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Kleine Bosheiten

Von Walsing.

Man hat sich in Gesellschaft gut unterhalten, wenn man Gelegenheit hatte, gut von sich zu reden.

Die kurzen Behanntschaften sind die besten.

*

Größten Eindruck macht auf uns der Ein­druck, den wir selber bei anderen erwecken.

*

Die Taktlosen haben immer recht.

Mancher gibt nur deshalb acht auf sich, damit er die Selbstachtung nicht ganz verliert.

„Laß es bleiben, Basil. Ich sage Dir zuver­lässig: besser, Du tust es nicht.“

„Was soll da besser sein! Ich weiß es selbst, daß ich es besser nicht täte, die Wahrheit hast Du über mein Los gesprochen. Für mich täte ich es besser nicht, aber für das Recht, Bruder, soll man sich einsetzen.“

„Aber so sage mir doch, woher das alles ge­kommen ist?"

„Ja, woher... Er besichtigte alles, stieg von der Draisine, schaute in das Wärterhäuschen. Ich wußte es schon, daß er streng fragen würde, alles habe ich gehörig in Stand ge­bracht. Schon wollte er davonfahren, da kom­me ich mit einer Klage. Er fängt sogleich zu schreien an Hier, sagt er, ist eine behördliche Besichtigung, so und so, und du kommst uns mit Klagen über deinen Gemüsegarten! Hier, sagt er, sind Geheimräte, und du kommst mit deinem Kraut herangekrochen!— Ich hielt es nicht mehr aus, sprach ein Wort, nicht sonderlich schlimm, aber er hielt es für eine Beleidigung. Wie er mir eine herunterhaut... und ich ste­he da, als ob es sich so gehörte. Sie fuhren wec da kam ich zur Besinnung, nun da wusch ie mir das Gesicht ab und ging."

„Und Dein Wärterhaus?“

„Mein Weib ist dort geblieben. Sie wird sich nicht verschlafen. Uebrigens, mag es nun mit ihnen gänzlich seinen Weg nehmen.“

Basil erhob sich und schickte sich zum Fortge­hen an.

„Leb wohl, Simon.“ Ich weiß es nicht, ob ich mir Recht verschaffen werde."

„Gehst Du zu Fuß?“

„An der Station bettele ich mich auf den Güterzug, morgen werde ich in Moskau sein.“ Die Nachbarn nahmen Abschied. Basil ging und lange war er fort. Sein Weib arbeitete für ihn, schlief Tag und Nacht nicht, sie ver­brauchte sich ganz und wartete auf ihren Mann. Am dritten Tage fuhr die Revision durch: eine Lokomotive ein Güterwagen und zwei Wagen erster Klasse, und Basil war im­mer noch nicht da. Am vierten Tage sah Si­mon die Frau seines Nachbarn, ihr Gesicht war vom Weinen geschwollen, die Augen waren gerötet.

„Ist der Mann zurück?“ fragte er.

Das Weib fuhr mit der Hand durch die Luft, sagte gar nichts und ging ihres Weges.

Stmon hatte einst, als er noch ein Knabe war, gelernt, aus der Sumpfweide Pfeischen zu machen. Er brennt einem Stäbchen aus Wei­denholz das Mark aus, bohrt, wo es nörg ist, Löcher hinein, schließlich macht er ein Mund­stück und bringt es so geschickt an, daß man spielen kann, was einem einfällt. In müßigen Stunden fertigte er viel solcher Pfeischen an, u. er schickte sie durch einen ihm bekannten Güter­zugschaffner in die Stadt auf den Markt. Dort gab man ihm zwei Kopeken für das Stück. Am dritten Tage nach der Revision ließ er seine Frau zu Hause, damit sie den abendlichen Sechs­uhrzug erwarte, er selbst nahm ein Messer und ging in den Wald, um sich Stäbchen zu schnei­den. Er gelangte bis an das Ende seines Streckenbereiches— an dieser Stelle machte der Bahnkörper eine scharfe Kurve— stieg die Böschung hinunter und ging durch den Wald dem Fuße eines Hügels zu. Nach etwa einem halben Kilometer gab es einen großen Sumpf und in seiner Umgebung wuchsen die vorzüg­lichsten Sträucher für seine Pfeischen. Er schnitt ein ganzes Bündel Stäbe und machte sich auf den Heimweg. Er geht im Walde, die Sonne steht schon tief, Totenstille umgibt ihn, man hört nur, wie die Vögel zwitschern und wie das dürre Gezweige unter den Füßen knistert. Simon war kaum ein wenig weiter gegangen, bald mußte er den Schienenstrang erreichen, da kam es ihm vor, als höre er noch etwas anderes, gleich als ob irgendwo Eisen an Eisen schlüge. Simon beschleunigte seine Schritte. Ausbesserungsarbeiten gab es damals auf die­er Streche nicht. Was mag das nur bedeuten? — denkt er. Er tritt aus der Lichtung her­

ben auf der Strecke kauert ein Mensch und macht sich zu schaffen. Simon begann leise zu ihm hinaufzusteigen. Er denkt, es ist einer ge­kommen, um Schrauben zu stehlen. Er schaut hin— und da ist der Mann aufgestanden, in den Händen hält er eine Brechstange, er will schreien— kann es nicht. Er erblickt Basil, er gewinnt mit großen Sprüngen die Höhe u. verschwindet mit Brechstange und Schrauben­schlüssel kopfüber von der Schüttung.

„Basil Spiridow! Leibliches Väterchen, Täub­chen, kehre um Die Brechstange her! Wir setzen die Schiene ein, niemand wird etwas erfahren. Kehre um, rette Deine Seele vor der Sün­ie

Basil wandte sich nicht um, er ging fort in lven Bohd.

Simon steht über der ausgebrochenen Schie­ne, seine Stäbchen hat er fallen lassen. Der Zug kommt, kein Güterzug, ein Passagier=

339;„Ihn wird er nicht aufhalten, auf beine le: es ist keine Flagge da. Die Schiene wird er nicht an ihren Platz bringen, mit nackten Händen wird er die Schwellenbacken nicht festschlagen. Man muß laufen, unbedingt in das Wärterhaus laufen, um irgendein Gerät

Simon läuft zu seinem Wärterhäuschen,

der Atem geht ihm aus— nun fällt er hin. Aus dem Wald läuft er heraus— zum Wär­terhaus sind es noch zweihundert Meter, nicht mehr, da hört er— in der Fabrik sing die Dampfpfeise zu heulen an. Es ist sechs Uhr. Um sechs Uhr zwei Minuten wird der Zug vor­beikommen.„Herrgott, rette die unschuwigen Leute!". Und Simon sieht es vor sich, wie die Lokomotive mit dem linken Rad in die Schie­nenlücke greift, ins Wanken gerät, sich auf die Seite legen, die Schwellen in der Fahrt auf­reißen und in Stücke schlagen wird, und da ist die Biegung, die Kurve und die Böschung, und da wird sie sich hinunterwälzen, zweiundzwan­zig Meter in die Tiefe. Und dort in der dritten Klasse, sie ist mit Menschen vollgestovft, kleine Kinder—— Jetzt sitzen sie noch alle da und denken an gar nichts.„Herrgott, erheuchte mich!"—— Nein, zum Wärterhaus kuusen und rechtzeitig zurückkehren, dazu hat er kei­

Simon lief nicht zum Wärterhaus, er kehrte um, er lief schneller als zuvor. Er rennt fast ohne Besinnung, er weiß es selbst nicht, was noch werden soll. Rannte hin zu der abge­rissenen Schiene: da liegen seine Stäbchen auf einem Haufen. Er beugt sich nieder, ergriff eines davon, ohne zu wissen warum, lief wei­ter. Es kommt ihm vor, als käme der Zug schon. Er hört ein fernes Pfeifen, fühlt die ge­messene und leise Erschütterung der Schienen. Weiterzulaufen, dazu fehlt ihm die Kraft, er bleibt stehen, etwa zweihundert Meter von der schrecklichen Stelle entfernt. Da blitzt ihm ein lichter Gedanke durch den Kopf. Er zog seine Mütze herab, nahm sein baumwollenes Taschentuch heraus, zog sein Messer aus dem Stiefelschaft, er bekreuzigte sich.„Herr segne mich!“

Er stieß das Messer in den linken Arm, oberhalb des Ellenbogens, Blut spritzte auf, floß dahin in heißem Strahl. In ihm durch­näßte er sein Taschentuch, faltete es auseinan­

Guter Bescheich

Von Richard Zoozmann.

Der alte Bauer Trump war äußerst arm Und äußerst fromm. Und so erschien ihm einst Nach brünstigem Gebet im Traum ein Engel. „Sag, lieber Engel!“— sprach der arme Bauer „Was gelten hunderttausend Jahr beim Herrn?" „Eine Minute,“ sprach der Engel freundlich. „Und was sind hunderttausend Mark beim

Herrn?"

„Ein Pfennig.“ sprach der Engel.—„Lieber

Engel,

So bitte den Allgütigen, daß er mir Nur einen einzigen Pfennig gebe.“—„Warte Eine Minute,“ sprach der Engel freundlich.

U.=B. Nr. 6531. Gisela von Berger: Die Schlange. Drei Novellen. Mit einem Nach­wort von Felix Salten.(76 S.) Heft 30 Pf., Band 60 Pf., in Halbleder 1.50 Mk.

Das Problem des Todes als sanftes Hinüber­gleiten in die andere Welt, als stilles Loslösen und Entgleiten aller Schwere der Körperlich­keit, erfüllt diese drei Erzählungen von ster­benden Menschen, die das Leben liebten und den Tod fürchteten. Aber das Rätsel Tod: lächelt über das irrende Blendwerk des kleinen seltsamen Leidens, das Leben heißt, und wird zur Befreiung, zum wunderbaren Glücksgefühl. Ein Buch, das besinnlich macht und ans Herz geht.

UB. Nr. 6541: Herm. Stehr: Der Schindel­

macher. Novelle. Mit einem Nachwort von Dr. Hans Knudsen. Heft 40 Pf., Band 80 Pf., Halbleder 2.— Mk.

Der Schlesier Hermann Stehr gehört zu den Dichtern, die mit Gerhart Hauptmann in der Zeit des Naturalismus bekannt geworden sind. Es wäre aber ganz falsch, Stehr aus solchen äußeren Gründen zum Naturalisten abstem­peln zu wollen. Seine ganze Entwicklung zu

einem Dichter verantwortungsbewußter Dies­seits=Seligkeit hat es bewiesen, daß ihn die Probleme des Naturalismus gar nicht inter­essieren. Das wird auch an einer seiner bedeu­tendsten Novellen der Frühzeit deutlich: der nun neugedruckte„Schindelmacher" ist ganz. be­herrscht und bestimmt von seelischen Kraften und Kämpfen. Die Darstellung der aufkeimen­den Rache des alten, aber noch kräftigen, ver­nachlässigten und ausgenützten Schindelmachers, der schließlich sich aufbäumt und alles mit sich in den Abgrund zieht, hat man nicht zu Unrecht mit Shakespeares„Lear" verglichen. Der Ber­liner Literarhistoriker Dr. Hans Knudsen, der zu den ersten Vorkämpfern für Stehr gehört, hat in einem Nachwort des Dichters künstleri­sches Wesen in knappen Strichen sicher gezeich­net. Man darf daran erinnern, daß Gerhart Hauptmann das deutsche Volk gemahnt hat: „Möge Stehr bald so allgemein und voll gewür­digt werden, wie es sein tiefer Wert gebieterisch fordert“.

u— aar im ragt der Bahnkörper auf, dro= abgeschraubt.“

näßte er sein Taschentuch, faltete es

der, spannte es aus, vand es an das Stabchen und hielt seine rote Flagge hoch. So steht er da, schwenkt seine Flagge hin und her, und der Zug wird schon sichtbar. Der Maschinist sieht ihn nicht; er wird zu nahe herankommen, und auf zweihundert Meter wird er den schweren Zug nicht mehr zum Stehen bringen!

Und das Blut fließt und fließt. Simon preßt die Wunde an seine Seite, will sie zudrücken, aber das Blut hört nicht auf zu fließen. Offen­bar hat er den Arm tief verwundet. Ihm wurde schwindlig; vor den Augen tanzten schwarze Mücken; dann wurde es ganz dunkel. In den Ohren hört er Glockenklang. Er sieht den Zug nicht und hört nicht den Lärm. Nur den einen Gedanken hat er im Kopf:„Ich werde nicht durchhalten, werde umfallen, werde die Flagge fallen lassen: der Zug wird vorbei­

fahren durch meine Schuld—— hilf, Herr,

schicke mir Ablösung——“

Da wurde es ihm schwarz vor den Augen und leer im Herzen, und er lietz die Flagge fallen. Aber das blutige Banner fiel nicht auf die Erde; irgend jemandes Hand erfaßte es und hielt es hoch empor, dem herankommen­den Zuge entgegen. Der Maschinist sah es und gab Gegendampf. Der Zug hielt.

Aus den Wagen sorangen die Leute heraus, liefen zu einem Haufen zusammen. Sie sehen: da liegt ein Mann, ganz mit Blut bedeckt, ohne Bewußtsein, ein zweiter steht neben ihm mit einem blutigen Fetzen an einem Stöckchen.

Basil ließ seine Augen über die Menge glei­ten. dann senkte er den Kovf.

„Bindet mich,“ sagte er,„ich habe die Schiene

Zweizüger

Verantwortlich: H. Semmelmann, Altena.

Druck und Verlag: P. A. Santz, Altena.

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Nr. 29

Samstag, 25. Juli

1925

Professor Hummelbrunn

Skizze von Wilhelm Momma=Veibert.

Untersekunda... grauweißgestrichene, den Scheuklappen der Pferde verwandte Blend­scheiben... im gleichmäßigen Trott verknö­cherte Professoren... und Gymnasiasten, die in angeborenem Uebermut die Kandare profes­sorlicher Erziehungsweise zerbissen und über die Stränge schlugen....

In den Schulsaal hinein schien die Sonne und zog immer wieder den strafenden Blick des Professors auf sich. Hummelbrunn dozierte Naturgeschichte: Die Systematik der Pflanzen; die Sekundaner trieben Naturgeschichte. Sie hatten jedem eine widerhakige Kletterfrucht an­gehängt und eine gar in wohlgezieltem Schuß dem Herrn Professor als Orden an die Brust geklebt. Der sah es nicht; auf dem Katheder stand er, schaute durch seine Hornbrille auf eine Blüte herab, bog mit fleischigen, ungeschickten Fingern ihre Blütenblättchen auseinander und ordnete sie— wie im Selbstgespräch vor sich hinmurmelnd— in eine Klasse des Linnéschen Systems ein.

Da... plötzlich ward es lebendig. Die de­korativen Kletten verwandelten sich in kriege­rische Wurfgeschosse; ein großes Tohuwabohu entstand, in das des alten Hummelbrunn etwas rostige Stimme hineinpolterte:„Flegel sind Sie! Ganz gemeine Flegel!" Er machte An­stalten, sich auf Gottfried Himmelreuter und mich, die schlimmsten Uebeltäter, zu stürzen, be­sann sich dann aber und schritt mit stoischer Ruhe aus dem Zimmer. Gleich darauf schrillte die Glocke durchs Haus...

—.—— Sonnschein im Bruch... goldener

Sonntagnachmittags=Sonnenschein. Gottfried Himmelreuter und ich hatten einen Pirol auf­gestöbert, waren keuchend ihm nachgepürscht und entdeckten ihn schließlich in der Spitze einer himmelragenden Pappel, aus der sein weicher Ruf ein einziges Mal zu uns hernie­derscholl. Dann strich er ab. Wir gaben es auf, ihm zu folgen, verschnauften ein wenig, schau­ten uns um, standen einen Augenblick wie ver­steinert und lachten dann aus vollem Halse. Ein zu komisch Bild bot sich unvermittelt unse­ren Blicken dar. Vor uns, mitten in einer von Knabenkrautblumen übersäten Wiese, saß der alte Professor. Er steckte in seinem ewi­gen, salzgrauen Rock, dessen Schöße er hinten seitwärts geschlagen hatte; die Beinkleider wa­ren hochgezogen, daß die ungewichsten Schäfte seiner Stiefei sichtbar waren. Den breitkrem­pigen Hut hatte er in den Nacken geschoben und die Trille vorn auf der Nasenspitze sitzen. So hockte er im Gras, hielt einen gespitzten Bleistift in der Hand, hüpfte von Blüte zu Blü­te, den Stift wie einen Bienenrüssel in jeden Kelch tauchend. Und jedesmal, wenn er auf seiner Spitze die beiden Pollen stehen und sich allmählich nach vorn neigen sah, freute er sich wie ein Junge und hüpfte zur nächsten Blüte. Er hatte nicht einmal Zeit, sich aufzurichten.

Der alte, ungefügte Hummelbrunn... ein Handlanger der Natur, ein Bienchen, das em­sig von Blume zu Blume flog, in ihren Narben neues Leben zu wecken!

Wir hatten Sinn für die Komik des Lebens; so lachten wir noch, als des Alten Brillengläser im Sonnenschein wie zornig auffunkelten und er mit seinem erschrockenen Kinderblick auf uns sah. Doch er überhörte es; er war in rosig­ster Stimmung und zürnte uns nicht.

„Kommen Sie nur heran!“ rief er mit seiner zitterigen Stimme zu uns herüber.„Ich seh' das gern, wenn junge Leute sich einmal in der Natur umsehen!" Das klang so gutmütig, daß unser Lachen bald verstummte; und nach kur­zer Zeit saßen wir neben ihm im Gras und hal­fen ihm mit gespitztem Bleistift bei seiner duf­tigen Beschäftigung. Dabei erzählte er mit kindlicher Begeisterung von der Bestäubung der Knabenkräuter, sodaß der anfänglich sehr im Bereich der Möglichkeiten liegende Gedanke, ihm einen Schabernack zu spielen, uns nun ab­surd erschien. Sväter strichen wir mit ihm

durchs Bruch, darin er gut Bescheid wußte— und als Gottfried Himmelreuter, der sich noch besser in ihm auskannte, ihn zu einem verlor­genen Plätzchen führte, da die kleine stachlichte Drosera ihre löffelförmigen Blättchen als Flie­genfalle in der Runde ausgelegt hatte, da floß sein Herz über vor Freude, und er ward immer gesprächiger...

Im Abendsonnenlicht gingen wir mitein­ander über die schnurgerade, staubige Land­straße der Stadt zu. Der Herr Professor kom nicht zu Ende mit seiner Weisheit; sein Mund stand nicht still, und seine Rede floß wie ein ge­schwätziges Bächlein daher....

„Das Bruch,“ sagte er in stiller Begeisterung, „ist eine Welt für sich: eine Wunderwelt, darin jeder Sumpf und Tümpel, jedes Moor ein Ab­geund von Fragen und Rätseln ist. Da kommt man nicht zu Rande, nie!“ Und nach einer Weile fügte er stillächelnd hinzu:„An einer einzigen Pflanze könnte man sein ganzes Le­ben lang herumstudieren und die ewigen Le­bensgesetze alle an ihr ablesen!“

Der Sinn der Worte und die in ihnen glü­hende tiefe Begeisterung gingen uns ans Herz. Wir kannten den trockenen Systemmenschen aus der Schule nicht wieder. Er hatte der ver­

schen und lateinischen Namen versehen und sy­stematisch geordnet. Und viel Staub lag dar­auf, recht viel Staub. Wir sahen fragend auf ihn; er war uns ein Rätsel. Zuletzt fragte ihn Himmelreuter:„Wollen Sie nicht einmal mit der Klasse ins Bruch gehen, Herr Professor? Das würde sicher für alle eine Freude.“ Aber da kam das unsagbar traurige, das vorhin in seinem Schluchzen aufgeklungen, wieder in sei­nen Blick. Er schüttelte bedenklich den Noof und sagte tonlos:„Das ist unprodukriv; das gibt ein Durcheinander in den Köpfen: er Menschen. Sie müssen erst einen geordneten Ueberblick haben, nachher finden Sie sich schon da draußen zurecht."

Wir sahen uns gegenseitig verständnislos an: wir ahnten da eine Tragik, nur ward uns nicht bewußt, wie traurig das alles war... Am andern Morgen teilte uns der Ordina­

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Sehnsuchtsland

Ein kleines Zimmer im Dichterheim,

Der Abend tritt milde und traulich herein.

Alte Gemälde an bunter Wand

Und heimlich glühendes Sonnenland.

Harfentöne, nah und doch weit, Irgendwo noch schlummernde Zeit. Und ewig klingendes Menschengemüt Im schwebenden, lebenden Harfenlied.

Wo seid ihr alten Träume hin?

Und war ich einst, der ich heute bin?

Harfe flüstert es zu mir her:

„Bist zwar kein Träumer— kein Schwärmer

mehr,

Doch immer noch ist es dein Herz, das so singt, Grad' wie die Königin Harfe klingt"——

Harfe steht im Dichterheim,

Klingt und singt und träumt sich ein;

Alte Gemälde an bunter Wand.——

Alles Orplid— Unser Sehnsuchtsland.

Reinhold Peting.

UDCDEDES

K

knöcherten Professor daheim ausgezogen; nur der Mensch Hummelbrunn war ins Freie ge­kommen, der begeisterte, herzensgute, goldene Mensch, der in der Woche unter Schulstaub und Aktenkram vergraben war. Wir wußten es bisher nicht, daß in seiner Seele noch eine Spur von Begeisterung wie ein letzter Streifen Abendsonnengold schwebte; jetzt spürten wir es. Wir hätten dem alten, knorrigen Herrn um den Hals fallen mögen.

Und dann zeigte sich uns der Mensch Hum­melbrunn in seiner ganzen Reinheit. Dein al­ten Manne ward der Weg zu weir, und wir setzten uns zur Rast in den Straßengraben. Da überkam es ihn plötzlich, und seine wasserhellen Augen wurden feucht. Er schlug uns unvermit­telt kameradschaftlich auf die Schulier. als wollte er sich mit einem burschikosen Scherz über die Rührung hinwegsetzen; dann schluchzte er heftig auf und schluckte, als würge ihm et­was im Halse. Er konnte nicht sagen, war in ihm war; aber das alles war so tieftraurig, nie wenn einer vor seinem Tod entdeckte, daß er am größten Glück des Lebens unbedacht vor­überging. Wir standen in seelischer Unbehol­fenheit dabei und wußten nicht, was wir an­fangen sollten...

Nachher nahm uns der alte Herr mit in seine Wohnung und zeigte uns Sammlungen: Lauter saft= und farblose Pflanzen, sauber und mit viel Liebe zerleat. gevreßt. aufgeklebt, mit deut­

rius mit, Herr Professor Hummelbrunn

der verflossenen Nacht an einem Schlaganfall verschieden. Gottfried Himmelreuter sah mich, ich Gottfried Himmelreuter an; wir####tten bei­de Tränen in den Augen. Die anderen mußten nicht, ob sie weinen oder schmunzeln sollten. Ih­nen war der plötzliche Tod des Alten eine der vielen Ungeschicklichkeiten, die sie an ihm er­lebt hatten. Nach und nach über wurden auch ihre Augen feucht.—

Als wir ihn nach drei Tagen zur Ruhe tru­gen, hatte es in der Nacht vorher geregnet, und die Knabenkräuter, die wir ihm im Bruch ge­pflückt hatten, trugen große Tautropfen in ih. ren Kelchen. Die Sonne spiegelte sich darin; als wir ihm die Blumen ins Grab warfen, da leuchteten und schimmerten sie wie Gold.

—2—

Lebensretter

Skizze von Hanns Luckenwaldt.

Man mußte eben die schadhafte Stelle mit viel Geduld, Sorgfalt und Geschick unter den Kragen schieben. So machte der Schlips— man sah, er hatte bessere Zeiten gebrant— noch einen leidlichen Eindruck.

Karl Schüller überprüfte im Spiegel das Ge­sicht und die Brustpartie. Mehr zeigte das et­was matte Glas nicht.

Das Haar konnte nicht besser sitzen. Auch über den Hinterkopf fiel es glatt und ohne Strähnen, wie er mit einem Taschenspiegelchen feststellte. Jetzt straffte er die Gesichtshaut und musterte jeden Zentimeter der soeben rasierten Kinn= und Mundpartie. Kein Härchen zeigte sich, wenn auch Waschseife die schon längst ver­brauchte Rasiercreme hatte ersetzen müssen. Das verwaschene Oberhemd würde der hoch­geschlossene Reversausschnitt zum großen Teil verdecken.

Er atmete tief.

Behutsam, als wäre es hauchzartes Glas, nahm er den Anzug hinter dem Eckvorhang vor— er ersetzte den Kleiderschrank— und be­freite ihn von der Papierhülle, die er zum Schutz gegen Staub und Motten umständlich um das Kleidungsstück gelegt hatte.

Sein Anzug!

Sein letzter Anzug, rechnete man das zer­schlissene Sportkleid nicht, das jeder Althänd­ler bedauernd zurückgewiesen hatte.

Bedächtig, als handelte es sich um eine feier­liche Angelegenheit, legte er Hose, Weste und Jackett an.

Seine Mienen hellten auf. Wohlgefällig mu­sterte er Sitz und Schnitt des Kleidungsstücks. Und damit glomm ein letztes Fünkchen Hoff­nung hellauf.

Er würde die Stellung erhalten.

Endlich, nach fast sechs Monaten Arbeitslosig­keit würde er wieder schaffen dürfen, Geld ver­dienen.

Geld verdienen, Schulden abzahlen können!

Karl Schüller dachte an den weisen Amerika­ner, der riet, lieber das Bett zu verkaufen, als den letzten gutsitzenden Anzug.

*. und erwarten wir Sie in den Vormit­tagsstunden zwecks persönlicher Rücksprache.