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und trolkte, ohne sich noch einmal umzusehen, weiter.

Der zu Tode getroffene Hengst Nikolai schnaubte stöhnend auf, hob den Kopf und blickte zur Sonne, dann verendete er. Raben und Wölfe teilten sich in ihre Beute...

Stagb

Skizze von Maximilian v. Etzdorff­Kupffer.

Staub deckte die Straße, deckt alles Grün ringsumher. Verbraucht, unfroh sieht die Welt aus.

Staubig wie die Straße ist auch das ganze Aeußere des einsamen Wanderers. Nicht nur sein Aeußeres, auch die Seele des entlassenen Sträflings ist grau vom Staube des Lebens und der Vergangenheit.

„Alles nur Staub, nichts als Staub!“ denkt der Wanderer,„was war, wurde zertreten, zer­mahlen, wurde zu Staub. Mit dem, was ist, geschieht dasselbe, und das Kommende wird dem gleichen Schicksal erliegen.“

Ist es ein Wunder, daß der vom Leben zer­mürbte Mann so denkt? In weiter Ferne liegt eine traurige Kindheit, eine lieb= und son­nenlose Jugend. Dann kommt eine heiße Lei­denschaft, ein berauschendes Glück, das er in Blut ertränkte, weil es— Lüge war. Jetzt ist das alles nur Staub, vom Leben, vom Grübeln zermahlen, formlos, so wie die graue Gegen­wart und die träge heranschleichende Zukunft.

Auf der Brücke bleibt der Wanderer stehen, schaut den tanzenden, im Sonnenlicht funkeln­den Stromschnellen entgegen.

„Vergänglich,“ murmelt er vor sich hin.„Tän­zelnd und goldig flimmernd hüpft uns die Zu­kunft entgegen, gleißnerisch— verheißend. Wird sie Gegenwart, ist sie grau und öde, um in alle Ewigkeit grau und öde zu bleiben.“

„Oder“, fragt er sich nach einer Pause,„ist es vielleicht nur unser eigener Schatten, der alles so grau, so entsetzlich grau macht?“

Irgendwo, nicht weit, singt eine helle Kinder­stimme ein kleines Liedchen von Baum und Vo­gel. Der kleine Sänger ist nicht zu sehen

Plötzlich bricht das Liedchen mit einem Schrei ab. Ohne Besinnen hat der Wanderer auf der Brücke Ranzen und Jacke abgeworfen. Seine spähenden Augen sehen einen rosa Fleck im glitzernden, funkelnden Wasser.

Schon ist er hineingesprungen, kämpft sich mit aller Kraft zu dem ertrinkenden Kinde durch, bekommt das rosa Kleidchen zu packen. Da wirft ihn die Strömung gegen den Brük­kenpfeiler. Eine breite Wunde klafft auf sei­ner Stirn. Mit namenloser Anstrengung er­reicht er mit dem Kinde das Ufer.

Das Kind atmet nicht. Stundenlang bemüht sich der Mann um das Kind, reibt den kleinen Körper mit seinen harten Händen. Das Blut fließt aus der Stirnwunde. Er achtet nicht dar­auf, er denkt nur an das Kind, dessen Leben in seinen Händen liegt. Endlich hebt sich die kleine Brust, das Herzchen beginnt zu schla­gen....

Erst viel später erwacht der Wanderer in ei­nem sauberen Bette. Die Sonne scheint ins Zimmer, irgendwo tickt eine Uhr.

Kaum hat er die Augen geöffnet, da fühlt er, wie zwei weiche Aermchen sich um seinen Hals schlingen, eine zarte Wange sich an die seine schmiegt.

„Bist du aufgewacht, Onkel?—,“ hört er ein helles Kinderstimmchen.

Da nimmt er das Köpfchen in seine Hände und hält es so, daß es die Tränen nicht sehen kann, die ihm unaufhaltsam über die Wangen rollen.

Seine einsame Seele war voll Glück, und die Tränen schwemmten allen Staub aus ihr fort.

Der rote Sonnenschirm

Eine Strandgeschichte von Harry Wien.

Er hatte einsam bleiben wollen am Meer. Absichtlich mietete er sich in keinem der gro­ßen Strandhotels ein, sondern im Dorf. Vor seinem Stubenfenster rauschten die Bäume in dem Wind, der vom Meere kam. Er liebte die­ses starke Rauschen, das ihm bis in den Traum folgte. Er meinte eine Melodie darin zu hören, eine Sturmmelodie, die etwas Sieghaftes in sich trage. Es erschien ihm eine gute Vorbedeutung für sein Werk, an dem er in dieser Einsamkeit arbeitete und das den Erfolg auf sich herab­zwingen mußte, wenn in ihm etwas von dem starken, sieghaften Rauschen der Bäume vor seinem Fenster war.

Daß er dann doch nicht allein blieb, sondern dem Werke abtrünnig wurde, daran war der Sonnenschirm schuld. Er sah ihn in den Dünen vor sich her wandern. Er verdeckte fast die Ge­statt seiner Trägerin, die kam mittelgroß sein konnte. Manchmal drehte er sich ein wenig, wahrscheinlich bewegt von einer träumerischen Hand. Dann sah er aus wie eine feurige Blu­me, die zwischen spielenden Fingern gedreht wird.

Und er folgte der roten, seidenen, sich dre­henden Blume bis hinein in das dichteste Strandgewimmel, das er doch hatte meiden wollen. Als er das reizende Köpfchen der Lilly Saydel unter dem Schirm erblickte, ging er dem Köpfchen und dem Schirme nach, überall wo sie auftauchten. Es war, als bände der rote Schirm sein Herz mit magischer Gewalt an sich; und hinter dem roten Schirm gab er Lilly den ersten Kuß.

Ja, das war die große Liebe!

Wenn er am Strande lag und auf das Meer schaute, das ewige, grenzenlose Meer mit seinen grünen Wogengebirgen und seiner geheimnis­vollen, gläsernen Tiefe, fühlte er die Macht seiner Liebe sein ganzes Herz durchströmen. Das Meer, der Himmel sprach erst mit wirk­licher Gewalt zu seinen Sinnen und zu seiner ###cie, seitdem er liebte. Und wenn er seit­wärts blickte und sie neben sich im Sande ruhen sah, die Löckchen um das reizende Köpfchen flatternd, Nacken und Arme von der Seeluft gebräunt und den unvermeidlichen, Glück brin­genden roten Seidenschirm über dem Schoß ihres weißen Kleides ruhend, dann hätte er einen Jubelgesang anstimmen mögen, das Ge­täusch der Brandung übertönend.

Er glaubte sich geliebt, wie er liebte, zum erstenmal, mit Ausschließlichkeit und mit dem Willen zur Treue.

Und er hätte es heute noch geglaubt, wenn nicht der rote Sonnenschirm ein Wörtlein drein­geredet hätte.

Und das kam so:

Nach einem Strandfest— welch Grauen waren ihm sonst solche Menschensammlungen — das er Lilly zuliebe besucht hatte, begleitete er sie bis an die Türe ihrer Strandpension. Zu Kuß und langem Abschied war es nicht gekom­men, denn andere Gäste der Pension, die auch das Fest besucht hatten, erschienen und nahmen Lilly mit ins Haus.

Erst als sie verschwunden war, merkte er, daß er noch ihren Sonnenschirm in der Hand hielt, den er ihr getragen. Das machte ihn froh. Und in seinem Zimmer konnte er es nicht unter­lassen, diesen Schirm aufzuspannen, das rote Dach, hinter dessen seidener Wand er die Ge­liebte geküßt und die Welt vergessen.

Als er den Schirm langsam aufspannte, fiel ein Briefblatt zu Boden, das sich in den Schirm­falten verkrochen haben mochte, ohne daß Lilly es gemerkt.

Da stand in starker, männlicher Schrift:

.. ich liebe Dich, seit ich zum erstenmal über die Dünen dem Glühen Deines roten Sonnen­schirmes gefolgt bin. Gesegnet sei er! Nie­mand ahnte, daß wir uns küßten unter seinem Schutz. Wir hörten hinter ihm die Stimmen der anderen, aber wir sahen sie nicht und ver­gaßen die Welt in dem roten Licht, das der Himmel dieses Schirmes auf unsere Liebe niederstrahlte. Wie Du mich liebst! Wie ich Dich liebe! Ach, ist das Glück nicht zu groß!

In Treue Dein Johann.“

Da lachte er, wie nur der lachen kann, dem jäh eine Illusion zerreißt. Am anderen Morgen schickte er den roten Schirm zurück, an dessen Griff der Brief ge­bunden war, der in die Schirmfalten gerutscht. Dann war er einsam am Meere und blieb es. In der Ferne sah er manchmal den roten Seidenschirm in den Dünen dahinwandern, sich drehend wie eine feurige Blume, lockend und winkend und ein törichtes Männerherz zu neuer Illusion verführend.

—12—

sich vor etwas fürchtet, denkt er, das unbe­

kannt und unentrinnbar ist. Nein, er fürchtet nichts, und wenn er hier versteckt liegen bleibt, so ist es nur, weil er nicht weiter kann. Die erschöpften Glieder tragen ihn nicht mehr. Hier, diese Stelle im Kornfeld, war seines Lebens Ziel. Er ist durch die Welt gewandert seit seiner Geburt, und nun hat er dies Kornfeld erreicht, um zu sterben.

Es stirbt sich gut in einem Kornfeld, wenn man müde ist, todmüde vom Wandern und vom Leben.

Fast wohlgefällig dehnt er sich, raschelnd hu­schen Hamster durch das Korn, hoch in den blauen Himmel steigt singend die Lerche. Eine Ruhe, ein Sicherheitsgefühl, wie er es nie kannte, ist in ihm, er faltet die Hände unter dem Kopf und liegt ganz stille, lange, lange.

Große Spinnen und bunte Käfer kriechen über die Erde, er sieht ihnen aufmerksam zu, bald werden sie auch über ihn hinweg kriechen, bald, in wenigen Stunden vielleicht. Der Wind rauscht in den Halmen, von weitem klingt gedämpft das Rollen des dahinjagenden Zuges, Hummeln summen über ihm in der Luft, schwer­fällig streicht eine Schar Krähen vorüber, das seltsame Flüstern und zitternde Surren der Einsamkeit klingt an sein Ohr, und die Mit­tagssonne flimmert erbarmungslos über das Feld. Er lächelt, so hatte sie auch geglänzt, ge­rade so, damals, als er sich über sich selbst er­hoben und wie der Mächtigsten einer über Le­ben und Tod entschieden hatte.

Nein, auch heute bereute er es nicht, daß er damals die Frau richtete, die sein Leben zerstört, die ihn zum Strolch gemacht hat...

— Das Rasseln in seiner Brust wird stärker, quälender; der Kopf wird ihm dumpf und doch auch freier, in den Glieder liegt es schwer, aber er atmet leichter, und ihm ist, als wenn es sich wie eine purpurne Decke auf ihn herab­senkte und ihn einhüllte, fest und doch weich und anschmiegend.

Wie von weitem klingt ihm jetzt alles, wie sich immer mehr entfernend. Neben ihm sproßt eine kleine blaue Blume auf; er zieht sie be­hutsam zu sich herab und legt seine Wange darauf, dann liegt er still, ganz still— für immer...

Es stirbt sich gut in der Einsamkeit, zwischen ragenden Halmen und bunten Blumen, unter der Vögel Gezwitscher, wenn man müde vom Wandern und endlich am Ziel ist.——

Bücherfisd.

Am Ziel

Skizze von Oscar Klein.

Sommernachmittag. Ein Kornfeld, ragende Halme und gesenkte Aehren, dazwischen blaue Kornblumen, darüber ein Heer summender Insekten, und mitten zwischen den Aehren und Blumen, die vor ihm zurück zu weichen schei­nen wie vor etwas Unreinem, ein elender, todkranker Mensch, der sich dort verkrochen hat. Hier werden sie ihn wohl so bald nicht finden. Geschieht es dennoch, was tut es? Er fühlt, daß er bald nichts mehr auf Erden zu ürchten hat.s Und dart drühen i Ein Tor, der

Peter Brunnkant, Roman von Hermann [Eris Busse.„Peter Brunnkant“ von Her­mann Eris Busse ist der Roman einer Liebe, deren einzige Frucht die Liebe ist. Da klingen so viele Lebensweisheiten auf, die, von einem schweifenden jungen Menschen eingefangen, ge­rade tief genug sind, um das Herz zu verwirren, doch zu schwach, das Dasein zu meistern. Diese Sucht nach solchen gedanklichen Sicherheiten nötigt sich aus dem Schicksal seines Vaters und dem Wesen seiner Mutter einem Menschen auf. der alles Feste und Sichere der Lebensführung scheut und in fernseliger Inbrunst doch anstrebt. Auf diese Weise wird sein äußeres Leben voll bunten Reichtums, wie es sich innerlich ver­spielt, zum Blühenden, Klingenden, Ins=Leben­hinein=streben. Der Held ist der grüne Hein­rich der Nachkriegszeit, trotzdem nichts des Greuelvollen und Finsteren der Schlachtenjahre hineinklingt. Obwohl das wehmutsvoll=selige und tragische Ringen zweier Menschen umein­ander und um sich in den Gassen, Kirchen und Plätzen der Breisgauer Münsterstadt, den Tä­lern und Bergen des Schwarzwaldes, am Rhein und an den Gestaden des traumgesegneten Bo­densees sich abspielt, so greifbar deutlich, daß man die Glocken klingen, den Wald rauschen hört, daß sich die Wege und Irrwege vor uns sichtbar dehnen und verschlingen, Dörfer und Städte in der Sonne des heiteren Landes auf­steigen. Wenn man mit der Lesung des Buches am Ende ist, so hat sich doch alles in Avalun er­eignet, auf einer selig=unselig=verhangenen In­sel im Wektall, wo zwei Menschen mit berausch­tem, doch zitterndem Herzen um ein Glück rin­gen, das größer ist, als sie selbst.— Das vor­liegende Werk ist bei der Deutschen Buchgemein­schaft, Berlin SW. 61, Teltowerstr. 29, erschie­nen. Ausführliche Werbeschrift„Roe" wird durch die D. B. G. kostenlos versandt.

Verantwortich: H. Semmelmann, Altena Druck und Verlag: P. A. Santz, Altena.

Nr. 30

Samstag, 30. Juli

1927

Skizze von Ernst Hengstenberg­Elmshorn.

In Andernach stieg ich aufs Schiff, um nach Bonn zurückzufahren. An Bord herrschte aus­gelassene Stimmung. Bowle wurde getrunken allenthalben ragten die schlanken Kegel der Weinflaschen. Das ganze Schiff erschien wie eine einzige, festfreudig bewegte Gesellschaft. Plötzlich aber trat Schweigen ein und eine Stimme voll Klangschönheit hob zum Gesang eines Rheinliedes an, begleitet von den Tonen einer Geige, die ein junges Mädchen spielte. Beifall rauschte auf, als der Sänger geendet; ein zweites Lied schloß sich an, dessen Kehrreim von den Fahrgästen des Schiffes ausgenommen wurde. Allzu schnell verging die Fahrt. Im Aussteigen sah ich, daß auch der Sänger und das Mädchen an Land gingen. Ein fast er­schreckend düsterer Ernst fiel mir an beiden Menschen auf.

An der Landungsstelle empfing mich mein Bruder und wir beobachteten das Anlanden ei­nes stromauf strebenden Dampfers, der mit langsam schaufelnden Rädern im Strome hielt. Der Sänger und seine Tochter stiegen auf die­ies Schiff und wurden mit Halloh empfangen. Als das Schiff loswarf, ertönte bereits die Stimme des Alten zum Ufer herüber.

Mein Bruder und ich hatten, jung und schnell lebend, längst das Paar vergessen, als wir nach mehreren Wochen auf die Löwenburg im Sie­bengebirge stiegen. Schon im Näherkommen hörten wir den Gesang einer Männerstimme, von Geigenmusik begleitet. Sofort fiel uns das Paar vom Schiffe wieder ein, und bald sah ich beide in dem Garten an erhöhter Stelle stehen und ihre Kunst ausüben. Wir kamen in dem Augenblick, als das Lied des Aiten—. offenbar unfreiwillig— abbrach.

Wir waren entschlossen, die Bekanntschaft der beiden Künstler zu suchen, und da der Garten überfüllt war, baten wir um Erlaubnis, uns zu ihnen setzen zu dürfen.

Der Sänger schien leidend zu sein, er ant­wortete hüstelnd, heiser und leise, während die Tochter ihn dringend bat, heute nicht mehr zu singen. Nachdem er eine Weile gesessen und ein heißes Getränk zu sich genommen hatte, ging es ihm offensichtlich besser. Das Bitten der Tochter half nichts mehr, und er stand auf. Aber als der Alte gesungen, kam er bleich und zitternd zurück.

„Schüttelfrost“, sagte mein Bruder,„da bleibt nur das Bett.“

„Wir haben es weit,“ klagte das Mädchen.

„Vielleicht können wir Sie begleiten. Wo­hin gehen Sie?“

„Wir wohnen in Königswinter. Wir müs­sen nach Haus. Wo sollen wir sonst bleiben?“ „Es geht vorüber, und ich kann laufen. Wenn wir nur nicht mehr lange zögern und die Her­ren uns begleiten wollen“, sagte der Kranke bittend.

Wir stimmten zu, und machten uns auf den Weg. Anfangs ging es. Allmählich aber ga­ben wir einen immer traurigeren Zug ab, wir faßten abwechselnd den Kranken unter, bis wir ihn schließlich am Waldrand betten mußten.

Bruder ging, um Hilfe zu holen. Maria, die Tochter, und ich blieben bei dem Erkrank­ten zurück. Die Dämmerung sank bereits, als mein Bruder mit einem Wagen zurückkam.

Nach acht Tagen weilten wir wieder in Kö­nigswinter und fanden das Haus des Sängers offen stehen. Tannenreiser, Blumen, Zweige lagen umher, die Schlagläden waren geschlos­sen. Auf dem Friedhof wurde zur selben Stunde der alte Sänger beigesetzt. Nachbarn erzählten es uns.— Für unsere Teilnahme be­kamen wir erst nach langer Zeit, es ging schon auf den Herbst, einen Dank Marias. Seine Art veranlaßte uns, am nächsten Tage nach Königs­winter zu ihr zu fahren.—

dürfis, danken zu wollen; verjuchte ich die Schweigsame und offenbar Verzweifelte zum Reden zu bringen.

„Auch Sie sind jetzt krank,“ unterstützte mich mein Bruder.„Sie leiden unter der Einsam­keit.“

„Es war niemand bei mir, seitdem ich vom Kirchhof zurückgekehrt bin.“

„Dabei waren Sie Menschen gewöhnt bei Ihren Fahrten auf den fröhlichen Schiffen.“ „Gerade dann fühlten wir unser Unglück am tiefsten. Vater und ich, wir haben nur davon gesprochen und nur darüber miteinander ge­schwiegen, was mich jetzt quält, ohne daß wir je zu einem Ende gekommen wären.“

Dann schwieg sie lange, bis es mit Gewalt aus ihr hervorbrach:„Keiner sah, was wir mit uns schleppten, keiner hat je danach gefragt, wir waren den meisten wie ein Ding, dienten mit unserem Gesang nur zu ihrer Unterhaltung und zu ihrem Vergnügen. Nicht einmal unser Name war ihnen bekannt. Und doch war mein Vater am Hoftheater zu Wiesbaden vor Jahren ein gefeierter Sänger. Dort liegen Pro­gramme, Zeitungen, Bilder, hängen Kränze.“ Maria öffnete die Türe zu einem dämmerigen Nebenzimmer. Modergeruch und Kälte ström­ten heraus.

Wir waren aufgestanden und blickten in das Zimmer: ein Museum, ein Grab der Vergan­genheit.

„Wir können später hineingehen,“ fuhr Ma­ria fort.„Nicht alles gehörte meinem Vater, auch Lorbeer und Erinnerungen meiner Mutter hängen dort. Sie war mit ihm zusammen in Wiesbaden, und sie haben sich, oder... nein, kurzum, mein Vater hat sie geliebt. Aber ob­wohl er sie vergöttert hat, noch bis in seine letzten Tage, ist meine Mutter von uns fortge­gangen. Ich war damals erst drei Jahre alt; durch meinen Vater weiß ich eigentlich nur Gu­tes von ihr. Er hat ois in seine letzten Tage auf ihre Rückkehr gewartet. Er ist unter sei­nem Warten schwermütig und sonderlich gewor­den. Als er in Wiesbaden„abgesungen“ war, sind wir nach Königswinter gezogen. Mein Vater hätte immer noch an anderen Bühnen singen können, aber seine Ungeduld stieg von Jahr zu Jahr und zerrüttete seine Nerven. Meine Mutter hatte den Rhein über alles ge­liebt. Hierhin, so glaubte mein Vater, würde sie zurückkehren und eines Tages doch auch zu mir, ihrem Kinde. So wurde aus dem Warten ein Suchen, und mein Vater wurde der umher­ziehende Sänger, als den Tausende und auch Sie ihn kennen gelernt haben.“

„Wissen Sie denn gar nichts vom Schicksal Ihrer Mutter?“ fragte ich voll Teilnahme.

„Gar nichts,“ antwortete sie.

„Leiden Sie Not?“ forschte mein Bruder.

„O nein!“. Sie wehrte ab.„Darum schrieb ich Ihnen nicht. Ich brauche keine materielle Hilfe.“

Es blieb in Marias Erzählungen ungewiß, was ihre Mutter einst fortgezogen hatte. Sie war mit einem ungarischen Sänger nach Buda­pest gegangen und dann verschollen. Einmal, nach Jahren, kam Kunde aus Buenos Aires. Sie war an der dortigen Oper aufgetreten, wohl bereits jenseits der Höhe ihres Ruh­mes.—

Es wurde Winter, und mein Bruder und ich gingen dem Hause Marias zu, um sie nach län­gerer Zeit wieder einmal zu besuchen. Wir tra­fen sie in furchtbarster Erregung.

„Meine Mutter ist hier!“ rief sie uns entge­gen.„Sie ist im Zimmer drüben. Wir waren auf dem Friedhof, jetzt erst, langsam, löst es sich in ihr zu Tränen. Ich habe ihr verschwiegen, wie sehr er auf sie gewartet hat.“

„Sagen Sie es ihr nie!“

„Wie weh das tut! Und doch, was soll ich ihr anderes geben als nur Liebe, wo sie doch meine Mutter ist— trotz allem!“ „Das„Zu soltt!“ macht iht Leben bitter ge­

zu geben,“ bat ich.

„Ja, das will ich. Nun habe ich wieder eine Aufgabe, und mein Leben hat einen Zweck.“

Wir gingen für dieses Mal, um später und oft wiederzukehren, und sahen, wie die beiden Frauen das Bild des Toten verklärten, die eine büßend, die andere im Glück vergoldeter Erin­nerung.

—2.—

Der König und der krumme Korpora.

Skizze von Oskar Döring.

Der krumme Korporal hatte als grader, baumlanger Grenadier in vielen Schlachten gestanden. Stark wie zwei und furchtlos wie keiner hieb er drein, einem Bauern gleich, der mit dem Dreschflegel über dem Weizen ist. Ge­gen dreifache Uebermacht schlug er sich; seinen Hauptmann holte er aus einem Ring von Fein­den. Das war ein Heldenstücklein, und der König belohnte es mit eigener Hand: der Gre­nadier rückte zum Korporal auf.

Noch stärker und noch furchtloser schien der Korporal geworden zu sein. Da überwand ihn die Tücke. Ein versteckter feindlicher Soldat schoß ihm zwei Kugeln in die Haut. Die erste in die Hand, der Tapfere achtete ihrer nicht. Die zweite aber streckte ihn zu Boden; sie traf ihn schwer am Bein. Wie ein Baum, dem man die Wurzeln nimmt, sank der Korporal.

Bittere Zeiten folgten. Der Feldscher schnitt und flickte; die Hand nahm er ab und das Bein. Nach einem Jahr aber war der Korpo­ral so weit, daß er in seine Heimat gehen konnte. Einhändig und mit einem wackligen Stelzfuß kam er sich wie ein halber Mensch vor, zum Sterben noch zu viel und zum Leben zu wenig.

Die Bauern im Dorfe machten bestürzte Ge­sichter, als sie den Krüppel die Straße heran­stelzen sahen. Sie fürchteten für ihre Gemeinde­kasse und für ihre Suppenschüsseln, die sie dem Invaliden wohl vorsetzen müßten.„Wieder ein Nichtstuer und Fresser mehr!“ sagten die Geizhälse, und weil der Holzfuß noch nicht recht gehorchen wollte, nannten sie der Korporal fortan den krummen Korporal. Wie erstaunten die Bauern aber, als am anderen Tage der Invalide zu ihnen in die Stuben trat und um Arbeit bat! Er tat es mit aufrichtigem Herzen. weil er nicht untätig Almosen nehmen und nicht alle Tage bei einem anderen Bauern Uebriggebliebenes aus der Suppenschüssel löf­feln wollte. Nun aber schüttelten die Bauern die Köpfe und bedauerten: sie hätten Dienst­boten genug, Arbeit zu wenig; wenn er ihnen etliche Morgen Felder geben könnte, dann würden sie ihn wohl in die Arbeit stellen. Heim­lich aber redeten sie so zu einander:„Wer nur eine Hand und einen Holzfuß hat, ist bei der Arbeit nur ein Halber— beim Fressen aber ein Ganzer! Was anders wäre es, wenn er in den Magen getroffen wäre..

Einer nur war im Dorf. der wollte ehrlich helfen, der Ortsoberste. Arbeit konnte er nicht selber geben, er war ein Handwerksmeister; aber die Bauern überredete er und bestellte den krummen Korporal zum Dorfhirten. Das gab wohl einen geringen Verdienst und eine magere Einnahme; aber ee war ein verdien­tes und kein erbetteltes Brot, und so nahm der Invalide den Hütstecken und trieb das Vieh auf die Weide.—

Einmal lag er am Straßenrain, den einen Arm in die Erde gestemmt und mit den Fin­gern den Schnauzbart zausend, da kam eine gar prächtige Karosse aus dem Dorfe gerollt. Darin saßen etliche Herren, und obenauf thronte ein Kutscher in goldgesticktem Frack. Der Invalide. neugierig, richtete sich auf und trat an den Weg And als die Rosse auf eine gute Baumlänge herangekommen—— Him­