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fessor Schweichard blickte mit tränenden gen auf die Blätter in seiner zitternden Hand: Die Analysen des neuen Heilmittels lagen vor ihm. Der Entdecker war wahnsinnig gewor­den; aber sein letzter klarer Gedanke hatte den Analysen gegolten, sie der Menschheit zu ret­ten.

Ein Damenduell

Eine Rokokogeschichte von A. Iwars.

Die Vicomtesse Harcourt und die Gräfin La Roche= Guyon saßen im Vorzimmer ihrer Kö­niglichen Hoheit, der Herzogin Berry, und spielten Schach. Die Herzogin hatte beide Eh­rendamen gebeten, ihre Rückkehr vom Lever der Königin abzuwarten. Die Gräfin wie die Vicomtesse galten als Rivalinnen in der Schön­heit, im Geist, in der Liebe. Der Chevalier Monbazon, der Apoll am Hofe des vielgelieb­ten Veilchenkönigs Ludwig 15., stand unschlüs­sig zwischen ihnen. Der Chevalier war tapfer, galant, ein Frauensieger, doch blieb er in die­sem Falle der Unterliegende. Seine Unschlüs­sigkeit reizte die beiden Rivalinnen. Jetzt, da sie sich allein gegenüber saßen, wurde das Schachbrett zum Schlachtfeld ihrer Eifersucht. Vicomtesse Harcourt zog ihre Dame, um ein Rössel, das von dem feindlichen Läufer bedroht war, zu decken.

Gräfin La Roche=Guyon lachte und verstärkte den Angriff durch das Vorrücken eines Bauert „Sie wagen die Dame, um den Kavalier zu decken?“ meinte sie spitz.

„Die Dame wagt für den Kavalier mehr als dieser für sie“, lächelte die Vicomtesse.

„Das ist erbärmlicher Bettel um die Brosa­men der Liebe“, zürnte die stolze Gräfin,„eine Dame hoher Geburt, königlichen Geblüts, wird sich nicht so preisgeben.“

"„Gardez!“ sagte die Vicomtesse und griff die Dame ihrer Partnerin mit einem Turm an. „Ihre Dame hat sich preisgegeben.“

„Ein tückischer Angriff aus dem Hinterhalt, wie es echter Adel verschmäht. Sagt man nicht, liebe Vicomtesse, Ihre Großmutter von müt­terlicher Seite sei eine Pächterstochter gewe sen? Da wundert mich Ihr pöbelhaftes Ver­halten nicht.“

Die blauen Augen der Vicomtesse flammten zornig auf.„Man sagt, Ihre Ahne hätte Hein­rich 4. sehr nahe gestanden. Sie sind auf eine Abstammung stolz, Gräfin, die der Pächters­tochter Schande gewesen wäre.“

Wulbleich schnellte die Gräfin aus dem Sef­sel empor und schlug die Gegnerin in das Ge­sicht.„Nimm das für Deine Freiheit, Plebe­jerin! Die geschlagene Wange wird der Che­valier nicht küssen.“

Die Vicomtesse blieb einen Augenblick wie betäubt sitzen. Die unerhörte Beleidigung raubte ihr die Besinnung. Dann griffen ihre weißen vollen Arme über den Tisch in das hoch toupierte Haar der Gräfin. Die schrie auf, der Puder stäubte, und das stolze Lockengebäude sank im Augenblick formlos zusammen. Da öffnete sich die Tür. Ihre Königliche Hoheit, die Herzogin Berry, trat ein. In ihrem Ge­folge Kavaliere und Damen.

Tags darauf sprach ganz Versailles von zwei Damen, die sich wie Küchenmädchen um die Gunst eines Kavaliers gerauft. Man lachte und beneidete den Glücklichen.—

Die Sänste der Gräfin La Roche=Guyon hielt vor dem Palais Harcourt. Die Gräfin befahl dem sie empfangenden Haushofmeister, sie der Vicomtesse zu melden, da sie um eine Unterre­dung ersuche.

Die Vicomtesse empfing den unerwarteten Besuch erstaunt, mit Zeichen entschiedenster Ab­wehr. Harte Entschlossenheit prägte das Ge­sicht der Gräfin.„Ihr Erstaunen sagt mir, Vi­comtesse, deutlich, daß Sie mich in Ihrem Hause nie zu sehen erwarteten.“

Die Vicomtesse erwiderte kühl:„Ich staune über Ihre Kühnheit, Gräfin.“—„Die will ich Ihnen beweisen. Wir sind zum Hohn des Ho ses geworden, Vicomtesse. Man singt Spottlie­der auf uns. Des Königs Ungnade droht uns. man wird uns in der Gesellschaft unmöglich machen."

„Nicht rreine Schuld, Gräsin.“ Die Vicom­tesse zog die seine Stirne in Falten.„Sie ha­ben mit den Beleidigungen begonnen.“

„Dafür biete und fordere ich Genuatuung. Wir können das Geschwätz nicht zum Schwei­gen bringen, wir können ihm aber anderer Inhalt geben. Eine von uns muß sterben, Vi­comtesse."

Die Angeredete überlief ein leiser Schauer. „Was sagen Sie, Gräfin, wie meinen Sie das?“ „Wir werden uns schlagen, bis eine am Platze bleibt.“

„Das ist doch verboten, Gräfin. Göttliche und menschliche Gesetze verbieten den Zweikampf.“

„Kein Gesetz Frankreichs verbietet das Frauenduell Mit Gott müssen wir uns abfin­den. Adeliges Blut verträgt keine Schmach.“ Dunkle Glut überflutete das bleiche Gesicht der Vicomtesse. Sie hob die Hand.„Genug. Gräfin. Ich bin bereit. Tag und Waffen, Ort und Stunde zu bestimmen, stelle ich Ihnen an­heim. Nehmen wir Zeugen.“

„Nein. Allein wollen wir uns vor Gottes Antlitz treffen. Morgen um nenn Uhr früh zu Pferde im Walde von Saint Germain. Allee des Violettes. Pistolen und Degen bringe ich mit.“

Die Gräfin streckte ihre Hand aus, in die. zur Bekräftigung, der Vereinbarung, die Vi­comtesse einschlug. Als sie ihre Finger in die Hand der Gegnerin legte, fühlte sie wieder ei­ige Schauer ihre Glieder durchrieseln. Die Bräfin bemerkte es, lächelnder Hohn zuckte iber ihr kühngeschnittenes Gesicht.

Wenn sie daran gezweifelt hatte, daß sich die Licomtesse am Rendezvousplatze einfinden verde. mußte sie diese Zweifel als unbegrün­det erkennen. Wie sie am nächsten Morgen in die Allee des Violettes einbog, kam ihr auch chon die Vicomtesse im kurzen Galopp entge­zen. Sie zügelte das Pferd und glitt aus dem Sattel.

Auch die Gräfin stieg ab. Dann schnallte sie in langes Lederetui vom Sattel und zog zwei 5linkende Stoßklingen hervor, die sie der Geg­nerin zur Wahl anbot.

„Sie sind gleich lang, haarscharf und spitz. Wöhlen Sie, Vicomtesse.“

Die Vicomtesse lehnte an einem Baum, als bedürfe sie einer Stütze. Sie zuckte reicht zu­sammen und wies mit einer Handbewenung die Waffen zurück.„Zuerst die Pistolen, Gräfin,“ sagte sie tonlos.

Die Gräfin entnahm den Satteltaschen zwei schön oamaszierte, mit Silber beschlagene Pistolen.„Sie sind geladen. Vicomtesse. Pul­ver ist auf der Pfanne. Wählen Sie.“ Ohne hin zu sehen, nahm die Vicomtesse eine der Waffen. Die Hähne knackten.

„Wir gehen fünf SFritte zurück, drehen uns em und feuern gleichzeitig,“ kommandierte die Gräfin.

Ihre Gegnerin nickte und folgte der Wei­sung. Jetzt standen sich die Duellantinnen ge­genüber, die Gräfin hob die Hand, der Schuß schmetterte scharf durch den Wald.

Die Vicomtesse stand unverletzt.„Du"o#l#t nicht töten.“ stammelte sie leise, hob die Pistoie und schoß in die Luft.

„Das gilt nicht!“ rief die Gräfin.„Zu den Degen. Vicomtesse. z den Degen!" Die Viecm­tesse stieß einen leisen Schrei aus. Bei den Pferden stand. auf den Degener'ff gesteitz“, den Federhut in der Hand, der Chevalier Mont­bazon.

Sein Gesicht war ernst. Sein Blick sprach Bewunderung.„Es ist genua. Gräfin! Die Picomtesse ist eine Hel in. voll Mut und Gdel­sinn. Ich küsse ihre Hände in liebender An­dacht.“

Er schritt auf die Vicomtesse zu, igte das Knie und zog die schlanken feinen Finger an seine Lippen. Finster grollerd stand die Grä­fin. Dann lachte sie hell. aber etwas unfrei, auf.„Das Heldengedicht hat sich zum Schäfer­spiel verkehrt. Damon und Cloe! Und ich habe es in Szene gesetzt. Wo bbleibt nun mein Dank. Chevalier?" Montbazon erhob sich. Modame. ich schäme mich meiner Rolle in dem Possenspiel, das Sie arrangierten. Jetzt danke ich Ihnen, ich habe die Seele der Vicomtasse erkannt. Sie ist so heilig und hoch, daß ich ihr dienen will mein Leben lang.“

Er wandte sich der Vicomtesse zu.„Die Pstolen waren blind geladen. die Tegen stumpf. Die Gräfin wollte Ihren Mut er­proben ohne eigene Gefährdung!“

Die Vicomtesse drückte verlegen den Kopf an seine Schulter und reichte der unterlegenen Gegnerin die Hand.„Wenn ich es aber ge­stehen soll, ich habe mich doch gefürchtet.“

—2—

Der Zauberkreis

Satire von L. Sajanski.

(Berecht. Uebertragung aus dem Russischen von H. Liedtke.)

Im Monat Dezember entwickelte der neu ernannte Vorsitzende der„Abordnung für den Kampf mit der Waldvernichtung im Gediet der Sakataisk“, ein tatkräftiger, kahlköpfiger und überaus stattlicher Mann. vor den Mit­gliedern der Abordnung sein Programm. „Werte Genossen! Nach Prüfung des Sach­vorhalts stelle ich fest, daß im Walde gerodet wird. Ueberall liegen die Späne. Mein Vor­

gänger vermochte dem Uebel nicht zu steueen, weil er leider systemlos gearbeitet hat. Plan­mäßig muß vorgegangen werden. Wir müssen uns vom Staube der Bürostube befreien, um das rückständige Dorf zu verstehen. Auch bei dem Kleinbauern bildet sich die Moral nach den Lebensbedingungen. Kennt Ihr die Säuer­lichen Nöte nicht, so soll es Euch schwer wer­den, die Triebjeder der Waldzerstörung heraus zu finden und ihr entgegen zu wirken. Also erste Aufgabe ist die Erforschung des Bauern. Ich schlage ein Enquete vor, zu dem Zwecke. alle Ursachen des Waldfrevels aufzudecken. Schicken wir Fragebogen an jedermann, an alle Schulzes und Müllecs, in jeder Hütte.“ „Sehr gut,“ äußerte der gewandte Sekretär „nur ist unser Papiervorrat nahezu erschöpft.“ „Daran liegt es? Bestellen Sie, so viel wir brauchen, in der Papierfabrik. Glücklicherweise haben wir sie ganz in der Nähe. Und da be­sommen wir die Ware auch billiger.“

In einigen Tagen war die„Enquete“ ausge­arbeitet und versendet. Sie umfaßte genau vierzig schlau ersonnene Fragen. Der Erfolg chien den Mitgliedern der Abordnung nicht zweiselhaft; sie wischten sich den Schweiß von der Stirn und gaben sich im Warten auf die verlangten Antworten der Erholung=hin. dem Empfang der Tagegelder.

Das Treiben im Walde nahm seinen Fort­gang. Nächtlicherweile hörte man vielseitiges Echo von Beilhieben der Holzdiebe und das Knarren von Holzwagen.—

*

Im Monat Mai erhielt die Abordnung einen jeuen Vorsitzenden, einen tatkräftigen, stattlich zussehenden Mann mit lockigem Haupthaar.

„Werte Genossen!“ sprach er.„Ich stelle fest, daß im Welde gerodet wird. Der Frevel wur­zelt in der Moral der Bevölkerung. Es muß twas getan werden.“

„Wir haben schon gehandelt", warf der Se­kretär ein.

„Zu wenig. War das eine richtige Enquete? Nit lumpigen vierzig Fragen wollt Ihr hinter die Wahrheit kommen? Genossen, seid nicht so aul wie die Bauern! Mehr Fragen! Die En­guete ergänzen!"

Genaue 80 kluge, wohl überlegte, auf alle formen des ländlichen Lebens eingehende fragen wurden ausgedacht, die Fragebogen ge­druckt und versandt.

Das nächtliche Treiben im Walde nahm sei­ien Fortgang.—

Im heißen Monat August wurde ein neuer vorsitzender bestellt, ein tatkräftiger blonder Mann.

Er tadelte die Unzulänglichkeit der angestell­en Enquete mit scherfen Worten. bewilligte je­den Kredit für die Papierbeschaffung und ließ 15 Fragen drucken, wodurc Auskunft über die Ursache der Waldzerstörung erzwungen verden sollt2.

Das nächtliche Treiben im Walde nahm sei­nen Fortgang.

Auch die Zahlung der Tagegelder.—

Im Dezember wieder Vorstandswechsel. Der neue Vorsitzende, ein tatkräftiger, brünetter Mann, forderte tieferes Eindringen in die Masse des Volkes.

230 Fragen.

Das Treiben im Walde ging weiter.

Auch der Bezug der Tagegelder.—

Eines schönes Tages ratterte auf den holpri­zen Wegen ein Korbwagen durch die Gegend, der einen Mann aus der Stadt beförderte. Der keisende blickte auf die kahle Landschaft und ieb sich verwundert die Augen.

„Brüderchen“, sagte er endlich, zum Kutscher zewendet,„hier standen doch einmal Wälder? Ich habe sie, meine ich, gesehen, als ich vor einigen Jahren auf einer Geschäftsreise durchfuhr. Hat nan etwa die ganzen Wälder ausgerodet?“

„Ic) stelle fest," erklärte der Kutscher, ein themaliger Kleinbauer,„daß alles Holzleinge­schlagen und unter der Hand verkauft worden ist.....“

„Aber wo haben die Leute das viele Holz

lassen können?“

— Der Kutscher schmunzelte.„In der Papierfabrik. In der Fabrik war damals eine Riesennachfrage nach Papier. Da brauchten ie Holz. Fast alle Bauern der Gegend haben ihr Holz gebracht und davon jahrelang gelebt. Ja, vordem gab es hier Wälder.. Ich stelle fest, daß sie futsch sind.“

Und er hieb mit der Peitsche.

Natürlich auf die Pferde.

Verantwortlich: H. Semmelmann, Altena. Druck und Verlag: Dr C. Santz. Aitena.

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Beilage zum Altenaer Kreisblatt zugleich Neuenrader Zeitung

Nr. 0

Samstag, 2. März

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Die letzte Fahrt

Skizze von Otto Knab=Starberg.

Jedesmal, wenn Klaus Arndt über den Domplatz zum Bahnhof hinüber schritt, kam er sich so unendlich klein gegen den Kölner Dom­rie#en vor, daß in den zwölf Jahren fast eine Abneigung gegen das Bauwerk in ihm entstan­den war.— Die Glocken läuteten zur Sonn­tagsvesper. Klaus wollte eben zur Diensthalle einbiegen, da fiel ihm ein Knäuel von Men­schen auf, die sich aufgeregt um eine Tele­grammtasel drängten. Er hob seine gedrungene Gestalt über die unverständlich murrenden Köpfe: da— hart wendete er und schritt mit ausstoßenden Tritten weiter. Bahnkatastrorhe ## nur das eine Wort hatte er celesen und— 18 Tote. Bleich, mit gestrafften Zügen im kno­choen Gesicht trat er in die Dienststube und meddete sich. Warm mußte gerade er heute den Hollandzeg fohren! Ein raar Blätter nahm er in Empfang. die ihm der Beamte mit einem langen. eigentümlichen Blick übergab.„Acht­zehn Tote". flüsterte Klaus Arndt und soh ver­loren seinem Vorgesetzten in die Argen. Aber darin bemerkte er nicht das Mitgefühl eines Menschen. sondern nur eine Strecke vor sich und den Dammbau und die Brücke und wieder den Bau und darwischen immer die wütend tanzerden Buchstahen K—0—t—0————0 ——h—e.„Sie sühlen sich dech wohl?“ hörte er eine Stimme neben sich, dann seine eigene schmale Antwort und mieder die andere Stim­me:„Also Glück auf. Arndt!“ A's er die Tür hinter sich schloß. schlug die große Domglocke zum letzten Mal wuchtend aus, dreimal, vier­mal.

Dann stand er an der Maschine. Die dampfte wie ein Vierd, das von der Rennbahn kommt. Arndts Blick glitt über die mächtigen glänzen­den Flanken seiner„Hex“, wie er sie nannte. Der Heizer trat zu ihm. Sie sahen sich an. „Das V'orte in dem Monat“, sagte trocken der rußige Mann mit dem kahsen Schödel.„Wie­der achtzehn Tote“, murmelte der Führer zwi­schen den Zähnen. Der holländische Maschinist der den Zig bis Köln gebracht hatte, verch­schiedete sich mit einem Händsdruck, Arnd: prüfte mit der Oelkanne in der Hand nochmals seine„Her", als ein noch junger stömmiger Mensch auf ihn zutrat:„Na. Führer. bringen Sie mich gut heim!“ Damit drehte er sich cerf dem Absatz um, ging einen Schritt, schaute wie­der zurück in des bleiche Knochengesicht mit dem herunter hängenden grauen Schneirrkart und dem spärlichen Haar. Da sahen ihn zwei flackernde Argen an, so als sähen sie durch ihn hindurch, daß er sich ärgerlich auf die Livxen biß. Er hätte das nicht##en sollen, er hatte nicht an das Urglück ardacht.— Leer war jetzt der Bahnsteig. Wie mit verhaltener Wut sauch­te die Maschine aus der Halle.

Allein in einem Abteil zweiter Klasse schritt der junge Mensch geif und ab. Himmel, wie es wohl daheim aussehen mag bei der Mutter! Ob sie wohl noch immer bei Geheimrats zum Waschen gebt?— Ach nein, die Alten werden längst tot sein. Und ob sie noch immer die Zei­tung zu den Leuten trägt? Ja. irgerd etwas wird sie tun. Die dürre kleine Frau hat immer zu arbeiten gefunden. Er muß lächeln, in lie­ber Erinnerung, wenn er an sie denkt. Er hat sie eigentlich immer mehr für ein Mädel als für seine Mutter gehalten. Sogar noch, wie er ihr durchgebronnt ist als kaum Fünfzehnjähri­ger. Damals heulte er sicher genau soviel wie sie daheim. Aber er konnte es nicht mehr mit ansehen, wie sie darbte und schaffte, um für Zwei sich abzurackern, wo sie es doch kaum für sich allein fertig brachte. Und ob er wohl den schwarzen Kerl wicder findet, um den die Mutter so oft geweint hat? Der wird jetzt auch ein Mensch mit grauen Haaren sein. Ja richtia und auch Mutter ist sicher alt. Aber sie lebt noch, das weiß er sicher, das spürt er. Er hat damals nie begriffen, warum der schwarze Kerl, zu dem er Vater hat sagen müssen, das

Mutterle nicht geheiratet hat. Wie das wohl alles geworden ist? Im Abteil sind die Lichter an gestammt. Er zieht den Schirm vor die Lampe, will schlafen. Aber das kann er nicht, lletzt nicht, wo er nach fast zwanzig Jahren wie­der der Heimat entgegen fährt. Und da wird im Rhythinus der Fahrt eine andere Behnfehrt vor zwanzig Jecen lebendig, wie er als Bub unter dem Wagen liegend zwischen den Rä­dern und den Schienen von München nach Hamburg gefahren ist. Er weiß heute nicht mehr, wie er es fertig gebracht hat. Ach ja. ind dann— da gab es Püffe und Fußtritte. aber dazwischen auch ein Stück Wirst aufs Brot. Und Glück hat er gehabt. Und er freut sich noch jetzt über seine ersten Prügel auf dem Fischdamxser, auf dem er schließlich doch seine Schiffsjungenlaufbehn begonnen. Schiffsjunge. Matrose. Meat. Steuermann. Kapitän und heute Reeder. Das war ein Weg!—

Klaus Arndt lehnt sich gekrampft zum Füh­verstand hinaus. In der Hand hält er noch den Zettel. der ihm die Umleitungsroute vor­schreibt, damit er nicht die Unfallstelle passie­ven muiß, das kleine Nest, in dem jetzt achtzehn Tote liegen. Wieviel sind wohl darunter, die auch in Gedanken gebettelt heben mögen: „Bringen Sie mich gut heim!" Der Junge mit dem verwitterten Gesicht hat das so warm zu hm gesagt. Gmmer wieder reißt er seine Ge­sanken los vom Sinnieren, bohrt seinen Blick dem Scheinwerferlicht nach. Tut einen Griff em Führerstand. einen Blick auf die Meßin­strumente, sinniert wieder und horcht auf den Pulsschlag seiner„Hex" urd auf die Mesodie der Schienen. Jetzt wird gleich die Stelle kom­men, wo gestern nacht das große Unwetter giederging. Zitterrd dimmert es in einem lschmalen Streifen weit draeißen om Horizont Da befällt ihn mit einem Mal ein klammern­des Gefühl der Unsicherheit, als ob die Melo­die der Schienen nicht mehr gleichmäßig schwinge! Seinem Heizer brüllt er es zu. Der horcht mit. Arrdt greift an den Hebel. langsa­ner wird die Fehrt. In der Ferne liegt ein weißer Nebel über dem Beden. Behutsam ta­stet sich der Zeg weiter ins Morgengrauen Aus dem Nebelweiß lösen sich Fetzen. Klaus Arndt steht kalter Schweiß um: Stirn und Mund Sind das nicht zersetzte Menschenlei­her. Menschenköpfe? Ist da nicht ein braunes Besicht, das ihm entgegen schreit:„Bring mich gut heim!“. Und tanzen darum nicht Zahlen. Zahlen. und schreien die Räder nicht achtzehn...—0— — Tote? Arndt greift in die Hebel, reißt, drückt, die Maschine stöhnt angstvoll auf. Nun #leiten sie über den Nebelfleck. Der zerteilt sich. Wasser sockt unter ihm. Spiegelrdes blitzendes Wasser. wo doch sonst Rasen stand Der Heizer schreit:„Ueberschwemmt“.—„Un­terspült", denkt der Führer... Indes kriecht der Zug ächzend über die Stelle dem Wald zu. Und wie er ihn erreicht, mit dumpfem Brül­l'en die Maschine die Steigung nimmt, fährt sich Klaus Arndt mit steifen Fingern durch das feuchte Haar. Das ist jetzt weiß. Der Heizer denkt, er spreche ein Stoßgebet, wie er den Führer murmeln sieht. Der stammelt vor sich hin:„Ich bring dich heim.“—

Auf der Polizeidirektion München hat man dem Reeder Niklas Franz bedeutet, die gebo­rene Elisabeth Franz sei seit 16 Johren verhei­ratet mit dem Lokomotivführer Klaus Arndt. Dessen Dienstort könne er am besten auf der Bahn erfahren.— So steht jetzt der junge Mann im Dienstzimmer der Bahninspektion. nach dem Aufenthaltsort Klaus Arndts zu fra­gen. Nach kurzem Suchen in der Kartotbek wird ihm Bescheid:„Angestellt bei der Reichs­bahndirektion Köln.“— Also noch nicht da­heim, denkt der Besucher. Da sagt ihm der Be­amte plötzlich:„Uebrigens ist er augenblicklich n München, wenn Sie ihn zu sprechen wün­schen; er hat den Hollandzug heute nacht ge­fahren.“ Dann war ja— die hohe Glastür schiebt sich langsam auf ein Knochengesicht mit

weißem Haar und grauem Knebelbart. Der Mann hat einen großen Brief in Händen:„Sie sind Klaus Arndt?“ Der Alte nickt.—„Va­ter!“ schreit da der Junge, packt ihn an den Schultern und schaut ihm leuchtenden Auges ins greis gewordene Gesicht.„Du, Du hast mich heim gebracht.“ Der Alte starrt den Jungen lange an, dann wird sein Mund zu einem gu­ten Lächeln, er deutet auf den Brief und sagt: „Es war meine letzte Fahrt. Komm mit zur Mutter."

—1•.—

Wie die Alten sungen...

Erzählung von der Wasserkante von Ernst Römer=Kiel.

Bei Jensens war Großreinemachen. Da stand er überall im Wege, der Peter. Mutter jagte ihn aus der Küche, in den Stuben machten sich seine großen Schwestern zu schaffen. Nein, jetzt könnte er nicht hinein.

„Is ja zu doll mit Euch!“ schrie der kleine Mann mit'der Nase an der Türritze.„Wo soll ich denn bleiben?" Er ratterte an der Klinke.

„Du— nicht unartig werden, wenn wir Vaters Geburtstaa herrichten". warnte Elsbeth von drinnen.„Geh' bis zum Dsterwerden auf die Straße, spiel mit Hannes Wulf.“

„Hannes darf nicht mehr'runter. Ich hab' ihm doch schon vorhln geflötet", beharrte Pe­ter.

„Oder lauf mal zum Hafen hin“ ham es aus der Küche.„Vielleicht bringt Vater einen Damp'er von See rauf. Kannst ihm winken.“ Die Mädchen lachten.

„Aber nicht zu lange weobleiben, hörst Du wohl? Klock fünf bist Du wieder hier!“

Der Junge langte sich die Mütze vom Haken. „Is gut, Mutter.“ Und in derben Schuhen polterte er die Treppe hinunter.

Frau Jensen wandte sich wieder ihrer Ar­beit zu. Ueber den Bewegungen ihrer groben. etwas hageren Gestalt lag jenes sinnig Ver­haltene, das der niedersächsischen Rasse eignet. Um den herben Mund ging ein Zug. wie ihn Menschen aufweisen, die viel allein sind, viel vor sich hindenken. Ihr Mann war Lotse. See­lotse. Er kreuzte gewöhnlich mit dem Lotsen­dampfer zwischen den Feuerschiffen, die in der Elbmündung lagen. bis die Belegschaft an die ein= und auslaufenden Schiffe abgegeben war. Wenn er Glück hatte. konnte er so nach zehn, zwölf Tagen mal nach Haus kommen. Wäre ja schön, wenn es morgen zu seinem Geburts­tag etwas würde. Kam eben darauf an, wie­viel Verkehr es draußen gab.

Peter Jensen stand am Kai und schaute nach den großen Dampfern aus. Die rotgefrorenen Fäuste in die Hosentaschen gebohrt, daß sie sich stramm nach außen beulten, die Winter­nütze über den runden Flachskopf gezogen. so stand er trampelnd da und heftete seine geüb­ten Jungensaugen auf die mächtig gebreitete Fläche, wo der Strom im Meere aufging, wo er seiner natürlichen Aufgabe genügt hat, wo er die schwimmenden Sendboten unseres Va­terlandes an die Nordsee abgibt. Aber dieses Meer ist mit nichten die nördliche Begrenzung unseres Landes. Mit dem Deck eines deutschen Schiffes hat man zugleich deutschen Boden unter seinen Füßen.

Das alles dachte Peter nicht. Er stand mit seinen elfjährigen Beinen in der Landschaft, aus der er stammte. Also wollte er Lotse wer­den wie sein Vater. Solch noch unbewußter Zielstrebigkeit galt jeder Tag. den er lebte; sie sprach vernehmlich aus den blank gescheuerten Augen, die schon sehr ernsthaft aufs Tätige ge­richtet waren.

Da kommt wieder ein großer Dampfer die Elbe herauf! Weißer Schornstein mit rotem Top. Junge, Junge, wenn da der Vater an Bord wäre! Könnte doch sein. Sein Vater be­kam immer die größten Dampfer zu lotsen.

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