und trolkte, ohne sich noch einmal umzusehen, weiter. Der zu Tode getroffene Hengst Nikolai schnaubte stöhnend auf, hob den Kopf und blickte zur Sonne, dann verendete er. Raben und Wölfe teilten sich in ihre Beute... Stagb Skizze von Maximilian v. EtzdorffKupffer. Staub deckte die Straße, deckt alles Grün ringsumher. Verbraucht, unfroh sieht die Welt aus. Staubig wie die Straße ist auch das ganze Aeußere des einsamen Wanderers. Nicht nur sein Aeußeres, auch die Seele des entlassenen Sträflings ist grau vom Staube des Lebens und der Vergangenheit. „Alles nur Staub, nichts als Staub!“ denkt der Wanderer,„was war, wurde zertreten, zermahlen, wurde zu Staub. Mit dem, was ist, geschieht dasselbe, und das Kommende wird dem gleichen Schicksal erliegen.“ Ist es ein Wunder, daß der vom Leben zermürbte Mann so denkt? In weiter Ferne liegt eine traurige Kindheit, eine lieb= und sonnenlose Jugend. Dann kommt eine heiße Leidenschaft, ein berauschendes Glück, das er in Blut ertränkte, weil es— Lüge war. Jetzt ist das alles nur Staub, vom Leben, vom Grübeln zermahlen, formlos, so wie die graue Gegenwart und die träge heranschleichende Zukunft. Auf der Brücke bleibt der Wanderer stehen, schaut den tanzenden, im Sonnenlicht funkelnden Stromschnellen entgegen. „Vergänglich,“ murmelt er vor sich hin.„Tänzelnd und goldig flimmernd hüpft uns die Zukunft entgegen, gleißnerisch— verheißend. Wird sie Gegenwart, ist sie grau und öde, um in alle Ewigkeit grau und öde zu bleiben.“ „Oder“, fragt er sich nach einer Pause,„ist es vielleicht nur unser eigener Schatten, der alles so grau, so entsetzlich grau macht?“ Irgendwo, nicht weit, singt eine helle Kinderstimme ein kleines Liedchen von Baum und Vogel. Der kleine Sänger ist nicht zu sehen Plötzlich bricht das Liedchen mit einem Schrei ab. Ohne Besinnen hat der Wanderer auf der Brücke Ranzen und Jacke abgeworfen. Seine spähenden Augen sehen einen rosa Fleck im glitzernden, funkelnden Wasser. Schon ist er hineingesprungen, kämpft sich mit aller Kraft zu dem ertrinkenden Kinde durch, bekommt das rosa Kleidchen zu packen. Da wirft ihn die Strömung gegen den Brükkenpfeiler. Eine breite Wunde klafft auf seiner Stirn. Mit namenloser Anstrengung erreicht er mit dem Kinde das Ufer. Das Kind atmet nicht. Stundenlang bemüht sich der Mann um das Kind, reibt den kleinen Körper mit seinen harten Händen. Das Blut fließt aus der Stirnwunde. Er achtet nicht darauf, er denkt nur an das Kind, dessen Leben in seinen Händen liegt. Endlich hebt sich die kleine Brust, das Herzchen beginnt zu schlagen.... Erst viel später erwacht der Wanderer in einem sauberen Bette. Die Sonne scheint ins Zimmer, irgendwo tickt eine Uhr. Kaum hat er die Augen geöffnet, da fühlt er, wie zwei weiche Aermchen sich um seinen Hals schlingen, eine zarte Wange sich an die seine schmiegt. „Bist du aufgewacht, Onkel?—,“ hört er ein helles Kinderstimmchen. Da nimmt er das Köpfchen in seine Hände und hält es so, daß es die Tränen nicht sehen kann, die ihm unaufhaltsam über die Wangen rollen. Seine einsame Seele war voll Glück, und die Tränen schwemmten allen Staub aus ihr fort. Der rote Sonnenschirm Eine Strandgeschichte von Harry Wien. Er hatte einsam bleiben wollen am Meer. Absichtlich mietete er sich in keinem der großen Strandhotels ein, sondern im Dorf. Vor seinem Stubenfenster rauschten die Bäume in dem Wind, der vom Meere kam. Er liebte dieses starke Rauschen, das ihm bis in den Traum folgte. Er meinte eine Melodie darin zu hören, eine Sturmmelodie, die etwas Sieghaftes in sich trage. Es erschien ihm eine gute Vorbedeutung für sein Werk, an dem er in dieser Einsamkeit arbeitete und das den Erfolg auf sich herabzwingen mußte, wenn in ihm etwas von dem starken, sieghaften Rauschen der Bäume vor seinem Fenster war. Daß er dann doch nicht allein blieb, sondern dem Werke abtrünnig wurde, daran war der Sonnenschirm schuld. Er sah ihn in den Dünen vor sich her wandern. Er verdeckte fast die Gestatt seiner Trägerin, die kam mittelgroß sein konnte. Manchmal drehte er sich ein wenig, wahrscheinlich bewegt von einer träumerischen Hand. Dann sah er aus wie eine feurige Blume, die zwischen spielenden Fingern gedreht wird. Und er folgte der roten, seidenen, sich drehenden Blume bis hinein in das dichteste Strandgewimmel, das er doch hatte meiden wollen. Als er das reizende Köpfchen der Lilly Saydel unter dem Schirm erblickte, ging er dem Köpfchen und dem Schirme nach, überall wo sie auftauchten. Es war, als bände der rote Schirm sein Herz mit magischer Gewalt an sich; und hinter dem roten Schirm gab er Lilly den ersten Kuß. Ja, das war die große Liebe! Wenn er am Strande lag und auf das Meer schaute, das ewige, grenzenlose Meer mit seinen grünen Wogengebirgen und seiner geheimnisvollen, gläsernen Tiefe, fühlte er die Macht seiner Liebe sein ganzes Herz durchströmen. Das Meer, der Himmel sprach erst mit wirklicher Gewalt zu seinen Sinnen und zu seiner ###cie, seitdem er liebte. Und wenn er seitwärts blickte und sie neben sich im Sande ruhen sah, die Löckchen um das reizende Köpfchen flatternd, Nacken und Arme von der Seeluft gebräunt und den unvermeidlichen, Glück bringenden roten Seidenschirm über dem Schoß ihres weißen Kleides ruhend, dann hätte er einen Jubelgesang anstimmen mögen, das Getäusch der Brandung übertönend. Er glaubte sich geliebt, wie er liebte, zum erstenmal, mit Ausschließlichkeit und mit dem Willen zur Treue. Und er hätte es heute noch geglaubt, wenn nicht der rote Sonnenschirm ein Wörtlein dreingeredet hätte. Und das kam so: Nach einem Strandfest— welch Grauen waren ihm sonst solche Menschensammlungen — das er Lilly zuliebe besucht hatte, begleitete er sie bis an die Türe ihrer Strandpension. Zu Kuß und langem Abschied war es nicht gekommen, denn andere Gäste der Pension, die auch das Fest besucht hatten, erschienen und nahmen Lilly mit ins Haus. Erst als sie verschwunden war, merkte er, daß er noch ihren Sonnenschirm in der Hand hielt, den er ihr getragen. Das machte ihn froh. Und in seinem Zimmer konnte er es nicht unterlassen, diesen Schirm aufzuspannen, das rote Dach, hinter dessen seidener Wand er die Geliebte geküßt und die Welt vergessen. Als er den Schirm langsam aufspannte, fiel ein Briefblatt zu Boden, das sich in den Schirmfalten verkrochen haben mochte, ohne daß Lilly es gemerkt. Da stand in starker, männlicher Schrift: .. ich liebe Dich, seit ich zum erstenmal über die Dünen dem Glühen Deines roten Sonnenschirmes gefolgt bin. Gesegnet sei er! Niemand ahnte, daß wir uns küßten unter seinem Schutz. Wir hörten hinter ihm die Stimmen der anderen, aber wir sahen sie nicht und vergaßen die Welt in dem roten Licht, das der Himmel dieses Schirmes auf unsere Liebe niederstrahlte. Wie Du mich liebst! Wie ich Dich liebe! Ach, ist das Glück nicht zu groß! In Treue Dein Johann.“ Da lachte er, wie nur der lachen kann, dem jäh eine Illusion zerreißt. Am anderen Morgen schickte er den roten Schirm zurück, an dessen Griff der Brief gebunden war, der in die Schirmfalten gerutscht. Dann war er einsam am Meere und blieb es. In der Ferne sah er manchmal den roten Seidenschirm in den Dünen dahinwandern, sich drehend wie eine feurige Blume, lockend und winkend und ein törichtes Männerherz zu neuer Illusion verführend. —12— sich vor etwas fürchtet, denkt er, das unbekannt und unentrinnbar ist. Nein, er fürchtet nichts, und wenn er hier versteckt liegen bleibt, so ist es nur, weil er nicht weiter kann. Die erschöpften Glieder tragen ihn nicht mehr. Hier, diese Stelle im Kornfeld, war seines Lebens Ziel. Er ist durch die Welt gewandert seit seiner Geburt, und nun hat er dies Kornfeld erreicht, um zu sterben. Es stirbt sich gut in einem Kornfeld, wenn man müde ist, todmüde vom Wandern und vom Leben. Fast wohlgefällig dehnt er sich, raschelnd huschen Hamster durch das Korn, hoch in den blauen Himmel steigt singend die Lerche. Eine Ruhe, ein Sicherheitsgefühl, wie er es nie kannte, ist in ihm, er faltet die Hände unter dem Kopf und liegt ganz stille, lange, lange. Große Spinnen und bunte Käfer kriechen über die Erde, er sieht ihnen aufmerksam zu, bald werden sie auch über ihn hinweg kriechen, bald, in wenigen Stunden vielleicht. Der Wind rauscht in den Halmen, von weitem klingt gedämpft das Rollen des dahinjagenden Zuges, Hummeln summen über ihm in der Luft, schwerfällig streicht eine Schar Krähen vorüber, das seltsame Flüstern und zitternde Surren der Einsamkeit klingt an sein Ohr, und die Mittagssonne flimmert erbarmungslos über das Feld. Er lächelt, so hatte sie auch geglänzt, gerade so, damals, als er sich über sich selbst erhoben und wie der Mächtigsten einer über Leben und Tod entschieden hatte. Nein, auch heute bereute er es nicht, daß er damals die Frau richtete, die sein Leben zerstört, die ihn zum Strolch gemacht hat... — Das Rasseln in seiner Brust wird stärker, quälender; der Kopf wird ihm dumpf und doch auch freier, in den Glieder liegt es schwer, aber er atmet leichter, und ihm ist, als wenn es sich wie eine purpurne Decke auf ihn herabsenkte und ihn einhüllte, fest und doch weich und anschmiegend. Wie von weitem klingt ihm jetzt alles, wie sich immer mehr entfernend. Neben ihm sproßt eine kleine blaue Blume auf; er zieht sie behutsam zu sich herab und legt seine Wange darauf, dann liegt er still, ganz still— für immer... Es stirbt sich gut in der Einsamkeit, zwischen ragenden Halmen und bunten Blumen, unter der Vögel Gezwitscher, wenn man müde vom Wandern und endlich am Ziel ist.—— Bücherfisd. Am Ziel Skizze von Oscar Klein. Sommernachmittag. Ein Kornfeld, ragende Halme und gesenkte Aehren, dazwischen blaue Kornblumen, darüber ein Heer summender Insekten, und mitten zwischen den Aehren und Blumen, die vor ihm zurück zu weichen scheinen wie vor etwas Unreinem, ein elender, todkranker Mensch, der sich dort verkrochen hat. Hier werden sie ihn wohl so bald nicht finden. Geschieht es dennoch, was tut es? Er fühlt, daß er bald nichts mehr auf Erden zu ürchten hat.s Und dart drühen i Ein Tor, der Peter Brunnkant, Roman von Hermann [Eris Busse.„Peter Brunnkant“ von Hermann Eris Busse ist der Roman einer Liebe, deren einzige Frucht die Liebe ist. Da klingen so viele Lebensweisheiten auf, die, von einem schweifenden jungen Menschen eingefangen, gerade tief genug sind, um das Herz zu verwirren, doch zu schwach, das Dasein zu meistern. Diese Sucht nach solchen gedanklichen Sicherheiten nötigt sich aus dem Schicksal seines Vaters und dem Wesen seiner Mutter einem Menschen auf. der alles Feste und Sichere der Lebensführung scheut und in fernseliger Inbrunst doch anstrebt. Auf diese Weise wird sein äußeres Leben voll bunten Reichtums, wie es sich innerlich verspielt, zum Blühenden, Klingenden, Ins=Lebenhinein=streben. Der Held ist der grüne Heinrich der Nachkriegszeit, trotzdem nichts des Greuelvollen und Finsteren der Schlachtenjahre hineinklingt. Obwohl das wehmutsvoll=selige und tragische Ringen zweier Menschen umeinander und um sich in den Gassen, Kirchen und Plätzen der Breisgauer Münsterstadt, den Tälern und Bergen des Schwarzwaldes, am Rhein und an den Gestaden des traumgesegneten Bodensees sich abspielt, so greifbar deutlich, daß man die Glocken klingen, den Wald rauschen hört, daß sich die Wege und Irrwege vor uns sichtbar dehnen und verschlingen, Dörfer und Städte in der Sonne des heiteren Landes aufsteigen. Wenn man mit der Lesung des Buches am Ende ist, so hat sich doch alles in Avalun ereignet, auf einer selig=unselig=verhangenen Insel im Wektall, wo zwei Menschen mit berauschtem, doch zitterndem Herzen um ein Glück ringen, das größer ist, als sie selbst.— Das vorliegende Werk ist bei der Deutschen Buchgemeinschaft, Berlin SW. 61, Teltowerstr. 29, erschienen. Ausführliche Werbeschrift„Roe" wird durch die D. B. G. kostenlos versandt. Verantwortich: H. Semmelmann, Altena Druck und Verlag: P. A. Santz, Altena. Nr. 30 Samstag, 30. Juli 1927 Skizze von Ernst HengstenbergElmshorn. In Andernach stieg ich aufs Schiff, um nach Bonn zurückzufahren. An Bord herrschte ausgelassene Stimmung. Bowle wurde getrunken allenthalben ragten die schlanken Kegel der Weinflaschen. Das ganze Schiff erschien wie eine einzige, festfreudig bewegte Gesellschaft. Plötzlich aber trat Schweigen ein und eine Stimme voll Klangschönheit hob zum Gesang eines Rheinliedes an, begleitet von den Tonen einer Geige, die ein junges Mädchen spielte. Beifall rauschte auf, als der Sänger geendet; ein zweites Lied schloß sich an, dessen Kehrreim von den Fahrgästen des Schiffes ausgenommen wurde. Allzu schnell verging die Fahrt. Im Aussteigen sah ich, daß auch der Sänger und das Mädchen an Land gingen. Ein fast erschreckend düsterer Ernst fiel mir an beiden Menschen auf. An der Landungsstelle empfing mich mein Bruder und wir beobachteten das Anlanden eines stromauf strebenden Dampfers, der mit langsam schaufelnden Rädern im Strome hielt. Der Sänger und seine Tochter stiegen auf dieies Schiff und wurden mit Halloh empfangen. Als das Schiff loswarf, ertönte bereits die Stimme des Alten zum Ufer herüber. Mein Bruder und ich hatten, jung und schnell lebend, längst das Paar vergessen, als wir nach mehreren Wochen auf die Löwenburg im Siebengebirge stiegen. Schon im Näherkommen hörten wir den Gesang einer Männerstimme, von Geigenmusik begleitet. Sofort fiel uns das Paar vom Schiffe wieder ein, und bald sah ich beide in dem Garten an erhöhter Stelle stehen und ihre Kunst ausüben. Wir kamen in dem Augenblick, als das Lied des Aiten—. offenbar unfreiwillig— abbrach. Wir waren entschlossen, die Bekanntschaft der beiden Künstler zu suchen, und da der Garten überfüllt war, baten wir um Erlaubnis, uns zu ihnen setzen zu dürfen. Der Sänger schien leidend zu sein, er antwortete hüstelnd, heiser und leise, während die Tochter ihn dringend bat, heute nicht mehr zu singen. Nachdem er eine Weile gesessen und ein heißes Getränk zu sich genommen hatte, ging es ihm offensichtlich besser. Das Bitten der Tochter half nichts mehr, und er stand auf. Aber als der Alte gesungen, kam er bleich und zitternd zurück. „Schüttelfrost“, sagte mein Bruder,„da bleibt nur das Bett.“ „Wir haben es weit,“ klagte das Mädchen. „Vielleicht können wir Sie begleiten. Wohin gehen Sie?“ „Wir wohnen in Königswinter. Wir müssen nach Haus. Wo sollen wir sonst bleiben?“ „Es geht vorüber, und ich kann laufen. Wenn wir nur nicht mehr lange zögern und die Herren uns begleiten wollen“, sagte der Kranke bittend. Wir stimmten zu, und machten uns auf den Weg. Anfangs ging es. Allmählich aber gaben wir einen immer traurigeren Zug ab, wir faßten abwechselnd den Kranken unter, bis wir ihn schließlich am Waldrand betten mußten. Bruder ging, um Hilfe zu holen. Maria, die Tochter, und ich blieben bei dem Erkrankten zurück. Die Dämmerung sank bereits, als mein Bruder mit einem Wagen zurückkam. Nach acht Tagen weilten wir wieder in Königswinter und fanden das Haus des Sängers offen stehen. Tannenreiser, Blumen, Zweige lagen umher, die Schlagläden waren geschlossen. Auf dem Friedhof wurde zur selben Stunde der alte Sänger beigesetzt. Nachbarn erzählten es uns.— Für unsere Teilnahme bekamen wir erst nach langer Zeit, es ging schon auf den Herbst, einen Dank Marias. Seine Art veranlaßte uns, am nächsten Tage nach Königswinter zu ihr zu fahren.— dürfis, danken zu wollen; verjuchte ich die Schweigsame und offenbar Verzweifelte zum Reden zu bringen. „Auch Sie sind jetzt krank,“ unterstützte mich mein Bruder.„Sie leiden unter der Einsamkeit.“ „Es war niemand bei mir, seitdem ich vom Kirchhof zurückgekehrt bin.“ „Dabei waren Sie Menschen gewöhnt bei Ihren Fahrten auf den fröhlichen Schiffen.“ „Gerade dann fühlten wir unser Unglück am tiefsten. Vater und ich, wir haben nur davon gesprochen und nur darüber miteinander geschwiegen, was mich jetzt quält, ohne daß wir je zu einem Ende gekommen wären.“ Dann schwieg sie lange, bis es mit Gewalt aus ihr hervorbrach:„Keiner sah, was wir mit uns schleppten, keiner hat je danach gefragt, wir waren den meisten wie ein Ding, dienten mit unserem Gesang nur zu ihrer Unterhaltung und zu ihrem Vergnügen. Nicht einmal unser Name war ihnen bekannt. Und doch war mein Vater am Hoftheater zu Wiesbaden vor Jahren ein gefeierter Sänger. Dort liegen Programme, Zeitungen, Bilder, hängen Kränze.“ Maria öffnete die Türe zu einem dämmerigen Nebenzimmer. Modergeruch und Kälte strömten heraus. Wir waren aufgestanden und blickten in das Zimmer: ein Museum, ein Grab der Vergangenheit. „Wir können später hineingehen,“ fuhr Maria fort.„Nicht alles gehörte meinem Vater, auch Lorbeer und Erinnerungen meiner Mutter hängen dort. Sie war mit ihm zusammen in Wiesbaden, und sie haben sich, oder... nein, kurzum, mein Vater hat sie geliebt. Aber obwohl er sie vergöttert hat, noch bis in seine letzten Tage, ist meine Mutter von uns fortgegangen. Ich war damals erst drei Jahre alt; durch meinen Vater weiß ich eigentlich nur Gutes von ihr. Er hat ois in seine letzten Tage auf ihre Rückkehr gewartet. Er ist unter seinem Warten schwermütig und sonderlich geworden. Als er in Wiesbaden„abgesungen“ war, sind wir nach Königswinter gezogen. Mein Vater hätte immer noch an anderen Bühnen singen können, aber seine Ungeduld stieg von Jahr zu Jahr und zerrüttete seine Nerven. Meine Mutter hatte den Rhein über alles geliebt. Hierhin, so glaubte mein Vater, würde sie zurückkehren und eines Tages doch auch zu mir, ihrem Kinde. So wurde aus dem Warten ein Suchen, und mein Vater wurde der umherziehende Sänger, als den Tausende und auch Sie ihn kennen gelernt haben.“ „Wissen Sie denn gar nichts vom Schicksal Ihrer Mutter?“ fragte ich voll Teilnahme. „Gar nichts,“ antwortete sie. „Leiden Sie Not?“ forschte mein Bruder. „O nein!“. Sie wehrte ab.„Darum schrieb ich Ihnen nicht. Ich brauche keine materielle Hilfe.“ Es blieb in Marias Erzählungen ungewiß, was ihre Mutter einst fortgezogen hatte. Sie war mit einem ungarischen Sänger nach Budapest gegangen und dann verschollen. Einmal, nach Jahren, kam Kunde aus Buenos Aires. Sie war an der dortigen Oper aufgetreten, wohl bereits jenseits der Höhe ihres Ruhmes.— Es wurde Winter, und mein Bruder und ich gingen dem Hause Marias zu, um sie nach längerer Zeit wieder einmal zu besuchen. Wir trafen sie in furchtbarster Erregung. „Meine Mutter ist hier!“ rief sie uns entgegen.„Sie ist im Zimmer drüben. Wir waren auf dem Friedhof, jetzt erst, langsam, löst es sich in ihr zu Tränen. Ich habe ihr verschwiegen, wie sehr er auf sie gewartet hat.“ „Sagen Sie es ihr nie!“ „Wie weh das tut! Und doch, was soll ich ihr anderes geben als nur Liebe, wo sie doch meine Mutter ist— trotz allem!“ „Das„Zu soltt!“ macht iht Leben bitter gezu geben,“ bat ich. „Ja, das will ich. Nun habe ich wieder eine Aufgabe, und mein Leben hat einen Zweck.“ Wir gingen für dieses Mal, um später und oft wiederzukehren, und sahen, wie die beiden Frauen das Bild des Toten verklärten, die eine büßend, die andere im Glück vergoldeter Erinnerung. —2.— Der König und der krumme Korpora. Skizze von Oskar Döring. Der krumme Korporal hatte als grader, baumlanger Grenadier in vielen Schlachten gestanden. Stark wie zwei und furchtlos wie keiner hieb er drein, einem Bauern gleich, der mit dem Dreschflegel über dem Weizen ist. Gegen dreifache Uebermacht schlug er sich; seinen Hauptmann holte er aus einem Ring von Feinden. Das war ein Heldenstücklein, und der König belohnte es mit eigener Hand: der Grenadier rückte zum Korporal auf. Noch stärker und noch furchtloser schien der Korporal geworden zu sein. Da überwand ihn die Tücke. Ein versteckter feindlicher Soldat schoß ihm zwei Kugeln in die Haut. Die erste in die Hand, der Tapfere achtete ihrer nicht. Die zweite aber streckte ihn zu Boden; sie traf ihn schwer am Bein. Wie ein Baum, dem man die Wurzeln nimmt, sank der Korporal. Bittere Zeiten folgten. Der Feldscher schnitt und flickte; die Hand nahm er ab und das Bein. Nach einem Jahr aber war der Korporal so weit, daß er in seine Heimat gehen konnte. Einhändig und mit einem wackligen Stelzfuß kam er sich wie ein halber Mensch vor, zum Sterben noch zu viel und zum Leben zu wenig. Die Bauern im Dorfe machten bestürzte Gesichter, als sie den Krüppel die Straße heranstelzen sahen. Sie fürchteten für ihre Gemeindekasse und für ihre Suppenschüsseln, die sie dem Invaliden wohl vorsetzen müßten.„Wieder ein Nichtstuer und Fresser mehr!“ sagten die Geizhälse, und weil der Holzfuß noch nicht recht gehorchen wollte, nannten sie der Korporal fortan den krummen Korporal. Wie erstaunten die Bauern aber, als am anderen Tage der Invalide zu ihnen in die Stuben trat und um Arbeit bat! Er tat es mit aufrichtigem Herzen. weil er nicht untätig Almosen nehmen und nicht alle Tage bei einem anderen Bauern Uebriggebliebenes aus der Suppenschüssel löffeln wollte. Nun aber schüttelten die Bauern die Köpfe und bedauerten: sie hätten Dienstboten genug, Arbeit zu wenig; wenn er ihnen etliche Morgen Felder geben könnte, dann würden sie ihn wohl in die Arbeit stellen. Heimlich aber redeten sie so zu einander:„Wer nur eine Hand und einen Holzfuß hat, ist bei der Arbeit nur ein Halber— beim Fressen aber ein Ganzer! Was anders wäre es, wenn er in den Magen getroffen wäre.. Einer nur war im Dorf. der wollte ehrlich helfen, der Ortsoberste. Arbeit konnte er nicht selber geben, er war ein Handwerksmeister; aber die Bauern überredete er und bestellte den krummen Korporal zum Dorfhirten. Das gab wohl einen geringen Verdienst und eine magere Einnahme; aber ee war ein verdientes und kein erbetteltes Brot, und so nahm der Invalide den Hütstecken und trieb das Vieh auf die Weide.— Einmal lag er am Straßenrain, den einen Arm in die Erde gestemmt und mit den Fingern den Schnauzbart zausend, da kam eine gar prächtige Karosse aus dem Dorfe gerollt. Darin saßen etliche Herren, und obenauf thronte ein Kutscher in goldgesticktem Frack. Der Invalide. neugierig, richtete sich auf und trat an den Weg And als die Rosse auf eine gute Baumlänge herangekommen—— Him 8 2 2 * E E "*„ S 5—5 • 05 62 B E.8 # TagE S:z S 08 □ 2% STSEEGLSE Sszan * S 8 S. S. 6— S## 280•—55 5 SSEEp TyBEE Sebäume gomgaE SS23. 65 S 8 55 5 S Soß„PMÄEEE Za##.SS. THEPCOOERANP S88393 88R 86# 2— 9 5. SBSZOTEEGESSSELESLEGBER.““ SeßäpensS SSTASESSERSESESSEE 9 57 9 2 8 5 L **• B SSZL SSEPESUFEBASS S# anS SASSE uTEASE 0anPMEET S be#e20 merr uu zah er! Sein Rönig saß in Kutsche. Sein König! Da zuckte es dem krummen Korporal in den Gliedern. Ein Feuer brannte ihm darin, die alte Kraft, die alte Liebe entzündete sich an ihm. Stramm stand er,„Augen rechts!“ kommandierte er sich selber, und den Stecken präsentierte er. Die Kutsche hielt. Der König trat aus dem Wagen den sonderbaren Kerl zu beschauen; denn er wußte noch nicht, hatte er einen Narren oder einen Spitzbuben vor sich. Den Stecken bei Fuß zu nehmen, befahl der König. und ihm Red und Antwort zu stehen! Der krumme Korporal erzählte von Schlachten, von Kolin, von den zwei Kugeln, von dem Krankenlager und zuletzt auch wohl von den Bauern und ihren Geizhälsen; daß er sich aber schon daran gewöhnt und den Hutstecken nicht ungern genommen habe; denn Betteingehen ware noch viel übler, und Verdienst wäre Verdienst. „Und wieviel verdient Er?“ fragte der König mit ernster Miene. „Soviel wie mein König!" antwortete der Korporal. Seltsam lächelte der König über diese Worte und fragte erstaunt weiter:„Und, was glaubt Er, was ein König verdient?" „Soviel, wie er braucht!“ sprach der Korvoral.—— Noch in gleicher Nacht sprengte eines Eilboten Roß aus der Stadt. Beim krummen Korporal stieg der Bote ab und überreichte ihm einen schweren Beutel: der König ließe den braven Kerl grüßen und ihm 500 Taler schikken; wenn er mehr brauche, solle er es ungesäumt sagen; denn ein ganzer Kerl verdiene allzeit nicht genug... versstehen. Dav Retief der einen Schute zeigte, Demn Werk! Moche dir nichts darums. Nur Die Brücke Skizze von Marczell Jonkovics. (Autor. Uebersetzung aus dem Ungarischen von K. Willimsky.) In schwindelnder Tiefe tobte zornig der Grenzstrom zwischen den vereisten Felswanden. — Lautlos senkte sich der Schnee wie ein endloser Spitzenvorhang herab. Am Rand des in den Felsen gehauenen schmalen Pfades standen Menschen, zitternd vor Kälte, und traten sich im verglasten Schnee einen Platz. Sie blickten rechts und links und dann lange in die eisige Tiefe. „Wenn es hier möglich wäre,“ sagte der eine,„dann würde sich die Entfernung zwischen 10 fernung 3 Rom und Berlin und auch Kopenyagen um einen halben Tag verkürzen und dadurch sich das Leben von tausend und aber tausend Menschen um einen halben Tag verlängern Aber hier... an diesem Punkt, über diesen Fluß ist das un EErzelleng! möglich Auf dem Erdenrund gibt es kein„Unmöglich". Nur dort oben, wo die Sterne blinken, ist die Grenze menschlichen Willens und Wissens. Der Wille kann Felsen zu Staub zermalmen. Diesen kleinen Bach hier“— er wies auf den breiten wilden Fluß —„hann das Wissen leicht umarmen: mit Scchl“, „Es sei, Herr Ingenieur! Sie wollen und wagen viel. Versuchen Sie es!“ Das Toben des Flusses verschlang die Worte. —— Der Ingenieur rastete nicht, weder am Tage noch bei Nacht. Monate hindurch sann, rechnete und zeichnete er. Die Schneedämme sielen, langsam in das schäumende Wellengetöse. Die Eiszapsen brachen zischend zusammen. Auf dem südlichen User des Stromes erhob sich langsam der schlanke Brückenpfeiler, ein weißer Obelisk. Von der nördlichen Mündung des Tunnels wuchs das mit Minium überzogene Stahlgerüst von Tag zu Tag höher empor, als griffe aus der Felsenhöhle ein riesenhafter Drache mit roten Krallen nach dem andern User. bleiche Hundert und aberhundert Menschen arbeiteten im Schweiße ihres Angesichtes, bis anbrach. der große Tag anbrach. Laut fauchend rollte der erste Luxuszug aus dem Tunnel auf die Wunderbrücke, langsam und würdevoll, und blieb beim südlichen Brückenkopf stehen. Die internationale Kommission stieg aus. Der Meister der Zahlen und des Stahles führte die schwarzgekleideten, mit Orden geschmückten Herren glückselig über die Brücke. Der Frühlingsmorgen glänzte im Sonnenschein. Die Luft war kalt und kristallhell. Der Fluß trieb den Wintermantel der Julischen Alpen in Fetzen gegen die Adria. Die Steinblöcke zerschnitten die Wassermassen, daß sie wie Diamantgarben in die Tiefe stürzten. Dumpfes Brausen verschmolz wie endloses Festgebemeihte. Am südlichen Bruckenende, mächtigen Granitsänlet, Blieben die Männer roh ausgehauen, den Menschen des Nordens. Man sah nur das Antlitz, seine Gestalt ging verschwommen in die eisgraue Steinmasse über, wie wenn der Winter sie verschneit hätte. Die zweite Säule stellte den Sohn des Südens dar. krauslockiger Jüngling, bis zum Gürtel entblößt, wies mit hoch erhobenem Arm empor, wie wenn er rufen wollte: „Die Sonne scheint! Sieg! Sieg!“ Am nördlichen Brückeneingang, der unmittelbar aus dem Tunnel heraus wuchs, standen keine Steinsäulen. Nur zwischen den verbindenden Eisenpfosten der zwei riesenhaften, parallelen Stahlbogen, die einem Strahle gleich in die Höhe sprangen, sah man zwei geschmiedete Hande ineinander verschlungen, als wollten sie verkünden:„Wir gehören zusammen, wir sind Brüder.“ Alles war der Plan des Ingenieurs, alles war sein Werk. Alles redete von ihm, dem Helden des Willens und des Wissens. Die Gesellschaft bewunderte andächtig den silbern glänzenden, kühnen Stahl=Bogen, der in hundert Meter Höhe den tosenden Grenzstrom überspannte. „Oh,“ sagte der Konsul,„cest larc=en=ciel d'argent!" Der Silber=Regenbogen. Der Ausspruch des Diplomaten wurde zum geflügelten Wort. Von da an war dies der Name der Brücke. Seitdem eilen die Züge Tag und Nacht darüber hin. Sie bringen die glucklichen Reichen, die zu Hause frieren, in das Land des Sonnenzlanzes, zu den Ruinen Pompejis, zu den Orangelauben Sorrents, zu dem Dom St. Peters. Sie führen die Söhne des Südens in die germanischen Fabriken. Die endlosen Lastzüge rollen knarrend und pustend hinüber. Sie schlängeln sich hinauf aus der Ebene und bringen nach dem Norden den Marmor von Carrara, die Orange, die Seide.. Schön war es und gut.——— „Ruft den Brückenmann herein!" befahl mit trockener Stimme der ergraute österreichische General. Das letzte Wort war in dem Kanonendonner kaum verständlich. Der junge Hauptmann in der schmutzigchechtgrauen Uniform trat in die mit Tannenzweigen verhüllte kleine Holzhütte, wo ihn der General erwartete. Grüßend hob er zum unrasiere deren ten Gesicht die verletzte Hand, durch Verband das Blut hindurch sickerte. Der General blickte von der Landkarte auf. Prüfend zog er seine struppigen grauen Augenbrauen hoch und befahl:„Herr Hauptmann! Nehmen Sie soviel Soldaten als Sie für notwendig halten, und dann sprengen Sie die Eisenbahnbrücke.“ Der Offizier wankte. Kaum vernehmbar murmelte er vor sich hin:„Warum gerade ich?“ der Mensch ist so erbärmlich, daß er seine eigene Schöpfung nicht gerne zerstort, sondern nur die Werke anderer.. Keine Antwort. „Sieh, auch Gott zerstört das, was er jüngst erschuf. Mit einer Bewegung seiner Augenbrauen läßt er die schönsten Urwälder verschwinden und zu Steinkohle werden.. Sieh dort die schneeigen Spitzen der Giulia.. Sie vergehen. Die sie zerstörenden Kräfte sind grausamer als dein Ekrasit; die Sonne, das Eis und der Sturm zermalmen die Felsenspitzen. Dieser wilde Fluß hier unten schleudert die Steine, die einst in Morgenröte und Abendsonnenschein erglänzten, auf den Meeresgrund. Und werden nicht jeden Tag hunderttausend Geschöpse vernichtet, die wertvoller sind als dein„Silber=Regenbogen"? Die Menschen? Werden nicht viele der lustigen jungen Männer zu Krüppeln, zu Aermsten der Armen, und verwelken daheim nicht die verlassenen Mädchen und Witwen?“ Der Hauptmann antwortete nicht. Er starrte nur auf den zerbrochenen„Silber=Regenbogen". auf die zerrissenen Nerven seines Friedenslebens. Einige Stunden später beugte sich der Arzt über das Bett im Feldspital und sagte zur Nonne: „Man muß ihn mit dem nächsten Spitalzug hinter die Front bringen. Er hat keine Wunde aber es ist, wie wenn ihn der Schlag der Granate niedergeschmettert hätte.. Am User des Flusses tressen wir oft mit einem sanften freundlichen Herrn zusammen. Er geht auf und ab. Er bleibt stehen und fragt leise verlegen seine Bekannten: „Wißt ihr nicht, wo man hinüber gehen kann? Ich finde die Brücke nicht, die hinüberführt und die schwindelnden Abgründe zwischen den Völkern überspannt.“ Kopfschüttelnd geht er weiter, weil niemand ihm diese zeigen kann. □— Sparman Skizze von Otto Anthes. Haben Sie den alten Stadtrat noch gekannt? Eigentlich hieß er Spiermann, aber man nannte ihn allgemein nur Sparmann, weil er vom Trieb der Sparsamkeit geradezu besessen war. schon als junger Mensch bediente er sich bei jeder Gelegenheit der Wendung:„Ich mache das so und so, dabei spart man doch.“ Er mußte sich manchen Spott darum gefallen lassen, aber er blieb dabei, in Wort und Werk. Als er zum Erstaunen aller seiner Bekannten heiratete, fragte man ihn, wie das mit seinen Grundsätzen vereinbar wäre.„Oh“, erwidarte er überlegen Der General erriet seine Gedanken, er stand„das gerade. Sehen Sie, allen Aerger mit dem uuf uend maß ihn mit don Blichan:[Hauswirt mit dor Aufwartofrau mit der Mä, an, und gug un muit den Blichen: „Vorwärts, Herr Hauptmann! Wahrscheinlich glaubten Sie, der Krieg sei nur so eine Art gegenseitiger Höflichkeit... Wer sentimental sein will, soll als Frau zur Welt kommen.“ Der Hauptmann nahm seine Leute und ging. Beinahe laufend erreichten sie den nördlichen Brückenpfeiler. Nur schnell! Nicht denken! Mit zitternden Fingern legte er das Ekrasit. Alles entfernte sich. Ein ohrenbetäubendes Getöse ließ die Felswände erzittern, wie wenn es den Kanonendonner überschreien wollte. Der Mann sch, wie sich die schlanke Säule in der Staubwolke emporhob, wankte und in der Mitte zerbrach. Dann ein langes Poltern und Krachen. Der„Silber=Regenbogen“ lag zerbrochen in der Tiefe. Aus dem tobenden, wirbelnden Wasser hoben sich die ineiander verschlungenen Stahlhände heraus, dann brausten die Wogen über sie hinweg wie die Wassersnot über aneinandergeklemmte Ertrinkende Die beiden Steinsäulen des südlichen Pfeilers blieben stehen, aber das Eisengerüst schlug den Kopf des„Nordmenschen“ herab und stieß ihn auf einen Felsblock des Flußbettes. Von dem Gischt getrieben, glitt das Gesicht langsam auf einplatte der glatt geschliffenen Ste##atte herab, dann drehte es sich in den ausspringenden Schaumwellen. Der Hauptmann saß am Fuße der schlanken Lärchenbäume, auf den mit Anemonen geschmückten Rasen, und starrte in das Nichts, als wäre er blind. Als ginge ihn der Mord, der rings um ihn geschah, nichts an. Ein Kamerad, der sanfte Rittmeister, trat an ihn heran und legte ihm den Arm auf die Schulter. Zwei große Männertränen rollten eben über das sonnengebräunte rußige Gesicht escbe Seächer ies Aamsetaht Die luswilt, mit der auswarteftau, mit der WäPau scherin und mit wer weiß wem noch, den erspare ich mir jetzt. Den hat die Frau. Und für dasselbe Geld, für das ich im„Roten Ochsen" zu Mittag gegessen habe, essen wir nun nicht nur alle beide, sondern es bleibt noch immer etwas fürs Abendbrot übrig.“— Es kamen auch Kinder in dieser Ehe. Und wenn die Freunde dazu lächelten, sagte er:„Das versteht Ihr nicht. Kinder sind die beste Sparanlage. Wenn ich einmal ein alter Kerl und vielleicht auch Witwer bin, dann wird kein Mensch mehr etwas mit mir zu tun haben wollen. Aber meine Kinder müssen sich um mich kümmern, dafür sorgt schon das Gesetz.“— Nicht einmal die Geburt von Zwillingen warf ihn aus seinem Geleise.—„Die ersten Jahre“, sagte er, „sind die schlimmsten. Wenn man das nun mit zweien auf einmal abmacht, spart man Zeit.“ So lange er im Amte war, wirkte sich seine Leidenschaft hauptsächlich zum Nutzen der Stadt aus. Erst als er in den Ruhestand trat, verwendete er alle Kraft seiner Begabung auf die eigenen Dinge. Er wohnte am Markt und hatte vor seinem Hause eine besonders hohe und helle Laterne stehen: jedermann dachte, dies sei, um den Platz recht ausgiebig zu beleuchten, der doch mehr Licht brauchte als die engen Gassen. Nun wurde aber das neue Bogenlicht eingeführt; und eines Tages kamen Arbeiter, um die alte brave Laterne abzunehmen. Von da ab zeigte der Stadtrat eine merkwürdige Unruhe. Nachdem er mehrere Tage wie ein gequälter Geist umhergegangen war, erschien er mit einem Male bei seinem Nachbar Unsen, mit dem er sonst kaum ein Wort wechselte— er sparte auch an Freundlichkeit—. und suchte ihn zu bewegen, daß er eine Eingabe an den Magistrat mit unterschreibe der, behaltung der alten Laterne geforhert sen Sie,“ sagte er,#die Laterne war nicht umsonst so hoch und so hell. Ich konnte oben in meinem Zimmer ganz gut dabei lesen und schreiben. Und nun soll sie beseitigt werden. Das ist doch ein empfindlicher Verrust für mich.“ Die Laterne wurde trotzdem eingezogen. Aber obwohl der Stadtrat seitdem auf eigene Kosten eine Lampe brennen mußte, wenn er abends lesen oder schreiben wollte, wirkte der Kummer darum nicht eben lebenverkürzend auf ihn. Er brachte es auf achtzig Jahre. An seinem Geburtstage fand eine richtige Familientafel bei ihm statt, und im Hinterhatt tauchte sogar eine Flasche Sekt auf. Allerdings hatte er über die Verwendung dieses kostbaren Schatzes dem Dienstmädchen vorher schon ganz genaue Anweisungen gegeben, unter anderen die, daß die Damen nur ein halbes Glas bekommen sollten; die Flasche mußte also reichen, wenn das Mädchen sich an seine Vorschrift hielt. Als nun der Bürgermeister, der auch geladen war, sich zur Rede auf das Geburtstagskind erhob, ging die Marie um den Tisch und goß, dem Befehl gemäß, den Sekt ein, wobei der Stadtrat ihr mit blitzenden Augen folgte und ihr Tun überwachte. Aber— mochte es nun eine augenblickliche Vergeßlichkeit sein, oder wurde das dumme Ding verwirrt von einer Bemerkung, die einer der Herren ihr zuflüsterte— jedenfalls wurde das Glas der Tante Sophie richtig voll, es drohte sogar überzulaufen. Da rief der Stadtrat mitten in die Rede hinein, indem er den Zeigefinger befehlend gegen die Uebeltäterin ausstreckte:„Genug, Marie!“— Worauf der Bürgermeister, belustigt und geärgert zugleich, seine Ansprache jäh beschloß, indem er sagte:„Dann kann ich mir den Rest meiner Gedanken ja auch sparen. Unser lieber, alter Stadtrat, er lebe!“ Das tat der Stadtrat nun allerdings nicht mehr lange. Wenige Monate darauf legte er sich hin, um zu sterben. Als der Frau Stadträtin das Weinen ankam, sagte er:„Laß das, Klotilde! Und mach's mir lieber bald nach! Alte Leute, die nichts mehr leisten können, sind eine Verschwendung. Das Vaterland muß sparen.“ Dann verschied er. Weiber im Dorfe werden Nasen und Ohren aufsperren, wenn ich ihnen dieses Gespann vorfahre, und Kathinka...“, er zwinkerte listig mit seinen kleinen, wimperlosen Schweinsaugen,„Kathinka fährt mit. Ich werde sie einladen.“ Bei diesen Worten stieß er Petrikow, der ein schöner Mann, von muskulösem, schlankem Wuchs, mit schwarzem Schnurrbart und brennenden schwarzen Augen war, vertraut in die Seite und suchte sich fur Nikolai eine Leine heraus, die zugleich als Zügel und Kandare dienen sollte. „Wenn sie will, mag sie mitfahren. Was kümmert's mich?“ meinte Petrikow gleichmütig und ging aus dem Stall, um sich noch für kurze Zeit in der Scheune aufs Stroh zu legen. Er war wirklich sehr müde, hatte die ganze Nacht im Nachbardorf durchgetanzt, und das ging in die Beine; zumal, wenn man sich keine Blöße geben wollte und die Mädchen einem zuflogen. Borodien fluchte im Stalle umher. Rief über den geräumigen Hof zwei Burschen zu, sie sollstohlen zu Kathinka hinüber.— Enblich poot es ihm unter Fluchen und Drohen gelungen den Hengst, der kaum wußte, was man mit ihm vorhatte, mit Hilfe etlicher Burschen zwischen die beiden anderen Pferde und unter das Kummet zu zwingen. Viele kräftige Arme stemmten sich den prusienden und unruhig stampfenden Pferden entgegen und hinderten sie am Davonrennen. Vorodien schwang sich auf den Sitz des Wagens, ergriff die Zugel, blickte verstohlen, doch triumphierend zu Kathinka hinüber und fragte: „Willst du mit?“ Vor Schreck schoß dem Mäder das Blut in die Wangen, dann lief sie zu dem Wagen, kletterte auf den hinteren Sitz und ihre abenteuerlustigen Augen überflogen stolz die herumstehenden und staunenden Leute. Borodien blickte sich grinsend nach ihr um, dann befahl er:„Das Tor frei!“— Aengstlich und hastig wich die angesammelte Menschenmenge zurück und drückte sich, zum Teil Schutz suchend, hinter den Torflügeln und der Mauer. „Los!“ brüllte Borodien mit KommandostimDie Burschen sprangen zur Seite. Das me. -□)Nikolai Skizze von Rudolf Claassen. „Ich weiß nicht, was das ist“, sagte Petrikow zu dem Stallknecht Borodien,„mir zittern beim Wassertragen die Knie.“ „Wo warst du gestern abend?— Wohl bei deiner Kathinka", antwortete der stämmige Vorodien, stellte dem Hengst Nikolai, der neben der Stute Halka stand, den Wassereimer wuchtig vor die Nase, so daß das Wasser darin zum Teil vorbei schwappte, und ein listiges Grinsen, das wie Neid und Eifersucht aussah, verzerrte sein häßliches, pockennarbiges Gesicht zu einer Fratze. „Was geht es dich an?“ drummte Petrikow, streichelte der Stute Halka den Hals und fuhr ihr mit der Hand durch die üppige Mähne, als liebkose er das Haar einer Frau.„Hier in Okopie gehören jetzt alle Mädchen mir. Alle, seit den Grafen die Revolution gefressen hat. — Nicht wahr, Halka?“ Er kraulte der Stute die Stirnhaare und lächelte versonnen. „Ji bit twoj...!“ fluchte Borodien und wollte dem Hengst Nikolai, der den Wassereimer umgeworfen hatte, einen Fußtritt in die Flanke geben, wagte es aber nicht, denn der Hengst sah sich nach ihm um und legte die Ohren an.„Psia!“ zischte er durch die ausgebrochenen Zähne.„Warte! Heute ist Sonntag, da will ich dir, du Faulenzer, das Ziehen beibringen. Die Herren, Fürsten und Barone haben von uns in den Bleibergwerken Sibiriens auch das Arbeiten gelernt.— Ha!“ lachte er,„du hast adliges Blut? Kennst du noch nicht die Nagaika? Du sollst wissen, wer jetzt Herr in Rußland ist. Man sollte dich vor den Mistwagen spannen und dich peitschen, bis du blutest!" „Nikolai darf nicht eingespannt werden, der Verwaltungskommissar hat es verboten", mahnte Petrikow. Borodien wandte den Kopf und blickte wütend zu Petrikow hinüber.„Du bist ein Reaktionär. Paß auf, daß ich dir das nicht eintränke! Du willst den Schinder nur schonen, weil er verfluchtes adliges Blut ist und des Grafen Lieblingspferd war. Damit du's weißt: Wenn der Kommissar nicht zu Hause ist, bin ich Herr im Stall. Verstehst du? Heute spanne ich mir eine Troika zusammen und lade die Kathinka zum Spazierenfahren ein. Den Nilai, die Halka und die Tartar, die drei spanne mir ein. Ha, ha! lachte er und ging wiegenden Schrittes zu dem Geschirrständer.„Die Das Werk Der Mensch ist seines Glückes Schmied Wohl nur, wenn er eins hat. Und wenn er nie Erfolge sieht, Wird sacht sein Hammer matt. Bestimmung, Zufall, Mißgestirn, Sie nehmen ihren Lauf, Und keines Riesen Hand und Hirn Hält Schicksalsräder auf. Doch eins kann selbst der schwächste Zwerg, Dem alles sonst mißriet: Charakter ist des Menschen Werk: Da schmiede, schmiede, Schmied! Kory Towska. ten des Grafen Wagen aus dem Schuppen ziehen, und etliche andere Burschen, die aus Neugierde in der offenen Stalltür stehen geblieben waren, holte er sich zu Hilfe heran. Tartar ließ sich leicht aufzäumen und an den Volk johlte. Mit wuchtigem Satz sprang der Hengst in die Geschirre, riß die anderen Pferde mit sich, spannte alle Sehnen vor übermäßiger Wut. Borodien und Kathinka wurden in die Sitze geschleudert, Mie die wilde Jagd stob das Fuhrwerk durch das Hoftor. Die Weiber kreischten. Borodien schwang knallend die lange Nagaika. Aller Augen ruhten auf ihm. Dann sausten seine schweren Hiebe gut gezielt, mit unheimlicher Wut auf das schwarze, glänzende Fell der Hengstes, auf dem sich dicke Striemen abzeichneten.„—#4 Schneller und schneuer raste vas wespann die Dorfstraße entlang. Die Zuschauer hatten Zäune und niedrige Dächer erstiegen, um besser sehen zu können. Ta— ein Aufschrei! Kathinba wurde bei einer Biegung, die das rasende Gespann durchfuhr, aus dem Wagen geschleudert. Schreiend und jammernd rannten die Weiber die Dorfstraße entlang, um die vermeintliche Tote aufzuheben. Einige Jungen aber, die auf ein Tach gestiegen waren und besser sehen konnten, riefen sie zurück. Kathinka hatte sich erhoben und humpelte weinend ins Dorf zurück. Borodien, der immer noch wie rasend auf die Pferde einschlug, war inzwischen nicht unbeobachtet geblieben. Jetzt mußte er an jener krummen Fichte um die Ecke biegen. Atemlos, gespannt hafteten die Bliche aller auf der Troika. Jetzt!— jetzt!— da!—— Die Frauen hielten sich die Hände vors Gesicht und stöhnsührenden Furschen der swartete noch einen Augenbick, ab er nicht wie Peeteet auh#" Kathinka aufstehen und zurückkommnen, würde, „Tartar rechts, Halka links einspannen. Den doch nichts regte sich. Da ronnten aue ver ununter's Kummet in die glucksstelle zu. Petrikow war auch aus der Nikolai nehme ich Mitte!“ brüllte Borodien über den Hof. Dann machte er den schwarzen Hengst, der vor Aufregung und Zorn zitterte, die rosaroten Nüstern blähte, die Ohren abwechselnd anlegte und spitzte, den Kopf aufwarf und unruhig mit den Hufen scharrte, vom Krippenhalfter los und führte ihn, wütend an den Zügeln zerrend und untei Aufbietung all seiner Kraft, zu dem Wagen, wo die beiden anderen Pferde schon bereit standen. Hierbei vergaß er jedoch nicht die Fiuche, mit denen er seine Reden stets zu würzen pflegte. Im Torfe hatte sich die Nachricht von Vorodiens Vorhaben rasch verbreitet. Jung alt, Weider und Greise, waren in Erwartung des Schauspiels auf die staubige Dorfstraße geeilt und plapperten emsig, den Vorfall besprechend, durcheinander. Es war nicht anders, als auf den Rennbahnen in Leningrad, Berlin oder Paris. Hier wie da aufgeregte Menschen mit verschiedenen Ansichten über eine Sache, deren Ausgang niemand mit Bestimmtheit ahnen konnte. Dicht am Hoftor stand die blonde Kathinka, hatte die Hände in die Schüze gewickelt, und ihre großen, dunkelblauen Augen, die stets wie vor einem wundervollen Rätsel zu staunen schienen, blickten suchend und neugierig in den Hof Also Borodien hatte sich vorgenommen, den Hengst Nikolai, das wildeste Pferd in hundert Wierst Umkreis, einzuspannen und zu bändigen. Das mußte ein seltenes Schaufpiel abgeben. Ob es ihm wohl gelingen würde?——— grüber brsgartz isr Werschäh 90 allerlei gut er auf neinen. er verScheune gekommen, um dem Schauspiel beizuwohnen. Jeden Peitschenschlag, den Vorodien auf die Pferde hatte herniedersausen lassen, spürte er fast körperlich. Scheu umstanden alle den zertrümmerten Wagen. Dort lag Borodien. Er hatte sich bei dem Anprall an dem Baum den Schädel eingerannt und war schon tot. Mit stieren, blutunterlaufenen Augen blickte er dorthin, wo noch vor wenigen Minuten die Pferde im Walde verschwunden waren. Seine Faust hielt die Peitsche fest umklammert, als wollte er jetzt noch im Tode auf den schwarzen Hengst einschlagen. Sein Mund stand halb offen und schien im Augenblick des Sterbens einen Fluch zwischen den Zähnen behalten zu haben. Peirikow trat herzu, betrachtete die Leiche und die Trümmer.—„Borodien!“ stöhnte er, „Borodien!— Nikolai und Halka hättest du nicht einspannen sollen, Borodien, dann lebtest du jetzt noch.— Die Pferde sind edles Blut.— Sind besser als du, Borodien!“— Dabei rollten ihm diche Tränen in den schwarzen Schnurrbart. Einige Tage später wurde Vorodien unter allgemeiner Teilnahme begraben. Nach Wochen traf der Kommissar den Hengst Nikolai mit den beiden Stuten im Walde. Bedächtig legte er seine Flinte an die Wange und jagte dem Hengst sowie den Stuten je eine gut gezielte Kugel durch den Schädel. Dann brummeite er vor sich hin:„Adliges Pack, adlige Gäule.— Ich, Igor Stratwiniw, will alles Bürgerliche und Adlige erdrosseln, vernichten, srotten„zertrampeln.— Ihr hättet längst verrecken müssen. Ji bit twoj.... er, steckte neue Patronen in seine Flinte