Der Kautschal
Von F. K. Chilflard=Hamburg,
Die tropische Morgensonne kost mit den Blättern der Gummibäume, die sich ihr, von kundiger Hand in Reih und Glied gepflanzt, schlank und rank entgegenstrecken. Sie spielt in zittrigem Licht über die braunen Leiber der Eingeborenen, die geschäftig von Stamm zu Stamm eilen, um das Blut der Bäume, das sich über Nacht in kleinen Gefäßen gesammelt hat, einzusammeln. Um aber an den Saft zu gelangen, werden die Bäume—, allerdings erst mit 7 Jahren, denn erst dann sind sie zapfreif und liefern eine gute, reine Gummimilch,— angeschnitten, und zwar mit zwei mäßig breiten Schnitten, die im spitzen Winker zusammenlaufen, um sich in einem geraden fortzusetzen, den ganzen Stamm herunterreicht. Die gewonnene Gummimilch wird dann gesttz, d. h. die überflüssige Feuchtigkeit wird ihr entzogen; der zurückbleibende Brei wird zu großen Klumpen geformt, die dann über offenem Feuer gehärtet werden.
Polternd und krachend stürzen die Gummikisten auf Gleitbahnen vom Lastauto, das den Gummi direkt aus dem Bauche des Ozeanriesen geholt hat, in den tiefen Keller. Geschäftige Hände befreien den Gummiblock von seiner Umhüllung um ihn dem Kochkessel zu übergeben. Mürbe gemacht und von allem Schmutz befreit, wird der Gummi durch Walzen gepreßt und dabei dauernd mit warmem Wasser bestrahlt. Zu dünnen Fellen gewalzt und wie Mürbeteig eingeschlagen, ruht der Gummi nun endlich in warmem Trokdenräumen von seinen Strapazen aus.
Viele Walzungen, viele Mischungen, die tiefstes Geheimnis der Chemiker sind, lassen uns endlich den gänzlich veränderten Gummi unter geschickten Arbeiterhänden wiederfinden. Einmal formt man ihn, indem man dünne Platten aneinanderkledt, zu Wärmeflaschen, Eisbeuteln und Sitzkissen, zum Wohle der Kranken. Andermal nimmt man vier gleichmäßig geschnittene Stückchen in Blattform, klebt sie aneinander und legt sie in Formen, die aussehen wie die in denen die Hausfrau Törtchen bäckt ,nur dop
gelt genommen, schiebt diese Formen in Heizen und läßt den Gummi gar werden; heraus kommt der Ball, wenn auch noch nicht in der ganz runden Form; geputzt, aufgeblasen und bemalt bildet er das Ergötzen der Kinderwelt. Die Gummipuppen gehen einen ähnlichen Weg. Wieder ein anderes Mal gibt man dem Gummi
schon beim Mischen bunten Farbstoff bei, aus in dann sein gewalzten Platten schneidet und demalt man Krokodile, Seehunde, Haifische und ähnliche Vertreter des nassen Elementes, zur gleichmäßigen Freude für jung und alt. Damit der Selfmademan auf Pneus fahren kann, muß der Gummi sich recken und strecken, in großen Formen, die schon ein getreues BBild des Reisens geben, sich härten lassen. Damit das zarte Geschlecht in seinen dünnen Schuhen bei Schlackwetter keine nassen Füße bekommt, wird der Gummi auf Stoff gewalzt und gepreßt um dann auf Aluminiumleisten in fließender Arbeit zu schön geschwungenen Schuhen in moderner Form verarbeitet zu werden. Damit im heißen Sommer das Gras und die Blumen, die Freude unserer freien Stunden, nicht vertrocknen, tritt schnell der Gummischlauch in Tätigkeit; zu diesem Zweck wurde der Gummi auf lange Eisenstangen gewickelt, mit Stoffschichten untermischt, und unter Dampfdruck geheizt. Kaum hörbar gleitet unser Fuß auf den großen Ueberseern durch prunkvolle Räume, Gummiteppiche, in bunten Farben und anmutigen Ornamenten, bedecken den Boden. Damit endlich tief unten, im Bauche des Schiffes, kein Unglück passiert, sind die Kessel mit Gummi, der mit Asbest untermischt ist, abgedichtet.
Nun ist nicht alles, was aus den Händen der Arbeiter hervorgeht, Qualitätsware. Es ist heiß in den Arbeitsräumen, der Arbeiter schöpft frische Luft, geht zum Kaffee=Eimer und labt sich, er versieht sich in der Uhr, der Dampf wird zu spät abgestellt, der Gummi kommt hart und brüchtg aus der Form und wandert in den Abfall. Der Chemiker irrt sich in der Mischung, Neues wird ausprobiert, man kennt sich noch nicht aus,„unbrauchbar“ ist das Resultat, also in den Abfall. Aber nichts kommt um, der ganze Abfall wird von den Stoffen und ähnlichen Aggregaten befreit und wandert wieder in große Kessel. Er wird gemischt, mit Chemikalien untermischt, geklärt und getrocknet, um dann als Regenerat den einzelnen Mischungen beigesetzt zu werden. Denn nicht in jedem Fall wird reiner Gummi verarbeitet, das wäre unrationell hinsichtlich der Preise, es ist auch gar zicht immer erjorderlich.
Wer würde in den großen Abfallägern, in den abgenutzten Pneus, zerrissenen Kissen, heruntergewirtschafteten Schläuchen die einstmal goldig glänzenden Gummiselle wiedererkennen. Genau wie alles andere kennt der Gummi ein Sterben, hat aber doch schon manchen Dienst geleistet, bevor er vergeht.
=.—
Die erste Meerschaumpfeise
In der ungarischen Hauptstadt Pest lebte 1723 ein Schuhmacher namens Karol Kowates, dessen Geschicklichkeit im Schnitzen von Holz und anderen Stoffen ihn in Verbindung mit dem Grafen Andrassy brachte, dessen Günstling er wurde. Bei seiner Rückkehr von einer Mission in die Türkei drachte der Graf ein Stück weißen Tons mit, das man ihm des leichten spezifischen Gewichts wegen als Kuriosität zum Geschenk gemacht hatte. Da es porös war, kam dem Schuhmacher der Gedanke, ob es sich nicht etwa gut für eine Pseise eignen würde, da es ja das Nikotin aufsaugen würde. Er machte den Versuch und schnitzte eine Pfeife für sich und eine für den Grafen. Bei seiner Berufsarbeit konnte er natürlich die Hände nicht sauber halten, und so kam manches Stückchen Schusterwachs in Berührung mit der Pfeife. Doch anstatt schmutzig zu werden, als Karol die Pfeise abwischte, zeigte der Ton überall einen klaren braunen Glanz, wo Wachs darin eingedrungen war, statt des matten Weiß. Nachdem er die Ursache des Glanzes festgestellt, wachste er die ganze Oberfläche und polierte sie. Als er sie nun rauchte, nahm sie eine wunderbare Farbe an, und es fiel ihm auf, wie mild die Pfeise nach dem Wachsen schmeckte. Als andere Aristokraten von den wunderbaren Eigenschaften dieses sonderbaren Tones hörten, ließen sie solchen in angemessenen Mengen zur Herstellung von Pfeisen kommen. Der natürliche
Mangel an diesem geschätzten Material und die hohen Importkosten jener Zeit beschränkten ihren Gebrauch auf die reichsten Aristokraten, bis es um 1830 zu einem allgemeinen Handelsartikel wurde.— Die erste von Karol Kowates hergestellte Meerschaumpfeise befindet sich im Pester Museum.
Rotschild und die Frankfurter.
In der letzten Märzwoche des Jahres 1848 ging es in Frankfurt am Main sehr aufgeregt zu. Im Volke gärte es und man ging bereits dazu über, die Häuser der Reichen zu plündern. So drang auch eines Morgens ein Haufen Männer in das Haus Rotschilds, um den Millionär zu sprechen. Einer von ihnen trat als Sprecher auf. Der Sinn seiner Rede war: Die Reichen müßten nun ordentlich hergeben, sonst würde das Volk sie zwingen, mit ihnen zu teilen. Rotschild antwortete darauf:„Nun, da wollen wir gleich mit dem Teilen anfangen. Herr Buchhalter,“ rief er,„legen Sie die Quittungsbogen hin.“ Sich an die Leute wieder wendend, rief er:„Wieviel Vermögen glauben Sie wohl, daß ich habe?" Der Sprecher erwiderte:„10 Millionen Gulden," und vermeinte damit etwas Ungeheures zu sagen. Rotschild bemerkte:„Wir wollens verdreifachen. Es ist zwar noch etwas weniger, was ich besitze, aber ich will eine runde Summe nennen. Wie viele Deutsche gibt es?“—„Gegen dreißig Millionen“, sagte der Buchhalter.—„Nun, das macht auf jeden Deutschen also gerade einen Gulden.“ versetzte Rotschild.„Quittieren Sie, meine Herren. hier auf diesem Bogen den Empfang eines Guldens, so wird der Buckhalter einem jeden von Ihnen seinen Gulden geben.“ Die Leute sahen erst ganz verdutzt aus, dann nahm aber jeder von ihnen seinen Gulden und quittierte.„Ihr könnts auch draußen weiter sa
gen, meinte Rotschild,„daß jeder, der hereinimt und quittiert, seinen Gulden erhalten wird.“ Und so geschah es auch am selben Tage. Es fanden sich viele Guldenabnehmer ein, und am Abend brachten betrunkene Volkshaufen dem pfiffigen Rotschild ein Hoch.
Eine gute Idee.
Fürst Metternich, dem der Johannisberg mit seinem herrlichen Wein gehörte, war ein leidenschaftlicher Autographensammler. Er besaß Handschriften von fast sämtlichen französischen Dichtern und Berühmtheiten, mit alleiniger Ausnahme des damals bekannten Akademikers Jules Janin. Er wandte sich mit der Bitte um Zusendung einiger eigenhändiger Zeilen an diesen. Der berühmte Feuilletonist zerbrach sich nicht lange den Kopf über die Abjassung eines großen Gedanken, sondern übersandte dem Fürsten ein Blatt mit folgender prosaischer In
schrift(in Uebersetzung):„Habe von Seiner Hoheit, dem Fürsten Metternich, hundert Flaschen Johannisberger erhalten. J. Janin.“ Metternich lachte und bezahlte den glücklichen Einfall Janins mit hundert Flaschen des berühmten Rheinweins.
Allerlei Wissenswertes.
Napoleon litt an der Zwangsvorstellung, an allen Gebäuden die Fenster zählen zu müssen.— Das scheinbare Geschnatter der Gänse stellt die ausgebildetste Art dar, in der sich Tiere verständigen.— Die deutschen Meere sind mindestens 400 Quadratmeilen groß.— Als Friedrich Wilhelm III. sich seine Zähne in Ordnung bringen lassen wollte, mußte er zu diesem Zweck nach Paris fahren.
Kanarienvögel in Kohlengruben.
Mit der Beilegung des langwierigen Kohlenstreiks in England ist man sich drüben erst über den gesamten Umfang der hieraus der englischen Wirtschaft entstandenen Schäden und Verluste richtig klar geworden und versucht nun mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln, die verlorenen Absatzgebiete Schritt für Schritt zurückzuerobern und die Grubenbetriebe selbst auf möglichst rationelle Grundlagen zu stellen. So haben beispielsweise einzelne Bergwerke in jüngster Zeit umfassende Maßnahmen getroffen, um künftig die zahlreichen Gasvergiftungs= und sonstigen Unglücksfälle auf ein Mindestmaß zu beschränken. Beachtung verdient darunter eine seltsame Neuerung. Das ist die Einführung von Kanarienvögeln in verschiedenen Schächten. Diese Vögel, die gegen Einfluß von Kohlendioxyd erwiesenermaßen sehr empfindlich sind, werden dort als Gasposten verwandt. In kleinen Bauern werden die Vögel von den Steigern in die Gruben transportiert. Schon bei geringster Gasgefahr gleiten die Vögel sofort zu Boden und ermöglichen es somit den Arbeitern, sich rechtzeitig in Sicherheit zu bringen.
Ein Zulu=Diplomat.
Makulumana, der in Südafrika als„Erstminister der Zulus" bekannt war, ist vor wenigen Wochen in Johannesburg gestorben. Makulumang war seit Jahrzehnten der erste Ratgeber der Zuludynastie. Es wird sogar behauptet, daß er bereits im großen Zulukriege König Cetewayos' einflußreichster Berater gewesen ist. Auf alle Fälle hat er Freud und Leid Dinizulus, des Sohnes Cetewayos, geteilt. Er befand sich mit Dinizulus' Sohn in Johannesburg, als er einer Krankheit anheimfiel und starb.
Stolzes Herrschergefühl.
Einen besonders hervorstechenden Charakterzug von Nationalstolz und Herrscherwürde zeigte ein Khan der Tartarenstämme am Jenissei. Wenn er in seinem Fellzelt sein aus Eselmilch, Pferdefleisch und Kumis bestehendes Diner gehalten hatte, schickte er einen Herold hinaus, der mit lauter Stimme allen Fürsten und Herren dieser Erde verkünden mußte, daß es nunmehr auch ihnen gestattet sei, ihr Mahl zu sich zu nehmen.
Immer noch das Bagno von Guyana.
Aus Suriname, dem holländischen Teil Guyanas, mehren sich wieder die Nachrichten über Belästigung durch geflüchtete Insassen des französischen Bagno. Kürzlich kamen vier zugleich auf der Siedlung Potribo am Oberlauf des Grenzflusses Commewyne an, von denen drei vorzüglich Neger=Englisch sprachen. Wenige Tage später langte ein anderer in einem geborstenen Kahne an. Er war erschöpft und machte einen Versuch, am holländischen User zu landen, was jedoch von den Siedlern verhindert wurde. Die abenteuerliche Flucht führt über große Entfernungen durch Urwald, bis der Fluß erreicht ist. Die erwähnten vier Flüchtlinge hatten einem Siedler ein Boot gestohlen, das ihnen jedoch wieder abgenommen wurde. Um die unerbetenen Gäste los zu werden, gab ihnen der Pflanzer ein altes Boot, mit dem sie weiter den Fluß abwärts trieben.— Die Bevölkerung dieser fast menschenleeren Gebiete empfindet Angst vor diesen Asreißern, unter denen sich die raffiniertesten Verbrecher befinden. Besonders Frauen und Kinder fürchten sie. Man erwartet, daß der Zustrom von Flüchtlingen noch zunehmen wird, da ihnen jetzt an vielen Stellen des Oberlaufes des Grenzflusses die Landung nicht mehr gestattet wird.— Man sieht, trotz aller Reformvorschläge in Paris ist im französischen Bagno alles beim Alten geblieben. Wann wird in diesem„Psefferlande“ einmal gründliche Aenderung geschaffen werden?
Verantwortlich: H. Semmelmann, Altena.
Druck und Verlag: P. A. Santz, Altena.
—
Beilage zum Altenaer Kreisblatt zugleich Neuenrader Zeitung
Nr. 4
Donnerstag, 27. Januar
1927
Bauopfer
Von Pros. Dr. R. Stüde.
In„Wallensteins Lager" erzählt der erste Jäger, wie Wallenstein als Student der Nürnbergischen Universität Altdorf einmal mit dem Kerker Bekanntschaft machte:
„'s war just ein neugebautes Nest,
Der erste Bewohner sollt es taufen,
Aber wie fängt er's an? Er läßt Weislich den Pudel voran erst laufen.
Nach dem Hunde nannt sich's— bis diesen Tag.“
Schiller hat diese Anekdote einem Werk vom Jahre 1635 entnommen, wo sich auch die von Schiller gegebene Deutung findet. Indes hat diese Wallenstein=Sage— denn nur solche ist es— einen anderen Sinn gehabt. Sie knüpft an den verbreiteten Glauben an, daß jedes neue Bauwerk ein Menschenleben fordere. Wer ein neues Gebäude, eine neue Brücke als erster betritt, der ist nach deutschem Volksglauben dem Teufel oder einem bösen Dämon verfallen. Deshalb forderte jedes neue Bauwerk ein Opfer, das man in die Fundamente lebend einmauerte. Und zwar waren es ursprünglich Menschenopfer besonders Kinderopfer, die auch in Deutschland noch vor einigen Jahrhunderten gebracht wurden. Der Glaube an die Notwendigkeit solcher Bauopfer, um dies Bauwerk zu vollenden und dauerhaft zu machen, lebte noch im 19. Jahrhundert.
Warum aber wurzelt solcher Brauch und Glaube so unausrottbar fest in den Menschen? Die Antwort lautet: es ist ein allgemeiner Besitz der ganzen Menschheit, ein Erbstück aus primitiver Denkweise seit vorgeschichtlicher Zeit. Diese primitiven Grundlagen im Menschen aber werden von der Kultur zwar meist verhüllt, aber ganz schwinden sie niemals. Zumal Zeiten der Not und des Leidens erwecken wieder Anschauungen und Bräuche, die längst in Vergessenheit gesunken schienen. Der Weltkrieg hat es überall bewiesen.
Um das Bauopfer zu verstehen, muß man die primitive reliciöse Anschauung beachten, wonach die ganze Natur— der Boden, die Gewässer Felsen, Bäume usw.— von dämonischen Mächten bewohnt sind. Wenn der Mensch in der Natur Aenderungen vornimmt, z. B. ein Haus baut, so greift er störend in den Herrschaftsbereich eines Dämons ein. Es müssen also Maßnahmen getroffen werden, diese Dämonen zu versöhnen oder ihre Zustimmung vorher zu gewinnen. Dem ersten Zweck dienen die Bauopfer, für den zweiten dienen zahlreiche Maßnahmen bei verschiedensten Völkern, die im Chinesischen Fung=schui, der Bestimmung der Grabstätte, am höchsten ausgebildet sind.
Noch heute erforschen die arabischen Nomaden, ehe sie ein Zelt aufschlagen, die Sachverständigen, ob der betreffende Platz von einem Dämon bewohnt oder für menschliche Niederlassung frei ist. Das gleiche besagt das lateinische Wort für Priester„pontifex", d. h. eigentlich„Brückenbauer". So heißt der Priester nicht etwa deshalb, weil in älterer Zeit der Priesterstand auch über die nötigen technischen Kennt; nisse verfügte. Der Bau einer Brücke ist ein Eingriff in das Herrschaftsgebiet des Stromgottes, der das Werk hindern oder schädigen wird. Hier ist es die Aufgabe des Priesters, durch magische Mittel den Dämon zu beschwichtigen. Daß der Dämon ein Opfer fordert, beweist die Tatsache, daß bei keinen Bauwerken menschliche Bauopfer so häufig sind wie bei Brücken. Als 1841 in Halle die Elisabeth=Brücke gebaut wurde, war die Furcht, daß man ein Kind in die Fundamente einmauern werde, weit verbreitet. Und daß die moderne Göltzschtal=Brücke in
Winterliche Kleinstadt
Müde die Post nach Hause knarrt,
Reif hängt an Kutscher Christophs Bart; ein paar Gesichter an den Scheiben. und leise, leise Flocken treiben.
Ein Kramladen steht tannbekränzt, davor ein junges Auge glänzt, und über alle Herrlichkeiten zage, fernsüße Lieder gleiten.
Grau fällt die Dämmerung herein, der Abendhimmel glüht wie Wein, die ersten Lichter leuchten.
Dann ist ein Sternlein ausgewacht.
Ein Märchen steigt vom Himmel sacht und will die Augen feuchten.
Ludwig Bäte.
Sachsen ein lebendes Kind eingemauert sei, ist ein im Volke verbreiteter Glaube. Von zahlreichen Burgen, Kirchen, Klöstern und Deichen wird erzählt, daß der Bau erst vollendet werden konnte, nachdem ein Mensch eingemauert war. Gewiß sind das Bausagen; daß in ihnen aber ein wirklich geübter Brauch nachlebt, beweisen die menschlichen und tierischen Skelette, die beim Abbruch alter Bauwerke im Gemäuer gefunden sind. In einem Pfeiler des Schleswiger Doms sind 1888 die Gerippe zweier Menschen gefunden, und 1861 fand sich im Fundament eines alten Rathauses ein Kinderskelett; hier ist kaum andere Deutung als die eines Bauopfers möglich. Auch das Verbot menschlicher Opfer seitens der christlichen Kirche und die kirchliche Forderung:„Nimm als Grundstein einen Schafbock oder einen Stier“ weisen auf die Tatsache menschlicher Bauopfer hin. In der Tat haben denn Tiere das Menschenopfer abgelöst. Wir finden Pferde. Rinder, Scha,e Ziegen, Katzen, Hunde und Kröten als Bausopier. Und wenn in einem sächsischen Ort nock vor wenigen Jahrzehnten Eier in die Fundamente eingemauert wurden, so sind sie als ein Ersatz des Huhnes zu verstehen.
Menschliche Bauopfer aber können wir in vorgeschichtlicher Zeit schon und überall auf der Erde feststellen. Ueberraschend waren die Funde bei den Grabungen in Tell el Mutesellin und Gezer in Palästina, wo sich im Mauerwerk eingebaute Tonkrüge mit Kinderskeletten fanden. Danach ist wohl die Stelle 1. Könige 16, 34 von menschlichen Bauopfern zu verstehen. Ok wir in Funden aus der europäischen Steinzeit Zeugnisse für Bauopfer sehen dürfen, mag dahingestellt bleiben. Dem Altertum ist das Baulopfer durchaus bekannt gewesen; noch unter Trajan wird ein solches beim Aufbau von Antichonia in Syrien berichtet. Zahlreiche Zeugnisse für Bauopfer haben wir aus Indien, SiamJapan, Südamerika und Afrika.
Die Entwicklung anderer Anschauungen hat dann Ersatzformen für das Bauopfer geschaffen. Von ihm zu trennen ist die Bestattung von Verstorbenen im Boden, auf dem das Haus steht Hier wirkt der Glaube, daß der Verstorbene als Schutzgeist des Hauses ihm verbunden bleibt. Die Bauopfer haben ursprünglich den Sinn eines Opfers, durch das ein Dämon besänftigt werden soll, in dessen Bereich das Werk des Menschen eingreift. Noch in junger geschichtlicher Zeit dienten Kinder als Bauopfer, für die man eine Geldsumme als Ersatz gab. Wie beim Opfer überhaupt trat dann auch hier an die Stelle des Menschenopfers das Tieropfer und das Einmauern von Dingen,
die in irgendeiner Beziehung zu lebenden Wesen stehen. Die letzte, noch heute gebräuchliche Form des Bauopfers ist das Einmauern von Geldstücken, wie es etwa im Schlußstein von Denkmalen eingelegt wird.
—.2—
Westfälische Bauernhochzeit
Von Reinhold Berger=Münster.
Unter den deutschen Ländern nimmt die Provinz Westfalen eine ganz eigenartige Stellung ein und übt seit alten Zeiten einen seltsamen Reiz auf Gemüt und Phantasie aus. Es liegt auch heute noch etwas Urgermanisches sowohl in der Landschaft als auch im Volke. Ernst und melancholisch ist das Westfalenland, enthält Sumpf und Moor, Heide und Wälder, aber auch weit ausgedehnte, goldene Kornfelder, prächtige Weiden und schöne, reiche Bauerngehöfte.
Etwas Knorriges, Festes, Frisches ist in dem echten Westfalen, und dennoch verbindet sich hiermit eine träumerische Gefühlsweichheit, Schwung der Empfindung und Schwärmerei. Wie überall, so hält auch hier der Bauernstand an dem Alten, Ueberlieferten fest. Ernst und tief faßt er auch Sitte und Religion auf. Es ist daher erklärlich, daß bei so ernsten, teffuhlenden Menschen sich auch das Familienleben fest und innig gestaltet. Hochzeit und Kindtaufe begeht der Westfale mit der üblichen Feierlichkeit. Die Hochzeit aber wird nicht nur ihm, sondern auch der ganzen Gemeinde zum schönsten Fest. Da bricht die Fröhlichkeit, die im Grunde jedes Menschengemütes wohnt, wie Frühlingssonne durch Nebelwolken und leuchtet und strahlt heiter und erquickend. Der sonst so sparsame Bauer gibt jetzt mit vollen Händen. An diesem Tage sollen alle fröhlich sein: alt und jung, Hojknecht und Tagelöhnerkind. Er fühlt sich heiter und glücklich, und alles, was er sieht. soll desgleichen sein.
Das Paar ist eingesegnet. Die Kirche liegt wieder in der friedlichen Stille hinter den Linden. Der Mesner verschließt die Traugeräte, und der Pfarrer schreitet seiner Wohnung zu. Musik tönt aber jetzt im Dorje. Brummbaß und Geige und die geschwätzige Klarinette wetteisern mit der schmetiernden Trompete. Die Hochzeitsgesellschaft sammelt sich zum Zuge. Voran schreitet das Brautpaar, echte„westsätinger" Leute. Er, groß, stark, knochig, arbe#gewohnt, sich der Würde des Mannes durchaus bewußt, das Herz voll Liebe und das Gesicht vor Freude weich; sie, schlank, mit edlem, altdeutschem Frauenprofil, die Krone von Goldblättern und Moosblumen auf dem Kopfe und Scham und Sinnigkeit im Gesicht.
Jetzt ist das Haus erreicht! Die Musikanten machen halt vor der Ture, um dem Brautpaar den Vortritt in die neue Heimat zu lassen. Flinten und Pistolen knallen in betäubender Lustigkeit. Die Kinder rufen und jubein. Tusch auf Tusch bläst die Musik, und mit der Bürgerfestigkeit des zukünftigen Haushälters setzt der Bräutigam den Fuß auf die Schweue. Schelmisch und voll blühender Lebenslust lacht das Gesicht der schönen Brautführerin hinter der Braut, sinnvoll blickt die zweite auf die Freundin, welche jetzt das große Ziel erreicht.
Der Forstmann aber mit dem kecken Käuzchenflügel auf dem Hut legt die Hand auf Marikens Schulter und flüstert ihr ins Ohr: „Siehst, Mädel, so könnten wir es auch haben, wenn du nur wolltest."
Der glückliche Schwiegervater hat drei, wohl auch vier Jacken übereinander angezogen zum Zeichen, daß er etwas vermag, und die Rose in seinem Knopfloch ist noch röter als sein freudiges Gesicht, und er setzt seinen Stock mit einem Ausdruck auf die Erde, der deutlich sagt: