950 O* 8 *#.— * S S• 3 8 * * 5 — 95 8 8 25 3 * Christine Rasmussen kostete dem guten Knut eine Masse Geld und alle Weiber unserer guten Stadt Stege zogen natürlich ein schiefes Maul; erstens, weil sie nicht so hübsch, und zweitens, weil ihre Männer knickeriger waren; sie ließen an der feschen Christine, die so oft zu ihrem Vergnügen nach Kopenhagen fuhr, kein gutes Haar. Was das lebensfrohe, junge Weib nicht weiter anfocht. Das ging so lange, bis eines Tages die recht drüftige Skandalchronik von Möen um einen interessanten Fall bereichert wurde. Es war die Zeit, wo das Fallissement einiger Bankhäuser viel Unheil anrichtete. Darunter befand sich auch die Bank, mit der Knut Rasmussen in Verbindung stand, und der er den größten Teil seines Vermögens anvertraut hatte. Am Abend hatte er noch einen glänzenden Hausball gegeben, dessen Mittelpunkt seine schöne Frau bildete, und ais er am anderen Morgen die eingehenden Briefe las, sah er zu seinem Schreck, daß fast sein ganzes Vermögen von dem Vankerott seiner Bank aufgeschluckt worden war. Er fluchte, rannte mit dem Kopf gegen die Wand daß sein harter Schädel brummte— doch das brachte ihm seine schönen Kronen natürlich nicht wieder zurück. Ta wurde Knut Rasmussen von wilder Verzweiflung ergrissen. Der Gedanke, vor seine angebetete Frau hintreten und ihr das ganze Unheil enthüllen zu müssen, bereitete ihm Höllenqual. Nicht daß er unter dem Pantof= sel stand und Angst hatte, aber es war ihm satal. Knut Rasmussen war immer ein Freund von schnellen Entschlüssen gewesen, und eine Portion Abenteurertum steckte ihm im Blute; Erbteil von einem Ahnen väterlicherseits, der wegen Seeräuberei vor grauen Jahren am Galgen geschaukelt. Bald war Rasmussen“ mit sich im reinen Der Rest seines Vermögens genügte, um seine Frau für fünf bis sechs Jahre vor Entbehrungen zu schützen. Sie konnte also besser ohne ihn als mit ihm auskommen. So entschloß er sich sein Heim und die Insel Möen, ja, sogar Dänemark zu verlassen, ohne sich erst lange von seiner Frau zu verabschieden. „Denn,“ so kalkulierte er, wenn ich Christine sage, daß ich fortgehen will, um— wie ich beabsichtige— in Australien mein Glück zu versuchen, so wird sie es entweder nicht zugeben oder gar mit mir reisen wollen. Und in Australien, dessen Goldminen mir zu neuem Wohlstande verhelsen sollen, wie dies bei meinem alten Freunde Niels Baggesen geschehen . in dem gesegneten Erdteil Australien kanr ich mich unmöglich mit einer Frau belasten.“ Nachdem er das Geld, das ihm geblieben, für Christine in Sicherheit gebracht hatte, dampfte Knut Rasmussen zwei Tage später ohne Abschied von Kopenhagen nach Sydney und ging von dort zu seinem Schulfreunde Baggesen in die Minen, um der spröden Erde ihre goldgelden Schätze zu entreißen. Ueber das plötzliche Verschwinden ihres Ehegatten war Christine Rasmussen untröstlich. Sie vergoß viele Tränen, schluchzte und heulte und— kaufte sich ein neues schwarzseidenes Trauerkostüm, das der blonden Dame entzükkend stand. Dankbar gedachte sie ihres verschwundenen Gebieters, der trotz des Bankeretts gut für sie gesorgt hatte. Sie trauerte ein ganzes halbes Jahr, doch als auch dann noch keine Nachricht von ihm kam, vertauschte sie an einem schönen Maimorgen das schwarzseidene mit einem hellen, duftigen Sommergemand Sie hatte keine Lust mehr, die Penelope zu spielen und auf ihren Odysseus zu warten. Sie war hübsch und nicht unempfindlich gegen die Freuden dieser Welt. Warum also trauern um etwas, das sie für immer verloren hielt? Wenn eine Witwe untröstlich geworden ist, so ist sie es zuweilen nur so lange, bis sie einen Tröster gefunden hot. Und den galt es, zu suchen Der Lenz war gekommen und Frau Christine übersiedelte eines Tages nach Kopenhagen, um in der Großstadt den Trost zu suchen, den sie auf ihrer kleinen Insel nicht finden konnte.— In der lebensfrohen Stadt am Oeresund mischte sich Christine Rasmussen in das lustige Treiben der Welt, in der sie nicht über Mangel an Bewundern ihrer Schönheit zu klagen hatte. Nach drei Jahren wurde Christine endlich des oberflächlichen Daseins müde; auch ihr kleines Vermögen war stark zusammengeschmolzen u. so entschloß sie sich, die Bewerbung eines ihrer reichsten Verehrer anzunehmen. Ihr Gatte war tot— daran war nicht zu zweifeln. Sie besaß es zwar nicht schwarz auf weiß, daß und wo er selig entschlafen sei. Aber ein Mann, so folgerte ihr weibliches Rechtsgefühl, der seine hübsche Frau böswillig verläßt und drei lange Jahre kein Lebenszeichen von sich gibt— wenn sein. er nicht tot ist, verdient er es zu Sie ließ durch einen kundigen Advokaten die nötigen Formalitäten erledigen, die ihr eine neue Ehe ermöglichten, und an einem kühlen Novembermorgen vertauschte sie ihren Namen mit dem profanen einer Frau Möller. Sie trat zum zweitenmal in den Stand der heiligen Ehe und verlebte mit Jens Mozart Möller idyllische Flitterwochen in einer gemütlichen Pension in Skodsborg am Oeresund. An ihren ersten Mann dachte sie nicht mehr. So sind manche Frauen! Nicht nur die dänischen... —— Inzwischen hatte Knut Rasmussen in den australischen Minen mit zähem Fleiß gearbeitet und manchen Schweißtropfen vergossen. Zum Briefschreiben besaß er weder Zeit Lust noch Gelegenheit. Als gemachter Mann wollte er zu seiner Christine zurückkehren. Wozu also erst Briefe abfassen. Endlich aber, endlich, war ihm der große Schlag gelungen. Er war auf eine ergiebige Mine gestoßen und hatte sich etwa eine Million Kronen ergraben. Flugs wollte er nach Dänemark zurückkehren. Doch an dem Tage, da sein Dampfer abging, wurde er von den Blattern ergriffen und so mußte er trüben Sinnes ins Krankenhaus wandern. Es dauerte lange Zeit, ehe er sich von seinem Krankenlager zum erstenmale erheben konnte. Das geschah an demselben Tage da seine angebetete Frau mit ihrem zweiten Manne vor dem Altar für ewig verbunden wurde. Jens Mozart Möller, ihr Zweiter, war ein schwächlicher Herr. Er hatte viele Fehler, darunter einen Herzfehler. Aus diesem Grunde war ihm vom Arzt das Trinken verboten worden. Was er dahingehend auffaßte, daß er nicht trank, sondern soff.— Wenn er gesoffen hatte, dann wußte er nicht, was er tat. Denn sonst würde er sein schönes Weio doch nicht geprügelt haben. So hatte die arme Christinc in ihrer zweiten Ehe zwar nichts zu lachen, aber trotzdem war sie einigermaßen zufrieden Denn Jens Mozart Möller verdiente eine bannige Masse Geld. Viele Monate mußte Knut Rasmussen seine Ungeduld noch zügeln, ehe sein geschwächter Körper sich soweit gekräftigt hatte, daß er die lange Seereise wagen konnte. Da er seine teure Frau zu überraschen gedachte, so hatte er es unterlassen, sie von seiner Rückkehr zu benachrichtigen. Aber auf der Dampferfahrt malte er es sich aus, wie seine Christine ihm um den Hals fallen, wie sie ihn abküssen würde. Hatte er sich doch ihr zuliebe den wallenden Vollbart abnehmen lassen, der ihr stets so sehr mißfallen. Jetzt ging er glatt rasiert, wie ein Mime, womit er ihr eine besondere Freude zu bereiten glaubte. Und dann hatte sie früher immer über seine Korpulenz gehechelt. Er, der einstens dick wie ein Großschlächter gewesen, war nun dürr wie ein Stockfisch geworden. Wenn er an das Wiedersehen nach all' den langen, arbeitsharten Jahren dachte, dann gingen ihm die Augen über und sein Herz weitete sich vor Freude. Endlich— endlich war er wieder daheim angelangt. Er eilte in seine alte Wohnung— aber einen anderen traf er darin, einen Fremden, den er nicht kannte und der ihm nicht sagen konnte, wo Christine geblieben war. Da ging Rasmussen zu seinem Jugendfreunde Wilhelm Tryde. Der erkannte ihn nicht. Als Rasmussen sagte, wer er sei, stutzte Tryde, sah ihn befremdet an und schüttelte den Kopf. Und erst als Rasmussen mit näheren Einzelheiten aufwartete, war Tryde überzeugt, den Genossen seiner Jugendstreiche vor sich zu haben. Er begrüßte ihn herzlich, konnte ihm jedoch über Christme nur sagen, daß sie nach Kopenhagen übergesiedelt sei. Von dort hatte sie nie wieder etwas von sich hören lassen. So dampfte Knut Rasmussen am nächsten Tage nach Kopenhagen, um seine Frau zu suchen. Aber auf dem amtlichen Zentralbüro, wo er ihre Adresse zu erfahren hoffte, wußte man von keiner Frau Christine Rasmussen, die aus Stege auf Möen nach Kopenhagen gekommen war. Doch Rasmussen ließ sich nicht beirren. Er bestand darauf, daß eine Frau Christinc Rasmussen existieren müsse oder wenigstens existiert habe. Und schließlich fand der überaus höfliche Beamte, daß eine Frau dieses Namens jetzt Frau Möller heiße, ihr Mann aber vor einigen Tagen am Delirium=tremens gestorben sei und in einer Stunde auf dem AssistenzFriedhof beigesetzt werden solle. Rasmussen war starr. Ihn schwindelte und er trank ein Glas Wasser. Die kühlende Flüssigkeit beruhigte ihn einigermaßen. Auch sein Zorn legte sich. Er dachte nach. Was tun? Vor allem seine Frau wiedersehen. So nahm er die Straßenbahn und fuhr nach dem Assistenzfriedhof, wo er der Beerdigung seines Nachfolgers beiwohnte. Seine treulose Frau, die noch ebenso hübsch wie früher war, schluchzte und weinte und schien fassungslos und untröstlich. Die Untröstlichkeit war ihr ja kein ungewohntes Gefühl mehr! Christinens öffentliche Trauer gab ihm sozusagen einen Stich ins Herz. Denn er liebte sie trotzdem noch und war eifersüchtig auf den Toten, der sie besessen. Aber schließlich— Jens Mozart Möller war nun hinüber und er selber lebte. Und dieses Leben gedachte er fortan zu genießen. Mit seiner Frau, die ja nun wiederum Witwe geworden war. Sie erkannte ihn nicht; denn als er ihr nach der Beisetzung sein Beileid ausdrückte, dankte sie zwar höflich, mit einem schmelzenden Aufschlag aus ihren schmerzumflorten Augen, aber sie sah ihn ein wenig befremdet an. Offenbar wußte sie nichts mit diesm unbekannten Leidtragenden anzufangen. Vielleicht, daß sie ihn für einen Geschäftsfreund des Verblichenen hielt. Auch als Rasmussen seinen Namen nannte, focht sie das nichts an. Der Name Rasmussen ist in Dänemark ja nicht selten. Am andern Vormittag kaufte sich Knut Rasmussen einen neuen Anzug, in dem er so schneidig aussah, wie es ihm bei seinem pockennarbigen Gesicht nur immer möglich war, und trat bei Frau Möller an. Nach den ersten Begrüßungsworten fragte er ungeduldig:„Aber Christine, kennst Du mich denn nicht? Ich bin doch Dein Mann.“ Sie bekam einen heftigen Schreck, denn sie glaubte, einen Irrsinnigen vor sich zu haben. Schnell faßte sie sich.„Mein Mann ist gestern beerdigt worden. Sie selbst waren ja so aufmerksam, der Beisetzung beizuwohnen.“ Knut machte ein hämisches Gesicht.„Gewiß. Gott sei Dank! Aber ich bin nicht Dein zwe.ter Mann, sondern Dein erster Mann.“ „Unmöglich,“ rief sie, ihn immer noch nicht erkennend.„Mein erster Mann ist leider auch tot.“ „Aber ich lebe doch!“ „Darum können Sie auch nicht mein erster Mann sein,“ beharrte sie hartnäckig.„Er ist seit Jahren tot, denn er hat nie mehr ein Lebenszeichen von sich gegeben und die dänische Behörde hat ihn für verschollen erklärt.“ Da holte Knut seinen Trauring aus der Tasche hervor mit den ihr wohlbekannten Namensinitialen, den eingravierten Daten ihrer Verlobung und Hochzeit. Und als sie immer noch zweiselte, zog er im Handumdrehen Rock und Weste aus, öffnete das Oberhemd und präsentierte die Tätowierung auf seiner Brust, einen Hering. In diesem feierlichen Augenblick des Erkennens erschien das Hausmädchen, das sich bei dem seltsamen Anblick kreischend wieder entfernte. Frau Möller=Rasmussen wollte das Bewußtsein verlieren, überlegte es sich aber rechtzeitig und fiel statt in Ohnmacht ihrem Manne um den Hals. Nach der vom Gesetze vorgeschriebenen Trauerzeit trat Frau Christine wiederum den Weg zum Standesamt an. In ihrem bewegten Leben zum dritten Male— aber mit ihrem ersten Mann. Auflösung aus voriger Nummer: Magisches Quadrat: Schach: Le7-h21Obr-bsu 5)0b85R2 R Verantwortlich H. Semmelmann, Alte: Druck und Verlag: P. A. Santz. Altena SGLENGEG SSSSES„EDgB: SGCSESGTTS n SGEFSEES S%-a- Bnnn SS SSSSE KGR S SS GSgSDEBEg! S TSEnSSOSEDG — GSTe #n%an zayE SDe S S Sgseg 858O99— S97p 5g82.6 n 5 PoTSnanng 5 8 * 5 8 a 8. S.05 S 90S S Sang S813 P ##SEE Benagt zumAilenari Kreisblan zugnich Neurnrädel=Bellung E Nr. 40 Samstag, 10. Oktober 1925 Die Großmutter Erzühlung von Hilde Brand. Bei Wegeners war ein Junge angekommen; er stand im Mittelpunkt des Interesses, nicht allein bei den Eltern, sondern auch bei deren Wirtin, Frau Bergmann. Wegners wohnten nämlich möbliert. Sie waren seit zwei Jahren verheiratet, hatten vor ihrer Hochzeit als Wohnungssuchende vom Wohnungsamt eine Karte mit der Nummer 40 523 erhalten, und es war ihnen in Aussicht gestellt worden, daß sie etwa in fünf Jahren ein Heim bekommen würden. Im ersten Jahr ging alles herrlich. Sie wechselten dreimal ihr Asyl,— aber der Umzug war weder schwierig noch kostspielig. Guten Mutes meinten sie in den ersten vier Wochen stets, daß sie sich verbessert hätten, bis sie nach und nach merkten, daß' sie doch wieder übers Ohr gehauen wurden. Anders wurde es, als der kleine Erdenbürger sich meldete. Als ihre letzte Virtin seine bevorstehende Ankunft merkte— Wegeners hatten sich gehütet, ihr Mitteilung über ihre frohen Hoffnungen zu machen,— hatte sie ihnen sofort gekündigt. Die Wohnungssuche war nun nicht leicht gewesen. Ueberall, wo Frau Wegener hinkam, wurde sie mit einem Blick gemustert und dann war das Zimmer immer soeben vermietet gewesen. Schließlich hatte sich Herr Wegener für einen Tag frei gemacht und sein Heil versucht. ir wurde sehr freundlich empfangen, fand auch ald, was er suchte,als er aber von dem bevortehenden Familienereignis sprach, schlug die ame die Hände über dem Kopf zusammen und agte:„Kindergeschrei,— beim Himmel, das ehlte uns noch!", und alle Vereinbarungen wurden rückgängig gemacht. Auf zwei anderen Stellen ging es ihm ebenso. Schließlich versuchten sie es, sich in eine Wohnung einzuichmuggeln. Nach acht Tagen wurde ihnen der ündigungsbrief durch die Türe gereicht. Da, n hörhster Not, hatten sie endlich bei der guten rau Bergmann ein Obdach gefunden. Als err Wegener ihr ängstlich und ganz zaghaft on den guten Hoffnungen seiner Frau sprach, hatte sie ihm herzhaft auf die Schulter geklopft und gesagt:„Na nu, machen Sie keine Leichenbittermiene. Kinder sind ein Himmelssegen. Ich bin sechsfache Großmutter und sehne mich ordentlich nach Kindergeschrei. Hoffentlich wird's ein strammer Junge!". Als Herr Wegener dieses seiner Frau berichtete, fiel sie ihm um den Hals und sagte bloß glückselig:„Nein. daß es heutzutage noch solche Menschen in der Großstadt gibt, hätte ich nicht gedacht!“— Frau Bergmann hatte mit Rat und Tat geholfen und keine Großmutter konnte an dem runzeligen, schreienden Würmchen mehr Freude haben als sie. Sie pflegte die junge Mutter in den zwei ersten Tagen mit Liebe und Erfahrung, und es war eitel Sonnenschein im Hause. Am dritten Tag kam Frau Wegener Mutter. Sie war eine resolute Gastwirtsfrau aus einer kleinen Stadt, brachte schwere Pakete mit Eßwaren mit und riß sofort das Regiment an sich. Wenn die Tochter in Dankbarkeit die freundliche Hilfe ihrer gutherzigen Wirtin erwähnte. so kniff die Mutter nur die Lippen zusammen. und als Frau Bergmann einmal über den Wagen gebeugt mit sanften Worten das schreiende Bübchen zu beruhigen suchte, da schob sie sie etwas unsanft zur Seite und sagte barsch:„Lassen Sie doch das Getue; Hunger hat der Bengel.“ Frau Bergmann ging etwas beleidigt hina: uin0 Frau Wigand brummte vor sich hin:„Jetzt n ich hier Großmutter,— garnichts hat sie reinzumischen!", und reichte den kleinen ####reihals der Mutter. Was Frau Bergmann erfahren und besonnen für Mutter und Kind eingerichtet hatte, das stieß sie um. Das Kind war schlecht gebettet; sie holte aus ihrem Gepäck ein dickes Federkissen, in dem das Würmchen wie in einer Grube versank. Die Fenster, die so lange bei dem warmen Sommerwetter geöffnet waren, wurden fest verschlossen. Dann wurde die Wohnung mit lauter Stimme schlecht gemacht und über den hohen Mietzins räsonniert. Frau Wegener suchte zu beschwichtigen, aber sie kannte ihre Mutter, die sagte stets recht laut das, was sie dachte. Frau Bergmann ließ sich von dem Moment an nicht mehr blicken,— aber wenn die beiden Alten draußen in der Küche das Mittagbrot bereiteten, dann schallte stets zu der vor Aufregung zitternden jungen Frau derbes Gezänke. Die Stimme ihrer Mutter kannte sie ja,— aber sie staunte auch über Frau Bergmanns Zungenschlag. Wenn die Mutter dann Wandrer, Wandrer sind wir alle! Wie nach großem Blätterfalle Hilflos irrt das Laub im Wind— Wandrer, Wandrer sind wir alle, Mann und Weib und Greis und Kind. Sag, woher bist du gekommen, Seele?— Aus der Dunkelheit! Und welch Ziel hast du genommen, Seele?—— In die Dunkelheit! Hört ihr's?— Anfang und das Ende, Immer war's die Dunkelheit! Reichen wir uns still die Hände, Wir verirrten Wandersleut'! Franz Karl Ginzkey. SCLEE hereinkam, war sie hochrot im Gesicht, mehr vom Aerger als vom Kochen und unterhielt die Tochter die ganze Zeit bis zum Schlafengehen über die Unverschämtheit der Wirtin. „Natürlich, Ihr bezahlt das Gas, da kann sie sich ihr Rindfleisch auch vier Stunden lang koschen, und den größten Topf nimmt sie für ihre paar Lumpen Wäsche und läßt sie kaput schmoren— bloß um Euch zu ärgern. Und gesagt hat sie, aus Gnade und Barmherzigkeit habe sie Euch aufgenommen, bei der Miete! Und an Deinen Tellertüchern wischt sie ihre Messer und Gabeln ab und“— dabei dämpfte Frau Wigand doch etwas ihre Stimme—„ob sie aus Deinen Büchsen nicht auch kocht——— Aennchen, Du bist solch' Schaf! Die Alte lohst Du stets in Deinen Briefen,— na,— ich danke!“ Dabei lief sie, das Federbündel,— aus dem unaufhörlich ein dumpfes, unter: sches Geschrei erklang,— hin und herschaukelnd, in der Stube umher. „Mutter, gib mir den Kleinen, Du machst dich ja halb tot; heutzutage schaukelt man die Kinder nicht mehr so viel.— Du verwöhnst oon!“ Frau Wigand hielt in ihrer Wanderung inne. „Tas hat die Dir w.hl arch eingelerat?“ Sie mochte eine Bewegung nach der Nachbar tür. Ich hab' meine Kinder auch groß gekriegt, ohre die Madame Bergmann zu kenInen!“ Und damit beginn sie von neuem ihren Parademarsch im Zimmer, daß in der Wohnung unter ihnen die Lampe zitterte. „Ach, wenn die Mutter doch bloß abreiste,“ uste###e abends die junge Frau ihrem Manne zu„Sie macht es noch, daß uns Frau Berg= mann kündigt. Was dann?“ Aber die Mutter rei#te nicht ab und Frau Bergmarn kündigte für den nächsten Ersten. Die junge Frau weinte still vor sich hin.— der Ehemann suchte zu vermitteln, fand die Wirtin aber gänzlich unzugänglich Bioß Frau Wigand war triumphierend. Zeit wäre es gewesen, daß sie hergekommen sei und Ordnung geschafft hätte. Die Kinder müßten hier raus. Jetzt wolle sie ihnen mal eine ordentliche Woh. nung besorgen. Zuerst ging sie zum Wohnungsamt und—— nach zehn Minuten wurde sie durch den Beamten, dem sie allerhand Grobheiten sagte, herausgesetzt. Ihre Versuche bei den verschiedensten Vermieterinnen endeten auf ähnlich Weise. Schimpfend über das„Gropstadtpack“ kam sie nach Hause. So ging es drei Tage; dann packte sie ihre Koffer und fuhr ab. Den Enkel wollte sie durchaus mitnehmen, doch die Eltern protestierten. Da war sie auch mit ihnen böse. Still und trübselig war es bei Wegeners, troßz dem sie jetzt aufatmeten; aber alle Freude der ersten Tage schien verscheucht zu sein. Frau Bergmann ließ sich nicht sehen. Wenn sie sich trafen, überhörte sie den gebotenen Gruß, und wie sie vorher die junge Frau umsorgt hatte, so schikanierte sie sie jetzt. Der Erste stand vor der Tür und noch immer hatten Wegeners keine Wohnung. Wer nahm eine Familie mit einem drei Wochen alten Kind auf? Wie ein dumpfer Druck lag es auf den jungen Eltern— und wenn die Mutter dem Säugling zu trinken gab, fielen oft Tränen auf sein Köpfchen. Am Neunundzwanzigsten packten sie ihre Sachen und wußten noch nicht wohin. Am Dreißigsten vormittags wollte die verzweifelte kleine Frau nochmals ihr Heil versuchen; sie hatte im Morgenblatt ein paar Angebote von freistehenden Zimmern gelesen— allerdings stand stets„für kinderloses Ehepaar" dabei. Aber, — sie herzte ihren kleinen Buben zum Abschied,— solch ein süßes Wesen mußte doch jeder lieb haben! Sie ging und erlebte überall die gewohnten Enttauschungen. Kindergeschrei wollte niemand hören. Weinend kam sie die Treppe empor und schloß rasch die Flurtür auf. Sie lauschte mit angehaltenem Atem. Nein. er schrie nicht,— aber was war das für ein leises Singen und Summen—— sie öffnete ihre Zimmertür und prallte zurück. Da stand Frau Bergmann am Kinderwagen, schaukelte ihn leise und koste mit dem kleinen Bürschchen, das mit großen, wachen Augen da lag. Als sie Frau Wegener ansichtig wurde, trat sie verlegen zurück, räusperte sich und sagte dann:„Nun, kleine Frau,— ich bin doch zu sehr Großmutter, es will mir das Herz abdrüchen, daß ich den da nicht mehr schreien bören soll. Na, da bleiben Sie man weiter, die alte Bergmann ist nicht so schlimm. Bloß“. — und da machte sie wieder das Gesicht. das Frau Wegener in der letzten Zeit hatte fürchten gelernt.—„Ihre Mutter laden Sie mir nicht mehr ein,— für sie ist kein Platz bei mir!" Das versprach Frau Wegener nur zu gern u. auch der Kleine im Wagen erhob ein energisches Protestgeschrei. „Sehen Sie,— der kennt seine Leute," lachte da Frau Bergmann.„Wenn ich zu ihm komme, lacht er schon mit seinen drei Wochen. Aber von der Großmutter will ich nichts wissen.— hast ganz recht, Jungelchen. Kinder haben doch immer das rechte Gefühl, und wenn sie noch so klein sind!“— —— Wie ich gemalt wurde Von Rudolf Presber. Ich habe mich— auf Drängen der Familie — malen lassen. Von einem Maler mittleren Alters. Der hatte bereits— durch Empfehlung — den Papst in Rom, den spanischen König in Madrid, einen von den Vanderbilts in New York und meine Tante Ilka in Grünau porträtiert. Mir war dieser Maler— Sebastian Glöckner=hieß er übrigens— empfohlen. Nicht durch # SERNSARBLRS AEREESSSTAURTDS TELNSSBSDGSOSEED• STOSEEB #S PSKOOTEESSS SO-RE UEFMTT,SSSPOPEOTOEZSSESBOSES-ZoOR S 0.85 5 9 2 * * 80. * SuS—Et E*S• # Peeo u.sin E S 58 S 4 9. ZESSE. Sr#gßs„#„Rarzäges 39 suSgs BEs FxZSSP-SSSEE S8-|pS ZESS EESSDSSSRS 25 GESES 580 SSSPHMEESEE S•5R. 1 — den Papst, und nicht durch den König von Spanien, sondern durch meine Tante Ilka. Der Meister beanspruchte sechs Sitzungen und ein Honorar von tausend Mark. Vom König von Spanien hatte er mehr bekommen, von Vanderbilt das Doppelte. Vom Papst seinen Segen. Ueber das Honorar, das Tante Ilka gezahlt, schwieg er. Sie auch.„ Der Maier hatte sein Atelier unbequem weit entfernt von meiner Wohnung. Aber wenn man dreimal umstieg und Glück hatte, konnte man— mit Hohnbahn und elektrischer Straßenbahn und Omnibus und dann ein Stückchen zu Fuß— in neunundsechzig Minuten das Atelier erreichen. Es lag natürlich im vierten Stock. Aber das muß wohl so sein. Und wenn er keinen Fahrstuhl gehabt hätte, hätte ich mich doch nicht malen lassen. Als ich zur ersten Sitzung kam, fragte mich eine umfreundliche Portiersfrau— gibt es in Berlin überhaupt freundliche Portiersfrauen?— ob ich mit dem Fahrstuhl Bescheid wisse... ich brauche nur auf Knopf Vier zu drücken. Ich stieg ein und drückte auf„Knopf Vier“ — und saß dann anderthalb Stunden zwischen der zweiten und dritten Etage fest. Bis ein Monteur geholt war, der mich umständlich befreite. Beim Aussteigen beschimpften mich der Hauswirt, die Portiersfrau und ein Briefträger. Ein Sipo nahm meine Personalien auf. Von diesem Tage an war der Fahrstuhl dauernd in Reparatur., An den Sitzungen nahm eine alte Dame teil. Tante Susanne. Nicht meine Tante, sondern die Tante des Meisters. An die achtzig Jahre, und etwas schwerhörig. Sie litt unter der fixen Idee, daß hier ein Dachstuhlbrand ausbreche, und daß sie diesem zum Opfer fallen werde. Und während der Meister schwieg und malte, unterhielt sie mich von Dachstuhlbränden. Von solchen, die sich bereits begeben hatten und solchen, die noch zu erwarten waren. Statt der vereinbarten sechs Sitzungen wurden es einundzwanzig. Das kam zum Teil daher, daß der Meister häusig nicht recht„in Stimmung" war, zum Teil daher, daß mein Kopf wie er sagte, äußerst charakteristisch und deshalb schwer zu malen sei; und zum dritten Teil daher, daß der Maler mit meiner Kleidung nicht zufrieden war. Ich hatte zuerst einen blauen Sakko gewählt. Der stimmte aber leider nicht zu der chinesischen Vase, die unbedingt auf einem Tischchen neben mir stehen mußte u. grün war. Warum sie dastehen mußte, weiß ich nicht; meine einzige Beziehung zu China ist die: daß ich gern Tee trinke. Ich zog also einen braunen Sakko an. Den fand der Maler nach der fünften Sitzung„piefkisch". Er wünschte den Frack. Der war ihm nach drei Sitzungen zu feierlich. Wir beschlossen einen Kompromiß auf den Smoking. Der schien mir aber nach des Meisters Meinung über den Bauch nicht zu passen. Dann ver) suchte er, mich in Hemdsärmeln zu malen; verwarf das aber wieder als„zu amerikanisch“. Dann bat er mich, den Lederwams eines alten Landsknechts anzuziehen. Rembrandt habe auch mit Vorliebe Kostüm=Porträts gemalt. Siehe: Mann mit dem Goldhelm, Selbstbildnisse und so... Aber mein Kopf paßte nicht zu dem Wams. Schließlich ließ ich mir auf Rat des Meisters bei einem sehr teuren Schneider einen sandgelben Cut machen, der gut zu der grünen Vase und zu dem Hintergrund stimmte, nicht amerikanisch und nicht historisch war, mich schrecklich in den Achseln zwickte und einen später erst enideckten Fehler im Gewebe hatte. Sonst wäre er wahrscheinlich noch teuerer gewesen. Die Sitzungen dauerten meist drei Stunden. Rauchen durfte ich nicht wegen der Gefahr des Dachstuhlbrandes. Zu essen gab's nichts. Lesen konnte ich ohne Brille nicht. Und die Brille durfte ich nicht aufsetzen. So unterhielt ich mich mit der Tante über Dachstuhlbrände und beobachtete das Wachtelhündchen des Meisters, das Flöhe hatte und noch nicht stubenrein war und dieses wohl auch— im vierten Stock! nicht mehr wurde. Endlich war das Bild fertig. Ich stand bolzengerade im sandgelben Cut hinter einem friesischen Stuhl, auf den ich mich stützte— die chinesische Vase neben mir auf dem Tischchen— und sah— wie mir schien. etwas düster, aber sehr interessevoll— links in die Ecke, in der wahrscheinlich gerade das Wachtelhündchen... Denn mir kam vor, mein Blick hatte, neben dem Düsteren und Interessevollen, etwas Erstauntes. Der Künstler hatte mich gebeten, das Bild — damit ich das richtige Urteil empfange und vergleichen könne— meinen Verwandten und Freunden in der Weise zu zeigen, daß ich jeden Einzelnen allein vor das Kunstwerk führe. Ich begann mit Onkel Heinrich. Der sagte nach langem Betrachten:„Bist Du sicher, daß Du das bist?“ Da ließ ich Tante Auguste eintreten und führte sie vor das Porträt.„Sehr ähnlich,“ sagte sie.„Aber nimm mir's nicht übel, er hat ein bißchen einen dämlichen Moment gewählt. Und dann— Du schielst ja!" Vetter Eugen war der dritte. Er äußerte kritisch:„Der Blick ist das Beste an dem Bild. Die Stirn ist zu niedrig, zu tierisch. Und die hängende Unterlippe hat er noch von dem König von Spanien.“ Das holde Bäschen Käte meinte begütigend: „Gott, schön bist Du ja im Leben nicht. Aber das brauchtest Du Dir eigentlich doch nicht gefallen zu lassen!“ Mein Schwager Theodor nickte zustimmend „Ich habe einen Schulfreund— der jetzt leider als unheilbar im Irrenhaus sitzt—, dem seiner alten Mutter solltest Du das Bild schenken. Dem ist's wie aus dem Gesicht geschnitten. So grauenhafte Cuts trug er auch. Mit der Freude an solchen Farben fing seine geistige Verwirrung an. Mein anderer Schwager Berthold faßte sein Urteil dahin zusammen:„Fabelhaft! Wie Du leibst und lebst! Aber'ne Frau kriegst Du auf das Bild hin im Leben nicht!" S II.:::HG: IID80 Oktober Die Tage bleiben an der Schwelle stehn— und um sie ist ein weißes Schleierhauchen, eh' sie in leuchtende Vollending tauchen und zu des Mittags goldner Höhe gehn. Ihr Lächeln ist so voll von Gottes Licht, wie das von Scheidenden, die heimwärts wallen, und noch einmal den Teuren allen, allen zuwinken mit verklärtem Angesicht. Irma Erben=Sedlaczek. Meine Kusine Aurelie, die kürzlich den Dr. phil. in Kunstgeschichte gemacht hat, nahm verschiedene Stellungen zu dem Bilde ein. Hob sich vom Sofa auf die Zehen und sank an der Kredenz in die Kniebeuge. Dann probte sie indem sie an meinen Vorhängen riß, die verschiedensten Beleuchtungen aus. Zuletzt bestieg sie einen Stuhl, während sie das Bild in eine Ecke stellte, nahm den Zwicker ab, sah durch die hohle Hand und entschied:„Das ist ein Porträt „im platonischen Sinne. Ist die Teiner selbst, gesehen durch ein nach Genialität haschendes Temperament. Ist Deine Persönlichkeit, Deine Psyche, in nicht unedler und zugleich routinierter Weise projiziert auf die Wirrmis des Jahrhunderts. Das Abbild einer an sich unbedeutenden, zu törichten Heiterkeiten neigenden Persönlichkeit, überschattet von der düsteren Größe seiner tragischen Zeit. Ein Meisterwerk psychoanalytischer Malerei, das mit dem deutschen Ernste Cranachs die repräsentative Würde van Dycks verbinden möchte und in den Halbtönen Rembrandts mit einigen Fehlern Lenbachs kokettiert.“ Aha! Ich dankte ihr für die Belehrung und zeigte das Bild meiner alten Kinderfrau, die— aus Pietät beschäftigt— jede Woche einen Tag zum Ausbessern meiner Wäsche kommt. „Gott, unser Herr Rudolf!“ rief die Gute beglückt.„Und gleich so groß! Das können wir gerade über die feuchte Stelle an der Tapet' auf dem Vorplatz hänge! Dann lohnt sich's doch!“ Der Junge meiner Schwester aber, das in der Familie vielbewunderte Fritzchen, jauchzte:„Au fein— danach kann ich mit dem Flitzbogen schießen!“ Und ehe ich das Fritzchen noch hindern konnte, schoß es bereits und traf mein Konterfei mitten in die Nase. Da ging ich hin zu Sebastian Glöckner und sagte: Die Ansichten in unserer Familie über das Bildnis seien geteilt— aber im großen Ganzen... Und dann bezahlte ich tausend Mark und ließ das Bild über das Bett im Fremdenzimmer hängen. Es muß sich schrecklich darunter schlafen. Die famose Idee der Herzogin von O. Skizze von Karl Fr. Rimrod. Die junge Witwe des Herzogs von Ortranto tat, was eine schöne und unabhängige Frau mi einem unerschöpflichen Bankkonto nur tun konnte: Sie verbrachte den Frühling in Nizza, den Sommer in Scheveningen, den Herbst in Lugano, den Winter aber zur Hälfte in Aegypten, zur anderen in St. Moritz. Ihre Anbeter, zehne oder zwölfe an der Zahl, folgten ihr getreulich überallhin. Und hätte sie eine Forschungsreise zum Nordpol oder einen Abstecher in die Distrikte der Kopfjäger auf Borneo unternommen— zweifellos wären ihr die Vasallen auch dorthin gefolgt. Wenn auch vielleicht nicht alle.... Da war der Rechtsanwalt Vallade aus Paris. Ein Landgut in der Bretagne, und die Riesenhonorare für Sensationsprozesse großen Stils— nur in solchen trat er auf— überhoben ihn kleinlicher Sorgen. Deren mehr hatte der Graf St. Fleuron, ein seines geringen dienstl. Interesses wegen obgetaner Botschaftssekretär, der abwechseind von Zuwendungen seiner Verwandten und erborgten Summen lebte, deren Rückzahlung er aber nie vergaß. Er war ein Kavalier, sozusagen. Ein ungarischer Großindustrieller, Giorgy hieß er, galt als fabelhaft reich. Größer noch als sein Reichtum war seine Einfalt und Aufdringlichkeit. Doktor Binsdorff war der Sohn eines reichen Vaters und fuhr, wenn er gut gelaunt war, ab und zu in großen Rennen einen der gestarteten Wagen der väterlichen Automobilfabrik. Das ließ er sich sehr gut bezahlen. Er stammte aus Köln und war hellen Geistes. Ein italienischer Reeder, ein Flaneur aus Wien und noch ein paar Leute, die Zeit und Geld in Fülle zu haben schienen, vervollständigten das Liebhaberkontingent der Herzogin. So belagert, wo auch immer sie weilte, sann die schöne Frau auf Auswege. Gewiß, sie mochte den einen oder anderen unter ihren Anbetern gerne leiden— Binsdorff und St. Fleuron lagen als Favoriten im Rennen—, aber wieder heiraten? Sich binden für immer— War dio Herzogin erst willens, diese Frage vor versammeltem Hofstaat entschieden zu verineinen, so änderte sie auf Grund einer nächtlicherweile entstandenen famosen Idee ihren Standpunkt und beschloß, ein wenig Diplomatie zu treiben. Sie ließ sich am Nachmittag, als sie ihre Vasallen im Garten der Villa— man war im Mai und demgemäß in Nizza— um den Teetisch versammelt hatte, vernehmen, daß sie sich entschlossen habe, bald zu heiraten. Bald! Die schönen Augen blickten verheitungsvoll. Vallade depeschierte sofort nach Paris, daß er in den nächsten acht Wochen um keinen Preis der Welt als Verteidiger auftreten werde — und wandte sich zu den übrigen, die die schöne Frau nach Nam und Art des Glücklichen fragten. „Einer von Euch? Vielleicht— es ist noch nicht bestimmt!“ lächelte die Schöne und ging ins Haus. Die Kavaliere begaben sich zum Sekt und stellten die gewagtesten Vermutungen an. Der Ungar schickte heimlich japanische Chrysanthemen zur Villa Ortranto. Graf St. Fleuron traf einen alten Bekannten aus Boston und lieh sich ein paar hundert Dollar, um im Fall des Falles manövrierungsfähig zu sein. Binsdorff hob eine derart hohe Summe ab, daß ihn sein Bankier höflich fragte, ob er das Fürstentum Monaco käuflich erwerben wolle. Das konnte der Kölner mit gutem Gewissen verneinen. Trotz herrlichsten Wetters ließ sich die Herzogin am folgenden Tag nicht sehen. Sie sei auf zwei Tage verreist. Verreist? Sieh da! Na, da kann man ja den Auftrag des alten Herrn ausführen und den Turiner Kunden besuchen. Im Rennwagen raste Binsdorff nach Turin, erledigte seinen Besuch, ging bummelnd durch die Straßen und .... riß die Augen bis zur Tellergröße auf. Kein Zweifel, dort ging die Herzogin. Allein. Die Herzogin von Ortranto in Turin? Sieh einer an! Was wollte die denn hier? Binsdorff ging ihr unauffällig nach. Es war ein kosmetischer Salon. dessen Düfte geradezu magnetisch wirkten. Eine Viertelstund dauerte es, ehe die Herzogin wieder auf die Straße trat. Sie trug ein kokettes Paketche im Arm. Um ihren Mund spielte ein Läche!: Sie rief ein Auto und sagte so laut, daß Binsdorff, in einer Nische verdorgen, es hören konnte: Hotel Vittorio Emmanuele. TSuUTE 5 8759E saEääs S S SE 5 S• E 8 8 B2 B SSE U S S5en St8# E# 2B3RS T 83 S 2 Sugs SS 9 S 8• Der Umstand, daß zwei niedlicht Verkäuferinnen aus der Tür des kosmetischen Salons traten und der schönen Frau kichernd nachblickten, bewog den Kölner einzutreten und unter Besorgung eines kleinen Einkaufes sich nach dem Grund der Heiterkeit der beiden Niedlichen zu erkundigen. Der Salon war leer. Die beiden Hübschen wurden erst blaß, dann rot und dann zutraulich. Sie kicherten fröhlich Die schöne Frau von eben habe ihnen eine ulkige Geschichte erzählt. Sie wolle... und dann kam ein Wispern, denn im Nebenraum weilte die Direktrice. Die hatte es nicht gern, wenn ihre Gehilfinnen mit eleganten Herren ins Vertrauliche kamen, denn sie war ältlich, nicht begehrt und daher neidisch. Der Kölner hörte dem Gewisper und Geflüster mit größtem Interesse zu. Vor Staunen stand ihm der Mund offen. Das war ja einfach unglaublich. Na warte! Er ließ ein Pfifflein hören, gab ein gutes Aufgeld— hingebende Blicke belohnren ihn— und holte seinen Rennwagen aus der Garage. Zur Nacht war er in Nizza. Am nächsten Morgen, er lag noch im Bett, brachte der Kammerdiener furchtbare Kunde. Bei einem chemischen Versuch— die Herzogin laborierte zuweilen— habe es eine Explosion gegeben. Die Herzogin.... „Nun, was ist mit ihr?“ fragte Binsdorff mit großer Ruhe, indem er nach der goldenen Zigarettendose griff. „.... sie ist furchtbar entstellt, lebt aber!“ sagte der Diener Schang zitternd zu Ende. „Gib mir Feuer!“ sagte sein Herr und nahm die Morgenzeitung. Schang, der seines Herrn interessen genau kannte und auch aus Köln ar, gab Feuer. Dann ging er. Sein Herr nußte den Verstand verloren haben. Anders war diese Ruhe nicht zu erklären. Die Herren, die die entsetliche Kunde zeitig aus den Daunen getrieben hatte, trafen sich, bedrückt und betrübt, um Besuchszeit im Atrium der Villa, um Karten und Blumen abzugeben und um sich dann auf Französisch zu empfehlen. Die arme Frau—! Der Haushofmeister ließ sich vernehmen: Die Frau Herzogin lasse bitten. Sie erwarte die Herren im blauen Salon. Sogleich. Erstaunt, ja bestürzt stieg man empor. #l#auen Salon saß eine verschleierte Frau in der ensternische. Der Schleier fiel. Ein Zucken ing durch die Schar der Kavaliere. Das schöne Besicht— entstellt für immer. Rote Brandmale, pflasterbeklebte Wunden, zugeschwollen die Augen— oh, das war schrecklich! „Entstellt auf ewig, meine Herren! Leben Sie wohl!“ Blumensträuße, gemurmelte Worte— aber keiner, der blieb. Sie eilten über die ihnen gebaute goldene Brücke. Vorüber, vorbei... Der Anwalt fuhr nach Paris. St. Fleuron nach Rom, wo ein weitläufiger Vetter wohnte, den er noch nie angepumpt hatte. Er wollte dies Versäumnis gutmachen. Der Ungar fuhr ins Pußtaland— und so weiter. Binsdorff erschien erst am Nachmittag in der Villa Otranto, und zwar im Frack. Gefragt, warum in Gala, antwortete er, zu Verlobungen pflege er stets im Frack zu kommen. Man verstand ihn nicht. Die Herzogin ließ ihn, den Letzten, vor und entschleierte sich.„Entstellt auf ewig! Leben Sie wohl!“ sagte sie leise und, so schien es, um einen Ton bedauernder als am Vormittag. „Nicht der Rede wert, ich bleibe bei Ihnen, Amély, ich allein. Denn ich liebe Sie...“ Er hätte dazu setzen müssen:„Und außerdem bin ich hinter einen gewissen faulen Zauber gekommen.“ Das aber unterdrückte er zunächst mannhaft, ließ sich vor der Geliebten seines Herzens auf die Knie nieder und faßte ihre Hände, die von der Explosion merkwürdigerweise vollkommen verschont geblieben waren Sie reichte ihm, der lange ja schon ein Bevorzugter war, den Mund zum Kuß und verlobte sich ihm. Und dann ging sie rasch zum Spiegel, ein paar Handbewegungen, ein wenig Puder, eine Nuance Fliederduft— und aus dem Spiegel sah das schöne Antlitz der Herzogin von Ortranto von ehedem. Strahlend trat sie vor ihn hin, suchte Ueberraschung, Begeisterung in seinen hübschen Zügen. Umsonst. Da war nur ein fröhliches Lachen. „Sind die Folgen der Reise nach Turin wieer beseitigt?“ Der Herzogin verschlug's die Rede. Erst, als r Fred Binsdorff ein paar Worte wie„kosectischer Salon",„Ladenmädels" usw. zärtlich is Ohr raunte, entschloß sich die schöne Frau ach einem tiefen Seufzer zu der Erkenntnis, aß ihre famose Idee an dem da, dem Kölner, ge cheitert war. Sie fand die Sprache wieder. „O du!“ war allerdings zunächst der einzige brauch, den sie davon machte. Sie hatte: an der Hand und sie schritten hinab in den maischönen Garten, zu dessen Füßen das blaue Meer leuchtend weißen Schaum warf an ernstem Fels.——— —— Der Rechtsanwalt Vallade, der in Paris von seinem und der übrigen Kavaliere Reinfall erfuhr, raufte sich die Haare(nicht ungestraft, denn er trug eine teure Perücke) und erhöhte rückwirkend vom Tage seiner Abreise aus Nizza an seine Honorarforderungen um fünfzig Prozent. Denn irgendwie mußte die Menschheit an seinem Pech teilhaben. Conrad Ferdinand Meuer Zum 100. Geburtstag am 11. Oktober. Von Studienrat G. Wernecke=Dortmund. Vor hundert Jahren wurde in Zürich zum Licht geboren einer der größten deutschen Novellisten, ein großer Lyriker, ein Mensch von einprägsamer Eigenart und Bedeutung: Conrad Ferdinand Meyer. Wuchtig, massiv Rumpf und Haupt, überspielt von Lichtern feinster Geistigkeit, etwa einem jovialen ländlichen Kreisphysikus vergleichbar, so zeigt ihn das bekannte Konterfei. Aus schweren Jugendzeiten, schweizerisch holzgehauen in aller Eckigkeit, allerhand Anlage und Erlebnis nicht immer siegreich überwindend, tritt er in reisem Mannesalter auf mehr auch gar keine Zeit. Binsdorff nahm sie Ferne Schritte Durchs gelbe Weinlaub drängt sich feucht und blaß das überfrorne Blau der reifen Trauben. Ein Apfel fällt verdrossen in das Gras, schon schauert Kühle durch die leeren Lauben. Die Luft riecht trübe mit verwelktem Kraut, doch spür' ich späten Rosenhauches Süße und horche hingewandt dem leisen Laut fernhin entflohner Geisterfüße. Ludwig Bäte. Freilich muß jeder selber den Vergleich ziehen, und was auch das Ergednis sei: Natur und Kunst. Nähe und Weite, naives und sentimentales Verhalten, Intuition und Diskursivität, unbekümmerte Derbheit und mimosenhafte Feinheit, Wagen und Wägen— un tiefsten Sinne bezeichnen alle diese Worte unsaßbare, weil vom Gesamtwesen untrennbare Züge. Wie Bäume aus gleichem Erdengrund, in demselben Sturm= und Sonnenwetter mancherlei Blattwerk und Blüte treiben, so offenbaren ethisch selbständige Künstler, demselben Heimatgrund entsprossen, verschiedene Welt= und Menschenbilder; und wer da will, mag Gottfried Keller mit einer knorrigen Eiche vergleichen, in deren Astwerk possierliche Eichhörnchen, schnurriges Käferzeug, lustige Gimoel nicht fehlen.— Conrad Ferdinand Neyer möchte dann eine schwere und doch festliche Ulme sein, mit Eseu und Reben umhangen. —72— Die untröstliche Witwe Konrod Ferd. Meyer den geistigen Kampfplatz, erst im deutschen Siegerjahr 1870 ganz deutschen Wesens und deutscher Bestimmung bewußt geworden. Stofflich und psychologisch umfängt und umwittert ihn die Luft der Renaissance, als müßte Lust und Inbrunst des Schaffens sich in genugender Ort= und Zeitdistanz entladen. Eine stolze Reihe festgebauter Novellen; denn zu dieser Gattung erweitert sich die kleinste, verengt sich die größte Anlage:„Jürg Jenatsch“, „Der Heilige",„Die Hochzeit des Mönches", „Die Versuchung des Pescara“,„Angela Vorgia“. Klar und absolut, gepreßt und rund sind Menschen und Verhältnisse hingestellt, ohne romantisches oder aufdringlich aktenhaftes Drumherum. Ihr Stil tötet jene verrufene Romanart, die nicht Geschichte noch Dichtung sein konnte. Das ist ein Hauptverdienst C. F. Meyers— wenn man ihm eine formale Aufgave und Leistung zuschieben will— daß es in der deutschen Literatur seit seinem Schaffen nicht mehr möglich sein wird, mehr oder weniger schönes Geschreibsel mit Aufputz von histocischen Zahlen und Namen in irgendwelchen Kostümen und Archaismen für geschichtliche Dichtung auszugeben. Unser Poet ist einer der Schöpfer des sogenannten poetischen Realismus, er hat neben seinem großen Landsmann Gottfried Keller, nach Fr. Th. Vischers Wort,„das Ideale in den Granitgrund der unerbittlichen Lebenswahrheit“ gesenkt. Die granitne Schwere der Irdischkeit und der Glanzhauch des Himmlischen darüberhin, das Firnelicht, das große, stille Leuchten über dem Leben— wie heiß errungen und streng bewahrt solch polarisches Dichterwesen:, das lehrt besser als die selbstsicher ruhende Epik, die noch flutende, ebbende Gesamtstimmmung der Lurik. Da bebt noch das blühende Fleisch edel=erotischer ewiger Jugend eines wahren Dichters unter kühler Marmorglätte der Form da glüht noch das flüssige Erz unter den kunstvoll gehärteten Zkerarten aus bewußter Schöpferhand. Wenn auch bei großen Menschen Klassenbildung und Vergleich leicht herabsetzend wirkt so liegt in der beliebten, frei nach Goethe— Schiller, Hebbel—Ludwig, Mozart—Beethoven gebildeten Assoziation Kellereyer dos mancher fruchtbare Gewinn. Skizze von Julius Knopf. Die Geschichte hat sich nicht etwa in Amerika zugetragen, dem Lande des begrenzten Kulturhorizontes und der unbegrenzten Möglichkeiten, sondern auf der dänischen Insel Möen, einem Eiland von unbegrenzter Begrenzcheit kleinbürgerlicher Sittenstrenge. Und meinem Freunde Tang Hornung, der dort als Rentier seine Tage beschließen will, habe ich sie zu verdanken. Die Begebenheit ist kurios und erheiternd genug, um sie meinen deutschen Volksgenossen vorzutragen. Für die vielen deutschen Leser, die von der Exstenz der kleinen Insel Möen noch nie etwas gehört haben, was im übrigen durchaus keinen geographischen Bildungsmangel bedeutet, bemerke ich, daß sie unweit der Südostküste Seelands liegt, von der Ostsee umspült, von Laubwäldern geschmückt und von Kreidefelsen gekrönt wird. Aehnlich dem StubbenkammerLandschaftsbild auf der deutschen Insel Rügen. Als ich an einem sonnigen Nachmittag mit meinem Freunde Tang Hornung nach dem Gast hof Liselund spazierte, der hoch oben an den Felsen gelegen ist, begegneten wir einem recht ungleich aussehenden älteren Ehepaar, das Hornung mit der steisen Höflichkeit der Dänen grüßte. Die Frau groß und stattlich und schön von geschminktem Angesicht, das die Blicke der Männer noch immer auf sich lenken konnte. Der Mann, klein, dürr und ausgemergolt, wie ein Flunder, der seit Monaten zum Trocknen am Aequator hängt. Sein Gesicht übersät mit tiefen Blatternarben. „Eine schöne Frau,“ sagte ich,„und ein häßlicher Mann.“ „Ja, ihr zweiter Mann war hübscher,“ belehrte mich mein Freund. „So ist es schon ihr dritter Mann?“ fragte ich. Worauf Hornung mir die sonderbare Antwort gab:„Ihr erster und dritter Mann.“ Er sah mein Befremden.„Damit Du nicht meinst, daß ich einen saulen Witz mit Dir mache, will ich Dir die Geschichte erzählen, sie klingt wie ein Roman.“ Wir lagerten uns oberhalb des massig getürmten, weißblitzenden Kreideselsens, dem Tronningestolen, einem Gegenstück des Königsstuhls auf Rügen. Mein Freund Hornung steckte sich eine Zigarre an, und nachdem ich meine Pfeise in Brand gesetzt hatte, begann er zu erzählen: „Die Madame Rasmussen, der zu begegnen wir soeben das Vergnügen hatten, war in ihrer Jugend ein fesches Frauenzimmer. Kohett, lebensfroh, vergnügungssüchtig. Knut Jasmussen, der Mann— ein Original übrigens— war damals schon so versa###en in seine frau, wie er es noch heute ist. Er erfüllte ihr jeden Wunsch und konnte es auch, denn sein;# handel brachte ihm viel Geld ein. Ein tiger Geschäftsmann und ein unternehmen## abenteuerlicher Kopf ist er immer gewesen.