupt nicht als geschädigt betrachte. Eine Verurteilung des Messerhelden konnte deshalb nach englischem Recht nicht erfolgen. Der Rich­ter würde anscheinend doch gern durchgegrif­id legte der Frau eine Zeugenaus­411sch, anlem nicht be­

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mit

den

eines beson­kärme und Licht

Zettit, denen es gelang deren Apparates, durch

der Mondstrahlen von einander abgesondert wurden, die auf dem Mond herrschenden Tem­peraturen zu messen, müßten die Mondbewoh­ner um die Mittagsstunde, d. h. zu der Zeit, wenn die Sonne eine Stelle auf“ der Mond­

fen haben und legte der Frau eine 3e

sage nahe, da die Messerstiche auein nicht weiskräftig seien. Die für ihren Stand vor­züglich gekleidete, einen guten Eindruck ma­chende Ehefrau verließ aber die Schranken, ohne der Anregung des Richters zu entspre­cher.

Menschen, Musiker und Wölfe.

Wie in Jugoslawien, so hatten auch in ganz Rumänien die grimmige Kälte und Schneefälle des diesjährigen Winters die Wolfsplage im Gefolge. Aus ihren unzugänglichen Schlupf­winkeln in Urwäldern und Bergschluchten ka­men die Raubtiere, von wütendem Hunger ge­trieben, in die Nähe der Ortschaften und rich­teten unter dem Vieh bedeutenden Schaden an. In einigen Fällen sind sogar einsame Wanderer den hungrigen Bestien zum Opfer gefallen. So kommt aus Bukarest die Nachricht, daß der frühere Polizeipräfekt von Bukarest, Aurel Pop, von Wölfen zerfleischt worden ist. Der Mann, der ein so fürchterliches Ende genom­men hat, war seit Jahren in einer Bukarester Irrenanstalt untergebracht. Vor einigen Ta­gen entsprang er und irrte in der tief ver­schneiten Umgebung der Stadt umher. Vor ei­nigen Tagen wurde er von einem Wolfsrudel überfallen und trotz verzweifelter Gegenwehr von den Raubtieren zerrissen. Eine Gendar­meriepatrouille fand nur mehr blutige Kleider knochenreste an der Stätte, wo Pop den

Pfesse geuen zu uns herüber Durch seifen bietet der Turke sein herzlichstes Will­kommen. Unsere Sirene bleibt die Antwort nicht schuldig, denn zum Pseisen können wir uns schlecht entschließen. Wieder und wieder hebt die Sirene an, wenn sie schweigt und das Echo sich leise am User bricht, hallen die Pfiffe und— das ist etwas Neues, einer muß die Losung gegeben haben.— jetzt rufen sie: „Hurra, hurra, Alaman, Hurra!" Begeistert antworten wir, während das Schiff uns rasch davonträgt von denen, die den deutschen Sol­daten, den tapferen Verteidigern der Halbin­sel und der Stadt Gallipoli, ein so rührendes Andenken bewahrt haben.

Amerikanisches

Unsere öffentlichen Fernsprecher werden jetzt allgemein mit Briefmarkenapparaten ausge­stattet. Scheinbar hat die Postverwaltung selbst eingesehen, daß man sich schriftlic schneller verständigen kann als telephonisch. San Francisco Chronicle.

Bildschön meint ein Schriftsteller, die Kleider unserer Frauen seien ihre geformten Gefühle. In der Gegenwart ist nämlich von Gefühl wirklich selten etwas zu bemerken.

Newyork Evening Post.

G. B. Shaw sagte jetzt, er sehe die Zeit kom­men, da man kaum noch Kohle verbrauche. Vielleicht meint er damit den nächsten Som­mer. Arkansas Gazette.

Am nötigsten brauchen jene Farmer staat­liche Unterstützung, die in die Städte abgewan­dert sind. Pickerill Service.

Eltern! Wenn Ihr von Eurem hoffnungs­vollen Sprößling Redensarten hört, die man eigentlich nur in Hafenkneipen aus dem Mun­de betrunkenen Gesindels vernehmen kann, so verhaut ihn nicht mehr. Vielleicht steckt ein großer Revuedichter in ihm.

Macon Telegraph.

In Canada gibt es kein Alkoholverbot. Der „Newyork American" wundert sich:„Nach unserer Statistik haben im letzten Berichtsjahr Reisende aus den Vereinigten Staaten dreißig Millionen Dollars in Canada ausgegeben. Canada muß ja geradezu fabelhafte Natur­schönheiten besitzen.

Militärsachverständige meinen, der nächste Krieg spiele sich funkentelegraphisch ab. Nach unseren Erfahrungen am Radio scheint der Krieg also schon im vollen Gange zu sein.

Council Bluffs Nonpareil.

Hitze von 129 Grad Celsius aushalten. In einem Umkreis von tausend Meilen, von die­ser Stelle aus gemessen, wäre es doch so heiß, daß Wasser sogreich ins Sieden käme. Wie kalt es dagegen auf dem Monde ist, wenn die Sonne ihn nicht bestrahlt, zeigten die Untersu­schungen, die während einer Mondfinsternis ausgeführt wurden. Vor Beginn der Finsternis betrug die Temperatur etwa 65 Grad Wärme. Als jedoch die Finsternis ihr Ende erreicht hatte, war mittlerweile die Temperatur auf 91 Kältegrade gesunken. Diese Temperatur kann man sich somit als die gewöhnliche Nachttem­peratur des Mondes vorstellen, wie denn auch wohl dieselbe Kälte auf dessen unbeleuchteter Seite herrschen dürfte.

Der Feldzug gegen den Frühstückstisch.

Ganz Schweden ist starr vor Kälte und Zorn. Unerhörtes hat sich ereignet.„Hygieni­sche Fanatiker“— so nennt sie die schwedische Oeffentlichkeit— unter den Arzten von Stock­holm haben es gewagt, einen regelrechten Feld­zug gegen das in aller Welt mit Recht so be­liebte schwedische Nationalgericht, den sogen. „Smörgosbord", zu eröffnen Sie behaupten nämlich, die so überaus delikat mit Mayon­naisen und Salaten zubereitete kalte„Schwe­denplatte“ sei eine wahre Brutstätte für Mil­liarden von Bazillen, ja sie bedrohe sozusagen in einer Zeit herrschender Influenza= und Grippe=Epidemien das Leben des ganzen dischen Volkes. Angesichts der jetzt herr­en Bärenkälte ist es kaum verwunder­lich, wenn sich selbst ein normal gebauter Schwede etwas verkühlt und dann versehent­lich die nähere Umgebung seines„Smörgesbor­det“, sagen wir zeitgemäßer seines„Kalten Ausschnitts“ anhustet. Erwiesenermaßen wer­den nun bei jedem Hustenanfall zahlreiche un­endlich kleine Schleimpartikeln in einem Um­kreis bis zu einem Meter im Halbmesser in die Luft geschleudert, von denen schon geringe Mengen genügen. einen Teil des Frühstücks­tisches mit Influenzabazillen zu infizieren. Oft überrascht zudem der Hustenreiz den Menschen so plötzlich, daß eine Infizierung der kalten Speisen beim besten Willen nicht vermieden werden kann. Deshalb fort mit den herrlichen Schwedenplatten in kalter Influenzazeit! Wie dieser Kampf der Hygieniker mit dem traditio­nellen Frühstückstisch auslaufen wird, ist noch ganz ungewiß. Alle Delikateßwarenhändler des Landes befürchten jedenfalls das Schlimm­ste

Messerstiche sind nicht beweiskräftig.

Vor dem englischen Richter in Stratford er­schien die Frau eines Arbeiters, um zu bezeu­gen, daß sie von ihrem Gatten äußerst übel be­handelt worden war. Ein Schutzmann hatte sie ihrem Mann entrissen, als dieser sie mit Mes­serstichen bearbeitete. Der Mann wurde natür­

lich angezeigt., Die Frau erweckte das Mitleidsde.—,###,„nigereerr at

der Richter, als sie mit sichtbaren Schnitten Schwelm(Schwelm. Kreishaus) zu veziehen.

und Knochenreste an der Stätte, wo Bag#e

aberfäche unmitelbar bestrahlt, hier eine Erzählung vom OPfer Iin Her Wolsegrube­

erinnert ein Geschehnis, das sich dieser Tage in der Nähe von Jassy zugetragen hat. Der Zimbalschläger I. Popescu wollte eines der Umgebungsdörfer von Jassy aufsuchen, um dort bei einer Faschingsfeier den Bauern zum Tanze aufzuspielen. Auf der tiefverschneiten Land­straße wurde er plötzlich von einem Rudel Wölfe überfallen. In seiner Todesangst begann der arme Musikant wie wahnsinnig sein In­strument zu bearbeiten und entlockte ihm mit zitternden Fingern die unglaublichsten Töne. Dies rettete ihm jedoch sein Leben. Denn die Wölfe stutzten und umschlichen in scheuer Ent­fernung den Zimbalschläger, der, den gräß­lichen Tod vor Augen, mit froststarren Fingern das Zimbal schlug, stunden= und stundenlang. Sobald er die geringste Pause in seinem wahn­sinnigen Konzert eintreten ließ, machten die Bestien Miene, sich auf ihn zu stürzen. Nach langen Stunden wurde der arme Musikant von einigen Jägern, die in einem Schlitten des Weges gefahren kamen, aus seiner furchtbaren Lage befreit.

Der Kreis Schwelm— ein Erholungsgebiet.

Der Kreisverkehrsverein Schwelm hat so­eben eine Werbeschrift„Der Kreis Schwelm — ein Erholungsgebiet“ herausgebracht, die zweifellos geeignet ist, dem schönen Kreis Schwelm zu seinen zahlreichen alten Freunden viele neue zu gewinnen. Die im Kupfertief­druck sehr geschmackvoll ausgeführte und mit einem ansprechenden Titelblatt geschmückte Schrift bringt auf 16 Seiten kurz gefaßte Be­schreibungen der 6 Orte des Kreises(Schwelm Gevelsberg, Milspe, Voerde, Haßlinghausen und Sprockhövel) mit je 3 gut ausgewählten Photos. Außerdem enthält die Schrift eine übersichtliche Verkehrskarte des Kreises und der angrenzenden Gebiete(„Wie kommt man in den Kreis Schwelm?"). Ein Verzeichnis der Hotels, Gaststätten und Ausflugslokale im ganzen Kreisgebiet und der im Kreise verkeh­renden Autobuslinien sowie der Straßenbahn­linie Hagen—Voerde—Breckerfeld werden der Schrift als Beilage beigegeben. Drei Dinge sind es, die den Kreis Schwelm zu einem so hervorragenden Erholungsgebiet machen: die unberührte Schönheit seiner Landschaft und ihre Vielgestaltigkeit— hier berühren sich das Land der Ruhr, das Bergische und das Sauer­land— seine günstige Verkehrslage zu den rheinisch=westfälischen und dem bergisch=mär­kischen Industriebezirk, und endlich sein eige­nes dichtes Verkehrsnetz, das gestattet, alle Punkte des Kreises bequem zu erreichen. Da­mit ist der Kreis Schwelm in ganz besonderem Maße das, was die schwer arbeitende Bevöl­kerung unseres Industriebezirk; sucht: ein Erholungsgebiet.— Die Cewist## auf Anfor­derung kostenlos vom Kreisverkehrsverein

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Beilage zum Altenaer Kreisblatt zugleich Neuenrader Zeitung

Nr. 19

8. Mai

1929

Erinnerungen an die Soester

Familie Geck

Nachdruck(mit und ohne Quellenangabe) verboten.

III.

könntest—. Doch wie könnte ich das, sie sei die Gefährtin meines Lebens. Sie ist so edel, so brav und gut, so verständig, geistreich und ge­bildet. Man sollte mit ihr nicht glücklich sein? Ein Mädchen ohne Geist, sei sie auch noch so schön von Gesicht und Körper, dieses wird all­täglich und welkt dahin, wer könnte sie zum Weibe nehmen? Ein solches Frauenzimmer kommt mir vor, wie eine schöne Marmorbüste, sie mag das Auge ergötzen, läßt das Herz aber kalt oder sie gleicht einer schönen Blume, wel­che aber keinen Geruch hat, welcher das wesent­lichste fehlt. Wer kann sich denn mit einem tändelnden schönem Kinde lange beschäftigen jedacht ist an die jüngste schöne Tochter des Pastors H., Lüdenscheid). Nur wer selbst ohne Geist und Verstand, wer selbst noch ein spie­lendes Kind ist, mag und kann sich eine solche Gefährtin wählen. Nein, soll eins fehlen, Schönheit oder Verstand, lieber wollte ich das Erstere entbehren. Aber mein Dorchen ist nebst vielem Verstande schön gebaut und nebst einem schönen Wuchs gab ihr die Natur eine zarte feine Haut, einen schönen Arm und niedlichen Fuß. Hat gleich ihr Gesicht durch die Blattern sehr gelitten, sodaß dasselbe nicht zu den schö­nen gerechnet werden kann, so ist doch das Profil nicht häßlich, vielmehr recht edel und schön gebildet.(Damals galt in Soest jedes Mädchen für schön, das nicht diese epidemisch auftretende Krankheit gehabt hatte!) Aber wie. Du sagst einem Mädchen von Liebe und kannst Dich selbst kaum ernähren? Hier ist der schwierigste Knoten, es steht der Verstand mir stille, ich muß warten auf besseres Glück.“

Inzwischen ist der erst vor kurzem von Halver nach Lüdenscheid versetzte Pastor Br., dessen Frau die ältere Schwester der Dem.

Sybel war, gestorben. Die gesellschaftlichen Kreise ziehen sich von der bis dahin so sehr geschätzten und beim Einzuge gefeierten Pa­storin immer mehr zurück, und warum, weil sie als Witwe im Interesse ihrer Schwester zwei junge Juristen, Geck und M., häufig in ihrem Hause empfängt. Einsam und verlassen siedeln die beiden Schwestern wieder in das Elternhaus nach Soest über. Der Großvater bemerkt hierzu:„An den Glücklichen kettet sich die Reihe der Verehrer und scheinbaren Freun­de, aber falle in's Unglück, und Kaltblütigkeit, wenn nicht Feindschaft, herrscht überall gegen Dich. Warme Freundschaft fühlte ich für die Pastorin Br. und ihre Schwester und schmerz­lich ist mir ihre Abwesenheit, gern möchte ich die Tage meines Lebens in ihrem Umgange verleben. Beide waren seinfühlende, seingebil­dete Frauen, gewiß von allen hiesigen Damen verschieden, aber zu ihrem Vorteil. Ich glaube auch, daß die Dem. Sybel mich gerne sah, ich glaube, es hätte mir nur eines Wortes geko­stet und sie wäre mein gewesen. Doch ich bilde mir gewiß zu viel ein und schweige.“

Am 19. November: Gestern habe ich wieder einen Brief von der Pastorin Br. empfangen, sie sandte ihn durch einen Expressen". Dann fehlen in dem Tagebuche eine Anzahl Seiten schon zum zweiten Male und am 25. Novem­ber finden wir den Großvater in Hagen wie­der, endlich beim Tribunalgericht angestellt.

Am ersten Tage schreibt er:„Es ist abends 10 Uhr und habe ich einem Concert und Ball bei­gewohnt, wo ich freilich nicht viel Vergnügen gehabt habe. Andere Zeiten, andere Orte, an­dere Gegenstände und Personen; Abwechslung ist das Loos der Menschen, sei es zu seinem Besten oder Nachteil. Verließ ich gleich Lüden­scheid in mancher Hinsicht recht gerne und hatte ich des kleinstädtischen Geistes wegen, welcher daselbst herrscht, manche Unannehm­lichkeiten und Verdrießlichkeiten, ja waren der trauten Freunde und guten Bekannten so we­nige, so fließt doch eine Träne der Wehmut aus meinen Augen und mir ist, als wünsche ich wieder nach Lüdenscheid hin. Unwillkürlich drängte sich mir diesen Abend der Ausspruch

Cäsars auf:„Lieber in einer kleinen Stadt Galliens der erste, als in Rom der zweite.“ So geht es mit der Anstellung von Betrachtungen fort; ob nicht das Concert und der Ball doch vielleicht ein günstiges Zeichen gewesen ist, wo er gleich am ersten Tage so viele Freude und frohe Menschen an sich vorüberziehen sah. Aber, ich schwärme. In mir lebt ein unnenn­bares Gefühl, ich möchte mich satt weinen und Linderung dadurch mir verschaffen. Ich fühle eine Leere und weiß sie nicht auszufüllen. Das Kalte in allen Gesellschaften ekelt mich an; ich bedarf eines Wesens, in dessen Freund­schaft und Liebe ich mich tauchen kann, ein Wesen. das mit mir weint und lacht, sympathi­sirt, fühlt und denkt. Nicht ferne ist die Mitter­nachtsglocke. ich lege mich ins Bett. um zu wei­nen.— Doch nein. es geht morgen, wie ich ge­hört, die Post nach Soest in aller Frühe, ich will noch ein Dorchen Sybel schreiben, ich ner sprach ihr schon einen Brief aus Lüdenscheid und sie hat gewiß recht darauf sich gefreut.

Am 21. November: Ich habe an Dorchen ge=[Sybel.) ist gut angeschi

schrieben— erzittere, wenn du sie täuschensund in dieser Hinsicht wiro eine Verbindung

Am 29. November:„Zum zweiten Male war ich in des alten Soests heiligem Gemäuer, zum zweiten Male umschlangen mich die liebevollen Arme der liebenden Dore. Aus ihrem Munde vernahm ich das Wort Liebe, die innigste Liebe zu mir und ein entzückender Schauer durch­bebte mein ganzes Wesen. Ja, ich fühl' es und jetzt in der Entfernung doppelt und dreifach. daß nicht bloß Achtung, daß Liebe für sie auch in meinem Busen lebt; zärtliche Liebe, gegrün­det auf Achtung. Sie sei denn meine Gefährtin, sei huldreiche Freundin mir, verschönere die Tage des irdischen Lebens, meinen Pfad mit Rosen bestreuend. Ewig und fest sei der Bund, den unsere Herzen geschlossen, ewig teuer und unvergeßlich die gewechselten Worte der Liebe.— O, sie schien in manchen Augenblicken an meiner Liebe zu zweifeln, es kam mir vor, als schwebte auf ihren Lippen die bedenkliche Frage:„Liebst Du mich wirklich und wirst Du mich ewig lieben?“ Hätte ich ihre Zweifel doch alle wegküssen können, wie ich die Frage von ihren Lippen wegküßte! Mir deuchte in man­chen Augenblicken, als hätte sie sogen wollen: „Bin ich Dir auch schön genug und wirst Du vielleicht mich, ein schöneres Mädchen antref­fend, vergessen? Könnte sie mein Herz doch durchschauen, sie würde sehen, daß auf äußere Schönheit ich nicht Alles, nur wenig baue. Sie ist so gut und brav, so häuslich und sparsam, so zärtlich und liebevoll gegen Eltern und Ge­schwistg; und liebt mich mit der heißesten Liebe; s#e wird mich nicht täuschen und soll von mir auch nicht getäuscht werden.

Durch Vermittlung des Procureur(Staats­anwalt) Sybel(Dorchen's Bruder) werde ich in Kurzem Avoué beim Tribunalgericht in Hamm und habe Hoffnung, daß, wenn dieser Posten mir nicht gefällen möchte, ich zu einem besseren und höheren befördert werde. Procu­reur Sybel(Der Procureur Sybel, also der spätere Schwager des Tagebuchführers, wurde wegen seiner großen Verdienste in den erb­lichen Adelstand erhoben und war der Vater des berühmten Geschichtsschreibers Heinrich v. Sybel.) ist gut angeschrieben beim Ministerio

mit ihm sehr vorteilhaft für mich sein. Bin ich Avoué in Hamm und kann ich alsdann eine mmilie ernähren, so heirate ich Dorchen, wel­ses ich auch der Pastorin Br. gesagt habe.

Am 11. Dezember: Immer mehr und mehr weihe ich mich ein in den praktischen Gang der gerichtlichen Geschäfte und immer überzeuge ich mich, daß ich in Kurzem in jeder Hinsicht, sei es in praktischer oder in theoretischer, mich mit den hiesigen Avoués messen kann. Ich sehe tagtäglich, daß diese Herren, wahrscheinlich durch all zu viel Geschäfte gedrängt, und durch das schnelle Verdienst zur praktischen gewöhn­lichen Arbeit gespornt, gründliche Theorie und gründliche Praxis vernachlässigen, mit man­chem unbekannt sind, was mir recht wohl be­wußt ist. Ich studiere jetzt mit ziemlichem Flei­ße die französischen Gesetze, vorzüglich solche, welche sich auf das gerichtliche Verfahren be­ziehen, durchlese oder durchblättere alle Ab­handlungen und Schriften, welche über diesen Gegenstand mir zu Gesicht kommen.

Inzwischen ist der Avoué Geck einige Tage in Lüdenscheid gewesen, war beim Bürgermei­ster Br. und Pastor H. zu Tisch geladen und sagte ihm letzterer, ganz unumwunden, er hoffe, daß er mal sein Schwiegersohn würde. Seine Beziehungen zur Dem. Sybel sind aber in Lüdenscheid bekannt geworden. Sein Vet­ter, Pastor Geck in Meinerzhagen, übermittelt ihm intrigenhafte Mitteilungen über seine Braut und deren Eltern, die er angeblich vom Bürgermeister Br. in Lüdenscheid,(der auch Töchter hatte) erfahren hatte. Der Großvater hat sich bei diesem Besuche über die Lüden­scheider Töchter sehr geärgert. Vor allem kann er aber die üble Nachrede über sein Dorchen nicht glauben, allerdings, der angesehenste Mann in L. hat es angeblich gesagt, oder sollte gar sein Vetter hinterlistig handeln? Seiten­lang sind die Gedanken, die er seinem Helfer in der Not, dem geliebten Tagebuch anver­traut:„Und warum soll ich an der Aufrichtig­keit, an der Wahrheit des Charakters, den sie annimmt, zweifeln? Drückt sich nicht iin jeder, selbst der kleinsten Handlung ein edler Sinn aus? Bürgt nicht die Liebe, welche sie ihrer Schwester erwies, dafür? Freilich ist es schwer, den Charakter des anderen Geschlechtes ken­nen zu lernen. Wir haben zu wenig Gelegen­heit, sie überall offen ohne Maske handeln zu sehen, zu wenig Gelegenheit ihre Beweggrün­de, ihre oft geheimen Triebsedern zu erfahren. Mit dem Manne gehen wir vertrauter um, er zeigt eher wie er ist, ist offen gegen seines glei­chen, aber das Weib, wenn auch unter sich die Weiber sich öfters und leichter darstellen, wie sie sind, verbirgt sich mehr dem Auge des Mannes, und sucht, vorzüglich als Mädchen, jede seiner Schwachheiten zu verhüllen.— Wie es mit meiner Anstellung als Avous gehen wird, weiß ich noch nicht, ich habe dem Procu­reur Sybel geschrieben, er möchte mich benach­richtigen ob er mir eine Stelle verschaffen könne und wolle; und leise berührt habe ich ihm mein Verhältnis gegen Dorchen gemeldet. Neugierig bin ich auf die Antwort dieses mir immer als stolz und kalt vorgekommenen, wenngleich geschickten Mannes.“

Rührend schön sind die am heiligen Abend niedergeschriebenen schöngeistigen und teil­weise philosophischen Gedanken, aus denen allerdings wegen Mangel an Raum nur der Anfang und die Schlußworte hier wiedergege­ben sein mögen:„Komme wieder herbei liebes Büchlein, du warst so lange verschlossen, nimm noch einmal meine Gedanken und Empfindun­gen vor dem heiligen Feste, welches morgen ge­feiert wird, auf. An diesem heiligen Abend, wo jedes Kind, sich schuldlos auf kindliche Art auf den morgigen Tag freut und mit besorg­lichem Erwarten vermißter Freude und Wonne, den anbrechenden Tag sich herbeisehnt,