Droi Stunden später rikt Don Pedro Rodrtguez in den Hof des Herrensitzes von San Ignacio. Ohne sich, wie bisher, zeremoniell melden zu lassen, eilte er die breite Freitreppe hinauf. Nicht einmal den Staub abzuschürteln und die klirrenden Sporen abzuschnallen fand er Zeit. Ueberall an den Türen und Nischen hingen schon Wimpel und Kreuze aus Flor. Leise öffnete er die schwarz verhangene Tür, die zur Sala seiner geliebten Tochter führte. Ein weicher, von Jasminblüten und brennenden Kerzen geschwängerter Duft schlug ihm entgegen. Auf florbedecktem Katafalk ruhte seine Tochter, neben der Gonzales die Totenwache hielt. Stumm trafen sich die Augen der beiden Männer zum Gruße, ebenso stumm drückten sie sich die Hände. Mit kaum vernehmbarer Stimme bedeutete Don Pedro seinem Schwiegersohne, daß er allein zu sein wünsche. Gehorsam fügte sich dieser dem Wunsche. Nun, wo der Alte mit der Toten allein war, gab er sich seinem bisher mühsam unterdrücktem Schmerze hemmungslos hin. Mehr als einmal rief er sein Kind beim Namen oder zog die erstarrte weiße Hand an die Lippen, um sie mit den zärtlichsten Küssen zu beecken. Plötzlich aber zuckte er zusammen. Seine Sinne mußten etwas ganz Furchtbares wahrgenommen haben. Behutsam schlug er das Gewand der Toten beiseite. Entsetzen drückte sein Gesicht aus. Fast geheimnisvoll verbarg Don Pedro einen Gegenstand unter seinem Poncho und eilte, ohne Abschied zu nehmen, augenblicklich nach Suipacha zurück.— Seit jener Nacht hörte der Verkehr zwischen der beiden Estancias auf. Auch den Trauerfeierlichkeiten hielten sich die von Suipacha fern. Jahre vergingen. Juan Pablo Gonzales hatte das Land verlassen, und San Ignacio war indessen in den Besitz seines Halbbruders Domingo übergegangen. Allein, wie sehr der neue Guteherr sich auch bemühte, all das aus seiner Umgebung zu bannen, was an das tragsche Ende der geliebten Toten erinnerte, so schien doch der Fluch über diesr Stätte zu lasten, der ihm den Aufenthalt verleidete und ihn auf Reisen trieb. In Mar del Plata, dem herlichen Bade an der Küste des Atlantischen Ozeans, fügte es der Zufall, daß Domngo mit Don Pedro Rodriquez unerwartet zusammen traf. Kaum traute er den Augen, in seiner Begleitung Angelita=Felina zu finden, die zu einer betörend schönen Jungfrau herangereift war In Anmut und Gestalt glich sie der Verstorbenen fast auss Haar. Später, als die beiden Nackbarn wieder draußen auf ihren großen Estancias lebten, verging fast kaum eine Woche, in der Domingo nicht einmal auf Suipacha Vorspruch gehalten hätte. Wann dann alle drei durch die Pflanzungen oder den Corral schritten, Don Pedro sich ein besonders edles Rassepferd vorführen ließ und den jungen Leuten für Augenblicke den Rücken kehrte, dann sprachen die Augen der beiden von ihrem schönen Geheimnis. Ein Sonntag war es— am Tage zuvor hatte er seine Schwägerin zum ersten Ma. geküßt—. als Domingo auf Suipacha erschien, festlich gekleidet, den blauen Poncho über dem schlohweißen Schaffell des silberbeschlagenen Sattels, die prachtvollsten lila Jasminblüten an den Ohren des nervösen Ve“ luts. Im Patio der Estancia fragte er zeremoniell nach dem Herrn. „Kann ich Sie allein sprechen, Onkel?“ Don Pedro geleitete ihn in die große Sala, an deren Wänden in massiven Silberahmen die Bildnisse der Rodriqnez hingen. Mit nachdenklich geschlossenen Augen hörte der Alte zu, als Domingo ihn mit unsicherer Stimme um Angelita=Felinas Hand bat. Nach einer peinlich langen Pause des Schweigens stand Don Pedro wortlos auf. offnete einen geheimen Wandverschlag und entnahm ihm einen in tiefrote Rosenblätter gewickelten Gegenstand. Mit zit löste er die welke Umhüllung, die auf die glänzende Täfelung des Fußbodens fiel. Ein silberner Dosch kam zum Vorschein, schmal und mit dunklen Flecken... „Juan Pablos Dolch!“ stöhnte Domingo innerlich erregt. Ich wußte es.“ flüsterte Von Pedra halb erstichter Stimme.„Ich 2og Brust der Toten. Betrog sie innWenn je der Tod... Wenn je der Tod mein Leben schmücken sollte Mit echtem Ruhm, erbitte ich nur Eines: Beraubt mein Dasein nie des Dämmerscheines, Erhellt nicht künstlich, was ich hehlen wollte. Aus welchem Grund ich stieg, ob mir des Rheines, Ob mir der Weichsel Flut zu Füßen rollte, Ob ich verdarb, ob man mir Ehren zollte, Dies alles ist für große Herzen Kleines. Drum wälzt nicht um die staubigen Register, Und frogt nicht suchend nach im Heimatland! Ich kam, ich war, und ging zurück zur Krume. Der Wissenschaft neugieriger Philister Wühlt in dem Beete, wo die Rose stand, Allein der Weise freue sich der Blume. Hermann Burte. „Ja, Onkel!“ „Liebte sie einen anderen?“ „Ja, Onkel— nur mich liebte sie.“ „Wirst du Inez rächen?“ „Ja, Onke!! Ich schwöre es bei der Jungfrau von Guadalupe.“ Tief ergriffen faßte er Domingos Hand: „Wenn Angelita=Felina dich betrügen sollte, so töte nicht sie, sondern den Verführer!" Damit legte er ihm den silbernen Dolch fast seierlich in die Hände. Mit gewaltiger Anstrengung seine Erregung beherrschend, winkte er Domingo hinaus, denn niemand durfte sehen, daß Don Pedro Radriguez, Patron auf Suipacha, weinte. —13Eisnot Skizze von Otto König. Schon wochenlang vorher sprachen sie nur vom Wasser. Sie sahen es kaum mehr, denn das Flußbett lag unter Eis, und nur in der Mitte war ein schmales Rinnsal geblieben. Doch je mehr das Wasser versiegte, desto öfter dachten die Leute im Dorf daran:„Was soll werden, wenn Tauwetter kommt und alles über uns hereinstürzt?“ Der Vorsteher sorgte dafür, daß sie die Hände nicht müßig in den Schoß legten:„Alle müssen helfen!“ In der Notsitzung des Gemeinderats schlug er mit der Faust auf den Tisch: Keiner bleibt zu Hause. Sandsäcke werden gefüllt, nach der Uferstraße geschafft und an den Hauswänden hochgeschichtet. Die Eisenbahn liefert uns Schienen. Wir werden Eisböcke daraus machen.“— Als erster faßte er an, und das Dorf war gerüstet. Eines Nachmittags kommt der Posthalter zum Vorsteher gelaufen:„Telegramm vom Wasserbauamt:„Strom hat Eis im Oberlauf geprengt, erste Welle um Mitternacht bei Ihnen zu erwarten.“ Eine Minute später gellt das Alarmsignal durch den Ort. Alle stehen auf ihrem Posten. Die Häuser der Uferstraße werden geräumt, und Wagen jahren alles bewegliche Gut zur höher gelegenen Kirche hinauf. Die Heiligen in ihren Ni ichen sehen verwundert auf Kisten, Betten und Schränke. Dann lächeln sie verständnisvoll und röstend, und die Frauen richten sich mit den Kindern ein, so gut es geht. Der Vorsteher schreitet durch die Uferstraße. Er tritt in jedes Haus und überzeugt sich, daß es geräumt ist. Er sieht nach den Notlampen ind Fackeln an den Leitungsmasten und kontrolliert die Posten. Das Dorf verläßt sich auf hn. Vor Mitternacht stehen alle Männer bereit. Dann trägt der Wind ein dumpfes Raunen das Lal hinunter. Das Rauschen wächst von Senunde zu Sekunde. Trompetensignale gellen dazwischen, Raketen zischen hoch. Poltern und Händen 8rcchen dröhnt. Im schwachen Mondlicht sehen „Lereen Vu, die Männer den grauen Sturmbock heranrollen Das Wasser, das talaufwärts die Fesseln ge— prengt hat, schießt über das vereiste Flußbett 646 und wälzt zerborstene Schollen vor sich her. Es steigt an den Ufern hoch, quillt über sie hinaus: Balken, Fässer und Strohbünde! tauchen im Licht der Lampen und Fackrin auf, Don Pedro mitsund die Schollen schlagen krachend gegen die „Ich 2og ihn aus der U'erbefestigung.„Zurück auf den höher ne=Verantwortlich: H Semmelmann # lgenden Hang!“ schreit der Vorsteber. Vort Druck und Verlag: sunten können Meiischen im Augenbliet nichts ausrichten. Das Wasser erreicht die Häuser, und die Eisblöcke und Schollen krachen gegen die Sandsackmauern. Die halten stand. Doch oben am Dorfeingang, wo sich Ufer= und Marktstraße trennen, stauen sich die Schollen vor dem Eisblock aus Schienen, der das Eckhaus schützen soll. Immer dichter und höher wird der Berg, und neue Schollen schieben sich auf die unteren. Noch halten die eingerammten Eisenbahnschienen, doch dem Vorsteher klingt es in den Ohren, als stöhnten sie:„Hilf uns!“ Sonst werden wir zerdrückt.“ Er besinnt sich nicht lange:„Freiwillige vor zum Sprengen!" Die Männer um ihn sehen sich an, und jeder hofft auf den anderen. „Freiwillige vor!“ Keiner rührt sich.„Leute, es muß einer das Eis dort unten sprengen. Sonst reißt es die Schienen um, zerstört das Haus und drückt den Häuserblock von innen auseinander.“— Da ruft einer aus dem Haufen:„Du bist doch Vorsteher! Machs selber.“ „Hast recht,“ sagt der Alte, und bitterer Hohn liegt in seinen Worten. Dann gibt er ruhig seine Befehle:„Sprengpatronen, Leiter, Taue und Haken!“ Er wirft den schweren Eisenhaken über Eis und Wasser hinweg gegen das gefährdete Haus. Dreimal prallt das Metall an der Wand ab, und der Vorsteher zieht es an den beiden Seilen zu sich zurück. Dann klirren die Fensterscheiben im ersten Stock, und der Haßen greift hinter die Brüstung. Vier Männer ziehen die Seile stramm, der Haken hält. Der Porszeßer, wirft die zusammengebundegen Sandsäche mit den Sprengpatronen und der Beilpicke über die Schulter, tritt auf das zweite Seil und greift nach dem anderen. Fußbreite um Fußbreite schiebt er sich weiter. Endlich steht er an der Hausmaner, schwingt sich in das Fenster hinein und zieht die Leiter am Strick zu sich hinüber. Am Aufleuchten der Glühlampen erkennen die Gaffer drüben am sicheren Hang, wie der Vorsteher durch die Räume schreitet. Dann erscheint der Alte am Fenster an der Stirnseite des Hauses. Er schiebt die Leiter ins Leere hinaus und findet an einer festgekeitten Scholle eine Stütze. Er prüft den Halt und kriecht langsam über die Leiter. Ruhig hängt er die Sandsäcke über eine Sprosse. öffnet sie, zieht die Picke heraus und vergrößert eine Lücke zwischen den Schollen. Da fühlt er die Leiter zittern. und der Eisberg knirscht„Ich erdrücke dich, du Zwerg!" Nur die rascheren Schläge seiner Picke verraten den Gafsenden, daß der Vorsteher die höchste Gefahr erkennt. Endlich ist das Loch groß genug, und er stopft ein Dutzend Patronen hinein. Von einer Scholle schlägt er ein stück ab und keilt es über das Loch. Plötzlich wirft er die Picke aus der Hand, und die Gaffer sehen ihn über die Leiter zu rück hasten. Da gleitet sein Fuß auf einer Sprosse aus, und das Bein stößt ins Leere. Die am Hang drüben schreien vor Entsetzen: ker Schuß, der Schuß!" Der Alte greift nach der nächsten Sprosse, zieht sich mit verzweifelter Kraft hoch, und seine Finger krallen sich hinter das Fensterbrett. Da dröhnt der Schuß. und im Auffliegen der splitternden Schollen fällt der Vorsteher kopfüber in das Fenster hinein. Einen Augenblick ist Ruhe. Dann prasselt der Hagel der hochgeschleuderten Eisbrocken herunter. Leben kommt in den Wall vor dem Haus. und die Schollen schieben sich weiter. Das schmutziggraue Wasser schäumt, und endlich taucht das schwarze Eisen der Schienen wieder auf. Das Haus und die beiden Straßen sind gerettet. Die auf dem Hang Stehenden warten vergeblich auf den Vorsteher. Da wagen sich zwei von ihnen über die Seile hinüber nach dem Haus. Auf dem Boden unter dem zersplitterten Eckfenster finden sie den Ohnmächtigen. Einer von ihnen nimmt den Mann auf den Rücken, und vom anderen unterstützt tastet er sich über die Seile zu den Wartenden zurück. tragen ihn in die Kirche und drängen sich um das Lager des Retters. Ein Arzt untersucht den Besinnungslosen:„Der Sturz hat ihn betäubt.“ Er reibt ihm die Stirn mit Branntwein. Endlich schlägt der Alte kir Augen auf. Er starrt die Gaffenden an:„Das Eis? Die Häuser?“—„Das Eis ist fort, die Häuser sind gerettet!“ Da nickt der Vorsteher zufrieden, und das ganze Dorf schämt sich vor seinem Lächeln. A.tena. Dr. C. Santz. Altzus. it md eme Pr Psare Nr. 10 Samstag, c. März 1929 Gefrorenes Meer Skizze von Georg Wagener. Schon im Sommer kümmerte sich kaum ein Mensch um die winzige Hallig. Nur ein= oder zweimal im Jahr kam ein Maler in seinem Segelboot von Husum herüber. Er hockte tagelang auf der Warf vor seiner Staffelei und malte das Haus und den grünen Rasenfleck, Hinnerk Micheels einzige Kuh und als Hintergrund das ewig wogende Meer. Abends, wenn Meta Micheel ihr Kind zu Bett gebracht hatte, saß der Maler mit den Eheleuten vor dem Hause und erzählte ihnen von der Welt dort draußen, die sie kaum noch kannten. Doch sobald die Herbststürme wehten, zog es niemand mehr nach der Hallig hinaus. Noch einmal im Winter fuhr Hinnerk Micheel nach dem Festland hinüber, um die gelichtete Speisekammer zu füllen, dann blieben auf Monate hinaus die zerstiebenden Rauchfahnen ferner Dampfer die einzigen Grüße der Außenwelt. So sollte es auch in diesem Winter sein. Doch plötzlich kam die Kälte und legte einen Eispanzer über das Wasser. Hinnerk Michel sah besorgt auf die glitzernde Fläche hinaus:„Wie lange wird es dauern?“ In einer Nacht sprang der Wind um, und der Sturm heulte aus Westen. Das Meer erwachte. Es sprengte das Eis, warf die Schollen gegen den Strand und türmte sie zu hohem Wall um die Hallig. Jede Fahrt nach dem Festland war unmöglich, und Meta Micheel sparte das Mehl in der Suppe. Dann drehte sich der Wind und wehte aus Osten. Er brachte schneidende Kälte und spannte Brücken zwischen den losen Schollen im Wattenmeer. Als Hinnerk Micheel am Morgen von der Warf Ausschau hielt, sah er nur das kalte Weiß von Eis und Schnee, keine Rauchfahne und keine Möwe. Er brachte die Kuh, die dampfend im kalten Stall stand, hinüber in die wärmere Dönze. Meta sah ihm zu:„Es wird also länger dauern, Hinnerk?“—„Ich glaub's, und morgen will ich über's Eis nach Husum. Er sagte das einfach, als sei es ein kleiner Spaziergang, und doch wußten beide, was es bedeutete. Dreißig Kilometer über das Eis. Am nächsten Morgen brach er auf. Meta stülpte ihm den Oelhut über die Wollmütze und band ihm den Schal um den Hals:„Mach's gut Hinnerk!“. Sie sah ihm kurz nach, als er über den Eiswall kletterte, dann hörte sie ihr Kind in der Stube rufen und ging in das Haus zurück. Hinnerk Micheel begann den Kampf mit dem Eis. Meterhoch lagen die Schollen übereinander, und er mußte sie überklettern oder umgehen. Oft glitt er aus. Nur unendlich langsam kam er vorwärts. Die bleiche Wintersonne stand schon im Süden, und noch immer sah Hinnerk Micheel, wenn er sich wandte, die ferne Rauchsäule seines Schornsteins dort hinten vor dem blauen Himmel stehen. Drei, vier Stunden lang diente sie ihm als Wegweiser. Dann kam wieder ein eisiger Wind aus Osten auf, und der Rauch zerstob. Aufs Geratewohl kämpfte er sich weiter der Küste zu, Schritt um Schritt, endlos langsam. Dreißig Kilometer. Acht Stunden hatte er für den Weg gerechnet. doch als die Sonne dunkelrot hinter Nebelwänden untertauchte, sah er noch nichts vom Land. Noch fühlte er keine Angst. Er kletterte weiter über Schollen und Eiswälle, lief dann und wann über freie Flächen und hoffte, die Nacht werde ihm die Lichter der Küste weisen. Toch die Dunkelheit kroch über das erstarrte Wattenmeer herauf, und Hinnerk Micheel sah noch kein Feuer, keinen Schein. Die Sterne schimmerten hell und der große Bär zeigte nach Norden. Eine Stunde lang wies er dem Mann den Weg, doch das Land lag noch fern. Dann erstickten die Sterne in Wolken und Nebel. Einzeln zuerst, jetzt immer dichter fielen die Flocken, bis der Schneesturm über das Eis fegte. Hart und schneidend prallten die Kristalle gegen Hinnerk Micheels GeMärz Leise klingt es im schweigenden Wald: Lausche, lausche! Der Frühling kommt bald. Die Schlehen werden sein wie schäumende Quellen, Und am Himmel, dem leuchtend hellen, Werden die Wolken wie Kinder geh'n. Gütige Winde werden weh'n, Winde, wie Vaterhände mild. Die schöne Erde wird sein ein Bild, Von Gott der sorgenden Menschheit geschenkt, Daß sie ewiger Güte dankbar gedenkt. Die Gärten werden klingen im Amselschlagen, Und über all den leuchtenden Tagen Werden die Worte golden steh'n: Blühen wuchs aus grauem Vergeh'n, Singen wurde aus schweigender Zeit, Leuchtend wurde die Dunkelheit. Hans Gäfgen. sicht, hafteten an Brauen und Wimpern und blendeten ihn, wehten ihm in die Aermel und fuhren unter den dicken Rock. Ohne Richtung, halb blind stolperte er über das Eis, stieß sich an hochgetürmten Schollen, die plötzlich vor ihm standen, kletterte mit steifen Fingern über die Eiswälle, fiel schwer und raffte sich mit verbisjener Wut wieder auf. Die Zeit verrann. Hinnerk Micheel wußte nicht, waren Minuten vergangen, seitdem er zuletzt schwer auf die Brust gefallen und das Gesicht auf dem Eis zerschunden, oder Stunden. Gedankenlos tappte er weiter durch das Dunkel. Bald glaubte er das Schwingen einer fernen Glocke zu hören, bald kreischten Möwen in seine Ohren. Dann krachte der Schuß einer Rakete, Wellen schlugen plätschernd gegen den Strand, und sein Kind im Haus auf der Hallig rief nach ihm. Als die Stille lautlos auf ihm lastete, da wußte er, daß seine Nerven zu versagen begannen. Er stolperte weiter, rannte und schrie vor Wut und quälender Angst. Dann war da plötzlich der andere. Zehn, zwölf Meter neben ihm huschte er über das Eis. Eine graue Gestalt, lautlos und geisterhaft. „Wer bist Du?“ brüllte Hinnerk Micheel ihn an und blieb zitternd stehen. Da stand auch der andere und schwieg. Sein Schweigen war grauenvoll. Es würgte dem Verirrten mit eisigen Fäusten die Kehle und trieb ihm die Augen aus den Höhlen. In wahnsinniger Flucht raste Hinnerk Micheel weiter, und neben ihm flog der andere, schweigend und drohend. Und dann wußte der Gehetzte:„Das ist der Tod!“ Der Kampf schien ihm nutzlos:„Du kannst ihm nicht entkommen.“ Doch der Lebenswille riß ihn wieder hoch:„Weiter, weiter!" Da fiel er auf die Knie, und der andere stand neben ihm. Hinnerk sah den grauen Mantel flattern, die Augenhöhlen malten dunkle Flecken in das weiße Knochengesicht, und die Zähne grinsten. Der Gequälte brüllte vor Angst. Er raffte sich hoch, schloß die Augen und sah doch noch immer den Fürchterlichen neben sich. Blind stürzte er weiter über das Eis. Und plötzlich riß ihm eine Faust den Oelhut vom Kopf. Er fiel und lag mit dem Gesicht im weichen Schnee. Er wartete auf das Ende, auf die Knochenfinger, die ihn erwürgen mußten. Das Warten wurde ihm zur Ewigkeit. Sein Leben schoß in bunten Bildern an ihm vorüber, und zuletzt sah er die Hallig. Sie lag tot und verlassen unter Schnee und Eis, und der Schornstein rauchte nicht mehr. Er trat in die Dönze. Da sah er die Kuh. Sie war erfroren und steif. Er öffnete die Kammertür, und im Wandbett lagen Meta und das Kind. Verhungert. Dann wunderte er sich, daß er nicht klagte Er legte sich ruhig neben die tote Frau und schlief. Und der Fürchterliche neben ihm hatte alles Grauenhafte verloren. Er fuhr dem Schla. senden mit warmer, weicher Hand über die Stirn:„Ich bin dein Erlöser.“—Der Wintermorgen lachte aus blauem Himmel auf die verschneite Küste und auf das vereiste Wattenmeer hinunter. Da kam der Maler aus Husum im dicken Pelz an den Strand und ging auf das Eis hinaus:„Herrliche Natur. Sieh Dir das Schauspiel an, Du Malersmann, und merke Dir alles für Dein neues Bild, für das„Gefrorene Meer..“. Er atmete froh und sprang über Schollen und Blöcke, stand minntenlang still und staunte. Da fand er einen Menschen. Der lag unter einer Scholle, die weit in das Leere hinausragte, und neben ihm ein Oelhut. Er kniete nieder und wandte den Körper im steifgefrorenen Rock:„Hinnerk Michee!!“ Er riß die Jacke auf und legte sein Ohr auf die Brust: „Es schlägt noch! Leise, ganz leise.“ Da warf er seinen Pelz auf das Eis, hob den schweren Körper auf die Schulter und hastete zum Strand hinüber:„Herrgott, laß ihn leben!“ Hinnerk Micheel blieb am Leben. Als er am Abend aus seinem Totenschlaf erwachte, griff er mit den verbundenen Händen neben sich:„Meta?“ Da saß der Maler an seinem Bett:„Sie ist wohlauf. Vor zwei Stunden sah ich sie vor dem Hause stehen, als unser Flugzeug Deine Hallig überflog. Wir warfen ihr Vorräte hinunter und einen Brief, daß Du erst kommen wirst, wenn das Eis geschmolzen“.—„Und der Tod? Wo ist der Tod, der neben mir lief?"— „Wir haben ihn verjagt, Hinnerk Micheel, und es war Zeit.“ 10Das Inserat Skizze von Elisabeth HöhneWüllenweber=Berlin. Strahlend kam Fritz Erler nach Hause und schwenkte ein Zeitungsblatt wie eine Fahne. „Du,“ sagte er zu seiner Frau,„Du, lies doch mal— da das Inserat. Soll ich nicht einmal schreiben? Paßt es nicht genau auf mich?"— Hilde schob das Blatt, das er ihr dicht vor die Nase hielt, ein wenig zurück und überflog die Anzeige, die sich durch ein dickes Ausrufungszeichen vordrängte:„Geschäftsführer gesucht! — alte Firma— ostdeutsche Stadt— vielseitige Kenntnisse— jung— begabt— strebsam— angesehene Dauerstellung—“ „Hm“, meinte sie dann,„es paßt wohl. Aber willst du nach Breslau oder so? Von Berlin fort? Aus dieser Wohnung?“ „Ach was,“ wehrte er ab, d.as ist doch Danzig oder Königsberg. Bedenke: Zoppot, Oliva oder Kranz— Wälder, Hügel, Ostsee, wo sie am schönsten ist.“ Sofort war Hilde Feuer und Flamme.„O du— und eine Wohnung mit Garten, ja. Dann kann das Peterchen im Sand buddeln und draußen herum strolchen und ich ihn vom Küchenfenster aus beaussichtigen. Du säst und pflanzest und zeigst ihm, wie alles wächst. Sonnabends ziehen wir an den Strand. Mit Zelt, nicht? Du— ob wir uns wohl mal ein Segelboot leisten können?“ „Mal sehen.“ meinte Fritz lachend und strich ihr über die Wangen, die vor Freude blühten wie roter Mohn.„Erst wollen wir mal hinschreiben, nicht?“— Lieb und ruhig leuchtete nun die schöne kleine Tischlampe über einem Wust von Papieren, Zeugnissen. Photographien— und über einem braunen Schopf, der ganz zerwühlt war vor Eifer: Fritz entwarf sein Bewerbungsschreiben. Wie ein buntes Bilderbuch zog sein Leben an ihm vorbei. „Du Fritz!“ klang es plötzlich aus dem tiefen blauen Sessel vor ihm.„Das Zelt kannst du ia dann hier im Sportgeschäft von Heinis Freund bestellen. Vergiß auch nicht: gieich — 9 m SSFSS-E S5OLNA E Sggrrag n-PcoESbSga: P# E83 55% 5 55E 5 nezhaEGZSUES AALISS S- DigPS Sunse# E 9. 24 an a. S 5 S• * 9 0 S 8 0 ** 88 5 S 9.— NE S•% OSCTENTTLOSSTTDE a S-Smg-D SgBOSESSSS 5ag r. 8185 85 5s„g °GEEZEEMDEBGOSSSENO EGGgLEE B EgEGnO C-EEz 8- SSE eine kleine Schaufel und einen Holzeimer für Peter—“ Allmählich erst fand sich Fritz in ihren Luftschlössern zurecht.„Du Traumele!“ lachte er. „Bis jetzt sind wir weder in Zoppot noch sonstwo, wissen nicht einmal, ob es Breslau oder Posemuckel ist. Und dann, ob ich die Stellung kriege! Hier, sag mir lieber, welches Bild ich einschicken soll!“ Hilde war wieder in der Wirklichkeit.„Hier. das schöne Brustbild natürlich, wo du so guckst ... so ein bißchen hochmütig und forschend.“ „Meinst du?“ zweiselte Fritz und betrachtete sein Konterfei.„Meinst du, daß sie mich daraufhin nehmen? So einen hochmütigen Kerl?" Dabei stand ihm das Wohlgefallen an dem Bilde deutlich im lieben offenen Gesicht. Hilde weidete sich heimlich daran. Da sah er auf und las in ihren liebevoll lachenden Augen ihre Gedanken.„Na schön,“ sagte er wie ein ertappter Schulbub,„nehmen wir dies“ Das Bewerbungsschreiben ging ab— und alles war wieder wie vorher. Aeußerlich. Aber es konnte geschehen, daß eins von ihnen mitten in ein Gespräch oder in die gemeinsame Lektüre ihrer stillen Abende hinein so vor sich hinsagte:„Ob irgendwo in der Welt eine Wohnung wieder so viel Sonne hat wie unsere hier?* Oder:„Ob es irgendwo anders eine solche Tapete gibt wie die in unserem Schlafzimmer? So herrlich grün mit dem Muster wie die verschwimmenden rosa Morgenwölkchen an Himmel?". Oder Hilde meinte:„Ich habe ja immer gesagt, daß ich mit dir auch auf den Mond ginge. Und ich täte es wirklich. Aber wenn es auf dem Mond auch und Warmwasserversorgung gäbe, wäre es mir doch recht lieb.“ So bekam durch den möglicherweise bevorstehenden Abschied alles Heimische seinen bemnderen Glanz und war so schön wie nie zu vor. Hilde ertappte sich zuweilen bei einem ganz schmerzlichen Abschiedsgefühl. Aber wenn dann das Bübchen jauchzte und strampelte und die Aermchen nach ihr ausstreckte, dann sagte sie erleichtert:„Singvögelchen, dich können wir ja mitnehmen, dem Himmel sei Dank! Und du bist dort in der Fremde so wonnig wie hier.“ Inzwischen lief die Zeit weiter. Die Schneemänner fanden überall ein tränenreiches Ende. Fritz brachte seiner Frau die ersten Schneeglöckchen, die ihr fast mehr waren als Weihnachten. Auf den Parkwegen siel man in die ersten Murmellöcher der Kinder. Da kam ein Brief. Dick und schwer. Aus Posemuckel natürlich.„Wir danken Ihnen usw.— usw.... haben aber einen älteren Herrn gewählt. 29 Jahre erschienen uns für diesen Posten doch zu jung...“ Sie guckten sich an— und lachten, lachten — faßten sich um und zogen durch ihr ganzes liebes kleines Nest, tranken mit den Augen die wundervolle Harmonie der Räume. der Farben, nickten der Turmuhr draußen zu, die mit rundem Vollmondsgesicht zu ihnen herein schaute, und grüßten„ihre" liebe Pappel. in deren höchster Spitze im Sommer immer„ihre“ Amsel ihr Abendlied gesungen hatte.„Zu jung“!„War es nicht herrlich„zu jung“ zu seinr Was konnte man noch alles werden und schaffen! „Und nun“, sagte der Mann schließlich,„nun wollen wir unseren Freunden ein kleines Fest geben, zur Feier dessen, daß wir hier bei ihnen bleiben!“ So geschahs. „Wißt ihr,“ meinte Hans, der Malerfreund, als sie alles erzählt hatten, und paffte eine dicke Rauchwolke aus dem tiefen blauen Sesse! heraus.„Lebenskünstler seid ihr! Könnt euch die Erfindung patentieren lassen:„Inseraten= träume"! So kann man in Gedanken ja von allem Abschied nehmen, was anfängt langweilig zu werden, damit man es wieder neu lieben kernt. Man kann sich durch Inserate eine neue Frau, einen neuen Mann suchen—“ „Bitte schön!“ lachten Fritz und Hilde. „Könnt ihr machen. Wir habens nicht nehr abite!“ Diebstahl im Claridge Hotel Skizze von Kurt Miethke. Frau Mahoney hielt ihren großen Fächer aus Straußensedern vor das Gesicht und gähnte leise. Sie sah erst nach der Uhr, die auf eins zeigte, und dann nach ihrem Mann, der in einem großen Kreis von Freunden saß und Bridge spielte. Sie erhob sich, ging auf ihn zu, gab ihm einen freundschaftlichen kleinen Schlag au' d'e Schulter und sagte:„Ich bin müde. Lo.. ch gebe auf mein Zimmer.—. mir nicht böse und spiele ruhig weiter.“ Er stand auf, küßte ihre Hand und brachte sie bis an die Tür Sie bestieg den Fahrstuhl, der sie nach ihrem Zimmer brachte. Sie zog sich aus und lag dann noch eine Weile wach, im Schein der Nachttischlampe einen gelb eingebundenen französischen Roman lesend. Sie wachte sofort wieder auf, als sie hörte, wie die Zimmertür geöffnet wurde.„Bist Du er. Tom!“ „Ja, mein Liebes.“ „Tom!“ „Was willst Du, Schatz?“ „Warum machst Du denn kein Licht?“ „Ach, dann würdest Du ja wieder ganz munter werden.“ „Tom, ich habe das Diamantenhalsband in Deine Nachttischschublade gelegt. Vergiß nicht es in den Koffer zu schließen.“ „Gern, mein Liebes.“ Sie hörte, wie er sich an der Schublade zu schaffen machte, wie er im Dunkeln behutsam und leise den Koffer aufschloß und wie er begann. sich auszuziehen. Aber da war sie schon eingeschlafen, jedoch viel fester als das erste Mal. Das Licht brannte schon eine ganze Weile, als sie erstaunt die Augen öffnete. Sie sah sofort auf die Uhr: es war zwei Uhr. Verblüfft starrte sie ihren Mann an, der vollständig angezogen dastand und auf sein zerwühltes Bett schaute.„Hast Du zuerst in meinem Bett gelegen?“ fragte er. „Aber Tom!“ „Was meinst Du?“ „Ich meine, daß Du selber vor dreivierte! Stunden hineingestiegen bist.“ „Ich komme soeben aus dem Saal. Ich habe bis vor drei Minuten Bridge gespielt.“ Was hast Du?“ Sie fuhr erschrocken in die Höhe. „Bridge gespielt. Ist denn irgend etwas nicht in Ordnung?" „Ja. Tom! Tom, bist Du denn nicht vor dreiviertel Stunden hier gewesen, ohne das Licht anumachen— damit ich nicht aufwache? Du hast es mir doch selbst gesagt!“ „Liebes Kird, das ist mir rätselhaft. Da muß ein anderer hier gewesen sein.“ Plötzlich fiel ihm etwas ein:„Wo hast Du Dein Diamantenhalsband?“ „Aber Du hast es doch selbst in den Koffer—“ Sie verstummte und legte erschrocken die Fingerspitzen an den Mund. Dann lief sie rasch auf den Koffer zu. Mit bebenden Händen schloß sie ihn auf. wühlte das schwarze stählerne Köstchen hervor und stellte es auf den Tisch. Sie öffnete es nervös mit dem komplizierten Schlüfselchen. Dann stieß sie einen ungläubigen Schrei des Schreckens aus: Das Diamantenhalsband war verschwunden. Da endlich dämmerte in ihr die Erkenntnie dessen auf. was geschehen war: Ein Fremder hatte sich in ihr Schlafzimmer geschlichen und auf Grund einer starken Verstellungsgabe in ihr den Eindruck erweckt, als ob er ihr Mann sei. hatte auf ihren eigenen Wunsch das Halsband an sich genommen, es in seine Tasche gesteckt schließlich sich sogar ausgezogen und ins Bett aelegt, bis sie wieder eingeschlafen war. Sie schauderte, als sie sich das ausmalte. Der Dieb mußte jedenfalls über eine ungeheuerliche Frechheit verfügen. Jedoch zum Philosophieren war es zu spät. Sie beschwor Tom, das Ereignis sofort der teldirektion mitzuteilen. Das geschah. Alle Nachforschungen waren natürlich ergebnislos, denn wen unter den vielen vornehmen Gästen des Hotels hätte man verdächtigen können? Die Polizei beobachtete während der nächsten Woche jeden einzelnen genau, konnte aber bei keinem der Gäste, die an jenem Abend anwesend waren, auch nur den geringsten Verdacht aussprechen. Es wäre dem Kommissar, der den Fall bea heitete, sicher eine große Freude gewesen, wenn er drei Tage nach dem Ereignis in das vornehmste Juweliergeschäft der Stadt einen Blick hätte tun können. Da stand nämlich ein Herr am Ladentisch, packte ein Diamantenhalsband aus und fragte: „Wie lange würde es dauern, diesem Schmuch eine andere Fassung zu geben? Eine Platinfassung in ganz modernem Stil. Die altmodische Goldfassung sagt mir nicht mehr zu.“ „Die Arbeit dauert vier Wochen, mein Herr“, sagte der Geschäftsinhaber. „Ausgezeichnet", erwiderte der Herr. nachrichtigen Sie mich brieflich, sobald die Sache fertig ist. Aber in einem neutralen Umschlag ohne Firmenausdruck. Ich möchte nämlich meine Frau überraschen.“ „und wie ist Ihr Name?“ Ver. fragte der Ge„Mahoney, Tom Mahoney, Claridge Hotel.“ Fünf Minuten später saß Tom in einem kleinen Kaffeohause. Ihm gegenüber seine Freundin „Und?“ fragte sie. „Du sollst beinen Willen haben“, lächelte er. „Ich werde Dir zu Deinem Geburtstag ein ganz modernes Diamantenhalsband schenken.“ Sie lächelte und streichelte seine Hand:„Du bist wirklich ein prächtiger Mensch, Tom! Hat es Dich viel gekostet?“ „Und ob! Denn schließlich bin ich doch ein ehrlicher Mensch, und Stehlen ist eine schwierige Sache.“ „Wie, Tom? Du redest von Stehlen? Du willst doch damit nicht etwa sagen—“. Sie sah ihn erschrocken an. Er nickte:„Doch doch, ich habe es gestohlen.“ Und dann fügte er lächelnd hinzu:„Aber ich habe es einem Freund gestohlen. Oder besser einer Freundin. Du kannst jedoch unbesorgt sein, ich schenke ihr dafür etwas anderes.“ „Und das wäre?" „Ich schenke ihr— mich selbst. Du sollst das Halsband haben, um das Du mich seit einem halben Jahr quälst. Sie bekommt mich dafür wieder. Denn ich habe eingesehen, daß ich ein Unrecht an ihr begangen habe.“ Er erhob sich, machte eine Verbeugung und ließ seine gewesene Freundin allein. Im Auto fuhr er nach dem Hotel zurück, zu seiner Frau. Und er freute sich auf sie. —1•.— Das Eis bricht Skizze von Hans Kiel. Am Oberrhein, wo die Romantik der Weinberge endet und der Strom in den Pappelwegen und Weidenbüschen der Goldenen Au einen bescheideneren Rahmen findet, liegt auf menschenleerer Uferzeile die alte Fährstelle Marien= fahrt. Von windgezausten Bäumen umrohmt liegt die einfame Siedlung hinter dem Schutz der beiden Dämme; einerseits der Landstraße die behäbige Bauernwirtschaft, wo der Herr Gasthalter Karl Johannes Kunst dem durchkommenden Fremden für gutes Geld ein autes Glas Wein verzapft und vom Segen seiner Aecker und Felder ein sorgenloses Leben lebt — auf der anderen Seite ärmlich und kahl ein altes Fachwerkhaus, das recht wie ein Anhöngsel zu dem breiten. dem protzigen Bauernhof steht. Hier wohnt Herr Karl Mathias Kunst. genannt der Fährmathes, der ein armer Teufel ist und seinen Unterhalt groschenweise verdient, während Karl Ichannes die Geldstücke unter einer Mark kaum ansieht. Feindliche Briider sind das, seit dreißig Jahren und mehr! Wenn ein Fremder bei der Marienfahrt über den Rhein will, muß er anächst von Herrn Karl Johannes in der Geststube hören, was für ein Lump. Spitzbube, Galgenverbrecher der Fährmann dort drunten ist. und schwimmt der Fremde hernach auf der flachen Ponte über das Wasser, so erzählt ihm der Fährmann mit mindestens gleicher Eindringlichkeit, was für ein Galgenverbrecher. Svitzbube, Lump der Gastwirt dort droben ist. Daß beide denselben Vater hatten, das allerdings hört der Fremde nicht. Wohlweislich... Aber die Einheimischen wissen's, und der Psarrer von Gunternheim hatte schon mehrfach versucht, einen Frieden unter den Brüdern zu stiften, doch war seine Mühe immer vergeblich gewesen. Nur eins hatte Hochwürden erreicht: Daß ihm die beiden allmonatlich im Beichtstuhl immer schön fromm und brav ihren frevelhaften Haß bekannten. Halbstunds danach war aber alles wieder beim alten! Und wie schlimm ist doch solch ein Haß unter den Söhnen eines Vaters! Wenn sie noch in Stadt oder Dorf unter anderen Menschen wohnen, von anderen Menschen gehemmt und abgelenkt sind, dann schläft das Unselige zuweilen ein und vergißt sich für Tage. Wochen und Monate; hier aber saßen zwei Brüder und Erzfeinde auf menschenleerer Flur. hier schwamm der Huß ungehemmt Tag und Nacht und Nacht und Tag um das große wie das kleine Haus und fand zu jeder Stunde neue Nahrung. Wenn es ein vertrackter Zufall wollte, daß sich die Brüder am Ufer, auf der Straße, auf dem Damm begegneten, so lautete der Gruß des einen„Du Lump“, und der andere dankte mit „Spitzbub“. Aber keiner konnte dabei dem Bruder ins Gesicht sehen. Seit dreißig langen Jahren!— Nun war ein harter Winter über den Rhein gekommen, so hart, wie man seit einem halben Jahrhundert nicht mehr erlebt hatte. Weiß lag des Ufer, und erstarrt war der Eichwald gegenüber. Auf dem Rhein trieben Eisschollen, immer mehr und immer meyr, bis sich das Eis in der Oppeacelmer Kurve stellte; dann vorschwand der Strom gänzlich unter kleinen,###erren Schollengebirgen, und wo tags zuvor noch Schleppdampfer das kalte Wasser aufgewühlt hatten, war nun Eisgebirge und Eisbahn. Wochenlang. Bis eines Tages doch der Wind auf West umsprang. Und der Westwind fraß den Schnee und das kleine Eis. aber das Eis auf dem Rheine konnte er nicht so schnell bezwingen, weil es viel zu dick war. So lief dort das junge Polk immer noch Schlittschuh, während am Land schon alle Frostherrlichkeit zunichte gemacht war Viel erlebt hatte die Marienfahrt in diesen Tagen: Eisfest mit Wurstbuden und Schlittenkarussel, Musik und Lust und Fackelschein, wenn die Abende kamen. Leichtverdientes Geld lag in der Kassette des Gasthalters, und auch der Fährmann hatte etwas verdient, aber nur aroschenweise. indem er den Frauensleuten Schlittschuhe anschnallte. Des Karl Johannes Gaststube war auch heute wieder voller Menschen; Bauern und Winzer hockten da beisammen und erörterten das einzige Thema:„Winter“ in hundert Abwandlungen. auch der Herr Gendarm Schmniedicke saß dabei, sprach mit imponierender Firüchhaltung von amtlichen wie privaten Dingen, und der Kar! Johann verschenkte einen sehr guten, aber auch reichlich teueren Glühwein. Ob nun das Eis bald bricht? war die Frage an allen Tischen. Der Herr Gendarm wußte, daß droben in Mannheim schon Sprengkommandos arbeiteten und überall Hochwasserbereitschaft angeordnet war, aber wann es nun endlich brechen würde, das wußte selbst er nicht.„Immerhin wird man ab morgen das Schlittschuhlaufen verbieten müssen“, sagte er.„Denn es wird jetzt zu gefährlich!“ Draußen auf dem Rhein donnerte es wieder Wir warten... Es ist, als gähnt, vom Sturme wild zerrissen. Ihr Atem ist so schwer. Die Erde schläft in weißen Kissen, Ein weites, wogenstarres Meer. Der Winter hat sich zäh verbissen, Und wir sind ohne Wehr. Wir warten auf des Frühlings Fahnenhissen Und seiner Sonne goldnen Ger. Franz Mahlke. üde. Bousded, Anuahessern. Sie follen n ist Werkzeug zum Ausbessen. erste drohend und hart. Aber das ist nicht so schlimm hohe Kante“ das börte man schon oft seit Tagen: Da arbeiten das Eis und das Wasser gegeneinander, da gibt's kleine Risse und Sprünge— weiter nichts. Fährt mit einem Mal die Tür auf, und einer ruft herein:„Herr Kunst. Herr Kunst— das Eis bricht— und Euer' Mariann' treibt auf der Scholle.“ Was war der Johann so schnell aus der Stube. Und der Gendarm und die Bauern und Winzer mit ihm. Barmherziger Himmel— man soll's nicht glauben— das Rheineis ist tatsächlich in BeweSuung Aber, fast eh sie das Mädel noch in dem treibenden Gewirr entdeckt haben, stürmt seitlich an ihnen vorbei schon ein anderer— der Fährmathes— mit einer langen, beschlagenen Stange in der Hand— läuft hinaus aufs Randeis springt mit der Stange wie ein Heuschreck vom Randeis über einen breiten Wasserspalt auf die nächste treibende Scholle, wie ein Heuschreck immer weiter, drei=, vier= und fünfmal springt er und erreicht— ein Wunder!— wirklich die große, weiße Insel, auf der Mariann’ jammert und Hände ringt. „Herr Kunst. vor dem Mann müssen Sie sich jetzt schämen“, sagt der Gendarm Schmiedicke, ziemlich vernehmbar. Draußen hängt das Mädel dem Onkel am Hals. Der Fährmann spricht tröstend auf das arme Ding ein und steckt sich eine Pfeise an. Seelenruhig. Die am Ufer traben schweigend stromab, denn die große Scholle treibt und treibt. Dann holt sich der Fährmathes mit dem langen Eispickel gemächlich Scholle auf Scholle herbei, lenkt seine große weiße Insel langsam, ganz langsam aufs Ufer hin, stößt sich hier ab, holt sich dort heran. und es vergeht keine Viertelstunde, da knirscht die große Insel hart auf das Randeis. Mit dem Mädel im Arm klettert der Alte beschwerlich die steile Böschung herauf. Karl Johann ist kreidebleich:„Mathes, mein Bruder Mathes...!“ „Laß nur gut sein“, sagt der.„Es war Menschenpflicht; In der Mitte zwischen zwei ehedem feindlichen Brüdern lacht und weint das Mädel in einem fort, und auch bei den Männern ringsum kullern Tränen über lachende Backen, denn die Freude ist übergroß. Zu Karl Johann geht's in die Gaststube, unter Lachen und Weinen an den warmen Ofen. „Gib mal'n Schnaps!“ sagt der Fährmathes. Ein Quartglas voll wird eingeschenkt. Und während die Bauern immer und immer noch von dem aufregenden Ereignis schwatzen, während der Herr Gendarm angestrengt auf eine sehr feine Rede sinnt und der Karl Johann zwischen sich und den Pruder Flaschen vom besten Einundzwanziger stellt, dröhnt und bullert es draußen auf dem Rhein, als ob sie mit Kanonen schössen.. Das Eis war nun gebrochen! RAR Gerissene Bindung Skizze von Emil Rath. Gisela schmollte mit dem Wettergott wie mit dem größten Teil ihrer Umgebung. Mit unbeschreiblicher Zähigkeit hatte sie sich von einem knurrigen Chef einen Winterurlaub erkämpft und nun saß man in den bayrischen Bergen, wachste und bügelte die Schneebretter sast täglich aufs neue und kam doch nicht dazu, eine richtige Bergfahrt zu tun. Unbarmherziges Schneegestöber wirbelte seit drei Tagen um das nicht gerade billige, aber behagliche Berggasthaus. Man wäre vor Langeweile gestorben, wenn nicht der lustige Herr Schwarzfuß die ganze Gesellschaft mit seinen unerschöpflichen Schnurren aufgeheitert hätte. Das war ein Mann. der in die Welt paßte: schlank, mit braunen blitzenden Augen, einem zierlichen MenjouBärtchen. Wenn er von seinen Skifahrten erzählte, ging einem das Herz auf. Nur so beiläufig hatte er bemerkt, daß er Prokurist einer großen Firma sei und bequem von seiner Umsatzprovision lebe. Das Gehalt lege er„auf die Gisela Gehring empfand es mit Genugtuung. daß er ihr vor den anderen Damen der Gesellschaft einen gewissen Vorzug gab und sich bei Tisch mit einer Selbstverständlichkeit an ihre Seite setzte, die ernste Absichten vermuten ließ Manchmal aber war es Gisela unbehaglich wenn sie über Suppe oder Fisch die dunklen Augen hob und just dem Blick Berkus begegnete. Sie zog im stillen Vergleiche mit Schwarz= fuß und war innerlich von einer ihr sonst fremden Unsicherheit. Sie fühlte mit echt weiblichem Instinkt. daß auch Berkus ihre Nähe suchte ohne aufdringlich zu sein. Dazu strömte seine ganze Art zu reden, sich zu geben. eine wohltuende Ruhe aus, die Geborgenheit um sie zu breiten schien. Schwarzfuß stürmte mit quecksilbriger Beweglichkeit in die Diele:„Es schneit nicht mehr, meine Herrschaften. Sechs Zentimeter Neuschnee! Ich denke, gleich nach dem Mittagessen brechen wir auf!“ Wie dankbar ihm Gisela für diese Nachricht war! Endlich kam der große Augenblick: hinaus in die Bergwelt! Es packte sie wie Fieber, als sie die Bretter unter den Füßen hatte. Gleich einer Schar aufgescheuchter geschwätziger Vögel glitt die Gesellschaft dahin. Schwarzfuß hielt sich an Giselas Seite. Plötzlich bemerkte er unbehaglich:„Das tut nicht gut— wir sind gerade spreigehn!“ „So kehren Sie doch um!" bemerkte sie spöttisch. Er biß sich auf die Lippen, schwieg. doch nicht lange. Dann schwirrte es nur so von Telemarks und Stemmschwüngen an Giselas Ohr, und sie kam sich ganz klein vor, wie es sich für ein Skiküken geziemt. Bald ging es bergauf: Schwarzfuß wurde auffallend still, und Gisela wunderte sich über die Kraftanstregunlgen, die er machte, mit ihr gleiches Tempo zu halten. Fünfzig Schritt vor sich sah sie Berkus dahin gleiten. Frei und leicht war jede seiner Bewegungen. als häte er sein Lebtag nur Skis unter den Füßen gehabt. Ein kleiner Hang kam in Sicht.„Jetzt passen Sie mal auf. Fräutein Gehring, wie ein geschickter Skifahrer wendet!“ Hoppla! Quer sauste er über Giselas linkes Brett— es sagte„knacks!“— die Bindung war gerissen! Gisela kämpfte mit den Tränen. Die ganze Fahrt war ihr verdorben. Hilflos stand Schwarzfuß dabei und murmelte nichtssagende Entschuldigungen. Berkus wandte sich um nach wenigen Augenblicken stand er neben Gisela.„Bindung gerissen? Das ist bös. Vielleicht kann ich sie flicken.“ Sie blickte ihn dankbar an, indes sich Schwarzfuß leise davon schob. Berkus hatte sich auf ein Knie niedergelassen, besah den Schaden schüttelte den Kopf.„Da ist nichts zu machen.“ — Sie senkte den Kopf. „Und ich hatte mich sooo gefreut.“ Er überlegte.„Wissen, Sie was, Fräulein zum Ausbesselll. Ei. seclrn nicht um Ihre rchee Lergfahrt kommen. Sie lachette wieder,„wissen Sie hier herum e get Beschei“.„uag Tachr bie.#n. Luumt „Jetzt bin ich das funste Juhl heer, oa nennt man sich schon aus. Nur voriges Jahr habe pausiert— da war ich auf der Persenn.“ Sie bekam Hochachtung. Persenn— das erinnerte so an Scylla und Charybdis... Der Eingang zur Hütte lag verschneit. Sie war nicht gar geräumig: ein kleiner Kamin, daneben ein Stapel Buchenscheite. Durch das vereiste Fenster fiel spärliches Licht. spaltete Holz, zündete ein Feuer an, schob Gisela den Holzschemel zurecht. Wohlige Wärme strahlte von den Buchenscheiten aus. Indessen machte er sich an die Arbeit, schnitt, hämmerte, prüfte. Sie beobachtete ihn heimlich. Er hatte die Mütze abgelegt, in seinem dunkelblonden Haar verfing sich der rote Widerschein des Feuers und warf scharf umrissen sein Profil an die hell getünchte Wand... Guu, Ester#. Plötzlich wurde es in der Hulte sunter. Berkus sah erstaunt auf. öffnete die Tür— Schnee stob herein. Er sah sie an:„Schöne Bescherung! Es schneit, was vom Himmel herunter will.“ „Können wir nicht zu Tal?“ fragte sie mit leiser Angst. Er zuckte die Achseln.„Vielleicht dauert es nicht lange. Aber bei solchem Wetter wäre ein Abstieg Selbstmord. Man sieht ja nicht drei Schritte weit.“ Dann hielt er prüfend die ausgebesserte Bindung armweit vor sich hin:„So, Fräulein Gehring, alles in Ordnung.“ Sie gab ihm mit leisem Dank die Hand. Schweigend saßen sie einander gegenüber. Keiner wagte den anderen anzuschauen, jeder ging seinen eigenen Gedanken nach. Nur ab und zu schob Verkus ein Buchenscheit in die Glut, trat an das Fenster, schüttelte den Kopf. setzte sich wieder. Ihm wurde die Stille peinlich. Unvermittelt fragte er:„Fräulein Gisela, kennen Popellen die„Nvellen um Claudia“?“ Sie nickte. Und plötzlich begriff sie, was er sagen wollte. Da waren auch zwei in einsamer Hütte über Nacht allein geblieben, und der Mann hatte die ganze Nacht gewacht, das Herz voller Kameradschaft. Sie schaute ihm voll ins Gesicht:„Ich habe zu Ihnen das gleiche Vertrauen.“ Nun der Bann gebrochen, erzählten sie einander ihre Lebensgeschichte, und so kam es, daß sie Hand in Hand saßen und wußten, daß sie zueinander gehörten. Das Fenster wurde heller — das Schneegestöber hatte aufgehört, und zwei Menschen fuhren auf gleitenden Brettern senchzend ur Tol. In den sonst so lstigen Augen Schwarzfuß stand ein Lauern, als er fragte:„Das dauerte wohl lange mit der zerrissenen Bindung?“ „Keine Spur!“ lachte Berkus.„Sie ist füro Leben gefügt. Darf ich Ihnen meine Verlobte vorstellen?— Fräulein Gisela Gehring.“ Schwarzfuß verneigte sich steif und suchte nach neuen Skiküken, denen er mit Telemark und Stemmschwung imponieren konnte... Der Dolch Skizze von R A. Langer=Reuth. Die Sterne leuchteten schon am traubenblauen Himmel, als der Gaucho ten Kraft seines zu Tode gehetzten Gaules d Estancia Suipacha erreichte. Sogleich schlugen die Hunde an. Auf hölzernen Veranda erschollen Schritte. „Wer ist da?“ fragte die tieftönende Stimme des Gutsherrn Don Pedro Rodriguez in die Nacht. Der Gaucho sprang aus dem Sattel, riß seinen breiten Sombrero vom Kopfe herunter und verneigte sich höflich.„Euer Gnaden soll ich von dem jungen Herrn Juan Pablo Gonzalez wissen lassen, daß Inezb gestern nacht plötzlich erkrankte und gleich darauf gestorben ist.“ Für eine Weile blieb es still. Der Schrech hatte dem Alten die Zunge gelähmt. Mit dem Stolze eines Granden, der den tiefen Schmerz anderen gegenüber nicht zu erkennen gibt, stieg Don Pedro die Stufen der Veranda hinab, sattelte selbst sein bestes Vollblut und verbot, seine Tochter Angelita=Felina zu wecken. Dann schwang er sich wortlos in den Sattel, drückte dem Tiere die großen Radsporen in die Weichen, daß es hoch aufbäumte, und in wildem Caracho preschte er nach San Ignacio, der Estancia seines Schwiegersohnes Juan Pablo Gonzales, der sich erst vor Monden mit Inez, der reichsten und anmutigsten„Mädchender Er überlegte.„Wissen Sie was, Fräulein(Inez, reichsten und anmutigsten MädchGehring? vier in der nahe ist eine Tourüten= blüte im ganzen Lerritorium, vermahlt hatte.