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Christine Rasmussen kostete dem guten Knut eine Masse Geld und alle Weiber unserer guten Stadt Stege zogen natürlich ein schiefes Maul; erstens, weil sie nicht so hübsch, und zweitens, weil ihre Männer knickeriger waren; sie ließen an der feschen Christine, die so oft zu ihrem Vergnügen nach Kopenhagen fuhr, kein gutes Haar. Was das lebensfrohe, junge Weib nicht weiter anfocht.
Das ging so lange, bis eines Tages die recht drüftige Skandalchronik von Möen um einen interessanten Fall bereichert wurde.
Es war die Zeit, wo das Fallissement einiger Bankhäuser viel Unheil anrichtete. Darunter befand sich auch die Bank, mit der Knut Rasmussen in Verbindung stand, und der er den größten Teil seines Vermögens anvertraut hatte.
Am Abend hatte er noch einen glänzenden Hausball gegeben, dessen Mittelpunkt seine schöne Frau bildete, und ais er am anderen Morgen die eingehenden Briefe las, sah er zu seinem Schreck, daß fast sein ganzes Vermögen von dem Vankerott seiner Bank aufgeschluckt worden war.
Er fluchte, rannte mit dem Kopf gegen die Wand daß sein harter Schädel brummte— doch das brachte ihm seine schönen Kronen natürlich nicht wieder zurück.
Ta wurde Knut Rasmussen von wilder Verzweiflung ergrissen. Der Gedanke, vor seine angebetete Frau hintreten und ihr das ganze Unheil enthüllen zu müssen, bereitete ihm Höllenqual. Nicht daß er unter dem Pantof= sel stand und Angst hatte, aber es war ihm satal.
Knut Rasmussen war immer ein Freund von schnellen Entschlüssen gewesen, und eine Portion Abenteurertum steckte ihm im Blute; Erbteil von einem Ahnen väterlicherseits, der wegen Seeräuberei vor grauen Jahren am Galgen geschaukelt.
Bald war Rasmussen“ mit sich im reinen Der Rest seines Vermögens genügte, um seine Frau für fünf bis sechs Jahre vor Entbehrungen zu schützen. Sie konnte also besser ohne ihn als mit ihm auskommen. So entschloß er sich sein Heim und die Insel Möen, ja, sogar Dänemark zu verlassen, ohne sich erst lange von seiner Frau zu verabschieden.
„Denn,“ so kalkulierte er, wenn ich Christine sage, daß ich fortgehen will, um— wie ich beabsichtige— in Australien mein Glück zu versuchen, so wird sie es entweder nicht zugeben oder gar mit mir reisen wollen. Und in Australien, dessen Goldminen mir zu neuem Wohlstande verhelsen sollen, wie dies bei meinem alten Freunde Niels Baggesen geschehen . in dem gesegneten Erdteil Australien kanr ich mich unmöglich mit einer Frau belasten.“
Nachdem er das Geld, das ihm geblieben, für Christine in Sicherheit gebracht hatte, dampfte Knut Rasmussen zwei Tage später ohne Abschied von Kopenhagen nach Sydney und ging von dort zu seinem Schulfreunde Baggesen in die Minen, um der spröden Erde ihre goldgelden Schätze zu entreißen.
Ueber das plötzliche Verschwinden ihres Ehegatten war Christine Rasmussen untröstlich. Sie vergoß viele Tränen, schluchzte und heulte und— kaufte sich ein neues schwarzseidenes Trauerkostüm, das der blonden Dame entzükkend stand. Dankbar gedachte sie ihres verschwundenen Gebieters, der trotz des Bankeretts gut für sie gesorgt hatte. Sie trauerte ein ganzes halbes Jahr, doch als auch dann noch keine Nachricht von ihm kam, vertauschte sie an einem schönen Maimorgen das schwarzseidene mit einem hellen, duftigen Sommergemand
Sie hatte keine Lust mehr, die Penelope zu spielen und auf ihren Odysseus zu warten. Sie war hübsch und nicht unempfindlich gegen die Freuden dieser Welt. Warum also trauern um etwas, das sie für immer verloren hielt?
Wenn eine Witwe untröstlich geworden ist, so ist sie es zuweilen nur so lange, bis sie einen Tröster gefunden hot. Und den galt es, zu suchen
Der Lenz war gekommen und Frau Christine übersiedelte eines Tages nach Kopenhagen, um in der Großstadt den Trost zu suchen, den sie auf ihrer kleinen Insel nicht finden konnte.— In der lebensfrohen Stadt am Oeresund mischte sich Christine Rasmussen in das lustige Treiben der Welt, in der sie nicht über Mangel an Bewundern ihrer Schönheit zu klagen hatte. Nach drei Jahren wurde Christine endlich des oberflächlichen Daseins müde; auch ihr kleines Vermögen war stark zusammengeschmolzen u. so entschloß sie sich, die Bewerbung eines ihrer reichsten Verehrer anzunehmen. Ihr Gatte war tot— daran war nicht zu zweifeln. Sie besaß es zwar nicht schwarz auf weiß, daß und wo er
selig entschlafen sei. Aber ein Mann, so folgerte ihr weibliches Rechtsgefühl, der seine hübsche Frau böswillig verläßt und drei lange Jahre kein Lebenszeichen von sich gibt— wenn
sein.
er nicht tot ist, verdient er es zu
Sie ließ durch einen kundigen Advokaten die nötigen Formalitäten erledigen, die ihr eine neue Ehe ermöglichten, und an einem kühlen Novembermorgen vertauschte sie ihren Namen mit dem profanen einer Frau Möller. Sie trat zum zweitenmal in den Stand der heiligen Ehe und verlebte mit Jens Mozart Möller idyllische Flitterwochen in einer gemütlichen Pension in Skodsborg am Oeresund.
An ihren ersten Mann dachte sie nicht mehr. So sind manche Frauen! Nicht nur die dänischen...
—— Inzwischen hatte Knut Rasmussen in
den australischen Minen mit zähem Fleiß gearbeitet und manchen Schweißtropfen vergossen. Zum Briefschreiben besaß er weder Zeit Lust noch Gelegenheit. Als gemachter Mann wollte er zu seiner Christine zurückkehren. Wozu also erst Briefe abfassen.
Endlich aber, endlich, war ihm der große Schlag gelungen. Er war auf eine ergiebige Mine gestoßen und hatte sich etwa eine Million Kronen ergraben.
Flugs wollte er nach Dänemark zurückkehren. Doch an dem Tage, da sein Dampfer abging, wurde er von den Blattern ergriffen und so mußte er trüben Sinnes ins Krankenhaus wandern. Es dauerte lange Zeit, ehe er sich von seinem Krankenlager zum erstenmale erheben konnte. Das geschah an demselben Tage da seine angebetete Frau mit ihrem zweiten Manne vor dem Altar für ewig verbunden wurde.
Jens Mozart Möller, ihr Zweiter, war ein
schwächlicher Herr. Er hatte viele Fehler, darunter einen Herzfehler. Aus diesem Grunde war ihm vom Arzt das Trinken verboten worden. Was er dahingehend auffaßte, daß er nicht trank, sondern soff.— Wenn er gesoffen hatte, dann wußte er nicht, was er tat. Denn sonst würde er sein schönes Weio doch nicht geprügelt haben. So hatte die arme Christinc in ihrer zweiten Ehe zwar nichts zu lachen, aber trotzdem war sie einigermaßen zufrieden Denn Jens Mozart Möller verdiente eine bannige Masse Geld.
Viele Monate mußte Knut Rasmussen seine Ungeduld noch zügeln, ehe sein geschwächter Körper sich soweit gekräftigt hatte, daß er die lange Seereise wagen konnte. Da er seine teure Frau zu überraschen gedachte, so hatte er es unterlassen, sie von seiner Rückkehr zu benachrichtigen. Aber auf der Dampferfahrt malte er es sich aus, wie seine Christine ihm um den Hals fallen, wie sie ihn abküssen würde. Hatte er sich doch ihr zuliebe den wallenden Vollbart abnehmen lassen, der ihr stets so sehr mißfallen. Jetzt ging er glatt rasiert, wie ein Mime, womit er ihr eine besondere Freude zu bereiten glaubte. Und dann hatte sie früher immer über seine Korpulenz gehechelt. Er, der einstens dick wie ein Großschlächter gewesen, war nun dürr wie ein Stockfisch geworden.
Wenn er an das Wiedersehen nach all' den langen, arbeitsharten Jahren dachte, dann gingen ihm die Augen über und sein Herz weitete sich vor Freude.
Endlich— endlich war er wieder daheim angelangt. Er eilte in seine alte Wohnung— aber einen anderen traf er darin, einen Fremden, den er nicht kannte und der ihm nicht sagen konnte, wo Christine geblieben war. Da ging Rasmussen zu seinem Jugendfreunde Wilhelm Tryde. Der erkannte ihn nicht. Als Rasmussen sagte, wer er sei, stutzte Tryde, sah ihn befremdet an und schüttelte den Kopf. Und erst als Rasmussen mit näheren Einzelheiten aufwartete, war Tryde überzeugt, den Genossen seiner Jugendstreiche vor sich zu haben. Er begrüßte ihn herzlich, konnte ihm jedoch über Christme nur sagen, daß sie nach Kopenhagen übergesiedelt sei. Von dort hatte sie nie wieder etwas von sich hören lassen.
So dampfte Knut Rasmussen am nächsten Tage nach Kopenhagen, um seine Frau zu suchen. Aber auf dem amtlichen Zentralbüro, wo er ihre Adresse zu erfahren hoffte, wußte man von keiner Frau Christine Rasmussen, die aus Stege auf Möen nach Kopenhagen gekommen war. Doch Rasmussen ließ sich nicht beirren. Er bestand darauf, daß eine Frau Christinc Rasmussen existieren müsse oder wenigstens existiert habe. Und schließlich fand der überaus höfliche Beamte, daß eine Frau dieses Namens jetzt Frau Möller heiße, ihr Mann aber vor einigen Tagen am Delirium=tremens gestorben sei und in einer Stunde auf dem AssistenzFriedhof beigesetzt werden solle.
Rasmussen war starr. Ihn schwindelte und er trank ein Glas Wasser. Die kühlende Flüssigkeit beruhigte ihn einigermaßen. Auch sein Zorn legte sich. Er dachte nach. Was tun? Vor allem seine Frau wiedersehen. So nahm er die Straßenbahn und fuhr nach dem Assistenzfriedhof, wo er der Beerdigung seines Nachfolgers beiwohnte.
Seine treulose Frau, die noch ebenso hübsch wie früher war, schluchzte und weinte und schien fassungslos und untröstlich. Die Untröstlichkeit war ihr ja kein ungewohntes Gefühl mehr!
Christinens öffentliche Trauer gab ihm sozusagen einen Stich ins Herz. Denn er liebte sie trotzdem noch und war eifersüchtig auf den Toten, der sie besessen. Aber schließlich— Jens Mozart Möller war nun hinüber und er selber lebte. Und dieses Leben gedachte er fortan zu genießen. Mit seiner Frau, die ja nun wiederum Witwe geworden war. Sie erkannte ihn nicht; denn als er ihr nach der Beisetzung sein Beileid ausdrückte, dankte sie zwar höflich, mit einem schmelzenden Aufschlag aus ihren schmerzumflorten Augen, aber sie sah ihn ein wenig befremdet an. Offenbar wußte sie nichts
mit diesm unbekannten Leidtragenden anzu
fangen. Vielleicht, daß sie ihn für einen Geschäftsfreund des Verblichenen hielt. Auch als Rasmussen seinen Namen nannte, focht sie das nichts an. Der Name Rasmussen ist in Dänemark ja nicht selten.
Am andern Vormittag kaufte sich Knut Rasmussen einen neuen Anzug, in dem er so schneidig aussah, wie es ihm bei seinem pockennarbigen Gesicht nur immer möglich war, und trat bei Frau Möller an.
Nach den ersten Begrüßungsworten fragte er ungeduldig:„Aber Christine, kennst Du mich denn nicht? Ich bin doch Dein Mann.“
Sie bekam einen heftigen Schreck, denn sie glaubte, einen Irrsinnigen vor sich zu haben. Schnell faßte sie sich.„Mein Mann ist gestern beerdigt worden. Sie selbst waren ja so aufmerksam, der Beisetzung beizuwohnen.“
Knut machte ein hämisches Gesicht.„Gewiß. Gott sei Dank! Aber ich bin nicht Dein zwe.ter Mann, sondern Dein erster Mann.“
„Unmöglich,“ rief sie, ihn immer noch nicht erkennend.„Mein erster Mann ist leider auch tot.“
„Aber ich lebe doch!“
„Darum können Sie auch nicht mein erster Mann sein,“ beharrte sie hartnäckig.„Er ist seit Jahren tot, denn er hat nie mehr ein Lebenszeichen von sich gegeben und die dänische Behörde hat ihn für verschollen erklärt.“
Da holte Knut seinen Trauring aus der Tasche hervor mit den ihr wohlbekannten Namensinitialen, den eingravierten Daten ihrer Verlobung und Hochzeit. Und als sie immer noch zweiselte, zog er im Handumdrehen Rock und Weste aus, öffnete das Oberhemd und präsentierte die Tätowierung auf seiner Brust, einen
Hering.
In diesem feierlichen Augenblick des Erkennens erschien das Hausmädchen, das sich bei dem seltsamen Anblick kreischend wieder entfernte.
Frau Möller=Rasmussen wollte das Bewußtsein verlieren, überlegte es sich aber rechtzeitig und fiel statt in Ohnmacht ihrem Manne um den Hals.
Nach der vom Gesetze vorgeschriebenen Trauerzeit trat Frau Christine wiederum den Weg zum Standesamt an. In ihrem bewegten Leben zum dritten Male— aber mit ihrem ersten Mann.
Auflösung aus voriger Nummer: Magisches Quadrat:
Schach:
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Verantwortlich H. Semmelmann, Alte: Druck und Verlag: P. A. Santz. Altena
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Nr. 40
Samstag, 10. Oktober
1925
Die Großmutter
Erzühlung von Hilde Brand.
Bei Wegeners war ein Junge angekommen; er stand im Mittelpunkt des Interesses, nicht allein bei den Eltern, sondern auch bei deren Wirtin, Frau Bergmann. Wegners wohnten nämlich möbliert. Sie waren seit zwei Jahren verheiratet, hatten vor ihrer Hochzeit als Wohnungssuchende vom Wohnungsamt eine Karte mit der Nummer 40 523 erhalten, und es war ihnen in Aussicht gestellt worden, daß sie etwa in fünf Jahren ein Heim bekommen würden.
Im ersten Jahr ging alles herrlich. Sie wechselten dreimal ihr Asyl,— aber der Umzug war weder schwierig noch kostspielig. Guten Mutes meinten sie in den ersten vier Wochen stets, daß sie sich verbessert hätten, bis sie nach und nach merkten, daß' sie doch wieder übers Ohr gehauen wurden.
Anders wurde es, als der kleine Erdenbürger sich meldete. Als ihre letzte Virtin seine bevorstehende Ankunft merkte— Wegeners hatten sich gehütet, ihr Mitteilung über ihre frohen Hoffnungen zu machen,— hatte sie ihnen sofort gekündigt.
Die Wohnungssuche war nun nicht leicht gewesen. Ueberall, wo Frau Wegener hinkam, wurde sie mit einem Blick gemustert und dann war das Zimmer immer soeben vermietet gewesen. Schließlich hatte sich Herr Wegener für einen Tag frei gemacht und sein Heil versucht. ir wurde sehr freundlich empfangen, fand auch ald, was er suchte,als er aber von dem bevortehenden Familienereignis sprach, schlug die ame die Hände über dem Kopf zusammen und agte:„Kindergeschrei,— beim Himmel, das ehlte uns noch!", und alle Vereinbarungen wurden rückgängig gemacht. Auf zwei anderen Stellen ging es ihm ebenso. Schließlich versuchten sie es, sich in eine Wohnung einzuichmuggeln. Nach acht Tagen wurde ihnen der ündigungsbrief durch die Türe gereicht. Da, n hörhster Not, hatten sie endlich bei der guten rau Bergmann ein Obdach gefunden. Als err Wegener ihr ängstlich und ganz zaghaft on den guten Hoffnungen seiner Frau sprach, hatte sie ihm herzhaft auf die Schulter geklopft und gesagt:„Na nu, machen Sie keine Leichenbittermiene. Kinder sind ein Himmelssegen. Ich bin sechsfache Großmutter und sehne mich ordentlich nach Kindergeschrei. Hoffentlich wird's ein strammer Junge!". Als Herr Wegener dieses seiner Frau berichtete, fiel sie ihm um den Hals und sagte bloß glückselig:„Nein. daß es heutzutage noch solche Menschen in der Großstadt gibt, hätte ich nicht gedacht!“— Frau Bergmann hatte mit Rat und Tat geholfen und keine Großmutter konnte an dem runzeligen, schreienden Würmchen mehr Freude haben als sie. Sie pflegte die junge Mutter in den zwei ersten Tagen mit Liebe und Erfahrung, und es war eitel Sonnenschein im Hause.
Am dritten Tag kam Frau Wegener Mutter. Sie war eine resolute Gastwirtsfrau aus einer kleinen Stadt, brachte schwere Pakete mit Eßwaren mit und riß sofort das Regiment an sich.
Wenn die Tochter in Dankbarkeit die freundliche Hilfe ihrer gutherzigen Wirtin erwähnte. so kniff die Mutter nur die Lippen zusammen. und als Frau Bergmann einmal über den Wagen gebeugt mit sanften Worten das schreiende Bübchen zu beruhigen suchte, da schob sie sie etwas unsanft zur Seite und sagte barsch:„Lassen Sie doch das Getue; Hunger hat der Bengel.“
Frau Bergmann ging etwas beleidigt hina:
uin0 Frau Wigand brummte vor sich hin:„Jetzt n ich hier Großmutter,— garnichts hat sie reinzumischen!", und reichte den kleinen ####reihals der Mutter.
Was Frau Bergmann erfahren und besonnen für Mutter und Kind eingerichtet hatte,
das stieß sie um. Das Kind war schlecht ge
bettet; sie holte aus ihrem Gepäck ein dickes Federkissen, in dem das Würmchen wie in einer Grube versank. Die Fenster, die so lange bei dem warmen Sommerwetter geöffnet waren, wurden fest verschlossen. Dann wurde die Wohnung mit lauter Stimme schlecht gemacht und über den hohen Mietzins räsonniert. Frau Wegener suchte zu beschwichtigen, aber sie kannte ihre Mutter, die sagte stets recht laut das, was sie dachte.
Frau Bergmann ließ sich von dem Moment an nicht mehr blicken,— aber wenn die beiden Alten draußen in der Küche das Mittagbrot bereiteten, dann schallte stets zu der vor Aufregung zitternden jungen Frau derbes Gezänke. Die Stimme ihrer Mutter kannte sie ja,— aber sie staunte auch über Frau Bergmanns Zungenschlag. Wenn die Mutter dann
Wandrer, Wandrer sind wir alle!
Wie nach großem Blätterfalle Hilflos irrt das Laub im Wind— Wandrer, Wandrer sind wir alle, Mann und Weib und Greis und Kind.
Sag, woher bist du gekommen,
Seele?— Aus der Dunkelheit!
Und welch Ziel hast du genommen, Seele?—— In die Dunkelheit!
Hört ihr's?— Anfang und das Ende, Immer war's die Dunkelheit!
Reichen wir uns still die Hände,
Wir verirrten Wandersleut'!
Franz Karl Ginzkey.
SCLEE
hereinkam, war sie hochrot im Gesicht, mehr vom Aerger als vom Kochen und unterhielt die Tochter die ganze Zeit bis zum Schlafengehen über die Unverschämtheit der Wirtin.
„Natürlich, Ihr bezahlt das Gas, da kann sie sich ihr Rindfleisch auch vier Stunden lang koschen, und den größten Topf nimmt sie für ihre paar Lumpen Wäsche und läßt sie kaput schmoren— bloß um Euch zu ärgern. Und gesagt hat sie, aus Gnade und Barmherzigkeit habe sie Euch aufgenommen, bei der Miete! Und an Deinen Tellertüchern wischt sie ihre Messer und Gabeln ab und“— dabei dämpfte Frau Wigand doch etwas ihre Stimme—„ob sie
aus Deinen Büchsen nicht auch kocht———
Aennchen, Du bist solch' Schaf! Die Alte lohst Du stets in Deinen Briefen,— na,— ich danke!“ Dabei lief sie, das Federbündel,— aus dem unaufhörlich ein dumpfes, unter: sches Geschrei erklang,— hin und herschaukelnd, in der Stube umher.
„Mutter, gib mir den Kleinen, Du machst dich ja halb tot; heutzutage schaukelt man die Kinder nicht mehr so viel.— Du verwöhnst oon!“
Frau Wigand hielt in ihrer Wanderung inne.
„Tas hat die Dir w.hl arch eingelerat?“ Sie mochte eine Bewegung nach der Nachbar tür. Ich hab' meine Kinder auch groß gekriegt, ohre die Madame Bergmann zu kenInen!“ Und damit beginn sie von neuem ihren Parademarsch im Zimmer, daß in der Wohnung unter ihnen die Lampe zitterte.
„Ach, wenn die Mutter doch bloß abreiste,“ uste###e abends die junge Frau ihrem Manne zu„Sie macht es noch, daß uns Frau Berg= mann kündigt. Was dann?“
Aber die Mutter rei#te nicht ab und Frau Bergmarn kündigte für den nächsten Ersten.
Die junge Frau weinte still vor sich hin.— der Ehemann suchte zu vermitteln, fand die Wirtin aber gänzlich unzugänglich Bioß Frau
Wigand war triumphierend. Zeit wäre es gewesen, daß sie hergekommen sei und Ordnung geschafft hätte. Die Kinder müßten hier raus. Jetzt wolle sie ihnen mal eine ordentliche Woh. nung besorgen.
Zuerst ging sie zum Wohnungsamt und——
nach zehn Minuten wurde sie durch den Beamten, dem sie allerhand Grobheiten sagte, herausgesetzt. Ihre Versuche bei den verschiedensten Vermieterinnen endeten auf ähnlich Weise. Schimpfend über das„Gropstadtpack“ kam sie nach Hause.
So ging es drei Tage; dann packte sie ihre Koffer und fuhr ab. Den Enkel wollte sie durchaus mitnehmen, doch die Eltern protestierten. Da war sie auch mit ihnen böse.
Still und trübselig war es bei Wegeners, troßz dem sie jetzt aufatmeten; aber alle Freude der ersten Tage schien verscheucht zu sein. Frau Bergmann ließ sich nicht sehen. Wenn sie sich trafen, überhörte sie den gebotenen Gruß, und wie sie vorher die junge Frau umsorgt hatte, so schikanierte sie sie jetzt.
Der Erste stand vor der Tür und noch immer hatten Wegeners keine Wohnung. Wer nahm eine Familie mit einem drei Wochen alten Kind auf? Wie ein dumpfer Druck lag es auf den jungen Eltern— und wenn die Mutter dem Säugling zu trinken gab, fielen oft Tränen auf sein Köpfchen.
Am Neunundzwanzigsten packten sie ihre Sachen und wußten noch nicht wohin. Am Dreißigsten vormittags wollte die verzweifelte kleine Frau nochmals ihr Heil versuchen; sie hatte im Morgenblatt ein paar Angebote von freistehenden Zimmern gelesen— allerdings stand stets„für kinderloses Ehepaar" dabei. Aber,
— sie herzte ihren kleinen Buben zum Abschied,— solch ein süßes Wesen mußte doch jeder lieb haben! Sie ging und erlebte überall die gewohnten Enttauschungen. Kindergeschrei wollte niemand hören. Weinend kam sie die Treppe empor und schloß rasch die Flurtür auf. Sie lauschte mit angehaltenem Atem. Nein. er schrie nicht,— aber was war das für
ein leises Singen und Summen—— sie öff
nete ihre Zimmertür und prallte zurück.
Da stand Frau Bergmann am Kinderwagen, schaukelte ihn leise und koste mit dem kleinen Bürschchen, das mit großen, wachen Augen da lag.
Als sie Frau Wegener ansichtig wurde, trat sie verlegen zurück, räusperte sich und sagte dann:„Nun, kleine Frau,— ich bin doch zu sehr Großmutter, es will mir das Herz abdrüchen, daß ich den da nicht mehr schreien bören soll. Na, da bleiben Sie man weiter, die alte Bergmann ist nicht so schlimm. Bloß“.
— und da machte sie wieder das Gesicht. das Frau Wegener in der letzten Zeit hatte fürchten gelernt.—„Ihre Mutter laden Sie mir nicht mehr ein,— für sie ist kein Platz bei mir!"
Das versprach Frau Wegener nur zu gern u. auch der Kleine im Wagen erhob ein energisches Protestgeschrei.
„Sehen Sie,— der kennt seine Leute," lachte da Frau Bergmann.„Wenn ich zu ihm komme, lacht er schon mit seinen drei Wochen. Aber von der Großmutter will ich nichts wissen.— hast ganz recht, Jungelchen. Kinder haben doch immer das rechte Gefühl, und wenn sie noch so klein sind!“—
——
Wie ich gemalt wurde
Von Rudolf Presber.
Ich habe mich— auf Drängen der Familie
— malen lassen. Von einem Maler mittleren Alters. Der hatte bereits— durch Empfehlung
— den Papst in Rom, den spanischen König in Madrid, einen von den Vanderbilts in New York und meine Tante Ilka in Grünau porträtiert.
Mir war dieser Maler— Sebastian Glöckner=hieß er übrigens— empfohlen. Nicht durch