2 9.3 Se.18. m m 0 2 % — 8° 9959 38ade 78 RATRTTT □ S# 9 6 8 S. 3 8. 8S:"8 • 5 G OE 65 2 S 33** S.8EE aP 3n ssgen asSggg RELEEFSSATTEFER: 35 Eine saubers Straße klettert über die Höhe und läuft in die kleine Stadt. Die Menschen am Ufer winken uns, und wir winken ihnen wieder erfreut über den Empfang, den sie der deutschen Flagge bereiten. Auf breitem Kahn kommt der Lotse angeschaukelt, und bei ihm sitzen die Polizeibeamten, die sich unsere Pässe ansehen wollen. Auch ein Offizier in schwarz=grauer Uniform mit einer englischen Mütze ist unter ihnen. Als sie näher kommen, rufen sie und suchteln mit den Händen, aus den braunen Gesichtern glänzen die Zähne. Das Boot legt längsseit bei und zieht sich am zugeworfenen Seil zum Fallreep hin. Da geschieht das Ungluck: aus den Luken, die togaus, tagein die Abwässer des Schiffes hinaus werfen, fällt ein dicker Strahl grün=schmutzigen Wassers und trifft mitten unter die Insassen des Bootes, die im ersten Schreck das Seil verlieren und auf dem Rücken der nächsten Welle wieder sanft unter die Dusche gehoben werden. Ich fürchte grausige Flüche und unflätiges Schimpfen, aber sie blieben ruhig, erfassen wieder das Seil, zehen sich zur Treppe, und wenige Augenblicke später stehen sie, zwar triefend naß, aber dennoch lachend beim wachhabenden Offizier und schüttelten ihm die Hand. Wir gleiten weiter, vorbei an gepflegten Landschaften, an schönen Seitentälern, in denen die Ochsen die Schollen umwerfen, vorbei an kleinen Dörfchen und alten Festungswerken, die breitspurig zum Meere herunter steigen und mit ihren runden Mauern zu den Schiffen drohen. Ueber fünf Stunden währt die Fahrt durch die Dardanellen; Gallipoli, die Stadt, die der Halbinsel den Namen gab, kommt heran, als die Sonne hinter den geln versinkt. Ganz still ist es in den Straßen, die sich in mäßiger Steigung die Anhöhe hinauf ziehen Plötzlich krabbelt eine Horde halbwüchsiger Buben die Mauer hinauf, Männer folgen ihnen oder sammeln sich am Strand; sie haben helle Pfitte geslenun sie lausen uns nach Am Ausguck Fräulein Doktor als Indianerhäuptling. Wie bei den sogenannten zivilisierten Völkern das Hausmütterchen und die Haustochter immer mehr zu Erscheinungen einer vergangenen Zeit werden, so verschwinden auch die Squaws der Indianer wie sie uns aus den Lederstrumpf= und Waldläusergeschichten bekannt sind, allmählich aus dem Wigwam der Rothäute. Auch sie nähern sich mehr und mehr der Gleichberechtigung mit dem Manne. So wurde kürzlich eine junge Indianerin sogar zum Oberhaupt ihres Stammes, der Menominees gewählt, als ihr Vater, Neophit Oschkosch, in die ewigen Jagdgründe einging. Die siebzehnjährige Anice wird jedoch ihr Amt noch nicht antreten. Sie hat soeben die Reifeprüfung eines Gymnasiums in Ohio bestanden und beabsichtigt nunmehr, die Universität zu beziehen, um sich erst noch den Doktorgrad der Staatswissenschaften zu erwerben. Mittag und Nacht auf dem Mond. Wenn es auf dem Mond Lebewesen gäbe, müßten sie im Laufe eines einzigen Tages Temperaturunterschiede überstehen können, die so gewaltig sind, daß um die Mittagsstunde an der freien Luft Schwefel schmelzen würde, während in der Nacht Alkohol gefriert. Nach den jüngsten Mitteilungen der amerikanischen Forscher Dr. Seth B. Nicholson und Dr. Edison r über bus Uünat uun üder Nächen ies(Schulter den Verhandlungsraum betrat. Zum K# Erstaunen des Gerichtshofes gab sie aber sofort — die Erklärung ab, daß sie sich nicht verpflichtet fühle, gegen ihren Mann auszusagen und sich überhaupt nicht als geschädigt betrachte. Eine Verurteilung des Messerhelden konnte deshalb nach englischem Recht nicht erfolgen. Der Richter würde anscheinend doch gern durchgegrifid legte der Frau eine Zeugenaus411sch, anlem nicht be95 mit den eines besonkärme und Licht Zettit, denen es gelang deren Apparates, durch der Mondstrahlen von einander abgesondert wurden, die auf dem Mond herrschenden Temperaturen zu messen, müßten die Mondbewohner um die Mittagsstunde, d. h. zu der Zeit, wenn die Sonne eine Stelle auf“ der Mondfen haben und legte der Frau eine 3e sage nahe, da die Messerstiche auein nicht weiskräftig seien. Die für ihren Stand vorzüglich gekleidete, einen guten Eindruck machende Ehefrau verließ aber die Schranken, ohne der Anregung des Richters zu entsprecher. Menschen, Musiker und Wölfe. Wie in Jugoslawien, so hatten auch in ganz Rumänien die grimmige Kälte und Schneefälle des diesjährigen Winters die Wolfsplage im Gefolge. Aus ihren unzugänglichen Schlupfwinkeln in Urwäldern und Bergschluchten kamen die Raubtiere, von wütendem Hunger getrieben, in die Nähe der Ortschaften und richteten unter dem Vieh bedeutenden Schaden an. In einigen Fällen sind sogar einsame Wanderer den hungrigen Bestien zum Opfer gefallen. So kommt aus Bukarest die Nachricht, daß der frühere Polizeipräfekt von Bukarest, Aurel Pop, von Wölfen zerfleischt worden ist. Der Mann, der ein so fürchterliches Ende genommen hat, war seit Jahren in einer Bukarester Irrenanstalt untergebracht. Vor einigen Tagen entsprang er und irrte in der tief verschneiten Umgebung der Stadt umher. Vor einigen Tagen wurde er von einem Wolfsrudel überfallen und trotz verzweifelter Gegenwehr von den Raubtieren zerrissen. Eine Gendarmeriepatrouille fand nur mehr blutige Kleider knochenreste an der Stätte, wo Pop den Pfesse geuen zu uns herüber Durch seifen bietet der Turke sein herzlichstes Willkommen. Unsere Sirene bleibt die Antwort nicht schuldig, denn zum Pseisen können wir uns schlecht entschließen. Wieder und wieder hebt die Sirene an, wenn sie schweigt und das Echo sich leise am User bricht, hallen die Pfiffe und— das ist etwas Neues, einer muß die Losung gegeben haben.— jetzt rufen sie: „Hurra, hurra, Alaman, Hurra!" Begeistert antworten wir, während das Schiff uns rasch davonträgt von denen, die den deutschen Soldaten, den tapferen Verteidigern der Halbinsel und der Stadt Gallipoli, ein so rührendes Andenken bewahrt haben. Amerikanisches Unsere öffentlichen Fernsprecher werden jetzt allgemein mit Briefmarkenapparaten ausgestattet. Scheinbar hat die Postverwaltung selbst eingesehen, daß man sich schriftlic schneller verständigen kann als telephonisch. San Francisco Chronicle. Bildschön meint ein Schriftsteller, die Kleider unserer Frauen seien ihre geformten Gefühle. In der Gegenwart ist nämlich von Gefühl wirklich selten etwas zu bemerken. Newyork Evening Post. G. B. Shaw sagte jetzt, er sehe die Zeit kommen, da man kaum noch Kohle verbrauche. Vielleicht meint er damit den nächsten Sommer. Arkansas Gazette. Am nötigsten brauchen jene Farmer staatliche Unterstützung, die in die Städte abgewandert sind. Pickerill Service. Eltern! Wenn Ihr von Eurem hoffnungsvollen Sprößling Redensarten hört, die man eigentlich nur in Hafenkneipen aus dem Munde betrunkenen Gesindels vernehmen kann, so verhaut ihn nicht mehr. Vielleicht steckt ein großer Revuedichter in ihm. Macon Telegraph. In Canada gibt es kein Alkoholverbot. Der „Newyork American" wundert sich:„Nach unserer Statistik haben im letzten Berichtsjahr Reisende aus den Vereinigten Staaten dreißig Millionen Dollars in Canada ausgegeben. Canada muß ja geradezu fabelhafte Naturschönheiten besitzen. Militärsachverständige meinen, der nächste Krieg spiele sich funkentelegraphisch ab. Nach unseren Erfahrungen am Radio scheint der Krieg also schon im vollen Gange zu sein. Council Bluffs Nonpareil. Hitze von 129 Grad Celsius aushalten. In einem Umkreis von tausend Meilen, von dieser Stelle aus gemessen, wäre es doch so heiß, daß Wasser sogreich ins Sieden käme. Wie kalt es dagegen auf dem Monde ist, wenn die Sonne ihn nicht bestrahlt, zeigten die Untersuschungen, die während einer Mondfinsternis ausgeführt wurden. Vor Beginn der Finsternis betrug die Temperatur etwa 65 Grad Wärme. Als jedoch die Finsternis ihr Ende erreicht hatte, war mittlerweile die Temperatur auf 91 Kältegrade gesunken. Diese Temperatur kann man sich somit als die gewöhnliche Nachttemperatur des Mondes vorstellen, wie denn auch wohl dieselbe Kälte auf dessen unbeleuchteter Seite herrschen dürfte. Der Feldzug gegen den Frühstückstisch. Ganz Schweden ist starr vor Kälte und Zorn. Unerhörtes hat sich ereignet.„Hygienische Fanatiker“— so nennt sie die schwedische Oeffentlichkeit— unter den Arzten von Stockholm haben es gewagt, einen regelrechten Feldzug gegen das in aller Welt mit Recht so beliebte schwedische Nationalgericht, den sogen. „Smörgosbord", zu eröffnen Sie behaupten nämlich, die so überaus delikat mit Mayonnaisen und Salaten zubereitete kalte„Schwedenplatte“ sei eine wahre Brutstätte für Milliarden von Bazillen, ja sie bedrohe sozusagen in einer Zeit herrschender Influenza= und Grippe=Epidemien das Leben des ganzen dischen Volkes. Angesichts der jetzt herren Bärenkälte ist es kaum verwunderlich, wenn sich selbst ein normal gebauter Schwede etwas verkühlt und dann versehentlich die nähere Umgebung seines„Smörgesbordet“, sagen wir zeitgemäßer seines„Kalten Ausschnitts“ anhustet. Erwiesenermaßen werden nun bei jedem Hustenanfall zahlreiche unendlich kleine Schleimpartikeln in einem Umkreis bis zu einem Meter im Halbmesser in die Luft geschleudert, von denen schon geringe Mengen genügen. einen Teil des Frühstückstisches mit Influenzabazillen zu infizieren. Oft überrascht zudem der Hustenreiz den Menschen so plötzlich, daß eine Infizierung der kalten Speisen beim besten Willen nicht vermieden werden kann. Deshalb fort mit den herrlichen Schwedenplatten in kalter Influenzazeit! Wie dieser Kampf der Hygieniker mit dem traditionellen Frühstückstisch auslaufen wird, ist noch ganz ungewiß. Alle Delikateßwarenhändler des Landes befürchten jedenfalls das Schlimmste Messerstiche sind nicht beweiskräftig. Vor dem englischen Richter in Stratford erschien die Frau eines Arbeiters, um zu bezeugen, daß sie von ihrem Gatten äußerst übel behandelt worden war. Ein Schutzmann hatte sie ihrem Mann entrissen, als dieser sie mit Messerstichen bearbeitete. Der Mann wurde natürlich angezeigt., Die Frau erweckte das Mitleidsde.—,###,„nigereerr at der Richter, als sie mit sichtbaren Schnitten Schwelm(Schwelm. Kreishaus) zu veziehen. und Knochenreste an der Stätte, wo Bag#e aberfäche unmitelbar bestrahlt, hier eine Erzählung vom OPfer Iin Her Wolsegrubeerinnert ein Geschehnis, das sich dieser Tage in der Nähe von Jassy zugetragen hat. Der Zimbalschläger I. Popescu wollte eines der Umgebungsdörfer von Jassy aufsuchen, um dort bei einer Faschingsfeier den Bauern zum Tanze aufzuspielen. Auf der tiefverschneiten Landstraße wurde er plötzlich von einem Rudel Wölfe überfallen. In seiner Todesangst begann der arme Musikant wie wahnsinnig sein Instrument zu bearbeiten und entlockte ihm mit zitternden Fingern die unglaublichsten Töne. Dies rettete ihm jedoch sein Leben. Denn die Wölfe stutzten und umschlichen in scheuer Entfernung den Zimbalschläger, der, den gräßlichen Tod vor Augen, mit froststarren Fingern das Zimbal schlug, stunden= und stundenlang. Sobald er die geringste Pause in seinem wahnsinnigen Konzert eintreten ließ, machten die Bestien Miene, sich auf ihn zu stürzen. Nach langen Stunden wurde der arme Musikant von einigen Jägern, die in einem Schlitten des Weges gefahren kamen, aus seiner furchtbaren Lage befreit. Der Kreis Schwelm— ein Erholungsgebiet. Der Kreisverkehrsverein Schwelm hat soeben eine Werbeschrift„Der Kreis Schwelm — ein Erholungsgebiet“ herausgebracht, die zweifellos geeignet ist, dem schönen Kreis Schwelm zu seinen zahlreichen alten Freunden viele neue zu gewinnen. Die im Kupfertiefdruck sehr geschmackvoll ausgeführte und mit einem ansprechenden Titelblatt geschmückte Schrift bringt auf 16 Seiten kurz gefaßte Beschreibungen der 6 Orte des Kreises(Schwelm Gevelsberg, Milspe, Voerde, Haßlinghausen und Sprockhövel) mit je 3 gut ausgewählten Photos. Außerdem enthält die Schrift eine übersichtliche Verkehrskarte des Kreises und der angrenzenden Gebiete(„Wie kommt man in den Kreis Schwelm?"). Ein Verzeichnis der Hotels, Gaststätten und Ausflugslokale im ganzen Kreisgebiet und der im Kreise verkehrenden Autobuslinien sowie der Straßenbahnlinie Hagen—Voerde—Breckerfeld werden der Schrift als Beilage beigegeben. Drei Dinge sind es, die den Kreis Schwelm zu einem so hervorragenden Erholungsgebiet machen: die unberührte Schönheit seiner Landschaft und ihre Vielgestaltigkeit— hier berühren sich das Land der Ruhr, das Bergische und das Sauerland— seine günstige Verkehrslage zu den rheinisch=westfälischen und dem bergisch=märkischen Industriebezirk, und endlich sein eigenes dichtes Verkehrsnetz, das gestattet, alle Punkte des Kreises bequem zu erreichen. Damit ist der Kreis Schwelm in ganz besonderem Maße das, was die schwer arbeitende Bevölkerung unseres Industriebezirk; sucht: ein Erholungsgebiet.— Die Cewist## auf Anforderung kostenlos vom Kreisverkehrsverein F 3 SSSeS 3n gs7. S SgSScgF g. SFES„STA * *8 S 93 SapF:: a Boie 5% axraß Beilage zum Altenaer Kreisblatt zugleich Neuenrader Zeitung Nr. 19 8. Mai 1929 Erinnerungen an die Soester Familie Geck Nachdruck(mit und ohne Quellenangabe) verboten. III. könntest—. Doch wie könnte ich das, sie sei die Gefährtin meines Lebens. Sie ist so edel, so brav und gut, so verständig, geistreich und gebildet. Man sollte mit ihr nicht glücklich sein? Ein Mädchen ohne Geist, sei sie auch noch so schön von Gesicht und Körper, dieses wird alltäglich und welkt dahin, wer könnte sie zum Weibe nehmen? Ein solches Frauenzimmer kommt mir vor, wie eine schöne Marmorbüste, sie mag das Auge ergötzen, läßt das Herz aber kalt oder sie gleicht einer schönen Blume, welche aber keinen Geruch hat, welcher das wesentlichste fehlt. Wer kann sich denn mit einem tändelnden schönem Kinde lange beschäftigen jedacht ist an die jüngste schöne Tochter des Pastors H., Lüdenscheid). Nur wer selbst ohne Geist und Verstand, wer selbst noch ein spielendes Kind ist, mag und kann sich eine solche Gefährtin wählen. Nein, soll eins fehlen, Schönheit oder Verstand, lieber wollte ich das Erstere entbehren. Aber mein Dorchen ist nebst vielem Verstande schön gebaut und nebst einem schönen Wuchs gab ihr die Natur eine zarte feine Haut, einen schönen Arm und niedlichen Fuß. Hat gleich ihr Gesicht durch die Blattern sehr gelitten, sodaß dasselbe nicht zu den schönen gerechnet werden kann, so ist doch das Profil nicht häßlich, vielmehr recht edel und schön gebildet.(Damals galt in Soest jedes Mädchen für schön, das nicht diese epidemisch auftretende Krankheit gehabt hatte!) Aber wie. Du sagst einem Mädchen von Liebe und kannst Dich selbst kaum ernähren? Hier ist der schwierigste Knoten, es steht der Verstand mir stille, ich muß warten auf besseres Glück.“ Inzwischen ist der erst vor kurzem von Halver nach Lüdenscheid versetzte Pastor Br., dessen Frau die ältere Schwester der Dem. Sybel war, gestorben. Die gesellschaftlichen Kreise ziehen sich von der bis dahin so sehr geschätzten und beim Einzuge gefeierten Pastorin immer mehr zurück, und warum, weil sie als Witwe im Interesse ihrer Schwester zwei junge Juristen, Geck und M., häufig in ihrem Hause empfängt. Einsam und verlassen siedeln die beiden Schwestern wieder in das Elternhaus nach Soest über. Der Großvater bemerkt hierzu:„An den Glücklichen kettet sich die Reihe der Verehrer und scheinbaren Freunde, aber falle in's Unglück, und Kaltblütigkeit, wenn nicht Feindschaft, herrscht überall gegen Dich. Warme Freundschaft fühlte ich für die Pastorin Br. und ihre Schwester und schmerzlich ist mir ihre Abwesenheit, gern möchte ich die Tage meines Lebens in ihrem Umgange verleben. Beide waren seinfühlende, seingebildete Frauen, gewiß von allen hiesigen Damen verschieden, aber zu ihrem Vorteil. Ich glaube auch, daß die Dem. Sybel mich gerne sah, ich glaube, es hätte mir nur eines Wortes gekostet und sie wäre mein gewesen. Doch ich bilde mir gewiß zu viel ein und schweige.“ Am 19. November: Gestern habe ich wieder einen Brief von der Pastorin Br. empfangen, sie sandte ihn durch einen Expressen". Dann fehlen in dem Tagebuche eine Anzahl Seiten schon zum zweiten Male und am 25. November finden wir den Großvater in Hagen wieder, endlich beim Tribunalgericht angestellt. Am ersten Tage schreibt er:„Es ist abends 10 Uhr und habe ich einem Concert und Ball beigewohnt, wo ich freilich nicht viel Vergnügen gehabt habe. Andere Zeiten, andere Orte, andere Gegenstände und Personen; Abwechslung ist das Loos der Menschen, sei es zu seinem Besten oder Nachteil. Verließ ich gleich Lüdenscheid in mancher Hinsicht recht gerne und hatte ich des kleinstädtischen Geistes wegen, welcher daselbst herrscht, manche Unannehmlichkeiten und Verdrießlichkeiten, ja waren der trauten Freunde und guten Bekannten so wenige, so fließt doch eine Träne der Wehmut aus meinen Augen und mir ist, als wünsche ich wieder nach Lüdenscheid hin. Unwillkürlich drängte sich mir diesen Abend der Ausspruch Cäsars auf:„Lieber in einer kleinen Stadt Galliens der erste, als in Rom der zweite.“ So geht es mit der Anstellung von Betrachtungen fort; ob nicht das Concert und der Ball doch vielleicht ein günstiges Zeichen gewesen ist, wo er gleich am ersten Tage so viele Freude und frohe Menschen an sich vorüberziehen sah. Aber, ich schwärme. In mir lebt ein unnennbares Gefühl, ich möchte mich satt weinen und Linderung dadurch mir verschaffen. Ich fühle eine Leere und weiß sie nicht auszufüllen. Das Kalte in allen Gesellschaften ekelt mich an; ich bedarf eines Wesens, in dessen Freundschaft und Liebe ich mich tauchen kann, ein Wesen. das mit mir weint und lacht, sympathisirt, fühlt und denkt. Nicht ferne ist die Mitternachtsglocke. ich lege mich ins Bett. um zu weinen.— Doch nein. es geht morgen, wie ich gehört, die Post nach Soest in aller Frühe, ich will noch ein Dorchen Sybel schreiben, ich ner sprach ihr schon einen Brief aus Lüdenscheid und sie hat gewiß recht darauf sich gefreut. Am 21. November: Ich habe an Dorchen ge=[Sybel.) ist gut angeschi schrieben— erzittere, wenn du sie täuschensund in dieser Hinsicht wiro eine Verbindung Am 29. November:„Zum zweiten Male war ich in des alten Soests heiligem Gemäuer, zum zweiten Male umschlangen mich die liebevollen Arme der liebenden Dore. Aus ihrem Munde vernahm ich das Wort Liebe, die innigste Liebe zu mir und ein entzückender Schauer durchbebte mein ganzes Wesen. Ja, ich fühl' es und jetzt in der Entfernung doppelt und dreifach. daß nicht bloß Achtung, daß Liebe für sie auch in meinem Busen lebt; zärtliche Liebe, gegründet auf Achtung. Sie sei denn meine Gefährtin, sei huldreiche Freundin mir, verschönere die Tage des irdischen Lebens, meinen Pfad mit Rosen bestreuend. Ewig und fest sei der Bund, den unsere Herzen geschlossen, ewig teuer und unvergeßlich die gewechselten Worte der Liebe.— O, sie schien in manchen Augenblicken an meiner Liebe zu zweifeln, es kam mir vor, als schwebte auf ihren Lippen die bedenkliche Frage:„Liebst Du mich wirklich und wirst Du mich ewig lieben?“ Hätte ich ihre Zweifel doch alle wegküssen können, wie ich die Frage von ihren Lippen wegküßte! Mir deuchte in manchen Augenblicken, als hätte sie sogen wollen: „Bin ich Dir auch schön genug und wirst Du vielleicht mich, ein schöneres Mädchen antreffend, vergessen? Könnte sie mein Herz doch durchschauen, sie würde sehen, daß auf äußere Schönheit ich nicht Alles, nur wenig baue. Sie ist so gut und brav, so häuslich und sparsam, so zärtlich und liebevoll gegen Eltern und Geschwistg; und liebt mich mit der heißesten Liebe; s#e wird mich nicht täuschen und soll von mir auch nicht getäuscht werden. Durch Vermittlung des Procureur(Staatsanwalt) Sybel(Dorchen's Bruder) werde ich in Kurzem Avoué beim Tribunalgericht in Hamm und habe Hoffnung, daß, wenn dieser Posten mir nicht gefällen möchte, ich zu einem besseren und höheren befördert werde. Procureur Sybel(Der Procureur Sybel, also der spätere Schwager des Tagebuchführers, wurde wegen seiner großen Verdienste in den erblichen Adelstand erhoben und war der Vater des berühmten Geschichtsschreibers Heinrich v. Sybel.) ist gut angeschrieben beim Ministerio mit ihm sehr vorteilhaft für mich sein. Bin ich Avoué in Hamm und kann ich alsdann eine mmilie ernähren, so heirate ich Dorchen, welses ich auch der Pastorin Br. gesagt habe. Am 11. Dezember: Immer mehr und mehr weihe ich mich ein in den praktischen Gang der gerichtlichen Geschäfte und immer überzeuge ich mich, daß ich in Kurzem in jeder Hinsicht, sei es in praktischer oder in theoretischer, mich mit den hiesigen Avoués messen kann. Ich sehe tagtäglich, daß diese Herren, wahrscheinlich durch all zu viel Geschäfte gedrängt, und durch das schnelle Verdienst zur praktischen gewöhnlichen Arbeit gespornt, gründliche Theorie und gründliche Praxis vernachlässigen, mit manchem unbekannt sind, was mir recht wohl bewußt ist. Ich studiere jetzt mit ziemlichem Fleiße die französischen Gesetze, vorzüglich solche, welche sich auf das gerichtliche Verfahren beziehen, durchlese oder durchblättere alle Abhandlungen und Schriften, welche über diesen Gegenstand mir zu Gesicht kommen. Inzwischen ist der Avoué Geck einige Tage in Lüdenscheid gewesen, war beim Bürgermeister Br. und Pastor H. zu Tisch geladen und sagte ihm letzterer, ganz unumwunden, er hoffe, daß er mal sein Schwiegersohn würde. Seine Beziehungen zur Dem. Sybel sind aber in Lüdenscheid bekannt geworden. Sein Vetter, Pastor Geck in Meinerzhagen, übermittelt ihm intrigenhafte Mitteilungen über seine Braut und deren Eltern, die er angeblich vom Bürgermeister Br. in Lüdenscheid,(der auch Töchter hatte) erfahren hatte. Der Großvater hat sich bei diesem Besuche über die Lüdenscheider Töchter sehr geärgert. Vor allem kann er aber die üble Nachrede über sein Dorchen nicht glauben, allerdings, der angesehenste Mann in L. hat es angeblich gesagt, oder sollte gar sein Vetter hinterlistig handeln? Seitenlang sind die Gedanken, die er seinem Helfer in der Not, dem geliebten Tagebuch anvertraut:„Und warum soll ich an der Aufrichtigkeit, an der Wahrheit des Charakters, den sie annimmt, zweifeln? Drückt sich nicht iin jeder, selbst der kleinsten Handlung ein edler Sinn aus? Bürgt nicht die Liebe, welche sie ihrer Schwester erwies, dafür? Freilich ist es schwer, den Charakter des anderen Geschlechtes kennen zu lernen. Wir haben zu wenig Gelegenheit, sie überall offen ohne Maske handeln zu sehen, zu wenig Gelegenheit ihre Beweggründe, ihre oft geheimen Triebsedern zu erfahren. Mit dem Manne gehen wir vertrauter um, er zeigt eher wie er ist, ist offen gegen seines gleichen, aber das Weib, wenn auch unter sich die Weiber sich öfters und leichter darstellen, wie sie sind, verbirgt sich mehr dem Auge des Mannes, und sucht, vorzüglich als Mädchen, jede seiner Schwachheiten zu verhüllen.— Wie es mit meiner Anstellung als Avous gehen wird, weiß ich noch nicht, ich habe dem Procureur Sybel geschrieben, er möchte mich benachrichtigen ob er mir eine Stelle verschaffen könne und wolle; und leise berührt habe ich ihm mein Verhältnis gegen Dorchen gemeldet. Neugierig bin ich auf die Antwort dieses mir immer als stolz und kalt vorgekommenen, wenngleich geschickten Mannes.“ Rührend schön sind die am heiligen Abend niedergeschriebenen schöngeistigen und teilweise philosophischen Gedanken, aus denen allerdings wegen Mangel an Raum nur der Anfang und die Schlußworte hier wiedergegeben sein mögen:„Komme wieder herbei liebes Büchlein, du warst so lange verschlossen, nimm noch einmal meine Gedanken und Empfindungen vor dem heiligen Feste, welches morgen gefeiert wird, auf. An diesem heiligen Abend, wo jedes Kind, sich schuldlos auf kindliche Art auf den morgigen Tag freut und mit besorglichem Erwarten vermißter Freude und Wonne, den anbrechenden Tag sich herbeisehnt, * E S5Sess ESSS5S* 0 9 BEnS•R85S alger 4 um seine kleinen unschuldigen Weihnachtsgeschenke in Empfang zu nehmen; an diesem Abende gewähre du mir teures Buch auch eine kleine Freude, die kärglich bei mir eingekehrt ist, seitdem mich die Mauern Hagens umschließen. Mit dir will ich mich unterhalten, mit dir schwärmerisch in die Zukunft träumen, sie liebevoll mir vorstellen und mit dir die Vergangenheit zurückrufen, die angenehmen Stunden noch einmal durchleben— du hast sie ja angedeutet—, und so der Gegenwart dunkles Flor vergessen oder nicht sehen.“ Nach langen elegischen Betrachtungen heißt es dann weiter:„Es mag ickmerhin unser Geschlecht sich auch manche Schwachheit zu schulden kommen lassen, es mag immerhin oft der Mann die Schuld unglücklicher oder nicht glücklicher Ehen sein, auch er sei häufig als Mann anders als er als Jüngling erwarten ließ, oder als Geliebter versprach zu sein, so ruht doch unwidersprechlich mehr Wahrheit und Aufrichtigkeit in seinem ganzen Wesen; es gübe nur das Mädchen, dessen scharssinniges Auge ohnehin jede Kleiniakeit leicht entdeckt auf seine Hondlungen acht, und sie wird ihn bennenlernen, sie wird seinen Charakter ausstudieren können, hat es sich also selbst beizumessen, wenn derselbe ihr nachher nicht behagt.— Es ist etwas Göttliches, Mann und Weid, aber Harmonie und Einheit webe unter ihnen, sonst ist es eine langweilige Zweisiedtung. Ein Mädchen voll Grazie und Geist, voll Herzensgüte und Tugend zum Weibe erhoben, in das erhabenste Geschöpf der Natur.“— Der Gedanke an mein Dorchen reiht sich mir unwillkürlich an meine Empfindungen. Sie vereint in sich, was ich glaube zum glücklichen Weibe erforderlich zu sein; nicht von dem Rimbus umhüllt, den andere Mädchen nur zu ost um sich weben, nicht von der Vorstellung belebt, worin so viele ihre Kunst setzen, zeigt sie sich mehr in ihrem wahren Charakter, wie sich also jetzt darstellt, wird sie als Weib, als Gattin sein, wenn unauflöslich fest das Schicksal sie mit mir vereint hat. An ihrer Seite hoffe ich vergnügt und zufrieden, von ihrer zarten Hand beglückt. und von ihrer Liebenswürdigkeit und geistvollen Reizen beseeligt. die Lebenebohn zu durchwandern. Sie wird und mich dreifach entschädigen, wenn ich die lichen Fluren verlasse, wenn in einem nden Wirtungskreis, wenn in eine unbente Gegend zu nicht bekannten Personen a# Sthichsal mich uuft“### Komergng folgt.) —(9— Sand im Winde Bus wissen wir von der Kurischen Nehrung? Von Karl Herbert Kühn=Königeberg. Fern von dem bunten, alten Boden der deutschen Zentrallande und des heiteren Südens liegt Ostpreußen. Es ist heute ein Land, das schwerer um sein Dasein, um seinen Zusammenhang mit dem kulturellen Mutterlande ringt, als es jenseits der Weichsel bekannt ist. Hin und wieder verschlägt ein zufälliger Zweck, der Besuch bei Verwandten oder ein Kongreß in Königsberg diesen und jenen nach diesem Gebiet zwischen dem baltischen Meer und dem unendlichen russischen Hinterlande. Doch diese zufälligen Besuche vermittlen nur sehr flüchtige Eindrücke. Und eins bleibt den kurzfristen Gästen aus dem Westen in der Regel unbekannt, ein landschaftliches Bild, das in seiner Besonderheit nur ein einziges Mal, mindestens in Europa, gegeben ist: das Bild der Kurischen Nehrung. Dieser schmale Landstreifen, dessen Breite zwischen 400 und 3000 Metern schwankt, erstreckt sich über eine Länge von fast 97 Kilometer in südwestlich=nordöstlicher und dann fast füdlich=nördlicher Richtung von dem Badeort Cranz bis zum Tief bei Memel. Er war ehemals reich mit Wald bedeckt. Aber die fort„an Wholzungen, die auf Besehl gm Beiel des Großen Kurfürsten und später, in Zeiten Napoleons, von den Franzosen vorgenommen wurden, haben die Nehrung so gut wie entwaldet. So liegt denn heute dieser Streifen Landes in den Teilen, die nicht künstlich angepflanzt wurden, als ein Rücken Sandes da, als der große Zug der wandernden Dünen. Wanderdünen! Dies Wort birgt Geheimnis und Schrecken in sich. Der Vorgang als solcher ist bald erklärt. Das Meer wirft Sand aus, der sich zu der sogenanten Vordüne augder Meerseite der Nehrung anhäuft. Der erfaßt diesen Sand und trägt ihn im Bogen über die Nehrung nach deren Haffseite hin. Hier erheben sich die auf diese Weise aufgewehten Hochdünen. Aber auch hier bleiktedg Sand nicht liegen. Der unablässigen## diese stattlichon Dünen, deren Hour sich bis zu 00 Metern echebt, wetter dem Haffe zu. Ein Teil des Sandes wird wieder im Bogen durch die Luft getragen und fällt in das Haff oder— im Winter— auf die Eisdocke. Ein anderer Teil des windgetriebenen Sandes sprüht wie seiner Regen über den augenblicklichen Grat der Hochdüne die steile Abfallseite hinunter. Und dieser Teil des Sandes, der Korn für Korn langsam in die Tiefe rinnt, trägt so allmählich den Leib der Düne weiter. Denn vom Meere her bläst der Wind, der sich zuweilen, besonders im Herbst, zu den heftigsten Stürmen steigert, unablässig neuen Sand auf die Hochdüne. Jener Teil des wandernden Sandes, der langsam in die Tief rinnt, Tag für Tag, war der Schrecken der Menschen, die sich auf der Haffseite der Nehrung in kleinen Orten angesiedelt hatten. Denn die Düne verschüttete im Laufe der Zeit, unaufhaltsam in die Orte wandernd, Häuser und Wege und ganze Dörfer. Die Menschen— fast ausnahmstos Fischer— flohen vor der Düne in neue Siedlungen. Um dieser Unsicherheit ein Ende zu bereiten, wurden die Dünen systematisch von der Regierung angepflanzt. Man setzte Zwergkiefern in den lockeren Sand. Diese bescheidenen Pflanzen trieben bald ihre langen, zähen Wurzeln in den Sand hinein und hielten ihn fest. Ein Anblick wie der einer verhältnismäßig erst seit kurzer Zeit bepflanzten Düne ruft etwas wie die Erinnerung an Weinberge wach. Nur daß an Kiefern keine Trauben reifen. Die Festlegung der Dünen ist in dem Umfange, in dem sie von der deutschen Regierung seinerzeit beabsichtigt war, heute durchgeführt. Aber die Kurische Nehrung gehört heute nicht mehr allein dem Deutschen Reiche. Das letzte Friedensdiktat, entstanden am grünen Tisch, hat diesen Landstrich, der nun einmal geologisch und nach seiner Bevölkerung eine untrennbare Einheit darstellt, politisch geteilt. Südlich des größten Ortes auf dieser Nehrung, füdlich von Nidden stehen sich an dem seinzigen, über die ganze Nehrung durchgehend gebauten Fahrwege, an der sogenannten Postrstaße, zwei Grenzpfähle gegenüber. Der eine, der südliche, trägt die Tafel des Deutschen Reiches. Der andere zeigt auf dem gelb=grünroten Holze eine Tafel mit dem Roß und dem Ritter der Litauer. Ein Teil der Kurischen Nehrung ist heute ein begrüntes Land. Aber der Wunsch, den grandiosen Anblick der ungehindert freien Dünen, der wandernden Dünen, der Gegenwart und der Nachwelt zu erhalten, hat einen anderen Teil der Nehrung in seinem unbewaldet sandigen Zustand erhalten. Und diesen kreien Dünen, dem Sande im Winde, wendet sich das Auge eines jeden, der auf diese Nehrung kommt, mit Freude und Bewunderung zu. Diese freien Dünen versetzen uns nach wenigen Tagen in eine andere, einsame, große Welt. Wir steigen den sacht sich erhebenden Hang von der Seeseite her hinan. Die Sonne belichtet den Sand und verwandelt die vielfach vom Wind gerillten Flächen zu einem Farbenspiel ohnegleichen. Der Sand wechselt in den feinsten Zwischentönen wie ein magisches Pastellbild vor unseren Augen. Wir stehen auf dem Grat. Der Wind kommt frisch von dem Meere herüber. Und wir genießen einen Rundblick, der in dieser Erhabenheit seinesgleichen sucht. Auf der einen Seite der große Halbkreis des ebenen oder wild in seinen Wassern wallenden Meeres, auf der anderen Seite das Haff, in dessen Spiegel das Bils des lichtblauen Himmels und der wenigen weißen Wolken sich abermals, klar und rein, uns darbietet. Der Bogen des Meeres und der Bogen des Haffes. Sie vereinigen sich fast zu einer gewaltigen Ebene von Wasser. Nur der schmale Streisen der Nehrung trennt sie. Und über den beiden Rändern der Bogen setzt des Himmels ungeteilt sich rundendes Firmament auf. Nirgend, auch auf den Bergen der Alpen nicht, bietet sich dem Auge ein ähnlicher Runoblick. Nirgend steht der Mensch so unvermittelt in der Offenbarung des Ewigen. Nirgend ist die Größe so einsam und die Einsamkeit so groß. Die Bewohner der Nehrung, die sogenannten Kuren, sind, wie schon erwähnt, fast ausnahmslos Fischer, anspruchslose, arme Leute. Sie fristen ihr Dasein von den Erträgnissen, die ihnen die Fänge auf See und im Haffe einbringen. Der Herkunft nach sind diese Fischer ein Mischvolk, dessen Väter einst aus Schweden und Finnland, vor allen Dingen aber aus Lettland den Weg über See auf die Nehrung fanden. Das zeigt noch heute die Sprache der Kuren, die eine auffallende Uebereinstimmung mit der Sprache der Letten behalten hat. Ein Denkmal von besonderem Reiz sind die Häuser dieser Fischer, strohgedeckt, aus Holz gebaut, bis vor kurzer Zeit noch ohne Schornstein. Der Rauch verbreitete sich vom Herde in der Mitte des Hauses über den ganzen Raum, zog durch ldie unter dem Dache zum Trocknen ausgehäng ten Netze, dann durch die Tür ins Freie. Die Giebelleisten dieser Häuser sind kunstvoll geschnitzt. An Türen und Fensterladen kehren stets die zwei Farben der Kuren wieder, das satte Blau und das lichte Weiß. Auch die Kähne der Fischer und ihre Segel sind Zeugen einer eigenen Art. Den besonderen Schmuck gibt der Fischer seinem Kahne durch den selbstgeschnitzten hölzernen Wimpel auf der Spitze des Mastes. Diese kurischen Fischerwimpel sind heute noch als Seltenheit ebenso berühmt, wie es früher die kurischen Trachten beim Kirchgange waren. Die kurische Nehrung ist ein eigentümliches Land, ein Land von Urtum und doch von Gegenwart und Zukunft. Hier auf der Nehrung steht noch der Elch, der letzte Riese einer längst versunkenen Zeit, in dem sumpfigen Holz bei Preil, aus dem er von Zeit zu Zeit über die ganze Nehrung wechselt. Hier über die Nehrung ziehen im Frühling und Herbst unzählbare Scharen der Zugvögel nach Nord und Süd über die bekannte Vogelwarte von Rossitten hin. Und bei diesem Orte erproben die Segelflieger, dieselben, die auf der Wasserkuppe in der Rhön in die Luft starten, die Möglichkeiten des Fluges mit Fugzeugen ohne Motor. Der natürliche Mittelpunkt der Kurischen Nehrung aber ist das mehr und mehr bekannt werdende Dorf Nidden. Hier, in der Nähe des Elchreviers, hier wo ein Künstlerdenkmal an den Maler Ernst Bischof=Culm und den Dichter der Dünen, den bei Soissons gefallenen Walter Heymann, erinnert, hier, wo noch heute das kurische Wesen in seiner reinsten Form erhalten ist, hier baut man ein Heimatmuseum, in dem die Vergangenheit der Kurischen Nehrung in Landschaft, Volkstum und Geschichte gesammelt wird. Fern im östlichen Deutschland. in dem einsamen Ostpreußen, reckt die einsame Nehrung der kurischen Fischer ihren schmalen Leib zwischen Haff und Meer. Der Leib ist Sand. Sand und Wind sind die beiden Brüder, die auf diesem einsamen Strich ihr ewiges Spiel treiben. —•.— Italien— von unter Von Peter Jens=Andora. Wieder geht es ins Frühjahr, und wieder fangen die Leute zur verkehrten Zeit an, nach Italien zu reisen. Die einen fahren im Februar, frieren, wie sie nie zu Haus gefroren und kehren empört heim. Tann kommt die „Säsong“, April, Anfang Mai; England entläßt legionsweise seine alten Schachteln die mit flatternden Hutschals die Riviera unsicher machen. Die Hotels sind bis aufs Badozimmer besetzt, und, damit einem dringenden Bedürfnis abgeholfen wird. hüllst Du Deinen Fiberkoffer in den Schoner und staunst, wie gut man in Italien den Engländer und wie schlecht man Dich behandelt. Hast Du von vornherein keine Lust, Dir das gefallen zu lassen, dann reise erst im Mai. Das ist die herrlichste Zeit hier; die englischen Schachteln haben sich wieder nach ihrer Nebelinsel verzogen, die Züge sind leer, in den Hotels bist Du der gern gesehene Gast, und Himmel und Meer sind blau, nicht nur auf Postkarten. Höre auf mich, denn ich lebe in Italien. Und wenn es nach mir ginge, kämest Du überhaupt im Sommer her Einen Sommer lang. Es würde der Sommer Deines Lebens werden. Und dann komm nach diesem wunderlichen Lande, wo die Kirchen Hausnummern haben und der Bohrer beim Zahnarzt noch Knoblauch schmeckt. Wo Du auf der Landstraße den Pfarrer sein Auto reparieren siehst, wo in den Läden auf Schildern steht: Nicht fluchen! Und wo die Carabinieri Sonntags nach Quelques fleurs duften. Das ist Dir natürlich nicht aufgefallen, als Du zum ersten Mal hier warst, durch Museen trabtest und von Hotel zu Hotel zogst. Was sahst Du vom Land und seinen Leuten anders als die auf vollen Touren lausende Fremdenschröpfmaschine?. Wenn Du zunächst etwas Lehrgeld zahlst, es wird Dich nicht gereuen. Die Leute auf dem Lande sind im allgemeinen liebenswürdige Kinder; die Gauner kennt man schnell heraus. Ich bin natürlich zuerst einem hundertprozentigen Filou in die Hände gefallen. Seine Seele war schwarz wie eine italienische Eisenbahnermütze, als er mir sein Villino am Lago Maggiore vermietete. Aber noch schwärzer war der Dreck, den er mir bei meinem Einzug hinterließ. Ich charterte zwei Reinmachefrauen die ihr ganzes Leven noch nicht aus Suna herausgekommen waren, Dreck kannten sie also. Aber so etwas hätten selbst sie noch nicht gesehen. Schichtenweise lag er in allen Schränken übereinander festgebacken, donn Zeitung 5 be 35 4 n 1g 3 darauf und einige Jahre neuer Dreck. Wie, eine Linzer Torte. Und Spinnweb diek wie schottisches Hausleinen. Skorpione in allen Sofapolstern Es wurde uns nichts geschenkt. Und ein Bad! Abgestorbene Palmen und Blumenkästen standen darin, Linoleumrollen, zerbrochene Fiaschi und darunter undefinierbarer Müll. Und dann schien mir doch die Verbindung zwischen Ofen und Bad zu fehlen? No, No, Nol wehrte der Padrone entrüstet ab, das hätte immer glänzend funktioniert, das wäre ein bagno di lusso!! Und dann war da so ein Bach am Haus, darin wuschen die Fischerfrauen ihre Wäsche. Sie hängten sie über den Stacheldrahtzann der Nachbarwiese, was der Wäsche gut, den Stacheln aber schlecht bekommen war. Mit unserem Padrone hatten sie ewig Krach. Denn unten im Haus, wo sich aus bestimmten Röhren alles sammelt, was vom Uebel, war ein raffiniert kleines Loch in der Hauswand entstanden, durch das der Segen abfloß. Der Guarda kam und nahm Aergernis. Und dann erschien er noch einmal mit dem Padrone und einem Maurer, und sie zementierten das Loch zu. Am Abend sah ich unten den Padrone schleichen, mit einem langen Eisen, und am nächsten Tage hatte irgend ein Heinzelmännchen doch wahrhaftig wieder ein kleines Abflußloch durch den frischen Mörtel gebohrt. Wie sagte Mussolini? Das faschistische Italien wird auch in der öffentlichen Hygiene an der Spitze der Kulturvölker marschieren. Aber über Mussolini wollte ich nicht schreiben. Er ist nach wie vor lieb und goldig, doch lange nicht so interessant wie ein italienischer Padrone, sprich Hausbesitzer. Wir wohnen jetzt in einer kleinen Bucht an der Riviera. Die Schnellzüge sausen hindurch, ohne halt zu machen, so daß keiner der Darinsitzenden die alte Wasserleitung, die Römerbrücke, die weiten Artischockenkulturen und Pfirsichplantagen gewahr wird. Daraus ziehen die Bewohner, mit einem Minimum an Aufwand, beträchtliche Geldsummen. Unser Padrone hat da ein anderes System. Er ist der erste Mensch, der mir vorgeführt hat, wie man Haus und Grundstück kauft, dann Grund und Boden zweimal verkauft und zum Schluß alles noch einmal verkauft. Er ist ein pescecane, ein Haifisch, d. h. Kriegsgewinaler. Unter anderm besitzt er ein Schloß in Piemont, aus dem er sofort nach Erwerb das Inventar bis auf den letzten Nagel versilberte. In der Küche hauste er nun seit Jahren mit seiner Familie und fährt im übrigen in einem gewaltigen Tourenwagen spazieren. Zunächst ließ er den Garten 30 Zentimeter tief abstechen und verkaufte die— hier feltene— Gartenerde für teures Geld. Danach mußten die tieferen Schichten das Wurfsieb passieren. Das ging als Bausand fort, 14 Lire pro Karren. Das Gelände war damit bedrohlich unter den nahen Meeresspiegel gesunken. Zur Hebung dieses Schönheitsfehlers erlaubte er der Gemeinde Schutt bei ihm abzuladen. Dieser gilt hier als Dung. Von den fehlenden zwei Metern wurde also einer in Papier, Scherben und alten Stiefeln wieder angefahren, einige Dutzend Agaven, Kakteen und Palmen darauf gepfianzt, die sich nun großhungern dürfen. Im übrigen wartet er auf einen Käuser dieses Riviera=Juwels. Sollte sich unter den Lesern einer finden. der auf das Objekt lüstern geworden ist, möchte ich nicht unter assen, ihm mitzuteilen, daß es sich um die Villa Capitanc handelt. —1.— und Foltermethoden Im Verlause eines 100jährigen Kampfes ist es den Verfechtern menschlicher Freiheit allmählich gelungen, die körperliche Folter aus dem Strafvollzug zu verbannen; in unserem Zeitalter des Humanismus kommt sie nur noch bei unzivilisierten Völkern vor, ist jedoch auch hier im Abnehmen begriffen. Im Mittcialter jedoch und gac im Altertum waren die Folterund martervollen Hinrichtungsmethoden an der Tagesordnung. Schon die Römer verstanden in solchen Dingen keinen Spaß und ihr schrecklicher Brauch, verbrecherische Sklaven den Fischen zum Fraße zuzuwerfen, ist nur eine der nielen Arten ihrer Exekutionen. Die Kreuzigung. die Ertränkung, die Verbrennung auf dem Scheiterhaufen, der Vollzug der Todesstrafe durch Herabstürzen von einem hohen Felsen, durch Verhungern= oder Verdurstenlassen, fanden bei ihnen vielfach Anwendung. Bekannt ist auch das tragische Ende der furchtlosen Anhänger des Christentums, die den wilden Tieren der Jahre 303 führte Dieklekian als Strafe auch das Blenden mit heißem Eisen oder durch ungelöschten Kalk, der auf die Augen gelegt wurde, ein. Die Mächtigen der nachfolganden Zeit verfügten über eine rege Phantasie in der Erfindung von neuen grausamen Hinrichtungsmethoden. Vor den Römern kannten schon die Griechen das Brechen von Armen und Beinen. Außer diesen schweren Strafen gab es im antiken Strafvollzug noch eine Reihe von grausamen Methoden, besonders um den Beschuldigten zum Geständnis zu bewegen. Eines von diesen Folterinstrumenten war der sogenannte„Eculeus“, eine Art hölzernes Pferd, auf dessen Rücken sich ein spitzer Nagel befand. Der Angeklagte mußte sich auf das Pferd setzen und dann band man an seine Füße schwere Gewichte, während das Verhör begann. Wenn es sich um besonders schwere Verbrecher handelte, verschärfte der Henker die Folter des auf dem„Eculeus“ sitzenden Beschuldigten noch durch Anlegen mehrerer spitzer Nägel, die ihm tief in das Fleisch eindrangen und oft sein Verbluten verursachten, Die im dreißigjahrigen Kriege auch in Deutschland bekannt gewordene Ziegenfolter gelangte auch schon bei den Römern zur Anwendung. Man band den Delinquenten fest, bestrich seine nackten Füße mit Salz und führte eine Ziege heran. Das Tier, das bekanntlich sehr gierig nach Salz ist, leckte mit der rauhen Zunge solange, bis die Haut bis auf die Knochen bloßgelegt war. Die sogenannte„Salzfolter“ der alten Römer bestand darin, einen Stoffetzen mit gesalzenem Wasser zu tränken und dem Verbrecher in den Hals zu stecken, so daß er vor Durstqualen zu sterben glaubte. Eine weitere Foltermethode, deren man sich vielfach bediente, war derart, daß man dem Delinquenten ein Gefäß mit einem Skorpion oder einem anderen giftigen Insekt auf die Haut setzte, so daß er unaufhörlich von diesem gestochen wurde. Die alten Perser pflegten die sogenannte Aschenfolter zu verwenden. Man füllte einen Turm bis zu einer gewissen Höhe mit Asche, dann ließ man den Gefangenen hineintreten und füllte von oben solange Asche nach, bis der Verurteilte erstickt war. Die Perser kannten auch noch eine andere schreckliche Todesstrafe. Man grub den Delinquenten, von zwei Steinplatten gehalten, bis auf den Kopf in die Erde ein, schüttete auf seinen Kopf Milch oder Honig die dann von Insekten verzehrt wurden, die nach und nach den Unglücklichen mit auffraßen. Der Tyrann von Agrigent, Falaris, ist in der Geschichte durch die Erfindung eines außersordentlich grausamen Hinrichtungssystems bekannt geworden. Er ließ eine große Kupferwalze herstellen, in die der Verurteilte hineingelegt wurde. Nachdem das Folterinstrument geschlossen war, legte man es auf ein Feuer, so daß der Verurteilte nach und nach bei lebendigem Leibe geröstet wurde. Diese Hinrichtungsart war so schrecklich, daß sich die Argentinier schließlich dagegen empörten, eine Revolution anzettelten und Falaris selbst auf diese Weise hinrichteten. Noch heute ist in China die Prügelstrafe weit verbreitet. Die Chinesen sind in der Erfindung grausamer Hinrichtungsarten überhaupt sehr erfinderisch gemesen. Eine der schrecklichsten ist die seit den ältesten Zeiten bekannte „Hängematten=Exekution“. Der Veruxteilte wird an Händen und Füßen gebunden zwischen zwei Bäumen aufgehängt, so daß sein Körper jetzt die Form einer Hängematte bildet. Sobald er auch nur die geringste Bewegung macht, erhält er einen Stockhieb. Diese Hinrichtungsmethode, eine der grausamsten ihrer Art, foltert den Verurteilten oft tagelang, bis er am ganzen Körper zerfetzt und unter fürchterlichen Qualen seinen Geist aufgibt. Eine Fahrt durch die Dardauellen Von Dr. Peter Paul Nahm=Bingen. Heißer Mittag lastet über dem Schiff, und die Sonne glänzt aus dem sprühenden Schaum. Blauer Dunst kriecht über das Wasser, und blassen Schatten gleich streichen zwei Segelboote in der Ferne dahin.— In zwei Stunden sollen wir in den Dardanellen sein. Schon ist das gewölbte Imbros aus dem Dunst getreten, die Insel, bei der sich das politische Würfelspiel des unruhigen Balkans in stetem Besitzwechse! äußert. Hier, im Schutze der runden Berge hatte sich zum Schrecken der bangenden Bewohner die englisch=französische Flotte zum Sprunge auf säh wie der Teufel auf die enge Straße losgefahren, überschüttete; die stillen Ufer mit sprengendem Eisen, ließ das Meer erdröhnen vom Gebrüll der Kanonen und trieb das starre Dreieck der eisernen Schiffsleiber in die Enge hinein. Weiße Säulen stiegen aus dem blauen Wasser, ballende Wolken wälzten sich über die Wellen, grelle Blitze zuckten aus ihnen, Eisen heulte durch die Luft, schlug dröhnend auf, ritz klaffende Löcher in Stahlwände, durch die das zornige Wasser gurgelnd sprang und zum Meeresboden zog, was stolz auf des Meeres Rücken gefahren war. Tag für Tag ging dieser Kampf, Monate hindurch. Hier raste vor einem Jahrzehnt die gepanzerte Schar. und dort drüben auf der flachen Spitze, mit der Gallipoll ins Meer sticht, prasselten die Granaten und wehrten sich die Küstenbatterien. Kein Lärmen und Dröhnen mehr, Ruhe steigt aus dem Wasser und zieht über das Land, wo die Trümmer menschlicher Wohnstatt Klogen.#.# Sist kir umd i. Der weiße Obelisn, ver einst jubelnd verkündete, daß Englands Truppen an dieser Stelle zuerst an die Küste des schmalen Landstreifene sprangen, leuchtet von der Spitze Gallipolis. Heute ist der Türke wieder Herr der engen Meeresstraße, und aus Englands Siegeszeichen schuf er sich ein Denkmal der gesprengten senachtichet Seddil=Bahr, das starke alte Fort auf Gallipolis Spitze ist verschwunden; von den Schiffsbatterien zerschossen, sind nicht einmal mehr Teile des einstigen Mauerwerks zu sehen. Aber vor der Halbinselspitze, noch im Wasser, liegt ein graublaues Ungeheuer, das gestrandete englische Schlachtschiff„Goliath“. Ein Torpedo hatte das Schiff getroffen. Der Kapitän benutzte die letzte Kraft der im einströmenden Wasser versinkenden Maschinen, um sein Schiff auf Strand zu setzen, damit der tausendköpfigen Mannschaft der Tod in den Wellen erspart blieb. Es ist ihm gelungen: Goliath, der Riese, lief auf die Felsen, und die packten ihn fest, hielten ihn so, wie er schwamm, und lassen ihn auch heute noch nicht los. Die Masten sind zerbrochen, die Schornsteine fehlen, Geschütze und Aufbauten wurden weggenommen, nur der schwere Rumpf hat dem raubenden Menschen getrotzt. Knappe hundert Meter fahren wir am Goliath vorbei. Wir sind im türkischen Hoheitsgebiet, der sternengeschmückte Halbmond weht von unserem Vordermast. Auch Kum Kalessi, das Sperrfort auf der asiatischen Seite, ist vom Erdboden getilgt. Oben auf der Höhe zeigt eine Steinwüste ein ehemaliges Dorf an. Jenicher hieß es. In Windungen laufende Schützengräben ziehen sich am Ufer entlang, Unterstände und verlassene Geschützstände werden von Wind und Regen eingeebnet. Hinter jener niedrigen Kammhöhe von Gallipoli tobte der Kampf Mann gegen Mann. Dort hatten sich die Engländer am Ufer festgebissen, um vom Lande her die Dardanellen zu erobern, die der Flotte so hartnäckig standhielten. In furchtbaren Kämpfen wurde da um die Freiheit Konstantinopels gerungen. Ein Riesenfriedhof, der mit lebendem Zaun 6000 Gräber umschließt, bewahrt die reiche Ernte des Todes. Starr und eintönig, wie aus der Erde gewachsene Stachel, stehen die Kreuze. Gräber türkischer Soldaten habe ich nicht gesehen, die müssen jenseits des Kammes liegen. Enger wird die Straße. Der Kiel eines gekenterten U=Bootes, das die Durchfahrt unter dem Schutze des deckenden Meeres erzwingen wollte, aber dennoch den eifrigen Beobachtern nicht entging, steht aus dem Wasser. Eine kleine Strecke weiter ragen drei Masten in die Luft, nicht gebrochen, aber wie zum Ausruhen auf die Seite geneigt. Wir nähern uns der engsten Stelle, die von den starken Werken Kilid Bahr und Kale=i Saitonie behütet wird. Bis hierher war die engtische Flotte vorgedrungen, bis hierher hatte sie alle Gegenwehr mit Gas, Feuer und Eisen erstickt, weiter aber kam sie nicht. Ueberschüttet vom Hagel Hunderter von Batterien, die in Eile herangezogen die Ufer der kaum zweitausend Meter breiten Straße umsäumten, mußten die Schiffe zurück; wund geschossen und müde schleppten sie sich nach Tenedos und Impros, um von dort die schwere Fahrt zum Dock von Malta anzutreten. Mehr als dreißig versanken in den Fluten des Hellespont, der sie noch heute festhält. In Kale=i=Sultanie hat der Krieg ein Ende. Freundliche Häuser lachen in der Abendsonne, und eine kleine Moschee hebt sich mit ihrer Kuppel und den nadeldünnen Minaretts über die flachen Dächer. Grün, herrliches Grün junger Saaten und eben erwachter Bäume Manege zum Fraße vorgoworfen wurden. Imldis Dardanellen geduckt, war eines Morgenslzieht über die leicht gewellten Hügelketten.