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Droi Stunden später rikt Don Pedro Rodrt­guez in den Hof des Herrensitzes von San Ignacio.

Ohne sich, wie bisher, zeremoniell melden zu lassen, eilte er die breite Freitreppe hin­auf. Nicht einmal den Staub abzuschürteln und die klirrenden Sporen abzuschnallen fand er Zeit.

Ueberall an den Türen und Nischen hingen schon Wimpel und Kreuze aus Flor.

Leise öffnete er die schwarz verhangene Tür, die zur Sala seiner geliebten Tochter führte. Ein weicher, von Jasminblüten und brennen­den Kerzen geschwängerter Duft schlug ihm entgegen. Auf florbedecktem Katafalk ruhte seine Tochter, neben der Gonzales die Toten­wache hielt.

Stumm trafen sich die Augen der beiden Männer zum Gruße, ebenso stumm drückten sie sich die Hände.

Mit kaum vernehmbarer Stimme bedeutete Don Pedro seinem Schwiegersohne, daß er allein zu sein wünsche. Gehorsam fügte sich dieser dem Wunsche.

Nun, wo der Alte mit der Toten allein war, gab er sich seinem bisher mühsam unter­drücktem Schmerze hemmungslos hin. Mehr als einmal rief er sein Kind beim Namen oder zog die erstarrte weiße Hand an die Lip­

pen, um sie mit den zärtlichsten Küssen zu be­ecken.

Plötzlich aber zuckte er zusammen. Seine Sinne mußten etwas ganz Furchtbares wahr­genommen haben. Behutsam schlug er das Gewand der Toten beiseite. Entsetzen drückte sein Gesicht aus. Fast geheimnisvoll verbarg Don Pedro einen Gegenstand unter seinem Poncho und eilte, ohne Abschied zu nehmen, augenblicklich nach Suipacha zurück.—

Seit jener Nacht hörte der Verkehr zwischen der beiden Estancias auf. Auch den Trauer­feierlichkeiten hielten sich die von Suipacha fern.

Jahre vergingen. Juan Pablo Gonzales hatte das Land verlassen, und San Ignacio war indessen in den Besitz seines Halbbruders Domingo übergegangen. Allein, wie sehr der neue Guteherr sich auch bemühte, all das aus seiner Umgebung zu bannen, was an das tragsche Ende der geliebten Toten erinnerte, so schien doch der Fluch über diesr Stätte zu lasten, der ihm den Aufenthalt verleidete und ihn auf Reisen trieb.

In Mar del Plata, dem herlichen Bade an der Küste des Atlantischen Ozeans, fügte es der Zufall, daß Domngo mit Don Pedro Ro­driquez unerwartet zusammen traf. Kaum traute er den Augen, in seiner Begleitung Angelita=Felina zu finden, die zu einer be­törend schönen Jungfrau herangereift war In Anmut und Gestalt glich sie der Verstorbenen fast auss Haar.

Später, als die beiden Nackbarn wieder draußen auf ihren großen Estancias lebten, verging fast kaum eine Woche, in der Do­mingo nicht einmal auf Suipacha Vorspruch gehalten hätte.

Wann dann alle drei durch die Pflanzungen oder den Corral schritten, Don Pedro sich ein besonders edles Rassepferd vorführen ließ und den jungen Leuten für Augenblicke den Rücken kehrte, dann sprachen die Augen der beiden von ihrem schönen Geheimnis.

Ein Sonntag war es— am Tage zuvor hatte er seine Schwägerin zum ersten Ma. ge­küßt—. als Domingo auf Suipacha erschien, festlich gekleidet, den blauen Poncho über dem schlohweißen Schaffell des silberbeschlagenen Sattels, die prachtvollsten lila Jasminblüten an den Ohren des nervösen Ve“ luts. Im Patio der Estancia fragte er zeremoniell nach dem Herrn.

„Kann ich Sie allein sprechen, Onkel?“

Don Pedro geleitete ihn in die große Sala, an deren Wänden in massiven Silberahmen die Bildnisse der Rodriqnez hingen. Mit nach­denklich geschlossenen Augen hörte der Alte zu, als Domingo ihn mit unsicherer Stimme um Angelita=Felinas Hand bat.

Nach einer peinlich langen Pause des Schweigens stand Don Pedro wortlos auf. off­nete einen geheimen Wandverschlag und ent­nahm ihm einen in tiefrote Rosenblätter ge­wickelten Gegenstand. Mit zit löste er die welke Umhüllung, die auf die glänzende Täfelung des Fußbodens fiel. Ein silberner Dosch kam zum Vorschein, schmal und mit dunklen Flecken...

„Juan Pablos Dolch!“ stöhnte Domingo in­nerlich erregt.

Ich wußte es.“ flüsterte Von Pedra halb erstichter Stimme.„Ich 2og

Brust der Toten. Betrog sie inn­

Wenn je der Tod...

Wenn je der Tod mein Leben schmücken sollte Mit echtem Ruhm, erbitte ich nur Eines: Beraubt mein Dasein nie des Dämmerscheines, Erhellt nicht künstlich, was ich hehlen wollte.

Aus welchem Grund ich stieg, ob mir des Rheines,

Ob mir der Weichsel Flut zu Füßen rollte,

Ob ich verdarb, ob man mir Ehren zollte,

Dies alles ist für große Herzen Kleines.

Drum wälzt nicht um die staubigen Register, Und frogt nicht suchend nach im Heimatland! Ich kam, ich war, und ging zurück zur Krume.

Der Wissenschaft neugieriger Philister Wühlt in dem Beete, wo die Rose stand, Allein der Weise freue sich der Blume.

Hermann Burte.

„Ja, Onkel!“

„Liebte sie einen anderen?“

„Ja, Onkel— nur mich liebte sie.“

„Wirst du Inez rächen?“

„Ja, Onke!! Ich schwöre es bei der Jung­frau von Guadalupe.“

Tief ergriffen faßte er Domingos Hand: „Wenn Angelita=Felina dich betrügen sollte, so töte nicht sie, sondern den Verführer!" Da­mit legte er ihm den silbernen Dolch fast seier­lich in die Hände.

Mit gewaltiger Anstrengung seine Erregung beherrschend, winkte er Domingo hinaus, denn niemand durfte sehen, daß Don Pedro Radri­guez, Patron auf Suipacha, weinte.

—13­

Eisnot

Skizze von Otto König.

Schon wochenlang vorher sprachen sie nur vom Wasser. Sie sahen es kaum mehr, denn das Flußbett lag unter Eis, und nur in der Mitte war ein schmales Rinnsal geblieben. Doch je mehr das Wasser versiegte, desto öfter dachten die Leute im Dorf daran:„Was soll werden, wenn Tauwetter kommt und alles über uns hereinstürzt?“

Der Vorsteher sorgte dafür, daß sie die Hände nicht müßig in den Schoß legten:„Alle müs­sen helfen!“ In der Notsitzung des Gemeinde­rats schlug er mit der Faust auf den Tisch: Keiner bleibt zu Hause. Sandsäcke werden ge­füllt, nach der Uferstraße geschafft und an den Hauswänden hochgeschichtet. Die Eisenbahn liefert uns Schienen. Wir werden Eisböcke daraus machen.“— Als erster faßte er an, und das Dorf war gerüstet.

Eines Nachmittags kommt der Posthalter zum Vorsteher gelaufen:„Telegramm vom Wasser­bauamt:„Strom hat Eis im Oberlauf ge­prengt, erste Welle um Mitternacht bei Ihnen zu erwarten.“ Eine Minute später gellt das Alarmsignal durch den Ort.

Alle stehen auf ihrem Posten. Die Häuser der Uferstraße werden geräumt, und Wagen jahren alles bewegliche Gut zur höher gelege­nen Kirche hinauf. Die Heiligen in ihren Ni ichen sehen verwundert auf Kisten, Betten und Schränke. Dann lächeln sie verständnisvoll und röstend, und die Frauen richten sich mit den Kindern ein, so gut es geht.

Der Vorsteher schreitet durch die Uferstraße. Er tritt in jedes Haus und überzeugt sich, daß es geräumt ist. Er sieht nach den Notlampen ind Fackeln an den Leitungsmasten und kon­trolliert die Posten. Das Dorf verläßt sich auf hn.

Vor Mitternacht stehen alle Männer bereit. Dann trägt der Wind ein dumpfes Raunen das Lal hinunter. Das Rauschen wächst von Se­nunde zu Sekunde. Trompetensignale gellen

dazwischen, Raketen zischen hoch. Poltern und Händen 8rcchen dröhnt. Im schwachen Mondlicht sehen „Lereen Vu, die Männer den grauen Sturmbock heranrollen Das Wasser, das talaufwärts die Fesseln ge­— prengt hat, schießt über das vereiste Flußbett 646 und wälzt zerborstene Schollen vor sich her.

Es steigt an den Ufern hoch, quillt über sie hinaus: Balken, Fässer und Strohbünde! tauchen im Licht der Lampen und Fackrin auf,

Don Pedro mitsund die Schollen schlagen krachend gegen die „Ich 2og ihn aus der U'erbefestigung.„Zurück auf den höher ne=Verantwortlich: H Semmelmann

# lgenden Hang!“ schreit der Vorsteber. Vort Druck und Verlag:

sunten können Meiischen im Augenbliet nichts

ausrichten.

Das Wasser erreicht die Häuser, und die Eis­blöcke und Schollen krachen gegen die Sand­sackmauern. Die halten stand. Doch oben am Dorfeingang, wo sich Ufer= und Marktstraße trennen, stauen sich die Schollen vor dem Eis­block aus Schienen, der das Eckhaus schützen soll. Immer dichter und höher wird der Berg, und neue Schollen schieben sich auf die unteren. Noch halten die eingerammten Eisenbahn­schienen, doch dem Vorsteher klingt es in den Ohren, als stöhnten sie:„Hilf uns!“ Sonst werden wir zerdrückt.“

Er besinnt sich nicht lange:„Freiwillige vor zum Sprengen!" Die Männer um ihn sehen sich an, und jeder hofft auf den anderen. „Freiwillige vor!“ Keiner rührt sich.„Leute, es muß einer das Eis dort unten sprengen. Sonst reißt es die Schienen um, zerstört das Haus und drückt den Häuserblock von innen auseinander.“— Da ruft einer aus dem Hau­fen:„Du bist doch Vorsteher! Machs selber.“ „Hast recht,“ sagt der Alte, und bitterer Hohn liegt in seinen Worten. Dann gibt er ruhig seine Befehle:„Sprengpatronen, Leiter, Taue und Haken!“

Er wirft den schweren Eisenhaken über Eis und Wasser hinweg gegen das gefährdete Haus. Dreimal prallt das Metall an der Wand ab, und der Vorsteher zieht es an den beiden Seilen zu sich zurück. Dann klirren die Fen­sterscheiben im ersten Stock, und der Haßen greift hinter die Brüstung. Vier Männer ziehen die Seile stramm, der Haken hält. Der Porszeßer, wirft die zusammengebundegen Sandsäche mit den Sprengpatronen und der Beilpicke über die Schulter, tritt auf das zweite Seil und greift nach dem anderen. Fuß­breite um Fußbreite schiebt er sich weiter. Endlich steht er an der Hausmaner, schwingt sich in das Fenster hinein und zieht die Leiter am Strick zu sich hinüber.

Am Aufleuchten der Glühlampen erkennen die Gaffer drüben am sicheren Hang, wie der Vorsteher durch die Räume schreitet. Dann erscheint der Alte am Fenster an der Stirn­seite des Hauses. Er schiebt die Leiter ins Leere hinaus und findet an einer festgekeitten Scholle eine Stütze. Er prüft den Halt und kriecht langsam über die Leiter. Ruhig hängt er die Sandsäcke über eine Sprosse. öffnet sie, zieht die Picke heraus und vergrößert eine Lücke zwischen den Schollen.

Da fühlt er die Leiter zittern. und der Eis­berg knirscht„Ich erdrücke dich, du Zwerg!" Nur die rascheren Schläge seiner Picke ver­raten den Gafsenden, daß der Vorsteher die höchste Gefahr erkennt. Endlich ist das Loch groß genug, und er stopft ein Dutzend Patro­nen hinein. Von einer Scholle schlägt er ein

stück ab und keilt es über das Loch.

Plötzlich wirft er die Picke aus der Hand, und die Gaffer sehen ihn über die Leiter zu rück hasten. Da gleitet sein Fuß auf einer Sprosse aus, und das Bein stößt ins Leere. Die am Hang drüben schreien vor Entsetzen:

ker Schuß, der Schuß!" Der Alte greift nach der nächsten Sprosse, zieht sich mit verzweifel­ter Kraft hoch, und seine Finger krallen sich hinter das Fensterbrett.

Da dröhnt der Schuß. und im Auffliegen der splitternden Schollen fällt der Vorsteher kopf­über in das Fenster hinein.

Einen Augenblick ist Ruhe. Dann prasselt der Hagel der hochgeschleuderten Eisbrocken herunter. Leben kommt in den Wall vor dem Haus. und die Schollen schieben sich weiter. Das schmutziggraue Wasser schäumt, und end­lich taucht das schwarze Eisen der Schienen wieder auf. Das Haus und die beiden Stra­ßen sind gerettet.

Die auf dem Hang Stehenden warten ver­geblich auf den Vorsteher. Da wagen sich zwei von ihnen über die Seile hinüber nach dem Haus. Auf dem Boden unter dem zersplitter­ten Eckfenster finden sie den Ohnmächtigen. Einer von ihnen nimmt den Mann auf den Rücken, und vom anderen unterstützt tastet er sich über die Seile zu den Wartenden zurück.

tragen ihn in die Kirche und drängen sich um das Lager des Retters. Ein Arzt untersucht den Besinnungslosen:„Der Sturz hat ihn betäubt.“ Er reibt ihm die Stirn mit Branntwein. Endlich schlägt der Alte kir Augen auf. Er starrt die Gaffenden an:„Das Eis? Die Häuser?“—„Das Eis ist fort, die Häuser sind gerettet!“

Da nickt der Vorsteher zufrieden, und das ganze Dorf schämt sich vor seinem Lächeln.

A.tena.

Dr. C. Santz. Altzus.

it md eme Pr Psare

Nr. 10

Samstag, c. März

1929

Gefrorenes Meer

Skizze von Georg Wagener.

Schon im Sommer kümmerte sich kaum ein Mensch um die winzige Hallig. Nur ein= oder zweimal im Jahr kam ein Maler in seinem Segelboot von Husum herüber. Er hockte tagelang auf der Warf vor seiner Staffelei und malte das Haus und den grünen Rasenfleck, Hinnerk Micheels einzige Kuh und als Hinter­grund das ewig wogende Meer. Abends, wenn Meta Micheel ihr Kind zu Bett gebracht hatte, saß der Maler mit den Eheleuten vor dem Hause und erzählte ihnen von der Welt dort draußen, die sie kaum noch kannten.

Doch sobald die Herbststürme wehten, zog es niemand mehr nach der Hallig hinaus. Noch einmal im Winter fuhr Hinnerk Micheel nach dem Festland hinüber, um die gelichtete Speise­kammer zu füllen, dann blieben auf Monate hinaus die zerstiebenden Rauchfahnen ferner Dampfer die einzigen Grüße der Außenwelt.

So sollte es auch in diesem Winter sein. Doch plötzlich kam die Kälte und legte einen Eispan­zer über das Wasser. Hinnerk Michel sah be­sorgt auf die glitzernde Fläche hinaus:„Wie lange wird es dauern?“ In einer Nacht sprang der Wind um, und der Sturm heulte aus We­sten. Das Meer erwachte. Es sprengte das Eis, warf die Schollen gegen den Strand und türmte sie zu hohem Wall um die Hallig. Jede Fahrt nach dem Festland war unmöglich, und Meta Micheel sparte das Mehl in der Suppe.

Dann drehte sich der Wind und wehte aus Osten. Er brachte schneidende Kälte und spannte Brücken zwischen den losen Schollen im Wat­tenmeer. Als Hinnerk Micheel am Morgen von der Warf Ausschau hielt, sah er nur das kalte Weiß von Eis und Schnee, keine Rauch­fahne und keine Möwe. Er brachte die Kuh, die dampfend im kalten Stall stand, hinüber in die wärmere Dönze. Meta sah ihm zu:„Es wird also länger dauern, Hinnerk?“—„Ich glaub's, und morgen will ich über's Eis nach Husum. Er sagte das einfach, als sei es ein kleiner Spa­ziergang, und doch wußten beide, was es be­deutete. Dreißig Kilometer über das Eis.

Am nächsten Morgen brach er auf. Meta stülpte ihm den Oelhut über die Wollmütze und band ihm den Schal um den Hals:„Mach's gut Hinnerk!“. Sie sah ihm kurz nach, als er über den Eiswall kletterte, dann hörte sie ihr Kind in der Stube rufen und ging in das Haus zu­rück.

Hinnerk Micheel begann den Kampf mit dem Eis. Meterhoch lagen die Schollen übereinan­der, und er mußte sie überklettern oder umge­hen. Oft glitt er aus. Nur unendlich langsam kam er vorwärts. Die bleiche Wintersonne stand schon im Süden, und noch immer sah Hinnerk Micheel, wenn er sich wandte, die ferne Rauchsäule seines Schornsteins dort hin­ten vor dem blauen Himmel stehen. Drei, vier Stunden lang diente sie ihm als Wegweiser.

Dann kam wieder ein eisiger Wind aus Osten auf, und der Rauch zerstob. Aufs Geratewohl kämpfte er sich weiter der Küste zu, Schritt um Schritt, endlos langsam. Dreißig Kilometer. Acht Stunden hatte er für den Weg gerechnet. doch als die Sonne dunkelrot hinter Nebelwän­den untertauchte, sah er noch nichts vom Land. Noch fühlte er keine Angst. Er kletterte wei­ter über Schollen und Eiswälle, lief dann und wann über freie Flächen und hoffte, die Nacht werde ihm die Lichter der Küste weisen. Toch die Dunkelheit kroch über das erstarrte Wat­tenmeer herauf, und Hinnerk Micheel sah noch kein Feuer, keinen Schein.

Die Sterne schimmerten hell und der große Bär zeigte nach Norden. Eine Stunde lang wies er dem Mann den Weg, doch das Land lag noch fern. Dann erstickten die Sterne in Wol­ken und Nebel. Einzeln zuerst, jetzt immer dichter fielen die Flocken, bis der Schneesturm über das Eis fegte. Hart und schneidend prall­ten die Kristalle gegen Hinnerk Micheels Ge­

März

Leise klingt es im schweigenden Wald:

Lausche, lausche! Der Frühling kommt bald. Die Schlehen werden sein wie schäumende Quellen,

Und am Himmel, dem leuchtend hellen,

Werden die Wolken wie Kinder geh'n.

Gütige Winde werden weh'n,

Winde, wie Vaterhände mild.

Die schöne Erde wird sein ein Bild,

Von Gott der sorgenden Menschheit geschenkt, Daß sie ewiger Güte dankbar gedenkt.

Die Gärten werden klingen im Amselschlagen, Und über all den leuchtenden Tagen Werden die Worte golden steh'n:

Blühen wuchs aus grauem Vergeh'n,

Singen wurde aus schweigender Zeit, Leuchtend wurde die Dunkelheit.

Hans Gäfgen.

sicht, hafteten an Brauen und Wimpern und blendeten ihn, wehten ihm in die Aermel und fuhren unter den dicken Rock. Ohne Richtung, halb blind stolperte er über das Eis, stieß sich an hochgetürmten Schollen, die plötzlich vor ihm standen, kletterte mit steifen Fingern über die Eiswälle, fiel schwer und raffte sich mit verbis­jener Wut wieder auf.

Die Zeit verrann. Hinnerk Micheel wußte nicht, waren Minuten vergangen, seitdem er zuletzt schwer auf die Brust gefallen und das Gesicht auf dem Eis zerschunden, oder Stunden. Gedankenlos tappte er weiter durch das Dun­kel. Bald glaubte er das Schwingen einer fer­nen Glocke zu hören, bald kreischten Möwen in seine Ohren. Dann krachte der Schuß einer Rakete, Wellen schlugen plätschernd gegen den Strand, und sein Kind im Haus auf der Hallig rief nach ihm. Als die Stille lautlos auf ihm lastete, da wußte er, daß seine Nerven zu ver­sagen begannen. Er stolperte weiter, rannte und schrie vor Wut und quälender Angst.

Dann war da plötzlich der andere. Zehn, zwölf Meter neben ihm huschte er über das Eis. Eine graue Gestalt, lautlos und geisterhaft. „Wer bist Du?“ brüllte Hinnerk Micheel ihn an und blieb zitternd stehen. Da stand auch der andere und schwieg. Sein Schweigen war grauenvoll. Es würgte dem Verirrten mit ei­sigen Fäusten die Kehle und trieb ihm die Au­gen aus den Höhlen. In wahnsinniger Flucht raste Hinnerk Micheel weiter, und neben ihm flog der andere, schweigend und drohend. Und dann wußte der Gehetzte:„Das ist der Tod!“ Der Kampf schien ihm nutzlos:„Du kannst ihm nicht entkommen.“ Doch der Lebenswille riß ihn wieder hoch:„Weiter, weiter!"

Da fiel er auf die Knie, und der andere stand neben ihm. Hinnerk sah den grauen Mantel flattern, die Augenhöhlen malten dunkle Flecken in das weiße Knochengesicht, und die Zähne grinsten. Der Gequälte brüllte vor Angst. Er raffte sich hoch, schloß die Augen und sah doch noch immer den Fürchterlichen neben sich. Blind stürzte er weiter über das Eis. Und plötzlich riß ihm eine Faust den Oelhut vom Kopf. Er fiel und lag mit dem Gesicht im weichen Schnee. Er wartete auf das Ende, auf die Knochenfinger, die ihn erwürgen mußten.

Das Warten wurde ihm zur Ewigkeit. Sein Leben schoß in bunten Bildern an ihm vor­über, und zuletzt sah er die Hallig. Sie lag tot und verlassen unter Schnee und Eis, und der Schornstein rauchte nicht mehr. Er trat in die Dönze. Da sah er die Kuh. Sie war erfroren und steif. Er öffnete die Kammertür, und im Wandbett lagen Meta und das Kind. Verhun­gert. Dann wunderte er sich, daß er nicht klagte Er legte sich ruhig neben die tote Frau und

schlief. Und der Fürchterliche neben ihm hatte alles Grauenhafte verloren. Er fuhr dem Schla. senden mit warmer, weicher Hand über die

Stirn:„Ich bin dein Erlöser.“—­

Der Wintermorgen lachte aus blauem Him­mel auf die verschneite Küste und auf das ver­eiste Wattenmeer hinunter. Da kam der Maler aus Husum im dicken Pelz an den Strand und ging auf das Eis hinaus:„Herrliche Natur. Sieh Dir das Schauspiel an, Du Malersmann, und merke Dir alles für Dein neues Bild, für das„Gefrorene Meer..“. Er atmete froh und sprang über Schollen und Blöcke, stand minn­tenlang still und staunte.

Da fand er einen Menschen. Der lag unter einer Scholle, die weit in das Leere hinaus­ragte, und neben ihm ein Oelhut. Er kniete nieder und wandte den Körper im steifgefrore­nen Rock:„Hinnerk Michee!!“ Er riß die Jacke auf und legte sein Ohr auf die Brust: „Es schlägt noch! Leise, ganz leise.“ Da warf er seinen Pelz auf das Eis, hob den schweren Körper auf die Schulter und hastete zum Strand hinüber:„Herrgott, laß ihn leben!“ Hinnerk Micheel blieb am Leben. Als er am Abend aus seinem Totenschlaf erwachte, griff er mit den verbundenen Händen neben sich:„Me­ta?“ Da saß der Maler an seinem Bett:„Sie ist wohlauf. Vor zwei Stunden sah ich sie vor dem Hause stehen, als unser Flugzeug Deine Hallig überflog. Wir warfen ihr Vorräte hin­unter und einen Brief, daß Du erst kommen wirst, wenn das Eis geschmolzen“.—„Und der Tod? Wo ist der Tod, der neben mir lief?"— „Wir haben ihn verjagt, Hinnerk Micheel, und es war Zeit.“

10­

Das Inserat

Skizze von Elisabeth Höhne­Wüllenweber=Berlin.

Strahlend kam Fritz Erler nach Hause und

schwenkte ein Zeitungsblatt wie eine Fahne. „Du,“ sagte er zu seiner Frau,„Du, lies doch mal— da das Inserat. Soll ich nicht einmal schreiben? Paßt es nicht genau auf mich?"— Hilde schob das Blatt, das er ihr dicht vor die Nase hielt, ein wenig zurück und überflog die Anzeige, die sich durch ein dickes Ausrufungs­zeichen vordrängte:„Geschäftsführer gesucht! — alte Firma— ostdeutsche Stadt— viel­seitige Kenntnisse— jung— begabt— streb­sam— angesehene Dauerstellung—“

„Hm“, meinte sie dann,„es paßt wohl. Aber willst du nach Breslau oder so? Von Berlin fort? Aus dieser Wohnung?“

„Ach was,“ wehrte er ab, d.as ist doch Danzig oder Königsberg. Bedenke: Zoppot, Oliva oder Kranz— Wälder, Hügel, Ostsee, wo sie am schönsten ist.“

Sofort war Hilde Feuer und Flamme.„O du— und eine Wohnung mit Garten, ja. Dann kann das Peterchen im Sand buddeln und draußen herum strolchen und ich ihn vom Küchenfenster aus beaussichtigen. Du säst und pflanzest und zeigst ihm, wie alles wächst. Sonnabends ziehen wir an den Strand. Mit Zelt, nicht? Du— ob wir uns wohl mal ein Segelboot leisten können?“

„Mal sehen.“ meinte Fritz lachend und strich ihr über die Wangen, die vor Freude blühten wie roter Mohn.„Erst wollen wir mal hin­schreiben, nicht?“—

Lieb und ruhig leuchtete nun die schöne kleine Tischlampe über einem Wust von Papie­ren, Zeugnissen. Photographien— und über einem braunen Schopf, der ganz zerwühlt war vor Eifer: Fritz entwarf sein Bewerbungs­schreiben. Wie ein buntes Bilderbuch zog sein Leben an ihm vorbei.

„Du Fritz!“ klang es plötzlich aus dem tiefen blauen Sessel vor ihm.„Das Zelt kannst du ia dann hier im Sportgeschäft von Heinis Freund bestellen. Vergiß auch nicht: gieich

—