„Akso, Herr L.arpfen, ein Gläschen Wein, ein Likörchen, womit darf ich aufwarten? Fühlen Sie sich ganz wie zu Hause!"
„O, ich danke. Ich trinke selten. Aber wenn Sie schon wollen, ich bin so frei, ein Gläschen Whisky."
„Ich freue mich doch so, Herr Karpfen, ein ehrlicher Finder, in diesen Zeiten, nein, sowas! Whisky, nein, leider, aber warten Sie, ein echdes Schwarzwälder Kirsch. Sohm!“
Er beeilte sich, das echte Schwarzwälder Kirschwasser zu holen. Dabei warf er noch einmal einen Blick in die Zeitung, auf die Anzeige, ob etwas von einem Finderlohn dastünde. Aber es stand nur die Anzeige des Fundes darin.
„Na ja, Frauen, wissen Sie, Frauen, ich sage Ihnen, man hauft ihnen nur diese teuren Dinge, damit sie sie verlieren, teuer, na, das heißt, es ist eben bloß ein Andenken, wissen Sie..“
Sie stießen an.„Fabelhaft, hm, sabelhaft!“ meinte der nette junge Mann und griff wieder in die Zigarettenschatulle.
„Wegen der Kette, ich muß Sie doch bitten, mir eine kleine Beschreibung— Sie verstehen!"
„Natürlich. Hm. Also eine ganz normale Kette, nur in der Mitte größere Perlen, und eine ganz große... es ist ein Andenken meiner Frau von ihrer Großtante, ich kenne daher die Kette, warten Sie mal, vielleicht ist meine Frau...“
„Nicht notwendig. Stimmt alles, stimmt alles!“ Der nette junge Mann öffnete die lederne Tasche, kramte ein wenig darin herum „Genau die Ihre, ich freu' mich doch so...“ Er zog ein Paket, in weiße Seide gewickelt, heraus.
Ah! da war die Kette. Schön, wertvoll. Herr Simpeter nahm sie in die Hand, seufzte hörbar erleichtert auf, ließ die Perlen durch die Hand gleiten. Dann sagte er rasch:
„Der Finderlohn, Herr Karpfen?“
„Wir werden keinen Richter nötig haben, ich bin froh, die Kette wieder..
„Sagen wir fünfzig...“
Bei dem Worte fünfzig hatte der nette junge Mann die Kette wieder ergriffen, eingewickelt und in der Tasche verschwinden lassen.„Ich werde das Kollier doch lieber der Polizei—“ „Sie sind ein Jdealist, Herr Karpfen. Wozu die Polizei? Also hundert Mark. Das Kollier ist unter uns gesagt ja nichts wert, bloß ein Andenken meiner Frau. Sie verstehen...“
„Schämen Sie sich nicht wegen Ihres Reichtums! Der Juwelier, dem ich das Kollier vorlegte, sagte...“
„Ich gebe Ihnen auch zweihundert, damit die Sache glatt— wie? in Gottesnamen, also dreihundert Mark, aber nicht'n Pfennig darüber. Ich bin ein guter Mensch, wissen Sie, und lasse mir den Spaß schon was kosten! Ihre schöne Tugend soll belohnt...“
Herr Karpfen, der aufgestanden war, setzte sich wieder gemächlich nieder, nahm sich eine neue Zigarette und dachte nach. Herr Simpeter zählte das Geld auf den Tisch. „Nur noch die Annonce, verehrter Herr" sagte der nette junge Mann.„Macht drei Mark und fünfzig.“
Karpfen holte die Perlenkette aus der Tasche, ohne Seide, und überreichte sie dem Herrn Simpeter. Und ging.
Unten im Haustor blieb der nette junge Mann stehen. Oeffnete die Tasche, packte die echte Perlenkette wieder sorgfältig in die weiße Seide und meinte:„Glück gehabt, mein Junge. Die letzte! Daß doch die Dummen nicht alle werden!"
Pfiff einen Schlager und war bald verschwunden...
„Hoho!“ wollte er ausbrausen, aber sie unterbrach ihn:„Von wem hast du sie eigentlich?“
„Von einem ehrlichen netten jungen Mann, einem Idealisten, Karpfen heißt er. Schmuck kauft man nur unter der Hand.“
„Damit man hereinfällt! Dein netter junger Karpfen war ein Hecht, mein Lieber! Vielleicht liest du einmal die Zeitungen gründlicher, deshalb sind sie ja da, damit du nicht wieder einem Schwindler aufsitzt, der auf diese Art glänzende Geschäfte macht!“
„Ein fabelhafter Kauf, ein glänzendes Geschäft!“ fiel es Herrn Simpeter ein.
„Daß die Dummen nicht alle werden!“ hörte er noch seine Frau sagen, dann entschwand sie ihen und blieb an diesem Tage von einer eisigen Zurückhaltung ihrem Gatten gegenüber.
Der Gatte konnte dem raschen Gang der Ereignisse noch immer nicht recht folgen.„Dann könnten wir doch“, meinte er nach längerem Nachdenken und zeigte auf den alten durchlöcherten Teppich,„diesen hier für die Aussteuer verwenden.“
„Aber Mann!“
„Niemeyer erzählte, daß die orientalischen Fürsten sich zum Beweise ihrer Hochachtung Teppiche schenken, die Jahrhunderte alt seien.“
„Gut,“ sagte die Gattin,„so werden wir unser altes Prachtstück dem Herrn Professor Niemeyer zum Beweise unserer Hochachtung schenken. Aber wir wollen damit bis nach der Verlobung warten. Sonst möchte am Ende nichts daraus werden.“
Der Teppich
Humoreske von Georg Persich.
Ee Bücherisch
Indessen freute sich Herr Simpeter ungemein.
„Meine Frau wird Augen machen! Ein fabelhafter Kauf! Für dreihundertdrei Mark fünfzig Pfennige eine echte Perlenkette, Schätzungspreis fünftausend Emmchen! Nee, daß die Dämlichen nicht alle werden!"
Und seine Frau machte Augen. Es wurde ein schöner Abend... Aber am nächsten Tage gab es einen gewaltigen Krach in der Familie. Frau Simpeter war natürlich zu einem Juwelier geeilt. Sie mußte doch ihren Freundinnen gegenüber ein wenig prunken können. Welche Milliardärsgattin hatte über Nacht solche königliche Haltung, solch ein Benehmen wie sie?— Frau Simpeter kam als keine Milliardärin aus dem Laden. Sie drückte die Tür ins Schloß und eilte, die Kette im Täschchen versteckt, msch nach Hause. Schweigend legte sie ihrem Gemahl die Kette vor die Nase. „Nanu?“ fragte er verwundert.
„Nanu?“ echote Frau Simpeter.„Behalte bein Kollier. Keine dreißio Mark wart!"
„Du meinst also, wir müßten ernstlich daran denken, uns einen neuen Teppich anzuschaffen?“
„Das meine ich schon längst, aber Du bist ja immer dagegen gewesen.“
„Bitte,“ sagte der Professor,„grundsätzlich war ich nie dagegen, nur wegen der besonderen Umstände.“
„Aber nun das Loch darin ist, siehst Du wohl selbst ein, daß es so nicht weitergehen kann.“ „Das Loch könnte man stopfen lassen. Ich
will aber zugeben——“
„Daß das Stopfen sehr unpraktisch wäre. Denn wie lange würde es dauern, dann wäre eine andere Stelle durchgetreten. Schließlich gibt es noch ein Unglück, wenn jemand mit dem Fuß darin hängen bleibt und fällt.“
„Ich bin schon zweimal barin hängen geblieben“, versicherte Lolo, die Tochter.
„Daran werden Deine spitzen Absätze schuld sein“, bemerkte der Vater.
„Aber man wird unseres schadhaften Teppichs wegen keine neuen Stiefelmoden einführen“, erwiderte die Mama.„Und wenn Damen zu Besuch kommen, kann ich sie nicht bitten, ihre Schuhe vor der Tür auszuziehen.“
„Nein, das kannst Du nicht, und wir werden
in der Tat nicht umhin können—— oder man
müßte den alten Teppich entfernen und nicht wieder ersetzen. Vom gesundheitlichen Standpunkte aus——“
„Vom gesundheitlichen Standpunkte aus könnte man auch die Gardinen von den Fenstern nehmen, könnte man ohne Kleider umherlaufen, weil alle Stoffe Staub= und Bazillenfänger sind. Aber weißt Du, was die Leute sagen werden? Professors können sich nicht mal mehr einen Teppich kaufen, mit denen muß es Matthäi am Letzten sein!“
„Ich habe doch bereits erklärt, daß ich grundsätzlich nicht dagegen bin“, lenkte der Gatte wieder ein.„Ich werde die Sache mit dem Kollegen Niemeyer besprechen.“
„Was hat denn Dein Kollege Niemeyer damit zu tun?"
„Er war wegen seiner Sprachstudien längere Zeit im Orient und kann am besten beurteilen, welche Teppichsorte die haltbarste und schönste
Die Frau Professor starrte ihren Mann mit offenem Munde an. Endlich fand sie die Sprache wieder.„Willst Du etwa einen echten Teppich kaufen? Und den haltbarsten und schönsten? Der würde ja Tausende kosten!“
„Tausende? Das wäre freilich zu viel für unsere Verhältnisse. Aber Niemeyer könnte trotzdem mitgehen und uns beim Aussuchen unterstützen.“
„Nicht nötig!“ antwortete die Gattin, und sie schien um einige Zoll zu wachsen.„Um es Dir nur zu sagen: Der Teppich ist schon ausgesucht und gekauft.“
„Wer hat ihn gekauft?“
„Ich und Lolo natürlich! Heute wird er uns zugeschickt werden. Es ist kein orientalischer, aber er kann sich sehen lassen. Das wird auch Niemeyer finden, der uns ja bald besuchen wird.“
„Hast Du ihn eingeladen—?“
„Nein. Zunächst wird sein Sohn kommen, der junge Doktor.“
„Er hat sich schon vorgestellt!“
„Er will— nun, er will um Lolos Hand anhalten.“
Jetzt war der Professor sprachlos. Sein Blick suchte die Tochter.
Lolo hatte glutrote Wangen.
Hm— da brauchte er wohl nichts mehr zu fragen.
„Ja, wir werden auch für Lolos Aussteuer Teppiche kaufen müssen“, sagte die Frau Pro#essor, und mütterliche Freude glänzte aus ihzen Augen.
In Reclams Universal= Bibliothek erschien: Friedrich Griese: Wittvogel Eine Erzählung. Mit einem Nachwort von Hans Knudsen. 80 S. Reclams UniversalBibliothek Nr. 6751. Heft 40 Pfg., Band 80 Pfg. Die Menschen, die der norddeutsche Dichter Friedrich Griese darstellt, sind von einer schwerblütigen, verträumten Art, die an die Gestalten Jens Peter Jacobsens erinnert. Stets sind sie mit der Natur, mit der Einsamkeit ihres weiten Landes zu einer seltsamen Einheit verschmolzen; die menschlichen Seelen spiegeln gleichsam die rauschenden Kornfelder, die knorrigen Wälder und tiefen Seen.— In der vorliegenden Erzählung wird die Entwicklung einer eigenartigen nordisch=herben Frauen gestalt von der Mädchenzeit bis zum einsamen Tode geschildert. Geschlagene und Sehnsüchtige, Triebgequälte und Erlöste, Starke und Unterliegende sind mit ihrem Schicksal verwoben, das über die Wirklichkeit der Erscheinungen hinaus auf eine höhere, übergeordnete Welt bezogen ist.
I. A. Barbey d' Aurevilly: Mit verdeck
ten Karten. Novelle. Uebertragung aus dem Französischen und Nachwort von Peter Jaff. 75 S. Reklams Universal=Bibliothek Nr. 6760. Heft 40 Pfg., Band 80 Pfg. Die vorliegende Novelle entstand im Jahre 1850. Fünfundzwanzig Jahre später nahm sie der Dichter in sein Werk„Die Teuflischen“ auf. Es ist eine Rahmenerzählung, deren besonderer Reiz darin liegt, daß der Erzählende das letzte Geheimnis seiner Geschichte selbst nicht kennt. Nur Ahnung und Andeutung einer dämonischen Leidenschaft hinter„verdeckten Karten“ bilden den Spannungsgehalt. Die von byronschem Geiste erfüllte Novelle stellt ein kleines Meisterwerk dar und zählt durch ihre hinreizende, unvergleichliche Sprachschönheit zu Barbeys besten„Teufelskindern“.
Kreuzworträtsel
—
K 53
35
8
5
Gieh
8
Verantwortlich: H. Semmelmann, Altena. Truck und Verlag: V. A. Santz. Altena.
S to
S 8 3
# s
Egema
98
252
9 2
" 2
13
9
5
00
9.
9
S EE FERFC
Beilage zum Altenaer Kreisblatt zugleich Neuenrader Zeitung
Nr. 20
Samstag, 21. Mai
1927
Galgenvögel
Skizze von Alfred Bohnagen=Leipzig.
Im Faubourg Poissoniere zu Paris sah ich, wie sich ein Gast mit dem Kellner herum quälte, um ein Glas Bier zu bestellen. Er konnte noch weniger französisch als ich; daher nahm ich mich als Dolmetscher gern seiner an. Auf diesen ersten Erfolg war ich natürlich sehr stolz.
Er hieß Wirges, stammte aus Rheinhessen, und war wie ich am gleichen Tage erst in Paris angekommen. Gleich mir suchte er Beschäftigung, wollte sein Wissen bereichern und goldene Schätze sammeln.
Den Weg dazu hatte er auf die denkbar verkehrteste Weise genommen: am Ostbahnhof ließ er sich von einem Camelot einfangen und in das vornehme Hotel de L. verschleppen, wo sonst nur die Hochfinanz oder berühmte Persönlichkeiten abzusteigen pflegen und wo man für die Uebernachtung in einem Himmelbett ala Marie Antoinette mit der Aussich“ auf den Opernplatz viel Geld bezahlen muß. In jugendlicher Unerfahrenheit wagte Wirges nicht, sein Gepäck dort einfach wieder abzuholen, um sich ein billigeres Unterkommen zu suchen. Er überredet mich, wenigstens eine Nacht gemeinsam mit ihm in jenem Hotel zu verbringen. Zum Schaden meines wenig gefüllten Geldbeutels sagte ich zu und ging, selbst unkundig der Gebräuche von Reisenden, mit Wirges am Abend im dreischläfrigen Himmelbett eines der ersten Pariser Hotels zur Ruhe Das Geräusch vieler Wagen, Iitraßenbahnen Omnibusse und Menschen weckte uns zeitig am anderen Morgen. Vom Balkon herab konnten wir nun Paris in den ersten Morgenstunden gerade am Brennpunkt seiner Herztätigkeit betrachten. Dann packte Wirges seine Handkoffer, wir reinigten unsere Schuhe notdürftig mit dem Taschentuche und verließen unser Zimmer, um irgendwo im Hause unsere Rechnung zu bezahlen. Natürlich herrschte hier noch überall tiefe Ruhe, und nur mit Mühe ließ sich in den vielen Korridoren ein Zahlkellner finden, der uns auf einem schönen Titelblatte für Uebernachtung, Bougies und Service(trotzdem wir nach Wirges' Meinung weder Bougies noch Services zerbrochen hatten) eine so erkleckliche Summe abnahm, daß wir uns wie Herzöge vorkamen. Erst später haben wir erfahren, daß es in Paris üblich ist. alle Lichter des Kronleuchters ohne Rücksicht darauf, ob sie gebrannt werden oder nicht(und sie werden nie gebrannt!), mit einem Franc für die Nacht zu bezahlen. Unser Kronleuchter war ein Kunsterk im Stile Louis XIV. und zählte dreißig Lichter!— In unserer Einfalt haben wir auch erst später erfahren, daß wir kein zerbrochenes Service, sondern ein reichliches Bedienungsgeld zu bezahlen gehabt hatten.
Wir fanden ein für Pariser Verhältnisse wohlseiles und nettes Unterkommen und begaben uns nun in die Vorstädte von Paris, um Beschäftigung zu suchen. Besonders schwierig st das natürlich für jemand, der die Landesbrache nicht beherrscht. Tag für Tag schlenerten wir nachmittags die Boulevards ent
lang, um wenigstens das Straßenleben in Paris kennen zu lernen. Da rempelte uns eines Tages ein kleiner Kerl mit bartstoppeligem Gesicht so heftig an, daß Wirges ihm gegen alle Gebote der Klugheit ein echt hessisches„Dunner noch emol, du Ochs!" nachrief.
Da wendet jener sich, wahrscheinlich aus Freude über unsere schöne Muttersprache, um und erwiderte:„Ha, Dütsch! Sind Sie Daitsche, meine Herren! Ha, wie lang hän ich nix Dütsches hier vernomme. Jo, und wo süd's her?
Muttersprache, Mutterlaut, o wie wonnesam und traut, besonders im Auslande, wo man um sich herum immer nur kauderwelschen hört und nichts davon versteht!
Wir waren bald vertraut; er sei ein Elsässer
aus Straßburg und ein Deutscher, wie er wich
tig betonte der in Paris ein großes Delikatessengeschäft habe und sich gern unserer annehmen wolle. Der Rheinhesse war Stuckbildhauer.
„Für ihn hab' ich Arbeit bei meinem Kussäh in Säntenih", sagte der Elsässer zu ihm. Aber für mich, einen Kunstschüler?—„Ha, wird sich scho au eppes finne!“— Fand sich auch schon anderntags, denn der Vicomte de Chalot suche einen Groom.
„Sie wisse nit, was ein Groom ischt? Ha, s'ischt eppes gut's. Ein Groom, das ischt der Mitfahrer, der Begleiter, der Reisemarschall. Ein Groom ischt ganz war Vornehmes. Da habe Se nix z' tu, da habe Se nix als aufz'passe, daß die Schähs nit geschtohle wird. Und Se verdiene viel Geld. Und wenn Se eppes geschpart habe und de Schprach könne, dann gehe Se zur Akkedemie, und vielleicht zahlts Ihne der Graf, denn er ischte kunschtverschtändiger Herr, den ich sehr gut kenne, weil ich ihm alle Täg die Artischokke und Krebse und Mayonähs und Kuitres und all die schöne Sach liefere. Also seie Se nit verschlage; das nehme Se an. Und nu los, daß mer Sie placiere, alsdann fahre mer, hier der Schukadöhr und ich, zu meinem Kussäh nach Säntenih.“
Und so gingen wir denn los: geradeaus, linksherum, wieder geradeaus, durch eine Passage, eine krumme Straße hindurch, einen Bogen herum, wieder geradeaus, rechtsherum,
und so weiter. Es war ein beschwerlich langer Weg, über eine Stunde lang und immer im Menschengewühl herum.
„So“, sagte unser Menschenfreund zum Rheinhessen,„hier ischt e Bierrestorah, do warte Se e Weilche, daß ich den Mosjöh da zum Herrn Grafe hinüber schaff. In dih Minütt bin ich widder do.“
Und dann gingen wir beiden unseres Weges, wieder ein paar Straßen herum, dann in ein anderes Bierrestaurant mit zwei Ausgängen. „Hier warte See Weilchen, bis ich mit dem Herrn Concierge geschproche hab.“
Nach„dih Minütt“ war er wieder bei mir: „Fein isches“, sagte er.„Aber die Liwräh müsche Se kaase. Hawe Se Geld?“
Ich hatte keines, denn eine innere Stimme gebot mir, meinen kleinen Goldschatz im Brustbeutel dem Menschenfreunde zu verheimlichen.
„No, wölle sehen, ob mers anders mache könne. Warte Se ein halb Stund do, ich will den Concierge beschwätze.“
Aber der Menschenfreund ging nicht zum Concierge, sondern zum Rheinhessen im anderen„Restorah" und beschwätzte diesen, ihm gegen das Versprechen sofortiger Rückerstattung seinen ganzen Goldschatz von drei Zwanzigmarkstücken für mich auszuhändigen. Damit verschwand der Menschenfreund und wurde nicht wieder gesehen.
Uns beiden, dem Rheinhessen und mir, hatte nämlich das Warten zu lange gedauert. Wir fragten jeder für sich den Weg ins Hotel zurück, das wir in ganz kurzer Zeit erreichten. Der Elsässer hatte uns also im Kreise herum geführt. Im Hotel gab es eine erregte Auseinandersetzung, als der Geschäftsführer meinte, der Vicomte de Chalot wohne wahrscheinlich in den Wolken und der Concierge sei dort sein Türpförtner.
Der Rheinhesse rüstete sofort zur Abreise, das zeld dazu bekam er von mir. Als ich nun
Geld dazu bekam er von mir. Als
meine deutschen Münzen am Wechselschalter des Bahnhofs in Francs umzuwechseln suchte, kam behutsam tastend unter meinem Ellenbogen hindurch eine fremde Hand, die fingernd am Schalterbrette, gedeckt durch einen Knäuel von Menschen, mein Goldstück zu erlangen suchte. Aber plötzlich zuckte die Hand zurück. Der Kerl, dem sie gehörte, erhielt von dem hinter mir stehenden Wirges einen kräftigen Schlag auf den Kopf und wurde sofort von der Polizei ergriffen. Es war unser Menschen
freund, der Elsässer, ein sehr gesuchter Galgenvogel, den das Schicksal so schnell ereilte.
Die Polizei war über den Fang sehr erfreut. Wir aber auch, denn es handelte sich um einen Verbrecher, auf dessen Ergreifung eine Belohnung ausgesetzt war. Die Belohnung war immerhin so groß, daß Wirges seinen Aufenthalt in Paris noch um zwei Wochen verlängern konnte.
—..—
„Disziplin muß sein“.
Ein Histörchen aus der„guten alten Zeit“ von Richard Blasius.
Die Bürgerwehr hatte einen neuen„Härrn Oberscht" bekommen in Gestalt des Seilermeisters Benjamin Lippmann. Die Ernennung dieses in jeder Hinsicht ehrenwerten Bürgers zum Kommandanten der Wehrmacht von Schinkenburg war nicht so ganz glatt abgelaufen. Ein hoher Magistrat hatte anfangs einige Bedenken gehegt, sintemalen der kleine, etwas krummbeinige Benjamin Lippmann infolze seiner Beschäftigung gewohnt war, durch Rückwärtslaufen vorwärts zu kommen. Man hatte befürchtet, des Städtchens Wehrmacht könne unter seinem Kommando allzu große Neigung zu Rückzügen„aus strategischen Gründen" entwickeln. Doch schließlich hatte sein Aeußeres zu seinen Gunsten entschieden, allerdings nicht sein dackelbeiniges Untergestell, sondern sein martialischer Schnauzbart, der in seinem Träger fast irgend eine Walroß=Abart vermuten ließ.
Lippmann wußte um die Bedenken einer hohen Behörde und war nun natürlicherweise vom ersten Tage seines Amtsantrittes an bemüht, den augenscheinlichen Beweis dafür zu erbringen, daß er dennoch der rechte Mann am rechten Platze sei.
„Disziplin muß sein,“ hieß seine Losung, die er seinen Untergebenen von einem vier Seiten langen, gegen hundert Paragraphen enthaltenden Zettel vorlas, als er zum ersten Male säbelrasselnd die Front abschritt. Das größte Aergernis bereitete ihm der reichliche Schnupftabakverbrauch während des Dienstes. Daher lautete§ 87. Abschnitt M:„So aber einer sich erzeiget, daß er unter Gewehr seine Nase fülle, erhält er zwölf Stunden Prison.“
Eines Tages meldete sich der soeben von seiner Torwache abgelöste Gardist, der Strumpfwirker Leberecht Hommeier, zum Rapport bei Herrn Oberst Lippmann.
„Nu häre bloß emal, Lippmann..
„Er ist im Dienst. Ich bin sein Oberst.“
Das„Er“ glaubte Herr Oberst Lippmann dem alten Fritz nachahmen zu müssen.
„I nun freilich, das weeß ich wohl. Aber härn Se bloß...“
„Stüllgeschtandän!“
Hornmeier lehnte seine Schrotflinte an die Wand, nahm gemächlich die Hacken zusammen und kratzte sich mit der Rechten verlegen hinter den Ohren.
„Was hat Er zu melden?"
„Se, se ham's Schilderhaus gemaust.“
Der Oberst wurde käseweiß, gleich darauf puterrot.“
„Wo?“ brüllte er.
„Nu, am Tore.“
„Wer?“
„Das weeß ich nich.“
„Mänsch, Hornmeier, das mußte doch gesähn ham.“ Vor Schreck war der Kommandant aus der Rolle gefallen.
„Ich hab nischt gesähn. „Ja, wieso denn nich?“
„Ich war gerade mal heem gegang'n!“
Auf eigenmächtiges Verlassen des Postens stand zwar die hohe Strafe schimpflichen Ausschlusses aus der Wehrmacht auf die Dauer von zwei Monaten— gänzlicher Ausschluß hätte leider die völlige Entwaffnung Schinkenburg