Rechtsdrehung 90°Linksdrehung 90° 
  
  
  
  
  
 
Einzelbild herunterladen

ton, bei Voltaire, Charles 8., Friedrich dem Großen und Byron festzustellen, während man an allen Napoleonbildern deutlich erkennen könne, daß dieser französische Kaiser sein Haupt stets nach der rechten Seite geneigt hielt.

Aber Balzacs unerbittliche Kritik, die z. B. auch die slawischen Rasseeigentümlichkeiten aus einer bei diesen Völkern eingewohnter. demütigen und geneigten Haltung zu erken­nen glaubt, analysiert schließlich selbst die Kopfhaltung eines Robespierres, der, en face betrachtet, stets eine schiefe Kopfhaltung auf­weise, was auf einen gewaltsamen und uner bittlichen Charakter schließen lasse. Dantor. und Mirabeau hielten ihr Kinn ständig in die Luft vorgestreckt. Menschen von schwachem und wankelmütigem Charakter tragen ihren Kopf stets etwas gesenkt, sagt Balzac, und das macht sie so unelegant und versetzt ihre Schnei­der oder, wo es sich um Frauen handelt, ihre Schneiderinnen und Putzmacherinnen in die unniögliche Lage, diese Leute zufriedenstellen zu können.

Haltung ist Anmut und Anmut ist Kultur.

Li.

Der weiche Hut

Die steise Hutform will uns gar nicht mehr recht gefallen. Wir lieben es, weichen Filz, Jy.inderplüsch, Pelz als Material des Tages­hutes zu verwenden, während dem Abendhut noch schmiegsameres Material dient: Brokat=, Gold= und Silberlamé, silberdurchwirkter Jer­sey, Goldband und weißer Samt.

Der Hut soll sich dem Kopf anschmiegen, am Abend Haube oder Turban sein, am Tage praktische, windfeste Kappe. Wenige Ausnah­mnen sieht man. So neue, ziemlich steif wir­bende Modelle aus Leder oder Lederband, die aber im Tragen ebenfalls leicht und schmieg­sam sind.

Am Nachmittag trägt man nicht jenes ganz schlichte Laufhütchen, das zum einfachen Vor­mittagssportkieid so ausgezeichnet paßt. Der Nochmittag will Uebergang, Brücke zum luxu­riösen Abendgewand sein, darum gestattet und verlangt er auch den garnierten Hut. Die Gar­nitur des Hutes richtet sich nach seinem Ma­terial. Und das Material des Hutes richtet sich wiederum nach dem des Mantels oder Kleides. Die Mode legt nämlich immer mehr Wert aus Einheitlichkeit und Uebereinstim mung. Hut, Handschuhe, Mantel, Kleid, Schal Pelz. Strumpf, Schuh, Schirm, Handtasche— allts bildet ein Ganzes, das mindestens in der Farbe gut zueinander passen muß. Der ge­schulte Geschmack verlangt aber auch eine Uebrreinstimmung des Stils und des Mate­riche

So trägt die elegante Frau zum Pelzmante! eine Pelzkappe aus passendem Material oder wenigstens einen Zylinderplüschhut mit Pelz­garnierung.

Der Hut„nach Maß“, eigens für eine be­stimmte Trägerin angefertigt, wird durch die die= jährige Mode immer beliebter und not­wendiger. Und daher wird sich auch manche Frau ihre Hüte selbst herstellen und garnierei. um sie zum Mantel passend zu bekommen, ohne allzuviel Geld für teure Modelle ausge­den zu müssen.

Da die Kleider am Abend sehr prunkvoll ge­tragen werden, ist der Abendhut entsprechend elegant. Er besteht aus schimmerndem oder glänzendem Material und ist mit Reihern— großen Paradiesreihern— und glyzerinisier ten Straußfedern überladen. Die Abendkappe zum großen Abendkleid besteht— ähnlich wie die in einem vergangenen Jahrhundert be­liebte Calotte— aus goldenem oder silbernem Filigran, aus metallischem Band oder in ägyp. tischer Form mit ägyptischen Stickereimotiven. Applikationen aus Silber= und Goldschnur. Perlen und Pailetten bilden den reichen Schmuck. Dolores.

Wo gibtesschon Ehezeugnisse?

In Chile, Argentinien und in einigen Staa­ten der Union muß bei jedem Eheaufgebot von beiden Seiten bereits ein ärztliches Gesund­heitsattest beigebracht werden. In den skandi­navischen Ländern müssen alle Personen. die geschlechtskrank waren, vor ihrer Eheschlie­ßung ein Ehezeugnis beibringen. In Frank reich ist ein ähnlicher Gesetzentwurf eingebrach worden, der in der nächsten Parlamentssession

zur Beratung stehen wird. In Deutschland kann man sich zur Einführung derartiger Zeugnisse noch immer nicht entschließen, weil auch viel dagegen spricht. Man sagt sich nicht mit Unrecht, daß da, wo ein Zwang besteht, sogleich die Umgehung des Gesetzes bezw.

Schiebungen und Unrechtmäßigkeiten Platz reisen würden, und die Gegner der Ehezeug­nisse führen hierbei die Auswirkungen des imerikanischen Prohibitionsgesetzee ins Tref 'en, das das Trinken nicht abschaffte, sonderr lediglich die Kriminalität erhöhte.

—2—

Keine Rose ohne Dornen

Wenn ein Mädchen so hübsch ist wie Miß kose Pollock aus Oakland(Kalifornien), so darf es trotz der Männerknappheit etwas wäh. terisch sein. Die schöne Rose war aber doch etwas zu anspruchsvoll in Bezug auf die män. lichen Reize ihres Zukünftigen. Einst gab sic einem gut aussehenden jungen Mann berech tigte Hoffnung, doch plötzlich wurde sie ande­ren Sinnes und verklagte ihren enttäuschten Seladon auf Zahlung von zehntausend Dollar Schadenersatz, weil er ihr einen Kuß geraubt hatte, ohne ihr Jawort zu besitzen. Kurz da­nach spielte ihr ihre Laune wieder einer Streich, und sie verlor den zweiten Bräutigam. Den dritten ließ sie bald nachher vor dem Al­tar umsonst warten. Nun wollte es Miß Pol lock mit dem Vierten versuchen. Also wandt. sie sich an ein Heiratsbüro und bat dieses, die Bekanntschaft mit einem stattlichen jungen Mann zu vermitteln. Das Büro entledigte sich seiner Aufgabe mit lobenswertem Eifer, und bald danach verlobte sich Miß Rose schriftlich, mit Wilhelm Wendschlag aus Lodi. Als sich aber der Bräutigam eine Woche später in höchst eigener Person vorstellte, sah sie ihn nur mit einem Blick von oben bis unten an, sagte „Nein!“ und warf ihm die Tür vor der Nase zu. Wilhelm trollte sich mit wenig geistreichen Gesicht. Bald danach erschien er aber wiede: vor der Tür seiner Braut und bat um Einlaß Das Türknallen war dieses Mal noch etwas lauter und deutlicher. Jetzt ließ Wilhelm aber nicht locker und trommelte Sturm:„Teuerstc Kose, ich will Dich heiraten.“ Niemand ant­wortete. Dafür ächzte nach wenigen Minuten ein Schutzmann die Treppe herauf:„So, Sie sind ein Krakehler, um dessen Verhaftung tele­phonisch gebeten wurde? Kommen Sie mit zum Polizeirichter.“ Wilhelm trabte mit und sah sich eine Stunde später wegen Hausfrie­densbruchs zu neunzig Tagen Haft mit Be währungsfrist verdonnert. Doch auch dieser Schicksalsschlag vermochte seine heiße Liebe nicht abzukühlen. Kurz danach erschien er nämlich mit dem erforderlichen Standesbeam­ten bei Miß Rose:„So, jetzt wird geheiratet! Verstanden?" Rose wollte nicht. Da schluc Wilhelm einen fürchterlichen Krach. Die hart näckige junge Dame flüchtete ans Telephon und ehe der wildgewordene Wilhelm sich be sann, hatte ihn wieder ein Schutzmenn an. Kragen. Nun sitzt der bartnäckige Liebhabe: im Arrest und brummt seine neunzig Tage ab.

Die Pistole auf dem Damenhut.

Nächst den Amerikanerinnen leisten die Pa riser Damen im Ersinnen von Modetorheiten am meisten. Sie haben auch vor kurzem die Mode von der Pistole auf dem Hut„kreiert“. Eine besonders geistreiche Evastochter war wohl der Ansicht, daß den Damen von Paris der Stadt der schußbereiten Ehefrauen und Bräute, kein Schmuck besser zu Gesicht steher. würde. Also ließ sie sich von einem Gold schmied ein silbernes Pistölchen anfertigen— harmlos freilich, doch höchst naturgetreu nach­zeahmt—, ging damit zu ihrer Putzmacherin. und bestellte die dazu passende Kappe. Diese wurde prompt geliefert, Madame gefiel sich ausgezeichnet darin und führte ihre neue Er findung vor den bewundernden Augen ihrer Landsleute spazieren. Die neue Mode wird nicht verfehlen, Furore zu machen, und alle Pariserinnen werden nun sicherlich ihre Pistoic auf dem Kopf tragen. Immerhin weit men­schenfreundlicher als in Handtäschchen. Wenig­stens im Interesse der Männerwelt.

Klub der schönen Rebhühner.

Eine Anzahl gelstreicher Pariserinnen hat es endlich herausgesunden, warum der Herr der Schöpsung eben der Herr ist. Seine Ueber­legenheit beruht in erster Linie auf der Ver­feinerung seines Gaumens. Bei dieser Er­kenntnis blieben die klugen Damen jedoch nicht stehen. sondern sie sannen sofort auf Mittel und Wege, sie zu verwerten. Es kommt ihrer Ansicht nach eben darauf an, auch den eigenen

Gaumen zu verfeinern. um besten schmecht

es in der Gesellschaft Gleichgesinnter, aiso gründete man einen Klub, zu dem nur Frauen zugelassen werden und dessen Zweck es ist, seine Mitglieder einmal monatlich an aus­erlesener Tafel zu vereinigen. Für die Tisch­unterhaltung bestehen strenge Vorschriften; Politik, Wirtschaft und Kunst sind verpönt, bevorzugt werden Anekdoten, wie sie sich die Herren erzählen, wenn sie bei einer guten Zigarre unter sich sind. Merkwürdig is auch der Name der Vereinigung: Klub der: schönen. Rebhühner. Die Erklärung für die Wahl die­se Bezeichnung verrät echte Frauenlogik. Die Mitglieder des Klubs glauben es sich moderne Frauen schuldig zu sein, alles auf den Kopf zu stellen. Weil nun im allgemeinen Rebhühner verspeist werden, bezeichnen sich die Damen als solche. nicht weil sie verzehrt, werden— daß ab und zu mal einer anbeißt. dürfte ihnen allerdings kaum unangenehm sein— sondern weil sie selbst Rebhühner ver­zehren wallen. An Geist fehlt es allo diesen lustigen Weibern nicht, wenns auch der Geist nur ist, der stets verneint.

Das Skeleit im Kleiderschrank.

„There is a skeleton in the closet",(„Da-gibt es ein Skelett im Schrank“) sagt die kaffee­klatschlustige Engländerin zu ihren Freundin­nen, wenn beim Durchhecheln der lieben Ver­wandten und Bekannten irgendwo in einer Familie„ein dunkler Punkt“— welche Fami­lie hätte keinen?— auftaucht. Merkwürdig, daß gerade Frauen trotz der Spinngewebe­feinheit ihrer Nerven sich mit besonderer Vor­liebe dieser grauslichen Redensart häutig be­dienen. Sitzt da in Shanghai schon seit etlichen Jährchen ein englischer Kaufmann namens Joserh Gaines und hat das Unglück, eine ebenso neugierige wie klatschsüchtige Frau ge­heiratet zu haben. Stets wenn sie von dem Fünfuhrtee einr ihre ansässigen Freundinnen. heimkehrt., ist sie geladen mit dem neuesten Klatsch über„dunkle Punkte“ dieser und jener Fomilie. Der bedauernswerte Mister Gaines erhält dann von ihr so viel in fremden Fami­lienschränken spukende Cesperster brühwerm aufgetischt, bis ihm seine nur noch spärlichen Haare zu Verge stehen. Kurz. eines Tages reißt ihm die Geduld. Er verschafft sich heim­lich ein menschliches Skelett, stellt es unbe­merkt in den Kleiderschrank seiner zundenfer­tigen Frau und verschwindet. Sie naht sich ahnungslos der„Schreckensbammer“ and öffnet den Schrank. Zähneklappernd fährt ihr daraus ein Knochenmann entgegen. Die Frau schreit gellend um Hilfe und stürzt ohnmähtig zu Boden. Erschrechte Heuebewohrer eilen her­bei. Miarönestift. Kölnisches Masser und be­ruhigende Worte rusen Frau Gaires wieder ins Leben zurück. Ihr Mann erscheint Ganz

sorgende Liebe und Mitleid. Er tröstet sie lind und bemerkt dann mit feirem Lächeln:„Nun haben auch mir unser Skelett im Schrank.“ seitdem dieser Vorfall bei aslen Fünfuhrtees von Shenahai eingebend erörtert ward, klatscht Mrs. Gaines nicht mehr...

Veyers Modenblatt. Vorzügliche Moden

nach dem Grundsatz: Sparsamkeit, Erschwing­lichkeit, Gediegenheit; Schnittbogen mit allen Modellen. Handerbeit, Unterhaltungs“#, Hauswirtschaft. Alle 14 Tage ein Heft, Preis 50 Pfg. zuzüglich Bestellgeld.

Das neue Daheim(65. Ihg. Nr. 18) zeichnet sich auf den ersten Blick durch die prächtige arbige Wiedergabe von Gemälden alter Mei­ler und neuer Künstler aus. Dem künstleri­chen Bildschmuck treten die Illustrationen der äufsätze„Der Weiße Tod“ von Willy Norbert ind„Kleine Viersener Mannequins“ von Al­sred Freitag würdig zur Seite. Dazu gibt es eine aktuelle Wochenschau im Bild. Die Reihe der textlichen Beiträge eröffnet eine Würdi­jung Alfred E. Brehms anläßlich der 100. Viederkehr des Gebartstages unseres Altmei­sters der Tierschilderung. Prof. Dr. F. Wirth untersucht Anlässe und Gefahren von„Explo­ionen über und unter der Erde.“ K. Bilau schrieb eine Betrachtung der„Großwetterlage nach einer 1400jährigen Statistik“, die eine 1893 in Kalifornien gefällte Sequoja gigantea in ihren Jahresringen aufgezeichnet hat. A. Simonis plardert über die Erlebnisse eines Werkstudenten. Der erzählende Teil des Hef­tes enthält außer einem Abschnitt des neuen Filmromans„Der Vitapalast“ von Hans=Cas­dar von Zobeltitz eine abgeschlossene Novelle von S. Tornwaldt. Das Frauendaheim mit praktischen und modischen Ratschlägen, der Kätselteil, Verse, Anekdoten und Auskünfte vervollständigen den reichen Inhalt.

Verantwortlich: H. Semmelmann, Altena.

Druck und Verlag: Dr. C. Santz, Altena.

Beilage zum Altenaer Kreisblatt zugleich Neuenrader Zeitung

Nr. 5

Altena, den 5. Februar

1929

(Zum 70. Geburtstag am 8. Februar 1929.)

Von Etta Federn= Kohlhaas.

Gabriele Reuter wurde am 8. Fedruar 1859 in ulexandrien in Aegypten als Kind deut­scher Citern geboren. Eine bunte Jugend, reich an Freude und Leid, lehrte sie in jungen Jahren: wechselvolles Schicksal kennen. Sie war früh eine gute Beobachterin, sie urteilte schar; und vermochte es, psychologisch zu den­ken,— das sehen wir aus ihren Lebenserin­nerungen, die sie„Vom Kinde zum Menichen“ nannte. Mit großer Wahrhaftigkeit schildert sie ihre eigene Entwicklung bis zur schrift. stellerischen=Reife, bis zum ersten großen Er­folg. Das Buch erschien 1921 bei S. Fischer in Berlin, wol die meisten Bücher von Gabriele Reuter-herauskamen. Ob es ihr selbst bewußt war, daß sie nicht nur ein persönliches Erinne­rungswerk, daß sie ein kulturhistorisches Denk­mal geschiffen hat?

Es besteht eine starke innere Verwandt­schaft zwischen dem Erinnerungsbuch und dem Buc)„Aus guter Familie“. Und das ist nicht erstaunlich, da beide Werke dasselbe Problem und die gleiche Zeit behandeln. Aber der Ro­man floß unbewußt aus der eigenen inneren Not, und die Schreiberin ahnte nicht, daß er zu einer Kampfschrift, zu einem Entwicklungsfak­tor im Leben des weiblichen Geschlechtes wer­den sollte. Das Echo, das dieses Buch fand, war ihr selbst eine Ueberraschung. Einen lite­rarischen Erfolg hatte sie zu erhoffen gewagt, der kulturhistorische bedeutete ihr ein reines Geschenk. Sie wurde durch dieses Buch zwar nicht eine Frauenschriftstellerin, aber die Schriftstellerin der Frau. Und obwohl ihr der Kampf so ferne lag und in ihrer Natur Dulden und Betrachten so viel stärker begründet waren als das Kämpfen und Auftreten im öffentlichen Leben, so kam sie doch durch ihren ersten Ro­man. ohne es selbst zu wollen, in die Reihen der Frauenbewegung.

Aber sie blieb nicht lange am aktiren Kampf beteiligt. Ihre Sache war es, die Probleme der Frau zu erkennen und zu gestalten. Die ganze Reihe ihrer Romane und Novellen mit wenigen Ausnahmen gibt von der Frauenseele Kenntnis. Und es ist kein Zufall, daß sie einen Novellenband„Frauenseelen“ genannt hat und fast nur Frauennamen als Titel ihrer Erzäh­uungen zu finden sind. Sie alle haben das eine Gemeinsame, daß sie Frauenstoffe mit einer beinahe männlichen Sachlichkeit und Klarheit darstellen, ohne je den weiblichen, fraulichen, mütterlichen Standpunkt zu verleugnen. Denn.

Nütterlichkeit ist der Grundzug von Gabriele Reuters Wesen, nicht nur in ihrem Leben, das ganz von ihrer Mütterl'chkeit beherrscht und erfüllt ist, sondern auch in ihrem ganzen Schaffen.

Aus dieser Mütterlichkeit heraus schrieb sie eines ihrer wichtigsten und bedeutendsten Bü­

cher„Das Tränenhaus“. Eine kleine dörfliche verschwiegene Hebammenanstalt ist mit safti­gem, groteskem Humor dargestellt; und der läßt die Tragik der Schicksale, die sich in die sem Tränenhaus abspielen, um so wirkungs­voller und ergreifender erscheinen. Wieder war es Miterlebtes und Erlittenes neben Beobach­tetem und Erschautem, was diesem Buch seinen Inhalt gab,— und wieder erwies sich die Wir­kung als eine weitere und tiefere, als Gabriele Reuter erhoffen konnte. Das Problem des Mutter= und Kinderscheitzes wurde durch dieses Buch, das nicht eigentlich ein Roman, nicht eine Erzählung genannt werden kann, in ein hel­leres Licht gerückt und zur allgemeinen Er­örterung gestellt. Manche Einrichtungen sind wenn nicht dadurch angeregt, so doch beschleu­nigt worden. Neben dem künstlerischen Wertlbelegen, so wird der Gestaltung ist diese Tatwirkung nicht zu machen. Othellos

chelei und falsche Scham aufzudecken und bloß zustellen wagte, das war mehr als eine litera­rische Tat.

„Das„Problem der Mutterschift, das schor „Frau Burgelin und ihre Söhne".„Frühlings kaumel“ und„Jugend eines Idealisten“ ange regt hatte und auch in den Kriegsroman„Die Herrin“ hinein spielte, dieses Problem ist noch­einmal und ganz modern in dem Roman„Töch­er" behandelt.

Dieser Roman ist so eigenartig, daß es sic. vohl lohnt, die Problemstellung etwas genauer zu betrachten. Es handelt sich um eine Mut ter die in den achtziger und neunziger Jahren selbst Tochter war und die nun erstaunt, er­schrocken, entsetzt, aber niemals hilflos den eltsamen Töchtern unserer Zeit gegenüber teht, diesen Töchtern, die Krieg und Revolu ion, Inslation und Stabilisierung durchmach ten und die durch Not, Entbehrung, Entsager. ljebeshungrig und genußbejahend unendlich aktiv und hemmungslos das Leben aufnehmen. Wenn die Mutter, welche die eigenen Töchter befremdend und erschreckend findet, ihnen trotzdem niemals hilflos gegenüber steht, so ist es, weil die unendlichste mütterliche Liebe ihr mmer wieder einen Weg zu den Kindern bahnt Keine Affenliebe und keine Kluckenliebe, son­dern wahre mütterliche Menschenliebe. Es ist ein tragisches und zugleich ein versöhnliches Buch. vielleicht das versöhnlichste und mildeste, das Gabriele Reuter schrieb, und ein weises Buch, das alle Mütter lesen sollten.

Alle Mütter würden ihr dafür danken und alle Töchter auch. Und daß wir Frauen dieser Frau so viel zu danken haben, das gibt uns die Perechtigung, sie heute, die mit 70 Jahren noch ein arbeitsreiches Leben führt, als die Schriftstellerin der Frau zu begrüßen, als eine psychologische Historikerin der Frau, und ihr und uns noch manches Werk von ihr zu wün­schen.

1.—

Ursachen der Liebe

Von Eva Gräfin von Baudissin.

Manchmal— in unserer von Gegensätzen erküllten Zeit— bildet man sich ein die Liebe spielt heutzutage nur eine zweite oder gar noch eine nebensächlichere Rolle. Es scheint, als sei die Jugend den Gefühlen überlegen. „Wenn ich überhaupt mal heirate, will ich in beste Verhältnisse kommen— oder jeden alls nicht mehr mitzuarbeiten brauchen", erklärt ein Teil unserer jungen Mädchen offenherzig genug. Das hören die jungen Männer: die Vorstellung paßt ihnen, sie unterstützt die Ka­meradschaft, die Freundin erwartet nichts als Freunoschaft und muß voraussetzen, daß auch er vorsichtig wählt. Und plötzlich sind die guten Freunde Mann und Frau.„Weil man einander eben liebt!“ Das Argument ist. nach ihrer Meinung. erschöpfend. Seltsam! Andece Gefühle, wie der Haß. die Verachtung, der Neid, bedürfen bestimmter Ursachen. Nur lieben soll man aufs Geratewohl, ohne festzu­stellende Ursache! Das ist ein Irrtum, wie so mancher andere in unserer Vorstellung. Wic lieben nicht die Gesamtsumme uns angenehmer körperlicher oder geistiger Eigenschaften, son­dern nur die eine, überwiegende, die io stark ist, daß sie die übrigen in den Schatten drängt oder wenigstens die Kraft hat, uns immer wieder mit den weniger willkommenen Qua­litäten auszusöhnen.

Gibt man sich nun einmal die Mühe zu be­obachten, was für Eigentümlichkeiten es sind, die in einem Menschen die Regungen aus­läsen. die wir mit dem Allgemeintitel„Liebe“ belegen, so wird man seltsame Erfahrungen

Ich liebte sie um ihree Mitleide willenk­wird zwar nicht oft mehr angewendet werden; denn Leute, deren Beruf mit ständige Ledens­gefahr verbunden ist, wie Seeleute. P#rgleute. dünken uns. so verkehrt es auch ist, weinger heldenhaft als solche, die sich aus dem Auf­suchen der Gefahr einen Sport machen, wie früher die Ritter, heutzutage die Forscher, die Aviatiker die berühmten Sportsmenschen, vor allem solche, die nicht dafür bezahlt werden, daß sie ihr Leben aufs Spiel setzen. Es ist gonz hübsch, daß dies Heldentum aufhört. so­bald die Geldfrage einsetzt. Auch„ritterliche" Tugenden bei Frauen werden noch geschätzt; vor kurzem erklärte ein junger Mann als höchsten und einzigen Vorzug einer Frau— wenigstens fiel ihm nichts anderes ein—:„Sie reitet so vorzüglich.“ Und daß früher den Frauen der„bunte Rock“ zum Verlieben ge­nügte, einerlei wer ihn trug, ist eine unleug­bare Tatsache. Was gefällt den Amerikane­rinnen noch immer am meisten on europäischen Männern? Name und Titel. Ihm öffnen sich drüben die Geldschränke. Der Bürgerliche hat es nicht ganz so bequem, von ihm werden noch ein naar andere Qualitäten verlangt.—„Ich hab ihn so gern, weil er so schneidig ist.“ ver­sicherte mich in einem Badeort immer wieder ein junges Mädchen. Ich war recht gespannt, welche Mannestugenden sich in dem enrietz­lichen Wort„schneidig“ zusammenfassen lieben. Leider kam er“; ich entdeckte an ihm zwar weiße Gamaschen, aber auch eine Hasenscharte, und stebe seit der Zeit diesem ominösen Be­griff noch mißtrauischer gegenüber.

Die junge Frau in der„Fledermaus" die den Tenor seiner Stimme wegen liebt uns sich für verloren hält, sobald er anfangen würde zu singen, hat noch immer unzählige Mit­schwestern in allen Ländern. Sänger, Schau­wpieler, Künstler aller Art sind den Frauen trotz ihrer inneren Selbständigkeit und Freiheit ge­fährlich geblieben: sie singen, spielen oder leisten irgend etwas Besonderes. Eigentlich ist nicht der Mensch, der Träger dieser Eigen­schaft oder Begabung, so anziehend, denn sein übriger Charakter, mag er gut oder schlecht sein, gilt gar nichts, ebenso wenig seine Bildung oder Unbildung. nein, seine Leistung auf diesem oder jenem Gebiete ist es. Sie verklärt ihn zum Helden. Bei Männern ist es aber durchaus nicht anders. Weil sie tanzt oder pihante Couplets meckert, weil sie einen Charme in irgendeiner winzigen Rolle ent­wickelt hat, weil sie einem Manne in irgend einer Hinsicht bedeutend erscheint— oder wieder weil ihre Kindlichkeit, ihre Hilflosig­keit ihn rührt, je nachdem— gehen Ehen aus­einander, reiben sich Menschen auf im Bestre­ben, eine Liebe zurückzugewinnen, die im Vor­übergehen verschenkt wurde. Selten sind es bedeutende, große Eigenschaften, Menschen, die überm Durchmaß stehen, die dazu beitragen, Familien aufzulösen und die ihnen Verfallenen Stellung. Ehre, sich selbst verlieren zu lassen. Nein, meistens sind es Durchschnittstypen, aus­gestattet mit einer einzigen berückenden Eigenschaft, einem sinnlichen Reiz. der bald ausgekostet ist, oder einer äußerlichen, nur dem Verliebten geltenden Bevorzugung. Eine Er­nüchterung tritt deshalb fast augenblicklich ein, wenn der Zauber oft durch eine lächerliche Kleinigkeit gebrochen wird.

Noch immer liebt der Deutsche die Aus­länderin, weil sie Ausländerin ist, sich ein wenig anders kleidet, andere Ansprüche stellt, den Haushalt nach ihres Landes Sitte führt, deutsch radebrecht. Die meisten deutschen Frauen könnten es sonst mit ihr aufnehmen. Das Fremdartige ist der primitive Reiz. dem der Deutsche erliegt. Dagegen lieben wir viele Unerlänglichkeit unseres Wesens, weil sie eben deutich sind. Wir nehmen sie mit in hen#