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Verantwortlich: J. J. Ueller, Diersen
Deutsche Volks-Blätter
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205. Nr. 254
Unpolitische Zeitläufe.
Berlin, den 12. Oktober.
Heute möchte ich einen offenen Brief schreiben, und zwar An Herrn Pfarrer von der Heydt aus Berlin, zurzeit Hamburg,
abzugeben bei der Generalversammlung des Evangelischen Bundes.
Sehr geehrter Herr Prediger!
Sie haben vorgestern eine Rede gehalten über„Die ultramontane Propaganog in und um Berlin." Das Thema interessiert den ergebenst Unterzeichneten sehr, obschon es nicht neu ist. Ueberhaupt gilt ja auf den Versammlungen Ihres Evangelischen Bundes gar sehr das Wort: repeistio est mater studiorumf was sich in der kräftigen Ausdrucksweise Ihres Kollegen Meyer(Zwickau) etwa so verdeutschen ließe: Wiederkäuen hilft schön über den Futtermangel hinweg. Ja, wenn mich mein Gedächtnis nicht ganz täuscht, so haben Sie selbst, geehrter Herr Prediger, schon früher einmal über die sog. Propaganda in Berlin gesprochen, und zwar in noch schrofferer Weise, als jetzt. Trotzdem muß ich Ihnen auch heute noch erklären, daß Sie die Katholiken von Berlin und Umgebung mit ungerechtem Spott kränken, wenn Sie den kenntnislosen Hamburgern erzählen, die Katholiken bauten in Groß=Berlin zu viel Kirchen und zu viel Krankenhäuser, über ihren Bedarf hinaus. Ach, Herr Prediger, es ist ein sonderbares Gefühl, wenn man mit knurrendem Magen den Vorwurf der Schlemmerei hören muß.
Iocy lade Sie freundlichst ein, an einem der nächsten Sonntage, wenn Sie von dem Hamburger Schlachtsest heimgekehrt sind, einen Abstecher nach Zehlendorf an der Wannseebahn zu machen und dort eine hinter dem Gasthof„zur Sonne“ liegende Scheune aufzusuchen. Am besten um 11¼ Uhr Vormittags. Besagte Scheune werden Sie gefüllt finden mit Leuten aller Klassen und aller Altersstufen in bunter Mischung; sie halten dort ihren sonntäglichen Gottesdienst ab, der auch Ihnen mehr katakomben= als kathedralmäßig vorkommen wird. Vtolleicht drängt sich Ihnen dann die Frage auf: Wenn in Goß=Berlin ein Ueberfluß an katholischen Kirchen herrscht, weerum drücken sich dann die Leute in dieser Scheune herum? Wenn Sie die Güte haben wollen, die versammelten„Ul
zontanen“ etwas genauer zu mustern, so fällt es Ihnen Relleicht auf, daß gerade die jugendlichen Arbeiter sehr stark vertreten sind. Ich glaube nicht, daß Sie in ganz Berlin eine protestantische Kirche ausweisen können, wo sich zum regelmä ßigen Sonntagsgottesdienst so viel junge Männer in den Stürm= und Drangjahren zusammenfinden. Da Sie christlicher Piediger sind, werden Sie sich darüber freuen müssen, daß der Unglaube, die Weltlust und die Sozialdemokratie noch nicht vermocht haben, diese Arbeiter der Religion zu entfremden. Sie werden aber auch zugestehen müssen, daß, man den Arbeitern, den Dienstboten, den Kindern, den sorgenvollen Müttern usw. nicht zumuten darf, eine kostspielige und zettraubende Bahnfahrt oder stundenlange Märsche zum Besuche des Gottesdienstes zu unternehmen. Sie müssen eine Kirche im Dorse haben, wenn sie nicht an Religion und Sittlichkeit Schaden leiden sollen Darum betteln wir landauf und landab um das nötige Geld zum nötigen Kirchenbau, und inzwischen behelsen wir uns in einer Scheune. Das nennt man dann auf Ihrer Seite„ultra###tztane Propaganda in und um Berlin!“
sagten in Hamburg, die Katholiken arbeiteten hier mit einen so großen Aufwand von Mitteln, wie nirgendwo anders. O. wenn Sie uns notleidenden Katholiken oder unserm Bettilpforrer Deitmer in Steglitz doch verraten wollten, wo dies üppige Quelle der großen Mittel zu fassen ist. Die Berliner Katholiken würden gern den drückenden Bettelsack abwetfen und aus dem Vollen schöpfen; aber wir haben bisher
Druck und Verlag: Gesellschaft für Druck und Verlag, G. m. d. H., Diersen
den 14. Oktober.
die Goldquelle nicht finden können, auf die Sie anspielen. Nach unserer Erfahrung bleibt uns nicht anderes übrig, als immer von Neuem die Mildttätigkeit unserer Glaubensgenossen in ganz Deutschland anzusprechen. Sie können es dem„unpolitischen Onkel“ glauben, daß diese Art von„ultramontaner Propaganda in und um Berlin“ nicht übermäßig angenehm ist. Der Herr Pfarrer hat den ergreisendsten Hilferuf weithin erschallen lafsen, ich habe einen Bettelartikel über den andern ge schrieben und sogar ein Buch fabriziert und als Köder ausgeworsen— und wenn auch das Gabenbächlein zeitweilig recht munter floß, so haben wir doch nicht einmal das erste Viertel der Baukosten zusammenkratzen können. Der Wettbewerb ist zu groß, der Gebeeifer stumpft sich allmählich ab, die geplante Postanweisung füllt sich nicht immer von selbst aus, aufgeschoben ist aufgehoben. Ich würde Ihnen sehr dankbar sein, Herr Prediger, wenn durch Ihre Rede über die ultramontane Propaganda in und um Berlin die deutschen Katholiken und insbesondere die lieben unpolitischen Leser wieder einen kräftigen Rippenstoß erhielten, der sie zum nächsten Postamt in Trab brächte.
„Großer Auswand von Mitteln"? Freilich, auf Ihrer Seite, Herr Prediger, sind riesige Mittel ausgewendet worden. Freiherr v. Mirbach hat mit Scheffeln geschöpst, und auf keiner Katholikenversammlung hat man den schlechten Geschmack gehabt, deswegen über„protestantische Propaganda" zu schelten. Wir versuchen nun unsererseits auch mit kleinen Löffeln das Notdürstige zu schöpfen. Warum soll denn nun der arme Lazarus gescholten werden, wenner ein paar Brosamen ergattert?
An einer Stelle Ihrer Rede findet sich ein Lichtblick der Wahrheit und Gerechtigkeit. Sie erkennen an:„So weit nun die ultramontane Propaganda ihre Glieder im katholischen Glauben bewahren will, ist sie nicht zu tadeln.“ Na also! Damit reißen Sie selbst Ihrem Schreckgespenst das Laken wieder ab. Tatsächlich dient ja alles, was wir haben und erstreben, nur dem Zweck, die hiesigen Katholiken in ihrem Glauben zu bewahren. Sie reden zwar, hinterher gleich, wieder von„into lerantem Bekehrungsfanatismus", aber dafür haben Sie keine Beweise; denn einige Absätze weiter gestehen Sie ein:„Während der letzten Jahre ist man in der persönlichen Propaganda vorsichtiger geworden, auch in den Mischehen.“ Also Sie haben Beweise einer wirklichen Propaganda, einer Proselytenjägerei, nicht finden können. Dieses Urteil ist sehr wertvoll; denn als hervorragendes Mitglied des Evangelischen Bundes, der die protestantische Propaganda in Oesterreich systematisch im großen Stile betreibt, müssen Sie in dem Punkte sehr sachverständig sein. Sie werden ja auch wissen, daß am 9. Oktober die Gesellschaft zur Ausbreitung des Evangeliums unter den Katholiken in Gütersloh ihre Hauptversammlung gehalten und sich u. a. gerühmt hat, zahlreiche Traktate unter die Katholiken verteilt zu haben und zwei abgefallene katholische Kleriker zu Pionieren der Evangelisationsarbeit, d. h. des Seelenfangs unter den Katholiken, auf ihre Kosten ausbilden zu lassen. Sehen Sie, Herr Prediger, wenn Sie mal wieder gegen die friedensgefährliche Propaganda reden wollen, so finden Sie den dankbarsten Stoff im eigenen Hause. Wir Katholiken in und um Berlin sind nicht in Gefahr, von diesem Hafer gestochen zu werden. Denn wir vermögen ja bei aller Kraftanstrengung noch nicht einmal unseren Besitzstand zu behaupten. Sie selber bezeugen in Ihrer Hamburger Rede:„Dennoch hat die katholische Kirche(in und um Berlin) nicht geringe Verluste zu beklagen, weil die Eingewanderten in der neuen Umgebung, besonders in Mischehen, leicht ihren Glauben aufge ben. So werden seit 1885 in 77 Prozent der Mischehen Ber lins die Kinder evangelisch erzogen.“ Leider ist das richtig, Herr Prediger, und Sie hätten noch hinzufügen können, daß Ihre eigene kirchliche Statistik bedeutend mehr Uebertritte vom Katholizismus zum Protestantismus als umgekehrt nachweist. Also auf welcher Seite ist die Propaganda? Nehmen Sie es mir nicht übel, wenn ich unwillkürlich an den Dieb denke, der mit Stentorstimme ruft: Haltet den Dieb!
Besonders unangenehm berührt es mein soziales und christ
Geschäftsstelle hauptstraße 20. Fernsprech=Anschluß Nr.
31. Jahrgang.
liches Gefühl, daß Sie sogar die katholische Liebestätigkeit hier zu Lande der hinterlistigen Maßlosigkeit bezichtigen wollen. Was die Berliner Katholiken doch für schlechte Menschen sind! Sie haben ein St. Hedwig=Krankenhaus gegründet und wagen es, darin alljährlich 3500 evangelische Kranke zu verpflegen neben nur 2200 katholischen Kranken! Ja, offenbar treiben sie die Arglist so weit, daß sie die evangelischen Kranken sehr gut verpflegen, denn sonst würde nicht Jahr für Jahr die protestantische Mehrheit sich wieder einfinden. Warum weisen sie die andersgläubigen Kranken nicht von der Schwelle ab?—. Nun, wenn sie das täten, so hätte doch die nächste Generalversammlung des Evangelischen Bundes mal einen wirklich dankbaren Stoff zu einer Kampfrede über ultramontane Engherzigkeit, Abschließung, Intoleranz und Lieblosigkeit. Wie die Katholiken es auch machen, so oder so, es ist immer falsch! Uebrigens, Herx Prediger, kann ich Ihnen nur raten, Ausfälle gegen das St. Hedwigskrankenhaus immer außerhalb Berlins vorzubringen, nicht in einer Berliner Volksversammlung. Denn da könnte es Ihnen passieren, daß gegen die Verdächtigung der„Propaganda“ gleich ein paar Dußend protestantische Zuhörer aufständen und aus eigener Erfahrung erklärten, das sei nicht wahr, sie seien in ihrem Glauben nicht im Mindesten belästigt worden, auf die tüchtigen Aerzte und die guten Schwestern ließen sie nichts kommen, usw. Solche Ansichten kann man im persönlichen Verkehr mit Berliner Protestanten alle Tage hören. Deshalb werden die Leute aber längst nicht katholisch; die Furcht ist unbegründet. Sie werden nur klüger und toleranter, indem sie aus der Erfahrung folgern: die Katholiken sind doch nicht so, wie unsere Hetzprediger sie uns schildern!
Sie werfen uns vor, daß wir auf Absperrung ausgingen. Es scheint mir, daß hier der Evangelische Bund auf Absperrung der evangelischen Kranken von den katholischen Pflegern hinarbeitet. Sollte er das erreichen, so würden wir das prinzipiell bedauern, aber praktisch als Erleichterung empfinden. Denn dann wären die Plätze in den katholischen Krankenhäusern für die Katholiken frei, und die können sie wirklich gebrauchen. Für 250 000 Katholiken in Groß=Berlin reichen weder die katholischen Krankenhäuser noch die katholischen Kirchen aus.
Ich weiß nicht, Herr Prediger, ob sie in Rheinland und Westfalen bekannt sind. Wenn nicht, so sehen Sie sich doch gelegentlich in der protestantischen Diaspora mal um nach den zahlreichen neuen evangelischen Kirchen, den evangelischen Vereinshäusern, den vielen Veranstaltungen Ihrer„inneren Mission". Sie sorgen für die zuziehenden Protestanten. Nun gut, wir Katholilen sind doch auch sozusagen Menschen, und Sie werden gestatten müssen, daß wir zur Versorgung des katholischen Zuzuges in unserer Diaspora dasselbe tun, so weit unsere schwächeren Hilfsmittel es erlauben. Wenn Sie sehen, daß im Westen vorwiegend katholische Städte von protestantischen Bürgermeistern und einer protestantischen Stadtratsmehrheit regiert werden, so werden Sie es nicht ferner für schreckliche Propaganda halten können, wenn in Berliner Vororten gelegentlich ein paar Katholiken als Gemeindevertreter oder Schöffen in ungefährlicher Minderheit sich am kommunalen Leben beteiligen. Oder sollen uns die staatsbürgerlichen Ehrenrechte abgesprochen werden?
Nein, Herr Prediger, wir treiben in und um Berlin keine „ultramontane Propaganda", sondern vielmehr katholischen Notbehels. In der Hoffnung, daß Sie durch Ihre Hamburger Rede das Mitleid der deutschen Katholiken mit ihren notleidenden Glaubensgenossen in Groß=Berlin von neuem angefacht haben, empfiehlt sich Ihnen und dem ganzen Evangelischen Bunde in aufrichtiger Dankbarkeit
Fritz Nienkemper.
Roman von Emmy v. Borgstede.
811(Nachdruck verboten.)
Irene Mainau stieß einen zitternden Seufzer aus. Sie löste sich aus ihrer Erstarrung, sie erfaßte mit ihren beiden Händen nun doch seine Rechte und sagte mit allem Zauber ihrer weichen Stimme:
„Nein, nein, es kann nicht alles ein Traum gewesen sein! Sie müssen mich geliebt haben! Sie müssen mir glauben! Ich bin nicht mit Martin verlobt!“
Wie nahe sie ihm war! Wie ihre sammetweiche Wange so farblos wurde! Wie ihre herrlichen Augen bittend, trauernd an den seinen hingen! Aber der Reiz ihres Wesens batte ihn ja von Anfang an hingerissen und bezaubert. Dieses. Gemisch von Stolz und Weichheit war es ja gerade, was sie für ihn so begehrenswert machte! Schroff befreite er seine Hand, die rasende Eifersucht machte ihn blind und grausam.
„Verlobungen lasten sich ja schlietlich wieder lösen, wenn— nun, wenn eine bessere Versorgung in Aussicht stebt!“
Irene Mainau wich vor dem Mann, den sie mit aller Kraft ihrer reinen, starken Seele liebte, zurück, wie vor etwas Furchtbarem! Ein Schwindel befiel sie! Das also#achte er von ihr! Sie, die nur ihn, sein Selbst, sein ganzes Wesen geliebt hatte, ohne Nebengedanken, ohne Berechnung, beschuldigte er einer so niedrigen Gesinnung. Das traf sie mitten ins Herz. Nein, er liebte sie nicht! Sie war ihm nichts weiter als ein Spielball müßiger Stunden, sonst müßte er ihr glauben. Nichts als die Laune des großen Herrn führte ihn zu ihr. Großer, Gott! Und sie, sie hutte ihm ihr beiligstes Empfinden, die ganzen Tiefen ihres Herzens in unbedingtem Vertrauen enthüllt und preisgegeben.
„Allerdings, Verlobungen lassen sich wieder lösen!“— ihre Livpen suckten in bitterem Web—„und gebeuchelte Gefüble verweht der Wind.“
„ I r e n e<space>
Die beiden, die fast beim ersten Sehen der Sturm der Leidenschaft zueinander geführt hatte, standen sich nun von Zorn und gekränktem Stolz
verblendet, fremd und kalt gegenüber. Eine Lohe war bei des Weibes Woxten dem Manne ins Gesicht geschlagen. Die tiefe Kränkung, die in ihren Worten lag, entzündete eine Flamme in seinen Augen. Wehe dem Mann, der ihm das zu sagen gewagt hätte! Und wie sie vor ihm stand. Schöner fast noch in ihrem Zorn, als in ihrer Liebe. Er vergaß ganz, daß er zuerst an ihr gezweifelt, ihr zuerst Treulosigkeit vorgeworfen hatte. Er fühlte nur das Beschämende ihrer harten Entgegnung. Vortretend legte er fast automatenhaft Brief und Löschblatt auf Andreas Schreibtisch.
„Wenn Sie ein so hohes Vertrauen in meinen Charakter setzen“, — seine Worte klangen unheimlich ruhig—„bleibt mir nur noch übrig, mich Ihnen gehorsamst zu empfehlen, Fräulein Mainau.“
Das zitternde Weib krampfte die Hände zusammen, die Nägel drangen ihr ins Fleisch. Mit übermenschlicher Kraft erstickte sie den Verzweiflungsschrei, der auf ihren blutleeren Lipven schwebte. Sie sab seine hohe Gestalt sich höflich verneigen, das blonde— ach, so geliebte Haupt sich abwenden, hörte die Thür sich leise schließen— obne einen Seufzer, einen Laut brach Irene Mainau, wie vom Blitz, vernichtet, zusammen. Die zurückkehrende Andrea fand die Freundin zu Boden gesunken, ohne Leben! Es mußte etwas Furchtbares gescheben sein,
was eine Natur wie Irene mit jähem Schlage fällte. Fräulein Brachmöller verschloß die Thür, damit kein Unberufener bereinzutreten vermochte, dann kehrte sie zu dem vergötterten Mädchen, welches ihr eine zärtliche Schwester geworden war, zurück.
„Irene, meine arme, geliebte Irene!“— Sie drückte das bleiche Haüpt an ihre Brust—„O Gott, was ist Dir gescheben! Wer konnte wagen. Dich zu kränken, Dich. Du Gute, Aufopfernde.“
Endlich vermochte Irene sich aufzurichten. Sie ließ sich willig stützen und von Andrea umschlingen. Sie börte kaum, was die Freundin sprach. Nur eins wußte und empfand sie: ihr Glück, ihr Leben, ihre Hoffnung war mit Wolf verloren!
„Schwesterberz. Du ängstigst mich! Habe Vertrauen zn mir, sprich Dich aus! Du weißt, daß nie ein Wort über meine Lippen kommen wird!“
Schwer sank Irenes Haupt an Andreas Schulter; aber sie schwieg.
„Meine arme Irene, nicht wahr, Du weißt, daß Du Dich in allen Dingen auf mich verlassen kannst.“
„Ja, das weiß ich“, es klang ganz leise, und plötzlich schrie das sonst so starke, beherrschte Mädchen laut auf:
„Gott, Gott. an den ich so fest glaubte, warum hast Du mir das getban?“
Da fragte Andrea nicht mehr. Sie hielt die bebende Gestalt wortlos in den Armen. Es ging ihr eine Abnung auf von dem herben Web, welches über Irene hereingebrochen war. Endlich richtete sich diese emvor.
„Andrea, willst Du mich begleiten? Verzeih, ich kann heute keinen der Deinen sehen und das Alleinsein— ich fürchte mich davor.“— Wolf Lindberg war mit festen, schnellen Schritten in Amandas Gemächer hinübergegangen. Auf seinem bleichen, unbeweglichen Gesicht war nichts von seinen Gefüblen zu lesen. Ruhig plauderte er eine Weile von allem möglichen, dann sagte er, sich erhebend:
„Eigentlich bin ich gekommen, mich Dir zu empfehlen, Amanda. Ich reise morgen ab!“
„So plötzlich, Wolf“,— mühsam verbarg die blonde Frau ihre unangenehme Ueberraschung—„das bedaure ich. Unser Familienkreis war ein so gemütlicher, netter, daß—“
„Liebe Schwägerin, Du darfst die Hoffnung nicht so schnell aufgeben, einen Wilden zu zähmen und zu sanfteren Sitten zu gewöhnen. Bedenke, ich führte jabrelang ein Nomadenleben, da wird die alte Reiselust zuweilen übermächtig in mir.“
„Und wohin wirst Du geben?“
„Vorläufig nach Frankfurt am Main, mehr weiß ich noch nicht.“ „Und wann sehen wir Dich wieder?"
„Das alles liegt noch im Dunkel der Zukuuft. Schicke bitte Axel morgen früh zu mir. Vor zwölf werde ich nicht abfahren. Von Frankfurt depeschiere ich dann. wo Eure Zuschriften mich erreichen.“
„Jedenfalls ein summarisches Verfahren. So wird uns also nichts anderes übrig bleiben, als Dir eine glückliche Reise zu wünschen.“ „Onkel Wolf, Du willst abreisen!“— Reine ließ ihren Verlobten los und fiel dem älteren Grafen um den Hals—„ach, bleibe doch! Oder nimm mich mit!"
(Fortsetzung folgt.)