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Nach dem Stollen! fuhr es dem Steiger durch den Kopf. Sie kennt ihn, sie kennt den alten Schacht mit dem Wasser. Sie will ihrem Dasein ein Ende bereiten!„Behnsen! Feldmann!“ bat er die Bergleute,„kommt mit mir. Meiner Frau ist ein Unglück geschehen!“
Reuchend erreichten die Männer den Stollen. Sie holtei. Grubenlampen aus dem Geräteraum und riefen den Wächter; der hatte den Ofen des großen Trockenraumes geheizt und nichts von der Frau gesehen. Doch am Stolleneingang zwischen den schmalen Schienen der Grubenbahn fanden sie die Spuren des kleinen Fußes. Die Männer hasteten im niederen Gang vorwärts. Vierhundert Meter weiter hörten die Abdrücke auf, denn unter den Schienen lag glatter Sandstein. Der Steiger rief durch die hohlen Hände den Namen der Frau; hundertfach brach sich das Echo und rollte durch die verschlungenen Gänge. Niemand antwortete. Sie eilten weiter den Stollen entlang und kamen zum alten wassergefüllten Schacht. Sein lehmig=gelber Spiegel lag unbeweglich. Der harte Stollenboden ließ keine Spur erkennen. Die Männer starrten sich ratlos an. „Auspumpen!“ unterbrach endlich der alte Behnsen das lastende Schweigen. Die anderen verstanden ihn. Sie eilten den Stollen zurück zum Gerätelager, wo die große viergriffige Handpumpe stand; sie brachten sie auf einem Grubenhund zum versoffenen Schacht. Die Männer arbeiteten stundenlang, die halbe Nacht hindurch. Als das Saugrohr kein Wasser mehr fand, ließen sie den Steiger am Drahtseil in die Tiefe. Er suchte lange; er kroch zwischen die halbeingestürzten Verstrebungen, er stieß sich den Kopf, riß sich die Hände blutig. Er fand keine Leiche.„Sie lebt, sie muß leben!“ jubelte es in ihm.
Die Männer ließen den Wächter am Schacht zurück und suchten in den verzweigten Stollen weiter. Endlich, nach Stunden, fanden sie die Frau. Sie lag besinnungslos im Kopfstück eines Seitenstollens und auf ihrer Stirn klebte geronnenes Blut. Sie mußte im Dunkeln vom Hauptstollen abgekommen sein, und das niedrige Gestein der Decke war der Gehetzten zur Rettung geworden. Der Steiger trug sie auf seinen Armen ins Haus hinunter...
Wochen vergingen, bis die Zeit der Frau die Genesung brachte und Sonnenschein und Glück im Steigerhaus einkehrten. Da kam auch zu Hans Heller ein Brief:„Du hast mir die Frau nehmen wollen und haft sie mir dadurch erst gegeben. Ich bann Dir nicht zürnen.“
Der Ueberflüssige
Skizze von Erwin Sedding.
Als sie ihm sagten, daß er entlassen sei, Sächelte er.
„Warum lächelst du?“ fragte Mora. Fabian nahm seinen Hut. Im Hoftor war es dunkel und kühl, aber draußen auf der Straße lag warmes Licht. Fabian schritt in dieses warme Licht.
Plötzlich hörte er, daß jemand hinter ihm herlief. Trocken klang das grobe Pflaster unter den kleinen, schnellen Schritten auf. „Wie lustig ist das!“ dachte der Mann. Da verstellte ihm die Mora den Weg.„Du sollst mir antworten, du!“
Fabian war fast erschrocken. Er sah die atmende Brust des Mädchens, ihre jungen, etwas trotzigen Lippen und die festen, sonnengebräunten Hände, die seinen Arm gepackt hatten.
Und wieder mußte er lächeln.„Das klingt, als wolltest du mir drohen, Mora?!“
Sie verzog den Mund, daß er einen Streifen ihrer weißen Zähne sehen konnte:„Vielleicht!— Vielleicht bin ich auch nur neugierig.“
Fabian nickte. Er war sehr zufrieden. Langsam schritten sie die Straße hinab.
„Mein Vater hatte einen Hund,“ sagte er nach kurzem Besinnen.„Ich liebte die Dogge wie nichts auf der Welt. Als sie krank wurde, sagte ich:„Gol wird sterben“. Niemand glaubte daran; auch der Tierarzt nicht. Dann starb Gol. Alle weinten. Nur ich bin froh gewesen. Weil ich doch recht behalten hatte, nicht wahr?"
Mora schwieg.
„Daß sie mich heute fortschickten, ist dasselbe. Es ist nichts Neues für mich, keine Ueber
raschung. Ich bin eben——“
Fabian machte eine hilflose Bewegung mit der Hand, als suche er nach einem Wort. Dann verstommmte 95.
Die Straße wurde nach und nach ländlicher. Zwischen den weinumrankten Häuschen, die selbstzufrieden im Grün ihrer Obstpflanzungen standen, machten sich Schrebergärten breit und Plätze, auf denen die Jungen Fußball spielten. Am Westhimmel schwamm eine Wolke.
„Irgendwo in der Bibel ist von den Lauen die Rede und daß der Herr sie ausspeien wird aus seinem Munde,“ fuhr Fabian fort.„Dies ist die einzige Stelle der Heiligen Schrift, die ich wahrhaft begriffen habe. Lau, das heißt doch: entbehrlich. Ein Mensch, der ersetzt werden kann, wenn er einmal verloren geht. Und so einer din ich, Mora.“
Er schlug mit seinem Stock in das Gras. Von den Löwenzahnstengeln, die getroffen umsanken, lösten sich ein Schwarm gefiederter Samenkörnchen. Das Mädchen schaute dem Flug der kleinen Fruchtträger nach, die der Abendwind über die Zäune hob.
„Weißt du das bestimmt—?“
„Ja“
Die Wolke war jetzt kupferrot geworden. Ein Bahndamm schlängelte sich aus der Vorstadt auf die Felder hinaus. Fabian hielt den Kopf gesenkt und vergaß, daß er zu einer Fremden sprach.
„Das vom Nützlich=sein=wollen ist nämlich Unsinn. Man muß auch nützlich sein können! Wer immer auf der letzten Bank sitzt, den beachtet man nicht. Wer so Mittelmäßiges leistet wie jeder Beliebige, um den grämt sich niemand. Solche Menschen werden entlassen, weißt du? Von der Arbeit, vom Glück— überhaupt: entlassen.“
„Und dann—?“
Fabian zögerte. Er schaute fort:„Dann erinnert man sich, was die Naturgeschichte in solchen Fällen lehrt.“
Mora blieb stehen:„Robby wartete auf mich. Er ist erst fünf Jahre alt und den ganzen Tag allein. Grüß Gott, Fabian!“
Fabian bezwang seine Ueberraschung. Er begriff. Mora hatte einen Bruder. Pflichten, vielleicht Sorgen. Das Bahnwärterhäuschen, vor dem sie standen, war ihre Heimat.
„Weiter willst du mir nichts sagen?“ fragte er müde.
„Wozu?“ entgegnete sie.„Du weißt doch, was die Naturgeschichte behauptet! Daß kein Staubkorn unter der Sonne ist, dem nicht eine besondere Bedeutung gegeben wäre, und infolgedessen auch kein Mensch, der nutzlos dahinlebte.“
Und dann war sie verschwunden. Fabian zuckte die Achseln. Er hätte es voraussehen sollen, daß sie ihn verspotten würde. Die Mädchen sind nicht anders. Auch die nicht, die so schöne Augen haben wie Mora.
Moras Augen konnte man nur mit einem Brunnen vergleichen. Fabian hatte jedesmal das Empfinden, als sinke er in einen tiefen Schacht, wenn er sie ansah. Immer tiefer und tiefer und ohne je an den Grund zu kommen. Das quälte ihn.
Er setzte sich an die Böschung. Die Gleise blitzten im Sonnenlicht.„Wenn du willst, helfen wir dir,“ sagten sie.
Ein Schmetterling torkelte durch den lauen Abend. Von fern her kam ein Zug. Sein Rauch war bleifarben wie der Nebel, der am Horizont aufstand. Fabian wartete.
Plötzlich weiteten sich seine Augen. Mit jähem Sprung stand er auf den Beinen. An der Kurve, wenige hundert Schritte von ihm entfernt, war etwas Lebendiges zwischen den Schienen! Eine Sekunde lang noch starrte Fabian auf diesen Fleck, dann stürzte er vor.
Er lief ohne Besinnung. Alle Gedanken, die eben sein Hirn bestürmt hatten, waren vergessen. Sein Kopf schien plötzlich leer. Nur das Herz fühlte er noch. Und die Lungen, die seine Brust sprengen wollten.
Die Wagenkette wurde sichtbar und wuchs jetzt mit grauenhafter Geschwindigkeit. Fabian nahm im Sprung zwei, drei Schwellen auf ein mal. Er rannte mit zusammengebissenen Zähnen. Sein Gesicht flammte, und sein Mund war verzerrt.
Schon hörte er das Knallen der Räder. Sah ein Kind vor sich hocken; Arme, die ihn ängstlich abwehren wollten. Seine Knie wurden schwach. Sekunden noch, dann mußte die Maschine ihn niederwerfen.
Zuletzt ahnte er nicht, ob das Unglaubliche gelungen war. Er taumelte den Hang hinanter, stolperte und blieb liegen Die Welt wurde ganz still. Alles Licht erlosch. Fabian träumte...
Dann kniete Mora neben ihm. Sie hielt den Jungen fest an sich gepreßt und hatte große
seltsam starre Augen. Auf einmal konnte Fabian bis auf den Grund dieser Augen sehen.
Robby schwieg verwundert. Aus seiner dikken Kinderfaust baumelte eine Butterblume. Ein armseliges, halbvertrocknetes Ding, das dort oben zwischen den Gleisen gewuchert haben mochte. Plötzlich streckte er sie dem fremden Mann entgegen und erklärte heiter:
„Die hab' ich gefunden. Das ist die ssönste!"
Jetzt liefen zwei Tränen über Moras Wangen. Flink und hell. Fabian aver nahm das klebrige Unkraut in seine Rechte, betrachtete den Blütenkopf und nickte.
„Jawohl, mein Junge,“ sagte er dann mit einem tiefen Atemzug,—„dis ist bestimmt die allerschönste!"
Die Quinten
Skizze von W. Emil Schröder.
Mit einem leisen Seufzer schlug Gerhard Fabian das Notenbuch zu und klopfte Heinz auf die Schulter:„Für heute genug, Heinz! Die Quintengriffe— nun, sagen wir es frei heraus: Deine Quinten sind entweder Quarten oder Sexten. Du haust mit bewunderungswürdiger Regelmäßigkeit daneben.“
Der zwölfjährige Heinz zog einen Schmollmund und kletterte zögernd vom Klaviersessel herab. In diesem Augenblick öffnete sich mit schnellem Schwung die Tür zum Musikzimmer. Leicht, luftig wie der Frühling wehte die blonde Margrit herein. Zwischen den Zähnen eine voll erblühte Rose.
Fabian errötete kaum merklich:„Guten Tag, Fräulein Degenhard.“ Ihre Linke ergriff die Rose, die Rechte legte sich weich und schmiegsam in die weißen und schmalen Finger Fabians. Aus den braunen Augen lachte der Uebermut von achtzehn Jahren.
„Hat Heinz Sie geärgert?“ fragte sie den Hauslehrer.
Um Fabians Lippen ging ein feines Lächeln: „Das kann er gar nicht. Aber mit seinen Quinten— es ist ein reines Kreuz!"
Ueber die Ernsthaftigkeit, mit der er diese Worte sprach, brach sie in lautes Lachen aus. „Was ist an den Quinten schon arg Wichtiges dran, daß Sie ihnen sogar die Gnade Ihres Zornes angedeihen lassen?“.
Fabian überhörte absichtlich den ironischen Unterton in ihrer Frage. Er trat an das noch geöffnete Instrument, seine Rechte schlug in schnellem Stakkato drei, vier Quinten aufwärts schwingend an.
„So lauschen Sie doch, wie das ausschwingt: ein Zweiklang, der Einklang zu sein scheint und es doch nicht ist. Denn in dem zarten Verklingen hört ein feines Ohr die Obertöne heraus. Das Menschenleben ist voller Quinten!“ Er sah ihr in die braunen Augen:„Wo man einen Einklang vermutet, findet das feine Ohr zwei Töne, um mehrere Stufen getrennt, und fremde Obertöne schwingen mit...“
Da hob auch sie den gesenkten Blick und hauchte:„Ich verstehe Sie so gut, Gerhard!" Ihre roten Lippen näherten sich seinem Gesicht; sie reckte sich ein wenig auf den Zehen: „Ich habe Sie auch lieb, aber— fremde Obertöne schwingen mit. Sie wissen: mein Verlobter ist mir bestimmt!“
Gerhard nickte wehmütig, durch das hohe Fenster an Margrit vorüberschauend in den weiten Horizont, dessen lichtes Blau schmerzte. Ehe er sich dessen versah, brannte ein Kuß auf seinem Munde, eine Tür schnellte mit hartem Ruck ins Schloß. Er fuhr zusammen. Seine Hände zitterten ein wenig, seine Lippen murmelten:„Um mehrere Stufen getrennt.“
Langsam stieg er die breite, läuferbelegte Treppe empor zu seinem kleinen Zimmer. Mit schmerzhafter Selbstverständlichkeit packte er seine Habseligkeiten zusammen. Als der Gong zur Kaffeetafel rief, stahl er sich durch die Hinterpforte hinaus. Wie er so heimlich an den Blumenbeeten vorüberschritt, konnte er der Versuchung nicht widerstehen, eine rote Rose zu brechen. Vielleicht hat ihre Hand sie berührt.—
Zögernd zog er die kleine Gittertür hinter sich zu. Dann stäubte unter seinen Füßen die langgestreckte Straße.
Vesperglockengeläut aus der Ferne.
Quinten... Quinten...
Verantwortlich: H. Semmelmann. Altena. Druck und Verlag: P. A. Santz, Altena.
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Beilage zum Altenaer Kreisblatt zugleich Neuenrader Zeitung
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Nr. 7 Samstag, 18. Februar 1928
Gurla und die Abgottschlange
Dem Leben nacherzählt von J. Held, München.
Warm, beizend stand die Luft im halbhellen, von schwermütigen Urlauten seltsam durchbebten Raum. Vorbei am Lager des königlichen Bengalen, dessen mächtige selost in traumschwerer Rast Raublust verrieten, vorbei am Gitter des ruhelos schweifenden Schakals schritt Uscas Hünengestalt dem Gangende zu. Vor einem geräumigen Glashaus, worin ein blätterloser Baum gespenstige Arme reckte, verhielt der Neger den Schritt. Kaum berührte seine Hand den Türschieber, als schon Leben in den großen Klumpen kam, der oben im Geäst hing, einem aufgerollten Ankertau ähnlich. Ein dreieckiger Kopf auf dunnem Hals sprang vor, unheimlich weiteten sich die Pupillen in den großen Lichtern. Mit unglaublicher Behendigkeit entrollte sich das Knäuel. Ein rotbrauner, prächtig=gelbgefleckter Leib glitt gedankenschnell am Stamme nieder, und eine fünf Meter lange Abgottschlange den Kopf zum Stoß zurückschnellend, machte sich bereit, den Störenfried mit scharfen Waffen zu empfangen.
Doch Usca hatte sich vorgesehen. In der Rechten einen Reisigbesen, in der linken eine Wolldecke betrat er das Schlangenhaus, während sich das Rasseln seines ungnädigen Pfleglings, dem Zischen erboster Gänse ähnlich, ver
stärkte. Nun warf die Boa den Kopf vor, aber der Neger fing den Biß der furchtbaren Zähne mit seiner Wolldecke gescict auf. Zweimal wiederholte sich der Angriff, dann zog sich das Tier mürrisch in eine Ecke zurück, und der Schwarze ging an die Säuberung des Käfigs. Ein leises„Klick=Klack“ an den Scheiben ließ ihn sich umwenden.
Gurla, eine Inderin von kaum siebzehn Jahren, stand vor dem Glashaus, einen flachen Eierkorb im Arme haltend. Mit einem Ei pochte sie an die Glaswand, worauf die Schlange heranglitt und begehrlich züngelte. Ein Lächeln um den kinderweichen Mund, faßte Gurla das Ei mit der Futterzange, steckte es durch den Schieber und ließ es in den gierig geöffneten Rachen fallen, worauf die Boa zu ihrem Baum zurückkehrte, den Leib daran preßte und so die Schale des Eis zerdrückte. Dieser drollige Vorgang wiederholte sich, bis Gurla das letzte Ei verfüttert hatte. Dann blieb das Tier regungslos liegen, ohne von dem Neger weitere Notiz zu nehmen.
Nach beendigter Arbeit war Usca der jungen Hindu gefolgt. Sie hatte Jou=Jou, eine kleine Meerkatze, die sie aus der fernen mat mitgebracht, aus dem Affenhaus geholt — nun saß das bewegliche Tierchen, die dünnen Arme um Gurlas Hals gelegt, auf deren Schultern, mit spitzen Zähnen Zucker knabbernd. Eine Weile sah Usca zu, dann fragte er in tiefen Kehllauten:„Gurla heute abend wieder tanzen? Schlechte Zeit, Dea sehr tückisch.“
Die geheimnisdunklen Augen des jungen Weibes sahen ihn an.„Gurla keine Angst, Gurla gern tanzen. Musik, viel Licht, Dea ganz betäubt“, kindlich zuversichtlich lächelte die Kleine. Schon hob sich Uscas Hand in verlangender Geste, doch sank sie wieder herab, und den wolligen Schädel beugend, entfernte sich der Schwarze. Obwohl seit Jahren unter Kulturvölkern lebend, hauste im verstecktesten Winkel seiner kaum enttierten Seele doch noch der stumpfe Aberglaube an göttliche Kräfte im Schlangenleib. Doch wenn auch seine Vernunft so weit gediehen war, sich gegen Deas Angriff zu schützen, so würde er nie gewagt haben, sie zu töten. Gurla, die dem Untier Preisgegebene, um deren kindhaften Leib sich die Gefürchtete jeden Abend willig schlang, schien dem Schwarzen ein höheres
Vorfrühling
Es zog durch den Winter ein Lenzestag mit rosig frischen Wangen, da wurden die Frühlingsblumen wach, sie fühlten ein sehnend Verlangen.
Es folgte dem goldigen Frühlingskind eine Schar von sonnigen Tagen, Schneeglöckchen und Veilchen traten geschwind ans Licht ohne Zittern und Zagen.
Und es sang die Amsel ihr erstes Lied,
der Lenzwind hat's weitergetragen,— und jedes Blümlein, das neu erblüht,
spricht von kommenden goldenen Tagen.
Hermann Bismarck.
Wesen, durch vertrauten Umgang mit der Abgottschlange über andere ihres Geschlechtes erhoben.—
Als nächtliches Dunkel über das weiße Zelt sank, schmückte sich die Tochter der Sonne zum Tanz. Lächelnd betrat sie die Manege, gleißendes Gold an den zarten Gelenken, der Steine sattes Farbenspiel auf der jungen Brust Die Tarabuka begann zu wirbeln. Gurla beugte das Knie und lüftete den Deckel eines flachen Rundkorbes. Den rotbraunen kühlen Schlangenleib hob sie heraus und wand ihn in anmutigem Spiel um ihre jungen Glieder, bis Deas unheimlicher Kopf auf ihrer Schulter ruhte. Süß lockte die Klarinette. Gurla tanzte vor dem tönernen Götzenbild im bunten Wechsellicht der Scheinwerfer. Auf des Weibes samtbrauner Haut glänzte silbern der Schuppenleib. Usca schlug mit fanatisch glühendem Blick die Tarabuka.. Keiner nahm die kleine Meerkatze wahr, die, ihrem Käfig entronnen, in Sehnsucht nach ihrer Herrin plötzlich den Manegenrand entlang lief. Doch Dea, die Lüsterne, die Immerwache, begann zu zittern. Raubgierig klopfte ihre Schwanzspitze Gurlas Hüfte. Ihr häßlicher Kopf reckte sich mit flackernden Pupillen von des Mädchens Schulter. Dann geschah das Schreckliche. Eisern schlossen sich die Ringe um den Leib der Tänzerin, von deren Lippen sich ein Aechzen rang. Gurlas Füße glitten aus, der Kopf schleifte am Boden. Umsonst versuchten
herbeigeeilte Wärter die tödliche Umschlingung zu lösen, sie spottete all ihrer Anstrengung.
Während der Direktor die Zuschauer aufforderte, das Zelt zu verlassen, hatte sich ein Kreis Schwarzer um Dea und ihr Opfer gebildet. Lange schon war Jou=Jou, die unschuldige Anstifterin, ins Affenhaus zurückgebracht worden, da lösten sich die Ringe der Abgottschlange. Gurlas entseelter Leib, einer gebrochenen Blüte gleich, glitt in den Sand der Manege. Während die Schlange mit Stöcken in den bereit gehaltenen Käscher gejagt wurde, nahm Usca die kleine Hindu auf seine Arme und trug sie hinaus. In all ihrem Schmuck bettete er sie auf ihr dürftiges Lager.
Die Stirn auf Gurlas Füßen, hielt er, regungslos hingekauert, die Totenwacht, bis der dunkle Wagen kam, die Schlangentänzerin abzuholen.
Dann ging er zurück, der Abgottschlange zu dienen wie bisher.
Abriß eines Lebens
Skizze von Kurt Münzer.
Mein Leben— ach! Was habe ich da viel zu erzählen! Armselig, eng, kurz, wie es geweser ist. Denn ich fühle es wohl: ich bin am Sterben...“ Was liegt Ihnen daran? Vielleicht werden Sie bereuen, es gehört zu haben. Es ist nur Armut, Elend und— Sehnsucht...
Wissen Sie, was meine erste Erinnerung ist? Mein Vater ist mittags aufgestanden, nach tiefem Schlaf. Als er nachts betrunken nach Haus gekommen war, hat er die Mutter, die am kalten Herde eingeschlafen war, wachgeprügelt; er hat uns vier Kinder vom Strohsack gestoßen, um sich darauf zu werfen. An diesem Mittag nimmt er mich bei der Hand, geht mit mir fort — Ich bin der Jüngste, vier Jahre alt; ich wage nicht zu weinen, die Mutter fürchtet sich zu fragen. Er geht mit mir, ein paar Straßen weit, stellt mich da an eine Ecke, gibt mir seine Mütze in die Hand und befiehlt mir, dort zu stehen,„bitte, bitte“ zu den Vorübergehenden zu sagen, die Mütze ihnen hinzuhalten.
Da steh ich nun und bettle. Das ist die erste Erinnerung meines Lebens... Die Leute geben mir viel, manche schimpfen, manche bücken sich, fragen mich aus. Aber ich bleibe stumm ich ängstige mich. Es ist bald viel Geld in der Mütze. Schon kommt der Vater, der beobachtend drüben stand, leert sie, stößt mich wieder an die Hauswand, läuft in eine Kneipe. Erst abende kommt er wieder. Ich hocke am Boden, weine, es ist kalt, mich hungert, niemand beachtet mich mehr, Füße treten mich. Dann nimmt Vater mich auf den Arm, stürzt mit mir hin, denn er ist wieder betrunken. Ein Auflauf. Eine Frau hebt mich hoch, ich blute...
So begann mein Leben.
Einmal, plötzlich, ist der Vater weg, verschwunden. Er kam nie wieder. Mutter geht waschen und Kanzleien reinigen. Es ist Krieg. Gehungert haben wir auch schon vorher. Eher geht es uns besser. Die älteste Schwester, damals neun, hilft in einer Fabrik. Ich komme auf die Schule— und da geschieht das Wunder.
Ich bin immer der Beste in der Klasse, und eines Tages kommt ein vornehmer Herr und hört dem Lehrer beim Abfragen zu, und ich werde in allen Stunden immerzu gefragt. Der fremde Herr lobt und streichelt mich. Und er fragt mich, ob ich gern recht viel lernen möchte, vielleicht auch Lehrer werden oder Doktor oder Ingenieur. Ich weiß, was das ist, ich bin jetzt bald neun Jahr alt. Ich stottere vielmals: „Ja! O so gern!" Dann muß Mutter zum Rektor kommen, und der sagt, der vornehme Herr will mich zu sich nehmen als sein Kind, und erziehen und alles lernen lassen, denn ich bin begabt, sagt er, und fleißig und brav und ein Vorbild für die ganze Klasse.
Das erzählt Mutter zu Haus, wir vier stehen um sie herum, es ist wie eine Märchengeschichte Die Mutter weint, die Brüder und die Schwester sehen mich an und rücken schon vor mir ab. Und ich weiß: ich muß alle verlieren; die Mukter liebt mich so, den Jüngsten, und die Brüder beneiden mich und gonnen es mir nicht. Da sage ich:„Nein, ich will nicht. Ich will hier bleiben. Ich traue es mir gar nicht zu, ich mag kein vornehmer Herr werden.“
Der Herr kommt dann zu uns in die Stube. Mutter schämt sich, denn wir haben nur eine Stube, die Küche hat Mutter an drei alte Schwestern vermietet, die einen Obstwagen haben und einen mit Räucherwaren. Er spricht smit mir, aber ich bleibe dabei. Der Rektor redet auch mit mir und Mutter. Ich will nicht und so geht alles weiter, wie es vorher ging. Mutter weint oft in der Nacht. Ich schlafe bei ihr im Bett, die drei anderen auf dem Strohsack. Ach, wie froh bin ich, daß ich bei ihr, daß ich ihr Kind geblieben bin! Wenn sie schäft, wage ich sie zu küssen.